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Full text of "Zeitschrift Für Physikalische Und Diätetische Therapie 21.1917"

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ZEITSCHRIFT 

FÜR 

PHYSIKALISCHE und DIÄTETISCHE 

THERAPIE 

(Begründet von E. von Leyden und A. Goldscheider.) 


Mitarbeiter: 

C. A. BIER (Berlin), A. BUM (Wien), B. BUXBAUM (Wien), A. CZERNY (Berlin), H. EICHHORST 
(Zürich), M. EINHORN (New York), W. H. ERB (Heidelberg), P. FRANKENHÄUSER (Berlin-Steglitz), 
K. FRANZ (Berlin), P. W. FÜRBRINQER (Berlin), J. GAD (Königstein i. T.), J. GLAX (Abbazia), 

J. 0. L. HF.UBNER (Losehwitz), W. HIS (Berlin), F. A. HOFFMANN (Leipzig), R. v. JAKSCH (Prag), 
M. IMMELMANN (Berlin), G. KLEMPERER (Berlin), F. KRAUS (Berlin), A. LAQUEUR (Berlin), 
P. LAZARUS (Berlin), M. LEVY-DORN (Berlin), L. MANN (Breslau), J. MARCUSE (Ebenhansen), 
F. MARTIUS (Rostock), M. MATTHES (Königsberg i.Pr.), F. MORITZ (Köln), FR. v. MÜLLER (München), 

K. r. NOORDEN (Frankfurt a. M.), P. K. PEL (Amsterdam), H. PRIBRAM (Prag), H. J. QUINCKE 
(Frankfurt a. M.), TH. ROSENHEIM (Berlin), M. RUBNER (Berlin), H. SAHLI (Bern), AD. SCHMIDT 
(Halle a. S.), J. SCHREIBER (Königsberg i. Pr.), H. STRAUSS (Berlin), AD. v. STRÜMPELL (Leipzig), 

E. ZANDER (Stockholm), N. ZUNTZ (Berlin). 

Herausgeber: 

A. GOLDSCHEIDER. L. BRIEGER. A. STRASSER. 

Redaktion: 

Dr. W. ALEXANDER, Berlin W., Friedrich-Wilhelmstraße 18. 


Einundzwanzigster Band. 


Mit 41! Abbildungen. 


LEIPZIG 1917 

Verlag von GEORG THIEME, Antonstr. 15. 


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Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 




Preis dos .Jahrgangs M. 12,—. 

Manuskripte/ Referate und Sonderabdrücko werden an Herrn l)r. A. Laqueur, Berlin N. 20, 
Tliomasiusstr. 14, portofrei erbeten. 

Die Herren Mitarbeiter werden 'gebeten, die gewünschte Anzahl von Sonderabfeügen ihrer 
Arbeiten auf der Korrektur zu vermerken; 40 Sonderabzüge werden den Verfassern von Original- 
Arbeiten unentgeltlich geliefert. 

Die zu den Arbeiten gehörigen Abbildungen müssen auf besonderen Blättern (nicht in das 
Manuskript eingezeichnet) und in reproduktionsfähiger Ausführung eingesandt werden. 


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UNIVERSITY OF MICHIGAN 


Verzeichnis der Originalarbeiten 


4 


Seite 


Diathermie im Pendelapparat zur Mobilisation versteifter Gelenke und Weichteile, Diathermie 
und Überdruckatmung in der pneumatischen Kammer zur Mobilisation pleuritischer 

Verklebungen und Verwachsungen. Von Dr. H. Adam. 

Über Arbeitsbehandlung, ihre Indikationen und ihre Anwendung ira Heilverfahren der Landes¬ 
versicherungsanstalten. Von Sanitätsrat Dr. Bartels.102, 

Über die Ameisensäure als Bestandteil von Nahrungsmitteln. Von Prof. Dr. A. Bickel 
Zur Geschichte der physikalischen Heilmethoden. Materialien aus chemischen Quellen¬ 
schriften. Aus der hydrotherapeutischen Anstalt der Universität Berlin. Von Dr. 

Walter Brieger. 309, 

Ansnfltzungsversuche mit dem Finklerschen Finalbrot Von Priv.-Doz. Dr. A. v. Decastello 

Genesung und Heilung. Von Wilhelm Ebstein.47, 

Die Pflege der Verdauung. Von Dr. Max Einhorn. 

Zur Übungsbehandlung der tabiscben Ataxie. Von San.-Rat Dr. R. Friedlaender . . . 

Noch einmal die refrigeratorische Myalgie. Von A. Goldscheider. 

Zur Beurteilung und Verwendung magenleidender Heeresangehöriger. Von Geh. Med.-Rat 

Prof. Dr. Goldscheider.. 

Erfahrungen über Feld-Nephritis und ihre Behandlung. Von Generalarzt Geh. Med.-Rat 
Prof. Dr. Goldscheider 

Emil v. Behring f. Von Geh. Med.-Rat Prof. Dr. Golds|cheider. 

Über den Einfluß natürlicher CO a -Bäder auf den Blutzuckerspiegel. Aus dem Sanatorium 

Groedel, Bad Nauheim. Von Dr. Groedel und Dr. Robert Mez. 

Über den Einfluß der Wildbader Thermalbadekur auf die Änderung des Blutbildes. Von 

Dr. Grunow. 166, 209, 

Zur Behandlung der akuten Nierenentzündung mit besonderer Berücksichtigung der Feld- 

Nephritis. Von Dr. Hans Guggenheimer. 340, 

Technische Erfahrungen über Anwendung der Diathermie bei Kriegserkrankungen. Von 

Ingenieur Hans Richard Hohlweg. 

über den derzeitigen Stand der ultravioletten Strahlentherapie. Von Dr. med. C. Kabisch 

Röntgenologie und Krieg. Von Dr. L. Katz . 

Das Kriegslazarett als Rheumatikerbad. Vom Stabsarzt d. R. Dr. Lange . 

Die „Fieberbehandlung“ der Gonorrhoe beim Kinde. Von Dr. Annie M. Risselada. . . 
über die militärische Verwendung verdanungschwacher Heeresangehöriger auf der Grund¬ 
lage des Differenzierungsprinzips. Von Dr. Ludwig Roemheld . 

Wildungen, eines unserer ältesten Bäder. Von Prof. Dr. E. Roth . 

Medizinische Verwendung des Erdöls und seiner Verwandten. Von Prof. Dr. E. Roth . . 

Über einige bei Neurosen yorkommende, Simulätion und Übertreibung ausschließende 

Symptome. Von San.-Rat Dr. J. Ruhe mann .. . . . 

Hygienische Unterkleidung. Von Dr. Franz Schacht. . . . 


225 

135 

257 


345 

73 

80 

43 

33 

1 

289 

321 

129 

161 

244 

355 

269 

307 

234 

4 

65 


193 

17 

370 

264 

108 


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IV 


Verzeichnis der Original&rbeiten. - J 

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Die physiologischen Lehren der jetzigen Volksernährung. Von Dr. Franz Schacht 296 

Das Licht als Heilmittel. Von San.-Rat Dr. Fritz Schanz.131 

Bericht über die Einrichtungen für manuelle Mediko-Mechanik (manuelle Krankengymnastik) 

im Königreich Sachsen. Von Dr. med. Willem Smitt.68 

Wilhelm Wiriternitz f. Von A. Strass er.97 

Ameisensäure als Konservierungsmittel. Von Prof. Dr. H. Strauß.353 

Quarzsonne als Antipyretikum. Von Dr. Thedering.204 


Öffentliche Versammlung der ärztlichen Gesellschaft für Meehanotherapie. Oberhof i. Thr. 

28.-29. Dezember 1916.115 

9. Jahresversammlung der Gesellschaft deutscher Nervenärzte in Bonn a. Rh., 28.-29. No¬ 
vember 1917.372 


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UMIVERS1TY OF MICHIGAN. 









Sachregister 


Abdämpfung von Geräuschen in mediko- 
mechanischen Instituten 116. 

Abdomen, Galvanopalpation des 59. 

Abhärtung im Kindesalter 26. 

Abwässerdesinfektion mit Chlor 159. 

Abwehrfermente und Antikörper, komplement¬ 
bindende, im Serum von Basedowkranken, 
vergleichende Untersuchungen 59. 

Addisonsche Krankheit, plötzliche Todesfälle 
bei ders. 256. 

Adrenalinchlorid-Einspritzungen, intraspinale, 
bei 77 Fällen von Poliomyelitis acuta 60. 

Adrenalsystem, plötzliche Todesfälle bei In¬ 
suffizienz dess. 256. 

Akromegalie und Hypophyse (endokrine Drüsen) 
190. 

Aktinotherapie, gynäkologische 122. 

Albuminurie nach Bestrahlung mit künstlicher 
Höhensonne 820, — orthostatische (lordo- 
tiscbe) bei Soldaten 185, — des Stehens 185. 

Ameisensäure als Bestandteil von Nahrungs¬ 
mitteln 257, — als Konservierungsmittel 858. 

Amputation, einseitige, skoliotische Haltung 
nach ders. 90. 

Amputationsstümpfe und Prothesenbau mo¬ 
derner Richtung 116. 

Anämien, sekundäre, Blutinjektionsbehandlung 
93. 

Anaphylaktischer Anfall, Behandlung 189. 

Anfälle, epileptische, Auslösung ders. durch 
Faradisation 352. 

Anilinfarbstoffe in der Therapie 31. 

Antikörper und Abwehrfermente, komplement¬ 
bindende, im Serum von Basedowkranken, 
vergleichende Untersuchungen 59. 

Antitoxische Sera, hochwertige, Nachteile der 
Anwendung ders. 256. 

Aorta, Herz und, Klinisch-Radiologisches 24. 

Appendizitis, Fleischüberernährung und 317. 

Arbeitsbehandlung, Indikationen und Anwen¬ 
dung im Heilverfahren der Landesversiche- 
rungsanstalten 102, 185. 


Arbeitskurve, plethysmographische, und Herz¬ 
funktion 157. 

Argentum nitricum, Wundbehandlung mit 152. 

Arteriosklerose, Kondensatorströme bei 154, 
— Schilddrüse, Jod 93. 

Arthritismus des Klimakteriums und seine Be¬ 
handlung 160. 

Ärztliche Gesellschaft für Mechanotherapie, 
Versammlung in Oberhof, Thüringen 115. 

Assimilation (Legahn) 31. 

Asthma und seine Behandlung 61. 

Ataxie, tabische, Übungsbehandlung 88. 

Atmungsgymnastik, neue Methode, zur Nach¬ 
behandlung des Kriegshämothorax 23. 

* Augen sch utz“, Frau CI. Herrmann* Gossens 288. 

Bäder, langdauernde, bei Zellgewebsentzündung 
278. 

Balneologie, medizinische Klimatologie und Bal- 
neographie, Handbuch (Dietrich-Kaminer) 89. 

Balneologisch-klimatische Kuren beim Kinde 
381. 

Balneotherapie der Nierenerkrankungen 183. 

Bandage für Serratuslähmung 90. 

Bantische Krankheit, Rückwirkung der Milz¬ 
exstirpation und -bestrahlung auf das weiße 
Blutbild ders. 281. 

Basedowoide Erscheinungen, Wildbader Ther- 
malwasser-Trinkkur bei dens. 253, — Wil- 
dunger Thermaltrinkkur bei dens. 317. 

Basedowsche Krankheit, vergleichende Unter¬ 
suchungen über die bei ihr im Serum auf¬ 
tretenden komplementbindenden Antikörper 
und Abwehrfermente 59. 

Behring, Emil v„ Nachruf 129. 

Bestrahlungsversuche, Blutagarplatten und 56. 

Bewegungsstörungen, psychogene, bei Soldaten, 
Beseitigung in einer Sitzung 30, — Kauf- 
mannsche Behandlung 155. 

Binden, Herstellung von Zugverbänden aus 279. 

Blaseninkontinenz bei Soldaten 23. 

Blatternschutzimpfung, Paravakzine und 183. 

Blockherz, Beeinflussung durch Arzneien 95. 


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VI 


Sachregister. 


Blut, Thorium-X-Resistenz der einzelnen Leuko¬ 
zytenarten ders. 280, — der Tuberkulösen, 
Pneumothorax, künstlicher, und 153. 

Blutagarplatten bei Bestrablungsversuchen 56. 

Blutbild, Wildbader Thermalbadekur und 166, 
209, 244, — weißes, bei M. Banti, Rück¬ 
wirkung der Milzbestrahlung nnd -exstir- 
pation auf dass. 281. 

Blutdruckerhöhung, Radium und 221. 

Blutdruckmessung bei Herzstörungen von Kriegs¬ 
teilnehmern 28. 

Bluteiweiß in der Volksernährung 276. 

Blutinjektionsbehandlung sekundärer Anämien 
93. 

Blutkohle, Tier-, bei Durchfällen 253. 

Blutmenge, Gesamt-, der lebenden Menschen, 
Bestimmung ders. 286. 

Blutuntersuchungen bei Nierenkranken 28. 

Blutveränderungen nach Mesothoriumbestrah¬ 
lungen 124, — bei Tiefenbestrahlung ma¬ 
ligner Tumoren 123. 

Blutzucker, Herzmuskelstörungen und 376. 

Blutzuckerspiegel, Kohlensäurebäder, natür¬ 
liche, und 161. 

Bocche, Die, als heliotherapeutiaches Kurgebiet 
25. 

Brot, Finklersches Final-, Ausnützungsversuche 
73. 

Brustkrebs, Röntgenbehandlung 123, — Strahlen¬ 
behandlung in einer Sitzung, Festlegung 
der Karzinomdosis 56. 

Brustschtisse, Folgen der 382. 

Bulbärparalyse, myasthenische Ätiologie 60. 

Chemie, physiologische (Legahn) 31, — Wand¬ 
lung in den Grundanschauungen 31. 

Chinininjektionen, intravenöse, bei Malaria 127. 

Chirurgische Tuberkulose, Strahlenbehandlung 
122,-Theoretisches über Lichtbehand¬ 
lung ders. 280,-Tuberkulinbehandlung 

126. 

Chlordesinfektion von Wasser und Abwässern 
159. 

Cholera und Behandlungserfolge im Feldlazarett 
31. 

Dakinlösung, verdünnte, in Kombination mit 
Heißbädern bei Gonorrhoe 318. 

Dampfstrahl, gesättigter (übersättigter) in der 
Wundbehandlung 380. 

Darm, Röntgenuntersuchung dess. durch eine 
neue Kontrastmischung 280. 

Darmkrankheiten, Immunitätsprinzip im Dienste 
der Behandlung von infektiösen 218, — ruhr- 
ähnliche, Behandlung 183. 

Diabetes insipidus, Hypophysenpräparate bei 
352. 


Diabetes mellitus, Ernährungsweise und Ruhe¬ 
nüchternumsatz bei Gesunden und bei 218, 
-Phosphatumsatz bei 183,-Trocken¬ 
kartoffeltage und 218. 

Diabetische Leber, Milch- und Essigsäurebildung 
in ders. 287. 

Diagnostische Winke für die ärztliche.Praxis 
61. 

Diaphragmatica, Eventratio 25. 

Diät und Küche, Vorlesungen (Schlesinger) 149. 

Diathermie in der Gynäkologie 280, — im 
Kriege 222, — bei Kriegserkrankungen, 

technische Erfahrungen 269, — im Pendel¬ 
apparat zur Mobilisation versteifter Gelenke 
und Weichteile 225, — Überdruckatmung 
und, in der pneumatischen Kammer zur Mo¬ 
bilisation pleuritischer Verklebungen und 
Verwachsungen 225. 

Diurese, Hypophyse und 92, — durch Mineral¬ 
wässer 119. 

Dresden, Tätigkeit des chemischen Unter¬ 
suchungsamts im Jahre 1915 20. 

Druckdifferenzverfahren in der Kriegschirurgie 
153, 279. 

Drüsen, endokrine, Akromegalie und 190. 

Drüsenphysiologie 284. 

Drüsentuberkulose, nichtchirurgische Behand¬ 
lung der 222. 

Dunkelzimmer, Hyfeteriebehandlung im 351. 

Duodenaistenose, erworbene, röntgenologische 
Darstellung ders. mittels Duodenalsonde 57. 

Durchfälle, Säuglings-, infolge parenteraler In¬ 
fektion 252, — Tierblutkohle und 253. 

Durchkältung (Durchnässung), pseudospaatische 
Parese mit Tremor nach 23. 

Dyspepsie, nervöse, Pylorustenose und Magen¬ 
chemismus 118. 

Ehe, Krankheiten und, v. Noorden-Kaminer 26. 

Eigenserum bei Malaria tropica 224. 

Einfallwinkel der Röntgenstrahlen und seine 
Bedeutung 186. 

Eiweiß, Blut- und Magermilch-, in der Volks¬ 
ernährung 276. 

Elektrizität, Stoffwechsel und 254. 

Elektrode, Untersuchungs- und Behandlungs- 
220 . 

Elektrodiagnostik und -therapie (T. Cohn) 24. 

Elektrogymnastik bei peripheren Lähmungen 
351. 

Elektrokardiogramm, Zandergymnastik und 115. 

Endokrine Drüsen, Akromegalie und 190. 

Enuresis nocturna bei Soldaten 23. 

Entspannungspneumothorax auf Grund sympto¬ 
matischer Indikation 152. 

Eosinophilie bei Nephritis 28. 


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Sachregister. 


VII 


Epilepsie, Jacksonsche, Röntgenbefund 155. 

Epileptische Anfälle, Auslösung ders. durch 
Faradisation 352. 

Erbrechen, bedrohliches, Behandlung 95, — im 
frühen Kindesalter, Bedeutung und Behand¬ 
lung 21. 

Erdöl und seine Verwandten, medizinische 
Verwendung 870. 

Erfrierung, pseudospastische Parese mit Tremor 
nach 23, — Röntgenbehandlung bei 384. 

Erkältung 152. 

Ernährung, falsche, — grünes Gemüse 277, 
— Kartoffelernten und Sicherstellung un¬ 
serer 380, — Kranken-, im Kriege und deren 
Grundlagen 217, — im Kriege 277, — Kriegs¬ 
mäßige, und heranwaschsende Jugend 54,379, 
— Ruhenüchternumsatz und, bei Gesunden 
und Diabetikern 218, — Schweine als Kon¬ 
kurrenten der menschlichen 219, — System 
der 252, 377, — Unsere (Junge) 379. 

Ernährungsstörungen, neuropathische Konsti¬ 
tution und 252. 

Ersatzmittelschwinde] 380. 

Erysipel,. Quarzlampenbestrahlung 92, — Rot¬ 
lichtbestrahlung bei 188. 

Essigsäurebildung in der diabetischen Leber 287. 

Euthanasie 190. 

Eventratio diaphr&gmatica 25. 

Extensionsbandage bei Knochenbrüchen 186 

Extensionsbehandlung von Oberarmbrüchen, 
Apparat für ambulante 254/ 

Faradisation, Auslösung epileptischer Anfälle 
durch 352. 

Feldnephritis, Erfahrungen und Behandlung 
821, 840, 855. 

Fette, Öle und, Wissenschaftliches und Wirt¬ 
schaftliches 118. 

Fibrinogen, Bildungsstätte dess, 160. 

Fibrolysintherapie 93. 

Fieberbehandlung der Gonorrhoe beim Kinde 55, 
05, — der Vulvovaginitis gonorrhorica bei 
kleinen Mädchen 119, 253. 

Finalbrot, Finklersches, Ausnützungsversuche 
78. 

Fingergelenke, Hand- und, Mobilisierung bei 
Versteifung der 116. 

Finklersches Finalbrot 78. 

Fixationsprothesen, plastische und elastische, 
in der Badiumtherapie 384. 

Fleckfieber, Serodiagnostik 60. 

Fleisch, Gerste statt 219. 

Fleischgemüsekonserven 88. 

Fleischüberernährung, Appendizitis und 317. 

Frakturen, s. Knochenbrüche. 

Frankreich, Krieg und Tuberkulose in 64. 


Frauenmilch bei Erkrankungen jenseits des 
Säuglingsalters 183. 

Freiluftbehandlung, offene Wundbehandlung 
und 54. 

Fürstner-Nonnescher Tremor und pseudo¬ 
spastische Parese nach Durchnässung, Er¬ 
frierung, Durchkältung 28. 

Funktionelle Leiden, psychogene und moto¬ 
rische Heilung ders. 191. 

Furunkulose, Leukogen bei 93, — Staphylo¬ 
kokkenvakzine, polyvalente, bei 189. 

Gallensteine, menschliche 32. 

Galvanopalpation des Abdomen 59. 

Gasfreie Röhren in der Röntgenpraxis 186. 

Gastrohydrorrhoe 218. 

Gasvergiftungen 119. 

Geburtenrückgang, Kurpfuscherei und 157. 

Gefäßatonie, hypertonische Salzlösung bei 
127. 

Geisteskrankheiten des Kindesalters (Ziehen) 
256. 

Gelenke, Darstellung der, durch Röntgenstrahlen 
56, — versteifte, Mobilisation ders. durch 
Diathermie im Pendelapparat 225. 

Gelenkrheumatismus, Abortivbehandlung 224. 

Gemüse, grünes, und Ernährung 277, — Nah¬ 
rungs- und Gesundheitswert 21. 

Genesung und Heilung 47, 80. 

Genickstarre, Therapie 278. 

Geräusche, Abdämpfung ders. in mediko-mecha- 
nischen Institutien 116. 

Gerste, statt Fleisch 219. 

Gesamtblutmenge des lebenden Menschen, Be¬ 
stimmung der 286. 

Geschlechtskrankheiten, Kampf gegen 224. 

Geschoßlokalisierung und Entfernung unter 
Röntgenlicht 188. 

Getreidekeimlinge als Volksnahrungsmittel 
und Nährpräparat 151. 

Gicht, Differentialdiagnose 64. 

Gonokokkendiagnostik, Kutireaktion und 61. 

Gonokokkenprovokation durch intravenöse 
Einspritzung von Vakzinen 284. 

Gonorrhoe, Fieberbehandlung beim Kinde 55. 
65, — Kombinationsbehandlung mit Hei߬ 
bädern und verdünnter Dakinlösung 318, 
— Wärmebehandlung ders. und ihrer Neben¬ 
erkrankungen 220. 

Gonorrhoische Vulgovaginitis kleiner Mädchen, 
Fieberbehandlung 253. 

Granatschock, Zitterneurosen nach, Behandlung 
154. 

Granat Verletzungen, offene Wundbehandlung 
bei 55. 

Gymnastik, manuelle Kranken- 382. 


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vm 


Sachregister. 


Gynäkologie, Diathermie in der 280, — Strahlen- 
Tiefenbehandlnng in der, Experimentelles 
und Kritisches 318. 

Gynäkologische Aktinotherapie 122,-Ent¬ 

wicklung ders. 187. 

Haltung, skoliotische, bei einseitig Amputierten 
90. 

Hämatothorax, Punktion und Wiederinftwion 
bei frischem 120. 

Hämaturie nach Tetanusseruminjektionen 189. 

Hämoglobinurie, Marsch- 120. 

Hämophilie, Mineralstoffwechsel und 184. 

Hämoptoö, Kalktherapie der 54. 

Handgelenke, Finger- und, Mobilisierung bei 
Versteifung ders. 116. 

Harn, Porphyrin nach Trionalvergiftung im 32. 

Harngewicht, spezifisches, Hypophyse und 92. 

Härteanalyse der Röntgenstrahlen und Wirkung 
verschiedener Titer 187. 

Hauterkrangen, artefizielle, bei Hysterie 376. 

Hautidiosynkrasie gegen Röntgenstrahfen 221. 

Hautkapillaren, Beobachtung der, und ihre 
klinische Bedeutung 285. 

Heeresdienst, Tuberkulose und 64. 

Heilen und Helfen (Dekker) 26. 

Heilmethoden, physikalische, zur Geschichte 
ders. — Materialien aus chemischen Quellen¬ 
schriften 809, 845, — phsykalische, für 

Kriegsbeschädigte, jetziger -Stand der 27. 

Heilserumtherapie, subdurale intrakanielle, 
bei Tetanus 189. 

Heilung, Genesung und 47, 80. 

Heißbäder in Verbindung mit verdünnter 
Dakinlösung bei Gonorrhoe 318. 

Heißluft, Wundbehandlung und 152. 

Heizkörper-Siederöhre, Müllersche 90. 

Heliotherapie in der Bocche 25, — Röntgen¬ 
strahlen als Adjuvans der 255. 

Herz und Aorta, Klinisch-Radiologiscbes 24. 

Herz, Block-, Beeinflussung durch Arzneien 95, 
— Kriegs- 29, — nervöses, Herzneuroae 
und 158, — schwaches, rationelle Ernährung 
dess. 88. 

Herzbeschädigungen bei rückkehrenden Front¬ 
soldaten 29. 

Herzfunktion, Beeinflussung der, plethysmogra¬ 
phische Arbeitskurven 157. 

Herzhypertrophie, Nierenkrankheiten und 160. 

Herzkrankheiten, Kondensatorströme bei 154. 

Herzmuskel, Ernährungsstörungen dess., ihre 
Beziehungen zum Blutzucker, Traubenzucker- 
Infusionsbehandlung 376. 

Herzneurosen der Kriegsteilnehmer 21, — ner¬ 
vöses Herz und 158. 

Herzstillstand, Wiederbelebung bei 192. 


Herzstörungen von Kriegsteilnehmern, Blut¬ 
druckmessung bei 28. 

Herztod, Minuten-, bei Insuffizienz des Adrenal- 
systems 256. 

Heterovakzinetherapie 223. 

Hitzschlag und Sonnenstich 183. 

Hochgebirge, Kreislaufsystem im 381. 

Höhensonne, künstliche, Albuminurie nach Be¬ 
strahlung 320, — bei Lupus 124, — Nach¬ 
behandlung Kriegsverletzter durch dies. 188, 
— als Lichtquelle für Mikrophotographie 320. 

Holzbadewanne, leicht transportable und zer¬ 
legbare 183. 

Hyperämie, offene Wundbehandlung und 253. 

Hypnotische Selbstbesinnung 376. 

Hypophyse, Akromegalie und 190, — Regu¬ 
lation der Diurese und des spezifischen 
Harngewichtes durch die 92. 

Hypophysenpräparate bei Diabetes insipidns 
352. 

Hypotonie, orthotische, und ihre therapeutische 
Beeinflussung 380. 

Hysterie, Hauterkrankungen, artefizielle, bei 
376, — Behandlung im Dunkelzimjner 351, 
— Kriegs-, Behandlung 124, — Kriegsdienst¬ 
beschädigung und 94, — monosymptoma¬ 
tische, bei Soldaten, Behandlung 154. 

Hysterische Schüttelerkrankung und Insuffici- 
entia vertebrae 279. 

Hysterischer Schütteltremor. Erfolge der Roth- 
mannsehen Narkosenmethode bei dems. 352. 

Immnuität, natürliche, und Wasserkur 151. 

Immunitätssprinzip im Dienste der Behandlung 
von infektiösen Darmerkrankungen 218. 

Impfstoffgewinnung im Felde 284. 

Improvisationen, orthopädische, für Kriegs 
verletzte 254. 

Incontinentia versicae bei Soldaten 23. 

Infektion, parenterale, und Säuglingsdurchfälle 
252. 

Infektionskrankheiten, akute, und Kindersterb¬ 
lichkeit, Schulorganisatorisches 30, — chro¬ 
nische, neuer Behandlungsweg 279. 

Innere Krankheiten, Dosierung bei radio¬ 
aktiver Behandlung ders. 221,-klini¬ 

sche Symptomatologie ders. (Ortner) 285, 

-Technik der wichtigsten Eingriffe bei 

Behandlung ders. (Stursberg) 184. 

Innere Sekretion und Menstruation 126. 

Insufficientia vertebrae und hysterischeSchttttel- 
erkrankung 279. 

Intensimeter, Strahlenbärtemessung mit dem 
187. 

Ionisation, bipolare, bei inoperablem Karzinom 59. 

Ischiasbehandlung 116. 


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Sachregister. 


IX 


Jacksonsche Epilepsie, Röntgenbefund 155. 

Jod, Schilddrüse, Arteriosklerose 93. 

Jontophorese der Schwermetalle 281. 

Jugend, heranwachsende, und kriegsmäßige 
Ernährung 54. 

Kalk, chemische Physiologie dess. bei Menseh 
und Tier 20. 

Kalktherapie der Hämoptoö 54. 

Kalziumchlorid und Disposition zu paroxysmaler 
Lähmung 224. 

Kammer, pneumatische, Diathermie und Über¬ 
druckatmung in ders. zur Mobilisation pleu- 
ritischer Verklebungen und Verwachsungen 
225. 

Kartoffel, Nabrungs- und Gesundheitswerte 21. 

Kartoffelernten, Zusammenstellung der Richt¬ 
linien zu ihrer Sicherstellung 380. 

Kartoffeltage, Trocken-, und Diabetes melitus 
218. 

Kartoffelwalzmehl, Verwendung für Säuglings¬ 
nahrung 54. 

Karzinomdosis bei Strahlenbehandlung, Fest¬ 
legung ders. 56. 

Karzinom, inoperables, bipolare Ionisation bei 
deine. 69, — kombinierte Strahlenbehand¬ 
lung bei 188. 

Kasein, intravenös verabreichtes, Schicksal 
dess. 32. 

Kaufmannsche Behandlung funktioneller moto¬ 
rischer Störungen 125, 155, — Resultate 
125, 376 -Neurosen-Heilung nach ders. 

222. I 

Keuchhusten, Verhütung und Behandlung 120. j 

Kieselsäure, Biochemie der 287. j 

Kinderheilkunde, Lehrbuch (Bendix) 190. 

Kindersterblichkeit an akuten Infektionskrank¬ 
heiten, Schulorganisatorisches 30. 

Kindesalter, Abhärtung im 26, — balneologisch- 
klimatische Kurven im 381, — Erbrechen 
im frühen, Bedeutung und Behandlung 21, 

— Fieberbehandlung der Gonorrhoe im 65, 

— Frauenmilchanwendung jenseits des 
Säuglingsalters 183, — Geisteskrankheiten 
im (Ziehen) 256, — Gonorrhoebehandlung 
im, mittels Fiebertherapie 55, — Tuberku- ! 
lose im 128, — Tuberkulose im, Erkrankung i 
und Heilung 96. 

Klima, Sonne und, im Kampfe gegen Tuber¬ 
kulose 221. I 

Klimabehandlung, Gebrauch und Mißbrauch j 
bei Tuberkulose 55. 

Klimakterium, Arthritismus dess. und seine 
Behandlung 160. 

Klimatologie, medizinische, Balneologie und Bal- 
neographie, Handbuch (Dietrich-Kaminer) 89. 


Klinische Symptomatologie innerer Krank¬ 
heiten (Ortner) 285. 

Knochenbrüche, Extensionsbandage für 186. 

Kohle, Tierblut-, bei DurchfäUen 253. 

Kohlenbogenlicht in der Wundbehandlung 125. 

Kohlensäurebäder, natürliche, und Blutzucker¬ 
spiegel 161. 

Kohlensäurehaltige natürliche Thermalsolbäder, 
Pulsverspätung in dens. 317. 

Kohlen säure wasser, künstliches, zur Geschichte 
dess. 309. 

Komplementbindende Antikörper und Abwehr¬ 
fermente im Serum von Basedowkranken, 
vergleichende Untersuchungen 59. 

Kondensatorströme bei Arteriosklerose und 
Herzkrankheiten 154. 

Kongreßberichte, Vereins- und, 4. Jahres¬ 
versammlung der Gesellschaft deutscher 
Nervenärzte in Bonn, November 1917 372. 

Kongreß für innere Medizin, 32. Deutscher 32. 

Konstitution, neuropathische, und Ernährungs¬ 
störungen 252, — Tuberkulose und 159. 

Kontrakturenbehandlung 89, 383. 

Kontrastmischung, neue, für Röntgenunter¬ 
suchung des Magens und Darmes 280. 

Körperhöhlen, orthodiagraphische Volumbe¬ 
stimmung von 90. 

Körperpflege durch Waaseran wendung 22. 

Krankenernährung im Kriege und deren Grund¬ 
lagen 217. 

Krankengymnastik, manuelle 382. 

Krankheiten und Ehe (v. Noorden-Kaminer) 26, 
— innere, Technik der wichtigsten Ein¬ 
griffe bei Behandlung ders. (Stursberg) 184. 

Krebs, Brust-, Röntgenbehandlung 123. 

Krebsbehandlung mittels Röntgenstrahl en, 
neueste Probleme 122. 

Kreislaufsystem im Hochgebirge 381. 

Kreuzbeinaufnahme, seitliche, mit Röntgen¬ 
strahlen 188. 

Krieg, Diathermie und 222, — Ernährung und 
277, — heranwachsende Jugend und kriegs¬ 
mäßige Ernährung 54, 379, — Herzbeschä¬ 
digungen bei rückkehrenden Frontsoldaten 
29, — Krankenernährung im Kriege und 
deren Grundlagen 217, — Magen- und Herz¬ 
neurosen der Kriegsteilnehmer 21, — mo¬ 
torische Reizerscheinungen hei Kriegs¬ 
teilnehmern 63, — Nephritiden 94, 95» 

— Optischer Zentralapparat, durch Kriegs¬ 
verletzungen bedingte Veränderungen in 
dems. 375, — Paralysis progessiva und 63, 
— Röntgenologie und 234, — traumatische 
Neurosen bei Kriegsverletzungen 28, — Tu 
berkulose und, in Frankreich 64. 


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X 


Sachregister. 


Kriegsbeobachtungen, Kaufmannsche Methode 
155. 

Kriegsbeschädigte, physikalische Heilmethoden 
für, jetziger Stand ders. 27. 

Kriegschirurgie, Druckdifferenzverfahren in der 
153. 

Kriegsdienstbeschädigung und Hysterie 94. 

Kriegserkrankungen, Diathermie bei, technische 
Erfahrungen 269. 

Kriegshämothorax, neue Methode der Atmungs¬ 
gymnastik zur Nachbehandlung der 23. 

Kriegsherz 29. 

Kriegshysterie, Behandlung 124, — Erfolge 
der Rotbmannschen Narkosenmethode bei 
352. 

Kriegskost, Folgen der 277. 

Kriegslazarett als Rheumatikerbad 4. 

Kriegsmechanotherapie 152. 

Kriegsnephritis (s. a. Feldnephritis) 28, — Ätio¬ 
logie, Verlauf und Behandlung 63. 

Kriegsnervenschädigungen, Pathogenese und 
Therapie der 320. 

Kriegsneurosen, Behandlung, neue Methoden 
und Gesichtspunkte 62, — funktionelle, 
Versorgung ders. 158, — bei Offizieren 191. 

Kriegsteilnehmer, Blutdruckmessung bei Herz¬ 
störungen ders. 28. 

Kriegsverletzte, mechanische Nachbehandlung 
116, 383, — Nachbehandlung mit künst¬ 
licher Höhensonne 188, —■ orthopädische 
Improvisationen für 254, — Sonnenlicht¬ 
vollbad bei dens. 383. 

Kriegszitterer, Behandlung 351. 

Kropf, Quarzlampenbehandlung 188, — Wildun- 
ger Trinkkuren bei 317. 

Küche, Diät und, Vorlesungen (Schlesinger) 
149. 

Kunstfuß, nach physiologischen Grundsätzen 
gebauter 185. 

Kupfersalze bei Tuberkulose 96. 

Kurpfuscherei, Geburtenrückgang und 157. 

Lähmungen, paroxysmale, Disposition zu dens. 
und ihre Beeinflussung durch Kalziumchlo¬ 
rid 224, — periphere, Elektrogymnastik bei 
dens. 351, — — auf Grund von Kriegs¬ 
beobachtungen 372. 

Landesversicherungsanstalten, Arbeitsbehand¬ 
lung im Heilverfahren der 102, 185. 

Larynxtuberkulose, Schwangerschaftsunter¬ 
brechung bei 352. 

Leber, diabetische, Milch- und Essigsäure- 
bildung in ders. 287. 

Leibesübungen in Lazaretten, Genesungsheimen 
und Genesendenkompagnien, Vorschriften 
für dies. 219. 


Leukozytenarten des Blutes, Thorium X-Resi- 
stenz ders. 280. 

Leukogen bei Furunkulose 93. 

Leuko-Myelotoxikose, splenogene 280. 

Licht als Heilmittel 131, — rotes, in der 
Strahlentherapie 57. 

Lichtbad 320. 

Lichtbehandlung chirurgischer Tuberkulosen, 
Theoretisches 280. 

Liegekur, schematische, bei leichten Tuber¬ 
kulosen, spez. bei tuberkulösen Soldaten 
318. 

Lues (s. a. Syphilis) congenita im ersten Kindes¬ 
alter, Fürsorgeorganisation 287. 

Lumbalpunktion bei Meningitis epidemica 90. 

Lunge, Pulmonalarterienunterbindung und ihre 
therapeutische Bedeutung 63. 

Lungenblutungen, meteorologische Faktoren 
bei 219. 

Lungenheilstätten, Aufnahme in, soziale und 
ärztliche Indikationen 120, — Beschäfti¬ 
gung und Beaufsichtigung lungenkranker 
Mannschaften in 159. 

Lungenlüftung, Maß der 318. 

Lungenschüsse, Wert der Spirometrie für Be¬ 
urteilung der 220. 

Lungentuberkulose, Behandlungsmethode 121, 
Ruhe und Übergangsbehandlung bei 56, 
— Schwangerschafts - Unterbrechung bei 
352. 

Lupus, künstliche Höhensonne bei 124. 

Hagen, Röntgenuntersuchung dess. durch eine 
neue Kontrastmischung 280. 

Magenchemismus, Pylorusstenose und Dys- 
pepsia nervosa 118, — Röntgenstrahlen 

und 221. 

Magendarmkrankheiten, Klinik ders. einschlie߬ 
lich Röntgendiagnostik (Schmidt) 117. 

Magenerkrankungen im Felde, Behandlung und 
militärärztliche Begutachtung 218. 

Magengeschwür, Heilbarkeit dess. 151. 

Magenleidende Heeresangehörige, Beurteilung 
und Verwendung ders. 289. 

Magenneurosen der Kriegsteilnehmer 21. 

Magenpathologische Fragen 182. 

Magermilcheiweiß in der Volksernährung 276. 

Mal perforant plantaire, Behandlung durch 
Freilegung der Femoralarterie im Scarpa- 
schen Dreieck 256. 

Malaria, intravenöse Chinininjektionen bei 127, 
— in malariafreier Gegend 224, — Tiefen¬ 
bestrahlung der Milz bei 186, — tropica, 
Eigenserum bei 224. 

Malariaparasiten, Neosalvarsan und 223. 

Marschhämoglobinurie 120. 


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Sachregister. 


XI 


Mechanotherapie, ärztliche Gesellschaft für 32, 
-Versammlung in Oberhof, Thü¬ 
ringen 115. 

Mechanotherapie bei Kriegsverletzten 152, 883. 

Mediko-Mechanik, manuelle, Einrichtungen für 
dies, im Königreich Sachsen 68. 

Medizin, innere, 32. Deutscher Kongreß für 32. 

Meerschweinchenfleisch, Verwertung dess. 276. 

Meningitis, chronische, Röntgenbehandlung 188, 
— epidemica, Lumbalpunktion bei 90. 

Menstruation, innere Sekretion und 126, — vege¬ 
tatives Nervensystem und 126. 

Mesothoriumbestrahlung, Blutveränderungen 
nach 124. 

Meteorologische Faktoren, Lungenblutungen und 
219. 

Methylenblau (-violett) in der Therapie 31. 

Methylenblausalze bei Tuberkulose 96. 

Mikrophotographie, Höhensonne als Lichtquelle 
für 320. 

Milch, Schmutz (Eiter, Pepton) in der 88. 

Milchsäurebildung in der diabetischen Leber 
287. 

Militärneurosen 191. 

Milz, Tiefenbestrahlung der, bei Malaria 186. 

Milzbestrablung (-exstirpation), Rückwirkung 
ders. auf das weiße Blutbild bei M. Banti 
281. 

Mineralstoffwechsel, Hämophilie und 184. 

Mineralwässer, Diurese durch 119. 

Minutenherztod bei Insuffiizienz des Adrenal- 
system8 256. 

Mobilisierung versteifter Hand- und Finger- 
gelenke 116. 

Motorische funktionelle Leiden, Heilung ders. 
191, — Reizerscheinungen bei Kriegsteil¬ 
nehmern 53, — Störungen, funktionelle, 
Kaufmannsche Behandlung 125. 

Müllersche Heizkörper-Siederöhre 90. 

Myalgie, refrigeratorische 1. 

Myasthenische Bulbärparalyse, Ätiologie 60. 

Myomblutungen, Beseitigung in einer Sitzung 
durch Zinkfilterintensivbestrablung 91. 

Myoplegiaparoxysmalis congenita, Beeinflussung 
der Disposition zu ders. durch Kalzium¬ 
chlorid 224. 

Myotonoclonia trepidans 23. 

Marbenlösung, Saugglockenbehandlung und 121. 

Narkosenmethode Rothmanns, Erfolge ders. 
bei Kriegshysterie, bes. bei hysterischem 
Schütteltremor 352. 

Nebennierenerkrankungen, plötzliche Todes¬ 
fälle bei 256. 

Neosalvarsan, Malariaparasiten und 223. 

Nephritiden (Strauß) 94. 


Nephritis chronica, Ödeme bei, und reine Zucker¬ 
diät 21, — Eosinophilie bei 28, — Feld-, 
Erfahrungen und Behandlung 321, 340, 355, 
— Klinische und funktionelle Studien 128, 
— Kriegs-, Ätiologie, Verlauf und Behand¬ 
lung 63. 

Nervenärzte, 9. Jahresversammlung deutscher, 
in Bonn 1917 372 

Nervenkrankheiten, Therapie (Voigt) 156. 

Nervenschädigungen, Kriegs-, Pathogenese und 
Therapie 320. 

Nervensystem, vegetatives, und Menstruation 
126. 

Neuropathie, Ernährungsstörungen und 252. 

Neurosen-Heilung nach Kaufmannscher Methode 
222, — Kriegs-, Behandlung, neue Methoden 
und Gesichtspunkte 62, — Kriegs-, funktio¬ 
neile, Versorgung ders. 158, — Kriegs-, bei 
Offizieren 191, — Militär- und Unfall- 191, 
— Simulation und Übertreibung ausschlie¬ 
ßende Symptome bei 264, — traumatische 94, 
— traumatische, Behandlung 124, -— trauma¬ 
tische, bei Kriegsverletzungen 28, — Zitter-, 
nach Granatschohk, Behandlung 154. 

Nierenentzündung, akute, Behandlung 340, 
355. 

Nierenerkrankungen, akute, bei Kriegsteilneh¬ 
mern 95, — akute, mit Ödemen 28, — Bal¬ 
neotherapie der 183, —- Blutuntersuchungen 
bei 28, — im Felde 28, — Herzhypertrophie 
und 160, — Spargel bei 317. 

Oberarmbrüche, Apparat für ambulante Exten¬ 
sionsbehandlung der 254. 

Obst, Nabrungs- und Gesundheitswert 21. 

Ödem, menschliches, Pathologie und Therapie 
dess., Beitrag zur Lehre von der Schild¬ 
drüsenfunktion 282, — Nephritis acuta mit 
28, — der Nephritis chronica und reine 
Zuckerdiät 21. 

Okzipitalneuralgien als Spätfolge von Ver¬ 
letzungen und ihre Behandlung (Exstirpation 
des 2. Spinalganglions) 192. 

Öle und Fette, Wissenschaftliches und Wirt¬ 
schaftliches 118. 

Opsonogenbehandlung 223. 

Optischer Zentralapparat, durch Kriegsver¬ 
letzungen bedingte Veränderungen in dems. 
375. 

Orthodiagraphische Volumbestimmung von Kör¬ 
perhöhlen und Organen 90. 

Orthopädische Improvisationen bei Kriegsver- 
i letzungen 254, — Werkstätten 116. 

I Orthotische Hypotonie und ihre therapeutische 
| Beeinflussung 380. 

Ozon und Ozonlösungen 96. 


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. * 


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1 


Sachregister. 


XII 


Pankreas, Sekretin für das, Schicksal und 
Bildungsort dess. 351. 

Paralysis progressiva,Behandlungsarten, neuere, 
Wert ders. 156, — Krieg und 63, — Wasser- 
mannsche Reaktion und 31. 

Paravakzine, Blatternschutzimpfung und 189. 

Parenterale Infektion, Säuglingsdurchfälle und 
252. 

Parese, pseudospastische, mit Tremor nach 
Durchnässung, Erfrierung, Durchkältung 23. 

Pathologie und Therapie innerer Krankheiten 
(Kraus-Brugsch) 157. 

Partialantigene und Tuberkuline 189. 

Pendelapparat, Diathermie im, zur Mobilisation 
versteifter Gelenke und Weichteile 225. 

Pes tensus doloroeus 115. 

Pferdefleischnachweis in gekochten Fleisch- 
und Wurstwaren nach Sachs-Georgi 118. 

Phosphatumsatz bei Diabetikern 183. 

Physikalische Heilmethoden, zur Geschichte 
ders. Materialien aus chemischen Quellen¬ 
schriften 809, 845, — — für Kriegsbeschä¬ 
digte, jetziger Stand ders. 27. 

Physiologische Chemie (Legahn) 31. 

Plethysmographische Arbeitskurven, Herz¬ 
funktion und 157. 

Pleuritische Verklebungen und Verwachsungen, 
Mobilisation ders. durch Diathermie und 
Überdruckatmung in der pneumatischen 
Kammer 225. 

Pneumatische Kammer, Diathermie und Über¬ 
druckatmung in ders. zur Mobilisation der 
pleuritischen Verklebungen und Verwachsun¬ 
gen 225. 

Pneumothorax, Entspann ungs-, auf Grund 
symptomatischer Indikation 152, — künst¬ 
licher, Blut der Tuberkulösen und 153. 

Pocken, Epidemiologisches 223. 

Poliomyelitis acuta, intraspinale Einspritzungen 
von Adrenalinchlorid bei 77 Fällen von 
60. 

Porphyrin im Harn nach TrionalVergiftung 32. 

Proteinkörpertherapie 223. 

Prothesen 116. 

Psychogene Bewegungsstörungen bei Soldaten, 
Beseitigung in einer Sitzung 30, — funk¬ 
tionelle Leiden, Heilung ders. 191. 

Pulmonalarterienunterbindung, Lunge und, the¬ 
rapeutische Bedeutung 63. 

Pulsverspätung in natürlichen kohlenäurehalti- 
gen Thermalsolbädern 317. 

Punktion und Wiederinfusion bei frischem 
Hämatothorax 120. 

Pylorusstenose, Dyspepsia nervosa .und Magen¬ 
chemismus 118. 


Quarzlampe, Kropfbehandlung mit der 188. 

Quarzlampenbestrahlung bei Erysipel 92. 

Quarzsonne als Antipyretikum 204. 

Rachitis*, Stoffwechselheilung und klinische 
Heilung 127. 

Radialislähmung, Behandlung 279. 

Radioaktive Behandlung innerer Krankheiten, 
Dosierung 221. 

Radiologie, Herz und Aorta 24. 

Radiologische Untersuchung von elf Fällen mit 
operativer Kontrolle 57. 

Radium, Blutdruckerhöhung und 221. 

Radium-Emanationstherapie 221. 

Radiumskizzen I. 57. 

Radiumtherapie, plastische und elastische, 
Fixationsprothesen in der 384. 

Reizerscheinungen, motorische, bei Kriegsteil¬ 
nehmern 63. 

Rheumatikerbad, Kriegslazarett als 4. # 

Rheumatismus, tuberkulöser, Entstehung und 
Behandlung 287. 

Rinderbazillen, Bedeutung ders. für den 
Menschen 159. 

Röhren, gasfreie, in der röntgenologischen 
Praxis 186. 

Röntgenabteilung an der Unterrichtsanstalt für 
Staatsarzneikunde 32. 

Röntgenaufnahmen, Methodik (seitliche Kreuz¬ 
beinaufnahme) 188. 

Röntgenbefund bei Jacksonscher Epilepsie 155. 

Röntgenbehandlung bei Brustkrebs 123, — bei 
Erfrierungen 384, — bei Karzinom, neueste 
Probleme 122, — bei Meningitis chronica 188, 
— Methodik 91, — des Uterusmyoms, War¬ 
nung auf Grund von Literaturstudien 123. 

Röntgendiagnostik der Magendarmkrankheiten 
(Schmidt) 117, — der Speiseröhrenerkran¬ 
kungen (Faulhaber) 186. 

Röntgenlicht, Geschoßlokalisierung und -ent- 
fernung unter 188. 

Röntgenologie, Krieg und 284, — Siederöhre 
188. 

Röngenologische Darstellung einer erworbenen 
Duodenalstenose mittels Duodenalsonde 57, 
— Praxis, gasfreie Röhren in ders. 186. 

Röntgenoperation und Durchleuchtung 282. 

Röntgenröhre, geerdete, Spezialrohre für Tiefen¬ 
bestrahlung 91. 

Röntgenstrahlen bei Uterusfibromen und -blu- 
tungen 25, — Darstellung der Gelenke durch 
56, — Einfallwinkel der, und seine Bedeu¬ 
tung 186, — Erzeugung sehr harter 281, 
— Härtenanalyse ders. und die Wirkung ver¬ 
schiedener Titer 187, — Hautidiosynkrasie 
gegen 221, —- Magenchemisraus und 221. 


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Sachregister. 


XIII 


Röntgenstrahlenmeßtechnik, Ziele und Pro¬ 
bleme 91. 

Röntgenstrahlung als Adjuvans der Heliothera¬ 
pie 255. 

Röntgen-Taschenbuch (Sommer) 186. 

Röntgenuntersuchung des Magens und Darmes 
durch eine neue Kontrastmischung 280. 

Röntgenverfahren, Leitfaden (Dessauer-Wiesner) 
158. 

Rotes Licht in der Strahlentherapie 57. 

Rothmannsche Narkosemethode, Erfolge ders. 
bei Kriegshysterie, bes. bei hysterischem 
Schttttcltremor 352. 

Rotlichtbestrahlung bei Erysipel 188. 

Ruhe und Übung bei Lungentuberkulose 56. 

Ruhenüchternumsatz, Ernährung und, bei Ge- | 
sunden und Diabetikern 218. 

Ruhrähntiche Darmerkrankungen, Behandlung 
183. 

Ruhr und ihre Behandlung 25, 118, 183. 

Sachsen, Einrichtungen für Mediko-Mechanik 
im Königreich 68. 

Salvarsaninjektion, intravenöse, Todesfälle 
nach ders. 60. 

Salzlösung, hypertonische, bei Gefäßatonie 
127. 

Saugglockenbehandlung, Narbenlösung durch 

121 . * 

Sätiglingsdurchfälle, parenterale Infektion und 
252. 

Säuglingsnahrung, Kartoffelwalzmehl als Zu- ! 
satz zur 54. 

Scharlach, Serumtberapie 126. 

Schildrüse, Arteriosklerose, Jod 93. 

Schilddrüsenfunktion, Ödem und 282. 

Schilddrüsenstudien 285. 

Schiene zur Vorbeugung und Behandlung von 
Spitzfußkontrakturen 89. 

SchiUtelerkrankung, hysterische, Erfolge der ; 
Rothmannschen Narkosenmethode bei ders. 
352, — — und Insufficientia vertebrae 

279. 

Schüttler, Pathologie und Therapie der 220. 

Sch wangerschaftsunterbrechungbei Tuberkulose 
der Lungen und des Larynx 352. 

Schweine als Konkurrenten der menschlichen 
Ernährung 219. 

Schwermetalle, Iontophorese der 281. 

Seeklima, Waldklima und 253. 

Sekretin für das Pankreas, Schicksal und 
Bildungsort dess. 351. 

Sekretion, innere, und Menstruation 126. 

Selbstbesinnung, hypnotische 376. 

Sera, hochwertige antitoxische, Nachteile der ; 
Anwendung ders. 256. j 


Serratuslähraung, Bandage für 90. 
Serumtherapie des Scharlach 126, — der 

Weilschen Krankheit 155. 

Siederöhre in der Röntgenologie 188. 
Simpsonstrahlen 58. 

Simulation und Übertreibung ausschließende 
Symptome bei Neurosen 264. 

Sklerose, multiple, Ätiologie 376, — Bemer¬ 
kungen über dies. 286. 

Skoliotische Haltung einseitig Amputierter 90. 
Sonne und Klima im Kampfe gegen Tuberku¬ 
lose 221. 

Sonnenlichtbehandlung 124, — bei der Front¬ 
truppe 319. 

Sonnenlichtvollbad bei Kriegsverletzten 383. 
Sonnenstich und Hitzschlag 183. 

Spargel bei Nierenerkrankungen 317. 
Speiseröbrenerkrankungen, Röntgendiagnostik 
(Faulhaber) 186. 

Spinalganglion 2, Exstirpation dess. bei Okzi¬ 
pitalneuralgien 192. 

Spirometrie, Wert für Beurteilung der Lungen¬ 
schüsse 220. 

Spitzfuß, Verfahren zur Vermeidung dess. 185. 
Spitzfußkontrakturen, Schiene zur Vorbeugung 
und Behandlung von 89. 

Spitzfußstellung, Volkraannschiene zur Ver¬ 
hütung 4 von 254. 

Staatsarzneikunde, Unterrichtsanstalt für, 
Röntgenabteilung ders. 32. 
Stapbylokokkenvakzine bei Furunkulose 93, 

— polyvalente, bei Furunkulose 189. 

Stehen, Albuminurie beim 185. 

Stoffwechsel, Elektrizität und 254. 

Strahlen, Simpson- 58. 

Strahlenhärtemessnng mit dem Intensimeter 
187. 

Strahlentherapie 91, — bei Brustkrebs in einer 
Sitzung, Festlegung der Karzinomdosis 56, 

— der chirurgischen Tuberkulose 122, 

— gynäkologische, Entwicklung ders. 187, 
kombinierte, bei Karzinom 188, — opera¬ 
tive oder, bei Uteruskarzinom 384, — rotes 
Licht in der 57, — der Tuberkulose 122, 

— ultraviolette, derzeitiger Stand ders. 807, 
des Uteruskarzinoms 187. 

Strahlentiefenbehandlung in der Gynäkologie, 
experimentelle und kritische Untersuchungen 
319. 

Struma, Wildbader Thermalwasser-Trinkkur 
bei 253. 

Syphilis, ungenügend oder nicht spezifisch 
behandelte, und Tabes 26, — Zuverlässig¬ 
keit der Wassermannschen Reaktion bei 
284. 


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Tabes, Luesbehandlung und 26. 

Tabische Ataxie, Übungsbehandlung 38. 

Tetanus, subdurale intrakranielle HeiUerumthe- 
rapie bei 189. 

Tetanusseraminjektionen, Hämaturie nach 189. 

Thermalbadekur, Wiesdbader, und Blutbild 166, 
209, 244. 

Thermalsolbäder, natürliche kohlensäurehaltige, 
Pulsverspätungen in dens. 317. 

Thermalwasser-Trinkkur, Wiesbader, bei Stru¬ 
men und basedowoiden Zuständen 253, 317. 

Thorium X-Resistenz der einzelnen Leuko¬ 
zytenarten des Blutes 280. 

Tiefenbestrahlung, geerdete Röntgenröhre, 
Spezialröhre für 91, — maligner Tumoren, 
Blutveränderungen bei ders. 123, — der 
Milz bei Malaria 186. 

Tierblutkohle bei Durchfällen 253. 

Todesfälle nach intravenöser Salvarsaninjektion 
60, — plötzliche, bei Insuffizienz des Adrenal- 
systems 256. 

Tonsillektomie, Wehrhaftigkeit und 192. 

Traubenzuckerinfusionen, bei Herzmuskel¬ 
erkrankungen 376. 

Traumatische Neurose (s. a. Neurosen), Behand¬ 
lung 124. 

Tremor, speudospastische Parese mit, nach 
Durchnässung, Erfrierung, Durchkältung 23. 

Trionalvergiftung, Porphyrin im Harn nach 32. 

Trockenkartoffeltage, Diabetes melitus und 
218. 

Tropenfieber, Wesen und Behandlung dess. 
224. 

Tropensonne, Tuberkulose und 92. . 

Tuberkulinbehandlung bei chirurgischer Tuber¬ 
kulose 126. 

Tuberkuline, Partialantigene und 189. 

Tuberkulose, Blut bei, und künstlicher Pneu¬ 
mothorax 153, — chirurgische, Strahlenbe¬ 
handlung 122, — — Theoretisches über 

Lichtbehandlung ders. 286,-Tuberku- 

linbebandlung 126, — Heeresdienst und 64, 
— hereditäre Belastung und Form (Verlauf) 
ders. 159, — im Kindesalter 128, — im 
Kindesalter, Erkennung und Heilung 96, — 
Klimabehandlung, Gebrauch und Mißbrauch 
55, — Konstitution und 159, — Krieg und, 
in Frankreich 64, — Kupfer und Methylen¬ 
blausalze bei experimentieller 96, — Larynx- 
und Lungen-, Schwangerschaftsunterbre¬ 
chung bei ders. 352, — Sonne und Klima 
im Kampfe gegen die 221, — schematische 
Liegekur bei leichteren Fällen von, speziell 
bei tuberkulösen Soldaten 318, — Strahlen¬ 
behandlung 122, — TropenBonne und 92. 


Tuberkulöse Drüsen, nichtchirurgische Behand¬ 
lung ders. 222. 

Tuberkulöser Rheumatisnfus, Entstehung und 
Behandlung 287. 

Tumoren, maligne, Blutveränderungen bei 
Tiefenbestrahlung 123. 

Typhusschutzimpfuhg, Unschädlichkeit der 189. 

Cberdruckatmung, Diathermie und, in der pneu¬ 
matischen Kammer zur Mobilisation pleu- 
reutischer Verklebungen und Verwachsungen 
225. 

Übungsbehandlung und Ruhe bei Lungentuber¬ 
kulose 56. 

Ultraviolet.tstrahlen, therapeutischer Wert 282. 

Ultraviolette Strahlentherapie, derzeitiger Stand 
ders. 807. 

Unfallneurosen 191. 

Unterkleidung, hygienische 108. 

Uterusfibrome und -blutungen, Röntgenstrahle» 
bei 25. 

Uteruskarzinom, operative oder Strahlenbehand¬ 
lung 384, — Strahlenbehandlung 187. 

Uterusmyom, Röntgenbehandlung, Warnung 
auf Grund von Literaturstudien 123. 

Vakzinebehandlung, Heterovakzine-und Protein¬ 
körpertherapie 223, — der Variola 59. 

Variola, Vakzinetherapie 59. 

Vegetatives Nervensystem, Menstruation und 
126. 

Verdauung, Pflege der 48. 

Verdauungsschwache Heeresangehörige, mili¬ 
tärische Verwendung ders. auf Grundlage 
des Differenzierungsprinzips 193. 

Vereinsberichte s. Kongreßberichte. 

Versteifung im Fußgelenk, Volkmannschiene 
zur Verhütung von Spitzfußstellung und 254, 
von Gelenken und Weichteilen, Mobi¬ 
lisation ders. durch Diathermie im Pendel¬ 
apparat 225. 

Vertebrae insufficientia und hysterische Schüttel¬ 
erkrankung 279. 

Verwundete, Kriegs-, mechanische Nachbehand¬ 
lung 116. 

Vesicae incontinentia bei Soldaten 23. 

Vitamine, pharmakologische Wirkdng der 283. 

Volksernährung, Bluteiweiß und Magermilch¬ 
eiweiß in der 276, — physiologische Lehren 
der jetzigen 296. 

Volkmannschiene, modifizierte, zur Verhütung 
von Spitzfußstellung und Versteifung im 
Fußgelenk 254. 

Volumbestimmüng, orthodiagraphische, von 
Körperhöhlen und Organen 90. 

Vulvovaginitis gonorrhoica bei kleinen Mädchen. 
Fieberbebandlung 119, 253. 


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Sachregister. 


XV 


Waldklima, Seeklima und 25S. 

Wärmebehandlung der Gonorrhoe und ihrer j 
Nebenerkrankungen 220. x ! 

Wasseranwendung, Körperpflege durch 22. 

Wasserdesinfektion und Abwässerdesinfektion 
mit Chlor 159. 

Wasserkur und natürliche Immunität (Winternitz) 
151. 

Wassermann8che Reaktion bei Paralysis pro¬ 
gressiva 31,-bei Syphilis, Zuverlässig¬ 

keit ders. 126, 284. 

Wechselblutung, Beseitigung in einer Sitzung 
durch Zinkfilterintensivbestrahlung 91. 

Wehrfähigkeit, Tonsillektomie und 192. 

Weichteile, versteifte, Mobilisation ders. durch 
Diathermie im Pendelapparat 225. 

Weilsche Krankheit, Serumbehandlung 155. 

Wiederbelebung bei Herzstillstand 192. | 

W ildbader Tbermalbadekur, B lutbild und 166,209, j 
244, —Thermal wasser-Trinkkur bei Strumen 
und basedowoiden Zuständen 253, 317. ; 

Wildungen, Historisches 17. ) 

Winternitz, Wilhelm, Nekrolog 97. j 

Wirbelinsuffizienz und hysterische Schüttei- ! 
erkrankung 279. ' 


Wundbehandlung, Argentum nitricum und Hei߬ 
luft in der 152, — Dampfstrahl, gesättigter 
(übersättigter) in der 380, — Kohlenbogen¬ 
licht in der 125, — offene, und 'Freiluft¬ 
behandlung 54, — offene, und Granat¬ 
verletzungen 55, — offene, und Hyperämie 
253, — mit Zucker 121. 

Zandergymnastik, Elektrokardiogramm und 
115. 

Zellgewebsentzündung, langdauernde Bäder bei 
278. 

Zentralapparat, optischer, durch Kriegsver¬ 
letzungen bedingte Veränderungen in dems. 
375. 

Zinkfiiterintensivbestrahlung, Beseitigung von 
Myom- und Wechselblutung in einer Sitzung 
durch 91. 

Zirkulationstherapie, mechanische 117. 

Zitterer, Behandlung der 254. 

Zitterneurosen nach Granatschock, Behandlung 
154. 

Zucker, Wundbehandlung mit 121. 

Zuckerdiät, reine, Ödeme bei Nephritis chronica 
und 21. 

Zugverbände aus Binden, Herstellung 279. 


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UNIVERS1TY OF MICHIGAN 




Autoren-Register 


Aaron, B. 32. 

Adam, H. 225. 

Adolph, F. 185. 
Albers-Schönberg 186. 
Amstad 255. 

Anderes, E. 91. 

Arndt, C. 56. 

Arno u. Lampe, Lavinia 59. 
Arnold 123. 

Asbeck 124. 

Auerbach 220. 

„ S. 374. 

Bab, H. 92. 

Backinan, E. L. 284. 
Bacmeister, A. 122. 

Bade 374. 

Bartels 102, 135. 

Bauer, J. 118. 

Baumann, Erwin 31. 

Balassa, L. 155. 

Bartel, J. 159. 

Bendix 190, 253. 

Berg, Ragnar 184. 

Bernhardt, Georg 28. 
Bernstein und FaRa 218. 
Bernheim-Karrer 252. 
Beuttner 25. 

Beythien, A. u. Hernpel, H. 

20 . 

Bickel, A. 257. 

Blencke 383. 

„ A. 279. 

Bonne 219. 

Bordet, E. 24. 

Brainbridge, William Seaman 
57. 

Braun 222. 

Brieger, L. 380. 

„ Walter 309, 345. 

Brosch, A. 25. 

Bruegel 221. 

Brugsch, Th. 157. 


Büdingen, Th. 376. 

Bürger, R. 159. 

Cayet 220. 

Cazin, M. 383. 

Ceelen, W. 160. 

Cimbai, E. 375. 

Cohn, Toby 24. 

Crinis, M. de 286. 
Curschmann 375. 

„ Hans 191. 
Czernel, Furka, Gerloczy u. 
Kaiser 59. 

Decastello, A. v. 73. 

Dekker, H. 26. 

Dessauer und Wiesner 153. 
Deus 188. 

Deutsch 186. 

Dietrich 89. 

Dienemann 217. 

Disquö 21. 

Djenab, Kemel 351. 

Doctor 93. 

Döllner 277. 

Dörnberger, E. 120. 

| Dosquet 54. 
j Dotzel 320. 

Dreyer, L. 153. 

Dub 191. 

Duncker 318. 

Ebstein, W. 47, 80. 

1 Edel, M. 31. 

Edelmann 224. 

Edinger, L. 372, 375. 

Edling 384. 

Eiger, M. 285. 

Einhorn, Max 43. 
v. Eiseisberg 188. 

Ellinger, A. u. Riesser, R 32. 
Elmendorf 120. 

Embden, G. und S. Isaac 287. 
Engwer 55. 

Eppinger, H. 282. 


i Erben 63. 

Erlacher 90. 

Euler, T. und Svanberg 183. 
Eymer, H. 

Falta 218, 221. 

Faulhaber, M. 186. 

Felix 60. 

Finkelnburg 375. 

Fisch 55. 

Fischer, J. 151. 

Förster, 0 . 372, 373, 375. 
Frank 253. 

* E. 281. 

I Franke 218. 

I „ Margan 126. 

Fränkel, Ernst 189. 

„ J. 383. 

Frankl, Th. 280. 

Freud, Josef 57. 
j Freudenberg, A. 284. 

! Freund und Cayet 220. 

| Friedberger, E. 189. 
Friedlaender, R. 33. 

Friedrich, W., u. Krönig, B. 
56. 

Frosteil, G. 152. 

Fuchs, Alfred 351. 
j „ u. Groß, S. 23. 

Furka 59. 

Fürst, Th. 28. 

Fürstenau, Rob. 187. 

Geigel 158, 318. 

Gerhardt, D. 150. 

Gerloczy 59. 

Gerson, M. 60. 

Glaessner, Karl 25. 
Goldscheider 1, 129, 289, 

321. 

Goldstein, K. 154. 

M. 375. 

Gonnermann, M. 287. 

Goos, Fritz 187. 


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Original fro-rn 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 





Graetzer, E. 61. 

Grann, Rieh. 187. 

Grober 95. 

Groedel, Franz AI. 161. 

Groß, S. 23. 

Grünbaum, F. 94. 

Grund 375. 

Grunow 160,209, 244,258,317. 
Guggenheimer, Hans 840, 855. 
Gutstein, N. 153. 

Gwerder, J. 152. 

Habennann 376. 

Hamburger 256. 

Hanauer, W. 190. 

Hasebroek 115. 

Haslebacher 188. 

Hasterlik, A. 118. 

Hassel wander 91. 

Haßlauer 116. 

Hausmann, W. 56. 
v. Hayek 318. 

Heile, B. 122. 

Heller, Jul. 281. 

Hempel, H, 20. 

Henrich, F. 31. 

Horcher, Friedr. 127. | 

Herschmann, H. 352. 

Herzberg, Ernst 189. | 

Heubner, 0. 381. ! 

Ileusner 220, 221. I 

Hiller, H. 183. 

Hirsch 115. 

Hirschfeld, R. 351. 

Hofbauer, L. 382. 

Hoffmann 375. * ! 

Hohlweg, H. R 209. 

Höhn, Jos. 183. I 

Hoki 155. I 

Holding 222. 

Hollos 96. 

Hölzl 116. \ 

Hudovernig 156. 

Hug 254. 

Ido 155. ! 

Inada, Ido, Hoki, Ito u. Wani 
155. 

lsaac, S. 287. | 

Isaak 317. j 

Ito 155. 

Jezierski 152. 

Joachimi 219. | 

Joseph, H. u. Mann, L. 352. j 

Jost 380. 

Judson, Quimby u.Bainbrigde, I 

William Seaman 57. 


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Autoren-Register. 


XVII 


Junge, G. 379. * 
Jungmann 95. 

Jürgens 223. 

Jnstitz, L. 189. 

Kubisch, C. 307. 

Kahane, M. 59. 

Kaiser 59. 

Kaminer und Dietrich 89. 
Kantor 157. 

Karl 60. 

Kässner, K. 185. 

Katz, L. 234. 

Katzenstein, M. 126. 
Kaufmann, R. 29. 
Kaufmann, W. 124. 

Kautz 188. 

Kaznelson 223. 

Kehrer 64. 

Kionka 119. 

Kirchner, M. 128. 

Kisch, E. 280. 

Klare 54. 

Klein, G. 122. 

Kodon, Eug. 188. 

Köhler, H. 93. 

Kobnstamm 376. 

Koller, H. 281. 

König, F. 92. 

Korach 28. 

Kossowicz 88. 

Kovacs, J. 282. 

Kramer, K. 152. 

Kraemer, C. 352. 

Kraus, C. 93. 

Kraus, F. u. Brugscb 157. 
Krause, Charlotte 126. 
Krause, W. 159. 
Kretschmer 351. 

Krönig, B. 56. 

Kudruac, Jos. 278. 

Kuhn 376. 

„ und Jost 380. 
Küster und Wolff 218. 
Kiittner, Herrn. 279. 
liabhardt, Alfr. 384. 
Laehn, Therese 276. 
Lampö, Lavinia 59. 

Lange 4. 

Lengfellner, H. 279. 
Langstein, L. 183. 
Laquetir, A. 27, 116. 
Legahn, A. 31. 

Lenärd, W. 284. 

Lenz 224. 

Lesser 224. 


Leu, Radike und Joachimi 
219. 

Levy, Rob. 125. 

Lewanclowski 254 
Lewis, P. M. 60. 

Lichtwitz, L. 120, 277. 

Liebere, M. 154. 

Liles 63. 

Lilienfeld, Leon 188. 

Lindemann, Walther 280. 

Linden, Gräfin v. 96. 

LLnnartz 185. 

Linnert 188. 

Litzner 120. 

Loew, Oskar 20. 

Loose, G. 90, 123. 

Lorand 88. 

Ludewig, P. 281. 

Lütbge, H. 118. 

Machwitz, H. und Rosenberg 
128. 

Magnus, G. 121. * 

Mann, L. 28, 62, 352, 374, 

375. 

Markus 116. 

Massey, Betton 59. 

May 219, 317. 

Meinen 64. 

Mendel, K. 155. 

Messerli, Fr. AL 58. 

Aleyer, F. 25. 

Älez, Robert 161. 

Alinor, Charles L. 56. 

Aloeltgen 89. 

Moench 320. 

Alörchen 374. 

Aforiarta 221. 

Alühlhaus 254. • 

Müller, E. 54. 

» (Hongkong) 188. 

„ Wilh. 189. 

Kassau 185. 

Neisser 61. 

Nesnera, A. v. u. Rxblorzky 
124. 

Neumeister 90. 

Neustätter, Otto 380. 

Nevermann 28. 

Nonne 375. 

Nonnenbruch, W. 28. 

Noorden, C. v. 26. 

Noorden, C. v. und J. Fischer 
151. 

Nothmann, II. 21. 

Novotny 218. 


Original fro-rn 

UNIVERSITf OF MICHIGAN 





XVIII 


Autoren-Register. 


Ölecker, F. 192. 

Oppenheim, H. $4. 

Ortner, R. v. 285. 
v. Ostrowski 63. 

Overgaard 89. 

n J. 121. 

Paschen, R. 125. 

Pfanndler, M. 30, 286. 
Piotrowski, A. u. Edel, M. 
31. 

Pilcz 63. 

v. Pirquet 252, 377. 

Porgeß, 0. 121. 

Prausnitz, H. 183. 

Quimbi Judson, A. 57. 
Rabinowitsch, Lydia 159. 
Rablorzky, E. 124. 
Radike.219. 

Raebiger, H. 276. 

Raethen 376. 

Raether 222. 

Rahm 223. * 

Riedel, F. 90. 

Rieder, Hermann 22. 

Riehl 221. 

Riesser, R. 32. 

Rimbach 117. 

Risselada, M. 65. 

Rohrer, F. 90. 

Roemheld 193. 

Röper 374. 

Rosenberg, M. 128. 

Rosenfeld, G. 277. 

Rosenow, Georg 280. 

Rosin, H. 160. 

Rostoski 118. 

Roth, E. 17, 370. 

Rothmann, M. 30. 

Rothschild, D. 287. 
Ruhemann, J. 264. 

Rumpf, Th. 279. 

Sachs, Alb. 278. 

Sachse, Margar. 352. 

Saenger, A. 375. 

„ Max 61. 

Salkowski, E. 32. 
v. Sarbö, A. 23. 

Schacht, Franz 108, 296. 
Schilfer 282. 


Schanz 220, 320. 

w Fritz 831. 
Schemensky, W. 31. 

Schimert 224. 

Schlayer 158. 

Schlesinger 256. 
n E. 379. 

„ H. 286. 

„ W. 149. 

Schloß, E. 127. 

Schmidt 224. 

„ Rud. 117. 

Scholz 64. 

Schubert 253. 

Schule 183. 

Schüller, A. 374. 

Schultz, J. H. 375. 

Schultze, Fr. 375. 

Schuster 375. 

Schütz 115, 116. 

„ J. 380. 

Schütze 221. 

Schwab 317. 

Schweitzer, B. 124. 

Seaman, Bainbridge William 
57. 

Seitz und Winz 91. 

Semerau 95. 

Serkowski 88. 

Seubert, Franz 189. 
v. Seuffeit 319. 

Siebert, H. 93. 

Skaupy 57. 

Smitt, W. 68, 382. 

Sommer, E. 57, 186. 
Sonnenberger 26. 

Spronck und Hamburger 256. 
Staeubli 381. 
v. Starck 189. 

Steel 254. 

Steiger 122, 256. 

* 0. 190. 

v. Stejskal 127. 

Stein 223. 

„ A. 123. 

Steiner 376. 

„ L. 92. 

Stolte 252. 

Stransky 375. 


Strasser, A. 97. 

„ Charlot 191. 

Strater, P. 186. 

Strauß 218. 

„ H. 94, '354. 

Strubel 125. 

Stursberg, H. 184. 

Svanberg, 0. 183. 
v. Szabo 320. 

Tedesko, Fritz 21. 

Thedering 204. 

Thiele 54. 

Töpfer, H. 183. 

Tornai 23. 

Uhlmann, Fr. 283. 
üjlaki 119. 

Unverricht 219. 

Vaquez, H. und Bordet, E. 24. 
Vegrassat u. Schlesinger 256. 
Voigt, H. 156. 

Voltz 91. 

Voss 374. 

Wachtel 384. 
v. Walzel 55. 

Wani 155. 

W T assermann, A. v. 126. 
Weber 279. 

„ E. 157. 

* H. 154. 

Weicker, H. 159. 

Weihmann 319. 

Weiß, Eugen 192, *85. 
Weißenberg, Karl 186. 
Weldert, R. und Bürger 159. 
Wiesner, B. 153. 

Wildt, A. 279. 

Wilmans 29. 

Winckel, Max 21. 

Winternitz, W. 151. 
Winterstein, Hans 192. 

Wintz 91. 

Wohlgemuth, J. 160. 

Wolff 218. 

„ A. 96. 

Wossidlo 253. 

Ulppö, Arvo 119. 

Zechlin, Theodor 26. 

Ziehen 256. 

Zürndorfer 254. 


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Original from 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 




















Original-Arbeiten. 


i. 


Noch einmal die refrigeratorische Myalgie. 

Eine Entgegnung an A. Schmidt. 

Von 

A. Goldseheider. 


A. Schmidt, welcher in verdienstlicher und dankenswerter Weise die Auf¬ 
merksamkeit anf das Problem des Muskelrhenmatismns gelenkt hat, entwickelt 
in seiner Mitteilung „Muskelrheumatismus und Erkältung“ in dieser Zeitschrift 
(Band XX, 1916. Heft 12) Bedenken und Einwände gegen meine Auffassung, 
welche ich in meiner Abhandlung „über refrigeratorische Myalgie und Arthralgie“ 
(diese Zeitschrift Band XX, 1916. Heft 7) zum Ausdruck gebracht hatte. Ich 
begegne mich mit Schmidt in dem von ihm ansgesprochenen Wunsche der Ver¬ 
ständigung nnd gehe daher noch einmal anf die wesentlichen Pnnkte, dnrch 
welche sich unsere Auffassungen unterscheiden, nebensächliches außer Betracht 
lassend, ein. 

Es handelt sich vornehmlich um die Frage, ob eine örtliche oder allgemeine 
Kälteeinwirknng einen dauernden, krankhaften Zustand von Muskelschmerz 
hervorrufen könne. Ich habe, nm die Möglichkeit einer solchen Eälteschädignng 
zn beweisen, angeführt, daß man einen dem „rheumatischen“ ähnlichen Schmerz 
von größerer Aasdehnung durch eine örtlich beschränkte Eältereiznng hervorrufen 
könne und dies durch die spinale Irradiation der schmerzhaften Reiznng der 
Tiefensensibilität erklärt, wie sie tatsächlich bei jedem peripherischen Reiz eintritt 
Schmidt bestreitet nicht diese physiologischen Voraussetzungen, wohl aber, daß 
eine solche Schmerzhaftigkeit dauernd werden könne, indem er sich darauf stützt, 
daß die Versuche, bei gesunden Menschen Muskelrhenmatismus zu erzeugen 
(G. Sticker), mißglückt seien. Er läßt eine solche Möglichkeit nur dann zu, 
wenn bereits ein latenter Erregungszustand der sensiblen Muskelnerven vorhanden 
ist, aber nicht für den ersten Erwerb der Erankheit. Ich bin demgegenüber nun 
allerdings der Ansicht, daß örtliche Eälteeinwirkung, auch ohne schon eigentliche 

Zeltaehr. I physlk. u. dlit Therapie Bd. XXI. Heft 1. 1 


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2 


A. Goldscheider 


Erfrierung herbeizuführen, schädigend werden kann, wenn nämlich die durch die 
Abkühlung bedingte Störung in der Durchblutung usw. durch die ausgelöste 
Reaktion nicht hinreichend ausgeglichen wird. Wo diese Anpassung ungenügend 
ist, kann es zu Kälteschädigung kommen; daß sie auch bei gesunden Menschen 
in verschiedenem Grade vorhanden sein kann, lehrt uns der Einfluß der Ab¬ 
härtung. Die Bedingungen, durch welche es zu einem Versagen der Anpassung 
kommt, können sehr verschiedene sein: mangelnde Übung (d. h. Verweichlichung), 
Zusammentreffen mehrerer Schädlichkeiten, große Dauer der Abkühlung (so daß 
die Anpassung versagt), allgemeiner Schwächezustand durch vorangegangene Er¬ 
krankung, Ermattung durch Strapazen u. a. m. Mir erscheint dies so natürlich, 
so selbstverständlich und mit unseren alltäglichen Erfahrungen sich so sehr 
deckend, daß ich den Widerspruch hiergegen eigentlich nicht begreife. Oder 
sollte Schmidt den allgemeinen Satz, daß die -Krankheit dort anfängt, wo die 
Anpassung auf hört, nicht unterschreiben? 

Ich hatte bei dieser Gelegenheit den refrigeratorischen Muskelschmerz mit 
dem Turnschmerz verglichen und gesagt, daß dieser meist verschwinde, weil 
Anpassung einzutreten pflege. Hiergegen eifert Schmidt: „Gerade das Gegenteil 
ist richtig.“ Er führt an: Turnschmerzen kann man fast bei jedem sportlich 
nicht trainierten Menschen leicht erzeugen; bei sportlich Trainierten sind sie 
unbekannt oder kommen doch nur ganz ausnahmsweise vor. 

Nun, diese bekannte Tatsache kann man doch eben nur so verstehen, daß 
beim Turnschmerz Anpassung einzutreten pflegt, und eben dies habe ich gesagt. 
Weiter führt Schmidt an: Kältemyalgie kann man nicht bei jedem erzeugen, da¬ 
gegen findet sie sich gar nicht selten bei Leuten, die dauernd Kälteeinwirkungen 
ausgesetzt sind. 

Ja, eben deshalb, weil die Anpassung an Kälteeinwirkungen leichter versagt 
als die Anpassung an Turnschmerz, welcher bei Ungeübten zwar sehr leicht zu 
erzeugen ist, aber auch schnell verschwindet. Dieser Einwand ist also kein 
Einwand, und so hoffe ich auf Einigung. 

Ein weiterer Streitpunkt betrifft die Frage, ob der Reizzustand, welcher zur 
Myalgie führt, in der Peripherie d. h. im Muskel selbst oder zentral (nach Schmidt 
in den hinteren Wurzeln) gelegen ist. Ich hatte mich ganz unbedingt dafür aus¬ 
gesprochen, daß die Schädlichkeit an der Peripherie angreift und daß demzufolge 
auch der Sitz des Reizzustandes sich dort befindet. Freilich findet die Irradiation 
der Hyperalgesie über ein weiteres Gebiet in der hinteren grauen Substanz des 
Rückenmarks statt, aber diese ist nicht der Sitz der Erkrankung. Schmidt ist 
geneigt, die graue Substanz anstatt der hinteren Wurzeln, welche nach ihm der 
Sitz des Reizzustandes sein sollten, zu akzeptieren, aber er behauptet, daß dieser 
zentrale Sitz der primäre sei. Hiernach wäre der Muskelrheumatismus eine Er¬ 
krankung der hinteren Wurzeln oder des Rückenmarks. Er sagt, daß ich einen 
plausiblen Grund dafür, daß der hypothetische Reizzustand im Rückenmarks-Gran 
lediglich sekundärer Natur sei, nicht vorbringe. 

Demgegenüber betone ich, daß nicht der geringste Grund vorliegt, ihn für 
primär zu halten. Wer eine so schwerwiegende Behauptung wie Schmidt auf¬ 
stellt, daß die rheumatische Schädlichkeit an den nervösen Zentralorganen an¬ 
greife, muß doch hinreichende Beweise erbringen — die von ihm erbrachten 


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Noch einmal die refrigeratorieche Myalgie. 


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kann ich nicht anerkennen (s. unten) — und nicht demjenigen, der sich streng 
an Erfahrung und Physiologie hält, das onus probandi zuweisen. Meine Lehre, 
daß der peripherische Reiz eine spinale Irradiation und daß speziell der Schmerz¬ 
reiz eine Irradiation der Hyperalgesie auslöst, ist einfach eine physiologische 
Wahrheit. Es handelt sich gar nicht um einen „hypothetischen Reizzustand in 
dem hinteren Grau des Rückenmarks“, sondern der Reizzustand ist eben da und 
ich werde in einiger Zeit eine Darstellung der gesamten spinalen Sensibilitäts¬ 
zonen auf Grund dieses physiologischen Phänomens bringen. Dieser zentrale 
Reizzustand gehört zu jedem peripherischen Reiz wie ein Schatten. Dies ist 
Beweis genug, daß er sekundär ist, ebenso sekundär wie der Ablauf der 
gesamten nervösen Leitungsvorgänge nach einem peripherischen Reiz. Und 
ebensowenig wie ein Stich in den Finger ein Stich ins Rückenmark ist, eben¬ 
sowenig hat der myalgische Reizzustand beim Muskelrheumatismus seinen pri¬ 
mären Sitz im Rückenmark oder in den hinteren Wurzeln. Schmidt stützt 
sich darauf, daß bei Tabes, Myelitis usw. Muskelschmerzhaftigkeit ohne Schmerz¬ 
haftigkeit der Haut, also dem Muskelrheumatismus analog, Vorkommen. Dies 
ist doch aber lediglich dahin zu verstehen, daß im Rückenmark die betreffen¬ 
den Bahnen isoliert verlaufen; für die Theorie des Muskelrheumatismus folgt 
hieraus nichts. 

Ich hoffe hiernach um so mehr auf Verständigung, als meine weiteren Ar¬ 
beiten über die zentrale Irradiation peripherischer Reizzustände noch nicht 
publiziert sind. Nach ihrer Kenntnisnahme wird sich, des bin ich gewiß. 
Schmidts drohende Gebärde in einen Händedruck um wandeln. 


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4 


Lange 


n. 

Das Kriegslazarett als Rheumatikerbad. 

Vom 

Stabsarzt d. E. Dr. Lange, 

Chefarzt eines Kriegslazaretts im Westen. 

Anfang April 1915 erhielt ich den Befehl, in L., einem kleinen nord¬ 
französischen Landstädtchen, ein Kriegslazarett einznrichten. Zwischen L. nnd 
dem Typhuslazarett M., das ich während des Winters 1914/15 geleitet hatte, liegt 
ein großes Moor, dessen Material französischerseits bisher ausschließlich zur Torf¬ 
gewinnung benutzt worden war. Schon vor der Übersiedelung nach L. war seitens 
meines Kriegslazarettdirektors, Herrn Generaloberarztes Haferkorn, angeregt 
worden, mit dem Schlamm dieses Moores therapeutische Versuche anzustellen. 
Es waren nämlich, wie nicht anders zu erwarten, auch bei unserer Armee mit 
Beginn der naßkalten Jahreszeit rheumatische Erkrankungen aufgetreten, teils als 
Rezidive, teils als Neuerkrankungen. Mangels geeigneter Einrichtungen mußten 
die meisten Fälle zwecks Bäderbehandlung nach der Heimat geschickt werden. 
Es lag also der Gedanke nahe, im Etappengebiet eine Spezialrheumatiker-Abteilung 
zu schaffen, die, mit geeigneten Badeeinrichtungen versehen, den Versuch machen 
konnte, für einen größeren Teil dieser Kranken den Abtransport unnötig zu machen. 

Als eine der dankbarsten Formen intensiver Wärmeanwendung ist zweifellos 
die Schlammpackung anzusprechen. Da ich persönliche Erfahrungen Ober die 
Voraussetzungen zur Wirksamkeit des hierzu erforderlichen Materials nicht besaß, 
mußte zunächst durch Versuche j festgestellt werden, ob, auch ohne vorherige 
Bestimmung der Radioaktivität und der sonstigen Zusammensetzung, unserem 
Moore günstige Heilwirkungen zuzusprechen waren. Es wurden daher im Mai 1915, 
sobald das Lazarett über geeignete Kranke verfügte, Proben angestellt, die derart 
ermutigend ausfielen, daß ich den Plan faßte, diese Behandlungsart unseren Kranken 
in größerem Maßstabe, gegebenenfalls unter allmählicher Hinzufügung weiterer 
Badeeinrichtungen zugänglich zu machen. Gleichzeitig mit diesen Plänen war mir, 
angeregt durch verschiedene Veröffentlichungen in medizinischen Zeitschriften, die 
Einrichtung eines medikomechanischen Übungssaales als ein dringendes Bedürfnis 
erschienen. Auch hierbei leitete mich die Erwägung, daß es während des 
Stellungskrieges die vornehmste Aufgabe der Kriegs- und Etappenlazarette sein 
soll, den Kranken und Verwundeten, deren Heimtransport nicht angängig ist, 
auch im Felde möglichst die äußeren Heilfaktoren zu bieten, die sie sonst nur in 
der Heimat finden können. Und hierzu gehören unbedingt einige einfache Übungs¬ 
apparate, durch deren frühzeitigen Gebrauch bei Verletzungen und Erkrankungen 


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viel unnötige Versteifungen und Atrophien vermieden werden können. Derartige 
Einrichtungen lassen sich überall, mit den einfachsten Hilfsmitteln, ohne nennens- 
werte Kosten,^ treffen und erfüllen ihre» Zweck and. in primitivster Fom^ vollauf. 

öäer Kranker zü kurz¬ 
dauernder Unterkunft 
anfnehmeu zu können. 

Treppen und Gänge, sowie große Säle, zum Lazarett geradezu geschaffenen Hause 
liegt als weitere Begrenzung eines großen Hofes ein langgestrecktes niedriges 
Gebäude, mit zahl 
reichen ebenerdi 


Abb. 1. Hauptgebäude des Prieatersemijiars 


mm 




großen Bäumen, 
angeblich früheren 
Klassenzimmern 
des Seminars (s. 

Lageplan, Abb. 2). 

Diese Bäume be¬ 
fanden sieh aller¬ 
dings in einem 
sehr schlechten 
Zustande, sie wa¬ 
ren als Pferde¬ 
ställe eingerichtet, 

Hierd urch waren 
außer dem Unrat 
auch eingreifende 
Veränderungen der 
äußeren Form und 

der inneren Banmeinteilung zurückgeblieben, die zu beseitigen uns viel Mühe 
und Zeit kostete. Trotzdem erschien mir dieses Seitengebäude sofort außer¬ 
ordentlich geeignet für meinen Zweck, da ich von vornherein den Plan ins Auge 
faßte, das zuerst einzurichtende Moorbad allmählich zu einer vollständigen Bade- 


HM 


mBßm: 




Abb. 5. Lagcplan, 




6 


Lange 


anstatt auszubauen. Es wurden daher die grundlegenden Anordnungen so ge¬ 
troffen, daß die Möglichkeit der Vergrößerung gewahrt blieb. Als Ideal schwebten 
mir die Badeeinrichtungen des Friedrichsbades in Baden-Baden in der Anordnung 
des sogenannten Gesellschaftsbades vor. 

Auch für mein geplantes medico-mechanisches Institut fand ich anschließend 
eine prächtige Unterkunft, die ehemalige Hauskapelle (Abb. 2) geräumig, luftig, 
mit Steinfußboden, damals allerdings unter den fußhohen Rückständen des Pferde¬ 
stallbetriebes verborgen. 

Bei sämtlichen auszuführenden Arbeiten war ich auf mein Lazarettpersonal, 
Militärkrankenwärter und freiwillige Pfleger, angewiesen, unter denen ich eine 
Anzahl außerordentlich geschickter Handwerker fand, die meinen Anregungen mit 
viel Verständnis folgten und die technischen Einzelheiten mit viel Geschick nnd 
großer Arbeitsfrendigkeit zur Ausführung brachten. Infolge der geringen Zahl 
dieser Hilfskräfte und der Schwierigkeit der Materialbeschaffung zog sich die 
Fertigstellung des Betriebes hin. 

Gleichzeitig mit dem Umbau des ersten Baumes zu einem Moorbade mußten 
die grundlegenden Allgemeinerfordernisse einer Badeanstalt berücksichtigt werden: 
Wasserversorgung, Wärmequelle, Abwässerbeseitigung. 

Die erste Aufgabe war die schwierigste. Ausschließlich auf Brunnen ange¬ 
wiesen, von denen einige nahegelegene bald versagten, mußten wir uns an einen 
etwa 50 m entfernten, im Kellergeschoß des Hauptgebäudes sehr tief gelegenen 
halten, der sehr ergiebig ist, aber den Nachteil hat, daß das Wasser 7 m hoch 
und sehr weit gepumpt werden muß. Anfangs waren wir sogar gezwungen, diese 
erhebliche Arbeitsleistung durch Menschenkräfte mittels einer Handpumpe be¬ 
wältigen zu lassen. Auch die anfänglichen Heizungs- und Dampfquellen, die ich 
bei Besprechung der einzelnen Räume noch erwähnen werde, erwiesen sich bald 
als ungenügend. Für beide Schwierigkeiten fand sich eine glückliche Lösung in 
Gestalt eines kräftigen Dampfkessels, der, in der Nähe der Wasserquelle auf- 
gestellt, seitdem einerseits eine Duplexdampfpumpe bedient, andererseits in die 
Baderäume den erforderlichen Dampf liefert. Die Dampfpumpe drückt das Brunnen¬ 
wasser in 2 auf dem Speicher über den Baderäumen aufgestellte Reservoirs, 
Brauereibottiche, je 4 cbm fassend, eins für kaltes, das andere für warmes Wasser. 
Letzteres ist jetzt an die Dampfleitung angeschlossen; früher an einen Warm¬ 
wasserzirkulationsofen, der das Heißluftbad versorgte. Von den Reservoirs aus 
verteilen sich Leitungen nach allen Räumen, wo sie in Gestatt von Brausen u. ä. 
endigen. An die Dampfleitung sind außer dem Heißwasserreservoir angeschlossen: 
Die Heizkörper des Heißluftbades, das Dampfbad, die Heizkörper des Schwimm¬ 
bades und die Dampfdusche. Die Abwässer werden aus den einzelnen Baderäumen 
durch Kanäle abgeleitet und in einem Sammelrohr vereinigt einer überdeckten 
Sickergrube zugeführt. — Die ganze Badeanlage ist mit den anschließenden 
Ruheräumen so gedacht, daß der Badende gewissermaßen unter Zwangsführung 
eine bestimmte Reihenfolge von Badeprozeduren über sich ergehen lassen muß, 
ohne sich von einzelnen ihm besonders unangenehmen Darbietungen drücken zu 
können. Die Kette, deren einzelne Glieder die verschiedenen Badeprozeduren 
darstellen, muß notwendigerweise geschlossen sein. Der Badende muß also vom 
Endpunkte, dem Ruheraum, nackt zum Ausgangspunkte, dem Raum, in dem er 


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Das Kriegslazarett als Eheumatik.erbad 


sieb entkleidet hat, zurückkehreü können, und zwar derart, daß er sich nicht 
erkälten kann. Da die bereits vorhandenen Räume, wie aus dem Plane ersieht' 
Uch, alle in einer Beihe nebeneinander liegen (das Moorbad schließt an das 
Heißluftbad an und ist nur aus äußeren Gründen iin Plane darunter gezeichnet), 
mußten wir zur Herstellung des Kreislaufes ein Verbindungsglied schaffen. Dies 


3 Öfen versehen, 

nnd dnreh Dachpappe gegen Kälte 
und Zugluft isoliert; Zwischen den 
beiden Hütten befindet sich der durch 
W iodfang geschützte Haopteingang. 

Das Moorbad, Als Material 
dient frischgestochener Torf aus tiefen Schichten. Der 'anfänglich benutzte 
Schlamm der oberen Moorschicht enthält oft kleine Sternchen, die leicht zu Ver¬ 
brennungen Anlaß geben, Der Torf wird außen in einen in die Wand einge¬ 
lassenen fiolzhottjcb verbracht, 
ans dem er immer naeh Be¬ 
darf entnommen wird. Erhitzt 
wird er in einem eisernen, 
in eine Feuerung eingebauten 
Troge, der mittels eines Holz¬ 
einsatzes doch für Vollbäder 
benutzt werden kann (Abb. 4). 

Die Einrichtung wird ver 
vollst&ndigt durch 4 Pritschen 
für Teilpackungen, eine Beiüb 
gnngshadewatine und eine Du¬ 
sche. Der Fußboden wurde, wie 
in allen anderen ßaderäomeü,.: 
zementiert, mit Ablaut versehen 
und mit Lattenrosten belegt. 

Das Heißinftbad (Abb. ö) 

föllung und dergleichen möglichst gegen /Wärmeverlnst geschätzt; 
quelle wurde die Zentralheizangsanlage eines unbewohnten Hauses 
bestehend in S Heizkörpern und einem Heißwasserofen. Letzterer b 
erwähnt, jetzt außer Dienst, da er stark abgenutzt war. Er ist e 
Dampfleitung. Liege- und sonstige Stühle, eine Pritsche und ein f 
erhöhter Tisch, der das Aufsuchen höherer Temperaturen timögjic 


Außkleiderännie mit Verbimliingsgäiig, 


Abb, 4. Moorbad, 




Lange 



Heißlui'traura anfgestelit. Die darcUschrnttliche Temperatur beträgt f>ü u C, kann 

2 gekoppelten übereinander 
in eine Feuerung eingebauten Benaolfässero, ist nicht mehr in Betrieb» Dev 
Dampf strömt in halber Zimmerhöhe ans einer mit zahlreichen feinen, nach <ie; 


Abb. 5. HßiÄIuftbaii 





Das Kriegslaxarett als Rhetimatikerbad, 


Abb. 7. Dampfbad* 


rohr ab. Infolgedessen sind gründliche Reinigungen der Bassins mit völliger 
Wassererneuerung nur ab und zu notwendig. Das Wasser wird auf einer Tem¬ 
peratur von 22 bis 24° C gehalten. 

Der Dnscheraum (Abb. 9 u. 10), neuerdings durch eine Ölasplattenwaud- 
verkleidnng bedeutend verschönt, bietet folgende Dascbgelegenbeiten: eine Kranz-, 
eine Sitzdusche (Abb. 10), letztere zur 
Hämorrhoidenbehandlung, eine Wech¬ 
sel dusche mit beweglichem Brausen¬ 
ansatz, sowie einen Dampfstrahl 
(Abb:. 9), ferner eine schräge, kräftige 
Strabldusche. Die Dampfsir&hldusChe 
besteht tn einem an die Dampfleitung 
angeschlossenen, gegen Hitze un¬ 
empfindlichen Gumnnsehlauch mit 
engem Mundstück: und Holzgriff. 

Den Schluß der Badeanlage bil¬ 
den die beiden Ruherftime (Abb, ll), 
ein größerer für Mannschaften, ein 
kleinerer für Offiziere. Decken, Fftßr 
böden und Fenster mußten in den •; 

schon früher wohl nur als Pferdeställe verwendeten Räumen erst geschaffen 
werden. Dem kleineren Raume wurde durch Bespannen der Wände mit dunklen 
Stoffen eine behagliche, beruhigende Stimmung verliehen. Drei Öfen halten die 
Räume auf etwa 25° C. Die 
Kranken lagern auf Liegestühlen, 
insgesamt 25. 

Der Gang der Bade¬ 
behandlung stellt sich folgen¬ 
dermaßen dar: Jeder für die 
Badekur geeignete Rheumatiker 
wird darchschiiittlicli jeden 2. Tag 
mit Mborpäckiingen und an den 
dazwischen liegenden Tagen mit 
Heißluft- und Dampfbädern bg- 
bandelt. Sei bs t Vers t Mu d lieh trifft 
der behandelnde Arzt von Fall 
zu Fall die Entscheidung über 
die Einzelheiten, so daß ein Sche¬ 
matisieren unbedingt, vermieden 

wird. Er bestimmt, ob die Kur erweitert werden soll durch Massagen, Wechsel¬ 
duschen, Dampfsttahlduschen, oder durch mechanische Übungen an üeu Appa¬ 
raten, sowie Teilnahme am gemeinsamen Ffeiübungstumunterriclit. 

Nach Entkleidung in den eben erwähnten Auskleideräumen betreten alle 
Badenden den Massageraum, in deto namentliche Badelisten geführt werden und 
die Verteilung anf die eiuzelneQ Räume erfolgt. Es werden täglich etwa 50 Moor¬ 
packungen und iö bis gö Heißluft Dampfbäder verabreicht Bei Moorpackungen 


Abb. 8. SubwimmbaBSin. 





wird der zn einem zähen Brei angerährte Tori bei eioei? Temperatör von 60 0 aut 
der Pritsche dem zur Packaog bestimmten Kärpeneii, des Kranken anmodelliert 

bgestihlossehw Der ganze Körper wird 
iö wollene Decken verpackt. Die 
Prozedur datiert eine halbe Stunde. 
Nach Abdusehung durchschreitet der 
Kranke die Verbindungsräume zum 
Schwimmbassin, das er passieren muß. 

Im Duscheraum erhält er noch eine 
von lauwarm zu kalt abkJingende Du¬ 
sche und betritt den Ruheraum. Dort 
wird er in ein Baken gehüllt und, in 
wollene Decken eingesehlagen, beqoem 
gelagert. Nach Verlauf einer halbstün¬ 
dige« Ifuhe ist itn allgemeinen der re¬ 
gelmäßig einsfetzehde NachschWeiü vor¬ 
über and völlige Abkühlung erogetreteu. 
Der Kranke kann nun ohne Erkältungs¬ 
gefahr durch den Verbindungsgang sich 
zum Auskleideraum zurückbegeber). Während der kalten Jahreszeit stehen dem 
Lazarett eine Anzahl Daunen-und Pelzmäntel für die Rheumatiker zur Verfügung. 

An den Tagend an denen dem Badenden 
v'f ( ; - ■ • Heißhüt- und Dampfbad verordnet ist, bleibt. 

? --'I t er Äanächst etwa HO Minuten iw Heiülnftraam, 

jp|| wird dann im Massageraum beiß geduscht, ge- 
g*>berj?r,falls massiert, und hält sich noch 
-,i l«> Dis 15 Ministen im Dampfbad auf. Durch das 

Schwimmbassin erreicht er, wie vorhin Dusche 
_ r - and Ruheraum, wo er den gleichen Proze- 

| dnren. wie ao den anderen Togen, unterworfen 

, wird. Einen wichtigen unterstützenden .Faktor 

' . ‘oi-’i des Behandlung dironiseh-rheumatischer Er- 

krankungeo, besonders der Gelenke, sehen wir 
WBtmM * ü unserem medikömeclianlschen übungs- 
mm I Bfl.'i saale, der auch den anderen zahlreichen Kranken, 
,‘V J\ die nach Verwundung oder sonstigen Estre- 

^ *i| mitätenverletznnge« zur orthopädischen Nach- 

i'; behamliong mm zugeschickt, werden, wertvolle 

Dienste ielstrl, Er erbebt weder Anspruch auf 
BHHHBHPBv. Vollständigkeit,' noch auf strenge orthopädische, 

bzw. gelenk-mechanische Logik, Die Anlage 
will ebenso, wie die Badeateta.lt, als bebeKs- 
mäßig hergesteiit utid behelfsmäßig betrieben anfgefaßt werden. Bei Erbauung 
der übungsapparate sind Bavausgaben so gut wie gar nicht entstanden. Zwei 
Pfleger, ein intelligenter Feinmechaniker und ein geschickter Schreiner, haben 
die ihnen gegebenen Ideen im Einzelnen gestaltet,, zum Teil auch von anderer 


Ahb. 9. DuBcheranni, 


Abb. 10. Duscbctmm, 






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Seite Längsachse bewegliches Armauflagebrett zu einem an der Wand be¬ 
festigten Rad führt. Dieses Rad, eia Teil eines alten Motorrades, trägt an der 
Felge ein Schwunggewicht, das ihm Eigeukraft verleiht, Durch verschieden 
weit vom Zentrum vorgesehene Angriffspunkte des Armbrettes kann die Weite 

des Ausschlages, den 


dem Zustande 
des Kranken angepaßt 
werden, Anwendung: 
Rotationsübuageo des 
Schultergelenkes, und 
zwar Anfangsä bangen. 

8. Doppels tu hl; 
a) Roderapparat; 
An den Rudern ist 
der lange Hebelarm 
ersetzt durch Rollen- 
gewichte, b) Hand- 
und Fußbretter, iu 
vertikaler Ebene be¬ 
weglich, erster« vorn 
an den Armlehnen 
befestigt, letztere an Stelle eines Fußschemels. An den Spitzen dieser 4 Bretter 
greift je ein Gewichtszug an, der den Widerstand bildet beim Beugen von 
Hand und Fuß, das Strecken derselben dagegen ausgiebiger gestaltet. 


Abb. .12, t'bungfisaa). Apparate 1 


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Das KrjegaJaaarctt aia Rheamaiikerbad, 


mit ganz engen Sprossen. Beide werden benutzt, zu Fingergreifübnngen nnd An* 
fangsüböngen bei Schültcrgelenksmolnlieieruug. 

11. Ein alter Pnmpeoscbwengel wurde mit seiner Achse in die Wand 
An kurzem Hebelarm greifen Laufgewichte an. Je nach der 


eingelassen 

Rollenfübmng kann eine 
Druck- oder eine Hub¬ 
leistung eingeschaltet 
werden. Anwendung: 

Zur allgemeinen Kräf¬ 
tigung des Armes. 

12. Wagenr ad von 
1,25 m« Die Achse ist 
gleichfalls in die Wand 
eingelassen. Durch einen 
verstellbaren Griff wird 
das Rad vom Sitzenden 
Kranken, dessen Schulter 
in Achsenhöhe sich be¬ 
findet, in Bewegnug ge¬ 
halten. Das schwere 
Gewicht des Rades er¬ 
fordert eine erhebliche 
aktive Inansprßchn&ume der Muskulatur der Schulter und des Armes. 

.18. .Galgenzugapparat für das EUenbogengelenk: An der Wand ist 
ein Galgen mit Rollenführuogen betätigt, und zwar für eine Schnur, 


Abi». 14. Übuugsapparatc 0, 8—12. 


die einer¬ 
seits ein Gewicht trägt, anderseits 
einen Handgriff. Auf einem davor 
stehenden Auflagetischchen wird 
der Oberarm festgeschnallt. Wendet 
der Übende das Gesicht dam Galgen 
zu, wird das EUenbogengelenk ge¬ 
streckt. In umgekehrter Stellung 
wird dasselbe Gelenk gebeugt. 

14. Galgenziigapparat für 
das Schultergelenk: Der üb¬ 
licher über Rollen laufende Ge¬ 
wicht träger, der den Arm eie viert. 

15. HüftpendeJapparat; 
Zweiteilieger hoher Stuhl mit je 
einer Pendelvorrichtnng für rechtes 

und linkes Bein. An einem pendelnden Eisenstab wird das Bein der kranken 
Seite festgeschnallt. Mit gesundem Oberschenkel sitzt der Kranke auf dem Stuhl. 

Der Bilderschmuck an den Wänden, zum gröiiten Teil auf den beigefflgten 
Photographien sichtbar, ist von einem freiwilligen Pfleger entworfen und ans- 
geführt. Es sollen dadurch die Kranken bei. Erledigung langweiliger Übungen 
erheitert werden. 


Abb. 16. Übungsapparate 12—14. 







AM». 3»>. üljuagsgswl, Wandgemälde. 

Gegenüber dem t’tmngss&ale, am Ende d.i?t Wandelhalle, ist für die Kranken 
des Lazarettes ein Lese- sind Unterhaltungszimmer, zugleich Warteranra 
der Badegäste, eingerichtet« 

Vervollständigt vviui die ganze Badeanlage durch 'Einbeziehung des großen 
Hofes und eines anschließenden durch hohe Mauern geschützten Gartens als Licht-, 
Lut't- und Sportb&d, der Garten besonders fiir Liegekuren mit .Sonnenbestrahlung, 
der Hof für turnerische Betätigung, Bewegungsspiele Und dergleichen. Das Inventar 
bilden Liegestühle r Hängematten, große Pritschen, Turngeräte! 

Durch eine hohe F&sehinenwand ist der zum'Sonnenbad -gehörige Teil des 
Hofes vom Seroiriargebüade abgeschlossen. Letzteres ist jetzt als Lazarettstation 
van 120 Betten eingerichtet und beherbergt die dem Lazarett von anderen Kriegs*-, 
sowie Feldlazaretten und Truppenärzten zugewieseoei*.Rheumatiker. Badeanstalt 
und Bhenuiatikerstatiön bilden somit ein orgatüsehes Ganze. 

Zum Schluß ein Wort über unsere Heilerfolge, Bei deren Beurteilung 
ist zu berücksichtigen, daß die uns zur Verfügung stehende Zeit, innerhalb deren 
ein greifbares Resultat erzielt sein muß, aus dienstlich notwendigen Gesichts¬ 
punkten heraus sehr beschränkt ist. Es bleiben jm» zur Behandlung durch¬ 
schnittlich nicht mehr als 3 bis 5 Wochen, da »ier vorausgegangene, anderweitige, 
meist mehrwöchige Lazareitaufentbalt auf die Gesamtliehandlnngsdaner mit un¬ 
gerechnet wird. In 
dieser kurzen Zeit 
ist natürlich bei 
al len schwerer Kran¬ 
ken, und hierzu Ist 
ein großer Teil dev 
Ischtadiker und chro¬ 
nischer Arthritiker 
zu rechnen, kein 
nennenswertes Ziel 
zu erreichen. Der¬ 
artige Fälle werden 
nach kurzer Beob¬ 
achtung, sobald sieb 
herausstellt, daß 
die Kur zu keiner 

Abb. 17. Wartmun» noU Lesezimmer rase!» fdftschrei- 




Das Kriegalaaareti als Ebeumatiker’b^ 1 ^ 


tenden Besserung 
'führt, nach <ler 
Heimat überwie¬ 
sen, Bei 30 % der-- 

Kranken wurde das 
endgültige Resul¬ 
tat, Herstellung 
irgend eines Pfa¬ 
des von Dienst¬ 
fähigkeit oder 
Heimtransport, in¬ 
nerhalb der ersten 
4 Wochen ihres 
hiesigen Aufent¬ 
haltes, Z: bei s den 
übrigen später, iu 

einzelnen Fällen bis zu 8 Wochen erzielt. Als „dienstfähig 
lassung % t nach der Heimat überführt werden mußten '37 °/ ( , 
gruppen eingeteiit, ergiebt sich folgendes Bild: 

dienstfähig entlasse« 

Ühergefuiurt £. 
dienstfähig entlassen . 

Übergeführt . .V'V ,< 
dienstfähig entlassfin 
übergefübrt .. 

Die Heilerfolge sind also, wie es auch durchaus verständlich- ist, bei Ischias 
am ungünstigsten, bei MnsfeelrheiOB&tismas am besten. Fälle Von akuter Poly- 
arthritia kamen selten zur Beobachtung. Alles in allem sind, unter Berücksichtigung 
der zu tmseren Dogunsten sprechenden Faktoren — ünerprobtheit des verwendeten 
Moores, Behelfsroäßigkeit der Bäder, Cugegchultlieit Äes Personals, häufig man¬ 
gelnder Wille des Kranken zu rascher Heilung, Behaftung vorzüglich älterer 
Jahrgänge mit rheumatischen Leiden, Kürze der Behairdlnugsdnuet — die er¬ 
reichten Ergebnisse nicht als schlecht zu bezeichnen; Tlxemv kommt, daß sein- 
leichte Fälle, besonders wohl di« sogenannten refrigeratorischea Myalgien und 
Arthralgien, die naturgemäß die Statistik günstig beeinflussen würden, mn- seiten 


Abb. 18. Sonnenbad. 


kamen zur :Ent 
Mach Krankheits 


Ischias 


Gelenkrheumatismus 


Muskelrbeumatismus 


Abb. 19. Modell der JhHleaastalt 










16 


Lange, Das Kriegslazarett als Rheumatikerbad. 


za ans gelangen, da sie bereits bei der Trappe and im Feldlazarett geheilt 
werden. 

Die Anssortiernng der Kranken, sowohl bei der Aufnahme, wie bei der Ent¬ 
lassung, ist sehr schwierig. Zahlreiche Neurastheniker and Grenzfälle, bzw. Fehl¬ 
diagnosen, verbergen sich darunter. Eine derartige Anhäufung einer bestimmten 
Krankheitsart wie in unserem Lazarett, ergibt außerdem gegenseitige ungünstige 
Beeinflussung, begünstigt Übertreibung und Simulation. Der jeweilige Stationsarzt 
hat eine sehr schwierige, oft undankbare Aufgabe, bekommt aber in der Beur¬ 
teilung seiner Kranken bald die Übung eines Spezialisten. Und das ist der Vorteil 
einer Spezialstation für Rheumatiker, die sich sonst, auch in der Friedenspraxis, 
keiner besonderen Beliebtheit erfreuen und gern abgeschoben werden, nicht zum 
Vorteil ihres physischen und psychischen Zustandes. Der gewöhnliche Gang der 
Badebehandlung wurde oben bereits skizziert. Natürlich muß seitens des Stations¬ 
arztes von Fall zu Fall modifiziert und individualisiert werden. Besonderes Gewicht 
wird bei allen Kranken, zumal im letzten Stadium der Behandlung, ständig steigend 
bis zur Entlassung, auf eine energische Abhärtung gelegt. Der beratende Innere 
Mediziner unserer Armee, Herr Generalarzt Professor Goldscheider, der unsere 
Badeanstalt und ihren Erfolgen großes Interesse entgegenbringt und dem wir 
viele Anregungen zu verdanken haben, betont neben der Wichtigkeit firühzei* 
tiger Bewegungsübungen stets die Notwendigkeit einer sinngemäßen Kaltwasser¬ 
behandlung. 

Als Ergänzung für die verschiedenen zur Verfügung stehenden Wärme¬ 
applikationen wurde ein von den Lazarettwerken erbautes Glühlichtbad mit 
36 Kohlenfadenlampen in der Rheumatikerstation aufgestellt und mit einer beson¬ 
deren Dusche- und Badeeinrichtung verbunden. 

Von 2 Pflegern wurde im Frühjahr 1916 ein naturgetreues Modell der 
gesamten Badeanlage angefertigt und der Kriegsärztlichen Ausstellung in Berlin 
zugeführt. 


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E. Roth, Wildlingen, eines unserer ältesten Bäder. 


17 


III. 


Wildlingen, eines unserer ältesten Bäder. 

Von 

Prof. l>r. E. Roth 

in Halle a. S. 


Der Zeitpunkt ist zwar nicht mit Gewißheit zu bestimmen, an dem zuerst Leidende 
diese Quellen zwecks Wiedererlangung der Gesundheit aufgesucht haben, doch kamen ge¬ 
schichtlichen Urkunden zufolge sicher bereits im Anfang des 15. Jahrhunderts Kranke zum 
Zwecke einer Kur nach Wildungen. War nun auch bei den kindlichen Anschauungen der 
damaligen Zeit über Chemie und Physiologie eine eigentliche Begründung der Heilanzeigen 
unserer Quellen nicht möglich, so hatten doch längere Erfahrungen und sorgsame Beob¬ 
achtungen eine besonders wohltätige Wirkung bei Harnleiden bereits frühzeitig festgestellt, 
und eine Reihe von Schriften gibt Nachricht über Wertschätzung, welcher sich Wildungen 
in den Ärztekreisen, wie beim Publikum erfreute. 

So gab Mathias Ramelovius 1651 eine „kurtze Beschreibung der Sauerbrunne 
zu Wildungen in der Grafschaft Waldeck 44 heraus, in welcher er die Verachtung des 
Wassers wegreumen, jedermann den rechten Weg weisen und die Würde dieser Sauer¬ 
brunne wider auffgraben will, da die bisher erschienenen Schriften scheinbar nicht mehr 
zu haben seien. Im ersten Buch verbreitet sich unser Verfasser über die Natur und den 
Gebrauch der Sauerbrunne überhaupt und speziell der 4 Wildunger Quellen. Dann folgen 
die Ingredientien der Sauerbrunne, durch welche sie ihre Operation verrichten, wobei 
er bis auf Paracelsus zurückgreift. In der Mixtur des spirituum mineralium behält der 
martialische den Vorzug, diesem folgt der vitriolische; die geringsten seien die zwei 
letzten, durch gewisse portion und proportion vereinigt und temperiret. Daneben gibt 
ein gewisses Salz die Hauptwirkung, doch ist dieses das größte Geheimnis der Natur 
und bisher nicht ergründet. Ueber die Krafft und Wirckung der Wildunger Sauerbrunnen 
urteilt Ramelovius, daß sie ihrem Wesen nach innerlich und äußerlich gebrauchet er¬ 
wärmen und den Leib von seinen unnatürlichen Feuchtigkeiten außtrocknen, doch geschieht 
solches gantz temperal und mit einer der Naturen Anmutigkeit, in specie alle Krankheiten, 
so auß einer Versamblung bözer Feuchtigkeiten und Verstopfung entstehen mögen, können 
dize Sauerbrunnen auß dem Weg nehmen. Unser Gewährsmann warnt aber vor eigen¬ 
mächtigen Kuren ohne Hinzuziehen des Arztes, da sie hohen und heftigen Schaden an- 
richten könnten; Juni und Juli sei die geeignetste Zeit für die Patienten, doch sei auch 
der Mai und August nicht gänzlich zu verwerfen. Ein Uebermaß im Trinken der Wil¬ 
dunger Wasser ist zu vermeiden, man soll allgemach mit wenigem die Natur dazu ge¬ 
wöhnen, damit sie den Brunn mit Nutzen annimmt, auch darf das W T asser nicht auf 
einmal in den Körper gegossen werden. Immerhin soll die Quell frisch getrunken werden, 
denn unser Arzt besorgt, daß mit des Wassers Kälte zugleich die Krafft dahingehe, daß 
man sonst nur wenig Nutzen spüren möchte. Die damals so beliebten Magen morsellen 
und sonstige Gaben spielen denn auch hier ihre Rollen. Während man im allgemeinen 
bei Trinkkuren mit einer geringen Glaszahl beginnt, ansteigt und wieder gewissermaßen 
auf den Anfang zurückgeht, hat Ramelovius oftmals einen guten Erfolg mit einer zwei- 

ZeiUchr. f. physik. u. diät Therapie B<L XXL Heft 1. 2 


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18 


£. Roth 


maligen Steigerung der Wassermenge erzielt. Unter der Diät für die Patienten faßt er 
nicht nur Vorschriften über das Essen und Trinken zusammen, sondern auch allerlei Rat¬ 
schläge in betreff der Luft, der Bewegung, Ruhe, Schlafen, Wachen, Eröffnung wie Ver¬ 
stopfung usw. 

Die eigentliche Badekur kann erst einsetzen, wenn der Patient etliche Wochen den 
Brunnen getrunken hat, wobei nur der Arzt den Beginn und Schluß festzulegen vermag, 
wie alle Einzelheiten anordnen muß. 

In dem Kapitel, das von den Zufällen handelt, so sich offte bey den äußerlichen 
und innerlichen Gebrauch der Sauerbrunnen zutragen, spielt auch das Harnschneiden 
eine gewisse Rolle; zuerst stößt man hier auf die Erwähnung von Harnbeschwerden, die 
freilich bei den* speziellen Indizien Wildungens später wieder auftauchen, aber eigentlich 
so nebenbei erwähnt werden. Die Hauptvorzüge unseres Kurortes zeigen sich bei 
Schwachheiten des unteren Leibes, namentlich des Bauches, des Mittelleibes, der Brust, 
des Hauptes, dann bei Beschwerden an Armen, Beinen und der Haut. 

Ein 1664 erschienenes Buch desselben Verfassers enthält kaum etwas Neues, nur 
druckt er die Ausführungen von Johannes Wolff 1580 und 1621 Ellenbergers Urteil 
über den Wildunger Sauerbrunnen ab, auf die er sich häufiger bezieht. Daß es bereits 
in jenen Zeiten Ärzte gab, die es nicht verschmähten, mit ihrem Namen, sagen wir mal. 
Industrieerzeugnisse zu decken und zu empfehlen, davon zeugt eine kurtze, dennoch 
gründliche Beschreibung und Lobspruch des ..... wohlbekannten Wildunger Bieres aus 
der Feder unseres Ramelovius, welches bei allen Krankheiten trefflich zu gebrauchen 
sei, auch Gicht und Poodagra heile. Sapienti sat! 

Freilich stimmt auch Ramelovius in Gemeinschaft mit Georg Bollmann noch 
einmal das Lob des Wildunger Bieres an, in einer Schrift, welche 1682 durch Johannes 
Ingebrand von neuem aufgelegt wurde und neben Wildungen auch die Vorzüge Pyr¬ 
monts behandelt. Noch immer haben wir es mit den Quellen zu tun, dem Stadtbrunnen, 
dem Thalbrunnen, dem kleineren Sauerbrunnen, dem Reiuhartershäuser Brunnen. 

Rudolf Friedrich Ovelgun gibt in seinem „Gründlicher naturgemäßer Entwurf! 
derer uhralten Wildungenschen Mineralwasser oder derer sogenannten Sauer^ und Salz¬ 
brunnen 1725“ eine Geschichte des Ortes aus alten Chroniken, woraus zu entnehmen ist. 
daß bereits 1372 das damalige Johanniterhaus zum Spitahl eingerichtet wurde und zu 
wiederholten Malen der Wildunger Wein den Rheinwein an Güte beträchtlich hinter sich 
ließ. Er weiß von 8 Brunnen zu berichten, von denen freilich zwei eigentlich nicht im 
Wildunger Amt liegen. Seine geschichtlichen Studien lassen ihn auch von allerhand 
Ärzten berichten, die über Wildungen geschrieben haben, wenn ihre Bücher auch wohl 
kaum mehr zu erlangen sind, da sie selbst der damalige Schriftsteller nicht mehr auf¬ 
zutreiben vermochte. Neben solchen verlorengegangenen Schriften stützt er sich aber auf 
Friedrich Hoffmann, dem hochberühmten Professor, auf Mich. Bernh. Valentini zu 
Gießen und andere. Wir erfahren auch hier zum ersten Male, daß das Wildunger Wasser 
versandt wurde, daß beispielsweise Schweden wie Strelitz regelmäßige Abnehmer desselben 
waren, während sonst das gesamte Deutschland hier und da diesen Brunnen trank, so daß 
im Jahre 1724 an 18 000 Schluten hinausgingen. Die weitschweifigen Ausführungen 
Ovelguns von dem wahren medizinischen Gehalt der Wildunger Wässer gipfeln in dem 
Ausspruch, daß es sehr wohl möglich sei, daß außer den von ihm angeführten Ingre¬ 
dienzien noch ein mehreres in diesem Brunnen verborgen sei, das die wahre Wirkung 
hervorbringe, aber bei dem damaligen Stand der Wissenschaft nicht zu erfassen sei. 
Die Hauptwirkung der Wildunger Heilquellen besteht in der gelinden Anziehung aller 
festen faserigen Theile unseres Leibes und dieserwegen beuget er allen besorgenden 
Schlaffheiten derer Solidorem auf das Beste vor, hebet die würcklich anwesende Laxität 
derer unreinen partien, vermehret ihre bewegende Kläffte, befördert mithin den Umgang 
des Geblütes, presset und drücket die hin und her im Geäder stockende unreine Säffte 
heraus und hebet solchermaßen alle Verstopfungen. Ovelgun weist auch vor allem auf 
die heilsamen Wirkungen von Wildlingen bei Harnbeschwerden hin, mit Grieß- nnd Stein¬ 
schmerzen Behaftete sollte man an diesen Heilbrunnen senden, wo Linderung ihrer harrte, 
was durch viele Beispiele verbürgt sei. 


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Wildlingen, eines unserer ältesten Bäder. 


19 


Man darf also wohl von einer Bliite des Wildunger Bades um die Mitte des 18. Jahr¬ 
hunderts sprechen, dem leider eine Zeit des Niederganges folgte, wenn auch der Flaschen¬ 
versand sich stets um die 30000 herum bewegte. Erst durch einen Wich mann, Osann, 
Hufeland fing man an, Wildungen wieder zu beachten, doch vermochten die trostlosen 
Verhältnisse an Ort und Stelle geraume Zeit eigentlich nur die Kranken zu verscheuchen. 
Erst die Übernahme des alten Bades in die Hände einer Aktiengesellschaft brachte einen 
Umschwung am Ende der fünfziger Jahre des vorigen Jahrhunderts hervor. Zahlen be¬ 
weisen! W T ährend vor 1856 die Anwesenheit von 10—20 Gästen schon eine gute Saison 
bedeutete, zählten die Kurlisten von 1888 bereits 3210, die von 1913 gar 14G64 Per¬ 
sonen auf; 1865 wurden 2857 Bäder verabfolgt, 1885 waren es erst 8519, ein Jahrzehnt 
später hatte sich diese Zahl verdoppelt, nach abermals 10 Jahren schloß man mit 43550 
ab und 1913 erreichte nahezu das 70. Tausend. Der Flaschen Versand von 65000 im 
Jahre 1865 war ein Jahrzehnt darauf nahezu auf das Fünffache gestiegen, 1895 nannte 
man die Ziffer von 810 000 Flaschen, 1905 von etwa 1400000 und 1913 hatte man 
die zweite Million längst hinter sich und steuert mit Riesenschritten auf die dritte zu. 

Natürlich erwiesen sich bald alle Einrichtungen als zu klein, die ständig um- und neu- 
gebaut wurden. Das neue Badehaus weist als 1904 erstanden alle Neuigkeiten in dieser 
Richtung auf, Stadtverwaltung wie Kurverein wetteifern, das Bad ständig zu heben. 

An Trinkquellen stehen heute 5 zur Verfügung, von denen die Helenenquelle eine 
Sonderstellung einnimmt; man kann von ihr nur kurz und bündig hervorheben: Der harn¬ 
treibende Einfluß tritt namentlich in starker und reichhaltiger Weise hervor; bei länge¬ 
rem Gebrauche benimmt dieses Wasser dem Urin seine Säure und macht denselben neutral 
oder gar alkalisch. Neben den Trinkquellen kommen die vortrefflichen gasreichen Mineral¬ 
bäder Wildungens als ein wesentliches Kurmittel in Betracht, welche namentlich auf die 
weiblichen Sexualorgane hervorragend heilend wirken. Doch auch mancherlei andere Ge¬ 
brechen bessern sich in Wildungen und Dr. Marc hebt aus seiner langjährigen dortigen 
Praxis hervor, daß man die Unterstützung, welche allgemeine hygienische und diätetische 
Faktoren dort zu bieten vermögen, oftmals nicht genügend in Rechnung stellt. Neben 
den Krankheiten der Harnorgane habe man Störungen der Blutmischung, Katarrhe der 
Atmungs- und Verdauungsorgane besonders ins Auge zu fassen. Die Helenen- wie Georg- 
Viktor-Quelle vereint mit den Sprudelbädern geben ein Dreiblatt, wie es eben kein anderes 
Bad aufzuweisen hat als eben nur Wildungen. 


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20 


Referate Ober Bücher und Aufsätze. 


Referate über Bücher und Aufsätze. 


A. Diätetisches (Ernährungstherapie). 

Oskar Loew, Zar chemischen Physiologie 
des Kalks bei Mensch and Tier. Manchen 
1916. Verlag der ärztlichen Rundschau Preis 
M. 2,50. 

In den letzten Jahren ist der physiologi¬ 
schen Rolle des Kalks erhöhte Aufmerksamkeit 
gewidmet worden. Die Forschungen des Ver¬ 
fassers haben hierzu nicht am wenigsten bei¬ 
getragen. Eine zusammenfassende Schrift aus 
seiner Feder darf daher des allgemeinsten 
Interesses sicher sein. 

Zunächst werden die physiologischen 
Funktionen des Kalks und der Magnesia und 
der sogenannte Antagonismus dieser Stoffe 
geschildert. Die folgenden Kapitel behandeln 
eingehend die Bedeutung des Kalkgehalts der 
menschlichen Nahrung, die Folgen des Kalk¬ 
mangels und den Nutzen der Kalkzufuhr. 

Hier finden sich interessante statistische 
Angaben, aus deren Ergebnissen folgendes 
hervorgehoben sei: Die kalkreichsten Nahrungs¬ 
mittel sind Gemüse (Kohl) und namentlich Milch 
und Käse. Bei Mangel an diesen Stoffen müssen 
die Kalksparer, Nahrungsmittel mit alkalischer 
Asche, welche die Kalkretention befördern, in 
erhöhtem Maße zur Ernährung herangezogen 
werden (Kartoffeln, Obst). 

(Auch von diesem Gesichtspunkt aus zeigen 
sich also die Gefahren der jetzt beliebten Ein¬ 
schränkung des Milch- und Käseverbrauchs. 
Der unbeschränkten Einfuhr dieser wichtigen 
Lebensmittel dürften keinerlei Hindernisse be¬ 
reitet werden. Kartoffeln allein können nicht 
alle anderen Nahrungsmittel ersetzen. In dem 
bekannten kräftigen bayerischen Ausspruch 
von den Kartoffelessem mag wohl ein Körn¬ 
chen Wahrheit verborgen sein. D. Ref.) 

Weitere Kapitel behandeln den Kalkbedarf 
während der Schwangerschaft und Stillperiode, 
den Kalk in der Therapie und schließlich die 
Kalkzufuhr bei den Haustieren. Die gesamte 
Literatur ist stets sorgfältig berücksichtigt? 


viele Bemerkungen aus der reichen Erfahrung 
des Verfassers werden zu weiterem Nachdenken 
anregen. 

Der Schrift ist weiteste Verbreitung zu 
wünschen; — nicht nur in wissenschaftlichen 
Kreisen. Auch der Laie, der sich ja vielfach 
zur Regelung von Ernährungsfragen für be¬ 
rufen hält, wird sie mit Nutzen lesen. 

Walter Brieger (Berlin). 


A. Beythlen und H. Hempel, Über die 
Tätigkeit des chemischen Untersuchung«- 
amtes der Stadt Dresden im Jahre 1915. 

(Pharm. Zentralhalle 57. Mai bis August 1916.) 

Der Bericht der Verfasser verdient wegen 
seines amtlichen Ursprungs besonderes Inter¬ 
esse. Einige ihrer Untersuchungsergebnisse 
seien kurz angeführt: 

Das Mohrsche Ochsenagelöe enthielt 81 °/ 0 
Wasser und 8 % Kochsalz, Ochsena-Pflanzen- 
fleischextrakt 11% Wasser und 41,5% Koch¬ 
salz. Beiden fehlte Kreatinin. 

Eiersatzmittel, wie „echtes Dresdner Ei¬ 
pulver“, Töllners Präparate, Eigolin, Gloria, 
Kavaliereiersatz bestanden im besten Falle aus 
gelbgefärbtem Mehl und Milchzucker, sonst aus 
Kartoffelstärke. 

Butterpulver, Butterstreckungspulver, But¬ 
tersparer waren gelbgefärbtes Kartoffelmehl 
mit 10—20 % Kochsalz und etwas Natron, 
„Natura Butterersatz“ und „Deutsche K-Butter“ 
enthielten immerhin 25 % Butter, der Rest 
war — Kartoffelstärkekleister. 

Saxonia-Himbeer-Marmelade hieß ein ge¬ 
färbter und aromatisierter Mehlkleister; anderer 
Marmeladenersatz bestand aus ebenso behan¬ 
deltem Mohrrüben- und Kohlrübenbrei, der be¬ 
reits in Gärung übergegangen war. 

Feinster Lößnitzer Fruchthonig: 20%iger 
Zuckersirup, gefärbt aromatisiert, mit etwas 
Säure versetzt. 

Kaiserpunschpulver: Zucker; dazu Farb¬ 
stoff, Weinsäure, Gewürz quantum satis. 


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Referate über Bücher und Aufsätze. 


21 


Schäfers Gesundheitskaffee: gebrannte 
Gerste und Früchte. Kaffeetabletten „Mokka¬ 
extrakt“ enthielten neben Traganth 30 % Milch¬ 
zucker. 

Das Schokoladepräparat „Somnol“ von 
A. Schäfer bestand zu 64 % aus Zucker. Ähnlich 
gehaltvoll waren Nährkakao Milchliesl (mit 
ganzen 20% Kakao). Lebona-Milchzuckerkakao 
und Schokolana. 

Die Verfasser meinen, ihre im Jahre 1914 
ausgesprochene Ansicht, der Krieg werde keine 
erhebliche Zunahme der Nahrungsmittelverfäl¬ 
schung mit sich bringen, nicht mehr aufrecht er¬ 
halten zu künnen. 

Dem kann man sicherlich nur zustimmen, 
und es ist erfeulich, daß neuerlich durch drei 
Verordnungen des Reichskanzlers der Versuch 
gemacht worden ist, dem Ersatzmittelunwesen 
zu steuern. 

Freilich haben Gesetze nur dann Wert, 
wenn sie auch durchgeführt werden, und hierzu 
wäre es erforderlich, nicht nur die Schwindler 
selbst, sondern auch diejenigen zur Verant¬ 
wortung zu ziehen, die sie in Wort oder Schrift, 
aus Unwissenheit oder Gewinnsucht unter¬ 
stützen. Walter Brieger (Berlin). 

D1 s q u 4 (Potsdam), Magen« und Herzneurosen 
der Kriegsteilnehmer* Reichs-Medizinal- 
Anzeiger 1916. Nr. 22 

Die Feststellung der Magenneurosen ge¬ 
schieht durch Mageninhaltuntersuchung, sowie 
durch Berücksichtigung der verschiedenen Ma¬ 
gen- und allgemeinen nervOsen Beschwerden. 
Bei den Berzneurosen kommt noch der Röntgen¬ 
befund hinzu. Herzkrankheiten werden im 
Kriege viel zu oft diagnostiziert. Bei Magen- 
nenrosen empfiehlt sich eine nahrhafte Kost, 
viel Ruhe, Liegen im Freien, sowie die An¬ 
wendung milder Hydrotherapie. Auch bei den 
Herzneurosen ist Ruhe die Hauptsache; zu 
warnen ist vor Kohlensäurebädern. Eine even¬ 
tuelle Rente oder besser einmalige Abfindung 
ist niedrig zu bemessen. E. Tobias (Berlin). 

Fritz Tedesko (Blumau), Einfluß reiner 
Zuckerdiät auf Ödeme bei chronischer 
Nephritis. W. kl W. 1916. Nr. 46. 

Ausschließliche Zuckerkost mit Fruchtsaft 
oder Tee in Tagesmengen von 250—400 g be¬ 
wirkt bei Nierenkranken rasche Ausscheidung 
der Ödemflüssigkeit unter Besserung des Ge¬ 
samtzustandes. Selbst in Fällen, wo starke 
Herz- und Nierenmittel versagten, konnte bei 
Zuckerdarreichung eine gute Beeinflußbarkeit 
des Nierenprozesses beobachtet werden. Man 


gibt anfangs drei bis vier zusammenhängende 
Zuckertage, später zwei Tage in der Woche. 
Schädigungen des Magendarmtraktes traten 
auch bei Ausdehnung des reinen Zuckerregimes 
auf mehrere Tage nicht auf. Diese diätetische 
Behandlung ist im Gegensatz zu der sonst ge¬ 
bräuchlichen Schonungsdiät ihrer Einfachheit 
halber überall, selbst im Frontbereiche durch¬ 
zuführen. W. Alexander (Berlin). 

Max Wlnckel, Obst, Gemüse, Kartoffel, 
deren Nahrungs« und Gesundheitswert. 

München 1916. Gerber. Preis M. 1,20 
Das Büchlein will eine allgemeinverständ¬ 
liche Darstellung von der Bedeutung der 
Pflanzenkost, namentlich für die Ernährung im 
Kriege, geben. Abgesehen von der nachgerade 
sattsam bekannten Tendenz, den Wert der 
vegetabilischen Nahrung, besonders der Kar¬ 
toffel, auf Kosten der animalischen heraus¬ 
zustreichen, dürfte die Darstellungsweise ihren 
Zweck erfüllen. Leider hat sich der Verfasser 
im Vorwort einige unschöne Ausfälle politi¬ 
scher Natur nicht versagen können. Im übrigen 
kann die Schrift empfohlen werden. 

Walter Brieger (Berlin). 

H. Nothmann (Neukölln), Beiträge zur Be¬ 
deutung und Behandlung des Erbrechens 
Im frühen Kindesalter. Therap. Monatsh. 
1916. September. 

Auch die einfachen „Speikinder“ sind zu 
beobachten; auch bei ihnen bedeutet das Speien 
eine Ernährungsstörung, die meist durch Ober¬ 
oder Falschfütterung verursacht ist, manchmal 
auch den Anfang einer sich langsam und 
schwerer entwickelnden Ernährungsstörung 
darstellt. Im Gegensatz zu dieser leichtesten 
Brecbstörung führt eine lückenlose Abstufung 
zu den schwersten lebensbedrohenden Formen. 
Mannigfach sind die Ursachen des Erbrechens 
und seine Zusammenhänge mit den verschiedenen 
allgemeinen und Organerkrankungen. Noth¬ 
mann weist hin auf den Zusammenhang 
zwischen Erbrechen und Erkrankung der oberen 
Luftwege, auf das „initiale Erbrechen“ bei 
akuten Erkrankungen der Nase, des Kehlkopfs, 
der Bronchien usw., auf das Erbrechen bei 
grippalen Erkrankungen, das häufig das einzige 
Zeichen der Infektionskrankheit darstellt. 
Nothmann geht der Ursache des initialen 
Erbrechens nach und erörtert die verschiedenen 
Möglichkeiten, wie eine Schwellung der Mesen¬ 
terialdrüsen oder der lymphoiden Organe des 
Darmes. Anders bedingt ist das Erbrechen 
bei hustenden Kindern, das Erbrechen bei 


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22 


Referate über Bücher und Aufsätze. 


Steigerung der Erregbarkeit der sensiblen 
Rachennerven usw., das nervöse Erbrechen. 
Nothmann gedenkt des „pathologischen Be¬ 
dingungsbrechreflexes“, dann des Erbrechens 
als Komplikation der Naso-Pharyngitis. Auf 
zahlreiche therapeutische Momente wird dann 
noch hingewiesen, die im Original nachgelesen 
sein wollen. E. Tobias (Berlin). 


B. Hydro-, Balneo- und Klimato- 
therapie. 

Hermann Rieder (München), Körperpflege 
durch Wasseranwendung. 2. verb. Auflage. 
200 S. 10 Tafeln u. 16 Abbildungen im Text. 
Stuttgart Ernst Heinrich Moritz, Bücherei der 
Gesundheitspflege. 

Das Bestreben, den Wert des Wassers für 
die Erhaltung und Kräftigung der Gesundheit 
auch weiteren Kreisen klarzumachen, ist an 
und für sich sehr dankenswert und wird es 
doppelt, wenn es von einem Fachmanne aus¬ 
geht, welcher, wie der Verfasser, über eine 
reiche Erfahrung auf diesem Gebiete verfügt. 
Zunächst gibt Rieder einen kurzen Abriß der 
Geschichte der Wasseranwendung, wobei er 
auch die jetzt bestehenden bekanntesten öffent¬ 
lichen Badeanstalten nennt und außer dem 
Badewesen in Deutschland auch jenes von 
Frankreich, Dänemark, Norwegen, Schweden, 
Rußland und Japan bespricht. Die hervor¬ 
ragenden Badeeinrichtungen der mit zahl¬ 
reichen Thermen gesegneten Hauptstadt Ungarns 
scheinen dem Verfasser nicht bekannt zu sein, 
da er derselben keine Erwähnung tut. 

Die zwei folgenden Abschnitte des Buches 
sind einer Besprechung der physikalischen 
Eigenschaften des Wassers und der physiologi¬ 
schen Wirkung äußerlicher Wasseranwendungen 
gewidmet. Die Abbildung eines mikroskopi¬ 
schen Querschnittes der menschlichen Haut 
erleichtert das Verständnis der vielseitigen 
Funktion dieses Organs. Bei der darauf¬ 
folgenden Besprechung der Vorschriften und 
Regeln für den äußerlichen Gebrauch des , 
Wassers wird in dankenswerter Weise immer | 
wieder betont, daß Kaltwasseranwendungen 
kurzdauernd sein müssen, und daß die Haut 
warm und blutreich sein muß, bevor das Wasser i 
auf sie ein wirkt. Je kälter das Wasser und I 
je kürzer die Wasseranwendung, um so kräf¬ 
tiger die Reaktion. Es folgt eine Beschreibung I 
der direkten und indirekten Wasseranwen- | 
düngen, ihrer physiologischen Wirkungen und 
therapeutischen Verwertung. Eine Anzahl guter 


Abbildungen, unter denen nur die photographi¬ 
schen Darstellungen nicht immer befriedigen, 
weil sie die Bewegung nicht wiederzugeben 
vermögen (s. Tafel 2: Teilabwaschung und 
Tafel 7 Halbbad mit Frottierung und Über¬ 
gießung) dient zur Erläuterung des Textes. In 
dem Kapitel: Umschläge, Wicklungen und 
feuchte Einpackungen fehlt die Japanische 
Wärmeschachtel und die Buxbaumsche Ein¬ 
packung. Unter den Zimmer-Duschapparaten 
wäre auch der Winternitz sehe Ombrophor 
zu nennen gewesen. Sehr richtig ist die Be¬ 
merkung über die fehlerhafte Anlage der Bade¬ 
zimmer, welche selbst in neugebauten Häusern 
oft kleine dunkle Räume sind. 

Das Kapitel „Seebäder“ ist ungenügend. 
Die Zahl der deutschen Seebäder beträgt nicht 
80, sondern erreichte schon im Jahre 1913 die 
stattliche Anzahl von 184. Ebbe und Flut 
sind für den Wellenschlag von untergeordneter 
Bedeutung, denn bei Windstille fehlt auch der 
Nordsee die kräftige Wellenbewegung. Ebenso 
unzureichend ist die Beschreibung des Halb¬ 
bades und die gegebene Abbildung (s. Tafel 7) 
ist im Widerspruch zu der auf S. 133 richtig 
zum Ausdruck gebrachten Forderung, daß die 
Badewanne freistehen muß. Bei der Be¬ 
sprechung der Fuß- und Handbäder wurde zu 
wenig Gewicht darauf gelegt, daß heiße Fuß- 
und Handbäder nur dann ihren Zweck ganz 
erfüllen, wenn die Beine bis zu den Knien und 
die ganzen Vorderarme in das heiße Wasser 
eintauchen (Po tot zky sehe Bäder). Sehr 
dankenswert ist die Besprechung und bildliche 
Darstellung der Volks- und Schulbrausebäder. 
Ebenso wertvoll sind die von Rieder gegebenen 
Regeln für die Wasseranwendung und Abhärtuug 
im Kindesalter. 

Der letzte Abschnitt des Buches ist der 
innerlichen Anwendung des Wassers, dem 
Wassertrinken, gewidmet, wobei es auffällt, 
daß der Verfasser die im Darm erfolgende 
Aufsaugung des Wassers in den Magen ver¬ 
legt. Warum Rieder bei der innerlichen An¬ 
wendung des Wassers des Klysmas und der 
Darmspülungen keine Erwähnung tut? 

Die genannten kleinen Mängel treten aber 
völlig in den Hintergrund gegenüber dem rei¬ 
chen vortrefflichen Inhalt des Werkes, welcher, 
obwohl für die breiteren Gesellschaftsschichten 
berechnet, auch berufen ist, dem auf dem Ge¬ 
biete der Hydrotherapie weniger erfahrenen 
Arzte eine Reihe wertvoller Winke zu geben 
und demselben ein verläßlicher Ratgeber zu 
sein. Glax (Abbazia). 


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Referate über Bücher und Aufsätze. 


23 


A. Fachs and S. Gross (Wien), Inconti¬ 
nentia resicae und Enuresis noctnra bei 
Soldaten. W. kl. W 1916. Nr. 47. 

Eine dankenswerte Studie über die an der 
Front so zahlreichen, wie rätselhaften und 
schwer heilbaren Fälle von Inkontinenz der 
Blase. Die Verfasser unterscheiden mit Recht 
vier Gruppen: 1. Kongenitale Enuretiker, 2. Er¬ 
worbene Inkontinenz, 3. Erworbene Inkontinenz 
bei schon bestandener Enuresis, 4. nächtlich 
Kontinente mit Pollakurie und Abtropfen bei 
Tage, im Felde verschlimmert. 

Durch Zystoskopie und endovesikale elek¬ 
trische Prüfung fanden die Verfasser, daß es 
sich um einen Krampf des Detrusor bei 
normalem Verhalten des Sphinkter handelt. 
Damit stimmten die Symptome überein, die be¬ 
standen in Schmerzen beim Anfüllen der Blase, 
geringe Kapazität (150—200 ccm), schwerere 
elektrische Reizbarkeit des Detrusor als des 
Sphinkter. Bei therapeutischen Versuchen 
zeigte sich, daß die bekannten krampflösenden 
Medikamente wirkungslos waren. Hingegen 
zeigte sich, daß Anwendung von Wärme in 
Gestalt von Blasenfüllungen mit Borwasser von 
steigender Temperatur bis zu 48° C ausgezeich¬ 
nete Erfolge hatte. Es wurden so von 28 Fällen 
12 geheilt, 9 gebessert Die Therapie soll mög¬ 
lichst frühzeitig einsetzen, weil sich sonst der 
Muskelkrampf nach Ansicht der Autoren als 
Kontraktur stabilieren kann. Vor der Anwen¬ 
dung des faradischen Stromes ist zu warnen. 
Bei den reinen Fällen, bei denen keine Myelo¬ 
dysplasie bestand, war übrigens der neuro¬ 
logische Befund vollkommen negativ, insbeson¬ 
dere fehlten die von anderer Seite beschriebenen 
.Sensibilitätsstörungen. 

W. Alexander (Berlin). 

A. t. Sarbö, Uber pseudospastische Parese 
mit Tremor (Fürstner-Nonne) als Folge 
▼on Dorchn&ssang, Erfrierung, Durchk&l- 
tang. (Versuch einer pathogenetischen Er¬ 
klärung). W. kl. W. 1916. Nr. 34. 

Ausgehend von den Krankheitsfällen, in 
welchen ein Zittern der Extremitäten, ein Schüt¬ 
teln des ganzen Körpers hauptsächlich nach 
Granatfeuerwirkungen aufgetreten ist, konnte 
Autor 100 Fälle sammeln, in welchen die kli¬ 
nischen Symptome zwar sehr ähnlich waren, 
als ätiologisches Moment jedoch mit großer 
Sicherheit Durchnässung, Erkältung oder Durch- 
frierung nachweisbar waren. Parese mit Zittern 
bezeichnet das Wesentliche dieses Zustandes, 
wie er seinerzeit von Fürstner und Nonne 


entworfen, neuerdings von Oppenheim unter 
dem Namen „Myotonoclonia trepidans a 
in klassischer Weise beschrieben worden ist. — 
Sarbö hat bei seinen Fällen dissoziierte 
Empfindungslähmung nachgewiesen, worauf 
in der Literatur bisher noch nicht hingewiesen 
worden ist Diese Notiz ist für die Erkennung 
von Simulation wichtig. — Während Ftirstn er - 
Nonne in ihren Fällen Rückenmarkserschütte¬ 
rungen, Oppenheim Infektionskrankheiten als 
Ursache beschrieben, hat Autor das Verdienst, 
als erster die von Anderen nicht beobachtete 
Kälte- und Nässeeinwirkung als weitaus 
häufigste Ursache erkannt zu haben. — Eine 
pathogenetische Erklärung glaubt Autor ab¬ 
leiten zu können aus Verworns Theorie der 
isobolischen und heterobolischen Nerven¬ 
systeme (D. m. W. 1916. Nr. 10), indem er sich 
vorstellt, daß durch die Einwirkungen der Kälte 
die isobolische Natur der peripheren Nerven in 
eine heterobolische umgewandelt wird, womit 
sie die Fähigkeit der Summation erhalten; in 
anderen Fällen (Rückenmarkserschütterungen) 
wird die heterobolische Eigenschaft der Nerven¬ 
zellen des Rückenmarks in eine isobolische um¬ 
gewandelt, d. h. sie reagieren dann schon auf 
schwache Reize mit ganzer Energie (Klonische 
Zuckungen). — Nach Erfahrung des Autors 
heilt die Mehrzahl der durch Granatfeuerwirkung 
verursachten Fälle (Erschütterung des Zentral- 
nerAensystems) bis zur Felddienstfähigkeit aus. 
Manchmal scheint eine Infektionskrankheit (bes. 
Typhus) die Rolle des Krankheitserregers zu 
spielen. — „Psychische Ursachen lassen sich 
nie nachweisen, auch fehlen irgendwelche hy¬ 
sterischen Symptome. 41 Janson (Berlin). 


C. Gymnastik, Massage, Orthopädie- 
and Apparatbehandlung. 

Tornai (Budapest, Über eine neue Methode 
der Atmungsgymnastik und deren erfolg¬ 
reiche Verwendung bei der Nachbehandlung 
des Kriegshämothorax. B.kl. W. 1916. Nr. 42. 

Tornai empfiehlt beim Kriegshämothorax 
zunächst systematische Punktionen, um die kom¬ 
primierte Lunge von ihrer Zwangslage zu be¬ 
freien, dann systematische Atmungsgymnastik. 
Er führt letztere aus in Form der Elektrisierung 
des N. phrenicus bzw. des Zwerchfellmuskels 
mit einem eigens konstruierten und näher be¬ 
schriebenen, an der Hand von Abbildungen 
illustriertem Apparat. Den wichtigsten Bestand¬ 
teil desselben bildet ein unmittelbar an den 
Brustkorb über dem Brustbein anzuschnallender 


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24 


Referate über Bücher und Aufsätze. 


kleiner, mit einer Feder versehener Strom- 
Schalter, den die Atembewegung des Brust¬ 
korbes bzw. die respiratorischen Umfangs¬ 
veränderungen desselben in kontinuierlicher 
Tätigkeit erhalten. Der Schalter wird so einge¬ 
stellt, daß er nur während der Einatmungsphase 
oder an deren Ende dem Zwerchfellmuskel den 
Strom vermittelt. Die Stromstärke wird stufen¬ 
weise gesteigert, bis der Strom entsprechend 
energische Zusammenziehungen des Zwerch¬ 
fells auslöst, jedoch nicht derart, daß dies 
dem Kranken unangenehm wird. Die Elektri¬ 
sierung des Zwerchfells wird sehr gut ver¬ 
tragen. Die Halselektrode wird in bestimmter 
näher beschriebener Art am Phrenicus ange¬ 
setzt und fixiert. Als Stromart wurde meist 
der faradiscbe Strom angewandt, aber auch 
der galvanische (die Halselektrode an den 
Anodenpol) oder beide Ströme zusammen Die 
Methode kann bei der Nachbehandlung der ge¬ 
wöhnlichen Rippenfellentzündung verwendet 
werden. E. Tobias (Berlin). 

D. Elektro-, Lieht-* and Röntgen¬ 
therapie. 

H. Taquez und E« Bordet (Paris), Herz und 

Aorta« Kliniseh-radiologische Studien. Auto¬ 
risierte Übersetzung von Dr. Martin Zeller« 

München. 165 Seiten mit 169 Abb. im Text. 

Leipzig 1916. Georg Tbieme. M. 4,60. 

Es ist ein unbestrittenes Verdienst von 
Zeller, die Monographie der beiden französi¬ 
schen Kliniker von St. Antoine Hospital ins 
Deutsche übertragen und sie einem breiten 
ärztlichen Publikum zugänglich gemacht zu 
haben. Die von deü beiden Autoren geübte 
Technik unterscheidet sich doch ziemlich we¬ 
sentlich von der bei uns üblichen: Die Tele- 
aufnahmen, die bei uns aus 1,5 -2 m Ent¬ 
fernung gemacht werden, werden von ihnen 
aus mindestens 27a m Entfernung ausgeführt; 
ferner wird ein großer Wert auf die ortho- 
diagraphische Aufzeichnung der Herz- und 
Gefäßkonturen in den verschiedenen Durch¬ 
leuchtungsrichtungen gelegt Die pathologi¬ 
schen Veränderungen kommen auf diese Weise 
plastischer zum Ausdruck als bei ausschlie߬ 
licher Betrachtung der Randsilhouette, wie sie 
die sagittale Durchleuchtung ergibt. Um die 
verschiedenen Schrägstellungen genau zahlen¬ 
mäßig messen und jederzeit kontrollieren zu 
können, haben die Verfasser einen einfachen 
praktischen Winkelmesser oder Goniometer 
konstruiert, der ihnen bei ihren Untersuchungen 
gültige Stellungnahme zur Kondensator¬ 


sehr gute Dienste geleistet hat. Die Verfasser 
wenden die Teleradiographie, die Orthodiagra¬ 
phie und die Teleradioskopie an, von denen 
die beiden letzeren identische Ergebnisse lie¬ 
fern und mit dem Gattungsnamen „Präzisions¬ 
radioskopie“ bezeichnet werden, die damit ge¬ 
wonnenen Aufzeichnungen führen den Namen 
„Kardiogramme“. Die Präzisionsradioskopie 
ist nach ihrer Ansicht der Teleradiographie 
überlegen. Nach Erörterung des normalen und 
des pathologisch veränderten Herzschattens 
werden die Klappenfehler und die Herzbeutel¬ 
erkrankung in sehr eingehender Weise an der 
Hand vieler schematischer Zeichnungen be¬ 
sprochen. DerTonus des Herzmuskels, seine Ver¬ 
änderungen und die Herzmuskelerkrankungen 
sind nicht erwähnt. Besonderer Beachtung 
scheinen mir die Kapitel über die Aorten¬ 
erkrankungen und über das Aneurysma wert 
zu sein, weil hier die beiden Forscher besonders 
exakt vorgehen und von der Teleradioskopie 
in den Schrägstellungen ausgiebigen Gebrauch 
machen und so unser diagnostisches Können 
sehr vertiefen. 

Das Buch dürfte sich auch bei uns wegen 
der Gediegenheit seines Inhalts bald recht viele 
Freunde erwerben. 

L. Katz (Berlin-Wilmersdorf). 


TobyCotan (Berlin), Leitfaden der Elektro- 
dlagnostlk und Elektrotherapie« Mit 72 Ab¬ 
bildungen im Text und auf 6 Tafeln. 227 S. 
5. vollständig umgearbeitete und vermehrte 
Auflage. Berlin 1917. S. Karger. 

Das jedem Praktiker bekannte, bereits ins 
Englische, Russische und Italienische über¬ 
setzte Buch bedarf beim Erscheinen seiner 
5. Auflage keiner Beurteilung mehr, geschweige- 
denn einer Empfehlung. Es ist unbestritten 
in seiner Art das beste, was wir auf diesem 
Gebiete kennen. Mit gewohnter Gründlichkeit 
und Objektivität nimmt Verfasser zu den noch 
schwebenden Fragen der Kriegsneurologie 
Stellung, auf großer eigener Erfahrung fußend. 
Den Hochfrequenzströmen schreibt jetzt 
Verfasser doch mehr materielle Wirkung zu, 
als früher, auch zweifelt er nicht an gewissen 
Erfolgen der Diathermie, die er auf reine 
Wärme Wirkung zurückführt. Die Bergoniö- 
sche Entfettungsmethode, mit großer Reklame 
in die Welt gesetzt, ist als solche wertlos; die 
rhythmische Muskelübung bei schlaffen Läh¬ 
mungen und willensschwachen Neurasthenikern 
hat Wert, läßt sich aber ohne kostspieliges 
Instrumentarium leicht ausführen. Eine end- 


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Referate über Bücher und Aufsätze. 


25 


methode ist noch nicht möglich: sie ist zeit¬ 
raubend und umständlich, ihr Hauptwert scheint 
mehr auf diagnostischem als auf therapeuti¬ 
schem Gebiet zu liegen. 

Die immer weitergehende Verbreitung dieses 
nützlichen Buches wird hoffentlich dazu bei¬ 
tragen, daß auch die Elektrotherapie — die 
Diagnostik ist ja in ihrem Wert wohl allseitig 
anerkannt — immer mehr aller Mystik ent¬ 
kleidet und als ein segensreicher Heilfaktor 
auch in der Hand des Praktikers richtig ange¬ 
wandt wird. W. Alexander (Berlin). 

Bevttner, Le traltement des fibromes utd- 
rins et des mdtropathles hdmorrhagiques 
par les rayons de Königen. Rev. mddic. de 
la Suisse Romande 1916. Nr. 9. 

Verfasser berichtet über ermutigende und 
therapeutische Fortschritte versprechende Re¬ 
sultate bei Uterusfibromen (32 Fälle), Hämor- 
rbagien (12 Fälle), bei post- und präoperativen 
Bestrahlungen durch Applikation relativ ge¬ 
ringer Doseu von X-Strahlen. 

J. Ruhemann (Berlin-Wilmersdorf). 

Karl Glaessner (Wien), Über Erenlratto 
dlapbragmatlca. Fortschr. a. d. Geb. der 
Röntgenstrahlen 1916. Bd. 24. H. 3. 

Verfasser beschreibt 2 Fälle von Eventratio 
diaphragmatica; die Diagnose ist gesichert, 
wenn man bei der Durchleuchtung auf der einen 
Seite einen abnorm hochstehenden Zwerchfell- 
scbatten sieht, der sich in 2 Bogenlinien auf- 
lösen läßt, welche sich synchron mit der an¬ 
deren Seite ausgiebig bewegen. Dazu kommt 
die Verdrängung des Herzens (bei sinistra nach 
rechts) und die meist vorhandene Verlagerung 
der Baucheingeweide. Der eine Fall war die 
seltene Form der Eventratio dextra, der erste, 
der nach Verfasser bisher beschrieben wäre. 
(A. Fränkel hat 1914 einen Fall von Eventratio 
dextra mitgeteilt S. Veröffentlichungen der 
Hufelandischen Gesellschaft 1916). Mit Rück¬ 
sicht darauf, daß es sich um abnorme Ver¬ 
wachsungen des Magens mit dem Zwerchfell 
handelt kommt Operation in Betracht, auch 
Teilresektion des Magens bei Fällen mit be¬ 
trächtlichen Beschwerden. 

J. Ruhemann (Berlin-Wilmersdorf). 

A. Brosch, Die Bocche als heliotherapeu* 
Haches Kurgebiet. (Aus dem k. und k. 
Festungsspital Nr. 1 in Risano.) W. m. W. 
1916. Nr. 43 

Die durch ihre Naturschönheiten berühmten 
Bocche di Cattaro in Dalmatien umfassen einige 


in klimatischer Beziehung sehr bevorzugte Orte, 
zu welchen auch Perasto zählt. Es liegt am 
südlichen Bergfuß des Casson (873 m), ist gegen 
die kalten Nordwinde vollkommen geschützt, 
empfängt die früheste Morgensonne und steht 
im Sonnenlicht bis zum Sonnenuntergang. Ein 
weiterer Vorteil von Perasto ist die terassen- 
artige Lage an dem nach Süden schauenden 
Berghang, so daß die Stadt fast den ganzen 
Tag außer von direkten auch von indirekten, 
vom Meeresspiegel reflektierten Sonnenstrahlen 
getroffen wird. Zu diesen Vorzügen treten 
hier noch hinzu: 1. eine natürliche Ventilation 
durch den täglichen aus dem Kanal von Le ca- 
tene wehenden Maöstral und 2. die höher lie¬ 
genden schattigen Waldplätze. So sind allo 
erforderlichen Elemente für eine heliotherapeu- 
tische Kuranlage gegeben, welche durch die 
Möglichkeit Sonnenbad und Seebad zu ver¬ 
einigen, Perasto zu einem heliotherapeutischen 
Kurgebiet allerersten Ranges machen. Brosch 
ist der Meinung, es werde eine wichtige Auf¬ 
gabe des Staates sein, in diesem Gebiete durch 
Errichtung komfortabler Unterknnftsstätten und 
die Schaffung schneller Verbindungen mit dem 
Innern der Monarchie, unsern Kriegs- und 
Friedenskranken einen vollen Ersatz für die 
Riviera und Ägypten zu schaffen. Die persön¬ 
lichen Erfahrungen des Verfassers über den 
Heilwert der Sonnenheilstätte in Perasto sind 
außerordentlich zufriedenstellende, nachdem in 
der Kurperiode vom 15. April bis 31. Dezember 
1915 bei einem Krankenstände von 194 Per¬ 
sonen 103 Heilungen und 78 Besserungen er¬ 
zielt wurden. Glax (Abbazia). 


E. Serum- und Organotherapie. 

F.Mey er (Berlin), Robrund Rnhrbehandlnng. 

B. kl. W. 1916. Nr. 39 und 40. 

„Einen vermittelnden Standpunkt zwischen 
den Anhängern der aspezifiscben und der streng 
spezifischen Ätiologie der Ruhr nimmt Köhl i sch 
ein, der eine Umwandlung harmloser Darm¬ 
parasiten wie Kolibazillen und Streptokokken 
in echte Ruhrbazillen unter dem Einfluß thermi¬ 
scher, chemischer und mechanischer Reize für 
möglich und teilweise bewiesen hält.“ — Hin¬ 
sichtlich des serologischen Verhaltens bestehen 
auch noch Meinungsverschiedenheiten. 

Nach diesen sowie allgemeinen Erörte¬ 
rungen über die Symptomatologie teilt Autor 
dann seine im Felde Mai 1915 in Ostpreußen 
und August-September 1915 in Rußland ge¬ 
machten Beobachtungen mit, die er wegen ihrer 


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Referate über Bacher und Aufsätze. 


grundlegenden Verschiedenheiten in 2 Gruppen 
sondert. „Die erste Gruppe zeigte das Bild 
eines aspezifiscben Dickdarmkatarrhs mit deut¬ 
licher Beteiligung des gesamten Darmtraktus 
(Pseudoruhr), die zweite das charakteristische 
Bild der echten Ruhr mit typischen Kom¬ 
plikationen und Nachkrankheiten.“ ... Es 
gibt einen durch die verschiedenartigsten Ur¬ 
sachen (Überanstrengung, ungewohnte Kost, 
Erkältung, ev. virulent gewordene eigene Koli¬ 
bakterien) hervorgerufenen Dickdarmkatarrh, 
dem die echte schwere Ruhr als geschlossenes 
Bild gegenübersteht“, wobei zu bemerken sei, 
daß außer den Ruhrbazillen manchmal auch 
andere Erreger (Paratyphus, Bacillus faecalis 
alcaligenes, Streptokokken) ein der echten 
Ruhr ähnliches Krankheitsbild hervorrufen 
können. — Autor spricht sich rückhaltlos für 
die ätiologische Rolle spezifischer Ruhr¬ 
bazillen aus, sowie (neben anderen Ma߬ 
nahmen wie Isolierung der Bazillenträger, 
Überwachung der Kost und Unterkunft, passive 
Schutzimpfung usw.) für die spezifische Be¬ 
handlung der Ruhrinfektion mit Ruhrserum. 
Hinsichtlich der Darmbehandlung selbst, ob Ab¬ 
führmittel, Narkotika oder Adstringentien den 
Vorzug verdienen, herrscht noch beträchtliche 
Meinungsverschiedenheit. Schließlich treten 
noch Anhänger reiner Diätbehandlung (hoch¬ 
wertige Eiweißkost!) auf. Autor schildert im 
einzelnen genau die von ihm befolgten Ma߬ 
nahmen, die ihm die denkbar günstigsten Er¬ 
folge gezeitigt haben (Morphium Coffein, Oleum 
Ricini, Bellad. - Suppos., Morphium - Atropin¬ 
injektionen; „Darmspülung“, Schonungsdiät, 
Kochsalzinfusionen, usw.) Janson (Berlin). 

Sonnenberger (Worms)» Über Abhärtung 

und Abhärtongsmaßregeln Im Kindesalter. 

Blätter für Volksgesundheitspflege 1916. 

Nr. 9/10. 

Sonnenberger warnt vor den unver¬ 
nünftigen und übertriebenen Abhärtungsbestre¬ 
bungen der Jetztzeit. Hauptsache ist stets die 
Gewöhnung des Körpers an die Luft, Abhär¬ 
tung gegen die Lufttemperatur, nicht Gewöh¬ 
nung an das Wasser. Wichtig ist auch eine 
richtige Diätetik. E. Tobias (Berlin). 

Theodor Zechlin (Berlin), Tabes dorsal!» 

Im Anschluß an nicht oder ungenügend spe¬ 
zifisch behandelte Lues. B.kl. W. 1916. Nr.42. 

Zechlin hat von 208 Fällen von Tabes 
dorsalis aus der hydrotherapeutischen Universi¬ 
tätsklinik in Berlin 100 genau in bezug auf die 
voraufgegangene spezifische Behandlung unter¬ 


sucht und gibt einen kurzen Bericht, während 
die ausführliche Mitteilung in der Inaugural¬ 
dissertation erfolgen soll. Es muß mit aller 
Energie versucht werden, den Ausbruch der 
Tabes durch eine unermüdliche Frühbehandlung 
mit den spezifischen Mitteln unterstützt durch 
hydrotherapeutische Maßnahmen zu verhindern. 

E. Tobias (Berlin). 


F. Verschiedenes. 

H. Dekker, Hellen und Helfen. Stuttgart 
1916. Kosmos. Preis M. L—, geb. M. 1.80. 

Dekker hat bereits mehrfach mit Erfolg 
den schwierigen Versuch gemacht, medizinische 
Fragen dem Verständnis weiterer Kreise näher 
zu bringen. In der vorliegenden Schrift schil¬ 
dert er, von gutgewählten Abbildungen unter¬ 
stützt* die Erfolge der modernen Kriegschirurgie. 

Das flüssig geschriebene, im besten Sinne 
populäre Werkchen ist zur Verteilung im Felde 
und in Lazaretten warm zu empfehlen. 

Walter Brieger (Berlin). 

G. von Noorden (Frankfurt a. M.) und S. Ka¬ 
rn in er (Berlin), Krankheiten nnd Ehe. 

Darstellung der Beziehungen zwischen Gesund¬ 
heitsstörungen und Ehegemeinscbaft. Zweite 
neu bearbeitete Auflage. 1111 S. Leipzig 
1916. Georg Thieme. Preis brosch. M. 27,—-, 
geb. M. 28,40. 

Der ersten, noch von Senator und Ka¬ 
min er herausgegebenen Auflage des wich¬ 
tigen Werkes folgt nun nach zwölf Jahren 
die zweite Auflage, bei der von Noorden an 
die Stelle von Senator getreten ist Mit Se¬ 
nator sind noch einige andere Mitarbeiter 
| dahingegangen, für die andere Bearbeiter der 
I entsprechenden Kapitel eingetreten sind. Das 
' Werk ist auch dadurch ein völlig neues ge¬ 
worden, daß neue Themata zur Bearbeitung 
kamen. Die Bedeutung von Klima, Rasse und 
Nationalität haben Moszkowski, Menstruation, 
Schwangerschaft, Wochenbett und Laktation 
Schräder, die Stoffwechselkrankheiten von 
I Noorden, die Erkrankungen des Gefäßappa- 
| rates His und Külbs, die Geisteskrankheiten 
| Hoche, die endokrinen Drüsen Porges, die 
Vererbung von Sprachstörungen Gutzmann 
bearbeitet; dazu kommen Studien über den 
Familienbegriff und die genealogische Verer¬ 
bungslehre, sowie eine Statistik über den Ge¬ 
burtenrückgang in den Kulturstaaten vonMar- 
! tius bzw. Dietrich, endlich das wichtige 
Kapitel über Krankheit und Ehetrennung von 
| Heller. Es ist besonders anzuerkennen, daß 


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Referate über Bücher und Aufsätze. 


27 


ein so umfangreiches Werk mitten im tobenden 
Weltkriege erscheinen konnte, das „den deut¬ 
schen Nerven 4 ein gutes Zeugnis sichert. Die 
Herausgeber heben selbst in ihrem Vorwort 
mit Recht hervor, von welcher Bedeutung es — 
mehr als früher — nach dem Weltkriege sein 
wird, einen gesunden, kräftigen und wider¬ 
standsfähigen Nachwuchs zu erzielen. Um so 
angelegentlicher sei darum auf die neue Auf¬ 
lage des Werkes hingewiesen. 

E. Tobias (Berlin). 

A. Laqnenr (Berlin), Über den jetzigen 
Stand der Anwendung physikalischer Heil¬ 
methoden für Kriegsbeschädigte« B. kl.W. 
1916. Nr. 47. 

Die physikalischen Heilmethoden haben im 
Kriege eine ungeahnte Bedeutung gewonnen, 
da sie in fast jedem Falle von Kriegsbeschä¬ 
digung in irgendeiner Form zur Anwendung 
gelangen. Eine Übersicht über ihren Wert von 
dem erfahrenen Autor wird daher von jedem 
Arzt begrüßt werden. 

An den medikomechanischen Apparaten 
ist viel und oft mit Geschick Improvisations- 
Technik getrieben worden. Das ist für irregu¬ 
läre Betriebe im Feindesland gewiß zu be¬ 
grüßen; für die Nachbehandlung sind aber die 
bewährten Konstruktionen, die sich an die Na¬ 
men Zander, Herz, Kruckenberg knüpfen, 
aus mancherlei Gründen vorzuziehen. Gute 
Übungsapparate gerade für Bewegungsstörungen 
an der Hand und den Fingern sind bisher noch 
ein ungelöstes Problem. Für schwerere Fälle 
von Versteifungen usw. sind tragbare adressie¬ 
rende Apparate nicht zu umgehen, von denen 
gute Modelle konstruiert worden sind. Die 
beste Übungsbehandlung für verletzte Glieder 
ist nach Abklingen des Reizstadiums die regel¬ 
rechte Beschäftigung, worauf von der Militär¬ 
verwaltung mit Recht Wert gelegt wird. Die 
Wirkung der Mechanotherapie kann durch 
gleichzeitige Anw endung der Wärme erheblich 
gesteigert werden, ln vielen Fällen werden 
Bewegungsübungen durch die schmerzstillende, 
erweichende, resorptionsbefördernde Hitzepro¬ 
zedur überhaupt erst ermöglicht. Am besten 
wirkt die feuchte Wärme, weniger intensiv die 
Heißluftbehandlung, mit der aber bei Sensi¬ 
bilitätsstörungen Vorsicht geboten ist. Sehr 
bewährt hat sich die Dampfdusche, bei schmerz¬ 
haften Fingerversteilungen die Fangopackung 
mit ihrem schonend adressierenden Druck. 
Bei langwierigen Eiterungen empfehlen sich 
Soolbäder mit aktiven Bewegungsiibungen ; 


(Kinetotherapeutische Bäder). Bei größer 
Schmerzhaftigkeit empfiehlt sich ein Versuch 
mit Diathermie, besonders bei Neuralgien nach 
Nervenschüssen, in deren erstem Stadium Blau¬ 
lichtbestrahlung nützlich ist. Zur Erweichung 
von Narben wurde Radium angewandt Bei 
schlecht granulierenden Wunden wurden mit 
Sonnenlicht und der „künstlichen Höhensonne 4 
große Erfolge erzielt. Bei guten Granulationen 
ist das Quarzlicht nicht mehr am Platze, wohl 
aber das Kohlenbogenlicht. Bei allen diesen 
Methoden spielen außer den chemisch wirksamen 
aber auch die Wärmestrahlen eine bedeutende 
Rolle. Bei Neuralgien hat sich auch die blaue 
Glühlampe bewährt, ebenso bei vasomotorischen 
Störungen peripherer Teile. Intensive Wärme- 
und Tiefenwirkung erzielen die roten Strahlen 
eines Bogenlichtscheinwerfers, mit Erfolg bei 
Adhäsionen und Pleuraergüssen nach Lungen¬ 
schüssen anwendbar. Gelegentliche Erfolge, 
die mit der künstlichen Höhensonne bei Tetanus 
erzielt wurden, werden von anderen Seiten be¬ 
stritten. Bei Kontrakturen sind Kombinationen 
von Wärme, Massage und Bewegungen ange¬ 
zeigt, unter Umständen die permanente Re¬ 
dression durch Stützbandagen. Bei den Läh¬ 
mungen selbst spielt die richtig angewandte 
Elektrotherapie eine bedeutende Rolle. Auch 
durch Diathermie soll die Restitution des Ner¬ 
ven angeregt werden. Bei Lähmungen nach 
Gehirn- und Rückenmarksverletzungon em¬ 
pfehlen sich hydroelektrische Vollbäder. Die 
nicht durch Verletzungen bedingten „rheuma¬ 
tischen“ myalgischen und neuralgischen Er¬ 
krankungen der Kriegsteilnehmer zeichnen sich 
durch besondere Hartnäckigkeit aus, vermutlich 
durch die häufig begleitenden funktionell-ner¬ 
vösen Erscheinungen. Neben den bekannten 
Schwitz-, Bäder- und anderen Wärme Prozeduren 
hat besonders Goldscheider die Anwendung 
von kalten hydrotherapeutischen Maßnahmen 
empfohlen, deren Nutzen von Laqucur (und 
vom Referenten) durchaus bestätigt wird. Be¬ 
sonders vasomotorische und Herzsymptome 
werden durch die üblichen warmen Bäder usw. 
verschlimmert. Dies gilt besonders von den 
CO a -Bädern, denen eine direkt erregende 
Wirkung zukommt, weswegen sie schon von 
Wenckebach für Herzfälle mit nachweisbaren 
Kreislaufstörungen reserviert wurden. 

Bei den schweren Fällen von Schreck- und 
Kontusionsneurosen, deren Wesen ja noch 
strittig ist, spielen die physikalischen Methoden 
mehr die Holle des Suggestionsträgers, sind 
aber unentbehrlich, da zum Mindesten eine 


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Referate über Bücher und Aufsätze. 


starke psychogene Komponente diesen Krank- 
heitsbildem innewohnt 

Bei den Erkrankungen innerer Organe, der 
Gelenke, des Nervensystems mit objektiven 
Befunden unterscheidet sich die Behandlung 
nicht von der friedensmäßigen. Nur wird man 
bei Kriegsteilnehmern vielleicht häufiger eine 
Badekur anschließen. Die Ärzte werden sich 
deshalb nicht nur mit den Indikationen unserer 
Badeorte genauer bekannt machen müssen, 
sondern auch damit, welche sonstigen außer 
den spezifischen Behelfen in den einzelnen 
Kurorten anzutreffen sind. Ein Leitfaden, der 
hierüber kurze Auskunft gäbe, wäre erwünscht 
W. Alexander (Berlin). 

W. Nonnenbruch (Würzburg), Nieren- 
erhrankungen im Felde. M. m. W. 1916. 
Nr. 31. 

Klinisch - therapeutische Studie über die 
Kriegsnephritis, deren Ätiologie der Verfasser 
dem Gebiete der Infektion anreiht. 

J. Ruhemann (Berlin-Wilmersdorf). 

Nevermann, Eine Mitteilung über akute 
Nierenentzündung mit Ödemen. M. m W. 
1916. Nr. 31. 

Die eigentliche Ursache für den Ausbruch 
der Nephritis sieht Verfasser in Abkühlung, 
hauptsächlich der unteren Extremitäten. 

J. Ruhe mann (Berlin-Wilmersdorf). 

Georg Bernhardt, Eosinophilie bei Ne¬ 
phritis. M. m. W. 1916. Nr. 31. 

In nach Giemsa gefärbten Präparaten von 
Urinsedimenten bei Nephritikern fand Verfasser 
eosinophile Zellen, gleichzeitig auch Vermehrung 
derselben im Blute. 

J. Ruhemann (Berlin-Wilmersdorf). 

Th. Fürst, Cber Blutuntersuchungen bei 
Nierenkranken. M. m. W. 1916. Nr. 31. 

Im Verlauf der Nierenentzündungen kommt 
es zu einer mehr oder minder ausgeprägten 
Gefrierpunktserniedrigung des Serums unter die 
Norm (normal - 0,45 bis —0,5°). 

Die Gefrierpunktserniedrigung schwankt bei 
Nierenentzündungen ohne urämische Symptome 
meist nur innerhalb sehr geringer Grenzen 
(0,05 bis 0,1° selten mehr) und steht nicht 
in direkter Proportion zur Stärke der Eiweiß- 
ausscheidung. 

Bei einem Falle, der zu einer schweren 
Urämie mit tödlichem Ausgange führte, zeigte 
sich schon vor Ausbruch der eigentlichen 
urämischen Symptome ein abnorm tiefer Gefrier¬ 


punkt (—0,8), der während des mehrere Tage 
dauernden urämischen Zustandes fast auf das 
Dreifache des normalen Gefrierpunktes herunter- 
sank (—1,3 bzw. unmittelbar vor Exitus —1,4). 

J. Ruhemann (Berlin-Wilmersdorf). 

Korach (Hamborg), Ober Blutdruckmessun¬ 
gen bei Herzstöruugen der Kriegsteil¬ 
nehmer. B. kl. W. 1916. Nr. 34. 

Die Dignität der Blutdruckmessung wird 
durch die bei den Kriegsteilnehmern bestehende 
psychogene Labilität des Blutdruckes wesent¬ 
lich eingeschränkt. Für die Diagnose der 
muskulären Schwäche kann ein Absinken des 
maximalen Druckes während der Arbeit (Knie¬ 
beugen, rasches Ersteigen von Treppen und 
Beben schwerer Gegenstände) verwertet werden; 
doch kann bei Fehlen der Blutdrucksenkung 
während der Arbeitsleistung eine Insuffizienz 
mit Bestimmtheit nicht ausgeschlossen werden. 
Das klinische „Gefühl“ ist oft entscheidender 
als dies Ergebnis langwieriger, komplizierter 
Funktionsprüfungen. 

J. Ruhemann (Berlin-Wilmersdorf). 


L. Mann (Breslau), Die traumatischen Neu¬ 
rosen, ihre klinischen Formen und ihr 
Entstebungsmodus bei Kriegsverletzungen. 

B. kl. W. 1916. Nr. 37/38. 

Mann gibt zunächst einen Überblick. Die 
Grundfragen sind folgende: 

1. Kann sich im Anschluß an Traumen wie 
Verletzungen und Unfälle eine eigenartige 
„traumatische Neurose“ entwickeln oder ent¬ 
stehen im Anschluß an Traumen, die bekannten 
Formen von Neurasthenie, Hysterie usw., so 
daß die Bezeichnung „traumatische Neurose“ 
sich im allgemeinen erübrigt? 

2. Entsteht die Neurose durch die körper¬ 
liche materielle Wirkung, durch die mechanische 
Erschütterung, also somatogen, oder ent¬ 
steht sie durch seelische Einwirkungen, also 
durch die Gemütserschütterung, den Affektchok 
und in Verbindung damit durch gewisse sekundär 
sich anschließende Vorstellungen, also psy¬ 
chogen resp. ideogen? 

Über die Häufigkeit des Vorkommens be¬ 
stehen gegenüber der Unzahl von Veröffent¬ 
lichungen nur ganz wenig Zahlenangaben. So 
viel scheint Mann sicher, daß die Zahl erfreulich 
niedrig ist, und zwar ganz analog den Er¬ 
fahrungen der Friedenspraxis. Weiterhin ver¬ 
tritt Mann die Ansicht, daß auch ganz gesunde 
Naturen auf die ungewöhnlich schweren Kriegs¬ 
traumen mit Neurosen reagieren können. Mann 


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Referate über Bücher und Aufsätze. 


29 


.geht sodann die einzelnen von Oppenheim 
angegebenen Untergruppen durch und hebt 
hervor, daß weder an der traumatischen Neu¬ 
rasthenie noch an der traumatischen Hysterie 
und Hysteroneurasthenie zu zweifeln ist. Was 
die vierte Gruppe der „traumatischen Neurose 
im engeren Sinne tf anbetrifft, so hat auch 
Mann eine ganze Anzahl von Fällen gesehen, 
die den Fällen von Oppenheim durchaus ent¬ 
sprechen, Fälle von Akinesia amnestica, von 
Reflexlähmung usw., die sich von hysterischen 
Zuständen durchaus unterscheiden. Die Mo¬ 
mente, in denen Mann mit Oppenheim nicht 
einer Meinung ist, sind dabei unwesentlich. In 
der fünften Gruppe (Kombination von organi¬ 
schen mit funktionell neurotischen Störungen) 
stimmen beide Autoren ganz überein. 

Demnach ist Mann für Beibehaltung der 
Bezeichnung: „traumatische Neurose“. Die 
häufigste Ätiologie bilden die Granatexplosionen. 
Auch in Bezug auf die Entstehungsweise der 
traumatischen Neurose steht Mann auf dem 
Standpunkt von Oppenheim. Besonders geht 
er noch auf das „ideogene“ Moment, d. h. die 
an den Unfall sich anschließenden, also se¬ 
kundär sich entwickelnden Vorstellungen ein. 
Er ist der „mittleren“ Anschauung, daß aller¬ 
dings im Laufe der Zeit im Anschluß an einen 
Unfall sekundäre Wunschvorstellungen sich 
entwickeln können, welche die ursprünglichen 
Krankheitserscheinungen festhalten und stei¬ 
gern, daß aber die primäre Entstehung dieser 
Erscheinungen keinesfalls auf solche mehr oder 
weniger bewußte „Vorstellungen“, sondern auf 
die unmittelbare psychophysische Erschütterung 
durch das Trauma zurückzuführen ist. 

Simulation ist relativ sehr selten. Die 
Unterscheidung zwischen Hysterie und Simu¬ 
lation bleibt allerdings ein schweres Kapitel. 
Die Prognose der traumatischen Neurose ist 
keineswegs ungünstig oder aussichtslos. Eine 
wesentliche Rolle spielt dabei die Belastung. 
Am hartnäckigsten haben sich Mann die hyste¬ 
rischen Schütteltremoren erwiesen. 

Die Therapie muß eine physische sein, ein 
wichtiges Mittel ist Bettruhe, besonders auch 
bei hysterischen Zitterformen. Wirksam bei 
Ausfallserscheinungen ist Übungstherapie be¬ 
sonders in Verbindung mit suggestiver Elektri- 
sation. In anderen Fällen empfiehlt sich zeit¬ 
weiliges Unterbleiben aller Therapie. Mit 
Hypnose hat Mann keine guten Erfahrungen 
gemacht Die sogenannte Kaufmannsche 
Methode hält er bei allgemeiner Empfehlung 
für sehr bedenklich. E. Tobias (Berlin). 


Wilmans, Das sogenannte „Kriegsherz“. 

M. m. W. 1916. Nr. 40. 

Seine interessanten Beobachtungsreihen 
sondert Autor in 3 Hauptgruppen: 

I. Menschen mit akutem Aufregungs¬ 
pul s und entsprechender Pulsfrequenzsteige¬ 
rung. Objektiv, sons tnichts Greifbares. Im 
Schlafe völlig normale Herzaktion mit nor¬ 
maler Pulsfrequenz. 

II. Menschen mit chronischem Erre¬ 
gungspuls. Objektiv, nichts besonderes. Puls¬ 
frequenz bleibt aber auch im Schlafe deutlich 
vermehrt. 

In I. und II. handelt es sich offenbar ledig¬ 
lich um eine Teilerscheinung eines allgemeinen 
nervösen Erregungszustandes. Dieser kann bei 
verschiedenen Personen auch anderweitig rein 
nervöse Symptome auslösen, z. B. besonders 
oft am Harnapparate (nervöse Urinlasser mit 
Pollakiurie). 

III. PulsfrequenzsteigerungnachInfektions¬ 
krankheiten, besonders nach Ruhr. „Diese 
Pulsfrequenzsteigerung auch in der Ruhe und im 
Schlafe hält viele Wochen an; hier liegen greif¬ 
bare Veränderungen der Herzmuskulatur vor.“ 

IV. Pulsfrequenz im Schlafe vielfach noch 
stürmischer. Zunächst ohne greifbare objek¬ 
tive Symptome. Hier liegen schleichende Krank¬ 
heiten, wie z. B. luetische Aortenerkrankungen 
beginnender Basedow usw. vor. Tabakherz 
nicht zu vergessen; es macht jedoch bisweilen 
Bradykardie. 

Ganz besonders weist Autor hin auf den 
Wert der Wage zur objektiven Beurteilung 
vieler Krankheitszustände (nervöse Leiden, 
Rekonvaleszenten, verdächtige Lungenkatarrhe, 
Status gastric. usw.). 

Ein „Kriegsherz“ s. str. gibt es nicht. 

Janson (Berlin). 

R. Kaufmann, Ober Häufigkeit und Art der 
Herzscbädigungenbei rückkehrenden Front¬ 
soldaten. (Schluß.) W. kl. W. 1916. Nr. 34. 

In dieser Schlußarbeit erörtert Autor die 
beiden Fragen: 1. Entstehen im Kriege infolge 
von Anstrengungen, Überanstrengungen oder 
auch anderen Gründen Herzvergrößerungen? 
2. Sind diese Vergrößerungen, falls sie in be¬ 
trächtlicher Zahl nachgewiesen werden können, 
als Hypertrophien, als Dilatationen, als Myo¬ 
kardinfektionen und sind sie als etwas Gün¬ 
stiges, Gleichgültiges oder Schädliches aufzu¬ 
fassen? 

An der Hand von Orthodiagrammen kommt 
Kaufmann zu dem Ergebnis, daß zweifellos 


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Referate über Bücher und Aufsätze. 


eine Zunahme der Herzgrößen während der 
Kriegsdienstleistung in allen Jahrgängen mit 
Ausnahme des letzten Dezenniums (40.—50. Le¬ 
bensjahr) stattfindet und daß hierbei weniger 
überstandene Infektionskrankheiten als körper¬ 
liche Überanstrengungen im Felde ätiologisch 
in Frage kommen, und daß ferner die Ver¬ 
größerungen zum Teil bestimmt nicht Hyper¬ 
trophien, sondern Dilatationen sind und daß 
Herzdilatationen nicht nur bei geschädigten, 
sondern bei — soweit die klinische Untersuchung 
reicht — gesunden Herzen infolge von körper¬ 
lichen Anstrengungen auftreten können. Bei 
einer Anzahl der Fälle haben sich durch ent¬ 
sprechende Behandlung (Ruhe, CO a -Bäder, Land¬ 
aufenthalt mit leichten Körperübungen) ortho- 
diagraphisch sichergestellte Verkleinerungen 
der Herzen eingestellt, während in vielen, na¬ 
mentlich älteren Fällen, die Vergrößerung nicht 
als passagerer Zustand (trotz gleicher Behand¬ 
lung) zu betrachten war. Eine Erklärung für 
dies verschiedenartige V erhalten hat Kaufmann 
nicht finden können. — Druck in der Herz¬ 
gegend, Herzstiche, Herzklopfen, Atemnot sind 
die Sensationen, welche von dem sich ver¬ 
größernden Organ ausgehen. 

Unter „Herzneurose" faßt Autor Fälle voi) 
Neurasthenien, einfacher Abmagerung und Er¬ 
schöpfung mit nervöser Übererregbarkeit und die 
gut charakterisierten Fälle von Granatschock 
zusammen; bei letzteren hat sich ihm das von 
Hofrat Meyer angeratene Calc. chlorat. 
sehr bewährt. — Dann erwähnt Kaufmann 
noch die Konstitutionsanomalien bei intaktem 
Herzmuskel: Pendelherzen mit Zwerchfell¬ 
tiefstand, besonders kleine Herzen, auffallende 
Enge der Arterien, Zwerchfellheruie, substernale 
Strumen, Zwercbfellhochstand mit Querlegung 
des Herzens. „Zweifellos sind die Träger aller 
dieser abnorm gelegenen Herzen im Nachteil 
gegenüber jenen mit normaler Herzlage." 

Zum Schlüsse äußert sich Autor dahin, er 
möchte unsere Frontärzte vor der grundfalschen 
Ansicht beschützen, als ob sie überhaupt zu 
viele Soldaten als herzkrank zurückschickten. 

Janson (Berlin). 

M. Pfaundler (München), Schulorganisato¬ 
rischer Vorschlag zur Minderung der 
Kindersterblichkeit an akulen Infektions¬ 
krankheiten. M. m. W. 1016. Nr. 32. 

Masern und Keuchhusten sind fast nur 
(Diphtherie und Scharlach hauptsächlich) im 
vorschulpflichtigen Alter lebensgefährlich. Ge¬ 
länge es, bei gleichbleibender Gesamthäufigkeit 


dieser Krankheiten den Ansteckungstermin nur 
bis in das 6. Lebensjahr aufzuschieben, so würde 
die Masern- und Keuchhustenmortalität je um 
rund 50 % vermindert werden. Der über¬ 
wiegende Teil der Masern- und Keuchhusten¬ 
sterbefälle geht darauf zurück, daß Kinder, die 
die Krankheit in der Schule oder Spielschule 
erworben haben und selbst ohne Gefährdung 
überstehen, ihre jüngeren Geschwister (Woh¬ 
nungsgenossen) infizieren. Es empfiehlt sich, 
wo Parallelklassen bestehen, die Scheidung 
der Gesamtjahrgänge nach dem Vorhandensein 
oder Fehlen gefährdeter (jüngerer) Geschwister 
und Wohnungsgenossen vorzunehmen und Vor¬ 
kehrungen gegen die Verbreitung von Masern 
und Keuchhusten in der einen Kategorie von 
Klassen zu unterlassen, in der anderen mit 
erhöhter Schärfe zu treffen. Als Schutzma߬ 
regeln kommen namentlich das System der 
kurzfristigen Schulschließungen und die Kon¬ 
trolle vor Unterrichtsbeginn in Betracht. 

J. Ruhemann (Berlin-Wilmersdorf). 


M. Rothmann (Königsberg i. Pr«), Zur lie- 
geitigungpsychogener Bewegungsstörungen 
bei Soldaten in einer Sitzung. M. m. W. 1910. 
Nr. 35. 

Rothmann ist auf seine Methode, psycho¬ 
gene Bewegungsstörungen bei Soldaten in einer 
Sitzung zu beseitigen, durch Zufall gekommen. 
Ein Patient mit großer Weichteilverletzung des 
linken Oberschenkels und Beugekontraktur und 
Parese des betreffenden Beines sollte auf die 
Natur des Leidens untersucht werden. Narkose 
schiennotwendig. Schon während des Exzitations¬ 
stadiums ergab sich Bewegung des Beins mit 
guter Kraft. Die Narkose wurde daraufhin ab¬ 
gebrochen, der Kranke energisch ermuntert und 
in strengem Tone auf die Bewegungsmöglich¬ 
keit aufmerksam gemacht. Die Folge war 
Heilung. Rothmann hat dann seine Methode 
noch modifiziert, um eine direkte suggestive 
Verknüpfung mit dem Leiden der Hysteriker 
zu erhalten, indem er den Leuten erklärte, er 
müsse in die Nerven des gelähmten oder kon- 
trakturierten Gliedes eine Einspritzung machen, 
die wegen ihrer starken Schmerzhaftigkeit nur 
in — kurzdauernder — Narkose ausführbar 
sei. Nach dem Erwachen aus der Narkose 
oder kurz darauf w^äre die Störung mit Sicherheit 
verschwunden. Er bedient sich des Ätherrauschs. 
Die Kranken w r erden dann nach etwa 14 Tage 
mit mäßigen faradischenStrömen zur Festigung 
des Resultates vom Arzt oder unter dessen 
Aufsicht nachbehandelt. 


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Referate über Bücher und Aufsätze. 


31 


Wichtig sind die Schlußbemerkungen: Die 
suggestive Heilung hysterischer Bewegungs¬ 
störungen in einer Sitzung sollte bei möglichst 
allen geeigneten Fällen versucht werden. Zu 
diesem Zwecke wären die betreffenden Kranken 
Fachneurologen zuzuführen. Die von ihren 
Störungen geheilten Kranken dürfen nicht 
wieder zur Front geschickt werden. Sie können 
günstigsten Falles als garnisonverwendungs¬ 
fähig bezeichnet werden, vielfach müssen sie 
als nur arbeitsverwendungsfähig in ihrem Beruf 
entlassen werden. E. Tobias (Berlin). 

W. Schemensky, Die Cholera und ihre Be- 
handlungserfolge im Feldlazarett. M. m. W. 

1916. Nr. 37. 

Hinsichtlich der Verbreitung der Cholera 
weist Autor dem Wasser als Ansteckungsquelle 
nur eine geringe Rolle zu; viel bedeutungs¬ 
voller scheint ihm die direkte und indirekte 
Kontaktinfektion zu sein, wobei er auf die 
relative Häufigkeit von Bazillenträgern und 
Dauerausscheidern besonders hinweist. — Nach 
kurzer Schilderung der hygienisch-prophylakti¬ 
schen Maßnahmen sowie der beobachteten 
Krankheitssymptome (u. a. auch des Cbolera- 
typboids) geht Autor auf die Therapie ein. 
In erster Linie sorgte er für Warmhalten der 
Patienten (angewärmte Backsteine), den großen 
Wasserverlust deckte er durch Kochsalz- i 
infnsionen, wobei ihm die intravenöse Methode 
im allgemeinen nicht bessere Dienste leistete 
als die subkutane. Gegen das Durstgefühl 
empfiehlt er als zuträglichstes Getränk abge¬ 
kochtes kühles Wasser. Bei den starken Durch¬ 
fällen vermeidet er Abführmittel, gibt vielmehr 
von vornherein obstipierende Mittel, wie Bolus 
alba abwechselnd mit Tannalbin, ev. mit Opium 
kombiniert Zur Anregung der Herztätigkeit 
Kampfer, Koffein, Alkohol. Im übrigen strenge 
Diät. Die Mortalitätsziffer betrug bei Geimpften 
33 %, bei ungünstigeren Außenverhältnissen 
45%. Die Mortalitätsziffer in Friedenszeiten 
ist ca. 46%. Janson (Berlin). 

A. Piotrowski o. M. Edel (Charlottenburg), 
Beitrag zur Verwertung der Wassermann- 
schen Reaktion bei progressiver Paralyse. 

Neur. Zentralbl. 1916. Nr. 5. 

Verfasser kommen auf Grund von 9 genau 
beschriebenen Fällen zu folgenden Schlüssen: 
Die Luesanamnese ist sehr oft negativ, Wa im 
Serum regelmäßig negativ, ebenso Phase I und 
Pleozytose. Somatisch-psychische Symptome 
fehlen zunächst oder sind undeutlich. Den 
Ausschlag gibt die positive Wa-R in 0,1 ccm 


Liquor. Sie ist in frühen Fällen das einzig 
sichere Merkmal, welches auf die Art der Er¬ 
krankung hinweist; sie darf als das früheste 
Symptom der progressiven Paralyse aufgefaßt 
werden. Es ist falsch, daß negativer Wasser¬ 
mann im Serum „starke Bedenken gegen die 
Annahme einer Paralyse aufkommen lassen 
müsse“. W. Alexander (Berlin). 


A. Legahn, Physiologische Chemie. I. Teil: 

Assimilation. 2. Aufl. Berlin u. Leipzig 1916. 

Sammlung Göschen. 

Das bekannte Büchlein liegt nunmehr in 
neuer Auflage vor. Es besitzt die Vorzüge 
der meisten Bände der Sammlung Göschen: 
knappe, übersichtliche Darstellung des Ge¬ 
bietes, kurz und doch vollständig. Namentlich 
für die physiologische Chemie keine leichte 
Aufgabe, die der Verfasser mit Geschick gelöst 
hat. Auch im neuen Gewände wird das Werk- 
chen sich viele Freunde machen. 

Walter Brieger (Berlin). 


Erwin Banmann (Königsberg i. Pr.), Bei¬ 
trag zar Therapie mit Anilinfarbstoffen 
(Methylenblau nnd Methyl violett). Korre¬ 
spondenzblatt f. Schweizer Ärzte 1916. Nr. 35. 

Die Anilinfarbstoffe ttbertreffen in ent¬ 
wicklungshemmender und keimtötender Hin¬ 
sicht alle bis jetzt bekannten Antiseptika. Sie 
besitzen ein außergewöhnlich hohes Diffusions¬ 
vermögen und koagulieren Eiweiß nicht. In 
therapeutisch notwendiger Menge sind sie ab¬ 
solut ungiftig und für die Nieren unschädlich. 
Dank dessen können sie in sehr konzentrierter 
Form angewandt werden. Klinisch zeigt sich 
die Wirkung in Vernichtung der Bakterien bzw. 
Hemmung ihrer Weiterentwicklung, rascher Ab¬ 
nahme der Eitersekretion, Reinigung der Wunde, 
Sinken der Temperatur, Besserung des All- 
| gemeinbefindens, Abkürzung der Heilungsdauer. 
Mit Ausnahme der Blasenspülungen verdient 
das Pyoktanin den Vorzug, das besonders in 
der Form der Pyoktaningaze eine weite An¬ 
wendungsmöglichkeit beansprucht. 

J. Ruhemann (Berlin-Wilmersdorf). 

F. Henrich, Über Wandlungen in den Grand- 
anschannngen der Chemie. Ztschr. für 
Balneologie 1916. Nr. 9/10. 

Verfasser schildert in übersichtlicher Weise 
die neuesten radiochemischen Forschungen, 
namentlich ihre Bedeutung für die Atomlehre 
und das periodische System der Elemente. 

Walter Brieger «'Berlin). 


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Tagesgeschichtliche Notizen. 


A. Elllnger n. R. Riesser, Zur Kenntnis 
des im Harn nach TrionalTergiftnng anf- 
tretenden Porphjrins. Ztschr. physiolog. 
Cbem. Bd. 98. S. 1—10. 

Aus dem Harn eines Falles von Trional- 
vergiftnng wurde ein Farbstoff isoliert, der auf 
Grund der analytischen Daten, des spektro¬ 
skopischen Befundes und des chemischen und 
biologischen Verhaltens mit dem von H. F i 8 ch e r 
bei einem Fall von kongenitaler Porphyrinurie 
entdeckten Urinporphyrin identisch oder 
isomer erscheint. Walter Brieger (Berlin). 

E. Salkowski, Zur Kenntnis der mensch¬ 
lichen Gallensteine* Ztschr. physiol. Chem. 
Bd. 98. S. 25-36. 

Verfasser konnte in menschlichen Gallen¬ 
steinen geringe Mengen freier stearinsäure¬ 


haltiger Palmitinsäure nachweisen. Das 
Vorkommen des Kalziumsalzes derselben ist 
nicht ganz sicher erwiesen, jedenfalls ist seine 
Quantität noch kleiner, als die der freien Säure. 
Außerdem enthalten die Gallensteine auch eine 
freie Gallensäure, über deren Natur eine be¬ 
stimmte Entscheidung noch nicht getroffen 
werden konnte. Walter Brieger (Berlin). 

B. Aäron, Das Schicksal des Intravenös 
verabreichten Kaseins. Ztschr. physiolog. 
Chem. Bd 98. S. 49-58. 

Beim Hunde werden nach intravenöser 
Einführung von Kasein bedeutende EiweifS- 
mengen durch den Harn ausgeschieden (durch¬ 
schnittlich 58 °/ 0 des eingeführten N). Das aus¬ 
geschiedene Eiweiß zeigt mehrere Eigenschaften 
des Kaseins. Walter Brieger (Berlin). 


Tagesgeschichtliche Notizen. 


Der 82. Deutsche Kongreß für Innere Medizin findet voraussichtlich Mitte April 1917 
in Wiesbaden unter dem Vorsitz des Herrn Geh. Rat Professor Dr. Minkowski (Breslau) 
statt. Als Hauptverhandlungsgegenstände sind in Aussicht genommen: 1. Die Ernährung im 
Kriege. Berichterstatter die Herren M. Rubner (Berlin) und Fr. von Müller (München). 
II. Die Konstitution als Krankheitsursache. Berichterstatter die Herren Fr. Kraus 
(Berlin) und A. Steyrer (Innsbruck). III. Die im Kriege beobachteten selteneren 
Infektionskrankheiten. Außerdem sollen Kriegserfahrungen aus dem Gebiete der inneren 
Medizin ausgetauscht werden. 

Vortragsanmeldungen nimmt der Vorsitzende des Kongresses, Herr Geh. Rat Professor 
Dr. Minkowski (Breslau, Birken Wäldchen 3) und der Schriftführer, Herr Professor Dr. Wein- 
traud (Wiesbaden, Rosselstraße 20), entgegen. Vorträge, deren wesentlicher Inhalt 
bereits veröffentlicht ist, dürfen nicht zugelassen werden. 

Nach § 2 der Geschäftsordnung sind die Themata der Vorträge mit kurzer Inhaltsangabe 
bis 4 Wochen vor Beginn der Tagung einzureichen. Vorträge, deren Inhalt sich auf Erfahrungen 
aus den Kriegs- oder aus den Heimatlazaretten beziehen, müssen im Manuskript eingereicht und 
dem Chef des Feldsanitätswesens, Exzellenz von Schjerning, zur Prüfung vorgelegt werden. 

Zur sicheren Beschaffung geeigneter Wohnungen für die Teilnehmer am Kongresse wird 
ein Wohnungsausschuß gebildet werden. 

I. A.: W. Weintraud, Schriftführer des Kongresses, Wiesbaden, Rosselstraße 20. 

In Berlin ist eine ärztliche Gesellschaft für Mechanotherapie begründet worden, ln den 
Vorstand wurden gewählt Geh. San.-Rat Prof. Dr. Schütz (Berlin), Dr. Hasebroek (Hamburg), 
Dr. Egloff (Stuttgart), Dr. Hirsch (Bad Salzschlirf), San.-Rat Dr. Lubinus (Kiel) und Dr. Jacob 
(Posen und Binz). Die erste Versammlung soll in der Weihnachtswoche 1916 in Oberhof stattfinden. 

An der Unterrichtsanstalt für Staatsarzneikunde der Kgl. Universität zu Berlin, Han¬ 
noversche Straße 6 (Direktor: Geheimrat Professor Dr. Straßmann), ist eine Röntgen¬ 
abteilung unter Leitung von Dr. G. Bucky eingerichtet worden, die für gerichtlich¬ 
medizinische Untersuchungen und Begutachtungen bestimmt ist. Die Abteilung steht allen als 
gerichtliche Sachverständige tätigen Ärzten für die genannten Zwecke zur Verfügung. 

Berlin, Druck von W. Büxenstein. 


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Original - Arbeiten, 


i. 

Zur Obungsbehandlung der tabischen Ataxie. 

Aus dem Sanatorium Friedrichshöhe in Wiesbaden. 

Von 

San.-Rat Dr. R. Friedlaender, 

z. Z. Oberstabsarzt und Chefarzt des Reservelazaretts Biebrich bei Wiesbaden. 

Die von Frenkel auf der Grundlage der Leydenschen Anschauungen 
über das Wesen der Ataxie begründete, von Förster bezüglich ihrer theoretischen 
Grundlagen in seinem bekannten Buch über die Physiologie und Pathologie der 
Koordination noch weiter ausgebaute kompensatorische Übungsbehandlung der 
Ataxie ist jetzt als eine durchaus rationelle, in vielen Fällen zu sichtlichem und 
dauerndem Erfolg führende Heilmethode allgemein anerkannt. Auch bezüglich 
der Methodik scheint es nicht notwendig zu sein, den ausführlichen Anweisungen 
der genannten Autoren, die durch die Mitteilungen von Goldscheider, Jacob, 
Haenel, Hirschberg u. a. wesentlich ergänzt wurden, etwas hinzuzufügen. 
Wenn ich es trotzdem unternehme, auf Grund meiner langjährigen Beschäftigung 
mit diesem Gegenstand hier einige Erfahrungen und Ratschläge mitzuteilen, so 
geschieht dies hauptsächlich, weil ich hoffe, daß ich etwas dazu beitragen kann, 
die praktische Anwendung der Übungsbehandlung in weitere ärztliche Kreise 
zu tragen. 

Zunächst möchte ich der trotz des Widerspruchs von kompetenter Seite 
(Frenkel, Foerster) immer noch weitverbreiteten irrtümlichen Annahme ent¬ 
gegentreten, daß ganz besondere Apparate und Einrichtungen für die Übungs¬ 
behandlung erforderlich seien. Nachdem ich anfangs verschiedene der für diesen 
Zweck angegebenen Apparate benutzt hatte, bin ich im Laufe der Zeit immer mehr 
zu der Überzeugung gelangt, daß namentlich für die Behandlung der unteren 
Extremitäten, von der hier nur die Rede sein soll, Apparate teils überflüssig, 
teils geradezu schädlich sind. Ein ziemlich großer Raum mit nicht zu glattem 
Fußboden, allenfalls ein paar Kreidestriche, um die Länge der Schritte usw. 
zu markieren, weiter ist nichts erforderlich, um dem Patienten das Stehen und 
Gehen wieder einzuüben. Das aber ist es, was der Tabiker lernen will und 
lernen soll. Den Übungen der Einzelbewegungen im Sitzen und Liegen, für die 
eine ganze Anzahl Apparate angegeben war, darf keine zu große Wichtigkeit 
beigemessen werden, wenn ich sie auch nicht ganz entbehren möchte. Aber auch 
bei diesen Übungen habe ich nach und nach alle Apparate bei Seite gelassen, 
weil bei diesen oft die positive Arbeitsleistung im Vergleich zu dem, was an 

ZelUcbr. f. physik. u. diSt. Therapie nd. XXI. Heft 2. 3 


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Original fro-m 

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34 


R. Friedlaender 


Besserung der Koordination erreicht werden kann, viel zu groß ist. Jede An¬ 
strengung soll aber bei der Ataxie-Behandlung, wie dies schon oft betont worden 
ist, möglichst vermieden oder doch auf das geringste Maß beschränkt werden, 
das zur Erreichung des Zieles der Behandlung erforderlich ist. Nicht um „Kraft¬ 
übung“, wie bei der Heilgymnastik, sondern um „Geschicklichkeitsübung“ handelt 
es sich hier. Daher halte ich auch im allgemeinen die Behandlung mit mediko- 
mechanischen Apparaten bei der Tabes direkt für kontraindiziert. Jede Überan¬ 
strengung kann eine Verschlimmerung der Ataxie zur Folge haben. Dabei ist zu 
erwägen, daß — im Sinne der Edingerschen Aufbrauchtheorie — bei dem Tabiker 
schon eine Arbeitsleistung schädigend wirken kann, die von dem Gesunden leicht 
bewältigt wird. Leider wird die Ubungsbehandlung zuweilen so aufgefaßt, als ob 
es nur darauf ankäme, daß man den Patienten veranlaßt, täglich eine bestimmte 
Zeit lang zu gehen oder Apparate zu benutzen. Das ist, ganz abgesehen von der 
dem Tabiker drohenden großen Gefahr der Überanstrengung, genau so, wie wenn 
man einem Geigenschüler, ohne ihm Unterricht zu geben, sagen würde „spielen 
Sie nur täglich eine bis zwei Stunden, dann werden Sie das Geigen schon 
lernen“. Haenel hat dieses Verfahren mit Recht als Kraftverschwendung be¬ 
zeichnet. Es ist kein Wunder, wenn solche Patienten dann berichten, daß sie 
ohne Erfolg oder sogar zum Schaden ihrer Gehfahigkeit eine „Übungskur“ 
durchgemacht hätten. Gehen kann der Tabiker nur wieder lernen, wenn ihm 
der richtige Gang gelehrt wird, wenn seine koordinatorisclien Fehler sachgemäß 
immer wieder in jeder Einzelheit korrigiert werden, so daß er sich schließlich seihst 
korrigieren lernt. Lehrer kann in diesem Falle vermöge seiner Kenntnisse über 
die Physiologie der normalen Koordination, über die Ursachen der Ataxie und die 
verschiedenen Kompensationsmöglichkeiten der bestehenden Störungen einzig und 
allein der Arzt sein. 

Wir wissen, daß die Ataxie durch verschiedene Momente zustande kommt, 
von denen die Sensibilitätsstörung (Ausfall bewußter sensibler Merkmale) im 
Vordergrund steht. Der Defekt der Hautempfindung spielt dabei, abgesehen von 
der die Sicherheit beim Stehen und Gehen hochgradig beeinträchtigenden An¬ 
ästhesie der Fußsohle und der Volarfläche der Zehen, keine so wesentliche Rolle 
wie die Störungen der Tiefensensibilität, namentlich der Gelenkempfindungen und 
des „Sehnengefühls“ (Goldscheider). Solche Störungen, die sich je nach der 
Schwere der Erkrankung allmählich von den Zehengelenken proximalwärts aus¬ 
breiten, sind bei dem ataktischen Tabiker regelmäßig nachzuweisen (meist ist 
ein Bein stärker betroffen als das andere), entsprechen aber durchaus nicht immer 
dem Grade der vorhandenen Ataxie. Dieses Mißverhältnis tritt weniger hervor 
bei den Einzelbewegungen im Liegen oder Sitzen als beim Stehen und Gehen. 
Hier kommt noch der Ausfall unbewußter, d. h. nicht bis zur Großhirnrinde 
gelangender sensibler Merkmale wesentlich in Betracht, durch die einerseits die 
die Gehstörung der Tabiker oft erheblich verstärkende Hypotonie der Muskeln, 
andererseits die ganz typische Gleichgewichtsstörung bedingt ist, die in dem 
Romberg-Symptom einen charakteristischen Ausdruck findet. Diese Gleich¬ 
gewichtsstörung, deren Behandlung ich für besonders wichtig halte, entspricht 
durchaus nicht immer dem Grade der bei Einzelbewegungen im Liegen und Sitzen 
hervortretenden Ataxie. Ich habe Patienten gesehen, die verhältnismäßig gut 


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Zur Übungsbehandlung der tabiseben Ataxie. 


35 


gingen und doch ziemlich erhebliche Koordinationsstörungen im Liegen zeigten. 
Weit häufiger ist aber das umgekehrte Verhältnis: relativ geringe Koordinations¬ 
störungen bei den Bewegungen im Liegen, dagegen hochgradige Unsicherheit im 
Stehen und Gehen. Das Bild des ataktischen Ganges setzt sich also zusammen 
einesteils aus der durch Ausfall bewußter sensibler Merkmale bedingten Koordinations¬ 
störung der Einzelbewegungen, andernteils aus den mit dem Ausfall unbewußter 
sensibler Merkmale zusammenhängenden Symptomen der Hypotonie der Muskeln und 
der Gleichgewichtsstörung. Am wenigsten ist die Hypotonie der Behandlung 
zugänglich, deshalb geben die Fälle, bei denen die Hypotonie, der verminderte 
Muskeltonus, wie er durch geringen Widerstand und abnorm große Exkursion bei 
passiven Bewegungen leicht festzustellen ist, im Vordergrund steht, verhältnis¬ 
mäßig schlechtere therapeutische Resultate. Durch Behandlung der Muskeln mit 
Massage und Elektrizität, durch geeignetes Schuhwerk — feste Schnürstiefel, die 
das häufige Umknicken der Füße verhindern — in schweren Fällen auch durch 
orthopädische Apparate gegen die starke Hyperextension im Kniegelenk oder 
häufiges Einknicken im Knie, können wir zwar diesen Symptomen bis zu einem 
gewissen Grade entgegenwirken, doch wird durch die Übungsbehandlung an sich 
eine Besserung hier nicht erzielt. Wesentlich besser sind die Aussichten bezüglich 
der größtenteils auf Störungen der Tiefensensibilität beruhenden Koordinations¬ 
störungen und besonders auch bei den von diesen praktisch nicht zu trennenden 
Gleichgewichtsstörungen. Wird auch die Sensibilität an sich nicht gebessert, so 
kann es doch der Patient durch die Übung lernen, mit einem geringeren Quantum 
von Sensibilität auszukommen, die noch vorhandenen Reste besser zu verwerten, 
die Exkursion der Bewegungen auf geringere sensible Reize einzustellen und ihnen 
anzupassen. Erforderlich ist dazu eine unter steter persönlicher Anleitung des 
Arztes immer wiederholte Konzentrierung des Willens und der Aufmerksamkeit, 
das, was Foerster als „attentionelle Chargierung“ bezeichnet hat. Dabei leistet 
das Auge des Patienten wesentliche Dienste, um die Koordinationsfehler unter 
Anleitung des Arztes immer wieder zu korrigieren. Allmählich lernt er es auch, 
die Bewegungen ohne Hinsehen richtig auszuführen und später kann das Maß der er¬ 
forderlichen Aufmerksamkeit ebenfalls eingeschränkt werden, wenn auch der Tabiker 
nie so automatisch gehen wird wie der Gesunde. Schließlich wird man dazu 
übergehen können, einzelne Übungen auch mit geschlossenen Augen machen zu 
lassen, was besonders für die leichteren Fälle zur Erhöhung der Sicherheit sein- 
zweckmäßig ist. Der Ausdruck „kompensatorische Übungstherapie“ ist insofern 
durchaus berechtigt, als die wesentliche Aufgabe der Behandlung darin besteht, 
daß es der Patient auf dem Wege der Übung lernt, das Großhirn in weit erheb¬ 
licherem Maße als nnter normalen Verhältnissen zur Mitarbeit bei der Koordination, 
insbesondere beim Stehen und Gehen, heranzuziehen. 

Ich komme nun zur Ausführung der Übungen selbst. Zunächst einige all¬ 
gemeine Bemerkungen: Stöcke sind bei den Übungen nicht zu benutzen; auch der 
Gehstuhl ist im allgemeinen aus verschiedenen Gründen unzweckmäßig. Der Patient 
muß, soweit erforderlich, unterstützt werden, wobei große Aufmerksamkeit not¬ 
wendig ist. Sämtliche Übungen müssen langsam, evtl, nach Zählen, ohne Hast 
und ohne unnötige Kraftanstrengung vorgenommen werden. Die Übungszeit ist 
in Rücksicht auf die Gefahr der Überanstrengung kurz zu bemessen, etwa 20 Mi- 

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R. Friedlaender 


nuten zweimal am Tage, dabei sind noch häufige kurze Ruhepausen einzuschalten. 
Die Pulsfrequenz ist als guter Maßstab für den Grad der Arbeitsleistung heran¬ 
zuziehen (Frenkel), da bei den Tabikern bekanntlich das Ermüdungsgefühl herab¬ 
gesetzt ist. Bequemes, nicht zu schweres Schuhwerk mit breiten Sohlen, am besten 
Schnürstiefel, die den Knöcheln Halt geben; Frauen üben in Pumphosen, da Kleider 
die Korrektur der Fehler unmöglich machen. Der Patient muß von vornherein 
darauf aufmerksam gemacht werden, daß es unmöglich ist, eine Ataxie schnell zu 
bessern, daß viel Geduld und intensive Willenskonzentration bei den Übungen Vor¬ 
bedingung für den Erfolg sind. Es empfiehlt sich nicht, täglich dieselben Übungen 
machen zu lassen, sondern mit denselben entsprechend abzuwechseln. Gleichzeitiges 
üben mehrerer Patienten ist zweckmäßig, soll aber immer in der Weise vor¬ 
genommen werden, daß abwechselnd nur eiu Patient unter Aufsicht des Arztes übt, 
während die anderen Zusehen und sich ausruhen. Außerhalb der Übungen soll der 
Patient so wenig wie möglich gehen, sondern viel liegen. Bei günstiger Witterung 
ist das Liegen im Freien besonders zu empfehlen. 

Im Rahmen dieser kurzen Arbeit ist es nicht beabsichtigt, auf die Koordinations¬ 
störungen im einzelnen einzugehen oder sämtliche hier in Betracht kommende 
Übungen zu beschreiben. Es sei diesbezüglich wiederholt auf die ausführlichen 
Monographien von Frenkel und Foerster verwiesen. Meine Absicht ist es, haupt¬ 
sächlich auf die Behandlung der Gleichgewichtsstörungen hinzuweisen und die dafür 
zweckdienlichsten Übungen, die ich als „Schwerpunktsübungen“ bezeichnen 
möchte, hervorzuheben, weil diese verhältnismäßig rasch zu dem Ziele führen, den 
Tabiker wieder Stehen und Gehen zu lehren. Den schon früher von mir aus¬ 
gesprochenen Satz „der Schwerpunkt der Übungsbehandlung liegt im 
Schwerpunkt“ habe ich immer wieder bestätigt gefunden. 

Zunächst sind hauptsächlich Übungen im Stehen vorzunehmen. Man beginnt 
mit dem verhältnismäßig leicht zu lernenden Aufstehen und Hinselzen. Es ist dazu 
erforderlich, daß beim Aufstehen die Füße etwas unter den Stuhl zurückgezogen 
werden und der Rumpf nach vorn gebeugt wird, dann die Knie unter Aufrichten 
des Rumpfes langsam gestreckt werden. Beim Hinsetzen muß ebenfalls zunächst 
die Rumpfbeugung erfolgen, dann erst Niederlassen des Körpers unter Beugung der 
Knie. Ich lasse dann die Patienten unter Korrektur der Fehler das einfache Stehen 
zuerst mit etwas gespreizten, dann mit geschlossenen Beinen üben. Es ist hierbei 
besonders darauf zu achten, daß die Knie nicht überstreckt werden und daß das 
Gewicht des Körpers in der richtigen Weise auf Fersen und Fußballen verteilt 
wird, so daß der Schwerpunkt sich etwas vor der Ferse befindet. Dann beginne 
ich sofort mit Übungen in der Gewichtsverlegung von einem Bein auf das andere, 
wobei zunächst die Koordinationsstörungen im einzelnen, die erst später bei den zu 
schildernden Übungen mit halben Schritten zu korrigieren sind, weniger berück¬ 
sichtigt werden. Es wird zuerst die Verlegung des Schwerpunktes bei dem Vor¬ 
setzen und Zurückziehen eines Fußes geübt. Damit der rechte Fuß vorgesetzt 
werden kann, muß das Gewicht zunächst ganz auf dem linken ruhen, dann erfolgt 
unter Vorsetzen des Fußes die langsame Gewichtsverlegung auf das rechte Bein, 
dessen Knie gleichzeitig etwas gebeugt wird. Vor dem Zurückziehen des Fußes 
muß der Schwerpunkt wieder ganz auf den linken Fuß verlegt w r erden. Dieselbe 
Übung lasse ich mit Seitwärts- und Rückwärtssetzen des Fußes — hier ohne Knie- 


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Zur Übungsbebandlung der tabiscben Ataxie. 37 

Beugung — machen, auch die Gewichtsverlegung mehrfach hin und her vornehmen, 
während ein Bein vorwärts, seitwärts oder rückwärts gestellt ist. Dabei liegen 
zunächst beide Füße ganz dem Boden an, dann ist die Ferse des in Grundstellung 
befindlichen Fußes beim Vorwärtssetzen des anderen Fußes jedesmal in dem Augen¬ 
blick zu heben, wo das Gewicht auf das andere Bein übergehen soll. Schließlich 
wird auch das Stehen auf einem Bein abwechselnd geübt, wobei der andere Fuß 
ein wenig über den Fußboden gehoben wird. Als weitere Übungen im Stehen sind 
hervorzuheben: Das Stehen mit geschlossenen Fußspitzen, das Zusammen- und Aus¬ 
einanderführen der Fußspitzen bei aneinanderliegenden Fersen, das langsam 
abwechselnde und gleichzeitige Beugen der Knie in geringer Exkursionsbreite, 
zunächst bei vollkommen aufstehenden Füßen, später unter Hebung der Fersen. 
Bei dem Kniebeugen ist darauf zu achten, daß die Knie nicht wie sonst bei der 
Kniehüftbeugung auseinandergeführt werden, sondern nahe aneinander bleiben. Es 
wird auf diese Weise die Beugung des Unterschenkels gegen den Fuß nach vorn 
geübt, eine Bewegung, die der Tabiker ängstlich' vermeidet, die aber für den Gang 
von großer Wichtigkeit ist. Diese Bewegung muß auch aus der Grundstellung an 
jedem Bein einzeln unter Belastung des betreffenden Beines geübt werden. Rumpf¬ 
bewegungen nach vorn, seitlich und Drehbewegungen des Rumpfes sind ferner im 
Stehen zu üben. Schwieriger sind Wendungen (nach rechts, links, Kehrtwendung), 
die erst dann in Betracht kommen, wenn der Patient bereits eine gewisse Sicherheit 
in der Gewichtsverlegung erlangt hat. Ich lasse die Wendungen auf Kommando 
ausfuhren, indem bei der Wendung nach rechts (militärisch wird dieselbe anders 
ausgeführt) auf 1 die linke Ferse etwas angehoben wird, auf 2 die Drehung aut 
dem rechten Hacken und der linken Fußspitze nach rechts erfolgt, auf 3 der linke 
Fuß wieder neben den rechten gestellt wird. Dementsprechend sind die Anweisungen 
bei der Drehung nach links. Das Gewicht bleibt bei der Wendung nach rechts 
dauernd auf dem rechten, bei der Wendung nach links dauernd auf dem linken 
Bein. Eine etwas schwierigere Schwerpunktsübung besteht darin, daß abwechselnd 
im Stehen ein Bein in kurzem Bogen herumgeführt und über das andere gelegt 
wird, so daß die beiden übereinandergekreuzten Füße ganz dem Boden aufliegen 
und dann eine Verlegung des Gewichts von einem Bein auf das andere und wieder 
zurück stattfindet. 

Ist der Patient soweit, daß er zunächst unter konzentrierter Aufmerksamkeit 
und Kontrolle der Augen die genannten Übungen im Stehen — dieselben sind 
natürlich später immer zu wiederholen — einigermaßen ausführen kann, dann erst 
soll man zu Gehübungen übergehen. 

Die genaue Kenntnis des normalen Ganges ist natürlich Vorbedingung für 
den Arzt, wenn er mit Erfolg Übungstherapie treiben will. Ich lasse hier die 
Beschreibung folgen, wie sie Foerster von dem normalen Gang gibt: 

„Die Dauer eines Schrittes zerfällt in zwei Phasen; während der einen, der 
kürzeren, rnhen beide Beine gleichzeitig auf dem Boden, Phase der beiderseitigen 
Unterstützung. Während der zweiten Phase der einseitigen Unterstützung 
bildet das eine Bein die Stütze, es heißt Stützbein. Der Schwerpunkt des Körpers 
wandert nun beständig vorwärts, indem das Stützbein, dessen Fuß allein dem Boden 
aufrnht, sich um diesen Fuß als Zentrum drehend, vorwärts bewegt. Währenddessen 
fuhrt das andere Bein, das Schwungbein, eine Bewegung relativ zu dem ja selbst schon 
in Bewegung begriffenen Körper aus, von hinten an dem Stützbein vorbei nach vorn, es 


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wird dann dem Boden aufgesetzt, so daß jetzt wieder beide Beine für einen Augenblick 
die Stütze übernehmen. 

Während der Periode der beiderseitigen Unterstützung fällt der Schwerpunkt 
zwischen die Füße. Diese berühren den Boden, aber nicht gleichzeitig mit ihrer ganzen 
Länge, sondern der hintere nur noch mit der Spitze, der vordere erst mit der Ferse. 
Darauf wickelt sich der hintere unter Zunahme der Plantarflexion allmählich mehr und 
mehr vom Boden ab, während sich der vordere unter Abnahme der Dorsalflexion dem¬ 
selben anlegt. Beide Beine sind leicht im Knie flektiert, das hintere etwas mehr als 
das vordere, das Becken ist horizontal, mit der Seite, welche dem hinteren Bein ent¬ 
spricht, etwas zurück, mit der anderen entsprechend voraus. Der Oberkörper ist nahezu 
vertikal, aber die Wirbelsäule entgegengesetzt gedreht als das Becken, gleichzeitig ist 
auch diejenige obere Extremität, welche dem hinteren Bein entspricht, am weitesten 
nach vorne geschwungen und umgekehrt.“ 

Die Gehübungen, zunächst mit „halben Schritten“, beginnen in der Weise, 
daß der eine Fuß vorgesetzt, der andere lediglich nachgezogen wird. Dabei ist 
folgendes zu beobachten: Wenn der linke Fuß vorgesetzt werden soll, muß vorher 
das Gewicht im Stehen auf den rechten Fuß verlegt werden, damit der linke 
für die Bewegung frei wird. Dieser wird dann, ohne ihn höher als notwendig zu 
heben, nach vorn gesetzt und zwar so, daß die Hacke eher als die Fußspitze 
den Boden berührt. Der Schwerpunkt des Körpers muß, während diese Bewegung 
erfolgt, langsam vorwärts wandern, so daß, wenn der bewegte Fuß aufgesetzt 
wird, der Rumpf über demselben steht und der Schwerpunkt über der Ferse, resp. 
etwas vor derselben liegt. Gleichzeitig muß das Knie an dem Vorgesetzten Bein 
ein wenig gebeugt und beim Nachziehen des anderen Fußes wieder langsam 
gestreckt werden, ohne daß es aber zur Hyperextension (Durchdrücken des Knies) 
kommt. Der halbe Schritt darf zunächst klein sein und ist erst allmählich etwas 
zu vergrößern. Es ist ferner darauf zu achten, daß der Fuß nicht zu w’eit nach 
innen oder nach außen oder zuerst mit dem äußeren Fußrand aufgesetzt wird 
w’odnrch es leicht zum Umknicken des Fußes kommt; ferner, daß das Bein beim 
Vorsetzen keinen Bogen beschreibt oder nach innen oder außen rotiert wird. 
Ersteres kommt besonders häufig vor, weshalb die Patienten zu ermahnen sind, 
die Ferse bei dieser Bewegung etw r as nach innen zu drücken. Ganz besonders 
ist aber Wert darauf zu legen, daß die Gewichtsverlegung von einem Bein aut 
das andere in der richtigen Weise stattfindet. Der Tabiker pflegt in dem Augen¬ 
blick, wo das Schwungbein den Boden verläßt, zunächst den Schwerpunkt nicht 
nach vorn sondern nach hinten zu verlegen und den Oberkörper nach rückwärts 
zu beugen. — Erst wenn sich das Gewicht vollkommen auf dem Vorgesetzten Bein 
befindet, wird der andere Fuß nachgezogen. Sehr bewährt hat es sich mir schon 
bei halben Schritten, eine Vorübung für das Abwickeln des Fußes machen zu 
lassen, das bei dem Gang mit ganzen Schritten eine große Rolle spielt und bei 
dem Tabiker in der Regel vollkommen fehlt. Wird der halbe Schritt in der eben 
geschilderten Weise zur Zufriedenheit ausgeführt, dann lasse ich in dem Moment, 
wo der vorzusetzende Fuß den Boden verläßt, an dem anderen die Ferse etwas 
anheben, wodurch die < Jewichtsverlegung nach vorn erheblich begünstigt wird. 

An das Vorwärtsgehen mit halben Schritten schließt sich am besten das 
Seitwärtsgehen an, wobei auch wieder auf die Gewichtsverlegung besonders 
geachtet werden muß, z. B. beim Seitwiirtsgehen nach rechts: zuerst Gewicht auf 
das linke Bein, dann wird der rechte Fuß nach rechts gesetzt, gleichzeitig muß 


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Zur übungsbehandlung der tabischen Ataxie. 


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das Gewicht langsam vom linken Fuß auf den rechten wandern; erst wenn sich 
der Schwerpunkt über diesem befindet, wird das linke Bein nachgezogen. Es 
folgt dann das Rückwärtsgehen mit halben Schritten, abwechselnd wird ein Fuß 
rückwärts gesetzt, der andere nachgezogen. Diese Übung ist im Anfang schwierig, 
weil die Kontrolle der Augen fehlt; dieselbe kann durch einen Spiegel ersetzt 
werden, der auch sonst oft gute Dienste leistet. Ich benutze für diesen Zweck 
einen auf Rollen laufenden Toilettespiegel. Bei den „halben Schritten“ rückwärts 
ist besonders darauf zu achten, daß der Rumpf der Bewegung folgt und nicht 
nach vorn gebeugt wird, so daß siel), wenn der zurückgesetzte Fuß, dessen 
Spitze zuerst aufgesetzt wird, auch mit der Hacke auf dem Boden aufsteht, der 
Schwerpunkt ganz über demselben befindet und dann erst der andere Fuß an 
diesen herangezogen wird. 

Wir kommen dann dazu, den normalen Gang mit ganzen Schritten zu üben. 
Der Tabiker geht gewöhnlich nur, wenn er sich zweier Stöcke bedient oder von 
beiden Seiten unterstützt wird, in der bekannten, schleudernden und stampfenden 
Weise; versucht er ohne Unterstützung zu gehen, so macht er unter Kontrolle 
der Augen kleine, ängstliche Schritte mit vollkommen gestreckten Knien. Die 
Elastizität des Ganges ist ganz verloren gegangen. Außerdem ist der Gang meist 
breitbeinig, um auch auf diese Weise mehr Sicherheit zu gewinnen, und schwankend, 
weil der Schwerpunkt infolge der fehlenden abwickelnden Aktion der Füße und 
Zehen nicht gerade nach vorn wandert. Der Gang mit ganzen Schritten muß 
systematisch aus den bereits geübten halben Schritten entwickelt werden. Zu 
diesem Zweck lasse ich zunächst die halben Schritte in der Weise ausführen, 
daß abwechselnd der rechte und linke Fuß vorgesetzt wird, und zwar unter 
Fersenheben des Stützbeines, wie oben beschrieben. Aus dieser Übung ist es 
nicht schwer, zu den ganzen Schritten überzugehen, indem der nachgezogene 
Fuß zunächst nur lose aufgesetzt, dann an dem Stützbein vorbei gleich nach vom 
geführt w'ird. Die Abrollung des Fußes muß in dem Augenblicke erfolgen, wo 
daß Schwungbein an dem Stützbein vorbeigeht. Besonders hinweisen möchte ich 
hier auf die Mitwirkung der Zehen bei diesem Abwickeln des Fußes. Soll die 
Bewegung in der richtigen Weise stattfinden, dann muß außer der Tätigkeit der 
Plantarflexoren des Fußes, und zwar unmittelbar nach derselben, auch eine 
Beugung der Zehen stattfindeu, die sich dem Boden anlegen und den Fuß vom 
Boden abstoßen. Läßt man einen Tabiker mit bloßen Füßen gehen, dann überzeugt 
man sich, daß die Zehen in der Regel extendiert gehalten oder abwechselnd 
gestreckt oder gebeugt werden und an dieser Abwicklungsbewegung, wenn sie 
auf ausdrückliche Anweisung seitens der Plantarflexoren des Fußes stattfindet, über¬ 
haupt keinen Anteil nehmen. Ich lasse daher diese Bewegung oft mit bloßen Füßen 
üben, weil man nur dann eine Kontrolle über die bei diesem Akt unerläßliche 
Mitwirkung der Zehen hat. Neben dem Abwickeln der Füße ist beim Gehen mit 
ganzen Schritten besonders darauf zu achten, daß das Stützbein nicht gestreckt, 
sondern etwas im Knie gebeugt aufgesetzt wird. Dabei ist besondere Vorsicht 
wegen des anfangs leicht erfolgenden Einknickens der Knie erforderlich. Zu 
den häufigen Fehlern gehört es ferner, daß das Schwungbein zu hoch gehoben 
wird und der Fuß mit zu stark gehobener Spitze zur Erde kommt, häufig zu weit 
nach außen, seltener zu weit nach innen gesetzt, mit der Spitze nach außen oder 


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nach innen gedreht wird usw. Nicht selten wird auch der Fuß mit dem äußeren 
Fußrand zuerst aufgesetzt, wodurch das durch die Hypotonie begünstigte Um¬ 
knicken des Fußes eiutritt. Wie bei der Übung mit halben, ist auch bei den 
ganzen Schritten der Bewegung des Rumpfes resp. der Schwerpunktsverschiebung 
besondere Aufmerksamkeit zu widmen. Der Rumpf darf keine Schwankungen 
nach der Seite oder nach rückwärts machen, sondern der Schwerpunkt muß stetig- 
und langsam, entsprechend der Bewegung der Beine, nach vorwärts verlegt werden, 
so daß er sich jeweilig über dem Stützbein befindet. 

Wie der Gang nach vorwärts systematisch aus dem Gang mit halben Schritten 
zu entwickeln ist, so auch der Gang nach rückwärts. In derselben Weise ist 
auch hier die richtige Verlegung des Schwerpunktes zu berücksichtigen. Der 
Patient muß es namentlich lernen, den Rumpf nicht nach vorn zu beugen und bei 
aufrechter Haltung des Körpers den Schwerpunkt langsam auf das jeweilige 
Stützbein rückwärts zu verlegen. Die Verwendung des Spiegels ist bei dieser 
Übung zu empfehlen. Bei dem Rückwärtsgehen wird der Fuß zuerst mit der 
Spitze aufgesetzt und legt sich dann langsam dem Boden an. 

Um noch größere Sicherheit zu gewinnen, muß die Basis des Ganges 
allmählich verschmälert werden, was durch zwei Kreidestriche, über die der 
Patient die Füße nicht nach außen setzen darf, markiert wird. Auch ist die 
Schrittlänge allmählich zu vergrößern. 

Sind die Wendungen im Stehen genügend geübt, so sind auch solche im 
Gehen vorzunehmen und zwar: 1. halbe, 2. ganze Wendungen im Gehen. Die 
ersteren übt man in der Weise, daß man den Patienten einige Schritte geradeaus 
gehen läßt, dann wird bei der Wendung nach links in dem Augenblick, wo sich 
der linke Fuß vorn befindet, an diesem die Ferse gehoben und auf der Spitze 
die Wendung nach links ausgeführt, der der ganze Körper folgen muß, woraut 
der rechte Fuß vorgesetzt und der Gang rechtwinklig zur bisherigen Richtung- 
fortgesetzt wird. Entsprechend erfolgt die Wendung nach rechts im Gehen durch 
Drehen auf der rechten Fußspitze. Schwieriger ist die ganze Wendung im Gehen, 
die ich in folgender Weise üben lasse: In dem Moment, wo sich der rechte Fuß 
beim Gehen vorn befindet, Heben beider Fersen, ganze Drehung um die Achse nach, 
links. Fortsetzung des Ganges in entgegengesetzter Richtung; entsprechende 
Vorschrift bei der ganzen Drehung im Gehen nach rechts. Bei dem letzten 
Schritt vor der Drehung muß der vorn befindliche Fuß etwas nach innen gesetzt 
werden. Vorgeschrittenere Patienten lasse ich auch auf den Fußspitzen vor- 
und rückwärts gehen. 

Von großer praktischer Wichtigkeit ist es ferner, die Patienten das Herauf- 
und Heruntersteigen von Treppenstufen üben zu lassen. Namentlich das Her¬ 
untergehen einer Treppe macht dem ataktischen Tabiker die größten Schwierig¬ 
keiten. Die Mechauik des Ganges ist beim Treppengehen im allgemeinen dieselbe 
wie beim Gang auf ebener Erde, wenn auch gewisse quantitative Unterschiede in 
der Ausführung einzelner Bewegungen bestehen. Auch hier muß mit halben 
Schritten begonnen werden. Bei dem Treppensteigen erfolgt der halbe Schritt in 
derselben Weise wie auf ebenem Boden, nur daß die Ferse des stehenbleibenden 
Fußes hier höher gehoben und der Vorgesetzte resp. auf die nächsthöhere Stufe 
gesetzte Fuß beim Aufsetzen im Knie stärker gebeugt werden muß; unter lang- 


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Zur Übungsbehandlung der tabischen Ataxie. 


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sainer Streckung des Knies wird dann der nocli mit seiner Spitze auf der unteren 
Stufe befindliche Fuß nachgezogen. Bei der Verlegung des Schwerpunktes aut 
deu anderen Fuß ist hier der Rumpf etwas nach vorn zu beugen. Die ganzen 
Schritte werden aus den halben in der bereits angegebenen Weise entwickelt. 
Ebenso beginnt man bei dem Treppenherabsteigen mit halben Schritten. Soll z. B. 
der linke Fuß vorgesetzt werden, so muß am rechten Bein die Ferse gehoben 
und das Knie gebeugt werden; dann wird der linke Fuß zuerst mit der Ferse 
auf die untere Stufe aufgesetzt und legt sich dann dem Boden ganz an (bei dem 
Tabiker ist dieser Modus der Vorsicht halber zu empfehlen, der Gesunde pflegt 
beim Treppenherabsteigen die Fersen nicht immer aufzusetzen). Der Schwerpunkt 
wird langsam von dem rechten auf das linke Bein verlegt, das linke Knie wird 
bei dem Aufsetzen des Fußes ebenfalls gebeugt. Befindet sich das Gewicht ganz 
über dem linken, nunmehr auf der unteren Stufe aufstehenden Fuß, dann wird 
das linke Knie allmählich gestreckt und der rechte Fuß nachgezogen Aus den 
halben Schritten werden auch hier wieder die ganzen entwickelt. Bei diesen, 
wie überhaupt bei allen Gehübungen, sehen wir immer wieder neben anderen 
koordinatorischen Störungen hauptsächlich hervortreten: 1. die Schwierigkeit der 
Verlegung des Schwerpunktes von einem Bein auf das andere, 2. fehlendes oder 
ungenügendes Abwickeln des Fußes und der Zehen, 3. fehlende oder ungenügende 
Beugung des Knies im Stützbein. Je sorgfältiger diese Fehler schon bei den 
Stehübungen bekämpft worden sind, desto leichter wird es dem Patienten werden, 
das richtige Gehen wieder zu erlernen. 

Zuerst bei den leichteren Übungen, dann auch bei den schwierigeren, muß 
man nach und nach dazu übergehen, die Kontrolle der Augen zu beschränken, indem 
man den Blick beim Üben zuerst geradeaus, dann seitwärts oder oben richten 
läßt und das Maß der attentionellen Chargierung durch Ablenkung der Auf¬ 
merksamkeit (Gespräche, gleichmäßige bestimmte Bewegungen mit den oberen 
Extremitäten usw.) zu verringern. 

Zuletzt kommen auch Übungen mit geschlossenen Augen an die Reihe. 
Es ist mir in verschiedenen Fällen gelungen, den „Romberg“ durch die Übungen 
zu beseitigen. 

Bezüglich der Übungen der Einzelbewegungen im Liegen und Sitzen, aut 
die früher besonderes Gewicht gelegt wurde, will ich mich liier kurz fassen, da 
sie an Wichtigkeit hinter den Steh- und Gehübungen weit zurücktreten. Sein- 
richtig sagt Foerster in der Einleitung zu seinem Buch. „Ein Tabiker will wieder 
gehen lernen und nicht bloß dahin gelangen, in Rückenlage mit den Beinen einen 
Kreis zu beschreihen.“ Trotzdem ist diesen Übungen ein gewisser Wert nicht 
abzusprechen. Sie bilden eine zweckmäßige Einleitung der Behandlung, weil der 
Patient dabei lernt, seine Aufmerksamkeit in der erforderlichen Weise zu kon¬ 
zentrieren, seine Bewegungen zu kontrollieren und den noch vorhandenen sensiblen 
Merkmalen anzupassen. Sie dienen ferner dazu, die Patienten von dem Wert der 
Übungsbehandlung zu überzeugen, da die Wiedereinübung der Bewegungen hier 
weit schneller als bei den Steh- und Gehübungen gelingt. 

Die Übungen im Liegen werden am besten morgens im Bett vorgenommen, 
Apparate sind vollkommen entbehrlich. Sie sind ebenfalls langsam und ohne 
unnützen Aufwand von Kraft, resp. Kontraktion nicht zweckdienlicher Muskeln. 


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R. Friedlaender, Zur Übungsbebandlung der tabischen Ataxie. 


vorzunehmen. Zuerst unter Korrektur der Augen, später mit geschlossenen Augen. 
Koordinatorische Fehler sind sorgfältig zu korrigieren. Von den Liegeübungen 
seien die folgenden hier kurz angeführt: 1. Beugen und Strecken der Zehen; 2. Beugen 
und Strecken, Adduktion und Abduktion, Rotation im Fußgelenk; 3. langsames 
Anziehen und Ausstrecken der Beine im Knie- und Hüftgelenk, erst jedes einzeln, 
dann beide zusammen; 4. Adduktion und Abduktion der Beine im Hüftgelenk bei 
gebeugten und gestreckten Knien; 5. langsames Beugen und Strecken der Knie 
in Bauchlage; 6. Erheben eines Beines mit gestrecktem Knie, das Bein darf nicht 
zu hoch gehoben werden, ist einen Augenblick ruhig zu halten; 7. Kniehacken¬ 
versuch. Eine Hacke wird auf das Knie des anderen Beines geführt, dann das 
Bein wieder in die Ausgangslage zurückgebracht; 8. anschließend daran langsames 
Herauf- und Herabgleiten der Ferse auf dem Schienbein des anderen Beines; 
9. Treffen bestimmter, von dem Arzt berührter Stellen an einem Bein mit der 
Ferse des anderen. 

Zum Schluß noch einige Worte über die Erfolge der Übungsbehandlung. Unter 
der großen Zahl von Tabikern, die ich bisher zu behandeln Gelegenheit hatte, 
befanden sich nach ungefährer Berechnung etwa 25 °/o, die keinen wesentlichen 
Nutzen von der Übungsbehandlung gehabt haben. Dahin gehören zunächst eine 
Anzahl schwerer Fälle mit sehr vorgeschrittener Ataxie oder hochgradiger Hypotonie. 
Ferner solche, bei denen die tabische Erkrankung während der Behandlungszeit 
zum Fortschritt neigte; in diesen Fällen ist die Übungsbehandlung überhaupt auf¬ 
zugeben. Dann aber gibt es viele Patienten, bei denen die für diese Behandlung 
erforderliche Ausdauer und Geduld nicht vorhanden war. Mit Kuren von 4 
bis 6 Wochen ist nun einmal hier nicht viel zu erreichen; ich habe es mir deshalb 
schon seit längerer Zeit zur Regel gemacht, einen Zeitraum von mindestens 
3 Monaten von vornherein als Bedingung eines Erfolges zu bezeichnen. Nicht viel 
erreicht wurde ferner bei solchen Fällen, bei denen der allgemeine Kräftezustand 
ein schlechter war oder die Behandlung durch häufige Schmerzanfälle oder gastrische 
Krisen oft unterbrochen wurde. In der weit überwiegenden Mehrzahl der Fälle 
von leichter und mittlerer Ataxie, besonders bei intelligenten, energischen und vor 
ihrer Erkrankung an körperliche Übungen gewöhnten Patienten waren die Resultate 
durchaus erfreulich und zufriedenstellend und der Erfolg von Dauer, wie ich mich 
oft überzeugen konnte. Eine ganze Anzahl von Patienten wurde in den Stand 
gesetzt, wieder beruflich tätig sein zu können. Dauererfolge zeigten sich namentlich 
bei solchen Patienten, die die Übungen, nachdem sie einer ärztlichen Behandlung 
nicht mehr bedurften, ständig fortgesetzt haben. Allerdings hat das Selbstüben 
für die Patienten, wie auch Haenel hervorhebt, erst dann einen Zweck, wenn sie 
lange Zeit unter ärztlicher Kontrolle gestanden haben und über ihre koordinatorischen 
Fehler und deren Korrektur genau orientiert sind. 

Die Anwendung anderweitiger Heilmethoden kann mit der Übungstherapie 
kombiniert werden. Dies gilt besonders von hydrotherapeutischen Maßnahmen, von 
Massage und elektrischer Behandlung, Freiluftliegekuren usw. Was die antisyphi¬ 
litische Behandlung betrifft, so ist es zweckmäßig, während einer solchen die 
Übungsbehandlung auszusetzen oder doch zu beschränken. Wenn ich auch die 
Erfolge der Salvarsan-Quecksilberbehandlung bei der Tabes, namentlich in bezug 
auf das Allgemeinbefinden, die spinalen Neuralgien und die gastrischen Krisen, das 


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Max Einhorn, Die Pflege der Verdauung. 

Gürtelgefühl und die Blasenbeschwerden, durchaus nicht in Abrede stellen will, so 
möchte ich auf Grund meiner Erfahrung doch entschieden vor einem „zu viel“ in 
dieser Beziehung warnen. Bezüglich der Ataxie habe ich jedenfalls den bestimmten 
Eindruck, daß hier die Übungsbehandlung, wenn sie auch ein rein symptomatisches 
Verfahren darstellt, mehr leistet als alle anderen sonst zu unserer Verfügung 
stehenden therapeutischen Methoden. 


II. 

Die Pflege der Verdauung 1 ). 

Von 

Dr. Max Einhorn, 

Professor der Medizin an der N. Y. Postgraduate Medical School, New York. 

Verdauung umfaßt die Prozesse der Nahrungseinnahme, Assimilation und 
endlich Schlackenentfernung. Gesundheit und Leben hängen von der harmonischen 
Wirkung des Verdauungsapparates ab. Eine gestörte Arbeit desselben verursacht 
Krankheit; eine Unterbrechung seiner Tätigkeit für längere Zeit hat den Tod 
zur Folge. 

Es erscheint daher angemessen, hier einige Punkte zu betrachteu, die dazu 
dienen, die Verdauung in guter Verfassung zu erhalten, um dadurch die Ge¬ 
sundheit zu fördern. 

Zu diesem Zwecke können wir das vorliegende Thema in folgende Unter¬ 
abteilungen zerlegen: 

1. Nahrungseinnahme: nötige Quantität während des Wachstums, des Mannes¬ 
alters und des vorgerückten Alters; 

2. Zustand des Körpers für diese Tätigkeit; 

3. Verdauungsperiode mit Einschluß der Assimilation; 

4. Der letzte Akt der Schlackenentfernung (Stuhlabgang). 

Die Nahrungsmenge ist genau vorgezeichnet und ist größer während der 
Entwicklungsperiode und des gereiften Mittelalters als im vorgerückten Alter. 
Während der Wachstumsperiode wird ein großer Teil der Nährsubstanzen für den 
Körperaufbau benutzt. Im Mannesalter findet die größte Tätigkeitsentfaltung 
statt, welch letztere gleichfalls einen Zuschuß von Nährmaterial erheischt. Im 
späten Mittelalter und im vorgerückten Alter erleidet die Tätigkeit des Orga¬ 
nismus eine erhebliche Einbuße; infolgedessen ist auch der Nahrungsbedarf ein 
geringerer. Während des Mittelalters findet man häufig eine Neigung zur Fett¬ 
sucht; denn gelegentlich findet, trotz der in diesem Lebensabschnitt verringerten 

*) Nach einem vor den Beamten der Stadt New York am 11. Oktober 1916 gehaltenen 
Vortrage. 


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Max Einhorn 


Tätigkeit keine entsprechende Redaktion der Nahrungsaufnahme statt. Der Über¬ 
fluß an Nährmaterial wird dann in Form von Fett im Körper aufgestapelt. 

Die Diät muß sorgfältig gehütet werden und für die verschiedenen Zeit¬ 
perioden des Lebens etwas anders gestaltet sein. 

In den meisten Fällen leitet uns in Gesundheit unser Instinkt richtig; und 
der Appetit ist ein genügender Maßstab, nach dem man sich richten kann. Ab¬ 
weichungen davon können jedoch nach beiden Richtungen hin durch fehlerhafte 
Angewohnheiten (zu große Nahrungsaufnahme auf der einen und zu spärliche 
Ernährung auf der andern Seite) stattfinden. So führen gelegentlich Luxus und 
Opulenz zu einer zu reichlichen Nahrungsaufnahme, während Armut und Geiz im 
Elternhause oder in der Pension zu Unterernährung führen. Beides, sowohl Über¬ 
ernährung wie Unterernährung, kann, wenn für längere Zeit geübt, sich als Ge¬ 
wohnheit etablieren, d. h. der Appetit ist hier nicht mehr normal und kann nicht 
als geeigneter Führer für die besten Zwecke des Organismus betrachtet werden. 

Um für gute Gesundheit zu sorgen, muß man sich vor beiden dieser Fehler 
bewahren. 

Wie können wir wissen, ob wir gerade richtig essen? Die physiologisch 
notwendige Nahrungsmenge ist bekannt, und für den Arzt ist es leicht, zu be¬ 
rechnen und festzustellen, ob jemand genug, — zu viel, oder zu wenig ißt. 

Aber auch der nicht in die Gesetze der Diätetik Eingeweihte kann ohne 
erhebliche Schwierigkeiten ausfinden, ob die Nahrungsaufnahme gerade richtig ist. 
Zunächst ist der Appetit eine gute Leitschnur; zweitens soll jeder ungefähr soviel 
und so häufig essen, wie seine Nachbarn und Freunde; drittens kann jeder für 
sich sehen, ob sein Körper und seine Kraft in guter Verfassung sind. Verläuft 
alles harmonisch und glatt, so ist dies allein eine genügende Garantie, daß alles 
in Ordnung ist. Ist dies jedoch nicht der Fall, so kann man die Wage zu Hilfe 
nehmen, und sich einmal die Woche abwägen; dieses zeigt dann, durch eine 
etwaige Zu- oder Abnahme des Körpergewichts, ob zu viel oder zu wenig Nahrung 
eingenommen wird. 

Was für Nahrung soll man zu sich nehmen? 

Auch hier ist die Antwort: „Beobachte deine Nachbarn, tue dasselbe wie sie, 
und du wirst nicht irre gehen“, 

Folgende Regeln können jedoch im allgemeinen aufgestellt werden. Sorge 
für eine große Mannigfaltigkeit der Nährsubstanzen, welche nicht nur leicht ver¬ 
dauliche, sondern auch schwer verdauliche Materalien einschließen sollten. 

Eine Diät in der Gesundheit auszusuchen, welche lediglich leicht verdauliche 
Nahrung enthielte, wäre ein grober Fehler, weil man so die Stärke des Ver¬ 
dauungsapparates allmählich herabsetzen würde. 

Da der Akt des Essens eine der wichtigsten Funktionen des Organismus 
darstellt, so sollte derselbe nicht aufs Geradewohl ausgeführt werden, sondern mit 
jeder Sorgfalt verrichtet werden. Eine gewisse Menge Arbeit, welche der Mahl¬ 
zeit vorausgeht, steigert den Appetit und erhöht die Verdauungsfunktion. 

Es mögen hier noch einige Regeln, die Diät in der Gesundheit betreffend, 
angereiht werden. 

In diesem Lande liegt eine Tendenz vor, zu viel Fleisch zu essen. Dieses 
führt häufig zu konstitutionellen Störungen. Manche Leute pflegen hier ein Fleisch- 


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Die Pflege der Verdauung. 


45 


Bericht bei jeder Mahlzeit regelmäßig za sich zu nehmen. Für gewöhnlich soll 
man Fleisch nur einmal oder höchstens zweimal täglich, in Mengen von etwa 
einem viertel Pfund für den Erwachsenen, aber nicht viel darüber, verzehren. 
Gemüse sollten damit reichlich serviert werden. Brot und Butter, Früchte und 
Salate sollten reichlich vertreten sein. Wasser sollte bei jeder Mahlzeit getrunken 
werden, — und wenn sich Durst geltend macht, — auch zwischen denselben. 
Seine Wichtigkeit kann nicht genug betont werden. Wasser an sich ist einer 
der Hauptbestandteile des Organismus: außerdem enthält es in kleinen Quanti¬ 
täten Mineralsalze der verschiedensten Art, welche für die Körperökonomie von 
Belang sind. 

Die Verdauung von Speisen, Assimilation und Elimination, erheischen für 
diese Prozesse Wasser als einen Zwischengänger, ohne den Leben unmöglich ist. 
Frisches Quellenwasser bei der Mahlzeit steigert den Appetit und erhöht das 
Vergnügen des Essens. 

Zu große Ermüdung zerstört den Appetit und vertreibt die Lust des Essens. 
Letzteres wird dann mechanisch unter einem beinahe an Ekel erinnernden Gefühl 
aasgeführt, und der Verdauungsprozeß erleidet somit eine Störung gleich vom 
Beginne. Während der Mahlzeit sollen Körper und Geist in einem Zustande der 
Buhe sieh befinden. Ein bequemer Sitz, ein scbön gedeckter Tisch, angenehme 
Gesellschaft, frische und anziehende Speisen und Getränke bilden wichtige Punkte, 
um den Wert der Mahlzeit zu steigern. — Eine allgemeine Unterhaltung, welche 
nicht viel Geistesanstrengung erfordert, ist eher nützlich. Direkte Geschäfts¬ 
angelegenheiten sollten dabei nicht erörtert werden. Die Mahlzeit sollte gemütlich 
ohne jede Eile eingenommen werden, und Zeit für den Genuß der verschiedenen 
Gänge (Speisegerichte) gegönnt werden. Man soll weder zu schnell noch zu lang¬ 
sam essen. Beide Abarten verursachen verschiedene Verdauungstörungen. Eine 
kurze Ruhepause nach der Mahlzeit ist vorteilhaft. Eine leichte Zigarre und 
angenehme Unterhaltung tragen dazu bei den Genuß dieses Nach-Tisch-Aktes zu 
erhöhen. 

Der wirkliche Akt der Verdauung findet erst nach der Nahrungsaufnahme 
statt. Der Digestionstrakt läßt sich mit einer Fabrik vergleichen, in welcher alle 
zugeführten Substanzen derart verändert werden, daß sie in den Blutkreis ein- 
treten und durch diesen Vermittlungsstrom sämtliche Gewebe des Körpers er¬ 
reichen können. 


Assimilation der Nahrung. 

Ungeeignete Substanzen und Nahrungsrückstände, welche nicht mehr ver¬ 
wertet werden können, werden durch den Verdauungskanal weiter befördert, um 
schließlich ausgeschieden zu werden. Auch die Körpergewebe werfen tote und 
abgenutzte Stoffe ab. Sie tun dies vermittelst der Ableitungssysteme (Lungen, 
Nieren, Haut und Verdauungstrakt inklusive Leber), welche von allen Geweben 
durch den Blutstrom erreicht werden. Der Verdauungskanal bildet somit eine der 
Hauptstraßen für den Verkehr auch der Abfallsprodukte des Körpers selbst. 

Die Assimilation wird durch Erhaltung des Körpers in guter Verfassung 
in hohem Grade gesteigert. Zu diesem Behufe muß der Organismus in einem 
Zustande der Zufriedenheit verharren, welche wieder passende Geistes- und 


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Max Einhorn, Die Pflege der Verdauung. 


Körperarbeit vorausSetzt. Jede Beschäftigung sollte mit gutem Willen und Ver¬ 
gnügen ausgeführt werden, und nie bis zur Überermüdung und Langweile verfolgt 
werden. Auf diese Weise wird die Assimilation befördert und vollkommene Ge¬ 
sundheit möglich gemacht. Viel frische reine Luft und reichliche Muskelübung 
(Gehen, Reiten, Rudern, Turnen) sind von großer Bedeutung. Ebenso wichtig ist 
eine gewisse Menge Ruhe nach den Arbeitsstunden und genügender Schlaf (acht 
Stunden täglich), um Verdauung und Gesundheit in bester Verfassung zu erhalten. 
Arbeit sowohl wie Ruhe, in richtigem Verhältnisse verteilt, befördern beides, 
Assimilation und Elimination. 

Der abschließende Akt der Verdauung besteht in der Entfernung sämtlicher 
übrigbleibenden, unausnützbaren Nährsubstanzen und Schlacken des Digestions¬ 
traktes (Defäkation). Bei normalen Individuen findet dies gewöhnlich einmal täglich 
statt. Pünktliche Besorgung dieses natürlichen Aktes ist für das Wohlergehen des 
Organismus gleichfalls wichtig. Diesen Punkt betreffend muß man dem Rufe 
der Natur zur richtigen Zeit gehorchen. Häufige Vernachlässigung, diese Pflicht 
auszuüben, ebenso wie zu große, übertriebene Hingebung zur selben, verursachen 
unregelmäßigen Stuhlgang und schließlich Unpäßlichkeiten. In der Gesundheit ist 
es das beste Prinzip, sämtliche Dinge ihren natürlichen Lauf nehmen zu lassen, 
und jede Einschreituug gegen denselben sorgfältig zu vermeiden. Letzteres hat 
häufig abnorme Zustände, ja Krankheit, zur Folge. 

Fassen wir die Pflege der guten Verdauung zusammen, so finden wir fol¬ 
gende Punkte maßgebend: ein einfaches Leben, in welchem Arbeit und Ruhe für 
Körper und Geist harmonisch verteilt sind; Pünktlichkeit der Mahlzeiten; Fruga- 
lität; große Mannigfaltigkeit frischer guter Nahrung, in richtigem Verhältnis; recht 
viel Wasser; Pünktlichkeit in der Ausführung der Naturbedürfnisse. Gute Ver¬ 
dauung ist auch der Vorläufer vollkommener Gesundheit und eines langen Lebens. 
Ein Jugendelixir für das Alter, oder Verjüngungsheilmittel giebt es nicht. Erhält 
man jedoch den Organismus dadurch, daß man für eine stete und harmonische 
Tätigkeit desselben Sorge trägt, in guter Verfassung, so gelingt es, das unver¬ 
meidliche Stadium des Siechtums und der Auflösungsperiode — mit dem Tode 
als Ende — hinauszuschieben und vielleicht auch dasselbe zu verkürzen. 

Das Leben ist ohne Tod nicht vollständig. Letzterer ist für jedes lebende 
Wesen, zu einer Zeit oder der anderen, ein natürliches Ereignis, und seine An¬ 
kunft sollte daher mit Gleichmut erwartet werden. 


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Wilhelm Ebstein, Genesung und Heilung. 


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III. 

Genesung und Heilung*). 

Von 

Wilhelm Ebstein. 

Mit den Worten Genesung und Heilung bezeichnen wir denjenigen Zeitpunkt, 
wo die Krankheit gewichen und die Gesundheit wieder hergestellt ist. Indessen verbindet 
man mit beiden Worten nur dann die gleiche soeben ausgesprochene einfache Vorstellung 
von der Beseitigung der Krankheit, wenn man das Wort heilen als intransitives Zeitwort 
gebraucht, wobei es also „Heilwerden“ bezeichnet und dem lateinischen „Sanescere“ ent¬ 
spricht. Hierbei gedenken wir nämlich eines heilenden Mediums gar nicht, betrachten 
indessen die Naturheilkraft gewöhnlich stillschweigend als den die Genesung veranlassenden 
Faktor. Anders gestaltet sich die Vorstellung, welche sich an das Wort heilen knüpft, 
wenn wir dasselbe als aktives und transitives Verbum gebrauchen. In diesem Falle bildet 
eine kranke Person oder ein kranker Körperteil oder die zu beseitigende Krankheit das 
Objekt, während wir als Subjekt ein heilendes Medium, insbesondere den Arzt oder die 
von ihm zur Heilung angewandten Hilfsmittel setzen. Das Wort heilen bedeutet dann 
„heil machen“ und entspricht den lateinischen Worten „sanare, curare und mederi“. 
Diese beiden Begriffe, welche das Wort heilen in sich schließt, je nachdem es als tran¬ 
sitives oder intransitives Zeitwort gebraucht wird, sind im Althochdeutschen noch durch 
die Form geschieden 1 ), im Mittelhochdeutschen sind sie bereits in der einen Form „heilen“ 
zusammengeflossen. Für das transitive Verbum heilen haben wir in den Worten „arzneien, 
arznen, arzen“, von denen besonders das letztere unserer niederdeutschen ländlichen Be¬ 
völkerung noch ziemlich geläufig ist, synonyme Ausdrücke, in welchen implicite die Be¬ 
ziehung des Arztes zur Heilung, streng genommen, zur medikamentösen Behandlung der 
Krankheiten, liegt. Wir verwenden jetzt im gewöhnlichen Sprachgebrauche fast stets 
das Wort heilen als transitives Zeitwort. Wenn wir uns nun heut über Genesung und 
Heilung unterhalten wollen, so wird es nach der gegebenen Auseinandersetzung unsere 
Aufgabe sein müssen, das Heilwerden, die Genesung, die Naturheilung, in ihrem Ver¬ 
hältnis zum Heilmachen, also der Kunstheilung, zu betrachten; wir wollen dabei ins¬ 
besondere auch versuchen, den Einfluß festzustellen, welchen die Ärzte vermöge der ihnen 
zu Gebote stehenden Wissenschaft und der von ihr erprobten Hilfsmittel auf die Be¬ 
seitigung krankmachender Potenzen haben. 

Indem wir aber der Frage etwas näher zu treten versuchen, unter welchen Be¬ 
dingungen, durch welche natürliche oder künstliche Hilfsmittel die Krankheiten heilen, 
dürfte es uns zunächst obliegen, uns über den Begriff des Wortes Krankheit zuvörderst 
ein kurzes Bild zu verschaffen. 


*) Diese Vorlesung meines Vaters fand ich in dessen Nachlaß druckfertig vor. Zum Druck 
ist sie indes nie gelangt, wie sich aus dem bibliographischen Verzeichnis seiner Arbeiten (Deutsches 
Archiv für klinische Medizin. Bd. 89. 1906 und Janus, 17. Jahrgang. 1912) ergibt; sie ist wahr¬ 
scheinlich 1877 gehalten worden, als mein Vater die Direktion der Göttinger medizinischen 
Klinik und Poliklinik übernahm. Erich Ebstein. 

1 ) heilan sanare, heilön sanescere. Jakob und Wilb. Grimm, Deutsches Wörterbuch, 
4. Bd. 2. Abteil. S. 823 u. 824. Bearb. von Moritz Heyne. Leipzig 1877. 


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Wilhelm Ebstein 


Der Begriff der Krankheit ist nun keineswegs so leicht klarzulegen und bändig zu 
definieren, wie man es von einer den Menschen leider so nahe angehenden Sache glauben 
sollte. Sie werden sich meines Erachtens dadurch am leichtesten von dem, was man 
unter Krankheit versteht, eine Vorstellung verschaffen, wenn Sie die Krankheit als den 
Gegensatz der Gesundheit betrachten. Krankhafte Lebensvorgänge sind in der Tat für 
diejenigen unverständlich, welche von den normalen biologischen Vorgängen sich kein Bild 
gemacht haben. Betrachten Sie denjenigen als krank, der nicht gesund ist; aber das 
will ich gleich vorausschicken, nicht jeder ist gesund, der sich als gesund fühlt. 

Unter Gesundheit verstehen wir nur denjenigen Zustand unseres Organismus, in dem 
nicht nur alle Organe und Teile des Körpers in normaler Weise sich verhalten und über¬ 
dies in vollem Maße das leisten, was sie zu leisten haben, sondern wo auch alle Organe 
in gesetzmäßiger und harmonischer Weise Zusammenwirken. Ein Beispiel wird Ihnen 
das veranschaulichen. Es genügt nicht, um unsere Bewegungsorgane als gesund anzuer¬ 
kennen, daß dieselben normal entwickelt sind, und daß jeder Muskel die ihm zugeteilte 
Leistung zu erfüllen vermag, sondern sämtliche Muskeln müssen dies auch in der Art 
tun, daß sie lediglich die vorausgewollten und beabsichtigten Bewegungen veranlassen. 
Nicht gewollte, und beabsichtigte, also unwillkürliche Bewegungen der Muskeln unserer 
Glieder, auch wenn jeder einzelne Muskel in sonst gesundheitsgemäßer Weise funktioniert, 
gehören nicht mehr in die Reihe der normalen Bewegungsvorgänge, sie stellen Krampfformen 
und verwandte Störungen unserer Muskeltätigkeit dar. 

Leiten wir aus dem eben aufgestellten Begriffe der Gesundheit den der Krankheit 
ab, so wollen wir denjenigen Menschen für krank erklären, bei dem entweder eins oder 
mehrere Organe seines Körpers nicht die normale Beschaffenheit zeigen und die ihnen 
zukommenden Funktionen nicht oder nicht ausreichend verrichten, oder bei welchen die 
Leistungen der verschiedenen Organe nicht in der Harmonie und Einmütigkeit geschehen, 
wie dieselben zu einem ungestörten Bestände und Verlauf der Lebensverrichtungen gehören. 
Es ist bei dem Begriffe der Krankheit durchaus nicht notwendig, daß das betreffende 
Individuum die Störungen und Abweichungen des gesunden Lebens in unangenehmer Weise 
empfindet, d. h., daß es sich krank fühlt und daß es sich bewußt wird, daß einzelne — 
und zwar betrifft das oft nicht nur untergeordnete, sondern für die Gesundheit und den 
Fortbestand des Lebens äußerst wichtige Teile seines Körpers — in irgend welcher, 
bisweilen recht schwerer Weise alterirt sind. Diese für den ersten Augenblick Ihnen 
vielleicht auffällige, ja paradox erscheinende Tatsache erklärt sich bei genauerer Be¬ 
trachtung im allgemeinen klar und durchsichtig, wenngleich nicht für alle Fälle in der¬ 
selben Weise. Bei einer Reihe von Fällen liegt das nämlich in individuellen, bei einer 
anderen Kategorie in allgemeinen Verhältnissen. Was den ersteren Punkt anlangt, so 
sind die verschiedenen Individuen durchaus nicht gleichmäßig geartet, was die Stärke 
und Heftigkeit betrifft, mit der sie auf krankhafte Störungen in ihrem Organismus rea¬ 
gieren. Ein und dasselbe Leiden, scheinbar in genau demselben Grade der Entwicklung, 
kann den einen Menschen vollkommen leistungsunfähig machen, während ein anderer das¬ 
selbe gar nicht oder kaum empfindet. Ich spreche hier selbstverständlich von Leuten 
gleichen Geschlechts und Alters, welche unter gleichen Lebensverhältnissen, bei gleichen 
Lebensgewohnheiten und Ansprüchen leben; denn das ist ja z. B. von vornherein vollkommen 
einleuchtend, daß ein zarter kindlicher Organismus auf dieselbe Schädlichkeit anders rea¬ 
gieren wird, wie ein widerstandsfähiges, erwachsenes Individuum. Es würde das von 
unserem heutigen Ziele zu weit abführen, wenn ich diesen gewiß sehr interessanten Punkt 
hier weiter, verfolgen wollte, welcher überdies für das ärztliche Handeln von überaus 
großer Wichtigkeit ist. Um nur einige Punkte hervorzuheben, kommt zunächst ja begreif¬ 
licherweise außerordentlich viel darauf an, bei der Taxierung des Werts und der Schwere 
der Krankheitserscheinungen zu entscheiden, wie viel bei den geklagten Beschwerden 
einer abnorm gesteigerten individuellen Empfindlichkeit oder der Erkrankung zuzuschreiben 
ist. Ferner auch dürfte es Ihnen bekannt sein, daß die lange Dauer gewisser Krankheits¬ 
zustände öfter die Empfindlichkeit gegen dieselben in der Art abschwächt, daß sie schlie߬ 
lich von den Kranken selbst als integrierender Bestandteil ihres Daseins, ja als normale 
biologische Vorgänge angesehen werden. Die Kranken selbst nennen solche Krankheits- 


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Genesung und Heilung. 


zustande gewöhnlich habituell, sie sprechen z. B. von ihrem habituellen Husten, als ob 
<ferselbe mit ihrem Dasein verwachsen wäre, zu ihrer ganzen Existenz ebenso gehöre, 
wie das Nahrungsbedürfnis, das Atmen usf. Es werden solche Symptome von den Kranken 
oft kaum beachtet, und um so weniger, je geringer die Beschwerden sind, welche sie 
ihnen machen, je unbedeutender die Störungen sich gestalten, welche sie ihnen in ihrem 
gewohnten Lebensganue auferlegen. Die Bedeutung solcher Erscheinungen wird den 
Kranken oft genug erst klar, wenn ihr Zustand ein völlig hoffnungsloser geworden ist. 
Was aber weiterhin die allgemeinen, in ihrer Tragweite bedeutend über die indivi¬ 
duellen Dispositionen hinausgehenden Verhältnisse anlangt, welche kranken Individuen 
schwere Organerkrankungen oft auf Jahre hinaus verhüllen, dafür will ich an dieser 
Stelle eine Tatsache anführen, welche wir bei einer großen Reihe chronischer Krankheiten 
konstatieren können, nämlich, daß die Natur Mittel und Wege besitzt, für mangelhafte, 
ja selbst für ausfallende Funktionen bei schweren unheilbaren Erkrankungen lebens¬ 
wichtiger Organe einen Ersatz, sogenannte vikariierende oder kompensierende Einrichtungen 
zu schaffen, welche für den Defekt in der Leistung eintreten. Wir beobachten gar 
nicht selten, wenn von paarig in unserem Körper vorhandenen Organen, so z. B. den 
Nieren, das eine funktionsunfähig wird, daß das andere mit der ganzen Arbeitslast betraut 
wird. Der Mensch kann mit einer leistungsfähigen Niere ein recht hohes Alter erreichen. 
In anderen Fällen sehen wir, daß, wo eine solche Kompensation nicht eintreten kann, 
außerhalb des erkrankten Organs, ja unter gewissen Umständen von diesem selbst, durch 
sinnreiche Mechanismen die Vorsorge getroffen wird, um die vorhandenen Hindernisse und 
Schwierigkeiten für eine gewisse, relativ oft recht lange Zeit mit Glück überwinden zu 
können. Wir beobachten z. B. recht häufig, daß gewisse Hindernisse im Blutkreislauf 
durch eine Zunahme der Muskulatur des Herzens, wodurch eine vermehrte Leistung des¬ 
selben ermöglicht wird, in dieser Weise vorübergehend ohne Beschwerden ertragen werden. 
Obgleich solche Kranke von dem Unheil, welches über sie hereinbricht, wenn diese kom¬ 
pensierenden Einrichtungen nicht mehr Stand halten — w r as ja mit großer Regelmäßigkeit, 
freilich in verschiedenen Fällen zu sehr verschiedenen Zeitpunkten eintritt — meist keine 
Ahnung haben und sich für ganz gesund halten, so w r eiß doch der sachverständige Arzt 
oft aus scheinbar recht wenig auffälligen Symptomen mit größter Zuverlässigkeit zu beur¬ 
teilen, daß und warum derartige Individuen schwer bedroht sind. Er weiß, daß die 
Harmonie, das richtige Verhältnis in den Beziehungen der einzelnen vitalen Leistungen 
erschüttert ist, obwohl der Kranke davon nichts merkt. 

Nachdem wir uns ein ungefähres Bild davon gemacht haben, was wir unter Ge¬ 
sundheit und Krankheit zu verstehen haben, tritt die Frage an uns heran, auf w r elche 
Weise der Übergang von der Gesundheit zur Krankheit bewirkt wird und wie sich nm- 
gekehrt der Übergang von der Krankheit zur Genesung vollzieht, d. h., welche Verände¬ 
rungen unter diesen veränderten Lebensbedingungen in unserem Körper anftreten. Es 
lassen sich über diese Fragen, selbst wenn die Wissenschaft alle einschlägigen Punkte in 
wünschenswerter Klarheit aufgedeckt hätte, hier nur einige Andeutungen berühren, soweit 
sie für das Verständnis des nns heute beschäftigenden Themas unerläßlich notwendig sind. 

Jede Leistung unseres Organismus oder seiner einzelnen Teile vollzieht sich unter 
bestimmten gesetzmäßigen Veränderungen, welche dabei in unserem Körper eintreten. 
Indem ein Organ aus dem ruhenden in den tätigen Zustand übergeht, verhält es sich 
anders als im Ruhezustände, und wenn das Organ aus dem tätigen in den Ruhezustand 
wieder zurückkehrt, so nimmt es die Beschaffenheit wieder an, welche es im Zustand 
der Ruhe hatte. Dieser eben vorgetragene Satz ist zwar noch nicht für alle Organe 
erwiesen, aber doch für eine immerhin genügend große Zahl von Einzelfällen, um mit 
gutem Recht daran denken zu dürfen, ihn als Ausdruck einer allgemein richtigen Tat¬ 
sache aufzustellen. Fortwährend mehrt sich die Zahl der ihn bestätigenden Einzel- 
beobachtnngen. Ich darf Sie kurz an eine der neuesten und schönsten Errungenschaften 
in dieser Beziehung erinnern, indem ein deutscher Naturforscher 1 ) die Entdeckung ge¬ 
macht hat, daß die sogenannte Stäbchenschicht der Netzhaut unseres Auges, w'elche man 


*) Boll, Monatsberichte der Berliner Akademie der Wissenschaften 1876. 

ZeiUcbr. f. physik. u. diiit. Therapie Bd. XXI. Heft 2. 4 


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Wilhelm Ehstein 


bis daliin für weiß oder grauweiß hielt, eine verschiedene Färbung hat, je nachdem sie 
sich im Dunkeln oder unter dem Einfluß des Lichtes befindet, nämlich im ersteren Falle 
eine schön purpurrote, welche mit dem Einfluß des Lichtes verblaßt. Von anderen hierher 
gehörigen Tatsachen will ich nur hervorheben, daß es insbesondere fiir eine Leihe von 
Drüsen gelungen ist, den Nachweis zu liefern, daß sie sich im tätigen Zustande anders 
verhalten als im Ruhezustände. Untersuchen wir z. B. nie Schleimhaut des Magens, 
welche ein für die Verdauung so hochwichtiges Sekret liefert, genauer, so linden wir. 
daß dieselbe im ruhenden, untätigen Zustand, d. h. beim hungernden Tiere, eine andere 
Beschaffenheit, besonders ihrer Drüsen, zeigt, als während der Verdauung, also im tätigen 
Zustande. Was nun gerade den Magen anlangt, so wissen wir bereits seit längerer Zeit, 
besonders aus Beobachtungen des Dr. Beaumont 1 ), welcher Gelegenheit hatte, an einem 
mit einer Magenfistel behafteten Kanadier Versuche über die Magenverdaimng anzustellen, 
daß die Innenfläche des Magens ein verschiedenes Ansehen zeigt, je nachdem der Magen 
leer und untätig ist oder wenn Nahrung in denselben hineingebracht, er also in Tätigkeit 
gesetzt wird. Indem ich mich mit der Anführung dieser Beispiele begnüge, glaube i« h 
nach dem, was ich Ihnen mitgeteilt habe, daß wir den Satz festhalten dürfen, daß die 
normalen Verrichtungen der einzelnen Teile unseres Körpers mit mehr oder minder augen¬ 
fälligen und der Forschung mehr oder weniger zugänglichen Veränderungen derselben 
verknüpft sind. 

Wenn nun die normalen Verrichtungen unseres Organismus durch irgendeine Ursache 
gestört werden, wenn eins oder mehrere Organe unseres Körpers erkranken, so geschieht 
auch das, indem Veränderungen der betreffenden Organe, welche aber nicht mehr inner¬ 
halb der Breite des gesundheitsgemäßen Zustandes liegen, auftreten. Dieselben müssen 
als materielles Substrat, als Ursache für diese krankhaft veränderten Lebensvorrichtungen 
und die dadurch erzeugten Symptome betrachtet werden. Der Sachverständige sieht es 
bei der anatomischen Untersuchung dem Organ, welches nicht gehörig während des 
Lebens funktionierte und gar krankhafte Erscheinungen veranlaßt hat, ohne große 
Schwierigkeiten an, daß es seine normale Beschaffenheit geändert hat, daß es anders 
aussieht, wie dasselbe Organ in gesundem Zustande. Diese krankhaften Veränderungen 
der Organe unseres Körpers genau zu ergründen, hat sich die moderne medizinische 
Wissenschaft mit allen ihr zu Gebote stehenden, nunmehr zu einem hohen Grade der 
Vollkommenheit gelangten Mitteln und Methoden bemüht, seitdem .Job. Bapt. Morgagni-) 
diesen Weg der medizinischen Forschung begründet und nachdem ihr enormer Wert für 
die Heilwissenschaft unbestreitbar für alle Zeiten klargelegt war. Freilich ist auch diese 
Wissenschaft bis heute, besonders nach gewissen Richtungen hin, nicht abgeschlossen, 
neue Fortschritte in derselben eröffnen immer wieder neue Probleme. Wir wissen ja 
leider von einer ganzen Reihe von Erkrankungen noch nicht, welche krankhafte Ver¬ 
änderungen der Organe ihnen zugrunde liegen, und von einzelnen Krankheitsformen wissen 
wir nicht einmal, in welchem Teile unseres Körpers ihr Ausgangspunkt zu suchen ist. 
Aber soviel dürfen wir, ganz ebenso wie bei den physiologischen Zuständen der Organe, 
doch mit Bestimmtheit annehmen, daß es keinen krankhaften Zustand gibt, ohne daß dabei 
irgendein Organ materielle, wenn auch noch nicht ausreichend definierte Veränderungen 
erlitten hat. Wir dürfen das füglich annehmen, weil es auch liier der unermüdlichen 
wissenschaftlichen Forschung gelingt, mehr und mehr Rätsel zu lösen, so daß die Be¬ 
hauptung, daß jeder funktionellen Störung eine materielle, außer dem Bereich des gesunden 
Zustandes liegende Veränderung des betreffenden Organs zugrunde liegt, mit einer an 
Gewißheit grenzenden Wahrscheinlichkeit ausgesprochen werden darf. 

Haben nun diese krankhaften Veränderungen aufgehört, den gesundheitsgemäßen 
Lebensgang zu stören, und ist der Zustand der Organe wieder ein so normaler geworden. 


M Beaumont, Neue Versuche und Beobachtungen über den Magensaft usw. Deutsch von 
Luden. Leipzig 1834. 

2 ) Joh. Bapt. Morgagni (1682—1772), seit 1715 Professor in Padua, in seinem berühmten 
Werk: de sedibus et caussis morborum per anatomen indagatis, welches 1761, im 7J. Jahre seines 
arbeitsreichen Lebens, erschien. 


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Genesung und Heilung. 51 

wie er vor der Krankheit war, so ist damit die Gesundheit wieder hergestellt oder 
wenigstens eingeleitet, der Kranke ist genesen, der kranke Organismus ist heil geworden. 
Es setzt der Eintritt der Genesung also immer das Verschwinden von krankhaften Organ¬ 
veränderungen voraus, welche dem normalen Leben fremd sind und welche je nach ihrer 
Schwere mehr oder weniger störend in die Verrichtungen des Lebens eingreifen. 

Ebenso wie durch äußerst feine und sinnreiche Einrichtungen in unserem Körper — 
von deren letzten Grund und über deren Zustandekommen wir wenig Positives wissen 
und somit fast lediglich auf Hypothesen beschränkt sind — die durch die Funktion der 
Organe bedingten Veränderungen im Ruhezustände derselben verschwinden, so kehren auch 
mit dem Eintritt der vollkommenen Genesung die krankhaft veränderten Organe wieder 
zur Norm zurück. Freilich ist auch das Einsetzen und der Ausgleich der funktionellen 
Veränderungen der gesunden Organe nicht unter allen Umständen und in gleiehbequemor 
Weise möglich, indem ihr Zustandekommen an gewisse Bedingungen geknüpft ist, deren 
Nichterfüllung dasselbe stört oder gäuzlich hindert. Es beeinträchtigt z. B. oft das 
Zustandekommen der normalen Leistung eines Organs, wenn dasselbe jiach länger dauernder 
Untätigkeit wieder in Funktion tritt. Bei regelmäßiger Abwechslung von Ruhe und 
Tätigkeit vollziehen sich diese Übergänge leicht und mühelos. Was aber den Ansgleich 
der funktionellen Veränderungen beim Übergang eines Organs aus dem Zustand der Arbeit 
in den der Ruhe anlangt, so wird es behindert, ja in manchen Fällen sogar unmöglich, 
wofern die Leistungsfähigkeit des Organes in ungewöhnlicher seine Kräfte übersteigender 
Weise in Anspruch genommen wird. Diese Überleistung eines Organs, welche in den 
extremsten Fällen mit einem dauernden Erlöschen seiner Arbeitsfähigkeit enden kann, 
führt in den leichteren Fällen, welche die Mehrzahl bilden, zu Zuständen, welche die 
Grenzstadien zwischen Gesundheit und Krankheit oder die Anfänge der letzteren bilden. 
Die harmonische Abwechselung zwischen Ruhe und Tätigkeit in einer gewissen gesetz¬ 
mäßigen, durch individuelle Verhältnisse näher bestimmten Grenze sind also die nötigste 
Vorbedingung, welche erfüllt werden muß, um die Organe unseres Körpers, wofern die¬ 
selben von Haus aus überhaupt gesund angelegt sind, in gutem Zustande zu erhalten. 
Nicht so einfach wie bei dem Verschwinden der funktionellen Organveränderungen gestalten 
sich aber meist die Verhältnisse, w f enn ein krankhaft verändertes Organ zur Norm zurück¬ 
kehren soll. Handelt es sich um mäßige Grade krankhafter, beispielsweise durch stärkere 
Arbeitsleistung veranlaßter Veränderungen eines bis dahin gesunden Organs, so sehen wir. 
daß eine etwas längere Rulie desselben ganz allein genügt, um den früheren Normal¬ 
zustand wieder herzustellen, ohne daß länger dauernde, auf das kranke Organ beschränkte, 
oder allgemeine Störungen des Körpers Zurückbleiben. Bei den sehr zahlreichen Er¬ 
krankungen aber, deren Grund nicht bloß in einer einfachen funktionellen Überlastung 
der Organe beruht, sondern wobei es sich um schwerere Schädlichkeiten handelt, welche 
dieselben betroffen haben und infolge deren es zu hochgradigeren krankhaften Verände¬ 
rungen derselben kommt, wie zu Entzündungen und Entartungen, welche mit der Beein¬ 
trächtigung, ja der Vernichtung der Leistungsfähigkeit eines einzelnen oder mehrerer 
Organe euden können, da ist die Rückkehr der Organe zur Norm oft schwer und wird 
bisweilen ganz unmöglich. Indessen ist ein so trauriger Ansgang glücklicherweise selbst 
bei einer großen Reihe schwerer Erkrankungen nicht einmal ein so häufiger, wie wir es 
bei der Schwere der dabei obwaltenden Störungen uns vorstellen möchten. Ja, wir können 
es sogar aussprechen, daß es nicht einen Zustand gibt, welcher die Hoffnung auf den 
Fortbestand des Lebens, wenigstens für eine gewisse Zeit, absolut ausschließt, wofern 
nicht von vornherein die Herztätigkeit und der Atmungsprozeß sistieren. Eine sehr große 
Zahl von Erkrankungen läßt entweder eine mehr oder weniger vollständige Reparation der 
krankhaft veränderten Organe zu oder es wird durch den Eintritt gewisser kompensierender 
Einrichtungen, welche die zurückbleibeuden Störungen für längere oder kürzere Zeit den 
Kranken nicht empfinden lassen, eine mehr oder weniger vollständige Genesung bewirkt. 

Diese Rückbildung krankhafter Veränderungen der Organe unseres Körpers kann 
geschehen 1. ohne daß die ärztliche Kunst von den ihr zu Gebote stehenden Mitteln 
Gebrauch macht, lediglich durch die Hilfe der Heilkraft unseres Organismus, infolge 
gewisser natürlicher Heilungsvorgänge, welche die krankhaften Prozesse ganz oder teil- 

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52 


Wilhelm Ebstein 


weise beseitigen oder 2. durch Kunsthilfe oder 3. wie dies meistenteils geschieht, durch die 
vereinten Anstrengungen beider. Unter der Kunsthilfe dürfen Sie sich freilich nicht vor¬ 
stellen, daß sie, was früher die Ärzte selbst und heut noch das Volk vielfach annimmt, 
lediglich durch die Vermittlung der Apotheke erfolgt 1 ). Ich werde nachher nochmals auf 
diesen Punkt zurückkommen. Indessen trotz des großen Wertes der Kunsthilfe wird 
jeder für seine Leistungsfähigkeit auch noch so sehr begeisterte Jünger Äskulaps willig 
anerkennen, daß ohne die Mitwirkung der Heilkräfte unseres Organismus sehr viele Be¬ 
strebungen seiner Kunst unzureichend sein würden. Die Heilkraft der Natur bewährt 
sich im allgemeinen bei Krankheiten um so besser, je kräftiger, jedenfalls je widerstands¬ 
fähiger der Organismus in gesunden Tagen gegen schädliche Einflüsse gewesen ist. Die 
Naturheilkraft hat sehr mannigfache Mittel und Wege, um die krankhaft ermüdeten Organe 
zur Norm zurückzuführen. Ihnen dieselben hier sämtlich aufzuführen, würde die uns zu¬ 
gemessene Zeit weit überschreiten. Es wird aber auch für unseren Zweck genügen, 
wenn ich zur Bekräftigung dieser Tatsache an einige auch Ihnen geläufigere Beispiele 
anknüpfe. 

Sie wissen alle, daß ein Fingernagel, welchen man infolge eines schmerzhaften 
Fingergeschwürs verloren hat, sich in der Regel wieder ersetzt. Der Verlust desselben 
erfolgt in einem solchen Falle, weil ihm zufolge des entzündlichen Prozesses, der sich 
in seiner nächsten Umgebung abspielte, das Nährmateiial entzogen wurde. Der verloren 
gegangene Fingernagel wird durch einen neuen ersetzt, wofern der Verlust des Nähr¬ 
materials nur ein vorübergehender war und wofern dasselbe bei seinem erneuten Zufluß 
genügt, um einen neuen Nagel zu reproduzieren. Der Nagel ist eben regenerationsfähig, 
wie eine Reihe anderer Teile unseres Körpers. Erst dann, wenn das zur Regeneration 
derartiger reproduktionsfähiger Teile nötige Bildungsmaterial nicht mehr vorhanden ist, 
ist die Möglichkeit ihres Wiederersatzes selbstredend ausgeschlossen. Sie sehen ein ganz 
nämliches Verhalten zu der Wiedererzeugung bei vielen Erkrankungen der Haare, welche 
ja bekanntlich mit dem Material, ans dem sich die Nägel aufbauen, die vollkommenste 
Analogie haben, nur mit dem Unterschiede, daß die Reproduktion der verloren gegangenen 
Haare ein etwas unzuverlässigeres Ereignis ist, indem sie zum größten Leidwesen ihrer 
Besitzer, nachdem sie einmal verloren gegangen sind, oft genug nicht wiederwachsen. 
Diese regenerativen Prozesse, von denen ich Ihnen soeben ein häufiges Vorkommen vor¬ 
geführt habe, sind ein ungemein wichtiger Faktor für die Möglichkeit der Wiederkehr so 
mancher Leistungen, welche durch den Untergang gewisser Teile unseres Körpers zunächst 
bedroht erscheinen. Dieselbe ist nicht nur den Haargebilden, also der Oberhaut, den 
Nägeln, den Haaren eigentümlich, sondern kommt auch bis zu einem gewissen Grade 
einer Reihe anderer Gewebe, so den Nerven, den Knochen, den Muskeln usw. zu. Sie 
dürfen sich diese regenerativen Vorgänge in unserem Körper aber nicht als etwas vor¬ 
stellen, wodurch beim Menschen unbegrenzt oder in so hohem Grade, wie bei manchen 
niederen Tieren, bei Salamandern, Eidechsen usw. sich verloren gegangene Teile wieder¬ 
ersetzen können. Denn ganze Organe und Gliedmaßen, w r elche in Defekt geraten sind, 
wachsen bei uns nicht wieder. Die Reproduktionskraft unseres Organismus für den 
Wiederersatz unbrauchbar gewordener und gestörter Organe umfaßt nur ein eng begrenztes 
Gebiet. Nichtsdestoweniger aber ist, wie Sie sich leicht vorstellen können, trotz alledem 
diese Art der Naturheilkraft eine äußerst wichtige. Sie ist ein Faktor, mit welchem 
wir bei vielen Erkrankungen rechnen dürfen. Denn wir können in vielen Fällen die 
Kranken beruhigen, daß manche Funktion, welche sie für dauernd verloren halten, ver¬ 
möge dieser regenerativen Tendenz sich wieder einstellen wird. 

Eine andere Art der Wiedererzeugung zerstörter Gewebe ist die Narbenbildung. 
Freilich wird durch dieselbe das untergegangene Gewebe nicht reproduziert, sondern ein 
bestehender Defekt, eine Lücke, in dem erkrankten Organ wird lediglich durch eine die¬ 
selbe ausfüllende bindegewebige Masse ersetzt. Diese Art der Naturheilung ist natürlich 
in vieler Beziehung weit mangelhafter, als wenn das ursprünglich vorhandene Gewebe 
wieder hergestellt w T orden wäre, aber immerhin ist sie auch in den schlimmsten Fällen 


l ) Vgl. Henle, Handbuch der rationellen Pathologie. Braunschweig 1840. Bd. 1. S. 320. 


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Genesung und Heilung. 53 


insofern ein großer Fortschritt, als damit der weiteren Zerstörung mindestens ein vor¬ 
läufiges, bisweilen ein definitives Ende gesetzt wird, ganz abgesehen davon, daß manch¬ 
mal die bindegewebige Narbenbildung nur das Anfangsstadium einer sich später vervoll¬ 
ständigenden Reproduktion des untergegangenen ursprünglichen Gewebes darstellt. Wenn 
nun aber auch mit der Narbenbildung der lokale Zerstörungsprozeß beendet und der vor¬ 
handene Schaden ausgeheilt ist, so wird damit freilich die Rückkehr einer vollkommenen 
Genesung, welche ja die uneingeschränkte Wiedereinsetzung der erkrankten Organe in 
ihre normale Leistungsfähigkeit verlangt, in keiner Weise gewährleistet. Ob und wie 
große Störungen nach erfolgter Ausheilung durch einen Vernarbungsprozeß Zurückbleiben, 
hängt nicht nur von der Größe und sonstigen Beschaffenheit der Narbe, sondern mit in 
erster Reihe auch von dem Sitz derselben ab. Sie werden das selbst schon ohne Mühe 
bei den an der äußeren Oberfläche unseres Körpers sitzenden Narben verstehen. Eine 
Narbe, welche in der Gegend eines Gelenks sich befindet, kann die Bewegung in dem¬ 
selben schon empfindlich schädigen, während eine ganz ebenso geartete Narbe an einer 
anderen Stelle der Baut für die Funktien des Gliedes ganz ohne Bedeutung ist. Noch 
in weit höheren Grade treten die Unterschiede in der Bedeutung der Narben an inneren 
Organen hervor. Die verschiedensten Umstände haben hier ein mehr oder weniger ge¬ 
wichtiges Wort mitzureden. Der Kranke darf sich glücklich preisen, wenn eine Höhlen¬ 
bildung in der Lunge, beispielsweise ein Abszeß, durch eine Narbenbildung definitiv 
abgeschlossen ist. Man kann damit die Gesundheit fast als vollkommen wiederhergestellt 
ansehen, denn auch die Funktion der Lunge wird durch eine einfache bindegewebige, feste 
Narbe von geringem Umfang in keiner nachweisbaren Weise beeinträchtigt. Ganz anders 
verhält sich gewöhnlich eine Narbenbildnng an den Herzklappen. Sie setzt für das be¬ 
betreffende Individuum meistenteils ein daranum permanens. Denn infolge der Retraktion 
der Narbe wird in den meisten Fällen die Ventilwirkung der Klappen in der empfind¬ 
lichsten Weise geschädigt, und ein unheilbarer Herzklappenfehler mit sicherer Aussicht 
auf alle unseligen Folgeerscheinungen desselben ist fertig. Eine Narbe ferner an den¬ 
jenigen Teilen unseres Zentralnervenapparates, welche die willkürlichen Bewegungen ver¬ 
mitteln, setzt unheilbare Lähmungen, und eine Narbe von der Größe eines Stecknadel¬ 
knopfs kann hier unter Umständen für alle Zeiten die Tätigkeit ausgedehnter Muskel¬ 
gruppen aufheben. Es sind das ja immerhin auch Genesungen, aber sie gehören in die¬ 
jenige Kategorie derselben, welche wir als Genesungen mit Defekt bezeichnen. Nirgends 
aber sehen wir fast die Mächtigkeit und Leistungsfähigkeit des Organismus glänzender 
bewahrheitet als da, wo es sich um Beseitigung mancher entzündlicher Produkte handelt, 
welche in kürzester Frist aus dem festen in den flüssigen Zustand übergeführt oder, waren 
sie in flüssigem Zustande, direkt ohne weiteres aufgesogen, somit in die in den Gefäßen 
kreisende Säftemasse aufgenommen und durch die Absonderungsorgane ausgeschieden 
werden. Im allgemeinen dürfen Sie zwar annehmen, daß die Genesung auch bei akuten 
Krankheiten langsamer erfolgt als die Entwicklung der Krankheit Zeit in Anspruch nahm: 
das kommt nicht allein auf die Rechnung der Zeit der Rekonvaleszenz, d. h. derjenigen 
Zeit, welche vom Schwinden der krankhaften Veränderungen bis zur Wiederkehr der 
vollen Leistungsfähigkeit der Organe verstreicht, sondern erfahrungsgemäß bilden sich 
die krankhaften Veränderungen der Organe langsamer zurück als sie entstehen. In ein¬ 
zelnen Fällen erfolgt aber die Rückbildung, wenigstens bis zu einem gewissen Grade, in 
überraschend kurzer Zeit. Als der geradezu wunderbarste Beleg für eine oft über Nacht 
sich vollziehende Rückbildung schwerer, das Leben bedrohender Prozesse erwähne ich 
Ihnen eine der am häufigsten vorkommenden akuten Erkrankungen, nämlich die gewöhn¬ 
liche Lungenentzündung. Hier belehren uns untrügliche objektive Zeichen bei der Unter¬ 
suchung des Kranken, wie große Partien der Lungen für die Atmung unbrauchbar, also 
luftleer geworden sind, was dadurch bewirkt wurde, daß die in der Norm luftführenden 
Lungenbläschen mit einem zu fester starrer Masse geronnenen entzündlichen Produkt un¬ 
gefüllt sind. Mühsam geht die Atmung des Kranken vor sich infolge der für den Gas¬ 
wechsel in der Lunge äußerst beschränkten Atmungsfläche, der Puls ist lebhaft beschleunigt, 
die brennend heiße Haut ist ein deutliches Zeichen für die Überhitzung des Blutes. 
Zweifelnd stehen wir da, unsicher, ob der nächste Tag den Kranken noch lebend finden 


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Referate über Bücher und Aufsätze. 


f)4 


werde. Trotzdem, wie oft wird unser Zweifel nicht über Nacht aufs Erfreulichste be¬ 
hoben, indem am nächsten Morgen das gänzlich veränderte Verhalten des Kranken uns 
belehrt, daß die starre, feste Masse über Nacht verflüssigt, daß die Lungenbläschen 
wieder für die Luft zugänglich geworden sind, daß die Hitze des Fiebers geschwunden, 
daß die Pulswelle ruhig und gleichmäßig anschlägt, daß der Atmungsprozeß sich wieder 
mühelos und friedlich vollzieht. Es war, um mit dem Dichter der Makamen 1 ) zu reden, 
die entscheidende Krise — und überwunden ist diese — der Kampf des Todesengels und 
der Lebensgeister — doch diese blieben über jenen Meister — der Funken ist gerettet 
in den Kohlen — und er brauchte nur Zeit, sich zu erholen. (Schluß folgr.) 

*) Friedrich Riickerts gesammelte Werke. Frankfurt 1801). 11.1kl. S. 343. Die Makamen 
des Hariri. 


Referate über Bücher und Aufsätze. 


A. Diätetisches (Ernährungstherapie). 

Thiele (Chemnitz), Der Einfluß der kriegs¬ 
mäßig veränderten Ernährung auf unsere 
heranwachsende Jugend. B. kl. W. 1916. 

Nr. 28. 

Übereinstimmend mit vielen anderen Beob¬ 
achtern kommt Thiele zu dem Schluß, daß 
bislang im allgemeinen von einem ungünstigen 
Einfluß der durch den Krieg veränderten und 
zum Teil sicher herabgesetzten Ernährung bei 
der heranwachsenden Jugend unserer Gro߬ 
städte keine Rede sein könne. Immerhin gibt 
uns der etwas ungünstigere Befund bei schon 
früher nicht ganz einwandfreien Kindern einen 
erneuten Hinweis darauf, daß etwaiger Nah¬ 
rungsüberschuß in erster Linie unseren Kindern 
zugute kommen muß. Frevhan (Berlin). 

E. Müller, Die Verwendung von Kartoffel¬ 
walzmehl als Zusatz zur Säuglingsnahrung. 

B. kl. W. 1916. Nr. 43. 

Verfasser empfiehlt, statt der im Frieden 
üblichen Maismehle, Kartoffel walzmehl als Zusatz 
zu den Nährgemischen für Säuglinge zu ver¬ 
wenden. Eine eingehendere Veröffentlichung 
seiner Erfahrungen stellt er in Aussicht. 

Walter Brieger (Berlin). 

Klare (Elgershausen), Zur Kalktherapie der 
Hämoptoe. Ztschr. f. Tuberkulose 1916. II. 6. 
Dezember. 

Der Autor empfiehlt Kalzantablettcn bei 
Hämoptoe, gleich nach der Blutung 8 Stück, 
später 6 und dann woehen- und monatelang 


3 bis 4 Stück täglich. Die Krankengeschichten, 
welche er dafür anführt, sind nicht sehr beweis¬ 
kräftig. Denn durch Bettruhe, Prießnitz (der 
Autor schreibt konsequent Winternitz) und 
Milchdiät dürfte auch sonst die Hämoptoe zum 
Stillstand kommen, besonders, wenn bei sehr 
starken Blutungen außerdem noch ein rasch¬ 
wirkendes Hämostyptikum angewendet wird. 
Im allgemeinen enthält die Nahrung des Er¬ 
wachsenen so viel Kalksalze, daß eine künst¬ 
liche Zufuhr überflüssig erscheint. Und alles 
Überflüssige ist in der Therapie von Übel. 
Wie weit die anderen günstigen Wirkungen 
der Kalktherapie auf den Gesamtorganismus 
zutreffen, wie sie von Emmerich und Loew, 
den Verbreitern dieser Medikation, gerühmt 
werden, lasse ich dahingestellt. 

Blitstein (Berlin). 


B. Hydro*, Balneo- nud Klimato- 
thernpie. 

Dosquet, Offene Wundbehandlung und Frei¬ 
luftbehandlung. Leipzig 1916, Verlag von 
Georg Thieme. 

Verfasser hat seit elf Jahren im Kranken¬ 
haus Nordend-Berlin die Freiluftbehandlung 
innerer wie chirurgischer Krankheiten geübt, 
ln einem geschichtlichen Überblick zeigt er 
sehr lehrreich, wie die offene Wundbehandlung 
von einzelnen Chirurgen schon vor hundert 
Jahren angewendet und immer wieder durch 
die Autoritäten zurückgedrängt ist: „Der Au¬ 
toritätenglaube triumphiert, die offene Wund- 


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55 


Heferate über Bücher und Aufsätze. 


Behandlung schläft ein.* Während des Krieges 
jetzt kommt sie wieder zu Ehren. Die offene 
Wundbehandlung läßt sich schlecht in ge¬ 
schlossenen Krankenräurnen durchführen. Die 
Spitalluft enthält viel Keime, ist schlecht be¬ 
wegt, Fliegen halten sich mehr im geschlossenen, 
als im offenen Raum, diese und andere Fak¬ 
toren sind Nachteile gegenüber der freien Luft. 
Die freie Luft bewirkt einen ausgiebigen Blut- 
und Lymphstrom in den Geweben, bei Tem¬ 
peraturen bis zu —8° wurden selbst fiebernde 
Kranke mit komplizierten Knochenbrüchen offen 
behandelt. Wichtig ist eine gleichmäßig be¬ 
wegte Luft und möglichst reine Luft. Daher 
sollte man Krankenhäuser aus den Großstädten 
herausvcrlegen. Die Krankenräume sollen lange 
Hallen sein, deren Frontseite aus Schiebe¬ 
fenstern besteht; im Winter sind die Hallen 
durch Anthrazitöfen geheizt. Der Aufenthalt 
in diesen offenen Hallen führt eine außer¬ 
ordentliche Kräftigung des ganzen Körpers 
herbei. Die natürlichen Heilkräfte werden ge- 
fördeit, die Abwehrbestrebungen des Organis¬ 
mus unterstützt, wobei die starke Belichtung 
in der offenen Halle mithilft. „Erkältungen“ 
kommen nicht vor. Wir wissen ja schon z. B. 
aus dem Bericht Nansens, dessen Leute den 
ersten Schnupfen auf der Rückreise in Hamburg 
sich holten, wir wissen das aus dem Kriege 
jetzt, vorn an der Front kommen „Erkältungen“ 
nicht vor. 

Do8quet zeigt dann die guten Wirkungen 
der Freiluftbehandlung im einzelnen, besonders 
wirkungsvoll Lt sie gegen Pyocyaneus, der 
schon nach wenigen »Stunden verschwindet 
Bei Gasinfektionen zur Überhäutung großer 
Ilautdcfektc. Bei eiternden Höhlen ist möglichst 
für Gefälle und Abfluß des Eiters zu sorgen 
besonderer Bettrnhmcn, geeignete Drahtkörbe, 
Rückens!iitze bei Empyem), bei komplizierten 
Kuochenbrüchcn Gips-Brücken verbände. Die 
offenen Wunden bilden bald eine trockene 
Borke, die mechanisch oder durch Spray (ILO.,) 
zu entfernen ist Das Buch enthält eine 
Reihe guter Abbildungen: dem Typus eines 
modernen Krankensaales werden die Kranken¬ 
ballen des Verfassers gegenübergestellt, Photo¬ 
graphien großer Wunden vor und nach der 
Freiluftbehandlung (sehr gute Erfolge bei aus¬ 
gedehnten Verbrennungen und Erfrierungen). 
Die Bestrebungen des Verfassers verdienen 
durchaus die Beachtung der Chirurgen. 

[Über recht gute Erfahrungen berichtet 
t'oenen, Bruns’ Beiträge 103, 3. Ref.j 

Ernst Unger (Berlin). 


t. Walzel (Wien), Zur Frage der offenen 
Wundbehandlung, speziell bei Granat- 
Verletzungen« W. kl. W. 1916. Nr. 35. 

Die offene Wundbehandlung ist nur in 
einer möglichst stabilen Anstalt gut durch¬ 
führbar. Das Gebiet der offenen Wundbehand¬ 
lung sollte sich nur auf ausgedehnte schwere 
Weichteil- und Knochenverletzungen be¬ 
schränken, insbesondere auf schwere Granat- 
! devastationen, vor allem der Extremitäten, 
| wo die offene Wundbehandlung weitmöglichstes 
I Konservieren erlaubt. Sie sollte möglichst 
bald nach der Verletzung einsetzen. 'Wirk¬ 
sam bekämpft werden kann durch sie das 
Fortscbreiten einer Gasinfektion, was ins¬ 
besondere für Amputation88tümpfe nach Gas¬ 
brand gilt. Ein nicht genug cinzuschätzender 
Vorteil der Therapie ist es, daß man die 
| Wunden stets unter Augen hat; bei jedem 
Gang durchs Krankenzimmer kann man ohne 
Störung des Patienten genaueste Kontrolle 
ausüben. Freyhan (Berlin). 

J. B. Fish, Gebrauch und Mißbrauch des 
Klimas bei der Behandlung von Tuber¬ 
kulösen« Medical Record New York 1916. 
Sept. 30. 

Bei der klimatischen Behandlung der Tu¬ 
berkulösen ist das psychische Element beson¬ 
ders zu berücksichtigen. Ein Klimawechsel ist 
nur bei strenger Indikation vorzunebmen, da 
viele Fälle auch ohne einen solchen gebessert 
werden. R. Friedlaender (Wiesbaden). 

Engwer, Über die Behandlung der kind¬ 
lichen Gonorrhoe mittelst der „Fieber¬ 
therapie« (Weiss). M. m. W. 1916. Nr. 45. 

Weiss hatte über gute Erfolge berichtet 
bei der Behandlung von Gonorrhoe mit Bädern 
von so hoher Temperatur, daß eine Erneuerung 
des Blutes bis zu einem der Lebensgrenze der 
Gonokokken sich nähernden Grade erreicht 
wurde. Engw r er hat ein 3jähriges Kind mit 
Gonorrhoe der Vakzine und des Rektums nach 
dieser Methode behandelt: Dem wannen Voll¬ 
bade wurde fortgesetzt heißes Wasser zugefügt, 
bis eine Temperatur von 42° bis 44° erreicht 
w’ar. Diese wurde über eine halbe Stunde 
konstant erhalten. Einige Zeit nach dein Bade 
bestanden rektal nocli 40°. Das Allgemein¬ 
befinden wurde in keiner Weise gestört. Am 
2. Tage waren schon Gonokokken, Sekretion 
und Entzündungserscheinungen verschwunden. 
Längere Beobachtung ergab die Konstanz der 
Heilung. W. Alexander (Berlin). 


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Referate Uber Bücher und Aufsätze 


C. Gymnastik, Massage, Orthopädie- 
und Apparatbehandlong. 

Charles L. Minor, The Problem of Rest ; 
for Exercise in the Treatment of j 
Pulmonary Tuberculosis; a Plea for less 
Ergophobia. Medical Record 1916. Nr. 15. 
Oktober. 

Der Autor bespricht in diesem Aufsatz die 
Wirkung der Übung und Schonung, der Arbeit | 
und absoluter Ruhe auf den tuberkulösen Or¬ 
ganismus. 

Die Ruhe setzt die Blutzirkulation herab 
und vermindert dadurch die Absorption der 
Toxine. Die Oxydation wird geringer, die Tem¬ 
peratur fällt und damit die Einschmelzung der 
Gewebe, hintangehalten. Die kranke Lunge 
wird ruhiggestellt und die Herztätigkeit ver- | 
ringert. Husten und Auswurf lassen nach. 
Das Gewicht steigt und endlich wirkt die C 
Ruhe, wenn richtig gehandhabt, auch günstig j 
auf das Gemüt. Aber Puls und Temperatur, ! 
Körpergewicht und die Gemütsverfassung des , 
Kranken müssen uns lehren, wann dieses Re- j 
gime abgelöst werden muß durch körperliche 
Tätigkeit. Brehmer hat bei uns auf die j 
Wichtigkeit der Übung aller Funktionen beim 
Lungenkranken hingewiesen, und vor etwa 
zwei Jahrzehnten wmrde von vielen Ärzten 
der Sport bis zur Übertreibung empfohlen, bis 
Detweiler das Prinzip der Ruhe wieder zur 
Geltung brachte. Pattison schätzt die körper- I 
liehe Tätigkeit als eine Art Autotuberkulinkur, 
welcher auch Minor das Wort redet. Aber 
selbst wenn man die Tuberkulinspritze nicht 
mehr sehr hoch bewertet, darin wird man dem 
Autor zustimmen, daß der Zweck der Be¬ 
handlung der Tuberkulose nicht Fettmast 
durch Ruhe sein kann. Vielmehr muß durch 
zweckmäßig dosierte und sorgfältig über- 1 
wachte Tätigkeit die Leistungsfähigkeit des 
Kranken so gehoben werden, daß er aus der 
Kur als werktätiges Glied in die menschliche 
Gesellschaft zurückkehrt. 

In einem kleinen Aufsatz: „Das Vereins- j 
lazarett in Friedrichshagen, seine Einrich¬ 
tungen und Heilmaßnahmen“, der in der 
November-Nummer 1915 des Archivs für physi- 
kal.-diät. Therapie erschienen ist, habe ich 
des näheren gezeigt, wie man mit verhältnis¬ 
mäßig geringen Mitteln recht viel in dieser 
Beziehung erreichen kann. In der physikal.- 
diät. Behandlung nimmt die Ergotherapie 
seit Goldscheider einen breiten Platz ein. 

Blit stein Berlin). 


D. Elektro-, Lickt- und Röntgen¬ 
therapie. 

C. Arndt, Die Darstellung der Gelenke 
durch Röntgenstrahlen. Korrespondenzblatt 
f. Schweizer Ärzte 1916. Nr. 34. 

Zur deutlichen röntgenologischen Dar¬ 
stellung der Gelenkteile injiziert Verfasser 
10 ccm Äther absol. und läßt aus der liegen- 
bleibenden Kanüle, falls die Füllung als lästig 
empfunden wird, soviel Dampf heraus, als nötig 
ist, um den Patienten von den Überschu߬ 
beschwerden zu befreien. 

J. Ruhe mann (Berlin-Wilmersdorf). 

W. Hausmann, Über die Verwendung von 
Blutagarplatten bei Bestrahlungsversuchen. 

W. kl. W. 1916. Nr. 40. 

Verfasser verwendet die Hämolyse von 
Erythrozyten in Blutagarplatten durch ultra¬ 
violette Strahlen als Indikator bei Bestrahlungs¬ 
versuchen. Die Platten lassen sich auch sen¬ 
sibilisieren und können dann bei Untersuchungen 
über die Durchlässigkeit der einzelnen Gewebs- 
anteile für die verschiedenen Teile des Spek¬ 
trums benutzt werden. Durch die Sensibilisie¬ 
rung werden die Platten erheblich lichtempfind¬ 
licher. Walter Brieger (Berlin). 

W.Friedrich u. B.Krönig(Freibürgi.ßr.). 
Die Strahlenbehandlung des Brustkrebses 
In einer einmaligen Sitzung. Festlegung 
der Karzinomdnsis. M. tu. W. 1916. Nr. 41. 

Die Erythemdosis der Haut haben die Ver¬ 
fasser auf 50 Entladungen des Elektrometer- 
Systems ihres Ontoquantimeters um eine be¬ 
stimmt festgelegte Spannung bestimmt. Die 
Ovarialdosis zur Erreichung einer Amenorrhoe 
bei Myomen und hämorrhagischen Metropathien 
haben sie auf 10 Entladungen festgelegt. Der 
Sensibilitätsquotient zwischen Ovarial- und 
Hautdosis beträgt im Mittel 5. Die Karzinom¬ 
dosis haben sie beim Brustkrebs im Mittelanf 
40 Entladungen festgelegt. Der Sensibilitäts¬ 
quotient zwischen Haut und Karzinom beträgt 
im Mittel 1,25. 

Die Bestrahlung der Myome und hämor¬ 
rhagischen Metropathien hat in einer einzigen 
Sitzung stattzufinden und ist in dieser Sitzung 
die Ovarialdosis zu verabfolgen. Für die 
Myome und hämorrhagischen Metropathien ist 
grundsätzlich die Strahlenbehandlung der 
operativen Behandlung vorzuziehen. 

Bei der Bestrahlung des Brustkrebses ist 
in einer Sitzung der gesamten Krebsgeschwulst 
die Karzinomdosis zu verabfolgen. Für die 


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57 


Referate über Bücher und Aufsätze. 


Brustkrebse ist grundsätzlich die Strahlen¬ 
behandlung der operativen Behandlung vorzu¬ 
ziehen. 

Wie lange und in welchen Zeitintervallen 
zur Verhütung eines Rezidivs eine prophy¬ 
laktische Behandlung stattzufinden hat, entzieht 
sich zurzeit noch der Kenntnis. 

Brustkrebse, die schon Metastasen in an¬ 
deren Organen gesetzt und eine Krebskachexie 
hervorgerufen haben, sind von der Strahlen¬ 
behandlung auszuschließen. 

Bei gleicher Wirkung auf Mammakarzinom 
versagen die Gammastrahlen des Radiums und 
Mesothoriums öfter wegen der nicht ausreichen¬ 
den Menge strahlender Substanz, die alsdann 
nicht tief genug dringt. 

J. Ruhe mann (Berlin-Wilmersdorf). 

Josef Freud (Wien), Die röntgenologische 
Darstellung einer erworbenen Duodenal¬ 
stenose mittels der Duodenalsonde. Zen¬ 
tralblatt für Röntgenstrahlen 1916. H. 7/8. 
S. 2()5. 

Während die Ansichten über den Wert der 
Verwendung der Duodenalsonde in der radio¬ 
logischen Diagnostik noch sehr geteilt sind, 
(David plädiert für die ausgiebige Anwen¬ 
dung, Schwarz hält sie für ganz überflüssig), 
bringt Verfasser unter Mitteilung eines Falles 
von Duodenalstenose den Nachweis, daß sie 
sich für die Diagnosenstellung sehr bewährt 
hat; es konnte bei der während fünf Jahren 
beobachteten und radiologisch oft untersuchten 
und bereits laparotomierten Patientin durch 
Zuhilfenahme der Sonde Sitz, Ausdehnung und 
Form der Stenose in sinnfälliger Weise dar¬ 
gestellt werden; ferner konnte vor der Öffnung 
des Bauches die Wahl des Operationsplanes 
präzise getroffen und schließlich das Wider¬ 
streben der Patientin gegen eine Relaparatomie 
überwunden werden. 

L. Katz (Berlin-Wilmersdorf). 

Quimby Judson, A., und Bainbridge 
William Seaman (New York City), Elf 
Fälle radiologl^ch untersucht und operativ 
kontrolliert. S. A. vom Amer. Journ. of 
Roentgenology 1914. Sept. 

Nach einer genauen Darlegung seiner für die 
Röntgendiagnose der Abdominalerkrankungen 
angewandten Technik, plädiert Quiraby für die 
kombinierte Anwendung der Radioskopie, 
Radiographie und Röntgenopalpation und zwar 
bei verschiedenen Lagerungen des Patienten. 
Nur die gemeinsame Verwendung aller drei 
Methoden ermöglicht eine richtige Diagnosen¬ 


stellung, während bei der Hervorhebung nur 
des einen oder des anderen Verfahrens patho¬ 
logische Zustände leicht übersehen werden 
können. Insbesondere legt Verfasser Wert auf 
den Nachweis von Adhäsionen und Knickungen 
im Bereiche des Darmes, da sie häufig eine 
chronische ileakale Stase im Sinne Lanes ver¬ 
ursachen können. 

Der zweite Abschnitt (B) bildet eine Apo¬ 
theose der Lan6sehen Auffassung, der in der 
chronischen Stuhlträgheit die Wurzel einer gro¬ 
ßen Anzahl von Leiden infolge toxischer Zu¬ 
stände sieht; es würde dieser Theorie zufolge 
wenig nützen, ein „isoliertes Phänomen“, wie 
es z. B. das Ulkus des Magens oder des Duo- 
deums bildet, zu operieren, wenn es nicht ge¬ 
länge, die causa peccans, die Adhäsion usw. 
im Darm zu finden und die fäkale Passage 
wieder in Ordnung zu bringen. Deshalb muß 
der Radiologe nach dem Vorgänge von Jordan 
dem Chirurgen den Weg zeigen und auf der 
Platte die krankhafte Veränderung am Darm 
demonstrieren. Sehr interessant ist die durch 
Röntgenplatten und (von den gleichen Fällen) 
durch photographische Aufnahmen während der 
Operation ausgestattete Statistik, die in der Tat 
die Lane sehe Auffassung zu stützen scheint. 
Von den weiteren Schicksalen der Operierten 
erfahren wir nichts. 

L. Katz (Berlin-Wilmersdorf). 

E. Sommer, Radinmskizzen I. Korrespon¬ 
denzblatt f. Schweizer Ärzte 1916. Nr. 40. 

Tabellarische Zusammenstellung der wich¬ 
tigsten Maßeinheiten der Radioaktivität, Ver¬ 
gleichung der Aktivitätsmassen und der Akti¬ 
vität der gebräuchlichsten Radiumsalze. 

Walter Brieger (Berlin). 

Skanpy (Berlin), Die Verwendung roten 
Lichtes in der Strahlentherapie. B. kl. W. 
1916. Nr. 81. 

Die notwendige Voraussetzung jeder 
Strahlenwirkung ist, daß die Lichtstrahlen 
da, wo sie wirken sollen, absorbiert werden. 
Die Folgen der Absorption machen sich als 
Wärmewirkungen und als chemische Wirkungen 
bemerkbar. Um Wärmewirkungen am Körper 
hervorzurufen, muß er mit Substanzen im¬ 
prägniert werden, welche die Strahlen zu ab¬ 
sorbieren vermögen. Ara besten geschieht 
das hier durch eine Färbung der Teile mit 
grünen Farbstoffen und undurchsichtigen pul- 
verförmigen Auftragungen. Um chemische 
Wirkungen zu erzeugen, kann mau sich 
erstens der Sensibilatorcn bedienen, welche 


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;>8 Referate über Bücher und Aufsätze. 


die Eigentümlichkeit besitzen, unter dem Ein¬ 
fluß bestimmter Strahlengattungen Strahlen 
zur Reaktion zu bringen, welche für sich 
allein unwirksam sind. Weiter kann man 
dazu fluoreszierende Stoffe verwenden. Ins¬ 
besondere scheint das Chlorophyll auf Grund 
seines Absorptionsspektrums für diesen Zweck 
als besonders geeignet. Frcyhan (Berlin). 


Fr. M. Messer!!, Les Rayons Simpson | 
(Rayons produits par la lampe k arc 
Simpson). Korrespondenzblatt f. Schweizer 
Ärzte 1916. Bd. XLVL Nr. 44. 28. Oktober. 

Zu Anfang dieses Jahres wurden von den 
großen englischen Tageszeitungen und den 
wichtigsten medizinischen Zeitschriften sen¬ 
sationelle Nachrichten über die neuentdeckten 
„Simpson-Strahlen“ veröffentlicht, denen 
bisher unerreichte therapeutische Eigenschaften 
zugeschrieben wurden. 

Dr. Messerli, der gegenwärtig in London 
weilt, hatte Gelegenheit, bei Herrn Simpson j 
persönlich, sowie im St. Bartholomews-Hospital 
Erzeugung und Eigenschaften der Simpson- 
Strahlen kennen zu lernen, zu deren Erforschung 
jetzt die Londoner medizinische Gesellschaft 
ein eigenes Komitee eingesetzt hat. ; 

Die Simpson-Strahlen werden von einer 
Bogenlampe erzeugt, deren Elektroden aus 
einem Gemenge verschiedener Mineralien, in 
der Hauptsache aber aus Eisen - Mangan- 
Wolframat (Wolframit) bestehen sollen. Diese 
Elektroden, angeblich von schwieriger und 
kostspieliger Fabrikation, bilden die einzige 
Eigentümlichkeit der Simpson-Lampe, die im 
übrigen nach der Beschreibung von Messerli | 
eine gewöhnliche Bogenlampe mit Hand- | 
regulierung und Reflektor zu sein scheint. Der 1 
Flammenbogen soll häufig abreißen, überhaupt : 
sehr ungleichmäßig brennen, was bei der offen- j 
bar recht primitiven Konstruktion nicht wunder¬ 
bar erscheint. Die Helligkeit ist der des Kuhlcn- 
bogens unterlegen. 

Das Spektrum des Simpson-Lichts wurde 
von Burstall und Horton, Sidney Russ, 
sowie 11. Sequeira untersucht Diese Forscher 
fanden es außerordentlich reich an ultravioletten 
Strahlen, namentlich an solchen kürzester 
Wellenlänge. Als Quelle dieser Strahlen soll 
die Simpson-Lampe selbst die Kroinayersehe 
Quarzlampe und die Eisenelektroden Lampe 
von Miller bei weitem übertreffen. Nach Russ 
ist nur das reine Wolframbogenspektrum in 
dieser Hinsicht dem der Simpson-Lampe gleich¬ 
wertig. 


Die therapeutische Wirksamkeit der Simpson- 
Lampe wird auf diesen Reichtum an kurz¬ 
welligen Strahlen zurückgeführt. Die Appli¬ 
kation entspricht im wesentlichen der des 
Quarzlichts; eine Einwirkung der Strahlen von 
3 Minuten Dauer kommt nach Messerli einem 
einstündigen Sonnenbade im Hochsommer gleich. 
Die örtlichen physiologischen Einwirkungen 
sollen sehr rasch zurückgehen; die Strahlen 
verursachen auf der Haut sofort Erytheme, 
die bereits in wenigen Stunden verschwinden. 
Die Tiefenwirkung ist sehr gering; schon ein 
Blatt Papier absorbiert die Strahlen vollständig. 

Außer den Strahlen selbst finden auch 
die Dämpfe, die sich bei der Verbrennung 
der Elektroden entwickeln, und die ozonhaltig 
sein sollen, zur Inhalation Anwendung. (Die 
angebliche Ozonwirkung bliebe wohl auch 
hier besser ganz aus dem Spiele.) 

W. Douglas Harmer und E. P. Cumber- 
batch haben u. a. bei Ulcus rodens, Lupus 
und hartnäckigem Ekzem, E. G. Pfrench na¬ 
mentlich bei primärer Syphilis, und Messerli 
bei Furunkulose, Akne und eitriger Dermatitis 
hervorragende Heilerfolge gesehen. Trotzdem 
erscheint es Messerli noch verfrüht, ein end¬ 
gültiges Urteil über den therapeutischen Wert 
der Simpson-Strahlen zu fällen: man müsse erst 
die Ergebnisse der Untersuchungskommission 
abwarten. Doch schienen die Aussichten viel 
zu versprechen. — 

Soweit Messerli. Bei möglichst objek¬ 
tiver Beurteilung kann man wohl soviel sagen, 
daß die Bogenspektren des Eisens, Mangans 
und Wolframs, der drei metallischen Bestand¬ 
teile des Wolframits, natürlich schon seit Jahr¬ 
zehnten genau bekannt sind; es bedurfte weder 
der Entdeckung des Herrn Simpson, noch der 
Untersuchungen der Herren Russ, Burstall 
usw., um zu zeigen, daß sic gerade im Ultra¬ 
violett äußerst linienreich sind. Das sind Tat¬ 
sachen, die man in jedem Handbuch der Spektro¬ 
skopie nachlesen kann. Immerhin ist cs s<*hr 
wohl möglich, daß die Kombination dieser drei 
Elemente (vielleicht sind es auch noch mehr?; 
einen glücklichen Griff bedeutet. 

Es sei auch noch erwähnt, daß sich Wol¬ 
framit ziemlich leicht schmelzen läßt. Die Zu¬ 
sammensetzung dieses Minerals, einer iso¬ 
morphen Mischung von Ferro- und Manganowol- 
frainat, ist äußerst wechselnd. Aus dem reinen 
Manganowolframat (Hiibnerit), einem ebenfalls 
häufigen Wolframmineral, läßt sich nach Gin 
durch direkte Reduktion im elektrischen Ofen 
eine Legierung der Zusammensetzung Mn W 


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Referate über Bücher und Aufsätze. 59 


in großen Kristallen erhalten. Dies nur als 
Hinweis auf die Möglichkeiten der technischen 
Herstellung wolfrara- und manganhaltigcr Elek¬ 
troden. 

Jedenfalls verdient die Simpson-Lampe 
ernsthafte Nachprüfung. 

Walter Bricger (Berlin). 

ßetton Masse?, Behandlung von inopera¬ 
blem Karzinom mit bipolarer Ionisation« 

Medical Record 1916. 30. Sept. 

Das von dem Verfasser angewandte Ver¬ 
fahren der Elektrolyse bei Tumoren besteht 
darin, daß verschiedene mit dem positiven Pol 
verbundene „aktive“ Nadeln in die Peripherie 
der Geschwulst eingestochen werden, während 
die indifferente negative Polnadel im Zentrum 
der Geschwulst appliziert wird. Es können 
auf diese Weise sehr starke Ströme (500 bis 
1000 M.-A.) ohne Gefahr für den Gesarat- 
organismns angewandt werden. Neben der 
elektrochemischen „ionisierenden“ Wirkung 
kommt die starke Hitzeerzeugung für die Zer¬ 
störung des Tumors in Betracht. Die diffe¬ 
renten Elektrodennadeln müssen aus Zink be¬ 
stehen. Bei Haut- und Schleirabauttumoren, 
r amentlich bei Zungenkarzinomen, wurden mit 
diesem Verfahren gute Resultate erzielt. 

R. Friedlaender (Wiesbaden). 

M.Kahane (Wien), Die Galvanopalpation des 
Abdomens* W. kl. W. 1916. Nr. 49. 

Die Diagnostik der Erkrankungen der 
Bauchorgane bereitet oft Schwierigkeiten. Die 
Hanptuntersnchungsmethode, die Palpation, 
wird häufig durch Meteorismus, Flüssigkeits¬ 
ansammlungen, akute Entzündungserscheinun¬ 
gen, Verlagerungen usw. erschwert oder illu¬ 
sorisch. Die Gal van opalpation beruht auf 
dem subjektiven Symptom der lokal begrenz¬ 
ten Schmerzhaftigkeit schwacher Ströme über 
einem schmerzhaften Organ, und dem objek¬ 
tiven Symptom einer starken Gefäßreaktion 
an der Applikationsstelle. Methodik: Abwarten 
der Akkomodation der Bauchhautgefäßc an die 
äußere Temperatur nach Entblößung. Kathode 
in die Hand, Anode (Spitzenelektrode!) nach 
Einschaltung von 1 M.-A. auf die Gegend des 
zu untersuchenden Organs, mehrfach schnell 
hintereinander aufgesetzt und abgehoben. Oder 
ebensolche methodische Absuchung des 
ganzen Abdomens. Die Vorzüge vor der ge¬ 
wöhnlichen Palpation sind: Fortfall größeren 
Druckes bei entzündlichen Affektionen (Appen- 
dicitis kontra Cholecystitis!); objektiver Be¬ 
fund der Gefäßreaktion außer dein subjektiven 


| des Schmerzes. Mitteilung einiger Fälle, bei 
| denen die Palpation versagte, die Galvano- 
| palpation aber Klarheit brachte; ferner einiger 
I Fälle, bei denen die Galvanopalpation 
als einzige Untcrsuchungsmethode eine 
Diagnose ermöglichte. Weitere Untersuchungen, 
besonders vor Operationen, sind wünschens¬ 
wert. W. Alexander (Berlin). 

E. Serum- und Organotherapie. 

Czernel, Furka, Gerloczy und Kaiser 
(Wien), Über die Vabzinetherapie der Va¬ 
riola. W. kl. W. 1916 Nr. 22. 

Auf den vielfachen Beobachtungen fußend, 
daß mit Variola infizierte, nichtgeimpfte Per¬ 
sonen durch sofortige Impfung der Krankheit 
ev. sofort entgehen können, haben die Ver¬ 
fasser versucht, bei Variolakranken durch sub¬ 
kutane und intravenöse Vakzineinjektionen 
einen therapeutischen Erfolg zu erzielen. Sie 
benutzten dazu Vakzine, die nach japanischer 
Art bereitet war, d. h. Kalbslymphe, der 1 % 
Karbol zugesetzt war, um komplizierende 
! Infektionen möglichst zu vermeiden. Diese 
I Vakzine bereitete den Kranken, gleichviel, ob 
subkutan oder intravenös einverleibt, keinerlei 
I Unannehmlichkeiten; nach der Impfung zeigte 
i sich weder eine lokale noch eine allgemeine 
Reaktion. Die Impfung verkürzte zweifellos 
den Ablauf der Variola. Bei stark verfallenen 
Kranken ist die Impfung erfolglos. 

Freyhan (Berlin). 

Arno n* Lavinia Lampe (München), Ver¬ 
gleichende Untersuchungen über die im 
Serum von Basedowkranken auftretenden 
j komplementbindenden Antikörper nnd Ab¬ 
wehrfermente. Deutsch. Arch. f. klin. Med. 
Bd. 120. II. 5. u. 6. 

Im Serum von Basedowkranken finden sich 
nicht nur Abwehrfermente gegen Basedow- 
| Schilddrüse, zuweilen auch gegen normale 
Schilddrüse, Thymus und Keimdrüsen, sondern 
auch komplementbindcnde Antikörper gegen 
die genannten Substrate. Bei schwerster Er¬ 
krankung fehlen diese Reaktionskörper. Sie 
können ferner bei Fällen vermißt werden, die 
klinisch als Basedowoide imponieren. Bei der 
gleichzeitigen Untersuchung desselben Serums 
| mittels der Abderhaldenschen und Bordet- 
Gengousehen Reaktion finden sich zuweilen 
! Abwehrfermente und komplementbindende Anti¬ 
körper gegen dasselbe Substrat. Auf der an¬ 
deren Seite aber wird sehr häufig jede Cbcr- 
, einstimmung vermißt. Nach diesem Befund 


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Referate über Bücher und Aufsätze. 


sind höchstwahrscheinlich koraplementbindende 
Antikörper und Abwehrfennente nicht identische 
Reaktionskörper. Freyhan (Berlin). 

P. M. Lewis, Bericht über 77 Fälle von 
akuter Poliomyelitis, behandelt mit Intra- 
spinalen Einspritzungen ron Adrenalin- 
Chlorid. Medical Record 1916. 23. Sept. 

Im Sommer 1916 herrschte in New York 
eine sehr weit verbreitete Epidemie von spi¬ 
naler Kinderlähmung. Bezüglich des Verlaufs 
der von dem Autor beobachteten Fälle ist 
hervorzuheben, daß im Beginn der Erkrankung 
häufig Nackensteifigkeit und Hyperextension 
mit heftigen Schmerzen festgestellt wurden, 
die aber mit Nachlassen des Fiebers ver¬ 
schwanden; als Initialsymptome wurden ferner 
Hautausschläge häufig beobachtet. Vor Ein¬ 
tritt der eigentlichen Lähmung machte sich 
eine auffallende Schwäche und leichte Ermüd¬ 
barkeit in den betroffenen Gliedern bemerkbar. 
Die Lähmungen betrafen vorwiegend die un¬ 
teren Extremitäten, besonders die Streck¬ 
muskeln. Die Mortalität betrug in der Stadt 
New York 23,9 % der erkrankten Kinder. Von 
den hier in Rede stehenden 77 Fällen, die mit 
intraspinalen Adrenalin-Injektionen behandelt 
wurden, starben unmittelbar an der Kinder¬ 
lähmung nur 6,49 %. Von den überlebenden 
Fällen fand in 35 % vollständige Wieder¬ 
herstellung statt, in weiteren 35 °/ 0 erhebliche 
Besserung mit der Aussicht auf vollständige 
Wiederherstellung, nur in 30 % war eine dau¬ 
ernde Schädigung in bezug auf eine oder 
mehrere Muskelgruppen zu erwarten. Die Be¬ 
handlung wurde in der Weise ausgeführt, daß 
2 ccm einer Adrenalin-Lösung von 1 : 1(«00 
zwischen 4. und 5. Lendenwirbel intraspinal 
injiziert wurden. Diese Einspritzungen wurden 
alle 6 Stunden wiederholt und so oft vorge¬ 
nommen, bis die Temperatur für 48 Stunden 
normal blieb. 

R. Friedlaender (Wiesbaden). 

Krrl (Wien), Znr Kenntnis der Todesfälle 
nach intravenöser Salvarsaninjektion. 
W. kl. W. 1916. Nr. 39. 

Der Verfasser glaubt, daß die Haupt¬ 
ursache der Salvarsantodesfälle in Gefä߬ 
schädigungen zu suchen sei und hält gerade in 
dieser Hinsicht eine genaue Voruntersuchung 
für geboten. Er glaubt, daß eine genaue Be¬ 
rücksichtigung aller Faktoren, die im Sinne 
einer Gefäßschädigung, insbesondere der zere¬ 
bralen Gefäße, sprechen, sowde eine vorsichtige 
Dosierung und Verteilung der zu injizierenden 


Salvarsanmenge die unangenehmen Zwischen¬ 
fälle wesentlich beschränken dürfte. Die inter¬ 
mittierende kombinierte Behandlungweise wird 
dieselben guten Resultate bringen w r ie die 
forzierte Verabreichung von maximalen Dosen, 
ohne mit den großen Gefahren der letzteren 
verbunden zu sein. Freyhan (Berlin). 

M.Ger8on,ZurXtiologie drrmyasthenischen 
Bulbarparalyse. B. kl. W. 1916. Nr. 51. 

Verfasser beschreibt aus der Foerster- 
schen Klinik zwei Fälle typischer Myasthenie, 
die beide Diphtherie durchgemacht hatten. Er 
fand bei beiden im Nasenabstrich Diphtherie¬ 
bazillen und nimmt einen ursächlichen Zu¬ 
sammenhang zwischen der dauernden Aus¬ 
scheidung von Diphtherietoxinen und der My¬ 
asthenie an. In der Literatur wird zwar die 
Diphtherie in der Anamnese der Myasthenie 
neben anderen Infektionen erwähnt: es sind 
aber bei bestehender Myasthenie noch nie 
Diphtheriebazillen gefunden worden. Wir wissen 
durch Oppenheim, 0. Foerster und andere, 
daß rezidivierende Muskelschwäche mit my¬ 
asthenischer Reaktion bei anderen Myopathien 
und bei traumatischen peripheren Lähmungen 
gelegentlich auftritt, als Ausdruck einer relativ 
geringfügigen Schädigung des motorischen Ap¬ 
parates, die mikroskopisch noch nicht faßbar 
ist. So sind auch die mikroskopischen Befunde 
bei der Myasthenie teils negativ, teils bezüg¬ 
lich des ätiologischen Zusammenhanges an¬ 
fechtbar gewesen. Die diphtherische Lähmung 
hat zur wesentlichen Grundlage neuritische Pro¬ 
zesse, daneben auch Veränderungen in den 
Wurzeln, Meningen und im Rückenmark selbst. 
Das Diphtheriegift schädigt toxisch besonders 
die peripheren Nerven. Verfasser glaubt also 
gezeigt zu haben, daß manche Diphteriebazillen- 
träger durch chronische leichte Giftwirkung 
besondere in Schüben und mit Remissionen 
verlaufende Lähmungen bekommen. In Zukunft 
muß jeder Fall von Myasthenie auf Diptherie- 
bazillen untersucht werden. 

W. Alexander (Berlin). 

Felix (Wien), Die Serodiagnostik des Fleck- 
Hebers. W. kl W. 1916. Nr. 28. 

Durch Anwendung eines neuen Stammes, 
dessen Herstellung genau beschrieben wird, 
j hat der Verfasser die von Weil und ihm an- 
I gegebene Serodiagnostik des Flecktyphus 
| außerordentlich vervollkommnen können. Die 
streng spezifische Agglutinationsreaktion mit 
diesem neuen Stamm tritt bei Krankenseren 
früher und in höheren Verdünnungen auf als 


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Referate über Bücher und Aufsätze. 


mit dem bisher angewendeten Stamm. Die 
Diagnosenstellung wird dadurch in 75 % der 
Fälle bis zum 4. Krankheitstage, in 25 % der 
Fälle bis zum 6. oder 7. Krankheitstage er- | 
möglicht. Freyhan (Berlin). j 

Nein er(Breslau), Zur Gonokokkendiagnostik j 
durch Kutireaklion. B. kl. W. 1916. Nr. 28. 

Wenn auch in der weit überwiegenden 
Zahl der Fälle die üblichen Methoden zur 
Gonokokkendiagnose ausreichen, so kommen 
doch Fälle vor, in denen eine Klarheit damit 
nicht zu erzielen ist. Für solche Fälle schlägt 
der Verfasser vor, durch die mit einer aus 
Kokkenkulturen hergestellten Vakzine vor¬ 
genommenen Kutireaktionsversuche die Dia¬ 
gnose zu klären. Er hat 8 Fälle, und zwar 
4 Gonorrhoiker und 4 Hautkranke, teils mit 
der beschriebenen Kultur, teils mit gut wirk¬ 
samer Gonokokken-Vakzine intrakutan be¬ 
handelt. Nach 48 Stunden war bei keinem der 
mit der fraglichen Kultur geimpften Patienten 
irgendeine positive Kutireaktion zu konstatieren, 
während mit Gonokokkenvakzine BGonorrhoiker 
typisch reagierten. Er glaubt demnach, daß 
diese Methode geeignet ist, in besonders 
schwierigen diagnostischen Fällen Sicherheit 
über den Charakter fraglicher Diplokokken zu 
verschaffen. Freyhan (Berlin). 


F. Verschiedenes. 

E. Graetzer, Diagnostische Winke für die 
ärztliche Praxis. Berlin, Verlag von S. Karger. 
260 S. 

Seinen zahlreichen bekannten und beliebten 
Hilfsbüchem für die Praxis hat der geschätzte 
Autor einen Leitfaden der differentiellen Dia¬ 
gnostik hinzugefügt, der sicherlich vielen 
Ärzten und Studierenden gute Dienste leisten 
wird. In übersichtlicher Weise wird die Dia¬ 
gnose der sämtlichen alphabetisch geordneten 
Krankheitsbilder kurz und klar zunächst in 
ihrem typischen Beginn und Verlauf dargestellt, 
dann die atypischen Fälle und die Differential¬ 
diagnose besonders behandelt. Wie der Ver¬ 
fasser in der Einleitung mit Recht hervorhebt, 
sind die „Atypien“ für den jungen Mediziner 
besonders gefährlich und irreführend, weshalb 
es zweckmäßig erschien, dieselben kurz zu¬ 
sammenzufassen und systematisch zu ordnen. 
Graetzers neues, bei aller Kürze gründliches 
und mit großem Fleiß auf der Grundlage des 
jetzigen Standes der Wissenschaft verfaßtes 
Buch wird vielen Medizinern eine willkommene 
Gabe sein. R. Friedlaender (Wiesbaden). 


Max Saenger (Magdeburg), Über Asthma 
und seine Behandlung. Berlin 1917, Verlag 
von S. Karger. 

Die soeben erschienene zweite Auflage 
dieser Broschüre beweist, daß das Interesse 
für diese merkwürdige Krankheit in ärztlichen 
Kreisen wächst, und daß jenes Werkchen diesem 
Interesse in nützlicher Weise entgegenkommt. 

Saenger sucht das Wesen des Asthma 
psycho analytisch zu erklären. Die Erinnerung 
an frühere Bronchialkatarrho oder an andere 
Erkrankungen, die mit Atemnot und Furcht 
vor Ersticken verbunden waren, bleibt im Be¬ 
wußtsein oder Unterbewußtsein haften, und 
wenn wiederum ein entzündlicher oder „funktio¬ 
neller“ Katarrh der Bronchien eintritt, dann 
assoziert sich dazu die Erstickungsangst, und 
der Anfall setzt ein. Diese Erklärung ist aber, 
wie alle bisherigen, deshalb unvollständig, weil 
sie uns nicht sagt, warum in diesem Falle die 
Angst vor Erstickung zu einem Krampf der 
Bronchiolen führt. Bei Diphtheritis oder Fremd- 
körperBtenose in den Luftwegen haben wir 
doch auch Atemnot und Erstickungsangst, 
ohne daß es aber zum typischen asthmatischen 
Anfall kommt. 

Ich habe eine Erklärung dafür in meinem 
Vortrage: Analyse des Asthma und seine Be¬ 
handlung gegeben, den ich am 4. November 
1916 vor einem Kreis geladener Kollegen in 
der pneumatischen Kuranstalt gehalten habe. 
Der Vortrag wird in einer der nächsten Num¬ 
mern dieses Blattes erscheinen. — Die Be¬ 
hauptung des Autors, daß Asthma beide Ge¬ 
schlechter in gleicher Anzahl befällt, ist nur 
bedingt richtig. Man muß zwischen den Asth¬ 
matikern unterscheiden, welche ihren Anfall 
bekommen, ohne an Bronchialkatarrh zu leiden, 
und der Gruppe, welche mit einer chronischen 
Bronchitis behaftet ist. In der ersten Gruppe, 
welche die bei weitem größere Anzahl Asthma¬ 
tiker umfaßt, gibt es keinen Unterschied zwi¬ 
schen Geschlecht und Lebensalter. Die zweite 
Gruppe rekrutiert sich fast nur aus männlichen 
Individuen jenseits der vierziger und fünfziger 
Jahre. Bei ihnen ist der chronische Bronchial¬ 
katarrh meist eine Folge der Lebensweise 
(Alkohol, Tabakmißbrauch) und darum sind 
bestimmte Berufe besonders häufig vertreten. 
Die Methode des Autors, das Asthma zu heilen, 
ist sicher sehr zweckmäßig und wird durch seine 
zahlreichen Erfolge bestätigt. Das Wesentliche 
in ihr besteht darin, daß die Kranken lernen, den 
circulus vitiosus der abnormen Atmung im Anfall 
zu durchbrechen und ihre Furcht vor Erstickung 


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Referate über Bücher und Aufsätze. 


dadurch zu verlieren, daß sie ferner lernen, 
mit wie wenig: Luft man beim Atmungsprozeß 
auskommen kann. Ich habe mich gefreut, zu 
lesen, daß »Saenger den üblichen Medika¬ 
menten nur symptomatische Bedeutung bei- 
mißt und das Jod, das bei vielen Kollegen in 
der Behandlung des Asthmas noch eine so 
wesentliche Rolle spielt, ganz aus der Therapie 
des Asthmas beseitigt wissen will. Dagegen 
bin ich nicht mit dem Autor in der Frage der 
Abhärtung einverstanden. Jede Erkältung, 
jeder »Schnupfen kann bei einem Asthmatiker 
einen Anfall provozieren, und darum ist er so 
lange nicht geheilt, als er dagegen nicht ab¬ 
gehärtet ist. Allerdings muß man die Technik 
auch hier vollkommen beherrschen. Der Wärme¬ 
verlust, vor dem Sa enger mit Recht bei 
schwächlichen Individuen warnt, muß bei einer 
kalten Ganzwaschung minimal sein, wenn sie 
richtig ausgeführt und für rasche Wieder¬ 
erwärmung gesorgt wird. 

Mit dieser Prozedur wird nicht nur der 
Organismus gegen Erkältung abgehärtet, son¬ 
dern die Haut tonisiert, die Blutzirkulation in 
ihr angeregt, das Herz entlastet und vor allem 
das Nervensystem gekräftigt, dessen Reiz¬ 
schwelle bei allen Asthmatikern herabgesetzt 
ist. Darum ziehe ich auch beim Bronchial¬ 
katarrh einen Brustwickel vor, statt Aspirin, 
wie der Autor will, zu geben, weil es das 
Herz schwächt. »Sehr richtig ist das, was der ' 
Autor von der Wichtigkeit der abdominellen | 
Atmung sagt. Die mangelhafte Leistung der j 
kostalen Atmung wird dadurch oft vollständig 
kompensiert. Das wegwerfende Urteil des 
Autors über die Pneumatotherapie, von wel¬ 
cher wir täglich so vorzügliche Resultate 
sehen, läßt sich nur mit Mangel an Erfahrung 
auf diesem Gebiet erklären. Alles in allem 
ist das Werkeben den Kollegen bestens zu 
empfehlen, weil darin biologisches Denken 
gelehrt und die Wichtigkeit der Psycho¬ 
therapie und der physikalisch-diätetischen Be¬ 
handlung gebührend hervorgehoben wird. W T er 
seine Methode auf diesem Gebiete sich nicht 
selbst zurecht macht, wird gut tun, sich genau 
an die Vorschriften des Autors zu halten. Aber 
auch hier gilt das »Sprichwort: Viele Wege 
führen nach Rom. Blitstein (Berlin). 

L. Mann (Breslau), Neue Methoden und Ge¬ 
sichtspunkte zur Behandlung der Kriegs¬ 
neurosen. B. kl. W. 1916. Nr. 50. 

Die Therapie der Kriegsneurosen muß eine 
vorwiegend psychische sein; und zwar entgegen 


I der im Anfang des Krieges herrschenden Nei¬ 
gung zu einer schonenden und beruhigenden 
Behandlung, ein sehr aktives therapeutisches 
i Handeln. Eine sachgemäß organisierte Arbeits- 
i theiapie bat vielfach Hervorragendes geleistet; 
gelegentliche Arbeitsleistung ohne festes Pro¬ 
gramm oder Arbeitsurlaub in die Heimat wir¬ 
ken nur manchmal und vorübergehend günstig. 
Geeignet hierfür sind besonders die neurasthe- 
nischen Formen der Neurose. Bei ausgesprochen 
psychogen bzw. hysterisch bedingten Erschei¬ 
nungen (Lähmungen, Kontrakturen, Krämpfen, 
Tremoren usw.) sind die Erfolge gering, ebenso 
leisten narkotische Medikamente wenig. Hier 
sind die alten »Suggestivmethoden, insbesondere 
der starke elektrische Strom oft und schnell 
wirksam; doch zeigten sich gerade die Schüttel¬ 
tremoren oft recht hartnäckig, was auch sonst 
aus der Literatur hervorgeht. Nonne hat bei 
der großen Hysterie 65,4 % Heilungen durch 
Hypnose erzielt, davon 29,5% in einer »Sitzung, 
ein kleiner Teil davon ist sogar wieder fehl- 
verwendungsfäbig geworden. Ein Teil der Fälle 
ist aber nicht hypnotisierbar; die Erfolge dieser 
Methoden hängen voll und ganz an der Per¬ 
sönlichkeit des Arztes. 

Gleichfalls hervorragende Resultate erzielt 
die „Kaufmannsehe Methode“: suggestive 
Vorbereitung, sehr starke Ströme von ein- bis 
mehr s t ü n d i g e r Dauer, komb iniert m it Übun ge n, 
die gegen die betreffende Störung gerichtet 
sind, Ausnutzung des militärischen Vorgesetzten¬ 
verhältnisses. Kaufmann selbst hat 40 Fälle, 
die zum Teil bis zu einem Jahr bestanden, in 
einer Sitzung geheilt. Die Methode basiert 
außer auf der beträchtlichen Schmerzerregung 
auf der Funktionserweckung mit ihrer ganzen 
großen Suggestion. Das Prinzip ist nicht neu, 
neu ist nur die Rigorosität und Dauer der An¬ 
wendung. Zu Bedenken Anlaß geben zwei 
Todesfälle, bei deren Sektion sich vergrößerter 
Thymus fand. Mann ist der Ansicht, daß der 
jetzt von dem vielgebrauchten Pantostaten er¬ 
zeugte sinusoidale Wechselstrom, besonders in 
Kombination mit Gleichstrom, zu große Inten¬ 
sität und Tiefenwirkung zeigt, daß die Todes¬ 
fälle vielleicht auf elektrolytischer Beeinflussung 
des Herzmuskels und seinen Ganglien beruhen. 
Es darf deshalb nur der faradische Strom des 
Duboissehen Schlittenapparates benutzt wer¬ 
den. Es erheben sich auch Bedenken, ob man 
| einem Hysterischen gegenüber, noch dazu einem 
Kriegsverletzten, derartig brüske Methoden an¬ 
zuwenden berechtigt ist. Asch affen bürg 
verneint das und verlangt vorherige Einwilligung 


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Referate über Bücher und Aufsätze. 63 


ries Kranken. Ihm schließt sich Mann an. Kauf¬ 
mann selbst hat inzwischen Stromstärke und 
-dauer erheblich herabgesetzt: allerdings gelingt 
dann seltener die Heilung in einer Sitzung. 

Bei Versagen auch dieser Methode kommt 
die mehr oder minder strenge Isolierung in 
Betracht, ferner als Scheinoperation Koch¬ 
salzinjektion im Ätherrausch, die Mann teils 
mit, teils ohne Erfolg versuchte. Von Heilung 
der Hysterie kann gegenwärtig überhaupt noch 
nicht gesprochen werden, nur von Beseitigung 
der Symptome. Entlassung als zeitig dienstun- 
brauchbar ist notwendig, ebenso eine (möglichst 
niedrige) Rente. W. Alexander (Berlin). ! 

Pilcz (Wien), Krieg und progressive Para¬ 
lyse. W. kl. W. 1916. Nr. 25. 

Nach seinen Erfahrungen betont der Ver¬ 
fasser, daß er zwar die Möglichkeit, daß J 
bei vorausgegangener syphilitischer Infektion 
Kriegsstrapazen den unmittelbaren Anstoß zur 
Entwicklung einer progressiven Paralyse geben 
können, nicht ganz in Abrede stellen will, daß i 
er aber aus seinem Material einen zwingenden | 
Beweis dafür nicht ableiten kann. Wenngleich | 
nun der Krieg wohl keine unmittelbare Stei- j 
gerung der Paralysehäufigkeit mit sich bringt, : 
so muß anderseits die begründete Befürchtung 
gehegt werden, daß durch die Kriegsereignisse ; 
in 10 bis 15 Jahren eine überaus große Anzahl j 
von Paralytikern beiderlei Geschlechts sich 
ergeben wird. Denn es ist ja bekannt, daß 
Kriege jederzeit eine äußerst große Verbreitung 
und Vermehrung von Geschlechtskrankheiten 
mit sich gebracht haben, und auch dieser 
Krieg macht in diesem Punkte keine Aus¬ 
nahme. Freyhan (Berlin). \ 

Erben (Wien), Uber die motorischen Reiz- 
erscheinuugen bei Kriegsteilnehmern. 
W. kl. W. 1916. Nr. 36. 

Der Verfasser macht auf eine Reihe ob¬ 
jektiver Kennzeichen bei der Kriegsneurose 
aufmerksam, einem Leiden, das bei Kriegs¬ 
beschädigten sehr oft vorkommt und häufig 
dem Verdacht der Simulation ausgesetzt ist. 
Zunächst ist besonders im Anfang der Unter¬ 
suchung eine sehr geräuschvolle Atmung zu 
beobachten, ebenso ein allgemeiner Schwei߬ 
ausbruch. Das Zittern verstärkt sich, wenn 
man die zitternden Muskeln zu einer Aktion 
verwendet.; es klingt ab, wenn die willkür¬ 
liche Innervation durch entsprechende Gelenk- 
einstellungen ausgeschaltet ist. Bei raschen, 
passiven Bewegungen schwächen sich die 
Krämpfe ab; der Schüttelparoxysmus variiert, 


je nachdem man die aktiven Bewegungen 
rasch oder langsam ausführen läßt. Sind Ein¬ 
schläge von Krampus vorhanden, so werden 
die bestehenden Toni weniger leicht mit Ge¬ 
walt als durch kleine, passive, kraftlose Be¬ 
wegungen überwunden. In jedem Fall läßt 
sich im Schüttelanfall andauernde hochgradige 
Tachykardie feststellen. Das Zittern und die 
Stöße lassen sich durch entsprechende Fara- 
disation unterdrücken und gehen sofort bei 
Unterbrechung des faradischen Tetanus wieder 
los. Freyhan (Berlin). 

Liles (Wien), Über Ätiologie, Verlauf und 
Behandlung der sogenannten Kriegs- 
nephrilis. W. kl. W. 1916. Nr. 37. 

Eine einheitliche Grundursache der Kriegs¬ 
nephritis hat sich nicht feststellen lassen, wenn 
auch das gehäufte Auftreten an gewissen Stellen 
der Front, sowie die auffallende Ähnlichkeit 
der Symptomatologie die Annahme einer en¬ 
demischen inflitenzaähnlichen Genese wahr¬ 
scheinlich machen. Gewöhnlich kommt es 
nach einer Erkältung zu katarrhalischen Be¬ 
schwerden und Blutharnen, erst später zur Ent¬ 
wicklung von Ödemen; man sicht die verschie¬ 
densten Abstufungen von abortiven Formen 
bis zu schwerster Niereninsuffizienz. Die 
Prognose quoad sanationem muß vorsichtig 
gestellt werden, da zwar die überwiegende 
Zahl der Fälle ausheilt, aber eine recht an¬ 
sehnliche trotz größter Schonung in ein chro¬ 
nisches Stadium übergeht. Die rationellste 
Therapie ist eine schlackenarme, d. h. Stick¬ 
stoff- und kochsalzarme Diät. Dabei sieht 
man eine rasche Abnahme der Ödeme und 
ein schnelles Sinken des Eiweißgehaltes im 
Urin. Freyhan (Berlin;. 

v.Ostrowski (Lemberg), Über den Einfluß 
der Unterbindung der Pnlmonalarterie anf 
die Lnnge und Uber ihre therapeutische 
Bedeutung. W. kl. W. 1916. Nr. 43. 

Die Unterbindung der Pulmonalarterie ruft 
beim Hunde unmittelbar nach dem Eingriff 
bedeutende Zirkulationsstörungen hervor, die 
mit der Zeit im Lymphgewcbo zu regressiven 
Veränderungen, auch zur Nekrose führen, wobei 
diese Veränderungen in den tiefer gelegenen 
Teilen größer sind als in den subpleuralen. 
Dieser verschiedene Grad der Veränderungen 
spricht filr die leichtere, vollkommenere Aus¬ 
gleichung der veränderten Zirkulation in den 
subpleuralen Lungenpartien. Nach längerer 
Dauer der Unterbindung der A. pulmonalis 
kommt es zu Bindegewebswucherungen in der 


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Referate über Bücher und Aufsätze. 


Lunge als Ausdruck einerseits des patho- i 
logischen Regenerationsprozesses, anderseits ! 
des nicht normalen Ausganges der nach Unter¬ 
bindung der Pulmonalarterie eingetretenen Ent- | 
Zündung der subplcuralen Lungenpartien. Der I 
Verfasser hält es bei dieser Sachlage für 
möglich, daß der in Rede stehende Eingriff 
einen therapeutischen Wert in entsprechenden 
Fällen von Lungentuberkulose haben kann: i 
freilich kann erst die klinisch-praktische Er¬ 
fahrung eine Entscheidung hierüber herbei- j 
führen. Freyhan (Berlin). | 

Scbolz (Baden-Baden), Tuberkulose und 
Heeresdienst. Zeitschrift für Tuberkulose 
Bd. 26. H. 2. j 

Der Verfasser teilt die allgemeinen Richt¬ 
linien mit, die sich bei dem Studium des zahl- , 
reichen Materials des Beobachtungslazaretts j 
für Lungenkranke in Baden-Baden ergeben | 
haben. Alle offenen Tuberkulosen mit posi- i 
tivem Bazillenbefund haben selbstverständlich 
aus jedem militärischen Verhältnis auszu¬ 
scheiden, gleichgültig, ob es sich um einen 
geringfügigen Prozeß handelt oder um einen 
fortgeschrittenen. Ebenso werden geschlossene, 
aber aktive Prozesse, die meist Temperatur¬ 
erhöhungen zeigen und deren Allgemein¬ 
befinden stark beeinträchtigt ist, als arbeits¬ 
verwendungsfähig entlassen. Geschlossene 
inaktive Prozesse, soweit sie die Arbeits¬ 
fähigkeit vor dem Kriege im bürgerlichen 
Beruf nicht wesentlich beeinflußten, sind nach 
Möglichkeit arbeitsverwendungsfähig gemacht 
worden, wobei Scholz besonders betont, daß 
die Betr. nicht zu Armierungsarbeiten heran¬ 
gezogen werden dürfen. Verheilte zirrho- 
tische Spitzentuberkulosen, die weder subjek¬ 
tive noch objektive Erscheinungen machen, 
werden garnisonverwendungsfähig, körperlich 
kräftige Leute auch kriegsverwendungsfähig 
entlassen. Freyhan (Berlin). 

Meinen (Berlin), Krieg und Tuberkulose in 
Frankreich. Ztschr. f. Tuberkulose. Bd. 26. 
H. 2. 

Aus einer Zusammenstellung einer Reihe 
von Beiträgen über „Kriegstuberkulose“ im 
„Paris medical“ ergibt sich, daß ein Teil der 
Forscher die Gefahr der Ansteckung in den 
Kasernen, ein anderer Teil die Gefahr des 
Wiederauflebens alter Herde bei der Mobili¬ 
sierung des Volkes für die wesentlichste hält. 
Jedenfalls stimmen alle Beobachter darin über¬ 
ein, daß die Gefahr der Kriegstuberkulose in 
Frankreich für die Volksgesundheit eine so 


imminente ist, daß durchaus Maßregeln da¬ 
gegen ergriffen werden müssen. Vorgesclilagen 
wird vor allem, daß die im Dienst an Tuber¬ 
kulose erkrankten Mannschaften als Kriegs¬ 
beschädigte anerkannt werden und damit ein 
Anrecht auf Versorgung bekommen, eine Ma߬ 
nahme, die bei uns „Barbaren“ längst durch¬ 
geführt ist. Die Tatsache, daß in Frankreich 
der tuberkulös erkrankte Soldat ohne Beistand, 
Hilfe und Pflege entlassen wird, um seinen 
Angehörigen zur Last zu fallen, ist für unsere 
Anschauungen kaum glaubhaft. Ferner wird 
gefordert eine ernsthaftere und sorgfältigere 
Untersuchung der Rekruten, damit nicht die 
Bazillenträger in engste Berührung mit Ge¬ 
sunden kommen. 

Die Klagen haben insoweit Erfolg gehabt, 
als am 18. Okt. 1915 ein Gesetz zur Beihilfe 
von Heeresangehörigen, die an Tuberkulose er¬ 
krankt sind, zustande gekommen ist; im ganzen 
sind 2 Millionen Franks (!) bewilligt worden, eine 
lächerlich geringe Summe, wenn man bedenkt, 
daß es in Frankreich kein Kampfmittel gegen 
die Tuberkulose gibt, w r ie wir es in unseren 
Heilstätten besitzen. Freyhan (Berlin). 

Kehrer (Bremen), Die Differentialdiagnose 
der Gicht. Reichs-Medizinal-Anzeiger 1916. 
Nr. 7. 

Die vom Verfasser beschriebene Gicht¬ 
diagnose stützt sich auf folgende Forschungs¬ 
ergebnisse. Die endogene Harnausscheidung 
im Urin gesunder und aller mit nichtgichtischen 
Gelenkaffektionen behafteter Individuen erhöht 
sich bei fortlaufendem Atophangebrauch am 
1. Tag der Applikation um etwa 10 bis 60 %, 
bleibt am 2. Tag noch ein wenig erhöht und 
fällt am 3. Atophantag zur normalen Grenze 
ab. Die endogene Harnsäureausscheidung des 
Gichtikers dagegen schwillt am 1., bei alter 
chronischer Gicht an den ersten 3 Tagen, um 
80 bis 100 % an, und hält sich bei Fortsetzung 
des Atopbangebrauches selbst Wochen und 
Monate auf einer etwa 20 bis 60 % erhöhten 
Kurvenlinie, um erst bei Sistierung des Mittels 
zuerst unter und dann bis zur endogenen Harn¬ 
säurekonstanten zurückzufallen. Der nach 
vorausgegangenen 3 bis 4 purinfreien Tagen 
bestimmte Blutharnsäurespiegel, welcher nor¬ 
malerweise etwa 0,001 bis 0,003 beträgt, ist bei 
Gicht auf 0,003 bis 0,0075 erhöht. Allerdings 
kann auch ein erhöhter Blutharnsäurespiegel 
bei Anämie, Leukämie, Fieber, d. h. in allen 
Fällen, wo ein erhöhter Harnzerfall stattfindet, 
Vorkommen. Freyhan (Berlin). 


Berlin, Druck von \V. Büxenstein. 


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Original-Arbeiten. 

i. 

Die „Fieberbehandlung“ der Gonorrhoe beim Kinde. 

Aas der Universitäts-Kinderklinik zu Berlin, Charite. 

Von 

Dr. Annie M. Risselada. 

I i ■ 

Da Gonokokken in vitro bei einer Temperatur von 42° im Verlauf von 
wenigen Stunden absterben und Gonorrhoe beim Hinzutritt einer mit Fieber ver¬ 
bundenen Krankheit ansheilen kann, versuchte Weiß 1 ) Erwachsene mit frischer 
Gonorrhoe dadurch zu heilen, daß er künstlich mit heißen Bädern die Körper¬ 
temperatur der Kranken womöglich auf 42° C steigerte. Dabei ging er mit 
der Badtemperatnr bis 43°, einmal bis 43,5°, wobei der Patieht eine Körper¬ 
temperatur von 42,6° erreichte und nach einem Bad von 40 Minuteh geheilt war.' 
'Bei den übrigen 10 Patienten gelang es (teils weil sie eine so hohe Erwärmung 
nicht vertrugen) nicht, eine Körpertemperatur von 42° zu erreichen. Trotzdem 
waren 4 Patienten in 2 bis 17 Tagen geheilt. Von den übrigen f> Isagt Weiß, 
daß sie sich refraktär gegen die Wärmebehandlung verhielten. Bei ihnen trat 
aber nach 3 mal täglicher Injektion von Kaliumpermangatlösung in wenigen Tagen 
Heilung ein. 

Scholtz 2 ) gelang es nachher bei Erwachsenen mit frischer Gonorrhoe unter 
15 Fällen nur 2 mal durch ein heißes Bad und eine Körpertemperatur von 
40 bis 41 u eine vollständige Ausheilung zu erzielen. Durch eine Kombination 
der Bäderbehandlung mit energischer lokaler Behandlung sah er aber unter 
60 Patienten innerhalb 12 bis 14 Tagen bei fast 80 Prozent Heilung. Bei diesen 
60 Kranken waren die Gonokokken meist am 2. oder 3. Tag verschwunden; 
5 'tage später wurde dann zur Unterstützung der Behandlung ein heißes Bad an¬ 
gewandt. In 12 hartnäckigeren Fällen, bei denen die Bäderbehandlung vor¬ 
genommen wurde, während noch Gonokokken in den Morgenpräparaten nachweisbar 
waren, hatte sie nur eine geringe Wirkung. Auch bei 10 Patienten mit kom¬ 
plizierter Gonorrhoe wirkte sie nicht die Heilung befördernd. 

Engwer 3 ) wandte die „Fiebertherapie“ bei einem 3jährigen Mädchen mit 
Vulvovaginitis gonorrhoica an. Nachdem ein erster Versuch mit Bädern von 
etwa 10 Minuten Dauer versagt hatte, wurde das Kind bis zum Halse in warmes 

') Weiß, M. m. W. 1915. S. 1513. 

■ J ) Scholtz, M. m. W. 1916. S. 1057. 

3 ) Engwer, M. m. W. 1916. S. 1582. 

Zeiticbr. f. physik. u. diät. Therapie Bd. XXI. Heft 3. 5 


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Annie M. Risselada 


Wasser gesetzt, das auf 42 bis 44° gebracht und dann über eine halbe Stunde 
auf dieser Temperatur gehalten wurde. Nach 2 Tagen waren die Gonokokken 
dauernd verschwunden. 

Ylppö 1 ) heilte in acht Tagen ein 4*^ jähriges Mädchen mit Vulvovaginitis 
und Proctitis gonorrhoica durch ein tägliches einstündiges Bad von 41 bis 42°. 
Vorsichtshalber setzte er dann die Bäder noch eine Woche fort. Die Gonokokken 
blieben dauernd verschwunden. Bei den Bädern wurde das Kind, ausgenommen 
die ersten 3 Male, bis etwas über die Mamilla im Wasser gehalten. Die Körper¬ 
temperatur war gegen Ende des Bades meistens zirka 41°. 

Durch diese Resultate ermutigt, wandten wir bei 2 augenscheinlich kräftigen 
Kindern, nämlich bei einem 3jährigen Knaben, der seit 6 Wochen an Gonorrhoe 
litt, und einem 3*/ 2 jährigen Mädchen mit Vulvovaginitis gonorrhoica die Bäder¬ 
therapie an. Zuerst wurde wie folgt verfahren: Die Kinder bekamen 2mal 
wöchentlich ein heißes Bad, das Wasser wurde in 10 Minuten auf 42° gebracht 
und dann durch Hinzufügen von heißem Wasser während der ersten 4 Bäder 
10 Minuten, nachher 20 Minuten auf dieser Temperatur gehalten. Nach dem 
Bade wurden die kleinen Patienten einer einstündigen Schwitzpackung unter¬ 
worfen, damit die beabsichtigte Fiebertemperatur länger erhalten bliebe. 

Als wir das Mädchen beim 5. Bade zum ersten Mal 20 Minuten lang im 
Wasser von 42° lassen wollten, wurde gegen Ende des Bades das Kind, das 
dunkelrot war, plötzlich blaß, fiel nach vorn über und kollabierte, erholte sich 
aber rasch. Immerhin sahen wir uns wegen dieser Störung genötigt, in diesem 
Fall, obwohl die Gonorrhoe nicht geheilt war, mit der Therapie auszusetzen. 

Bei dem Knaben wurde die Behandlung 6 Wochen lang fortgesetzt. Als 
dann kein Erfolg eingetreten war, wurde entsprechend den vorliegenden Publi¬ 
kationen energischer verfahren. Wir wandten bei ihm täglich ein einstündiges 
Bad von 42° an (20 Minuten wurden benutzt, um die Temperatur des Bade¬ 
wassers von 38 auf 42° zu bringen, dann wurde die Temperatur eine Stunde 
lang konstant erhalten). Die Schwitzpackungen wurden fortgelassen. Das Kind 
saß in der Wanne, das Wasser reichte bis zum Halse. Am Schluß des Bades 
wurde es aufrecht in die Wanne gestellt und die Temperatur in der gut ge¬ 
trockneten Achselhöhle gemessen. Diese war nach den ersten 5 Bädern durch¬ 
schnittlich 41,1°. 

Zunächst schien der Knabe die Bäder gut zu vertragen, nach dem 2. Bade 
allerdings trat Erbrechen auf. Während des 6. Bades aber war er sehr unruhig 
und hatte am Schluß des Bades eine Temperatur von 41,6°. Am 7. Tag bekam 
das Kind, das wie immer feuerrot war, während es am Schluß des Bades im 
Stehen gemessen wurde, klonische Krämpfe, die einige Minuten dauerten. Die 
Körpertemperatur betrug auch dieses Mal 41,6°. Der Knabe erholte sich in einen 
halben Stunde und zeigte später, soweit unsere Beobachtung dauerte, keinerlei 
Krankheitserscheinungen mehr, die hiermit in Zusammenhang gebracht werden 
könnten. Nach diesem Vorkommnis haben wir davon Abstand genommen, weitere 
Erfahrungen über die Bäderbehandlung der Gonorrhoe zu sammeln, das um so 
mehr, nachdem in diesem 2., außerordentlich energisch behandelten Falle die 


*) Ylppö, Therap. Monatsb. 1916. S. 580. 


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Die „Fieberbehandlung“ der Gonorrhoe beim Kinde. 


67 


Eitersekretion bestehen blieb und auch weiterhin massenhaft Gonokokken nach¬ 
weisbar waren. 

Wenn wir in beiden Fällen Schädigungen durch die Bäderbehandlung sahen, 
die bei den oben erwähnten Behandlungsversuchen, soweit sie Kinder betreffen, 
nicht vorgekommen sind, so kann das vielleicht darauf beruhen, daß wir zufällig 
Kinder mit einem leichter erregbaren Nervensystem getroffen haben. In diesem 
Zusammenhang ist es von Interesse, daß der Knabe eben Keuchhusten überstanden 
hatte. Allerdings ließ sich bei ihm keine erhöhte elektrische Erregbarkeit nach- 
nachweisen, Facialis- und Peroneus-Phänomen waren negativ. 

Daß gerade sensible Kinder auf Hitzeeinflüsse stärker reagieren als andere, 
ist bekannt. So erwähnt Kleinschmidt 1 ) unter 15 Säuglingen, die einer Zimmer¬ 
temperatur von 28 bis 32° ausgesetzt wurden, einen Fall, bei dem eine ausge¬ 
sprochene Hyperthermie zutage trat. Gerade dieser eine Säugling war ein neuro- 
pathisch veranlagtes Kind, bei dem schon früher eine abnorme Schreckhaftigkeit 
aufgefallen war, die sich aber, während das Kind Temperaturen von 40 bis 
40,5' hatte, bedeutend steigerte. Haussen 2 ) berichtet von einem (schwerkranken) 
Säugling, der sogar nach dem gewöhnlichen warmen Reinigungsbad bei der Ein¬ 
lieferung in die Anstalt einen schweren Kollaps bekam, und von einem anderen 
Säugling, der schon 3 Wochen lang gutes Allgemeinbefinden und befriedigende 
Gewichtszunahme zeigte, bei dem ein allerdings weniger schwerer Kollaps eintrat, 
als ihm zum ersten Mal ein kurzdauerndes warmes Bad gegeben wurde. Er läßt 
es dahingestellt, ob exsudative Diathese, die bei dem ersten Kind bestand, oder 
die meist dabei vorhandene Neuropathie Schuld daran trug. 

Es mag also gerne zugegeben werden, daß auch in unseren Fällen eine 
konstitutionelle Prädisposition für die Schädigung durch die heißen Bäder bestand, 
aber die Tatsache, daß man hiermit außerordentlich häufig rechnen muß, scheint 
uns die „Fieberbehandlung“ der kindlichen Gonorrhoe fast unmöglich zu machen. 
Sind wir doch durchaus nicht immer in der Lage, die Konstitution des Kindes 
sicher zu beurteilen und damit schädliche Einflüsse vorauszusehen. Außerdem 
beweist besonders unser zweiter Fall, daß die Gonorrhoe beim Kinde un¬ 
beeinflußt bleiben kann, auch wenn die Bädertherapie in einer Weise 
durchgeführt wird, daß sie an Stärke kaum zu übertreffen ist. 

*) Kleinschmidt, Monatsschr. f. Kinderheilk. 1910. S. 455. 

2 ) Hanssen, Therap. Monatsh. 1911. 8. 172. 


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Willem Smitt 


IL 

Bericht fiber die Einrichtungen für manuelle Mediko- 
Mechanik (manuelle Krankengymnastik) 
im Königreich Sachsen. 

Von 

Dr. med. Willem Smitt, 

Generaloberarzt und beratendem Fachärzte fflr Massage und Krankengymnastik 
beim stellv. XII. Armeekorps. 

Im Anfänge des Jahres 1915 habe ich in der Münchner medizinischen Wochen¬ 
schrift mitgeteilt, was in der Garnison Dresden für die im Kriege verwundeten 
Heeresangehörigen hinsichtlich der nötigen mediko-mechanischen Nachbehandlung 
geschähe. Seitdem sind nun 2 Jahre verflossen, und scheint es mir da nicht 
ohne Interesse zu sein, wenn ich heute einmal über das berichte, was sich aus 
den damaligen, kleinen Anfängen allmählich entwickelt hat. Gleich zu Kriegs¬ 
beginn hatten zwar die Besitzer und Leiter eines Dresdner Zander-Instituts, und 
zum anderen eines schwedischen, heilgymnastischen Instituts ihre Hilfsmittel der 
Militärverwaltung unentgeltlich zur Verfügung gestellt, und in gleicher Weise 
stellte auch ich meine Privatanstalt für Massage und Krankengymnastik für ver¬ 
wundete Offiziere bereit. Diese teils maschinellen, teils manuellen, mediko- 
mechanischen Hilfsmittel genügten aber, wie sich sehr bald herausstellte, keines¬ 
wegs, namentlich eimöglichten sie nicht das so wünschenswerte frühzeitige Ein¬ 
setzen der mediko-mechanischen Behandlung, vor allen Dingen nicht den Beginn 
der Nachbehandlung bereits bei den bettlägerigen und bei den an das Lazarett 
noch gefesselten Verwundeten. Da hierfür nun meines Erachtens nach in erster 
Linie die manuelle Behandlung in Betracht kam, richtete ich als beratender Fach¬ 
arzt mit Genehmigung des Sanitätsamtes des stellv. Generalkommandos XII am 
18. September 1914 im Beserve-Lazarett I Dresden eine Abteilung für Massage 
und manuelle Krankengymnastik ein. Vorhanden war hierfür nichts, alles mußte 
erst geschaffen werden, aber da bei der beabsichtigten manuellen Mediko-Mechanik 
die Beschaffung von Apparaten nicht nötig war, so bot die äußere Einrichtung 
einer solchen Abteilung keine großen Schwierigkeiten. Außer den nötigen Räumen 
bedurften wir nur einer größeren Anzahl von Stühlen, Tischen, Betten usw., sowie 
einiger weniger Geräte, um den Verwundeten die bei den Behandlungen not¬ 
wendigen Stellungen geben zu können. — Die Geräte bestehen in der Hauptsache 
aus sogenannten Reitböcken und aus niedrigen Hockern, auf die die Verwundeten 
in für die Behandlung geeigneter Weise gesetzt werden. — Größer war dagegen 


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Bericht aber die Einrichtungen fUr manuelle Mediko-Mechanik usw. 


69 


die Schwierigkeit hinsichtlich der Bereitstellung des zur Ausführung der Be¬ 
handlungen nötigen Personals. Die einzigen Hilfskräfte, die mir vom Lazarett 
dafür zur Verfügung gestellt werden konnten, waren 2 Helferinnen. Mit diesen 
and 3 langjährigen Assistentinnen meiner Privatanstalt für Massage und Kranken¬ 
gymnastik begann ich im Lazarett die mediko-mechanische Nachbehandlung der 
Verwundeten. Schon die ersten Tage der Tätigkeit zeigten, daß die Einrichtung 
einer solchen Abteilung Bedürfnis war, und so entschloß ich mich, um der voraus¬ 
sichtlich baldigen größeren Inanspruchnahme gerecht werden zu können, zur 
sofortigen Heranbildung von 7 noch nicht im Dienste des Lazaretts stehenden 
Helferinnen. Der Zugang an Verwundeten wuchs zusehends, so daß ich immer 
weitere Hilfskräfte heranziehen mußte. Ende Dezember 1914 waren bereits 
39 Helferinnen tätig. Die Vergrößerung der Abteilung, auf der ich bis dahin 
allein den ärztlichen Dienst versah, erforderte außerdem die Hinzuziehung von 
Ärzten, und so wurden auf meinen Antrag hin mehrere Ärzte zu mir befehligt, 
die ich ausbildete, und die mich dann im Dienste auf der Abteilung unterstützten. 
Während die Vormittagsstunden der Behandlung dienten, wurden die Abendstunden 
zu Unterrichtszwecken, zu Wiederholungskursen für das bereits tätige Personal 
sowie für Unterweisung weiteren Personals benutzt. In erheblichem Maße machte 
sich nun die Erteilung von Unterricht nötig, nachdem Seine Exzellenz der Herr 
Kriegsminister, sowie der Chef der Medizinal-Abteilung des Kriegsministeriums 
die Abteilung besichtigt hatten, und daraufhin bestimmt wurde, daß gleiche Ab¬ 
teilungen in allen sächsischen Garnisonen errichtet werden sollten und zu diesem 
Zwecke, um zunächst die Behandlungsart überhaupt kennen zu lernen, aus allen 
Garnisonen Militärärzte zu mir und auf die Dresdner Abteilung kommandiert 
wurden. Ein reges Leben begann, und bald konnte die erste Abteilung außerhalb 
Dresdens errichtet werden. Um den zu mir kommandierten Ärzten wiederum das 
Unterrichten von Personal, denn solches mußten sie sich nach der eigenen Aus¬ 
bildung selbst erst anlernen, zu erleichtern, gab ich eine kleine Anleitung heraus, 
in der alle für die Verwundetenbehandlung nötigen Bewegungen der manuellen 
Krankengymnastik und der Massage genau beschrieben sind. Wo es die Ver¬ 
hältnisse erwünscht erscheinen ließen, schickte ich außerdem noch eine von mir 
ausgebildete und schon längere Zeit bei mir praktisch tätig gewesene Helferin 
zur Unterstützung beim Unterricht in die auswärtigen Garnisonen. Eine kine- 
matographische Aufnahme sämtlicher Bewegungen ermöglichte fernerhin auch 
außerhalb von Dresden die Bewegungen, wie sie hier ausgeführt werden, zu zeigen. 
Auf diese Weise konnten innerhalb eines halben Jahres etwa in den meisten 
sächsischeu Garnisonen Abteilungen eingerichtet werden. Dem Beispiel der 
Militärverwaltung folgte bald der Landesausschuß der Vereine vom Roten Kreuz 
im Königreich Sachsen. Er sandte Ärzte und weibliches Personal seiner Vereins¬ 
lazarette und Genesungsheime zum gleichen Unterrichte zu mir und ließ durch 
diese dann diese manuelle Mediko-Mechanik einführen. Auf diese Weise sind 
nun bisher an 34 Stellen Abteilungen für Massage und Krankengymnastik errichtet 
worden. Überall haben sich die Einrichtungen bewährt und werden in gleicher 
Weise von den Ärzten, wie von den Verwundeten geschätzt. Ärzte wurden bisher 
100 zu mir befehligt., und an weiblichem Hilfspersonal arbeiten jetzt auf den Ab¬ 
teilungen ungefähr 300 Schwestern in Sachsen. Von besonderer Bedeutung war 


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70 


Willem Smitt 


es für diesen neuen Zweig der Krankenpflege, daß der sächsische Albertverein 
sich bereit erklärte, mit mir einen Kollektivvertrag abznschließen, um die von mir, 
bzw. von durch mich ausgebildeten Ärzten unterrichteten weiblichen Hilfskräfte 
nach vorausgegangener Prüfung unter den Schutz des Roten Kreuzes aufzunehmen. 
Auf diese Weise war es dann auch möglich geworden, die für diesen neuen Zweig 
der Krankenpflege gewonnenen, weiblichen Hilfskräfte durch den Territorialdele¬ 
gierten der freiwilligen Krankenpflege für das Königreich Sachsen zur Ausübung 
dieses Dienstes während der Kriegszeit für die Militärverwaltung zu verpflichten. 
So haben wir jetzt in Sachsen neben den verpflichteten, weiblichen Hilfskräften 
für die allgemeine Krankenpflege noch solche besondere für die Ausübung der 
Massage und manuellen Krankengymnastik. Besonderes Personal für diesen Zweig 
der Krankenpflege auszubilden und zu besitzen, ist, wie sich gezeigt hat, not¬ 
wendig, denn das sonstige Krankenpflegepersonal wird während der Kriegszeit 
bereits derartig in Anspruch genommen, daß für seine sachgemäße Ausbildung 
während der Kriegszeit keine Zeit sich erübrigen läßt; außerdem verlangt aber 
auch die Ausübung der manuellen Mediko-Mechanik selbst wieder soviel Zeit vom 
Personale, daß es wenig zu anderer Krankenpflege herangezogen werden könnte. 
Aus der Benutzung von verschiedenem Pflegepersonale für die allgemeine Kranken¬ 
pflege und für die manuelle Mediko-Mechanik darf aber nicht geschlossen werden, 
daß die Kenntnis der Handgriffe der Mediko-Mechanik für das Personal der all¬ 
gemeinen Krankenpflege unnötig sei. Die bereits vor dem Kriege erworbene 
Kenntnis würde im Gegenteil große Vorteile mit sich gebracht haben, denn gerade 
bei den bettlägerigen und Schwerkranken hätte es z. B. für den möglichst früh¬ 
zeitigen Beginn dieser Nachbehandlung von Bedeutung sein können. Vereinzelt 
ist es übrigens möglich gewesen, daß Schwestern der einen Art der Tätigkeit 
sich auch noch in der anderen Art haben ausbilden können. Und dringend 
wünschenswert wäre es, daß das gesamte Krankenpflegepersonal neben der Aus¬ 
bildung in der allgemeinen Krankenpflege auch die in der manuellen Kranken¬ 
gymnastik erhielte. Der jetzt geübte Ausbildungsgang für die Schwestern der 
Abteilung ist folgender: 

Zunächst erhalten sie je nach der Zahl der Teilnehmerinnen — gewöhnlich 
nicht mehr als 14 — unter ärztlicher Leitung einen 2- bis 3 wöchigen, theoretischen 
Unterricht, bei dem sie die sämtlichen von mir ausgewählten Bewegungen der 
Krankengymnastik an sich selbst gelehrt bekommen. Am Schlüsse des Unterrichts 
erfolgt durch mich eine Prüfung jeder Teilnehmerin am Kursus in jeder Be¬ 
wegung. Diejenigen, die die Prüfung bestanden haben, werden dann einer Ab¬ 
teilung zur praktischen Tätigkeit überwiesen, wo sie unter einer Oberschwester, 
die seit Jahren die Gymnastik unter mir betreibt und unter ärztlicher Aufsicht 
sowie unter der meinigen täglich etwa 4 Stunden arbeiten. Nach Ablauf von 
mindestens C Wochen erfolgt eine zweite Prüfung durch mich, und wenn auch 
diese bestanden ist, nehme ich die Schwestern mittels des mit dem Albertverein 
abgeschlossenen Kollektivvertrages unter den Schutz des Roten Kreuzes auf — 
als Abzeichen erhalten sie eine Rote-Kreuz-Brosche mit der Umschrift: „Albert¬ 
verein, Abteilung für Massage und Krankengymnastik“. — Nach mindestens 
ömonatiger, einwandfreier Tätigkeit können die Schwestern dann zu Hilfs¬ 
schwestern der Abteilung für Massage und Krankengymnastik ernannt werden 


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Bericht über die Einrichtungen für manuelle Mediko-Mecbanik usw. 


71 


und erhalten damit das Recht, sich durch Vermittlnng des Territorial-Delegierten 
der freiwilligen Krankenpflege für die freiwillige Krankenpflege verpflichten 
zu können. 

Die angegebene, jetzt nötige Ausbildungszeit wäre, wenn man das gesamte 
Gebiet der manuellen Krankengymnastik und Massage lehren wollte, viel zn kurz. 
In Schweden, dem Matterlande dieser Behandlungsweise, werden etwa 2 Jahre 
dafür gerechnet. Wir befanden uns aber in einer Zwangslage, wir mußten, da 
die Hilfsbedürftigen in immer größerer Zahl sich meldeten, so schnell als möglich 
die nötigen Hilfskräfte erlangen, und deshalb wählte ich, zumal es sich für uns 
zunächst nur um die Verwundeten-Nachbehandlung, nicht um innere Kranke 
handelte, nnr eine bestimmte Anzahl von Bewegungen aus, mit denen meiner 
Ansicht nach auszukommen war. Erst allmählich habe ich dann für die Geübteren 
weitere Bewegungen hinzugenommen. Das Ergebnis dieser nun bereits mehr als 
2 Jahre geübten Tätigkeit bestätigt ihre Zweckmäßigkeit. Und nun noch kurz 
einige Worte über die manuelle Krankengymnastik überhaupt. Ich schicke voraus, 
daß zweifellos auch die maschinelle Krankengymnastik, die übrigens aus der 
manuellen erst hervorgegangen ist, ihre große Bedeutung hat, wie wertvoll aber 
gerade die manuelle Krankengymnastik ist, ist meist unbekannt. Als besonderer 
Wert der maschinellen Mediko-Mechanik wird häufig die genaue Dosierbarkeit 
des einzuschaltenden Widerstandes angeführt, man vergißt dabei aber, daß wir 
bisher außer der Hand des Prüfenden kein Mittel besitzen zur sicheren Fest¬ 
stellung, welcher Widerstand im einzelnen Falle gerade der richtige ist. Nur 
durch das Gefühl meiner eigenen, mit dem Kranken in Berührung stehenden 
Hand kann ich richtig beurteilen, ob ich die einzelne Bewegung stärker oder 
schwächer, mit mehr oder weniger Widerstand geben darf und muß. Die 
Schwierigkeiten, die mir der Kranke dabei bereitet, sei es infolge von Schmerzen, 
sei es infolge von sonstigen Ursachen, und die beständige Möglichkeit, mich 
während der Behandlung mit dem Kranken über die Wirkung meiner Bewegungen 
auszusprechen, dienen mir dabei außerdem zur Beurteilung der vorliegenden Ver¬ 
hältnisse. Mit einem Wort, ich bin durch die manuelle Krankengymnastik in 
die Lage versetzt, besonders gut individualisieren zu können. Ich vermag ferner 
träge Kranke unmittelbar bei den Bewegungen anzuspornen, weil ich die Trägheit 
spüre, und ich kann übereifrige abhalten, des Guten zu viel zu tun. Der dauernde, 
persönliche Verkehr während der Behandlung erleichtert mir außerordentlich, den 
bestehenden Zustand richtig zu beurteilen, und so wie dem Arzt in erster Linie 
diese Umstände bei der von ihm persönlich ausgeübten, manuellen Behandlung 
zngnte kommen, so erreicht er dies auch durch Vermittlung seiner von ihm an¬ 
gelernten Hilfskräfte. Daß diese dem Arzt ganz anderen Bescheid über die 
Kranken werden erteilen können, als wie das Personen vermögen, die die bei 
der maschinellen Gymnastik benutzten Maschinen nur bedienen, bedarf keiner 
Erklärung. 

Ein großer Vorzug der manuellen Mediko-Mechanik ist schließlich der, daß 
ieh sie, wenn ich ausgebildetes Personal besitze, überall anwenden kann, an 
jedem Orte, im kleinsten Krankenhause, in jedem Privathause, auf dem Lande, 
kurz, wo ich will, und deshalb auch schon wie bereits mehrfach hervorgehoben, 
am Krankenbette. Was das bedeutet, wissen mit mir alle die Ärzte zu schätzen, 


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72 Willem Smitt, Bericht Aber die Einrichtungen fftr manuelle Mediko-Mechanik usw. 


denen Verwundete und Kranke begegnet sind, bei denen infolge Bettlägerigkeit und 
des damit verbundenen Unvermögens, in einen maschinellen mediko-mechanischen 
Turnsaal zu gehen, die mediko-mechanische Nachbehandlung um Wochen und 
Monate zu spät 'einsetzte. Was dadurch an günstiger Gelegenheit für die Wieder¬ 
herstellung von Körperfunktionen verloren geht, brauche ich hier nicht zu schildern. 
Hauptbedingung für die Anwendung der manuellen Mediko-Mechanik bleibt 
natürlich, daß ich geeignetes Personal dafür habe. Daran fehlt es aber gerade 
jetzt, wo sich soviel weibliche Hilfskräfte zur Verfügung stellen, sicherlich 
nirgends. Denjenigen, die sich für die bei uns geübte, manuelle Kranken¬ 
gymnastik besonders interessieren, bietet die oben angegebene, von mir im Verlage 
F.C.W. Vogel in Leipzig herausgegebene Anleitung zur Behandlung von Ver¬ 
wundeten mit Massage und manueller Krankengymnastik, in der die einzelnen 
Handgriffe beschrieben sind, hierzu Gelegenheit. 

Seit d^m Mai 1916 besitzen wir nun neben den sonstigen Abteiluugen für 
Massage und Krankengymnastik in der Garnison Dresden eine Hauptabteilung; 
das Königliche Ambulatorium für Massage und Krankengymnastik. Dasselbe ist 
gewissermaßen Poliklinik und Lehranstalt zugleich. Es ist räumlich getrennt von 
den Lazaretten, eingerichtet für alle Ambulanten der Garnison, und auf ihn» 
werden zur Zeit täglich 600 bis 700 Behandlungen vorgenommen. Ihm stehen 
2 Ärzte vor, unter denen etwa 40 Hilfsschwestern die Gymnastik ausüben. Dem 
Ambulatorium angegliedert ist die in meiner Anstalt eingerichtete, besondere 
Offiziersabteilung für Massage und Krankengymnastik. Die getrennte Behandlung 
der Offiziere von den Mannschaften hat sich aus verschiedenen Gründen als 
wünschenswert ergeben. 

Während bei Kriegsbeginn nun die Einrichtungen nur für die Verwundeten¬ 
behandlung getroffen wurden, ist mit der Zeit immer mehr auch der Wunsch der 
Ärzte erkennbar geworden, diese Behandlungsweise auch den Kranken zugute 
kommen zu lassen. Die mediko-mechanische Behandlung innerer Kranker ist 
freilich bei weitem schwieriger als die der Verwundeten. Aber auch mit den 
inneren Kranken, den Herz-, Lungen-, Magen-, Darmkranken, den Rheuma¬ 
tikern usw. geht es uns jetzt bereits so wie im Anfänge mit den Verwundeten: 
die Verhältnisse drängen uns zu Maßnahmen für ihre Behandlung. Vorläufig sind 
wir aber darauf noch angewiesen, für diese die ärztlichen Anordnungen hinsichtlich 
der nötigen Handgriffe, soweit sie nicht aus der Verwundetenbehandlung schon 
bekannt sind, von Fall zu Fall geeigneten Persönlichkeiten zu zeigen. Wir be¬ 
absichtigen aber schließlich auch den inneren Kranken ganz allgemein die Be¬ 
handlung zu erschließen. Hier erwächst uns noch eine weitere, große Aufgabe, 
die voll und ganz erst in ruhiger Friedensarbeit sich wird lösen lassen. Wir 
hoffen aber, daß, nachdem einmal durch den Krieg der Wert der Mediko-Mechanik 
und insbesondere der manuellen überhaupt auch bei uns in Deutschland in 
größerem Maße erkannt worden ist, das Ziel, das wir uns stecken müssen, 
schließlich auch erreicht wird. 


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A. v. Decastello, AusnOtzungeversuche mit dem Finklerschen Finalbrot. 73 


in. 

Ausnfitzungsversuche mit dem Finklerschen Finalbrot. 

Aus der II. medizinischen Klinik in Wien. 

(Vorstand: Hofrat N. Ortner.) 

Von 

Priv.-Doz. Dr. A. v. Decastello, 

Assistent der Klinik. 

Die Unzweckmäßigkeit der Verwendung der Kleie, so wie sie durch den 
gebräuchlichen Mahlprozeß als Randschichte des Getreidekorns abgeschieden wird, 
als Nahrungsmittel für den Menschen ist in Anbetracht ihrer geringen Verdaulichkeit 
für den menschlichen Darm zu einem Dogma der modernen Ernährungslehre ge¬ 
worden. Es erhielt seine festeste Stütze in den Versuchen von Plagge und 
L ebb in 1 ), welche zeigten, daß es durch keine der gewöhnlichen Vermahlungs¬ 
methoden gelingt, die Proteinstoffe der Kleie halbwegs aufzuschließen und 
zu dem Schluß gelangten, daß das Brot durch jeden Kleiezusatz unter allen 
Umständen an Verdaulichkeit verliert. Die Mühlentechnik ist dementsprechend 
bemüht, die Kleie möglichst sorgfältig vom Mehlkörper zu sondern, für die 
Brotbereitung werden, abgesehen von Spezialsorten, nur die weißen, kleiearmen 
Mehlsorten verwendet und die Kleie wird zum größten Teil der Viehfütterung 
zugeführt. 

Da indes die Kleie relativ reich an Eiweiß und Kohlehydraten, sowie an 
Salzen, besonders an organischen Kalium- und Phosphorsäureverbindungen ist, 
deren große Bedeutung für die Ernährung in immer höherem Maße Erkenntnis 
findet, und da mit der Kleie ungefähr ein Viertel des gesamten Getreidevorrates 
der menschlichen Ernährung entzogen wird, so mehren sich die Stimmen, welche 
diese Verteilung nicht nur als unökonomisch, sondern auch als schädlich bezeichnen, 
und die Rückkehr zu dem seit altersher erprobten kleiehaltigen „Vollkornbrot“ 
fordern. Hindhede 2 ), gegenwärtig wohl der Führer dieser Richtung, hat erst 
kürzlich für Kleie und grobgeschrotenen Weizen eine bedeutend bessere Aus¬ 
nützbarkeit behauptet als Plagge und Lebbin. 

Es scheint mir überhaupt, daß die Verschlechterung des Brotes durch Kleie¬ 
zusatz, die in den so. exakten Versuchen der genannten Autoren zahlenmäßig 
allerdings sehr eindringlich vor die Augen gestellt wird, in ihrer praktischen Be¬ 
deutung etwas überschätzt ist. Ich führe hier aus den Ausnützungsversuchen von 

l ) Untersuchungen über das Soldatenbrot. Berlin 1897. 

*) Skand. Arch. f. Physiologie. 1915. Bd. 30. — Derselbe: „Moderne Ernährung 4 *. Berlin. 


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74 


A. t. Decastello 


Plagge und Lebbin drei Reihen an, welche den Verlust an Trockensubstanz, 
Eiweiß und Kohlehydraten bei Roggenbrot mit verschiedenem Kleiegehalt zeigen: 

Prozentverlust an 


Roggenbrot mit 

einem 

Kleieauszug von 

7,5 % 

Trocken¬ 

substanz 

15,88 % 

Eiweiß 

56,65 o/o 

Kohle 

hydraten 

9,04 o/o 




15 „ 

11,63 „ 

40,24 „ 

7,15 „ 

>> ?> 


>» 

25 „ 

9,49 „ 

33,57 „ 

5,61 ,. 


Es ist ersichtlich, daß die Ausnützung der Kohlehydrate mit zunehmendem 
Kleiegehalt des Brotes durchaus nicht in gleichem Maße sinkt, wie die der Pro¬ 
teine. Berücksichtigt man, daß die Eiweißkörper etwa 5 °/ 0 , die Kohlehydrate 
aber 50 °/ 0 des Brotes ausmachen, so ist sehr zu erwägen, ob der tatsächliche 
Verlust einiger Kalorien Eiweiß und Kohlehydrate nicht durch die Verbesserung 
des Brotes in seinem Salzgehalt und durch seine voraussichtliche Verbilligung 
aufgewogen wird. Die große Bedeutung der Salze für Ernährung und Konstitution 
wird in einer jüngst erschienenen Arbeit von Urbeanu 1 ) in äußerst interessanten 
Versuchen neuerdings dargelegt. 

Jedenfalls aber beanspruchen Versuche, die Ausnützbarkeit der Kleie im 
menschlichen Verdauungskanal zu erhöhen, volle Beachtung. In dieser Hinsicht 
erscheint das von Finkler vor 5 Jahren mitgeteilte Verfahren der feuchten Ver¬ 
mahlung der Kleie von größtem Interesse. 

Nach Rubner beruht die geringe Verdaulichkeit des Kleieeiweißes darauf, 
daß es in Zellulosehülsen eingeschlossen ist, die es der Einwirkung der Verdauungs¬ 
säfte unzugänglich machen. Seine Versuche, durch besonders sorgfältige Ver¬ 
mahlung die Zellulosehäute der Kleberzellen zu zerreißen, gelangen nicht. Finkler'-*) 
gelang es nun, dieses Ziel schließlich dadurch zu erreichen, daß er die Kleie 
durch kalkhaltiges Wasser von 1 °/ 0 Kochsalzgehalt zu einem Brei verarbeitete 
und diesen mittels besonderer Mahlvorrichtungen feucht vermahlte. Auf diese 
Weise wurden die Zellulosehülsen tatsächlich zerrissen und das eingeschlossene 
Eiweiß freigemacht. Durch Trocknen und Vermahlung des Kleiebreis entsteht 
schließlich ein feines Mehl, das Finkler als letztes Mehl, das aus dem Koni zu 
gewinnen ist, „Finalmehl“ nannte. Dasselbe zeigte bei einem Stickstoffgehalt 
von 2,2 °/o im künstlichen Verdauungsversuch eine Eiweißverdaulichkeit von 97,8 %, 
während von der trocken staubfein zermahlenen Kleie nur 75,5 °/ 0 des Eiweißes 
verdaut wurden. 

Es war also zu erwarten, daß ein aus diesem Mehl bereitetes Brot eine 
entsprechend höhere Ausnützung im menschlichen Darm zeigen würde, als ge¬ 
wöhnliches Kleiebrot. Doch läßt sich das Finalmehl wegen seines geringeren 
Stärkegehaltes nicht zu einem lockeren Brot verarbeiten. Wohl aber kann man 
aus Weizen- oder Kornmehl unter Zusatz bis zu 30 % ein wohlschmeckendes 
Brot von gewöhnlicher Konsistenz bereiten. Ein derartiges aus „mittlerem“ 


*) Die Gefahr einer an Kaliumverbindongen zu armen Ernährungsweise usw. Berlin- 
Wien 1916. 

2 ) Die Verwertung des ganzen Korns zur Ernährung. Bonn 1910. 


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Ausnfitzungsversuche mit dem Finklerscheu Finalbrot. 


75 


Roggenmehl (aus dem also etwa 25 °/ 0 Kleie ausgezogen worden waren) dnrch 
Zusatz von 25 °/ 0 Roggenfinalmehl hergestelltes Brot entspricht seinen Bestand¬ 
teilen nach durchaus dem gewöhnlichen Vollkornbrot, unterscheidet sich jedoch 
von demselben durch die mechanisch veränderte Beschaffenheit* seines Kleie¬ 
anteils. 

Bei Ausnützungsversuchen mit solchem Brot am Menschen erhielt Finkler 
folgende Zahlen für den Stickstoffverlust im Kot: 

Reines Weizenbrot ohne Kleiegehalt . . . 25,9 % 

Weizenbrot mit 10 % Finalmehlzusatz . . 27,4 „ 

„ ,, 25 „ „ • 28,1 37,4 „ 

,, „ 50 „ ,, • 36,5 ,, 

Da also das Brot mit 10 °/o und mit 25 °/ 0 Finalmehl fast die gleiche Aus- ‘ 
nützung erfuhr wie reines Weizenbrot und da in weiteren Versuchen mit einem 
besonders sorgfältig bereiteten 25-%-Finalbrot der Stickstoflfverlust sogar bis auf 
10,4 °/ 0 herunterging, erklärt Finkler offenbar mit Recht den Beweis als erbracht, 
daß durch sein Verfahren die Ausnützbarkeit der Kleie ebensogroß wird als die 
des kleiefreien Mehles. 

Das Finalmehl und Finalbrot wurde kürzlich von Stoklasa 1 ) an der chemisch¬ 
physiologischen Versuchsstation in Prag einer eingehenden Untersuchung unter¬ 
zogen. Der Autor hebt den hohen Gehalt des Mehles an Eiweißkörpern (zirka 
16 % in der Trockensubstanz), an Phosphorsäure (Anhydrid 4,14 %), an Kalium¬ 
verbindungen (Kaliumoxyd 1,57 %), und an Fermenten hervor und betont nach¬ 
drücklich die Vorteile, die das Finalbrot gegenüber dem gewöhnlichen Kornbrot 
für die Ernährung verspricht. 

Finklers Forderung, mit Hilfe seiner Methode die Kleie nunmehr wieder in 
höherem Maße für die Broterzeugung heranzuziehen, erscheint also gewiß als 
berechtigt. Als sich daher im vergangenem Jahr das „Österreichische Finalwerk 
in Fischamend“ mit dem Ersuchen an die Klinik wendete, die Finklerschen 
Ausnützungsversuche einer Nachprüfung zu unterziehen,. erklärte sich Hofrat 
Ortner angesichts der praktischen Bedeutung dieser Frage gerade unter den 
gegenwärtigen schwierigen Ernährungsverhältnissen mit der Ausführung dieser 
Versuche einverstanden, die von mir zum Teil unter Mitwirkung von 
Dr. L. Wutscher, vorgenommen wurden. Unterdessen ist auch eine dem 
gleichen Zweck gewidmete Versuchsreihe von 0. v. Czadek 2 ) veröffentlicht 
worden. Es erhielten dabei die beiden Versuchspersonen neben einer gleich¬ 
bleibenden Grundkost, aus Fleisch, Reis, Fett und Zucker bestehend, durch 
6 Tage je 400 g Finalbrot und darauf iu einem gleich langen Kontrollversuch 
je 400 g Roggenbrot. Bei beiden Versuchspersonen ergab sich in der Aus¬ 
nützung der Eiweißkörper eine so geringfügige Differenz (1,62 % und 1,46 °/ 0 
zugunsten des Kornbrotes), daß ihr eine praktische Bedeutung nicht zugesprochen 


') Entspricht die jetzige Broterzeugung der modernen biochemischen Forschung? D. med. 
Woch. 1916. 

*) Ernährnngsversnche mit Finalmehl. Ztschr. für das landwirtschaftliche Versnchswesen 
in Österreich 1915. 


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76 


A. v. Decaatello 


werden kann. Diese Versuchsordnnng gibt natürlich keinen direkten Aufschluß 
über die Ausnützung des Brotes, da die übrigen genossenen Eiweißkörper im 
Resultat mit inbegriffen sind, gestattet aber sicherlich den Schluß, daß das Final¬ 
brot von beiden Personen in ungefähr dem gleichen Maß ausgenützt wurde als 
das gewöhnliche Kornbrot. 

In unseren eigenen Versuchen wurde von eiweißhaltigen Nahrungsmitteln 
nur Brot verabreicht. Die tägliche Menge betrug meist 600 bis 700 g, daneben er¬ 
hielten die Versuchspersonen 50 bis 100 g Butter, 60 bis 80 g Zucker, meist 1 / 2 Liter 
Wein, oder 50 g Kognak sowie schwarzen Kaffee. Die Versuche erstreckten sich 
stets über 3 bis 5 Tage. Die Stühle wurden mit Karmin oder Kohle abge¬ 
grenzt. Diese Methode ist gewiß unsicherer als die von Plagge und Lebbin 
angewendete Abgrenzung gegen Milchstuhl, doch stieß für uns unter den 
gegenwärtigen Bedingungen die Beschaffung der entsprechenden Milchmengen 
auf Schwierigkeiten. Die Stühle jedes Versuches wurden insgesamt getrocknet, 
fein verrieben, sorgfältig gemengt und die Proben für die Kjeldahlbestimmung 
aus der Mischung entnommen. Das Resultat ist sowohl für das Brot als für den 
Stuhl stets der Mittelwert aus drei Einzelbestimmungen. An jedem Brotlaib 
wurde die Trockensubstanz gesondert bestimmt. Für die N-Bestimmung des Brotes 
wurden in jedem Versuch gleiche Mengen der gemahlenen Trockensubstanz jedes 
Laibes gemischt. 

Für die rasche Erledigung der Wägungen hat sich die Torsionswage von 
Hartmann und Braun als äußerst bequem erwiesen. 

Als Versuchspersonen standen uns nur Patienten der Klinik zur Verfügung, 
unter denen wir solche ohne Störung der Verdauungsorgane aussuchten. 

Da, wie bereits erwähnt, das Finalbrot nicht aus reinem Finalmehl, sondern 
aus Roggen- oder aus Weizenmehl unter Zusatz von 20 bis 30 % Finalmehl her¬ 
gestellt wird, so können Ausnützungsversuche nur durch Vergleich mit den an 
gewöhnlichem Brot gewonnenen Zahlen Aufschluß über die Verdaulichkeit des 
Finalmehls geben. Es wurden daher an mehreren der Personen auch Parallel¬ 
versuche mit Kornbrot unter denselben Bedingungen vorgenommen. Übrigens 
habe ich auch Versuche mit einer aus reinem Finalmehl und Butter hergestellten 
Suppe gemacht. 

Sowohl das Final- als das Kornbrot wurde uns von dem Finalwerk fertig 
geliefert. 

Das 20-%-Finalbrot ergab in der Trockensubstanz im Mittel von 13 Be¬ 
stimmungen einen Stickstoffgehalt von 1,72 %, entsprechend einem Eiweißgehalt 
von 10,75 %. 

Das Kornbrot (mit 20 % Kleieauszug) ergab 1,66 % Stickstoff, gleich 10,38 % 
Eiweiß. 

Das Finalbrot erwies sich als sehr wohlschmeckend und wurde von sämt¬ 
lichen Versuchspersonen sehr gerne gegessen. Auch wenn es tagelang in Mengen 
von 700 g verzehrt wurde, erzeugte es keinerlei Verdauungsbeschwerden. Die 
Fäzes waren stets geformt, von lockerer Konsistenz und leicht alkalischer Reaktion. 
Nur in einem einzelnen Fall (Nr. 13) trat saure Gärung ein. 

Die Ergebnisse beider Versuchsreihen sind in den folgenden Tabellen zahlen¬ 
mäßig zusammengestellt: 


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Ansnützungsversuche mit dem Finklerschen Finalbrot. 


77 


Tabelle I. 

Versuche mit Brot aas Kornmehl mit Zusatz von 20 °/o Finalmehl (Finalbrot). 


Nr. 

Versuchs¬ 

person 

Versuchsdauer 
in Tagen 

Tägliche Einfuhr 

Tägliche Ausfuhr 

Gesamte 

** N-Einfuhr 

© Ja 

S-S 

Sj 

g 

N- 

Verlust 

% 

Brot 

feucht 

g 

Brot 

trocken 

g 

N 

% 

Kot i 
trocken 

g 

Prozente 

der 

Einfuhr 

N 

% 

1 

Kriwan 

4 

450 

282 

1,49 

27,3 

9,7 

4,84 

16,89 

5,27 

31,2 

2 

» 

5 

500 

303 

1,83 

81,8 

10,5 

4 87 

27,69 

7,74 

27,9 

3 

n 

8 

600 

876 

1,96 

31,2 

8,3 

'4, so 

22,o8 

4,48 

20,3 

4 


3 

500 

310 

1,67 

34,0 

10,9 

4,31 

15,52 

4,40 

28,0 

5 

' Dermelow 

4 

700 

414 

1,89 

54,9 

13,2 

4,33 

31.24 

9,50 


6 

i 

» 

3 

600 

366 

1,75 

39,0 

10,6 

3,90 

19,24 

4,56 

23,7 

7 

V 

4 

700 

428 

1,61 

40,5 

9,5 

4,40 

27,60 

7,13 

25,3 

8 

V 

3 

700 

439 

1,51 

53,0 

12,0 

4,64 

19,96 

7,38 

36,9 

9 

Zoltanski 

3 

600 

382 

1,47 

41,1 

10,8 

5,57 

17,02 

6,89 


10 

n 

4 

600 

371 

1,64 

41,1 

11,0 

5,40 

24,33 

8,88 

36,5 

11 

Jauck 

5 

700 

446 

1,68 

44,5 

10,0 

4,40 

34,37 

9,76 

26,1 

12 

Brünner 

3 

700 

475 

1,96 

37,9 

8,0 

5,22 

25,95 

5,93 

22,9 

13 

Dittinger 

4 

675 

407 

1,92 

51,0 

12,5 

4,70 

31,18 

9,60 





Durchschnitt: 

1,72 ‘% 


! 10,5% | 



29,2% 


Tabelle II. 

Versuche mit gewöhnlichem Kornbrot ans Kornmehl von 20% Kleieauszug. 


Nr. 

Versuchs- 

Person 

u 

© 

18 
« s 

-fl £ 

© H 

« .fl 
© *" 
> 

Tägliche Einfuhr 

Tägliche Ausfuhr 

Gesamte 
< * N-Einfuhr 

Gesamte 
^ N-Ausfuhr 

N- 

Verlust 

°/ 

1 0 

Brot 

feucht 

g 

Brot 

trocken 

g 

N 

0/ 

/ 0 

Kot 

trocken 

g 

Prozente 

der 

Einfuhr 

N 

0/ 

IO 

1 

Kriwan 

3 

600 

365 

1,72 

26,2 

7,1 


18,87 

4,58 

24,3 

2 

n 

3 

500 

325 

1,72 

26,5 

8,1 

5,10 

16,76 


24,2 

3 

Dermelow 

1 

3 

600 

380 

1,55 

43,3 

11,4 

4,97 


6,46 

36,5 

4 

» 

3 

700 

427 

1,75 

43,7 

■ 

4,61 

22,41 


27,0 

5 

Jauck 

3 

700 

433 

1,58 

39,0 

■29 

5,48 


6,41 

31,2 

6 

„ 

3 

700 

427 

1,68 


11,9 

4,99 

[ 21,55 

7,68 

35,G 



Durchschnitt: 

1,66% 


9,6% 



29,8% 


Es ergab sich also für das 20-%-Finalbrot (aus Roggenmehl) in 13 Ver¬ 
suchen an 6 Personen ein Durchschnittsverlust von 29,2 % der Eiweißkörper 
und 10,6% der Trockensubstanz, für das Roggenbrot mit 25% Kleieauszug 
in 6 Versuchen an 3 Personen ein Durchschnittsverlust von 29,9 % der Eiwei߬ 
körper und 9,6 % der Trockensubstanz. Das Resultat entspricht durchaus den 
Angaben Finklers, der für 25-%-Finalbrot (aus Weizenmehl) je nach der 
Exaktheit der Finalmehlvermahlung 28,1 bis 37,4 % Stickstoffverlust fand. Mit 
Roggenbrot erhielten Plagge und Lebbin im Durchschnitt von 3 Versuchen 
33,75 % Eiweiß- und 9,49 % Trockensubstanzverlust, also eine schlechtere Aus¬ 
nützung, als das Finalbrot in unseren Versuchen ergab. 


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78 


A. v. Decastello 


Die einzelnen Versuchspersonen zeigten folgende N-Verluste im Durchschnitt: 

Finalbrot Roggenbrot 

Kriwan. 26,85 % 24 25 % 

Jermelow .... 29,20 „ 31,75 „ 

Jauck.26,10 „ 33,40 „ 

Einige Zahlen der Tabelle I und II zeigen ziemlich beträchtliche Ab¬ 
weichungen nach oben und unten vom Mittelwert. Zum Teil beruht dies wohl 
darauf daß zwischen den einzelnen Versuchen mitunter längere Zeit verstrich. 
Doch kann bei einzelnen Versuchen auch eine nicht gut gelungene Abgrenzung 
der Stühle schuld daran sein, da die Karmin- und Kohlefärbung in den dunklen 
Brotstühleu nicht immer scharf erkennbar ist. Doch würde auch dies die 
praktische Bedeutung des Ergebnisses nicht verändern; denn selbst wenn man 
den ungünstigsten Fall annehmen und alle Zahlen unter 26 °/o N-Verlust aus der 
Finalbrot-Tabelle eliminieren würde, so ergäbe sich noch immer ein Durchschnitts¬ 
wert von 31 °/ 0 , also eine bessere Ausnützung als die von Plagge und Lebbin 
für Kornbrot gefundene. 

Eine Bestimmung des Kohlehydratverlustes wurde in den Versuchen nicht 
vorgenommen. Es geht aber aus der so geringen Differenz der Zahlen für den 
Trockensubstanzverlust (10,5 % bei Finalbrot, 9,6 °/o bei Roggenbrot) hervor, 
daß auch die Kohlehydrate in beiden Versuchsreihen ungefähr die gleiche Aus¬ 
nützung gefunden haben müssen. Auch das Fehlen von saurer Gärung in den 
Finalbrotstüh len selbst nach Verzehrung der Brotmengen beweist die gute Ver¬ 
dauung der Kohlehydrate. 

Es war mir auch darum zu tun, die Resorptionsverhältnisse des Finalmehls 
als solches, ohne Beimengung anderen Mehls, wie es im Finalbrot der Fall ist, 
zu prüfen. Ein Brot aus reinem Finalmehl herzustellen, ist wie bereits erwähnt, 
praktisch nicht möglich. Speisen, die nur aus diesem Mehl, etwa mit Fett und 
Wasser bereitet sind (Spätzle), haben eine unappetitliche dunkle Farbe und keinen 
angenehmen Geschmack. Ich versuchte es daher mit einer Buttermehlsuppe nach 
der Art der No orden sehen Hafermehlsuppe. Der Patient Brünn er, ein 
Diabetiker, derselbe (wie in Versuch, 12 Tab. I) erhielt in 2 Versuchen durch je 
3 Tage eine Suppe, bereitet durch Kochen von 300 g Finalmehl (mit 93,17 °/ 0 
Trockensubstanz) mit 300 g Butter und daneben täglich l / 2 Liter Wein und 50 g 
Kognak. In dieser Form wurde das Finalmehl ohne Widerwillen genossen. 


Tabelle III. 

Versuche mit Butter-Finalmehlsuppe. 



1 

0> 

Tägl. Einfuhr 

Tägliche Ausfuhr 

u 

A »fl 

1 ** 

A »fl 


Nr. 

Versuchs¬ 

person 

rsuchsdai 
in Tagen 

Final¬ 

mehl 

trocken 

N 

Kot 

trocken 

1 

Prozente 

der 

Einfuhr 

N 

Gesamt 

N-Einfu 

Gesam 

N-Ausfu 

N- 

Verlust 



V 

> 

i 

! 

0/ 

10 

g 


0/ 

Io 

g 

g 

0/ 

Io 

1 

Brunner 

3 

i 

279,5 

1,88 

48,1 

17,2 

3,61 

15,8 

5,21 

33,0 

2 

V 

3 

279,5 

1,88 

49,0 

17,5 

3,14 

i 

15,8 

4,62 

29,3 


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Ausntttzungsversucbe mit dem Finklerachen Finalbrot. 


79 


Der Durchschnittsverlust an Stickstoff betrug also in diesen beiden Ver¬ 
suchen, in denen das reine Finalmehl zur Verwendung kam, 31,1 °/ 0 , also ein 
Resultat, das immerhin eine recht gute Ausnützbarkeit beweist und mit dem an 
Finalbrot und Kornbrot gewonnenem genau übereinstimmt. Freilich ist die Dar¬ 
reichung des Mehls als Suppe nicht ohne weiteres mit der in der Form von Brot 
in Vergleich zu setzen, da einerseits durch das Kochen die Aufschließung der 
Eiweißkörper befördert, andererseits durch die große Buttermenge die Resorption 
behindert werden dürfte. 

Aus den hier mitgeteilten Versuchen geht jedenfalls in Bestäti¬ 
gung der Angaben Finklers und in Übereinstimmung mit den Versuchen 
v. Ozadeks hervor, daß Kornbrot mit einem Zusatz von 20 % Finalmehl 
im menschlichen Darm ebensogut ausgenützt wird, wie das gewöhnliche 
Kornbrot, daß also durch das Finklersche feuchte Mahlverfahren die 
Verdaulichkeit der Kleie der des Mehls gleichgemacht wird. 

Die Frage, ob die Kleie auch für die Ernährung des Menschen Wert besitzt 
und Verwendung finden soll, die bisher auf Grund der Darlegungen von Plagge 
und Lebbin im allgemeinen verneint worden ist, erscheint dadurch neuerdings 
aufgerollt. Dem Einwand der schlechten Ausnützbarkeit der Kleie im mensch¬ 
lichen Darm wird durch die Erfindung Finklers der Boden entzogen, da diese 
es nunmehr gestattet, dem Brot ein Viertel seines Gewichts an Kleiemehl zuzu¬ 
setzen und dadurch seinen Gehalt an Eiweiß und für die Ernährung höchst wert¬ 
vollen organischen Salzen zu erhöhen, ohne seine Verdaulichkeit zu beeinträchtigen. 
Unter solchen Umständen müßte es zweifellos als unökonomisch erscheinen, wenn 
die Kleie, welche durch dieses Verfahren zu einem wertvollen Ernährungsfaktor 
für den Menschen gemacht wird, auch fernerhin fast ausschließlich als Viehfutter 
Verwendung finden würde. 


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80 


Wilhelm Ebstein 


IV. 

Genesung und Heilung. 

Von 

Wilhelm Ebstein. 

(Schluß.) 

Ich will Ihnen nun nicht weiter die Mittel und Wege schildern, welche die Natur 
findet, um die erkrankten Organe zur Norm zurückzuführen, d. h., um die Genesung zu 
bewirken; die Natur ist unerschöpflich in ihren Wegen in der Kombination ihrer 
Hilfsmittel. 

Trotzdem haben sich die Menschen seit uralten Zeiten nicht mit der Naturheilkraft 
begnügt, sondern haben in den Verlauf der Krankheiten mit den ihnen zu Gebote stehen¬ 
den Hilfsmitteln einzugreifen gesucht und trotz alter und neuer Spötter, von denen die 
meisten besonders dann ihr Haupt keck und hoch tragen, wenn sie sich im Vollgenuß 
der Gesundheit befinden, haben berechtigte und unberechtigte Heilbestrebungen sich 
geltend gemacht. 

Diese Heilbestrebungen schlossen sich bei allen Völkern, deren Kultur noch auf 
einer niederen Stufe stand, an ihren Götterdienst an. Man sah die Genesung von Krank¬ 
heiten lediglich als ein Werk der Götter an; daher erklärt es sich auch, daß denjenigen 
Personen, welche den Götterdienst versahen, den Priestern, ganz naturgemäß eine nicht 
unwichtige Rolle bei der Heilung der Krankheiten zufiel. Sie hatten keinen Nachteil 
davon, indem der Dank der Kranken, welche nach schwerer Krankheit das Leben als 
aufs neue geschenkt ansahen, ihnen in erster Reihe zugute kam. Sie bewahrten in ihrem 
wohlerwogenen Interesse alles, was zur Heilung der Krankheiten beitragen konnte, als 
eine Geheimlehre, deren Früchte sie allein ausnützten und welche sie als eine einträg¬ 
liche Kunst in ihrer Familie vererbten. So war es beispielsweise auch in den ältesten 
Zeiten Griechenlands 1 ). Die Kranken wurden dort in den Tempeln verschiedener Gott¬ 
heiten behandelt, unter denen Asklepios, der Gesundheit spendende Sohn Apolls, die erste 
Stelle einnahm. Diese Tempel, die Asklepien, entsprachen, wie es scheint, ihrem Zweck 
vortrefflich. Meist an freien, hochgelegenen Orten, in der Nähe gesunder Quellen auf¬ 
gerichtet, wurde in ihnen vor allem eine zweckmäßige Diätetik gepflegt, und man fühlt 
sich versucht, diese Gesundheitstempel als die ältesten uns bekannten Sanatorien, d. h. 
Anstalten zur Pflege einer gesundheitsgemäßen Lebensweise anzusprechen. Unabhängiger 
von dem religiösen Kultus gestaltete sich die Heilkunst bei den Griechen freilich später 
durch die Philosophenschulen und besonders durch die sich in ihnen entfaltende Blüte der 
Gymnastik. Denn die Gymnasien wurden die Pflanzschulen für die Erhaltung und Wieder¬ 
herstellung der Gesundheit, welche durch die erprobtesten Mittel, von welchen unsere 
moderne Jugenderziehung manches lernen kann, eine sorgfältige Diät und eine verständige 
Muskeltätigkeit, ihr Ziel erreichte. Die moderne Orthopädie und Heilgymnastik darf 
bereits in Herodikas von Selymbria, dem Lehrer des Hippokrates, ihren Schöpfer feiern. 
Wie sehr nun das Genie dieses letztgenannten großen Meisters, des Vaters der Medizin, 
die Heilkunde zu einem vorläufigen Abschluß brachte, wie sehr das naturwissenschaftliche 

! ) Vgl. Göll, Kulturbilder aus Hellas und Rom. Leipzig 1878. 3. Aufl. 1. Bd. S. 141. 


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Genesung und Heilung. 


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System des Aristoteles und die empirische Methode der Alexandriner weiterhin die Grenzen 
der hippokratischen Medizin überschritten, wie sehr in den spateren Jahrhunderten bei 
den verschiedenen anderen Völkern, welche nach dm Griechen den vorgeschrittensten 
Kulturzustand ihrer Zeit repräsentierten, trotz mancher, freilich oft unheimlich lange 
dauernder Stillstände, ja Rückschritte, die Heilkunde doch allmählich sich herausarbeitete; 
es hat sehr lange gedauert, bevor sich die Heilbestrebnngen zu unserer modernen, auf 
fester naturwissenschaftlicher Basis ruhenden Heilwissenschaft gestalteten. Ihr erhabenes 
und höchstes Endziel ist freilich das Heilen der Krankheiten, aber als unerläßlichen 
Voraussetzungen fordert sie die Kenntnis der Natur, insbesondere des gesunden und 
kranken Menschen in aller und jeder Beziehung, soweit dieselbe zur Zeit durch die 
wissenschaftliche Forschung gefördert worden ist. Daher stellt auch die moderne Heil¬ 
wissenschaft, wie sie heut bei den vorgeschrittensten Kulturvölkern geübt wird, an ihren 
Jünger große Ansprüche, deuen er genügen muß, bevor er vom Staat als Arzt, d. h. als 
befähigt zur Behandlung kranker Menschen, anerkannt und zugelassen wird. Man setzt 
bei ihm eine allgemeine wissenschaftliche Durchbildung voraus, auf Grund deren er im¬ 
stande ist, zunächst die allgemeinen Grnndleliren der Naturwissenschaften zu verstehen, 
durch die er weiter befähigt wird, den komplizierten Ban des menschlichen Organismus 
zu begreifen, seine normalen Lebensvorgänge richtig zu erkennen und aufzufassen. Erst 
dann bekommt er eine richtige und klare Vorstellung von den Abweichungen unseres 
Organismus, von dem normalen Verhalten, erst dann kann er den Ursachen, der Natur, 
dem Wesen, der Diagnose der Krankheiten nachgehen und als Endziel seiner Aufgabe 
eröffnet sich ihm die Heilung der krankhaften Prozesse; eine Aufgabe, welcher er mit 
allen ihm zu Gebote stehenden Mitteln gerecht zu werden strebt Nur unter diesen Vor¬ 
bedingungen ist jemand ein Arzt, wie ihn der heutige Zustand unserer Wissenschaft 
verlangt. Wenngleich die moderne Heilwissenschaft von dem Ziele, welches uns selbst 
vorschwebt, noch unendlich weit entfernt ist, so bringt doch fast jeder Tag neue Fort¬ 
schritte in unserer Kenntnis und unserem Können. Wie wichtig die eben besprochenen 
Vorbedingungen für die erfolgreiche Behandlung der Krankheiten sind, das hervorzuheben 
sollte eigentlich überflüssig erscheinen, so selbstverständlich ist es. Aber trotzdem ist 
diese Ansicht weit entfernt, eine allgemein anerkannte und besonders eine im täglichen 
Leben durchgeführte zu sein; denn in die ärztliche Behandlung ihrer kranken Mitmenschen 
mischen sich so unendlich viele Leute, welche von ärztlichen Dingen absolut nichts ver¬ 
stehen. Es teilt die Medizin darin das Schicksal der hohen Politik, nur mit dem Unter¬ 
schiede, daß die politische Kannegießerei im allgemeinen ein harmloses Vergnügen ist, 
welches den Gang der Ereignisse weder hemmt noch beschleunigt, während die medizi¬ 
nische Kannegießerei Leben und Gesundheit oft schwer schädigt, wofern sie, was oft 
genug geschieht, ihren Reflexionen praktische Folgen gibt. 

Welche Grundsätze leiten nun den Arzt bei seinem Handeln und was erreicht er 
damit? Es wird Ihnen allen wahrscheinlich ein altes Wort geläufig sein, daß der Arzt 
der Diener der Natur sei; eine Ansicht, welche nicht bloß von Laien, sondern von den 
Ärzten selbst vertreten worden ist und welche von dem berühmten alten Hallenser 
Kliniker Friedrich Hoffmann 1 ) in ganz präziser Form ausgesprochen wurde. So viel 
Wahres und Berechtigtes dieser Satz enthält, welches ihm auch heut niemand absprechen 
wird, so ist er doch, in dieser absoluten Weise ausgesprochen, nicht richtig, und es 
würde traurig um das Menschengeschlecht stehen, wenn der Arzt bei seinem Tun und 
Lassen lediglich darauf beschränkt wäre, die Natur in ihren Heilbestrebungen zu unter¬ 
stützen. Nirgends zeigt sich das am klarsten und auffälligsten, wie sehr es Not tut, 
daß der Arzt selbständig, nicht in Abhängigkeit von den Heilbestrebungen der Natur, 
handeln muß, als bei Beseitigung der Krankheitsursachen. Sie werden ermessen 
können, von welcher ungeheuren Wichtigkeit die Erforschung der Krankheitsursachen für 
die Verhütung und Beseitigung der Krankheiten ist, und Sie werden vielleicht erstaunt 
sein, zu hören, daß gerade dieser so eminent wichtige Teil der Heilwissenschaft am 


l ) Friedrich Hoffmann (geb. 1660, gest 1742) sagt: Medicus naturae minister, uon 
magister et cum natura, quae optima morborum medicatrix operari et agere debet. 

ZelUcbr. L pby»ik. «l dittt Therapie Bd. XXI. Heft 3. 6 


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Wilhelm Ebstein 


allerspätesten angefangen hat, sich erfolgreich zu entwickeln. Die Gründe fiir diese auf¬ 
fällige Tatsache sind verschiedener Art und es kann hier in Kürze nur einzelner derselben 
gedacht werden. Die Erforschung der Krankheitsursachen wurde erst ermöglicht, als 
naturwissenschaftliche Uethoden in der medizinischen Forschung Wurzel gefaßt hatten, 
und als auf diese Weise die Medizin ein integrierender Teil der Naturwissenschaften 
geworden war; daß sie dies relativ spät wurde, liegt einmal daran, daß die Natur¬ 
wissenschaften selbst erst in der neuesten Zeit zu ihrer bedeutenden Höhe sich ent¬ 
wickelten und wurde insbesondere auch dadurch bewirkt, daß die Medizin relativ am 
längsten von allen naturwissenschaftlichen Disziplinen in den Banden naturphilosophischer 
Träumereien gefangen lag, aus denen sie sich erst vollkommen befreite, als die übrigen 
Naturwissenschaften sich schon längere Zeit einer hohen Blüte erfreuten. Außerdem 
wurde dieser Teil der medizinischen Forschung, welcher sich mit der Klarlegung der 
Krankheitsursachen beschäftigt, ira allgemeinen spät in Angriff genommen, weil andere 
medizinische Diszipline, so die Lehre vom normalen Bau und den physiologischen Ver¬ 
richtungen des menschlichen Organismus, von den pathologisch anatomischen Veränderungen 
unseres Körpers, die Erforschung der Symptomatologie der Krankheiten usw., welche ja 
auch als Vorbedingungen für die erfolgreiche Erforschung der Krankheitsursachen vielfach 
angesehen werden müssen, die hervorragendsten Geister längere Zeit fast ausschließlich 
beschäftigten. Jedenfalls steht soviel fest, daß die Erforschung der Krankheitsursachen, 
wo sie überhaupt bereits gelungen ist, in einer sehr großen Anzahl von Fällen von den 
segensreichsten Folgen für das Menschengeschlecht war. Ich darf, um thnen das klar zu 
legen und um zu beweisen, wie sehr bei der Bekämpfung der hier in Frage kommenden 
Krankheiten der Mensch auf Selbsthilfe angewiesen ist, Sie an die parasitären Krank¬ 
heiten erinnern. Einige wenige Beispiele werden das leicht erläutern. 

Gedenken wir zunächst als Beispiel derjenigen parasitären Affektionen, welche 
lediglich in dem Gewebe der Haut ihren Sitz aufschlagen, einer Ihnen vielleicht etwas 
unappetitlichen, aber gewiß für unseren Zweck sehr lehrreichen Krankheit, nämlich der 
Krätze. Die Ursache derselben ist bekanntlich eine kleine Milbe, w r elche in den obersten 
Schichten der Haut schmarotzt. Zu einer Naturheilung kommt es dabei nicht, sondern 
die Erfahrung lehrt, daß, wenn nicht die geeigneten Maßnahmen ergriffen werden, nicht 
bloß die Krätzmilben sich auf demselben Individuum munter weiter vermehren, sondern 
daß sie auch unter sonst günstigen Bedingungen von dem erkrankten Individuum auf 
sehr viele andere übertragen werden, welche in der gleichen Weise erkranken. Bei der 
Krätze hätte man nun überaus leicht die Ursache der Erkrankung erforschen können 
und doch hat es gerade bei ihr ganz ungemein lange gedauert, ehe inan sich allgemein 
vom Vorhandensein der Milben bei der Krätze überzeugen konnte, und dann, ehe man 
den Tierchen einen Einfluß auf die Entstehung der Krätze zuschrieb. Obwohl der 
Italiener Bonomo bereits im Jahre 1683 ') vollkommen über die Krätze und ihre Ur¬ 
sache sowie deren Beseitigrung orientiert war, dauerten recht lebhafte und ziemlich all¬ 
gemeine Diskussionen über diesen Gegenstand bis in die 30 er Jahre dieses Jahrhunderts 
und selbst Männer wie Schönlein und der Göttinger Kliniker Fuchs nahmen entweder 
von der Krätzmilbe gar keine Notiz oder betrachteten sie allenfalls nur als akzessorische 
Beigabe zu der, wie sie meinten, durch innere Schädlichkeiten veranlaßten Krankheit. 
Gegen 150 Jahre hat es also gedauert, ehe man allgemein die von Bonomo gesehene 
und beschriebene Milbe als Ursache der Krätze anerkannte, so lange fanden sich immer 
und unter ihnen sehr hervorragende Männer, welche sich von der Ansicht, daß es sich 
dabei um eine Verunreinigung des Blutes handele, nicht emanzipieren konnten. Sie 
werden daraus gleichzeitig sich ein Bild schaffen können über die Schwierigkeiten, welche 
es haben kann, einfache Wahrheiten von eigentlich überzeugender Klarheit zur allgemeinen 
Geltung zu bringen. Nachdem wir jetzt wissen, daß es sich bei der Heilung der Krätze 
und der Verhinderung ihrer Weiter Verbreitung lediglich um die Vertilgung der Tierchen 
und ihrer Brut auf der Haut, in den Kleidern und der Wäsche der Kranken handelt, 
haben die Ärzte durch einfache Versuche im Laufe der Zeit leicht Mittel gefunden, um 


*) Vgl. Wich mann, Ätiologie der Krätze. Hannover 1786. Mit einer Kupfertafel. 


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Genesung und Heilung. 


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der Erkrankung in wenigen Stunden Herr zu werden. Nun ist ja die Beseitigung dieser 
Parasiten, welche auf der Haut schmarotzen, eine ungeheuer einfache Sache, und sie ist 
für das Individuum, wenn auch im hohen Grade wünschbar, so doch gerade deshalb 
keine Lebensfrage, weil der Mensch sein Leben lang die Krätze haben kann, ohne daß 
er dadurch in seiner Gesundheit ernsthaft geschädigt würde. Anders aber steht es mit 
der Beseitigung anderer Parasiten, welche nicht nur die Gesundheit, sondern auch das 
Leben ernstlich gefährden, indem sie tiefergreifende Störungen in einem oder mehreren 
Organen hervorbringen. Nehmen Sie als Beispiel für diese parasitären Erkrankungen die 
Trichinenkrankheit der Menschen. Weit weniger leicht greifbar und erkennbar, 
sind die Trichinen doch relativ sehr schnell in ihren deletären Einwirkungen auf den 
menschlichen Organismus gewürdigt worden, und es hat wenigstens in der wissenschaft¬ 
lichen medizinischen Welt kaum Diskussion darüber stattgehabt, dieselben als die Misse¬ 
täter beim Zustandekommen der schweren Krankheitssymptome anzuerkennen, welche dem 
Genuß trichinenhaltigen Fleisches folgen. Sie sehen darin einen großen Fortschritt, 
welchen wir in der Erforschung einer wichtigen und relativ häufigen Krankheits- und 
Todesursache gemacht haben. Es braucht jetzt auch nicht mehr langer Zeit, bis Tat¬ 
sachen, welche durch exakte wissenschaftliche Methoden nachgewiesen würden, Gemeingut 
der Arzte werden. Weder die Naturheilkraft noch die ärztliche Kunst haben bis jetzt 
verläßliche Mittel geliefert, um die schädlichen Einwirkungen zu verhindern, welche den 
menschlichen Organismus treffen, wenn in ihn Trichinen einverleibt werden. Unser Be¬ 
streben kann also lediglich darauf gerichtet sein, daß wir verhindern, daß Trichinen in 
unsern Körper gelangen. Es wäre ein sträflicher Leichtsinn, nach Kenntnis der drohen¬ 
den Gefahren doch trichinenhaltiges Fleisch zu essen und sich auf die Naturheilkraft zu 
verlassen. Den parasitären Krankheiten gegenüber kämpft der Arzt einen Kampf mit 
der Natur, denn die belebten, zum Teil hochorganisierten Wesen, welche die parasitären 
Krankheiten hervorrufen, sind nach denselben Naturgesetzen entstanden und vermehren 
sich wie die übrigen nicht parasitären Organismen. Sie haben vor denselben vielleicht 
noch das Privilegium einer überaus reichlichen Fortpflanzung voraus, eine Fruchtbarkeit, 
welche fast beispiellos erscheint. Der Arzt muß entgegen den natürlichen Einrichtungen, 
nach denen diese Organismen sich weiter entwickeln und vermehren, mit ihnen einen 
Kampf ums Dasein kämpfen, damit diese Schmarotzer nicht die Gesundheit und die 
Existenz des Menschen gefährden. Daß dieser Kampf erfolgreich für die Menschen geführt 
werde, dafür besitzen wir in einer großen Reihe parasitärer Krankheiten die Mittel, 
deren Handhabung zwar manchmal eigenartige Schwierigkeiten bietet, deren Überwindung 
aber nicht außerhalb der Grenzen der Möglichkeit liegt. Dieses Contagium vivum oder 
animatum, welches bei den erwähnten Krankheiten alle Waffen der Ärzte erfordert, 
um es besiegen zu können, hat aber eine weitere Ausdehnung, als einst die bisher ange¬ 
deuteten Krankheitsformen, indem eine Reihe der sogenannten Infektionskrankheiten 
unter dem Einfluß von niederen Organismen zustande kommen. Wir können dies für 
heute bestimmt aussagen vom Milzbrand und wohl auch vom Rückfalltyphus mit einer 
überaus großen Wahrscheinlichkeit annehmen, und wenn gleich für die übrigen Infektions¬ 
krankheiten noch der bei den genannten Krankheiten erbrachte exakte Beweis fehlt, so 
sprechen doch nicht nur aprioristische Gründe, sondern auch eine Reihe wissenschaft¬ 
licher Tatsachen dafür, daß die von Henle 1 ) bereits vor 37 Jahren vorgetragene Lehre 
des lebendigen Kontagiums auf dem Wege ist, eine unumstößliche Wahrheit auch für 
andere Krankheiten zu werden, und es ist nicht unwahrscheinlich, daß der Kreis dieser 
durch niedrige Organismen veranlaßten Krankheiten einen Umfang erreichen wird, von 
dem wir heute noch keine rechte Ahnung haben. In dem Ausbau der Aufgaben, welche 
die Erfassung dieser Krankheitsursachen betreffen, liegt, das ist mir kein Zweifel, zu¬ 
gleich die Anregung für gewiß wenigstens zum Teil fruchtbringende Arbeiten, welche 
die Bekämpfung dieser Krankheiten zum Zweck haben. Hier ist es nicht die Aufgabe 
des Arztes, als Diener der Natur zu folgen, sondern durch geistige Arbeit mit Benutzung 


*) Henle, Pathol. Untersuchungen, 
II. Bd. 2. Abt. S. 457. ' 


Berlin 1840, und Handbuch der ration. Pathologie, 

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Wilhelm Ebstein 


aller freien Methoden der Forschung den Feinden menschlicher Existenz anf die Spar zu 
kommen and sie, wenn es nicht möglich ist, sie za vernichten, sie doch möglichst un¬ 
schädlich za machen. Das sind theoretische Aufgaben, denen die reichste Zukunft gehört. 

Indessen ist die praktische Medizin im Kampfe gegen die Infektionskrankheiten 
nicht mäßig gewesen. Die Praxis eilt in mancher Beziehung zum Glück ftir die Menschen 
bisweilen der Theorie voraus. Während wir heute noch der wesentlich infizierenden 
Ursache, dem letzten Grande der Pockenerkrankungen, nachspüren, hat bereits im Jahr 
1796 das Genie eines Jenner durch die Einführung der Knhpockenimpfung sich das 
größte Verdienst um das Menschengeschlecht erworben, indem dadurch die Pocken¬ 
epidemien und die Sterblichkeit in denselben in nie gehoffter Weise beschränkt wurden 1 ); 
ein Resultat, welches sich immer noch um ein erhebliches bessern wird, wenn die Impfung 
in der jetzt im deutschen Vaterlande geübten W'eiso mit Strenge und Konsequenz weiter 
durchgeführt wird. 

Gestatten Sie mir, daß ich Sie jetzt noch vor allem auf eine Tatsache aufmerksam 
mache, welche beweist, daß die Heilwissenschaft durch Eliminierung von Krankheitsursachen 
in der Verhütung der allergefährlichsten und verderblichsten Infektionskrankheiten Triumphe 
ohnegleichen zu erzielen imstande sind: ich meine die Verhütung der Wundkrank¬ 
heiten, des mit Recht so gefürchteten Hospitalbrandes, des Eiter- und Jauchefiebers 
(der Pyämie und Septikämie), wie sie bei Verwundeten durch Aufnahme infektiöser Stoffe 
ins Blut bedingt werden. Man kann sagen, wir brauchen diese Krankheiten heutzutage 
fast nicht mehr zu behandeln, welche die moderne Heilwissenschaft — denn einzelne 
frühere dahin strebende Versuche erweisen sich als unzureichend — insbesondere die 
herrliche Erfindung Listers 2 ), seine bekannte antiseptische Verbandsmethode, an die 
Hand gibt. Lister begründete seine neue Behandlungsart der Wunden auf ein sinn¬ 
reiches Experiment von Pasteur, wodurch der zersetzungsbefördernde Einfluß der der 
Luft beigemengten schädlichen Potenzen, welche in niederen Organismen bestehen, nach¬ 
gewiesen wurde. Diese Methode ist eine Frucht der Beziehungen, in welche die Chirurgie 
zu naturwissenschaftlichen Tatsachen trat, die Theorie erwies sich aufs Segensreichste 
für die ärztliche Praxis. Der Chirurg vertraut heute nicht mehr auf die Naturheilkraft 
allein; die Wunden, die ihm zur Behandlung zugehen, und die Wunden, welche er bei 
seinen operativen Eingriffen selbst macht, schützt er durch antiseptische Verbände mit 
einer großen Sicherheit vor all den schlimmen Zufällen, welche ihnen ohne dieselben 
drohen würden. Die ganze operative Medizin hat durch diese Methode eine vollständige 
Umwälzung erfahren. Sie hat sich fast vollständig unabhängig gemacht von den unglück¬ 
lichen Eventualitäten, welche die Wundheilung störten, welche die sinnreichsten und 
8egensvollsten Operationen zum Teil vollständig unmöglich machten. Die Krankheits¬ 
keime, welche der Luft der Krankensäle unserer Hospitäler beigemengt sind und welche 
früher den armen Verwundeten Tod und Verderben brachten, prallen unwirksam ab von 
der schützenden Decke des antiseptischen Verbandes. 

Wenn Sie ans dieser kurzen Skizze eine ungefähre Vorstellung davon bekommen 
haben, in welcher Weise die wissenschaftlichen Heilmethoden durch Bekämpfung gewisser 
Krankheitsursachen, die Krankheiten verhüten und heilen, so sind damit die die Krank¬ 
heiten verhütenden Leistungen des Arztes nicht erschöpft. Um sie richtig zu würdigen, 
müßte ich Ihnen sämtliche Leistungen der öffentlichen Gesundheitspflege auf¬ 
zählen. So viel dabei auch noch zu tun bleibt, so scheinbar unbedeutend das bereits 
Erreichte im Vergleich mit dem zu Erstrebenden erscheint, so dankbar anznerkennen 
sind die Fortschritte, welche bis dahin bereits gemacht worden sind, die Verbesserung 
der Methoden der Kinderernährung, die Schulhygiene, die Hygiene in Fabriken, die Be¬ 
schaffung gesunder Wohnungen, eines gesunden Trinkwassers, die Regelung der Abfuhr 
menschlicher und tierischer Auswurfsstoffe, die Schwemmkanalisation, die Sorge, der Ver¬ 
fälschung der Nahrangs- und Genußmittel entgegenznarbeiten, das sind nur einzelne der 


Vgl. Kußmaul, Zwanzig Briefe über Menschen- und Kuhpockenimpfung. Frei¬ 
burg i. Br. 1870. 

*) Vgl. Nußbaum, Listers große Erfindung. München 1875. 


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Genesung und Heiluug. 


weitschichtigen Aufgaben, welche nicht ohne Erfolg von zahlreichen emsigen Arbeitern 
Terfolgt werden. Alles, was in diesen hygienischen Bestrebungen geleistet wird, ver¬ 
gütet Krankheiten und erleichtert ihre Heilung, indem sie nicht nur die Menschen wider¬ 
standsfähiger macht, sondern auch der Naturheilkraft mächtig vorarbeitet. 

Haben wir bisher besonders von demjenigen Teil der ärztlichen Leistungen ge¬ 
sprochen, welcher durch Bekämpfung der Krankheitsursachen die Krankheiten zu verhüten 
strebt und gehen wir zu der eigentlich heilenden Tätigkeit desselben über, so darf 
ich zunächst wieder an die Leistungen der operativen Medizin anknüpfen, welche, nach¬ 
dem die — abgesehen von so vielen anderen Fortschritten in der Technik und den 
Methoden — insbesondere dank der verbesserten Verbandweise die Gefahren überwunden 
hat, die so oft den Erfolg angestrengtester Bemühungen zerstörten, und nachdem sie durch 
Esmarchs bedeutende Entdeckung gelernt hat, Blutverluste bei einer großen Reihe 
schwerer Operationen zu vermeiden, ungeahnte Erfolge aufzuweisen hat. An alle Teile 
des menschlichen Organismus fast hat sie sich herangewagt, und die überaus günstigen 
Resultate rechtfertigen die Kühnheit ihres Handelns. Operationen, welche als unausführbar 
und widersinnig bisher verfemt waren, liefern so segensreiche Resultate, daß sie als 
ständige Bereicherung in den Kreis der chirurgischen Leistungen einverleibt werden. 
Die operative Medizin heilt vieles, was die Naturheilkraft nicht vollbringen könnte und 
was insbesondere auch durch andere Heilmethoden nicht der Heilung zugeführt werden 
kann. Was nun die Behandlung der Krankheiten betrifft, welche operativen Eingriffen 
nicht zugänglich sind, so muß man gerade hier vor allen Dingen, um die ärztlichen 
Leistungen dabei in richtiger Weise und in vollem Umfange würdigen zu lernen, den 
Glauben los werden, als sei sie lediglich auf die Wirkung von Organen angewiesen, eine 
Annahme, welche besonders früher gang und gäbe war und welche ja durch die Be¬ 
zeichnung des Heilenden als Arzt, d. h. eines Menschen, welcher Arzneien anwendet, 
nahegelegt wird. Die Zeiten sind vorüber, wo das einzige und große Heil des Kranken 
in den Apotheken gesucht werden darf. Eine der größten Errungenschaften der ärzt¬ 
lichen Wissenschaft ist es, daß die erste Vorbedingung für eine gedeihliche Behandlung 
der Krankheiten eine sachverständige, gut geschulte, opferfähige und — freudige Kranken¬ 
pflege geworden ist. 

Die von so vielen Vorurteilen sich loslösende Krankenpflege, welche keinen anderen 
Zweck kennt, als die gute Sache, für die sie alles einsetzt, erreicht oft genug ganz 
allein ohne Pillen und Mixturen die schönsten Resultate bei der Wiederherstellung der 
ihr anvertranten Kranken. Von welcher tiefgreifenden Bedeutung diese von ihr geübte 
allseitige Krankendiätetik für die Heilung der Krankheiten ist, wird Ihnen jeder Sach¬ 
verständige bestätigen. Was eine solche Krankenpflege erstrebt: Licht und Luft, gesundes, 
gutes Lager, Reinlichkeit in aller und jeder Beziehung, und eine entsprechende, dem je¬ 
weiligen Zustande angepaßte Ernährung sind die ersten Bedingungen für die Wieder¬ 
herstellung der normalen Funktionen, der Organe und der gestörten Harmonie ihres Zu¬ 
sammenwirkens. In dieser Beziehung ist der Arzt ein Diener und Hilfsarbeiter der Natur, 
indem er die Bedingungen schafft, unter denen die Naturheilkraft am besten wirksam 
sein kann. Die regenerativen, die resorbierenden, ausgleichenden, kompensierenden und 
anderen Vorgänge, vermittelst deren die Naturheilkraft so große und wunderbare Resultate 
erzielt, vollziehen sich am besten in einem wohlgepflegten menschlichen Organismus, unter 
den Bedingungen, welche eine verständige Krankenpflege oft ohne weitere Beihilfe zu er¬ 
füllen imstande ist. Die Anforderungen, welche in jedem einzelnen Falle an die Kranken¬ 
pflege zu stellen sind, genau zu präzisieren, ist eine der Hauptaufgaben, jedenfalls die 
zuerst zu erfüllende Aufgabe, welche der Arzt zu lösen hat. Oft genug genügt sie 
allein, um die Gesundheit wieder herzustellen. Ich will Ihnen hier beispielsweise an¬ 
führen, daß bei so manchen langdauernden Störungen der Magenverdauung, welche oft 
vielen eingreifenden medikamentösen Kuren getrotzt haben, eine einfache Regelung der 
Diät genügt, um dieselben definitiv zu beseitigen. Bei einer ganzen Reihe von Krank¬ 
heiten kann man sich nach der Ordnung der nach dem jeweiligen Befinden des Kranken 
angepaßten Lebensbedingungen zu wartend verhalten, bis bestimmte Anzeigen, bedingt 
durch den veränderten Zustand, auftreten, welche entweder eine Änderung der diätetischen 


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Wilhelm Ebstein 


Verhältnisse oder ein Einschreiten mit Heilpotenzen verlangen. Es gibt deren eine ganze 
Reihe. Abgesehen von den Medikamenten, welche innerlich gebraucht werden, hat sich 
auch bei einer ganzen Reihe von Erkrankungen innerer Organe eine oft erfolgreiche so¬ 
genannte lokale Behandlung herausgebildet; wir haben ferner in der Elektrizität, der 
Hydrotherapie, der Anwendung von Bädern in den verschiedensten Temperaturgraden und 
anderweitigen Modifikationen, in der Benutzung von natürlichen Heilquellen, klimatischen 
Kurorten usw. eine große Reihe von wirksamen Heilmitteln. Es gab freilich eine Zeit, 
und dieselbe ist noch nicht lange hinter uns, wo man in unserem eigenen Lager nicht» 
von der Therapie wissen wollte. Wir müssen hier davon reden, weil dieser Nihilismus 
in der Behandlung der Krankheiten bei längerer Dauer begreiflicherweise einen Ruin der 
ganzen Heilwissenschaft herbeigeführt hätte. Es war aber, das liegt ja in der Natur 
der Sache, eine Unmöglichkeit, eine so unrichtige Behauptung, wie die Ohnmächtigkeit 
der Therapie, in Permanenz zu erklären. Wie tiefe Wurzeln aber in den Gemütern diese 
Ansicht gefaßt hatte, glaube ich Ihnen nicht besser klarlegen zu können, als indem ich 
Ihnen mitteile, daß Virchow 1 ) im Jahre 1854 es für nötig erachtet hat, zu erklären: 
,,Ich besitze 2 Fehler, deren ich mir mit Freuden bewußt bin, nämlich den, auch die 
alten Ärzte für wackere Beobachter zu halten, und den vielleicht noch größeren, an 
Therapie zu glauben.“ 

Es würde uns zu weit führen und liegt außerhalb des Rahmens unseres heutigen 
Themas, wollte ich Ihnen die Gründe entwickeln, weshalb es dahin gekommen ist, daß 
dieser Nihilismus in der Therapie Platz greifen konnte. Freuen wir uns im Interesse 
der kranken Menschen, daß diese Zeiten vorüber sind. Indessen sind auch diese nihi¬ 
listischen Bestrebungen, obwohl sie den Fortschritt in der Therapie für eine gewisse Zeit 
gehemmt haben, nicht ohne einen wohltätigen Einfluß auf dieselbe geblieben. Sie haben 
einen entschieden läuternden und reinigenden Einfluß auf das ärztliche Handeln gehabt, 
und unser Heilmittelverzeichnis von manchem Ballast gesäubert, welcher aus den Zeiten 
uns überkommen war, wo die Heilkunde den Besitz möglichst zahlreicher Mittel fiir 
den wesentlichsten Reichtum hielt. Wir sind kritischer in der Auswahl der Heilmittel 
geworden. Denn wenn auch nach wie vor die ärztliche Erfahrung dabei die Hauptrolle 
spielt, so ruht dieselbe jetzt auf weit sichereren, durch bessere und zuverlässigere Me¬ 
thoden gewonnenen Grundlagen. Dazu kommt aber ferner noch, daß der Fortschritt in 
der Therapie heute nicht mehr allein durch die ärztliche Empirie bestimmt wird, sondern, 
daß dieselbe einen großen Teil ihrer neueren Arbeiten unter der Führung und Kontrolle 
anderer exakter naturwissenschaftlicher Disziplinen ausführt. Die Physik, die Chemie, 
die Physiologie, das Tierexperiment sind die Grundlagen, auf denen die moderne Arznei¬ 
mittellehre ihre Arbeiten aufbaut, welche für die leidende Menschheit schon die schönsten 
Früchte getragen haben. Die moderne Heilwissenschaft hat nicht nur die ihr von alters 
her tibergekommenen Heilmittel kritisch gesichtet und geprüft, sie hat auch eine Reihe 
wichtiger neuer Medikamente sich zu eigen gemacht, welche zum Teil eine vollkommene 
Umwälzung in der Behandlung einzelner Krankheitsformen hervorgerufen haben. Dabei 
hat es die moderne Heilwissenschaft verstanden, die Anwendungsweise der Heilmittel in 
einer überraschenden Weise zu vereinfachen und zu erleichtern. Ich darf Sie in dieser 
Beziehung nur an die Darstellung der Pflanzenbasen, der sogenannten Alkaloide, 
erinnern, wodurch die wirksamen, heilkräftigen Bestandteile so vieler Pflanzen isoliert 
worden sind. Ihre medikamentöse Anwendung beim kranken Menschen ist dadurch nicht 
nur überaus bequem gemacht, sondern die in Frage stehenden Heilmittel können in dieser 
Form der Darreichung auch ihre Wirksamkeit um vieles besser entfalten. Wenn wir 
heutzutage die Zahl der Mittel überschauen, welche einen Platz in unserer Pharmakopoe 
einnehmen, so wird man bei allen auf die Fragen: Wie? Wo? und Warum? mit gutem 
Gewissen eine Antwort geben dürfen, und wenige von ihnen möchte der einzelne Arzt 
bei der Behandlung seiner Kranken missen. Wir dürfen es aussprechen, daß die Ärzte 
auch in den Fällen, wo eine medikamentöse Behandlung der Krankheiten Platz greift, 
eine höhere Aufgabe haben, als bloß Diener der Naturheilkraft zu sein, indem sie die- 


l ) Virchow, Vorwort zum 1. Bande seiner spez. Pathologie und Therapie, pg. XI. Erlangen. 


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Genesung und Heilung. 87 


selbe lediglich unterstützen und ihren Winken folgen, sondern in vielen Fällen dürfen 
wir uns rühmen, durch die Anwendung gewisser Heilmittel die Krankheit geheilt zu 
haben. Ja, es gibt eine nicht geringe Anzahl von Fällen, wo die Naturheilkraft, d. h., 
wenn der Kranke sich selbst überlassen bliebe, nicht zum Ziele fuhrt, sondern, wo ohne 
unsere Heilmittel nicht nur chronisches Siechtum, sondern manchmal der Tod eintreten 
würde. Ich will in letzterer Beziehung, um nur ein Beispiel anzuführen, gewisser Fälle 
von syphilitischer Erkrankung des Gehirns gedenken, welche sich selbst überlassen, im 
besten Falle zu chronischem Siechtum, zu Lähmung usw. führen würden und wo eine 
zweckmäßige, rechtzeitig eingeleitete Kur die gefahrdrohenden Symptome zu beseitigen 
vermag. Als eklatantes Beispiel, welches uns zwingt, an die Therapie zu glauben, will 
ich noch eine der geläufigsten Krankheiten, den akuten Gelenkrheumatismus, anführen, 
für welchen die allerneuste Zeit ein fast absolut sicher und schnell wirkendes Heilmittel 
gefunden hat. Es gelingt nur, dank der Salizylsäure, nicht mehr, den Studierenden in 
der Klinik den Verlauf des Gelenkrheumatismus zu demonstrieren, wie wir ihn bis vor 
wenigen Jahren noch durch Wochen hindurch an dem Schmerzenslager der armen Kranken 
zu beobachten Gelegenheit hatten, unfähig, ihnen mehr zu bieten, als eine vorübergehende 
Erleichterung durch narkotische Heilmittel. Damals w r aren wir genötigt, die Heilung der 
Natur zu überlassen, ruhig abzuwarten, höchstens ihr dienend beizustehen, Jetzt greifen 
wir selbsttätig ein und mit welchem Erfolg, davon weiß jeder Praktiker zu erzählen. 

Wie ganz plötzlich die Salizylsäure uns beschert wurde als Heilmittel für unzählige 
derartige Kranke, an deren Bett wir früher resigniert standen, so kann jeder Tag uns 
neue Fortschritte bringen, durch die wir in der Bekämpfung der Krankheiten immer 
größeren Einfluß gewinnen. 

Trotz mancher solcher schöner Erfolge kennt niemand die Grenze unseres Könnens 
und Vermögens besser als wir selbst. Jeder Tag lehrt unB die Ziele kennen, welche 
unseren Heilbestrebungen gesteckt sind. Leider sind sie viel zu eng für den Menschen¬ 
freund. Wer aber in diesen engen Grenzen seine Schuldigkeit getan, wem es außerdem 
gelingt, diese Grenzen ärztlichen Handelns zum Heile der leidenden Menschen auch nur 
um ein Kleines zu erweitern, den entschädigt das eigene Bewußtsein für die vielen 
Dornen, welche auf den Pfaden des ärztlichen Berufes wuchsen. Freuen wir -uns, daß 
die Heilwissenschaft sich so weit herausgearbeitet hat, daß sie ein würdiges Glied in 
der Kette der Naturwissenschaften geworden ist. Wenn sie auf diesen Wegen fort¬ 
schreitet, ist ihr ein stetiger Fortschritt gesichert, welcher auch der kranken Menschheit 
zugute kommen wird. 


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Referate über Bücher und Aufsätze. 


Referate über Bücher und Aufsätze. 


A. Diätetisches (Ernährnngatherapl**). 

St« Serkowskl, Schmutz, Elter und Pepton 
in der Milch. W kl. W. 1916. Nr. 50. 

Bei Milchuntersuchungen beschränkte man 
sich bisher im allgemeinen auf die Erkennung 
gewisser Fälschungen; die Frage der Gesund- 
heitlichkeit des Produkts wurde völlig hintan- 
gesetzt. Demgegenüber weist der Verfasser 
auf die Wichtigkeit einer eingehenden sanitären 
Untersuchung der Milch hin. 

Es ist wohl allgemein bekannt, daß auch 
unverfälschte Kuhmilch zahlreiche Infektions¬ 
krankheiten, wie Typhus, die Sommerruhr der 
Säuglinge usw. verbreiten kann. Weiterhin 
kann eine Intoxikation dun b giftige Futter¬ 
substanzen, durch die in der Milch enthaltenen 
tuberkulösen Endotoxine, sowie auch durch 
äußere Ursachen (fehlerhaftes Verzinnen u. dgl.) 
bedingt werden. Zur Erkennung von gesund¬ 
heitsschädlichen Eigenschaften der Milch schlägt 
der Verfasser einen sehr beachtenswerten Unter- 
suchung8plan vor, dessen Einzelheiten hier nicht 
wiedergegeben werden können. 

Eine eingehende sanitäre Untersuchung wird 
allerdings nicht immer ausführbar sein, ist auch 
häufig nicht erforderlich; doch muß stets die 
quantitative Berechnung der Leukozyten im ge¬ 
fällten Schmutz, die Untersuchung auf Tuberkel- 
und Perlsuchtbazillen, die qualitative bakterio¬ 
logische Analyse der im Sediment, Milchschmutz 
und Eiter enthaltenen Bakterien mit Berück¬ 
sichtigung der Anaerobier und eine chemische 
und physikalische Untersuchung vorgenommen 
werden. 

Es folgt eine kritische Besprechung der 
bisher zur Bestimmung des Schmutzes usw. in 
der Milch angewandten Methoden; zur Be¬ 
stimmung des Milchschmutzes wird ein einfacher 
Apparat angegeben. 

Von großer Wichtigkeit ist die Unter¬ 
suchung auf peptonisierende Eigenschaften der j 
Milch. Frische Milch enthält kein Pepton: 


das Vorhandensein dieses Ferments läßt stets 
auf peptonisierende Bakterien in der Milch 
schließen. Solche Milch ist gesundheitsschäd¬ 
lich und für Kinderernährung unbrauchbar; die 
hohe Säuglingssterblichkeit in den Sommer¬ 
monaten steht hiermit in engem Zusammen¬ 
hänge. Walter Brieger (Berlin). 


A. Kossowlcz, Über Flefschgemüse- 
knnserven. Ztschr. f. Fleisch- u. Milchhyg. 
Bd XXVII. S. 49. 

Hauptsächlichste Erreger der Fleisch¬ 
konservenfäulnis und Bombage sind ßacilht9 
putrificus Bienstoek, der auch die übliche 
Sterilisation der Konserven unter Umständen 
zu überdauern vermag, und Proteus vulgaris. 
Daneben wären noch der bewegliche und der 
unbewegliche Buttersäurebazillus Schattenfroh 
und Graßberger zu nennen. 

Die Sterilisation der Fleischgemüsc- 
konserven erfolgt am zweckmäßigsten, einen 
Büchseninhalt von 250 cm* vorausgesetzt, bei 
einem Druck von l l /i Atm. während 60 Minuten, 
davon 45 Minuten unter vollem Druck, und darf 
in keinem Fall weniger als 55 Minuten, davon 
40 unter vollem Druck, dauern. Bei Büchsen 
mit größerem Inhalt ist die Sterilisationsdauer 
entsprechend zu erhöhen. 

Walter Brieger (Berlin). 

i. Lorand (Karlsbad), Die rationelle Er- 
nährung des schwachen Herzens« M. m. W. 

1916. Nr. 51. 

Verfasser hebt die Wichtigkeit der Zu¬ 
führung der Vitamine und des Kalium (Urbeanu) 
für die Erhaltung und Stärkung des Herz¬ 
muskels hervor; demnach sind Brot und Kar¬ 
toffeln, die vorzüglichen Träger jener Stoffe, 
unentbehrlich und bei Patienten mit schwachem 
Herzen dringend erforderlich, mag die Diät 
sonst beschaffen sein, wie sie will. 

J. Ruhemann (Berlin-Wilmersdorf). 


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Referate über Bücher und Aufsätze. 


89 


B* Hydro-, Balneo- u. Klimatotherapie. 

Handbuch der Balneologie, medizinischen Kli» 
malologie und ßalneographie* Herausgegeb. 
im Auftrag der Zentralstelle fü r Balneologie von 
Prof. Dr. Dietrich u. Dr. S. Kaminer. Bd. 1. 
567 S. Mit 89 Abb. u. 1 Tafel. Leipzig 1916. 
Verlag von Georg Thieme. M. 14 t geb. M. 15.50. 

Das groß angelegte Werk, von dem hier 
der erste Band vorliegt, bezweckt eine ein¬ 
gehende Darstellung der wissenschaftlichen 
Balneologie und Klimatologie unter besonderer 
Berücksichtigung der Hilfswissenschaften, na¬ 
mentlich dt*r naturwissenschaftlichen Grundlagen 
der Balneologie. Diesen naturwissenschaft¬ 
lichen Grundlagen ist der erste Band ge¬ 
widmet. Es sind durchweg bekannte und her¬ 
vorragende Fachleute, Physiker, Chemiker und 
Geologen, die hierzu Beiträge geliefert haben. 
Aus der Feder von Keilhack von der Geo¬ 
logischen Landesanstalt in Berlin stammt eine 
eingehende Schilderung der Geologie der Mi¬ 
neralquellen und Thermen, der Mineral¬ 
moore und der Mineralschlamme. Die 
Chemie des indifferenten Wassers wird 
von Thiesing (Berlin-Dahlem), die der Mi¬ 
neralwässer, Moore und Schlamme von 
Hintz und Grünhut (Wiesbaden), die Chemie 
des Meerwaesers von A. Merz (Berlin) ge¬ 
schildert. Der Abschnitt über die Physik 
des Klimas ist von Eugen Alt von der 
bayerischen meteorologischen Zentralstation in 
München verfaßt. Die Physik der Sonnen- i 
Strahlung ist von Dorno (Davos), die des Ra¬ 
diums und der radioaktiven Substanzen 
von Marckwald (Berlin) verfaßt. Eingeleitet 
iet der Band durch einen Abriß derBalneo- 
togiegeschichte aus der Feder von Alfred 
Martin (Bad Nauheim), dem zahlreiche inter¬ 
essante Abbildungen beigegeben sind. 

Schon nach diesem ersten Bande kann man 
schließen, daß hier eine hochbedeutsame, grund¬ 
legende Neuerscheinung auf dem Gebiete der 
wissenschaftlichen Balneologie vorliegt, man darf 
auf das baldige Erscheinen des zweiten Bandes, 
der die balneo-physiologische Abteilung enthalten 
wird, gespannt sein. A. Laqueur (Berlin). 


V. Gymnastik, Massage, Orthopädie* 
and Apparatbehandlang. 

Jens Overgaard (Wien), Kontrakturen- 

bebandlong. M. m. W. 1916. Nr. 47. Feld¬ 
ärztliche Beilage. 

Von dem Standpunkte ausgehend, daß 
Massage und medikomechanische Übungen 


allein zur Beseitigung schwerer Kontrakturen 
bei Kriegs verletzten meist nicht genügen, legt 
der Verfasser das Hauptgewicht auf das Tragen 
redressierender Apparate, deren Prinzip 
durch eine Reihe von Abbildungen veranschau¬ 
licht wird. Für Schulter, Ellenbogen und Knie¬ 
gelenk werden dabei den Schede sehen Appa¬ 
raten ähnliche verwandt Vor Anlegen eines 
jeden Apparates bekommt der Patient ein 
heißes Bad von 35° R; bei trophischen Stö¬ 
rungen werden Wechselbäder verordnet. Nach 
Abnahme des Apparates wird massiert, event. 
faradisiert, und dann werden aktive und passive 
Übungen teils manuell, teils mit einfachen 
Apparaten vorgenommen. Nach einer zwei¬ 
stündigen Mittagspause geschieht am Nach¬ 
mittage dann dieselbe Behandlungsfolge. Zur 
Linderung der Schmerzen und gleichzeitig zur 
Erweichung narbiger Kontrakturen kann mit 
der Apparatbebandlung die St a nun g verbunden 
werden. Ferner hat sich bei kleineren, nicht 
allzu tief reichenden festen Narben die Saug- 
glockenbehandlung als sehr nützlich er¬ 
wiesen. 

Diese ganze, im orthopädischen Spital in 
Wien übliche Behandlungsmethode hat den 
Vorteil, daß sie auf der Krankenabteilung 
selbst ausgeführt wird und den ganzen Tag 
über zur Einwirkung kommt. Sind im Verlaufe 
von 4 bis 6 Wochen mit diesen Methoden keine 
Fortschritte zu verzeichnen, so zögere man 
nicht, durch operative Maßnahmen, blutige 
oder unblutige, die Kontraktur zu beheben. 
Nur bei Fußkontrakturen ist durchweg eine 
längere Einwirkung korrigierender Maßnahmen 
notwendig. Meist muß allerdings bei trauma¬ 
tischen Spitz- oder Klumpfüßen zunächst ein 
Redressement in Narkose oder eine Tenotomie 
vorgenommen werden. A. Laqueur (Berlin). 


Moeltgen (Koblenz), Eine Schiene zur Vor» 
bengung und Behandlung der Spltzfof- 
kontrakturen. M. m. W. 1916. Nr. 47. Feld- 
ärztliche Beilage. 

Die bisherigen derartigen Schienen haben 
fast alle den Nachteil, daß der Fuß dorsalwärts 
gebeugt wird, ohne daß die aktive Bewegungs¬ 
möglichkeit für denselben erhalten bleibt, wo¬ 
durch die Atrophie der Fuß- und Unter¬ 
schenkelmuskulatur noch gefördert wird. Die 
vom Verfasser beschriebene Schiene besitzt nun 
eine Feder unter der Fußplatte, welche den 
Fuß im Talokruralgelenk dorsalwärts beugt, 
während sie es dem Patienten ermöglicht, aktiv 
gegen die Federw irkung den Fuß auch plantar- 


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90 


Referate Über Bücher und Aufsätze. 


wärts zu bewegen, wodurch neben der korri¬ 
gierenden Wirkung zugleich eine Muskelübung 
ermöglicht wird. A. Laqueur (Berlin). 

PhilippErlacher (Wien), Über skoliotische 
Haltung einseitig Amputierter. M. m. W. 

1916. Nr. 48. 

Bei den vor 3 bis 25 Monaten erfolgten 
Beinamputationen zeigt sich eine nach der 
Operationsseite zu entwickelte konvexe Lumbal¬ 
skoliose mit häufiger Gegenkrümraung in der 
oberen Brustwirbelsäule. Die Verkrümmungen 
treten trotz der Prothese ein und werden da¬ 
durch wettgemacht, daß beim Sitzen eine Über¬ 
korrektur nach der anderen Seite durch einen 
schiefen (an der Amputationsseite erhöhten) 
Sitz vorgenoramen wird. Eine weitere Schä¬ 
digung der einseitig Amputierten, die fast bei 
allen früher oder später in Erscheinung tritt, 
liegt in dem Auftreten von Plattfußbeschwerden 
und der Bildung eines richtigen Plattfußes, der 
durch Plattfußeinlage zu korrigieren ist. 

J. Ru he mann (Berlin-Wilmersdorf). 

Neumeister, Eine Bandage für S errat ug- 
lähmung. M. ro. W. 1916. Nr. 49. 

Zur Fixierung der Schulterblätter und der 
dadurch ermöglichten Feststellung der Schulter 
und Hebung der Arme bei Serratuslähmung 
wird ein Apparat angegeben, der durch Pelotten 
die Skapula an den Rumpf anpreßt und durch 
an der Brust befestigte Pelotten die Schultern 
zurückdrückt und letzere gegen die Schulter- 
blattpelotten fixiert. 

J. Ruhemann (Berlin-Wilmersdorf). 

Franz Riedel (Altona), Zur Behandlung 
der Meningitis epidemica durch Lumbal¬ 
punktion. M. m. W. 1916. Nr. 50. 

Verfasser empfiehlt angelegentlichst auf 
Grund von 5 Fällen die möglichst frühzeitige 
und ausgiebige Anwendung der Lumbalpunktion, 
welche mit der spezifischen antibakteriellen 
Therapie konkurieren kann und gelegentlich 
rettet, wenn schon alles verloren scheint. 
Jede klinische Verschlechterung (Temperatur, 
Liquortrübung, Aufflackern anderer klinischer 
Symptome) soll Indikation zu neuer Lumbal¬ 
punktion sein. 

J. Ruhemann (Berlin-Wilmersdorf). 


D. Elektro-, Licht- nnd Röntgen¬ 
therapie. 

Gustav Loose (Bremen), Die Müllersche 
Heizkörper-Siederöhre. (Zugleich ein Bei¬ 


trag zur Physiologie der Röntgenröhre.) 

Fortschr. d. Röntgenstrahlen 1916. H. 4. 

Verfasser kommt auf Grund seiner Be¬ 
obachtungen zu folgenden Ergebnissen: 1. Die 
Kühlung einer Röntgenröhre ist unphysiologisch 
und prinzipiell falsch. 2. Genau das Gegenteil, 
die frühzeitige Anheizung, ist richtig, da die 
Wärme zur Ionisierung des Vakuums beiträgt 
und dadurch einen völlig ruhigen Gang auch 
harter Röhren herbeiführt. 3. Zur Konstant¬ 
haltung des Vakuums ist der Überschuß der 
Eigenwärmung abzuleiten. 4. Einen idealen, 
automatischen Wärmeregulator bildet das sie¬ 
dende Wasser (Siederöhre). 5. Das Sieden 
des Wassers wird am besten durch einen 
elektrischen Heizkörper erreicht (Heizkörper- 
Siederöhre). 6. Die Hauptquelle der Wärme 
ist die Antikothode; die zweite die Kathode, 
die geringste die Anode. Sie verhalten sich 
wie 100 : ca 50 : 25 (3-Heizkörper-Siederöhre). 

7. Bei konstanter Antikathode und Anode 
wird das Vakuum beherrscht von der Kathode. 

8. Die Wärmeableitung der Kathode ermöglicht 
eine bedeutende Steigerung der Belastung 
und dadurch eine wesentliche Steigerung des 
Nutzeffektes. 9. Der aromatisierte Wasser- 
dampf erweist sich als nützlich und erfolg¬ 
reich gegen die Röntgennausea und den 
Röntgenkater. 

L. Katz (Berlin-Wilmersdorf). 


Fritz Bohrer (Tübingen), Tolnmbestim- 
mnng von Körperhöhlen und Organen auf 
orthodiagraphlschem Wege. Fortschr. der 
Röntgenstrahlen 1916. H. 4. 

Zusammenfassung: Die Inhaltsbestimmung 
von Körperhöhlen und Organen ist möglich 
ausgehend von zwei, in senkrecht aufeinander¬ 
stehenden Richtungen hergestellten Orthodia- 
grammen. Für die Ermittlung von Brust¬ 
raum und Herzvolumen ist am besten die 
sagittale und transversale Projektionsrichtung. 
Bei der Bestimmung des Brusthöhlenvolums 
haben wir mit einer Fehlergröße von höchstens 
5 bis 10 %, bei der Bestimmung des Herz¬ 
volumens von höchstens 10 bis 15 % zu 
rechnen. Die Methode kann zur approxi¬ 
mativen Volumbestimmung beliebiger ortho- 
diagraphierbarer Organe, Höhlen, Tumoren, 
Fremdkörper usw. angewendet werden, wo¬ 
bei der Faktor der Berechnungsformel je¬ 
weils entsprechend der Form des Objektes 
anzunehmen ist. 

L. Katz (Berlin-Wilmersdorf). 


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Referate über Bücher und Aufsätze. 


•91 


Ernst Anderes, Uber Strahlentherapie. 

Korrespondenzblatt f. Schweizer Ärzte 1916. 

Nr. 47. 

Verfasser gibt in dieser Arbeit einen kurzen 
überblick über die physikalichen Eigenschaften 
und biologischen Wirkungen der radioaktiven 
Substanzen. Denn, wie Verfasser sagt, ist es 
für denjenigen Arzt, der in der medizinischen 
Therapie Röntgen strahlen oder radioaktive 
Substanzen verwenden will, absolut notwendig, 
die genausten Kenntnisse über die physikali¬ 
schen Eigenschaften zu besitzen. Sie bilden 
den Grundbegriff der ganzen Strahlentherapie, 
ihre mangelhafte Kenntnis ist wohl meistens 
die Ursache erhaltener Mißerfolge. Das Pro¬ 
blem der Tiefentherapie, des Kreuzfeuers, der 
Felderbestrahlung und der Filterung wird an 
der Hand instruktiver Skizzen in anschaulicher 
Weise erörtert. 

L. Katz (Berlin-Wilmersdorf). 


Friedrich Voltz (Nürnberg), Ziele nnd 

Probleme der Röntgenstrahlenmeiitechnik. 

Fortschr. d. Röntgenstrahlen 1916. H. 4. 

Verfasser ist auf Grund seiner experimen¬ 
tellen Untersuchungen zu der Ansicht gelangt, 
daß die Möglichkeit besteht, qualimetrische und 
quantimetrische Methoden zu schaffen, die physi¬ 
kalisch einwandfrei sind und nach Spektrnm 
und Radiosensibilität geeicht werden können. 
Völlig wird dieses Problem erst dann gelöst 
werden können, wenn es gelingt, Röntgen¬ 
spektren in wenigen Minuten aufnehmen zu 
können. Die Eichung nach der Radiosensibilität 
der Zelle erscheint als ein äußerst wichtiges 
Problem der Röntgenmeßtechnik, wenn nicht 
als Hauptproblem, denn, wie Verfasser nach¬ 
weist, ist die physikalisch einwandfreie Messung 
durchaus noch nicht der sichere Beweis dafür, 
daß in einer analogen Körperschicht die gleiche 
Strahlenmenge absorbiert wurde. Es sind die 
Absorptionsverhältnisse in Innern des Körpers 
unter Umständen eben sehr verschiedene von 
den Absorptionsverhältnissen des Meßgerätes, 
selbst wenn man hier Fehlerquellen ausschaltet. 
Das Studium der biologischen Wirkung inner¬ 
halb der Zelle ist deshalb ein außerordentlich 
dringliches Problem, welches notwendig in 
Zusammenhang gebracht werden muß mit 
der Ausbildung und Vervollkommnung der 
Meßmethoden. 

L. Katz (Berlin-Wilmersdorf). 


A. Hasselwander, Beiträge zur Methodik 
der Röntgentherapie. II. Die Stereoröntgeno- 


grammetrie. Fortschr. der Röntgenstrahlen 
1916. H. 4. 

Während Verfasser in seinen früheren 
Arbeiten zur Methodik der Röntgenographie 
zu dem Ergebnis gekommen ist, daß eine 
restlos befriedigende Darstellung der Form, 
Lage und Größe von Körpern durch die 
Röntgenstrahlen nur durch die Übertragung 
von Methoden der Stereophotogrammetrie auf 
die Untersuchung von Röntgenbildern zu er¬ 
hoffen sei, gab er in späteren Arbeiten die 
Apparatur, die Arbeitsmethode und ihre Ver- 
wandbarkeit bekannt und ihren Wert gegen¬ 
über anderen Verfahren, wie ‘sie in großer 
Zahl zu dem heute vordringlichen Zweck der 
Fremdkörperlokalisation angegeben wurden. 
Noch fehlte bis jetzt eine kritische Untersuchung 
der möglichen Fehler, ihrer Entstehung, Art 
j und Größe, und daraus abgeleitet der Maß- 
I nahmen zu ihrer Vermeidung. Die vorliegende 
Arbeit nun, die sich in eingehender Weise mit 
diesen Fragen beschäftigt, ist zu einem kurzen 
Referate nicht geeignet und muß im Orginal 
nachgelesen werden. 

L. Katz (Berlin-Wilmersdorf). 

L. Seitz und H. Wintz (Erlangen), Über 
die Beseitigung von Myom- und Wechsel¬ 
blutungen in einmaliger Sitzung durch 
Zinkfliterintensivbestrahlung. M.m.W. 1916. 
Nr. 51. 

Mit 0,5-mm-Zinkfilter, Mehrfelderbestrahlung 
und Symmetrieapparat gelingt es innerhalb 4 bis 
5 Stunden, d. h. in einer Sitzung, Wechsel- und 
Myomblutung zum Verschwinden zu bringen. 
Dieses Resultat wurde bei 30 klimakterischen 
Blutungen, 3 starken Blutungen bei Adnex¬ 
erkrankungen und 18 Fällen von Myom erzielt. 
Bei dieser Zinkfilterintensivbestrahlung ist der 
Röntgenkater ausgeprägter, auch sah man zu¬ 
weilen bei reizbaren Individuen Erbrechen, 
leichte Spasmen des Darms und vermehrten 
Harndrang, die aber in kurzer Zeit vorüber¬ 
gingen. Bei einer Bestrahlung von 50 bis 
60 Minuten Dauer stellte sich nie eine Schä¬ 
digung der Haut ein. 

J. Ruhemann (Berlin-Wilmersdorf). 


H. Wintz (Erlangen), Die geerdete Röntgen¬ 
röhre, eine Spezialröbre für Tiefenbestrah- 
Inng. M. m. W. 1916. Nr. 49. 

Ein Betrieb, welcher die Erzielung durch¬ 
dringungsfähigster Strahlen aus harten Röntgen¬ 
röhren forciert, bildet eine ständige Gefahr für 
die Röhre und für den Patienten, welcher 


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92 


Referate über Bücher und Aufsätze. 


'empfindliche Schlüge bekommen kann und 
zwar durch die in der Umgebung der Röhre 
befindlichen Metallteile, welche eine elektrische 
Aufladung erhalten. Um diesen Gefahren zu 
begegnen, wurde die Röhre selbst geerdet. 
Die beste Anordnung war die, daß die Erd¬ 
leitung ihren Ansatz zentral über der Anti¬ 
kathode hatte und mit einer Platte in das 
Röhreninnere hineinragte 

J. Ruhemann (Berlin-Wilmersdorf). 

Fritz König (Marburg), Behandlung des 
Erysipel* mit der Quarzlampenbestrahlong 
M. m W. 1916. Nr. 48. 

ln einer Reihe von Fällen beschleunigte 
die Bestrahlung mit der Quarzlampe den Ab¬ 
lauf des Erysipels, während in einer ganzen 
Reihe von Wundrosefällen diese Behandlung 
versagte, ja das Erysipel direkt über die be¬ 
strahlten Stellen weiter wanderte. Eine pro¬ 
phylaktische Wirkung ließ sich gleichfalls 
nicht ersehen. 

J. Ruhemann (Berlin-Wilmersdorf). 

L. Steiner (Vevey), Tuberculoxe et soleil 
tropleal. Revue mGdicale de la Suisse Ro- 
mande 1916. 20. Octobre. 

Steiner untersuchte mit Rücksicht auf die 
günstige Beeinflussung der Tuberkulose durch 
Sonnenlicht die Frage der Häufigkeit der Tuber¬ 
kulose in Tropenländern. Er bespricht die 
Verhältnisse in Sourabaya auf Java. Lungen¬ 
tuberkulose kommt vor und ist vielleicht etwas 
seltener, sehr selten sind hingegen andere For¬ 
men von Tuberkulose, wie z. B. Knochen¬ 
tuberkulose und besonders Skrophulose. Die 
Europäer verhalten sich dabei genau so wie 
die Eingeborenen. Dabei ist der sonstige Ge¬ 
sundheitszustand durchaus nicht gut Steiner 
belegt dies mit allgemeinen hygienischen und 
diätetischen Betrachtungen, ohne einwandfrei 
erklären za können, warum Lungentuberkulose 
vorkommt, andere Formen von Tuberkulose 
hingegen so selten sind. 

E. Tobias (Berlin). 


E. 8erum- und Organotherapie. 

Hans Bab (München), Die Hypophyse als 
Regulator der Diurese und des spezifischen 
6** wiebts des Harns. M. m. W. 1916. Nr. 48, 
49 und 50. 

Therapeutische Erfahrungen mit Coluitrin 
und die bisherigen Ergebnisse über die endo¬ 
krine Bedeutung der Hypophysis ergeben fol¬ 
gende Schlußsätze. 


1. Die Durchblutung der Niere und damit 
die Diurese wird von den Hormonen der inner¬ 
sekretorischen Drüsen beeinflußt. 

2 Die Hypophyse hat den physiologischen 
Funktionen des Urogenitalsystems gegenüber, 
als eine Zentralstation, regulatorische Aufgaben. 

3. Pathologische Polyurie, wie sie z. B. bei 
Diabetes insipidus in Erscheinung tritt, ist als 
Folge einer Hyposekretion der Pars inter- 
media anzusehen, resp einer Störung der 
Sekretaufnahme im Hinterlappen oder 
der Sekretfortleitung in den zerebralen 
Lymphbahnen. Bei Hyposekretion der Pars 
intermedia entfällt auch der entsprechende 
hormonale Reiz auf die sympathischen Nerven¬ 
fasern in der Pars posterior. 

4. Subkutaninjektionen von Hinterlappen¬ 
extrakt erzielen als sichere Wirkung bei Dia¬ 
betes insipidus Hemmung der Diurese, Stei¬ 
gerung des spez. Gewichts des Harns. Hebung 
des Allgemeinbefindens. Eine Dauerwirkung 
hat diese Substitutionstherapie nicht. Orale 
Darreichung bleibt ohne Effekt. 

5 Ein ausgesprochener Fall von Diabetes 
insipidus ist als biologisches Reagens für die 
Austitrierung der Wertigkeit der ver¬ 
schiedenen in den Handel gebrachten Hinter 
lappenextrakte verwertbar. Von deutschen Prä¬ 
paraten hat sich Coluitrin, 20%ig (Freund und 
Redlich, Berlin), gut bewährt. 

6. Abgesehen von der Hypophyse lieferte 
kein anderes innersekretorisches Organ 
ein Extrakt, das bei subkutaner Applikation 
die Diurese bei Diabetes insipidus irgendwie 
nennenswert zu beeinflussen imstande gewesen 
wäre. Nur der glanduläre Teil der Vorderlappen 
der Hypophyse läßt eine gewisse, wenn auch 
schwache Einwirkung seines Extraktes auf die 
Diurese erkennen, vielleicht nur infolge der 
Beimengung von Substanzen aus der Pars 
intermedia Die Hypophyse rückt damit an die 
Stelle eines Zentralorgans für die Regulierung 
der Harnsekretion. 

7. Die Hinterlappenextraktwirkung auf die 
Diurese bei Diabetes insipidus wurde durch 
gleichzeitig gegebene andere Organ¬ 
extrakte in keiner Weise antagonistisch 
beeinflußt und beeinträchtigt. Die Zuführung 
des hypophysären Hormons genügt unter allen 
Umständen zur Regelung der Diurese. 

8. Hinterlappenextrakt steigert nicht nur 
bei Diabetes insipidus, sondern für gewöhnlich 
auch bei anderweitig erkrankten und bei nor¬ 
malen Individuen die molekulare Kon- 


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Referate über Bücher und Aufsätze. 


93 


zentration des Harns. Dies ist betreffs der 
allgemeinen regulatorischen Bedeutung der 
Hypophyse von prinzipieller Wichtigkeit. Bei 
niedrigem spez. Gewicht scheint meist die 
Steigerung desselben beträchtlicher auszufallen 
als bei hohem. 

9. Die Niere ist beim Diabetes insipidus 
als gesund anzusehen; daß ihre Konzentrations¬ 
fähigkeit nicht aufgehoben ist, beweist ihr nor¬ 
males Funktionieren nach Hinterlappenextrakt 
injektionen. Ein Hyperpituitarismus als Krank¬ 
heitsursache ist bei Diabetes insipidus ebenfalls 
abzulebnen. 

10. Tumoren und Verletzungen des Hinter¬ 
lappens bedingen Diabetes insipidus. Dieser 
findet sich auch gepaart mit der durch hypo¬ 
physäre Unterfunktion bedingten Dystrophia 
adiposo-genitalis. Hypophysenschädigung im 
Tierexperiment führt zu Polyurie. Kein an¬ 
deres Organextrakt außer Hinterlappenextrakt 
beeinflußt bei Subkutaninjektion die Diurese 
bei Diabetes insipidus. Nach alledem müssen 
wir die Hinterlappenunterfunktion als Ursache 
dieser Erkrankung ansehen Bei keiner Affekt ion 
irgendeiner anderen endokrinen Drüse tritt 
auch eine derartige hochgradige Störung der 
Diurese ein. 

11. Auch Nebennierenextrakt kann das 
spec Gewicht des Harns steigern. Jedoch führt 
die schwere Nebennierenschädigung beim Morb. 
Addisonii nicht zum Diabetes insipidus. Dabei 
reguliert wohl die intakte Hypophyse die Diu¬ 
rese, während umgekehrt das Nebennierenmark 
für eine geschädigte Hypophyse nicht kom¬ 
pensatorisch einzutreten vermag. Die Hypo¬ 
physe ist also hinsichtlich der Diurese das 
übergeordnete Organ. 

12. Die Funktion der Nierengefäße wird am 
ehesten durch Schwangerschaft beeinträchtigt 
Der Hauptregulator der Nierengefäße ist jedoch 
die Hypophyse. 

J. Ruhe mann (Berlin-Wilmersdorf). 


Hermann Köhler (Hamburg), Behandlung 
von sekundären Anämien durch intra- 
glutäale Injektionen nicht deflbrinierten 
Blutes. M. m. W. 1916. Nr. 48. 

Das Blut wird aus einer Vene des Spen¬ 
ders in der gewünschten Menge — Verfasser 
brauchte 15 bis 20 ccm zur Injektion — mit 
einer sterilen Spritze aspiriert und sogleich 
dem Kranken intraglutäal appliziert; die Nadel 
darf kein Gefäß treffen. 2 Fälle, eine septische 
und eine menorrhagische Anämie, wurden durch 


diese Methode der intraglutäalen Einführung 
kleiner Mengen des nicht deflbrinierten Blutes 
beeinflußt. 

J. Ruhemann (Berlin-Wilmersdorf). 


H.Slebert (Llliau), Einige Beobachtungen 
in der Fihrnhsiniherapie. Therap. Monatsh. 
1916. November. 

Siebert hat die Fibrolysintherapie in 
einigen Fällen von multipler Sklerose und bei 
Spondylitis deformans angewandt und skizziert 
diese Fälle kurz mit dem Ergebnis, daß das 
Fibrolysin (vielleicht in Verbindung mit Ato- 
ph;tn) bei der Spondylitis deformans mit einem 
größeren positiven Erfolge Verwendung finden 
dürfte, als bei der multiplen Sklerose. 

E. Tobias (Berlin). 


Doctor (Frankfurt a. M.l, Zur Behandlung 
der Furunkulose mit Leukogeo (Staphylo* 
kokkenrakxfne), M. m W. 1916. Nr. 50. 

Erfahrungen mit der Lenkogenbehandlung 
bei 20 Patienten zeigten, daß dieselbe einen 
günstigen Einfluß auf die Verhütung der Ent¬ 
stehung neuer Furunkel habe. Das Leukogen 
(Höchster Farbwerke) besteht aus einer Emul¬ 
sion abgetöteter Staphylokokken (albus, citreus 
und aureus). Mit der Injektion von 10 Millionen 
Keimen beginnend steigt man bis zu 700 Mil¬ 
lionen; bei 2 mal wöchentlicher, subkutan unter 
die Rückenhaut vorgenommener Einspritzung 
dauert die Kur 4 bis 6 Wochen, auch wenn 
völlige Abheilung erfolgt ist. Die Toleranz 
dem Mittel gegenüber war durchschnittlich 
gut; konservative Behandlung der Furunkel 
reichte meist aus. 

J. Ruhemann (Berlin-Wilmersdorf). 


G. Kraus (Semmering) Jod, Schilddrüse, 

Arteriosklerose. Ther. d. Gegenwart 1917. 

H. 2. 

Während es schon lange bekannt war, daß 
Jod auch in kleinsten Dosen bisweilen schlecht 
vertragen wird, ist erst durch neuere Arbeiten, 
besonders von Breuer, Kocher, Ortner, 
v. Krehl u. a. gegen die wahllose Verabfolgung 
von Jod angekämpft worden, nachdem diese 
Autoren bei zu Thyreoidismus Disponierten 
schwerste Störungen beobachtet hatten — 
Jodthyreoidismus. Verfasser hat oft bei genauer 
Erhebung der Anamnese bei Fällen von Base¬ 
dow oderHyperthyreoidismus feststellen können, 
daß kleinste Jodmengen — Zahnfleischpinse¬ 
lungen u. a. — genügten zur Akutisierung dieser 
krankhaften Zustände. Kraus glaubt sogar, 


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94 Referate über Bächer und Aufsätze. 


daß der geringe Jodgehalt der Seeluft dafür 
zu beschuldigen ist, daß gewisse Nervöse (Ere- 
tiker) Seeaufenthalt nicht vertragen. Während 
die Jodtherapie der Arteriosklerose an sich 
theoretisch und praktisch auf schwachen Füßen 
steht (außer bei Lues), wird oft gerade hier 
mehr Schaden als Nutzen gestiftet. Die thy¬ 
reogene Jodidiosynkrasie ist nicht selten. In 
erster Linie sind alle Kranken mit vergrößerter 
Schilddrüse von der Jodtherapie auszuschließen; 
ferner alle nervös erregbaren, „Vasomotoriker“, 
ferner Menschen mit wiederholten größeren 
Körpergewichtsschwankungen. Ebenso Frauen 
im Klimakterium, da diese Zeit an sich zum 
Aufflackern alter Basedowzustände disponiert. 
Bei nierenkranken Arteriosklerotikern verbietet 
sich die Jodmedikation von selbst. 

W. Alexander (Berlin). 

F. Verschiedenes. 

H. Strauß (Berlin), Die Nephritiden. Abriß 
ihrer Diagnostik und Therapie auf Grund 
der neueren Forschungsergebnisse. Berlin 
und Wien 1916. Urban und Schwarzenberg. 
208 Seiten. 

Entsprechend dem Untertitel sind in diesem 
aktuellen Werk besonders die durch die neueren 
Arbeiten über die Stoffwechselstörungen und 
die gestörte Funktion der Niere gewonnenen , 
Anschauungen zusammengefaßt und dem Arzt ' 
als abgerundetes Ganze in klarer Form dar¬ 
gestellt. Bei der didaktischen Erfahrung des 
Autors erübrigt sich der Hinweis darauf, daß 
bei aller Wissenschaftlichkeit in der Bear¬ 
beitung der physiologischen und pathologisch- | 
anatomischen Fragen dem rein Praktischen auf j 
diagnostischem wie therapeutischem Gebiet ein 
breiter Platz eingeräumt wurde. Im einzelnen 
sei hier nur das Einteilungsprinzip in Epithelial¬ 
nephrosen, Glomerulonephritiden und Herd¬ 
nephritiden hervorgehoben. Bezüglich der 
„Schützengrabennephritis“ steht Strauß auf 
dem Standpunkt, daß die Erkältung nur als 
Gelegenheitsursache neben anderen ätiologi¬ 
schen Momenten anzusehen ist, unter anderem 
schon deshalb, weil sonst die Kriegsnephritis 
viel häufiger sein müßte. — Die moderne 
Literatur ist ausgiebig benutzt. Anhänge über 
die Zusammensetzung der wichtigsten Nah- j 
rungs- und Genußmittel sowie der Mineral- j 
wässer sind sehr zu begrüßen. — Ein vor¬ 
züglicher Überblick über den derzeitigen 
Stand der Nephritisfrage. 

W. Alexander (Berlin). 


Franz Grttnbaum, Hysterie und Kriegs¬ 
dienstbeschädigung. D. m. W. 1916. Nr. 47. 

An der Hand eines Falles von hysterischem 
Schütteltremor, bei dem nach längerer Lazarett¬ 
behandlung bei Wiederaufnahme des Dienstes 
bald wieder ein Rezidiv eintrat, und der schlie߬ 
lich durch Hypnose geheilt wurde, tritt der 
Verfasser entschieden dafür ein, daß derartige 
Patienten nach der Heilung, die am Besten durch 
Hyp nose erfolgt, in keiner militärischen 
Stellung mehr verwandt werden. Nur auf 
diese Weise läßt sich die dauerndo Heilung 
sichern und können dem Staate die ent¬ 
sprechenden Renten erspart bleiben. Anders 
liegen die Verhältnisse bei mono symptoma¬ 
tischen hysterischen Erscheinungen, z. B. 
hysterischen Armlähmungen; hier kann nach 
Heilung durch Suggestion und Hypnose der 
Patient sehr wohl wieder voll dienstfähig 
werden. A. Laqueur (Berlin). 


H. Oppenheim (Berlin), Zar Frage der 
traumatischen Neurose. D. m. W. 1916. 
Nr. 51. 

Die heftigen Angriffe, welche der Ver¬ 
fasser wegen seiner Auffassung über die trau¬ 
matische Neurose und die Kriegsneurosen 
neuerdings erfahren hat, und die ihn sogar 
veranlaßt haben, seine Stellung als Leiter 
eines Berliner Nervenlazaretts niederzulegen, 
werden in der vorliegenden Arbeit noch¬ 
mals eingehend widerlegt. Gegenüber dem 
Einwande, daß von Kriegsneurosen nur 
dazu besonders disponierte „prämorbide* 
Persönlichkeiten betroffen werden, macht 
Oppenheim wohl nicht mit Unrecht gel¬ 
tend, daß auch bei anderen Krankheiten, z B. 
organischen Erkrankungen des Zentralnerven¬ 
systems, bestimmte Schädlichkeiten, die viele 
Personen gleichzeitig treffen, doch nur bei ein¬ 
zelnen Individuen die Erkrankung auslösen. 
Über das Wesen einer solchen individuellen 
Disposition wissen wir nichts Exaktes, und 
deshalb bestreitet Oppenheim mit Ent¬ 
schiedenheit die Berechtigung, aus der Tat¬ 
sache, daß ein Mensch infolge eines psychi¬ 
schen oder mechanischen Insultes an einer 
hartnäckigen Neurose erkrankt, auf eine prä- 
morbide Persönlichkeit zu schließen. 

Nachdem er dann auf Grund seiner eigenen 
Erfahrung die Behauptung widerlegt hat, daß 
die traumatischen Neurosen fast nur bei Un- 
venvundeten oder Leichtverwundeten auftreten, 
wendet sich Verfasser zum Schlüsse gegen 
die Kaufmannsche Methode der Anwendung 


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Referate über Bücher und Aufsätze. 


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intensiver Faradisation, die er, wie jede 
Zwangstherapie, bei traumatischen Neurosen 
wegen der damit verbundenen eventuellen 
Schädigungen trotz nicht zu leugnender ein¬ 
zelner Erfolge verwirft. 

A. Laqueur (Berlin). 

Jangmann (Berlin), Über akute Nieren» 

erkrankungen bei Kriegsteilnehmern. 

Ztschr. f. klin. Med. Bd. 84. H. 1 u. 2. 

Bei der Mehrzahl der vom Verfasser beob¬ 
achteten Fälle lag im Anfang der Erkrankung 
jedesmal eine akute diffuse Glomerulonephritis 
vor; erst in den späteren Stadien ließen sich 
Fälle von vorzugsweise tubulärer Erkrankung 
abgrenzen, bei denen die Glomerulusverände- 
rungen an Schwere die bei den akuten nicht 
übertrafen. Den anatomischen Befunden ent¬ 
sprachen auch die klinischen Erfahrungen. Die 
vorwiegend zu beobachtende Gutartigkeit der 
Erkrankung wird verständlich, wenn wir sehen, 
daß die Glomerulusveränderungen sich im all¬ 
meinen im Rahmen heilbarer, der Rückbildung 
fähiger Prozesse halten. Die gleichzeitige Er¬ 
krankung aller Glomeruli mit hochgradig ge¬ 
störter Zirkulation und Sekretion erklärt die 
•Gefahr der Urämie im akuten Stadium. Längere 
Krankheitsdauer und hochgradigen universellen 
Hydrops finden wir gewöhnlich bei Fällen mit 
schweren Veränderungen am Epithel der Tubuli. < 
Neben den Veränderungen in den Nieren fand 
sich regelmäßig in frischen Fällen eine Ver¬ 
größerung der Milz, in der Leber Verfettung 
der Zellen in Form feinster Tropfenbildung 
mit Trübung des Protoplasmas und am Herzen 
ebenfalls hochgradige feintropfige Verfettung 
der Muskelfasern mit mehr oder weniger starker 
Beeinträchtigung der Querfasern. Dieser Nach¬ 
weis läßt die Annahme gerechtfertigt erscheinen, 
daß hier infektiöse, den ganzen Körper be¬ 
treffende Ursachen im Spiele sind. Über die 
spezielle Ätiologie der Erkrankung ist noch 
nichts Sicheres bekannt; man bat dabei an 
Koliinfektion gedacht, andere Beobachter haben 
sie auf Staphylokokken- und Streptokokken¬ 
infektion von der zerkratzten Haut aus zurück¬ 
geführt. Wie dem auch sein möge, jedenfalls 
dürfte es sich bei der ausgesprochenen Tendenz 
der Krankheit zur Heilung um relativ blande 
Infektionen handeln. Freyhan (Berlin). 

drob er (Jena), Behandlung des bedrohlichen 

Erbrechens. D. m. W. 1916. Nr. 51. 

Neben der Behandlung der Grundursache 
(Urämie, Gehimerkrankungen, Hysterie usw.) 
besteht die symptomatische Behandlung vor 


allem in Bettruhe, Wärmeapplikation auf den 
Leib und Enthaltung von Speisen und Getränken 
bis zur Dauer von 24 Stunden. Der starke 
Durst wird eventuell durch Warmwasserklistiere 
bekämpft. Dann gibt man eisgekühlte Milch 
oder kalten schwarzen Tee teelöffelweise, Eis¬ 
stückchen dürfen nur gelutscht, aber nicht 
heruntergeschluckt werden. Bei drohendem 
Kollaps kleine Mengen von ganz kaltem Sekt 
oder Kognak. Von Arzneimitteln kommen 
per os ätherische Baldriantinktur, Menthol¬ 
lösung mit Kognak, tropfenweise Chloroform, 
eventuell bei hysterischen Kranken auch Brom¬ 
kalium in Betracht. Vielfach empfiehlt sich 
nun der rektale Weg: Chloralhydrat-Klistiere, 
Kodein- oder Belladonnasuppositorien. Als 
letztes Mittel, das aber nur bei fehlender 
Kollapsneigung erlaubt ist, kommt das im 
übrigen sehr nützliche Morphium in Betracht. 
Beim Erbrechen der Schwangeren hat sich 
das Orexinum tannicum sehr gut bewährt 
(täglich eine Kapsel von 0,3 bis 0,5). 

A. Laqueur (Berlin). 


Semerau (Straßburg i. E.), Über die Be¬ 
einflussung des Blockherzens durch Arznei¬ 
mittel. Deutsch. Arch. f. klin. Med Bd. 120. 
H. 4. 

Bei einem mit Muskelrheumatismus behaf¬ 
teten Manne stellte sich nach einer erneuten 
Attacke eine schwere Überleitungsstörung mit 
starker Bradykardie und Andeutung von 
Ad am 8-Stokes sehen Syndrom ein. Die 
spontan aufgetretenen Störungen äußerten 
sich anfänglich in einer vollkommenen atrio¬ 
ventrikulären Dissoziation; daneben fand sich 
auch gelegentlich eine deutliche Erschweruug 
in der Beförderung von Reizen innerhalb der 
sinuaurikulären Bahn von der normalen Ur¬ 
sprungsstelle, im Sinusknoten, nach dem Vor¬ 
hof, die sich in vereinzelten und periodischeu 
Vorbofs8ystolenau8fällen sowie in einem alter¬ 
nierenden Abwechseln der Vorhofsintervalle 
manifestierte. Auf Vagusreizung durch Druck 
erfolgten in Zeiten, wo sich die Überleitung 
bedeutend gebessert hatte, erstens gehäufte 
Vorhofssystolenausfälle, zweitens eine vorüber¬ 
gehende vollkommene Blockierung der Reize 
zwischen Vorhof und Ventrikel, drittens eine 
kurzdauernde Blockierung der in den tertiären 
Zeiten gebildeten Reize auf die Ventrikel¬ 
muskeln. Bedeutsam war die heilsame Wir¬ 
kung des Physostigmin; sie beruhte auf zwei 
Komponenten, einmal in einer verminderten 
Reizbildung im Sinusknoten, zweitens in einer 


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Referate über Bücher und Aufsätze. 


Erregbarkeitsteigerung des spezifischen Muskel¬ 
bündels, die eine Erhöhung einer Funktions¬ 
tüchtigkeit bedingte. Neben der Herzwirkung 
hatte das Physostigmin einen günstigen Ein¬ 
fluß auf die Skelettmuskulatur, die sich darin 
äußerte, daß die Anfälle von Myalgien trotz 
rauher Witterung ausblieben, bzw. sich sofort 
durch Physostigmineinspritzungen kupieren 
ließen. Das Atropin vermochte die Physo¬ 
stigminwirkung zu einem großen Teil, wenn 
auch nicht vollständig, aufzuheben. Die Kom¬ 
bination von Physostigmin und Atropin er¬ 
laubt, den Einfluß des ersteren auf den Vagus 
zu dosieren und eine schädliche Zunahme der 
Vaguserregbarkeit abzustumpfen. 

Freyhan (Berlin). 

Gräfin t. Linden (Bonn), Experimental- 
forsch ungen zur Chemotherapie der Tu¬ 
berkulose mit Kupfer- und Methylenblau¬ 
salzen. Reichs - Medizinal - Anzeiger 1916. 
Nr. 2. 

Die mitgeteilten Versuche zeigen, daß 
lebende Tuberkelbazillen sowohl in Auf¬ 
schwemmungen nach Zusatz kleinster Farb¬ 
stoff- und Kupfersalzmengeu, wie auch in der 
Kultur, wenn sie mit metbylenblau- oder kupfer¬ 
haltigen Lösungen überschichtet werden, und 
schließlich auch aus Nährböden, die mit diesen 
Salzen versetzt sind, Methylenblau und Kupfer | 
in sich aufnehmen. Die mit Methylenblau- 
und Kupfersalzen beladenen Tuberkelbazillen 
zeigen nach kurzer Zeit Degenerations¬ 
erscheinungen, verlieren ihre Färbbarkeit, ihre 
Wachstumsenergie und Virulenz, so daß sie 
sich in der Kultur nicht weiter entwickeln 
und auf Meerschweinchen überimpft keine 
tödliche Erkrankung mehr verursachen. Am 
meisten werden die Bazillen geschädigt, wenn 
die Methylenblau- und Kupfersalze dem Nähr¬ 
boden zugesetzt sind; hier tritt die entwick¬ 
lungshemmende Wirkung der Substanzen schon 
bei außerordentlich großen Verdünnungen ein 
Am widerstandsfähigsten zeigen sich in die 
Flüssigkeiten eingelegte Bakterienhäufchen. 
Kupfersalze in öliger Emulsion schädigen die 
Tuberkelbazillen schneller als wäßrige Kupfer¬ 
lösungen. Freyhan (Berlin). 

A. Wolff, Über Ozon nnd Ozonlösungen. 

Reichs-Medizinal-Anzeiger 1916. Nr. 19. 

Durch Einleiten von Ozon in eine isoto- \ 
nische Kochsalzlösung mit 3% H a O a bei 4° ge¬ 
lang es dem Verfasser, eine haltbare Ozonlösung 
von bisher unerreichtem Gehalt (240 mg O s im 1) 
herzustellen. Walter Brieger (Berlin). 


Hol lös (Szeged), Erkennung nnd Heilung 
der Tuberkulose Im Kindesalter. Ztachr. 
f. Tuberkulose. Bd. 26. H. 5. 

Der Autor verweist auf die bekannte Tat¬ 
sache, daß der Prozentsatz an Tuberkulose im 
Kindesalter mit den Jahren fortgesetzt wächst, 
so daß im 12. bis 14. Lebensjahr mehr ale 
50% der Kinder bazilläre Heerde in ihrem 
Körper haben, ohne manifeste Symptome dieser 
Krankheit zu zeigen. Pirquet hat das an 
lebenden Kindern durch die kutane Reaktion, 
Hamburger an den Leichen der Wiener Kinder¬ 
klinik auf Grund eines großen Materials sta¬ 
tistisch nachgewiesen Mit Recht verlangt 
daher Hol lös, daß man diesen larvierten oder 
latenten Formen der Tuberkulose nachspüre,, 
um möglichst frühzeitig therapeutisch einzu¬ 
greifen. So weit wird jeder Arzt gern dem 
Autor folgen. Wenn er aber sämtliche orga¬ 
nischen und funktionellen Störungen des 
Wachstumsalters mit alleiniger Ausnahme der 
akuten Infektionskrankheiten in den großen 
Topf der larvierten Tuberkulose wirft, so wird 
man doch energisch Halt machen. Anämie und 
Neurasthenie, die verschiedenen Neurosen und 
Asthenien, Rheumatismus und die Störungen 
des Stoffwechsels, rasches oder verlangsamtes 
Wachstum, Gewichtsabnahme oder abnorme 
Gewichtszunahme, erregte Gemütsstimmung 
oder Apathie, Obstipation und Diarrhöe, Appetit¬ 
losigkeit, Erbrechen und Heißhunger, Pseudo- 
appendicitis und Katarrhe der Luftwege, Rhinitis, 
Konjunktivitis und Pharyngitis, Kopfschmerzen 
und Schwindel, Herzklopfen und Neigung zum 
Schwitzen, Dermatosen und Asthma, Infantilis¬ 
mus und Ly mphatismus, Kyphose und Skoliose. 
Dysmenorrhoe, ja selbst die X-Beinc und Platt¬ 
füße marschieren bei ihm als maskierte Tuber¬ 
kulose auf. Wenn Jemand so einseitig in der 
Aetiologie ist, dann darf man sich nicht mehr 
wundern, wenn er sich ebenso einseitig in der 
Therapie zeigt Hollös heilt alle diese Ge¬ 
brechen mit der Injektion oder Einreibung der 
Spengler sehen Immunkörper. Sie sind das 
vollkommste Spezifikum gegen Tuberkulose, 
noch vollkommener als alle Tuberkuline, und 
Hollös rettet damit „Kranke, die am Rande 
des Grabes stehen“. Die Arbeit wird durch ein 
halbes Dutzend Krankengeschichten illustriert, 
deren Beweiskraft weit hinter dem schönen 
; Enthusiasmus des Autors für sein Spezifikum 
zurückbleibt. Wo eino Heilung nicht eingetreten 
ist, tröstet er sich mit der sicheren Überzeugung, 
daß sie schon noch kommen wird. 

BlitBtein (Berlin-Schöneberg). 


Berlin, Druck von W. BOxenetein. 


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Original-Arbeiten, 



Wilhelm Winternitz 

Nekrolog. 

Von 

A. Strasser. 


Wilhelm Winternitz ist am 22. Februar gestorben. Es geziemt sich, in 
diesen Blättern seiner zu gedenken, denn er war der Bahnbrecher nicht nur 
für die Hydrotherapie, sondern wohl für die physikalische Therapie überhaupt. — 
Die Zeit, in der seine Arbeit begann, war die der schärfsten kritischen Betrachtung 
der wissenschaftlichen Arbeit in der Medizin und besonders in Wien war es sicher 
die größte Schwierigkeit, mit der Pflege einer therapeutischen Disziplin hervor¬ 
zutreten, die das Odium der Laienmedizin auf sich hatte, herrschte doch dort die 
„nihilistische Schule“, die für die klinische Diagnostik so unvergleichlich Großes 
geleistet hat, für therapeutische Fragen jedoch nur ein untergeordnetes Interesse 
hatte. Wohl stammen aus derselben Zeit die denkwürdigen Arbeiten von Traube, 
Frerichs und anderen, Fundamente der Therapie vieler Krankheiten und die An¬ 
fänge der Bäderbehandlung des Typhus (Brand in Stettin) fallen auch in jene Zeit. 

Winternitz betrachtete als seine Lebensaufgabe, die Hydrotherapie auf 
eine wissenschaftliche Basis zu stellen. Die praktischen Erfolge waren da, 
ihre klinische und vorwiegend physiologische Analyse und Begründung fehlte 
vollkommen. Wenn jetzt die Hydrotherapie in der Praxis anders aussieht, als 
vor 60 Jahren, wenn sie, wie es den Anschein hat, auf dem Wege zur allgemeinen 
Anerkennung doch vielfach Reduktionen erfahren hat, gemildert wurde, so ist 
damit der Beweis nicht erbracht, daß die alte Hydrotherapie schlecht war, denn 
durch Jahrzehnte genoß sie die Schätzung der größten Mediziner in der Praxis, 
und es wäre geradezu eine Herabsetzung der Urteilskraft dieser bedeutenden 
Männer, wenn man annehmen würde, daß sie sich durch so lange Zeit hätten 
täuschen können. Die Zeit, in der Winternitz hervorgetreten ist, war für die 
Hydrotherapie noch die Prießnitzsche, wenigstens für deutsche Länder. Dieser 
ehrliche Empiriker und begabte Laiendokter hat selbst nichts geschrieben, seine 
Schüler überfluteten die Literatur mit Beschreibungen der Wirkung der Wasser¬ 
prozeduren. Es sind diese Publikationen mit geringen Ausnahmen laienhaft und 
in den Vorstellungen der Krasenlehre verfangen. Bessere Anläufe zu einer kli¬ 
nischen Betrachtung zeigen vereinzelt französische und englische Autoren (be¬ 
sonders Currie, lange vor Prießnitz), doch blieb es Winternitz Vorbehalten, 
die Lehre auf die Höhe der physiologisch-klinischen Anforderungen zu bringen. 

Ztritsehr. f. physik. u. diät. Tliornpio B<1. XXI. lie ft 4. i 


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A. Strasser 


Wilhelm Winternitz ist in Josefstadt in Böhmen am 1. März 1834 geboren, 
wurde in Prag 1857 zum Doktor promoviert und trat nach kurzer Betätigung an 
den psychiatrischen Stationen von Fischl und Czumpelik als Korvettenarzt in 
den Dienst der k. und k. Marine. Die erste Anregung zur Hydrotherapie gab ihm 
eine influenzaartige Epidemie an Bord. Es gab kein Chinin mehr und da behan¬ 
delte er die Kranken mit kalten Begießungen mit großem Erfolge. Mehrfache, 
während der mehrmonatlichen Beise aufgetretene fieberhafte Erkrankungen, behan¬ 
delte er, teils gezwungenerweise (Mangel an Medikamenten), teils aus innerem 
Drange hydrotherapeutisch und gewann Zuversicht zur Methode. Im Jahre 1861 
(November) ging er zum Nachfolger Vincenz Prießnitz, Dr. Schindler in 
Gräfenberg, und fing seine Untersuchungen zunächst an sich selbst als Versuchs¬ 
objekt an. Die Resultate seiner ersten Arbeit faßte er in seiner Habilitations¬ 
schrift (1865): „Zur rationellen Begründung einiger hydrotherapeutischer Proze¬ 
duren“, zusammen und wurde im selben Jahre, auf Oppolzers Empfehlung, als 
Privatdozent habilitiert. Er wurde 1881 außerordentlicher, 1896 ordentlicher 
Professor, bekam 1899 den offiziellen Lehrauftrag zur Hydrotherapie an der 
Wiener Universität. Im Jahre 1871 begründete er mit einigen Freunden, durch¬ 
wegs jungen Dozenten der Wiener Universität (Auspitz, Schnitzler, Hock. 
Ultzmann usw.), die Wiener allgemeine Poliklinik, an der er mit eigenen Mitteln 
eine hydrotherapeutische Station errichtete, an der neben der Ambulanz auch au 
liegendem Material gelernt und gelehrt wurde. Diese Station wurde dann die 
erste hydrotherapeutische Klinik, wohl die einzige bis zum Neubau der großen 
österreichischen und deutschen klinischen Institute, die jetzt durchwegs mit hydro¬ 
therapeutischen Stationen ausgerüstet sind. 

Im Jahre 1865 begründete er die zu großer Berühmtheit gelangte Wasser¬ 
heilanstalt in Kaltenleutgeben bei Wien, die er bis vor einigen Jahren leitete und 
die als Musterinstitut für die meisten später errichteten Anstalten gelten kann 
und endlich begründete er 1890 die „Blätter für klinische Hydrotherapie“, die 
Vorläuferin dieser Zeitschrift, und leitete sie bis 1909. 

Winternitz war ein ganz außergewöhnliches Talent, sowohl als Arzt, als 
auch als Forscher. Man bedenke, daß das Instrumentarium für physiologische 
Experimentalforschung am Menschen am Anfang der 60er Jahre nicht auf hoher 
Stufe stand und daß Winternitz als Outsider ohne jegliche Unterstützung einer 
Klinik, ja oft von solcher bekämpft, arbeiten mußte. Die Thermo- und Kalori¬ 
metrie, und die sphygmographisch-plethysmographischen Methoden waren wohl zu 
seiner Verfügung, aber das meiste beruhte auf direkter Beobachtung der Kranken 
und es spricht sicher sehr für große Beobachtungsgabe, daß Winternitz aus Ex¬ 
perimenten, die nach heutiger Auffassung vielfach als primitiv angesehen werden 
müssen, so vieles herausgelesen hat. Die Habilitationsschrift von Winternitz 
ist noch heute für jeden unbefangenen Leser eine hervorragende Arbeit. In 
dieser sind die von ihm festgestellten Wirkungen der thermischen Reize auf die 
Gefäße und die Blutverteilung niedergelegt. Winternitz’ Auffassung über den 
Verlauf der Gefäßreaktion und der konsekutiven Größe des lokalen Kreislaufs ist 
nicht ohne Widerspruch geblieben, und wenn sie auch gewisser Korrekturen be¬ 
durfte, so bleibt noch sehr viel übrig, was noch heute aufrecht steht. Er sprach 
stets von einer sekundären Erweiterung der Arterien nach vorübergehender Ver- 


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Wilhelm Winternitz f. 


99 


engerung infolge von Kältewirkung „mit Erhaltung des Tonus“, und wahrlich 
kann man dieser Auffassung bei der Analyse der Fernwirkungen thermischer 
Hautreize auf das Splanchnikusgebiet nicht ganz entraten, wenn sie auch ge¬ 
wissen physiologischen Gesetzen zu widersprechen scheint. Jedenfalls resultierten 
aus diesen Untersuchungen die Richtlinien für die hydrotherapeutische Behandlung 
der Herzkrankheiten und Kreislaufstörungen als sehr bedeutende Bereicherung 
der Therapie. 

Dieselbe Serie von Arbeiten, besonders aber die Feststellung der ungeheuren 
Wandelbarkeit der Haut in ihrer Funktion der Wärmeabgabe, führten Winternitz 
zu seiner Stellungnahme in der Frage der Entstehung der fieberhaften Temperatur¬ 
steigerung. Er schloß sich Traube, Rose>nthal.und Senator an, die die Ver¬ 
minderung der Wärmeabgabe in den Vordergrund stellten, entgegen Lieber- 
meister, der in jeder Foim und in jedem Stadium des Fiebers die Vermehrung 
der Wärmebildung verfocht. Die Diskussion steht auf höchstem Niveau und die 
Frage ist, wie bekannt, später so geklärt worden, daß jede der Parteien teilweise 
recht hat, da man für verschiedene Arten und Stadien des Fiebers die Ver¬ 
änderungen der Wärmebildung und Abgabe in verschiedener Art und Grad heran¬ 
ziehen muß. Sowohl Liebermeister als auch Winternitz waren die eifrigsten 
Verfechter der Hydrotherapie der Infektionskrankheiten, besonders des Typhus, 
und wenn in Deutschland in Brands Gefolge Männer wie Liebermeister, 
Jürgensen, Bartel und Vogl zu sehen waren, mußte Winternitz in Österreich 
den Kampf allein ausfechten und das gerade in der Zeit der „nihilistischen“ Wiener 
Schule, die, wie erwähnt, für therapeutische Bestrebungen nicht viel übrig hatte. — 
Ich muß hier die Gelegenheit benutzen, Winternitz gegen ungerechte Vorwürfe 
in Schutz zu nehmen. Er wird z. B. auch von v. Ziemssen in der Reihe der 
„extremen Hydriater“ der Infektionskrankheiten genannt. Ich stelle fest, 
daß Winternitz nur die rechtzeitige Einleitung einer Hydrotherapie in jedem 
Falle von Typhus grundsätzlich forderte; er hat weder die ganz niedrigen Tem¬ 
peraturen, noch die große Häufung der Bäder, noch auch die Verteilung der 
Bäder auf gewisse Zeiten des Tages in der Art von Liebermeister propagiert, 
er war also in der Methodik kein Extremer. — Die Hydrotherapie der Infektions¬ 
krankheiten ist nun schon längst in gute Bahnen geleitet und wird sicher auch 
dann nicht entbehrlich sein, wenn man gegen jede Infektionskrankheit das spezi¬ 
fische Mittel wird gefunden haben, und wenn man die heute an den Kliniken 
geübte Methodik auf Naunyns und Curschmanns Stellungnahme zurückführt, 
so muß betont werden, daß die prinzipielle Stellungnahme von Winternitz zur 
Aufnahme der Hydrotherapie in die Klinik sehr viel beigetragen hat. Auch die 
Stellungnahme von Winternitz für eine Hydrotherapie der Malaria und der 
Cholera verdient höher gewertet zu werden, als eine enthusiastische Hervor¬ 
hebung einer spezialistischen Methode, wenn sie auch mehr dem Gefühle des 
Spezialisten entgegenkommt. 

Eine prinzipiell sehr wichtige Anschauung reifte bei Winternitz aus den 
Arbeiten der ersten 20 Jahre, nämlich die von der „Fluxion“ als Heilmittel. 
Im wesentlichen ein Vorläufer der „Hyperämie“ als Heilmittel (Bier). Die 
heilende Kraft der Blutfülle war die Idee, die Winternitz geleitet haben mußte, 
wenn er versuchte, die empirischen Erfolge der Hydrotherapie zu erklären, und 

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100 


A. Strasser 


ein allgemeiner Überblick der Methodik von Winternitz muß uns zeigen, daß 
eigentlich die ganze Hydrotherapie, den Möglichkeiten der Blutverteilung nach¬ 
gehend, den Weg der Heilung durch Fluxion sucht. Winternitz’ Temperament 
konnte kaum zugeben, daß es nicht gelingen sollte, die Blutmassen überallhin, 
wo sie notwendig sind, zu dirigieren. Wir beherrschen tatsächlich die Blut¬ 
verteilung innerhalb gewisser Grenzen recht gut, immer genug, um große 
Wirkungen zu erzielen, und die Steigerung der Durchblutung gewisser Organe 
kann für die gesamte organische Tätigkeit von großem Einflüsse sein, deren 
Grenzen wir kaum ahnen. 

Spätere, schon in den Anfang der 90er Jahre fallende Arbeiten Winternitz’ 
und seiner Schüler befassen sich mit der Erforschung der thermischen Reize auf 
den Gas- und Stoffwechsel und endlich auf die Veränderung des Blutes selbst. 
Die Resultate ließen Winternitz in seiner Idee noch mehr bestärken, daß er 
mit seinen Methoden tief in das Organgetriebe eingreifen und daß er die Leistungs¬ 
fähigkeit des Organismus gegen Krankheiten wesentlich erhöhen könne. Er sprach 
immer von den Wehr- und Schutzkräften des Organismus, die durch Hydrotherapie 
bis in einen beträchtlichen Grad gesteigert werden konnten, und als einer seiner 
Schüler in wenigen vorläufigen Versuchen fand, daß kalte Prozeduren die Alkali- 
nität des Blutes erhöhen, sprach er sogar in enthusiastischer Weise von einem 
„Heilserum des Hydropathen“. Sein Vertrauen in die Wirkung der Hydrotherapie 
war so unbegrenzt, daß ihm die Steigerung der Bildung von Abwehrstoffen durch 
seine Methode ganz plausibel schien, und es ist nicht von der Hand zu weisen, 
daß die Auffassung viel Bestechendes hat, zumal uns die Bedingungen, unter 
welchen die Bildung von Antistoffen geschieht, kaum bekannt sind, und die Mög¬ 
lichkeit, diese Organtätigkeit zu beeinflussen, keiner Form von Reizen a limine 
abgesprochen werden kann. Daß nicht immer spezifische Abwehrstoffe (adäquate, 
arteigene) notwendig sind, beweisen auch neuerdings die Wirkungen von Milch¬ 
injektionen bei Streptomykosen, ein Verfahren, das Winternitz noch in den 
letzten Tagen seines Lebens mit großem Interesse aufgegriffen hat. Etwa eine 
Woche vor seinem Tode erschien bei G. Thieme in Leipzig sein letztes Werk: 
„Wasserkur und natürliche Immunität“. Ein Schwanengesang, nur weil der Autor 
kurze Zeit nach der Publikation gestorben ist, sonst ein neuerliches Glaubens¬ 
bekenntnis und eine Streitschrift. Bewundernswert ist die geistige Elastizität, 
mit der der mehr als Achtzigjährige sich in die komplizierte Immunitätslehre 
vertiefen konnte, und imposant die Gesinnungstreue, mit der er seine Ansichten 
vertritt. Man wird über diese Schrift nicht ohne weiteres zur Tagesordnung 
übergehen können. Speziell in der Frage der Tuberkulosebekämpfung hat er 
noch die Genugtuung erlebt, daß die Auffassung allgemein angenommen wurde, 
der beste Schutz sei neben möglichster Vermeidung der Infektion (die Winternitz 
übrigens gering eingeschätzt hat) die Kräftigung des Individuums mittelst Me¬ 
thoden, unter denen die Hydrotherapie einen hohen Rang einnimmt. 

Es ist bekannt, daß Winternitz die hydrotherapeutische Technik 
sehr bereichert hat. Er ging von der Gräfenberger Technik und Methodik aus, 
modifizierte sie, ließ aber auch manches davon fallen. Er hat zum Beispiel die 
Methode der inneren Wasseranwendung, des methodischen Wassertrinkens als 
nicht zur physikalischen Therapie gehörig ausgeschieden, da er rechtzeitig er- 



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Wilhelm Winternitz +• 


101 


kannt hat, daß die Fragen der Wasserbilanz des Körpers in ein anderes Gebiet 
gehören. Als Diätetiker war Winternitz groß. Man konnte das sehen, wenn 
man neben ihm gearbeitet, ihn in der Praxis beobachtet hat. Es sei übrigens 
auch vermerkt, daß er die Karelische Kur schon 1869 übernommen hat (ein 
Jahr nach dem berühmten Vortrage Karells) und in seiner Anstalt in Kalten- 
leutgeben und an seiner poliklinischen Abteilung gerade diese vortreffliche Me¬ 
thode längst systematisch verwendet, bevor sie von Klinikern sozusagen von 
neuem entdeckt worden ist. Als Lehrer war Winternitz vortrefflich. Er be¬ 
herrschte die fließende Rede nicht, trotz der geistvollen Fassung seiner Rede, 
aber sein Beispiel mußte von großem Eindrücke sein, besonders das überaus 
große, ansteckend wirkende unerschütterliche Vertrauen in seine Methode. Seine 
Schüler sind über die ganze Welt zerstreut, und es ist die beste Legitimation für 
einen Hydrotherapeuten, bei Winternitz gelernt zu haben. Auch als die Uni¬ 
versität Berlin daran ging, ein Institut für Hydrotherapie zu errichten, kam der 
jetzige Leiter, Geh. Rat Brieger und der damalige Direktor der Charite, General¬ 
arzt Schaper zu Winternitz nach Wien, der ihnen aus seiner großen Er¬ 
fahrung Lehren gab und Unterstützung gewährte. Die schönen Erfolge des 
Berliner Instituts ehren nicht nur den Leiter, sondern implicite auch dessen 
Lehrer und Berater. Als Arzt hatte WiBternitz wohlverdienten Weltruf. In 
der Diagnose von fast unfehlbarer Sicherheit war er in der Therapie unerschöpfbar 
erfinderisch und seinem Temperamente entsprechend von einer grenzenlosen Selbst¬ 
aufopferung. Er empfand, wie jeder große Therapeut jedes Mißlingen der The¬ 
rapie als persönliche Niederlage. Die Patienten fühlten auch sein Vertrauen zu 
seiner Methode, und wenn von einem suggestiven Einflüsse der Hydrotherapie die 
Rede ist, so war eine solche bei Winternitz persönlich mehr vorhanden als bei 
jedem anderen, da sich aber diese Art der Suggestion bei jeder Therapie an die 
Person des Therapeuten bindet, so gehört Winternitz eben in die Reihe der großen 
Ärzte, die mit gleichen Mitteln mehr erreichte als andere. Winternitz hat ein 
hohes Alter erreicht und es ist ein tröstlicher Gedanke, daß er kein langes 
Krankenlager hatte, kein Siechtum erleiden mußten. Mit dem Bewußtsein einer 
noch nicht erloschenen Leistungsfähigkeit fiel er unerwartet, sein kräftig lebens¬ 
bejahender Sinn ist bis zu seinem letzten Atemzuge unerschüttert geblieben. 
Sein Name wird aus der Literatur niemals verschwinden, sowie sein Andenken 
bei seinen Schülern und Kranken liebevoll gepflegt werden wird. 


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102 


Bartels 


H. 

Über Arbeitsbehandlung, ihre Indikationen und ihre 
Anwendung im Heilverfahren der Landes¬ 
versicherungsanstalten. 

Von 

Sanitätsrat Dr. Bartels, 

Chefarzt der Heilstätte Gottleuba i. Sachsen. 

Es ist eine allgemeine Lebenserfahrung, daß eine geregelte, der Eigenart 
und Leistungsfähigkeit individuell angepaßte Arbeit körperlich und geistig gesund 
erhält und daß manche krankhafte Zustände teils durch Untätigkeit oder durch 
ein Übermaß an Arbeit bedingt, teils auf eine unzweckmäßige, ungeregelte und 
unbefriedigende Tätigkeit zurückzuführen sind. 

Von dieser Erfahrung ist ärztlicherseits immer Gebrauch gemacht, so lange 
es eine vorbeugende ärztliche Fürsorge für Gesunde und eine Behandlung Kranker 
gibt, und jedem Arzte werden aus eigener Praxis Patienten in der Erinnerung 
sein, die durch Änderung oder Regelung der Arbeit wieder gesund, berufsfreudig 
und leistungsfähig geworden sind. 

Ist somit die therapeutische Anwendung einer geregelten und passenden 
Arbeit von altersher bis heute in der Allgemeinpraxis von solchen Ärzten geübt, 
die ihren Kranken nicht nur Arzneien, sondern auch eine gesundheitsgemäße Lebens¬ 
haltung und Lebensführung verordneten, so sind die Versuche, die methodische, 
ärztlich vorgeschriebene und beaufsichtigte Arbeit als ein spezifisches 
Heil- und Behandlungsmittel in Krankenanstalten einzuführen, kaum einige 
Jahrzehnte alt. Erst mit der neuzeitlichen Gestaltung des Krankenhauswesens, 
mit der Gründung zahlreicher Sonderanstalten für die verschiedensten Krankheits¬ 
formen, mit der sich ständig steigernden und immer weitere Volkskreise umfassen¬ 
den sozialen Krankenfürsorge und nicht zuletzt mit der mehr und mehr erwachen¬ 
den Erkenntnis, daß nicht nur die klinische Besserung und Heilung der Krankheit, 
sondern auch die Wiederherstellung der Arbeits- und Erwerbsfähigkeit, die „wirt¬ 
schaftliche Heilung“ des kranken Menschen, Zweck und Ziel der Behandlung sein 
muß, war der Boden für eine sachgemäße und wirksame Arbeitsbehandlung in 
Krankenanstalten vorbereitet. 

Man hätte nun meinen sollen, daß auf Grund dieser Anschauungen und unter 
dem Einfluß der Arbeiterversicherungsgesetze gerade in den Heilanstalten der 
Versicherungsträger außer der medizinischen Behandlung im engeren Sinne 
eine ärztlich gehandhabte Arbeitsbehandlung, die für manche Fälle als 


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Über Arbeitsbehandlung, ihre Indikationen n. ihre Anwendung im Heilverfahren usw. 103 


das wichtigste Mittel zur Wiedererlangung der Arbeitsfähigkeit anzusehen ist. 
bald und in umfassender Weise zur Durchführung kommen würde. 

Diese Erwartungen haben sich nicht erfüllt. 

Obwohl Ärzte und Versicherungsträger von der Wirksamkeit einer plan¬ 
mäßigen Arbeitsbehandlung überzeugt waren und letztere die ärztlich verordnete 
Arbeit ausdrücklich als ein Heilmittel anerkannten, so ist man trotz aller An¬ 
regungen und Bemühungen über Anläufe und Versuche nicht hinausgekommen. 
Weder in Heilanstalten für Unfallverletzte und Unfallnervenkranke, noch in den 
Lungenheilstätten, Genesungsheimen und Sanatorien der Versicherungsanstalten 
hat sich die Arbeitsbehandlung als Heilmittel praktisch einführen oder mit 
Erfolg behaupten können. 

Es dürfte der Mühe wert sein, den Ursachen nachzugehen, weshalb die 
Arbeitsbehandlung gerade in den Arbeiterheilstätten keinen Eingang 
gefunden hat, und weiterhin nach Mitteln und Wegen zu suchen, damit 
eine für geeignete Fälle zweifellos wirksame und erfolgreiche Heil¬ 
methode der arbeitenden Bevölkerung zugute kommen kann. Bei diesen 
Untersuchungen wollen wir jedoch im wesentlichen unsere eigenen Erfahrungen 
sprechen lassen und uns nur auf die Genesungsheime, Sanatorien und Heil¬ 
anstalten der Versicherungsanstalten mit einem gemischten Kranken¬ 
material beschränken und die Lungenheilstätten für Versicherte und die Kranken¬ 
anstalten der Bernfsgenossenschaften außer acht lassen. 

Vor weiterem ist es gewiß nicht überflüssig, den Begriff der Arbeits¬ 
behandlung — Arbeitskur und Heilarbeit sind gleichsinnige Bezeichnungen — 
noch einmal zu präzisieren und scharf zu umgrenzen. Denn mancherlei wider¬ 
sprechende Auffassungen und Veröffentlichungen über diesen Gegenstand finden 
dadurch ihre Aufklärung, daß die Arbeitsbehandlung mit der Kranken¬ 
beschäftigung zum Zeitvertreib, zur Ablenkung, Unterhaltung und Belehrung 
verwechselt und dieser gleichgestellt wird. 

Wir verstehen in Übereinstimmung mit P. J. Moebius 1 ), M. Lähr 2 ), 
F. Eschle 3 ), E. Beyer 4 ) und anderen unter einer Arbeitsbehandlung eine Be¬ 
handlung, bei der die verordnete, in ihrer Art, Dauer und Wirkung dem 
Krankheitsfall angepaßte körperliche Arbeit wenn nicht das alleinige, 
so doch das wesentlichste Kurmittel ist, und wir sehen in der Arbeits¬ 
behandlung ein ganz spezifisches Heilverfahren, welches lediglich oder 
doch vorzugsweise mittels vorgeschriebener körperlicher Betätigung 
eine Besserung oder Heilung des Kranken zu erreichen sucht. 

Auch für die Arbeitsbehandlung gilt, wie für jede andere ärztliche Ver¬ 
ordnung, für jeden ärztlichen Eingriff und für Kuren aller Art, als selbstverständ¬ 
liche Forderung eine richtige und sorgfältige Indikationsstellung. 

Von vornherein würden von der Arbeitsbehandlung auszuschließen sein 
alle inneren und äußeren Krankheiten akuter und subakuter Natur, die meisten 
chronischen Organerkrankungen, alle körperlichen und nervösen Erschöpfungs¬ 
zustände und alle Leiden, bei denen eine spezifische Kur anderer Art, sei es 
eine diätetische, physikalische, klimatische, arzneiliche, chirurgische oder irgend¬ 
eine andere Behandlung, erforderlich ist. Kurz und allgemein gesagt: für die 
Arbeitsbehandlung sind alle diejenigen Kranken ungeeignet, die noch ruhe- 


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104 Bartels 

und schonungsbedürftig sind und einer ständigen ärztlichen Behandlung 
im engeren Sinne nicht entbehren können. Der Kranke, der sich einer Arbeits¬ 
kur unterziehen soll, muß also unter allen Umständen aus der regelmäßigen 
ärztlichen Behandlung entlassen und gesundheitlich soweit gefördert sein, daß er 
die verordnete körperliche Arbeit auch wirklich zu leisten imstande ist. 

Wenn man nach diesen allgemeinen Gesichtspunkten die für ein Heilver¬ 
fahren geeigneten Kranken der Landesversicherungsanstalten durch¬ 
mustert, so bleiben im wesentlichen nur drei Gruppen übrig, für die eine 
erfolgversprechende Arbeitsbehandlung in Frage kommen könnte. 

Zu der ersten Gruppe gehören die funktionell Nervenkranken, die 
organisch gesund und körperlich verhältnismäßig rüstig sind; zur zweiten rechne 
ich die Trunksüchtigen, die geistig und körperlich noch keinen ernsten Schaden 
genommen haben, und zur letzten endlich sind diejenigen zu zählen, die durch 
mechanische Verletzungen oder durch Krankheiten verstümmelt oder 
verkrüppelt sind oder im Gebrauch und in der Bewegung ihrer Glieder 
Einbuße erlitten haben. 

Für die zuletzt genannten Kranken würde der Arbeitsbehandlung in Form 
der Schulung, Übung und Gewöhnung die Aufgabe zufallen, die Erwerbsbeschränkung, 
welche den Verlust oder die verminderte Bewegungs- und Gebrauchsfähigkeit eines 
Gliedes veranlaßt hat, nach Möglichkeit auszugleichen. 

Ihre Anzahl ist, soweit dieselbe für ein Heilverfahren seitens der Ver¬ 
sicherungsanstalten in Betracht kommen, verhältnismäßig gering; denn bei den 
durch Krankheit Verkrüppelten fällt der Leidensbeginn meist in die Kinderjahre, 
als bei ihnen noch keine Versicherungspflicht bestand; sie finden in den Werk¬ 
stätten der Krüppelheime in individueller Weise durch handwerksmäßige und 
gewerbliche Ausbildung eine Arbeitsbehandlung, die außer der gesundheitlichen 
Besserung die gebrechlichen Kranken zu arbeits- und erwerbsfähigen Menschen 
und nützlichen Gliedern der Allgemeinheit machen will. Und bei den zahlreichen 
durch Unfälle verursachten Gliederverlusten und Bewegungsstörungen handelt es 
sich in der Regel um Betriebsunfälle, die der Heilfürsorge der Berufs¬ 
genossenschaften unterliegen. 

So bleiben denn aus der letzten Gruppe der für die Arbeitsbehandlung 
geeigneten Kranken, für die ein Heilverfahren seitens der Landesversicherungs¬ 
anstalten in Frage kommen würde, nur verhältnismäßig wenige Fälle von 
Lähmungen, Bewegungsstörungen und Versteifungen der Glieder übrig, wie sie nach 
rheumatischen Erkrankungen, nach Entzündungen und Verletzungen peripherer 
Nerven und als Folgen mechanischer Schädigungen verschiedenster Art auch nach 
Abschluß der klinischen Heilung weiter bestehen. 

Bisher sind diese wenigen für eine Arbeitsbehandlung geeigneten Fälle in 
der Heilfürsorge der Landesversicherungsanstalten als nebensächlich zurückgetreten, 
es ist aber anzunehmen, daß sich ihre Anzahl durch die Nachbehandlung Kriegs¬ 
verletzter in Zukunft wesentlich vermehrt und daß auf diese Weise die methodische 
Arbeitsbehandlung im Heilverfahren der Versicherten an Bedeutung gewinnt. 

Über die zweite Gruppe kranker Versicherter, bei denen die Arbeitsbe¬ 
handlung als wesentlichstes Heilmittel angezeigt ist, kann mit wenigen Worten 
hinweggegangen weiden. Gewiß ist für Trunksüchtige neben geeigneter Er- 


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Über Arbeitsbebandlung, ihre Indikationen u. ihre Anwendung iui Heilverfahren usw. 105 

nährung und außer der selbstverständlichen Alkoholabstinenz die Behandlung mit 
angepaßter und regelmäßiger Arbeit die Hauptsache, aber Alkoholkranke bedürfen 
außerdem dauernder Aufsicht und strenger Disziplin und gehören deshalb in 
Sonderanstalten, in die Trinkerheilstätten. 

Damit scheidet diese Indikationsgruppe für unsere Erörterungen ganz aus. 

Die zahlreichsten und für eine Arbeitsbehandlung am ehesten geeigneten 
Krankheitsfälle finden wir in der ersten Gruppe, unter den funktionell Nerven¬ 
kranken. Es sind das besonders die körperlich gesunden psychisch Nervösen, 
die unter dem Einfluß krankhafter Vorstellungen und Empfindungen oder infolge von 
Willensschwäche und Gemütsverstimmungen aus eigener Kraft zu keiner regelrechten 
Arbeit gelangen oder die sich durch andauernde Untätigkeit, wie sie oft durch 
monatelange Berufs- und Arbeitslosigkeit oder durch allzulange Schonung und 
Arbeitsenthaltung während der Krankenkassenbehandlung veranlaßt wird, an den 
Müßiggang gewöhnt und das Arbeiten verlernt haben. 

Aber es sind auch nicht alle psychisch Nervösen für eine wirksame Arbeits¬ 
behandlung ohne weiteres geeignet. So wird bei Minderwertigen und Schwach¬ 
sinnigen, bei Psychopathen und erblich Veranlagten auch die sorgfältigste 
Arbeitskur vielfach erfolglos bleiben und eine Erwerbsfähigkeit von Dauer nicht 
zu erreichen sein. 

Endlich ist auch für die vom rein ärztlichen Standpunkte für die Arbeits¬ 
behandlung passenden Nervösen noch eine weitere Einschränkung gegeben in 
•den Bestimmungen der R. V. 0. über das Heilverfahren, das von den 
Landesversicherungsanstalten nur gewährt werden kann, wenn die Wieder¬ 
herstellung der Erwerbsfähigkeit auf Jahre hinaus zu erwarten steht. 
Zusammenfassend würde demnach eine methodische Arbeitsbehandlung im Rahmen 
der Heilfürsorge der Landesversicherungsanstalten nur bei gewissen 
Bewegungsstörungen, die durch mechanische Verletzungen bedingt 
•oder als Krankheitsfolgen entstanden sind, und bei manchen funktio¬ 
nellen Nervenleiden, insbesondere bei den Psychoneurosen, angezeigt sein. 

Die günstigen Fälle müssen in erster Linie nach ärztlichen Gesichts¬ 
punkten ausgewählt werden. 

Aber das ärztliche Urteil allein bestimmt noch nicht den Erfolg der Be¬ 
handlung, die Wiederherstellung der Erwerbsfähigkeit. 

Es gibt unverbesserliche Faulenzer und Nichtstuer, die in den sorglosen 
Tagen des Anstaltsaufenthaltes und unter dem Anstaltszwang ihre verordnete 
Arbeit verrichten, aber nach der Entlassung in kurzer Zeit wieder in Müßiggang 
verfallen und „arbeitsunfähig“ werden. Es muß deshalb auch in jedem Einzelfall 
geprüft werden, ob nach den Charaktereigenschaften und der ganzen sittlichen 
Anlage des Kranken eine dauernde Arbeitswilligkeit und Erwerbsfähigkeit erwartet 
werden kann. Deshalb: je größer die Menschenkenntnis, das Wissen und die 
praktische Erfahrung des Arztes ist, um so bestimmter wird er die Indikationen 
für die Arbeitsbehandluug stellen können und um so erfreulicher werden sich die 
Heilwirkungen derselben gestalten. 

Nach diesen Erörterungen über die Arbeitsbehandlung im allgemeinen, über 
ihre Indikationen in bezug auf das Krankenmaterial der Landesversicherungs¬ 
anstalten und über ihre bisherige verhältnismäßig geringe Bedeutung in der Heil- 


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Bartels 


fürsorge derselben würden des weiteren die Vorbedingungen und Voraus¬ 
setzungen zu besprechen sein, unter denen die methodische Arbeitsbehandlung 
in den Genesungsheimen, Sanatorien und Heilstätten für Versicherte mit Aussicht 
auf Erfolg zur Anwendung und Durchführung kommen könnte. 

Wie jede Heilmethode besonderer Hilfsmittel und Einrichtungen be¬ 
darf, so müssen auch für die Arbeitsbehandlung die verschiedensten Arbeitsarten. 
Arbeitsgelegenheiten und Arbeitseinrichtungen als Kurmittel vorhanden sein, und 
zwar in einem solchen Umfange und in einer solchen Vielgestaltigkeit, daß sie 
der Krankheitsform, dem Kräftezustand, der Leistungsfähigkeit, der Vor- und Aus¬ 
bildung, der Intelligenz und dem Interesse des einzelnen Kranken angepaßt werden 
können. Kaum ein anderes Heilverfahren bietet so viele technische Schwierigkeiten, 
verlangt einen so umfassenden komplizierten Apparat und so mannigfaltige Ein¬ 
richtungen als die Arbeitsbehandlung, die unter Umständen auch schon für wenige 
Behandlungsfälle die verschiedensten Arbeiten zur Verfügung haben muß, wenn 
sie, wie die ärztliche Forderung lautet, jedem Kranken die richtige Arbeit zur 
richtigen Zeit zuteilen soll. 

Zum mindesten möchten allerlei Arbeitsmöglichkeiten in der Gärtnerei und 
Landwirtschaft mit ihren Nebenbetrieben gegeben sein, nicht allein weil diese 
Arbeiten wenigstens in ländlichen Gegenden am ehesten zur Verfügung stehen, 
sondern weil sie auch durch ihre Mannigfaltigkeit und Abwechslung jeder Leistungs¬ 
fähigkeit und Eigenart anzupassen sind und weil sie zu jeder Jahreszeit sowohl im 
Freien als auch in geschlossenen Räumen in reichlicher Auswahl zur Beschäftigung 
Kranker Gelegenheit bieten. 

Trotzdem wird ein landwirtschaftlicher und gärtnerischer Betrieb nicht allen 
Ansprüchen an eine sachgemäße Arbeitsbehandlung genügen können, besonders 
für Kranke aus gewerblichen Kreisen und aus den Industriebezirken wird 
sich die Einrichtung verschiedener Werkstätten für handwerksmäßige und 
gewerbliche Beschäftigung und eine zweckmäßige Betriebsorganisation derselben 
erforderlich machen. 

Doch mit dem Vorhandensein der verschiedenen Arbeitszweige und mit 
der Beschaffung der nötigen Arbeitseinrichtungen allein ist es nicht getan. Erst 
durch die richtige Anwendung und die sachgemäße Handhabung der Land- 
und Werkarbeiten seitens eines erfahrenen Arztes und unter Beihilfe eines 
besonders ausgewählten Lehr- und Aufsichtspersonals können dieselben 
zu wirksamen Behandlungsmitteln, zu wirklichen Heilarbeiten werden. 

Das Personal müßte wenigstens teilweise eine handwerksmäßige Ausbildung 
als Gärtner, Landwirt, Tischler, Drechsler, Korbmacher und dergleichen durch¬ 
gemacht haben; es müßte aber außerdem intelligent und menschlich sympathisch 
sein und sollte, ausgerüstet mit dem nötigen Verständnis für die Behandlungs¬ 
ziele und begabt mit einem warmen Herzen für den arbeitenden Kranken, die 
Fähigkeit besitzen, diesen in ruhiger und taktvoller Weise durch Anleitung, 
Vorbild und Beeinflussung in die Arbeit einzuführen und bei der Arbeit zu 
erhalten. 

Und von dem ärztlichen Leiter der Arbeitsbehandlung muß man außer 
der selbstverständlichen wissenschaftlichen Qualifikation verlangen, daß er mit 
dem Seelenleben seiner Kranken vertraut ist, die Gedankenwelt der arbeitenden 


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Über Arbeitsbehandlung, ihre Indikationen u. ihre Anwendung im Heilverfahren usw. 107 


Bevölkerung versteht und durch seine persönlichen und menschlichen Eigenschaften 
einen starken und nachhaltigen psychischen Einfluß auszuüben vermag. 

Der Arzt soll aber außerdem noch über ausreichende technische Kenntnisse 
und praktische Erfahrungen verfügen, um die Art und Wirkung der Arbeit beur¬ 
teilen und diese selbst richtig anwenden und dosieren zu können; ja, er muß jeder¬ 
zeit selbst imstande sein, Anleitungen und Anweisungen zu geben und sich nicht 
scheuen, gelegentlich selbst das Arbeitszeug in die Hand zu nehmen und mit seinen 
Krankeil Seite an Seite zu arbeiten. 

Eine weitere Voraussetzung für die erfolgreiche Durchführung der Arbeits- 
behandlung ist die ausreichende Dauer derselben. Eine durch äußere Verhält¬ 
nisse, durch Vorschriften und Bestimmungen eingeschränkte Kurzeit ist eine häufige 
Ursache der Mißerfolge. So sind beispielsweise die verhältnismäßig hohen Kosten 
einer monatelangen Kur der hauptsächlichste Grund, weshalb die Arbeitsbehandlung 
in Privatsanatorien, auch wenn für dieselbe alle sonstigen Vorbedingungen er¬ 
füllt sind, nicht Fuß fassen konnte. Auch für Versicherte würden die üblichen 
5 bis 6 Wochen-Kuren zeitlich nicht genügen, und die Landesversicherungs¬ 
anstalten müßten für die Arbeitsbehandlung die Bestimmung der Kurdauer voll 
und ganz dem Ermessen des Arztes überlassen. 

Dabei ist es selbstverständlich, daß für die Dauer der Kur lediglich der 
Erfolg derselben maßgebend sein darf. Deshalb soll die Behandlung bei günstiger 
Vorhersage und bei günstigem Verlauf stets solange währen, bis eine möglichst 
vollkommene Wiederherstellung, d. h. ein so hoher Grad von Arbeitsfähigkeit er¬ 
reicht ist, daß dieselbe auch im freien Wettbewerb der Kräfte nicht nur vorüber¬ 
gehend, sondern voraussichtlich auf Jahre hinaus erhalten bleibt. 

Andererseits aber ist die Arbeitsbehandlung, die ja ein Heilverfahren 
ist und keine Versorgungseinrichtung, im Interesse der Versicherungsanstalt 
sofort abzubrechen, sobald der Krankheitsfall keine dauernde Erwerbsfähigkeit 
erwarten läßt, oder wenn sich herausstellt, daß die Persönlichkeit des Kranken, 
die Unzuverlässigkeit seines Charakters, unverbesserliche Trägheit und Arbeitsscheu 
die Mitkranken ungünstig beeinflußt oder einen Dauererfolg nach der Entlassung 
aas der Heilstätte in Frage stellt. (Schluß folgt.) 


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Franz Schacht 


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1IL 

Hygienische Unterkleidung. 

Von 

Dr. Franz Schacht 

in Heidelberg. 

Seitdem sich Ärzte mit der Herausgabe oder der Deckung von Unterkleidern 
mit ihrem Namen befaßt haben, kann man von Unterkleidersystemen sprechen. 
Damit ist die Bedeutung, welche die Kleidung für die menschliche Hygiene hat, 
erst nach ihrer wissenschaftlichen Seite hin offiziell ärztlich anerkannt worden. 
Die Größe dieser Bedeutung tritt dadurch deutlich in die Erscheinung, daß, 
nachdem Prof. Dr. med. Gustav Jäger vor bald vierzig Jahren den ersten 
Schritt auf dieses Gebiet durch Begründung seines Wollsystems getan hatte, im 
ganzen 14 hygienische Unterkleidersysteme entstanden sind. Ihre Aufnahme ist 
aber weder bei den anderen Ärzten noch im Publikum eine entsprechend umfang¬ 
reiche gewesen, was sich durch die Macht der Mode, gegen welche der Kampf 
der allerschwerste ist, weil er in letzter Linie gegen die Dummheit geht, hin¬ 
reichend erklären läßt. Viele Ärzte, welche sich scheuten, von dem Griechich 
ihrer Wissenschaft in die praktische Volkshygiene hinabzusteigen, wiesen die 
ersten hygienischen Bekleidungssysteme sogar damit ab, daß sie ihre bekleidungs¬ 
hygienischen Kollegen mit dem Prädikat „Schwindler“ beehrten. Diese Ver¬ 
leumder verdienen mit der Tatsache zurückgewiesen zu - werden, daß Vornehm- 
und Geheimtuerei keinen Ersatz bieten können für die Unfähigkeit oder richtiger 
gesagt, Unmöglichkeit der ärztlichen Heilung der meisten Krankheiten, daß der 
gewöhnliche Arzt seine Nützlichkeit für die Menschheit vielmehr zumeist auf dem 
Gebiet praktischer Hygiene zu beweisen hat. 

Die meiste zustimmende wie abweisende Beachtung fand als Neuheit das 
Jägersche System, auch zum geringsten nicht durch seine tiefe, wissenschaftliche 
Basierung, seinen umfassenden wissenschaftlichen und praktischen Ausbau, seine 
Entschiedenheit in der Vertretung durch den Autor wie seine Anhänger und die 
Konsequenz in der Durchführung von seiten dieses langjährigen Hochschul¬ 
professors, der durch seine Leistungen sich schon einen weitgedrungenen wissen¬ 
schaftlichen Huf erworben hatte. Die Bekanntschaft des ersten hygienischen 
Bekleidungssystems wurde dadurch mit zu einer im großen Publikum völlig uni¬ 
versellen und internationalen, daß der Autor des zweiten Systems, Dr. med. Hein¬ 
rich Lahmann, sein System wesentlich damit zu begründen suchte, daß er sich 
nicht nur gegen die Jägersche Unterkleidung richtete, sondern auch seinem 
Stempel ein dem Jäger sehen ähnliches Aussehen gab, was Jäger ihm gewiß 


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109 


Hygienische Unterkleidung. 

sehr übel nehmen mußte. Zu einer solchen Beurteilung und solchem Verhalten, 
wie geschehen, fehlte es dem jungen Lahmann, der doch im Grunde ganz auf 
den Schultern Jägers stand, gegenüber dem gereiften und höherstehenden Kollegen 
nicht nur an Erfahrung und Studium, sondern auch durchaus an Kompetenz. Be¬ 
kannt wurden beide Systeme durch diesen Streit gleichmäßig sehr, der Sache 
selbst aber natürlich zum Schaden. Hätte Lahmann sich offen auf die großen 
Vorarbeiten Jägers berufen und die Anpreisung seines Systems auf diejenigen 
Fälle beschränkt, für die es ausreicht (warme Jahreszeit im milden Klima, Berufe 
in wannen Räumen, individuelle Konstitutionen, jugendliches Alter), so hätte die 
entstandene Fehde weniger abstoßend und die Sache weniger benachteiligend 
gewirkt, und Lahmann wäre der Gesellschaft derjenigen Wäschefabrikanten, 
welche Jäger aus Geschäftsinteresse in höchst albernen Phrasen bekämpften, fern 
geblieben. Wie Lahmann die Sache aber handhabte, mußten Laien und auch 
die meisten Ärzte der Sache durch ihr Lachen schaden. Sie machten nun beiden 
Bekleidungshygienikern zum Vorwurf, daß sie sich nur aus Geschäftsinteresse 
getrieben fühlten. Alle nicht völlig Eingeweihten — und völlig orientiert waren 
nur sehr wenige — glaubten nun, daß Jäger in den Konsequenzen aus seinem 
Studium allgemein zu weit gegangen sei und daß Lahmann lediglich geschäft¬ 
liche Interessen verfolge. Beides war nicht richtig, wie das aus der ersten Ent¬ 
wicklung des Lahmann sehen Sanatoriums und aus der anhaltenden Ausbreitung, 
welche beide Leibwäschesysteme gewonnen haben, mit Sicherheit bewiesen ist. 

An dem großen Aufsehen, welches diese beiden ersten Unterkleidersysteme 
hervorriefen, hatte sich das Interesse des Publikums wie der Ärzte aber erschöpft, 
so daß alle folgenden Systeme in beiden Kreisen nur wenig mehr bekannt ge¬ 
worden sind. Sie haben bei den Nichtbekleidungs-Spezialisten der Ärzte haupt¬ 
sächlich nur so weit gewirkt, daß unter ihnen die Meinung entstand, die Frage, 
ob Wolle oder nicht, sei als noch unentschieden zu betrachten. Diese Meinung 
findet sich in Streitfragen auf allen anderen Wissensgebieten bei denjenigen ver¬ 
treten, die nicht völlig in der Sache drin stehen, daher ein spezielles Urteil 
nicht haben können, sich eines allgemeinen Urteils aber glauben nicht enthalten 
zu können. Aber nur bei näherem Eindringen in eine Sache kann ein Urteil 
gewonnen werden, das Wert hat. Man wird dann aber fast immer finden, daß 
es ein absolutes Entweder-Oder fast niemals gibt. Die Natur arbeitet nicht in 
Sprüngen und schroffen Absätzen oder gar Gegensätzen, sondern gewinnt ihre 
Entwicklung nur in zahlreichen Übergängen und Zwischenstufen. Ich will hierbei 
nur erinnern an einen der schärfsten Gegensätze, wie er in der äußerst empfind¬ 
lichen sauren und alkalischen chemischen Reaktion gegeben ist. Und dennoch 
besteht auch hier der Übergang in der gleichzeitig sauren und alkalischen, der 
amphoteren Reaktion der Kuhmilch. 

Die Unterkleidungsfrage ist erheblich spruchreifer, als sie allgemein ge¬ 
halten wird. Eine Entscheidung läßt sich aber nur durch eigenes Ausprobieren 
nicht nur über Jahre, sondern durch Lebensepochen gewinnen. Um so an die 
Sache objektiv herantreten zu können, muß ich die entstandenen Unterkleider¬ 
systeme aufzählen und kurz charakterisieren. 

1. Prof. Dr. med. Gustav Jäger: Wolltrikot. 

2. Dr. med. Heinrich Lahmann: Baumwolltrikot. 



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Franz Schacht 

3. San.-Rat Dr. med. Bilfinger: Trikot zu gleichen Teilen aus Woll- und 
Baumwollfäden durcheinander gewirkt. 

4. Kreis- u. Stabsarzt a.D. Dr.med. Disque: Innen Leinen, außenWolle; Trikot. 

5. San.-Rat Dr. med. Jacobi: Innen Baumwolle, außen Wolle; Trikot. 

6. Dr. med. Böhm: Seidentrikot. 

7. Dr. med. Thomalla: Stoff und Gewebe wie bei Jacobi. 

8. Geh. San.-Rat Dr. med. Kober: Großmaschiger Baumwolltrikot. 

9. Dr. med. Raab: Rechtwinkliges Baumwollgewebe mit nach innen vor¬ 
ragenden Rippenquadraten. 

10. Dr. med. Walser: Chinagrastrikot; außerdem Baumwolltrikot mit Längs¬ 
rippen aus Seide, Wolle, Baumwolle oder Chinagras. 

11. Di. med. Rasurei: Trikot, dessen Wollfaden wenige Prozente Torffaser 
beigemischt sind. 

12. Geh. Med.-Rat Prof. Dr. med. Schweninger: Stoff und Gewebe wie bei 
Lahmann. 

13. Dr. med. Diehl: Rechtwinkliges, großmaschiges Baumwollgewebe, bei der 
Winterqnalität mit innerer Plüschrauhung. 

14. Dr. med. Georg Viktor von Langsdorff: Trikot aus einem Leinen- 
und einem Wollfaden durcheinander gewebt. 

Von diesen 14 Systemen scheiden die 6 Systeme Lahmann, Jacobi, Böhm. 
Raab, Walser, Schweninger als nicht mehr existierend aus, entweder wegen Ab¬ 
lebens des Vertreters (Lahmann), Eingehens der Fabrik (Jacobi, Schweninger) 
oder infolge Fallenlassens (Böhm, Raab, Walser). Existent sind also nur noch 
die folgenden 8 Systeme: 

1. Jäger. Fabrik: W. Benger Söhne in Stuttgart. Infolge des Krieges ist 
Jäger-Wäsche nur noch, soweit sie in den Verkaufsgeschäften lagert, zu haben. 

2. Bilfinger. Fabrik: Mattes & Lutz in Besigheim, Württemberg. 

3. Disque. Fabrik: Fischer, Maas & Kappauf in Oberlungwitz b. Chemnitz. 

4. Thomalla. Fabrik: C. Mühlinghaus, Pet. Joh. Sohn in Lennep. 

5. Kober. Fabrik: Richard Teichmann in Weißensee-Berlin, Langhaus¬ 
straße 27 a. 

6. Rasurei. Fabrik in Lyon. Der Bezug ist während des Krieges möglich 
durch die Verkaufsstelle von Imhoff in Basel, Freie Straße 2. 

7. Diehl. Fabrik: Berlin, 200, Michaelkirchstraße 20. 

8. Georg Viktor von Langsdorff. Bezugsfirma: Werner & Müller in Stutt¬ 
gart, Dorotheen platz 2. 

Wenn auch nicht völlig lösen, läßt sich einer Lösung der Materialfrage 
doch sehr nahe kommen, wenn man die Anzahl derjenigen Systeme, welche 
Wolle führen, vergleicht mit den wollfreien Systemen. Von den 14 bestandenen 
Systemen hatten 7, also die Hälfte, Wolle. Die Wolle •überwiegt also von vorn¬ 
herein gegenüber jedem einzelnen anderen Material. Nur die Baumwolle findet 
sich in 8 Systemen, was auf die Erfolge Lahmanns durch seinen Sanatoriums¬ 
betrieb zurückzuführen ist. Vergleicht man aber das Material unter den bestehen¬ 
gebliebenen Systemen, dann zeigt sich, daß die Wolle nur eins verloren hat, die 
Baumwolle aber 4, also die Hälfte ihrer früheren Repräsentanten. In den sämt¬ 
lichen Systemen ist das Verhältnis der Wolle zur Baumwolle wie 7:8, d. i. 1 :1,14, 


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Hygienische Unterkleidung. 


111 


in den bestehengebliebenen dagegen wie 6:4, d. i. 1:0,66, d. h. also in sämtlichen 
Systemen überwiegt die Baumwolle noch etwas die Wolle, in den erhaltengeblie¬ 
benen Systemen findet sich dagegen die Wolle l'/ 2 mal so oft wie die Baum¬ 
wolle. Nur die Systeme Kober und Diehl haben keine Wolle, die 6 anderen 
Systeme glauben aber die Wolle nicht entbehren zu können. Die reine Wolle 
steht in den gesamten Systemen wie 1:13, in den noch bestehenden ist sie auf 
1 : 7 hinaufgerückt. Hierzu kommt aber noch der Umstand, daß das System Diehl, 
wenn es nicht wesentlich verbessert wird, als Unterkleidung kaum in Betracht 
kommen kann, wie ich an anderer Stelle nachgewiesen habe 1 ). Es ist nicht 
ausgeschlossen, daß von den bestehenden Systemen noch ein wollenes ver¬ 
schwinden oder ein nichtwollenes neu erstehen wird. Etwas Wesentliches wird 
sich in dem Verhältnis der Wolle zu den anderen Materialien aber nicht ändern, 
wenn man berücksichtigt, daß das reine Wollsystem wahrscheinlich ein größeres 
Verbreitungsgebiet hat als alle übrigen Systeme zusammengenommen. 

Das Jägersche System hat von Anfang an das vor allen anderen voraus 
gehabt, daß es aus der vorher bestandenen Volksmeinung herausgewachsen ist, 
die in rauhen Klimaten Wolle für gesunder hielt durch Hintenanhaltung von 
Erkältungen, eine Meinung, zufolge deren auch Ärzte ihren Kranken wollene 
Unterkleidung empfahlen. 

Die Stoffrage war also eigentlich schon gelöst, noch bevor Jäger das erste 
System aufstellte. Weil Jäger aber neben dem Stoff die größte Bedeutung der 
Webart beilegte, brachten oberflächlich Urteilende eine Verwirrung in die Sache 
hinein, indem sie geltend machten, der Stoff sei Nebensache, die Webart allein 
entscheide, womit es dahin kam, daß aus anderen Materialien zunächst der Wolle 
mehr Konkurrenz erwuchs, als es objektiv hätte geschehen dürfen. Es ist hieraus 
aber klar ersichtlich, wie sehr es auf die Webart neben dem Stoff allerdings an¬ 
kommt. Der Irrtum, daß die Webart alles ausmache, kann aus einer einseitigen 
Erfahrung gewonnen werden entweder bei Menschen von großer individueller 
Unempfindlichkeit oder bei einer zufällig bestandenen Temperatur, die einen 
Unterschied nicht erkennen läßt. Wo diese Temperatur liegt und um wieviel 
sie sinken muß, um den Unterschied zwischen Wolle und Nichtw r olle klar zum 
Gefühlsbewußtsein kommen zu lassen, das kann nach Individualität, Beschäf¬ 
tigungsart, Luftbewegung und Lebensalter recht verschieden sein, genau so, wie 
die Minimaltemperatur verschieden niedrig liegt, bei der man es im ungeheizten 
Zimmer noch aushalten kann. Sogar die Tageszeit kann von Einfluß sein. 
Empfindliche Leute können morgens wärmebedürftiger sein als abends. Ein Arzt, 
der sich mit der Feststellung eines neuen Unterkleidersystems befaßte, sagte mir, 
daß Wolle oder Nichtwolle einen Gefühlsunterschied nicht aufkommen lasse, wenn 
man über der nichtwollenen Unterjacke nur ein wollenes Hemd trage. Ich konnte 
ihm das damals durch jahrelange Erfahrung selbst im rauhen Klima nur be¬ 
stätigen. Mit zunehmendem Alter ist aber die Grenze, bei welcher durch eine 
nichtwollene Unterjacke Frostgefühl hätte eintreten müssen, welche Grenze ich 
wegen ihrer Tiefenlage aber bis dahin gar nicht kennen gelernt hatte, bis zu nor 
maler Zimmertemperatur hinaufgerückt. Steigt die Temperatur aber höher, dann ist 


*) Der Arzt als Erzieher. 1914. Nr. 11 u. 12. S. 13C. 


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1 “ Franz Schacht 


weder im Winter bei einer nichtwollenen Unterjacke noch im Sommer bei einem 
nichtwollenen Hemd (ohne Unterjacke) im Gefühl ein Unterschied zu konstatieren, 
höchstens derart, daß die Wolle auf der Haut unangenehm warm wird. Die Be¬ 
hauptung der Stoffgleichgültigkeit gilt also nur für bestimmte Temperaturen, 
Individualitäten, Klimate und Lebensalter. Die Verallgemeinerung ist ein aus 
mangelnder Erfahrung entstandener Irrtum. Es kommt noch etwas anderes hinzu. 

Ich will es den Schluß oder Anschluß der Kleidung nennen. Ich verstehe 
darunter, ob die Kleidung eng oder weit ist. Ist z. B. das Beinkleid weiter, als 
es mir zusagt, so verschwindet der Unterschied zwischen beispielsweise dem 
Jägerschen reinwollenen und dem gemischtwollenen System v. Langsdorffs. 
Die Haut empfindet den Unterschied nur dann, wenn auf ihrer Oberfläche ein 
ausgebreiteter Kontakt mit der Unterkleidung stattfindet. Durch diese Erfahrung 
findet die Jägersche Vorschrift eine Stütze, daß die Kleidung eng sein soll zur 
Vermeidung eines aufsteigenden Luftstroms zwischen Haut und Kleidung. Der 
für den einzelnen Fall erforderliche Grad der Enge kann nach Nebenumständen 
aber wieder verschieden sein. Im jüngeren Lebensalter konnte mir die Kleidung 
nicht zu eng werden, besonders am Hals entstand bei nicht dichtem Schluß der 
Kragen leicht Kältegefühl. Mit zunehmendem Alter habe ich aber zu etwas 
größerer Weite der Kleidung schreiten müssen, besonders auch am Hals, um der 
schwächer werdenden Herz- und Arterientätigkeit kein Hindernis in den Weg zu 
legen. Am leichtesten tritt jetzt das Kältegefühl an den Beinen ein, wenn die 
Hosen zu weit sind. Eine sehr empfindliche Körpergegend ist in dieser Hinsicht 
bei den meisten Menschen der Rücken, worauf ich noch zurückkommen muß. Ich 
trug in jüngeren Jahren keine Hosenträger, habe sie mir später aber zulegen 
müssen, um auf dem Rücken einen hinreichenden Kontakt zwischen Haut und 
Unterkleidung herbeizuführen. Früher war das nicht nötig gewesen. 

Es ist nun über einzelne noch bestehende Systeme noch einiges zu sagen. 
Jäger ist der wissenschaftliche Begründer der Doppelbrust, infolgedessen diese 
bei Diehl (außer Jacobi und Walser) und auf Wunsch bei Bilfinger, Tho- 
malla und Rasurei (außer Lahmann), also bei 7 Systemen, Nachahmung ge¬ 
funden hat. Die Jägersche Begründung der Doppelbrust ist aber angefochten 
worden, und weil sie hauptsächlich infolge des Modeausschnitts der Oberkleidung 
entstanden ist, ließ Jäger die Doppelbrust auf Wunsch zuerst bei der Frauen- 
und Kinderkleidung, bei denen der Modeausschnitt ja seltener ist, dann aber 
auch bei der Männerkleidung fallen, mit um so mehr Grund, als er die nicht¬ 
ausgeschnittene Oberkleidung für die richtigere hält. Wo die Doppelbrust bei 
blutarmen Leuten den Rücken noch blutarmer macht und daher dort das Gefühl 
der Kälte entstehen läßt, ruft sie auch das Gefühl der Unbequemlichkeit hervor. 
Man fühlt sich freier und behaglicher, wenn man die Kleidung der Doppelbrust 
mit Kleidung einfacher Brust wechselt. 

Die Eigenschaft der Wolle, als schlechter Leiter elektrische Ladungen 
anzunehmen, ohne besondere Isolierung, habe ich an der Jägerschen Unterhose, 
Qual. A, beobachten können. Wenn ich beide Beinkleider abends gemeinsam 
auszog und dann die Unterhose aus der Oberhose herauszog, gab die erstere bei 
der Berührung mit der Hand knisternde Funken und leuchtende Feuererscheinungen. 
Bei den dünneren Qualitäten, die ich früher trug, habe ich eine solche elektrische 


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Hygienische Unterkleidung. 


113 


Ladung nicht wahrgenommen. Sie ist auch bei A nicht mehr eingetreten, nach¬ 
dem die Unterhose mehrfach gewaschen worden war. Nach dem v. Langsdorff- 
schen Prospekt muß man schließen, daß es sich um positive Elektrizität handelt. 
Ob das für die Gesundheit eine Bedeutung hat, ist eine Frage, die mir nicht 
genügend geklärt zu sein scheint. Ebensowenig vermag ich zu erklären, wie die 
Elektrizität hier entstanden zu denken ist. Wenn ich die gleichen Erscheinungen 
beim Kämmen des Kopfhaars und beim Putzen der Rinder mit einem eisernen 
Striegel wahrgenommen habe, so war die Reibung die bekannte Ursache, die 
sich bei der Unterhose aber auf die geringe Reibung beim Gehen und Ausziehen 
beschränkt. 

Durch den zwischen Jäger und Lahmann entstandenen Streit lag es nahe, 
daß das System Bilfinger geboren werden mußte. Er will durch gleichzeitige 
Verwendung beider Stoffe, der Wolle und der Baumwolle, sich die Vorteile beider 
aneignen, während jeder Stoff die Nachteile des anderen aufheben soll. Weil er 
beide vorhergegangenen Systeme, Jäger und Lahmann, durch das seinige zu 
fassen glaubte, gab Bilfinger ihm die Bezeichnung Universalkleidung und stellte 
seinem Prospekt das Motto „in medio veritas“ an die Spitze. 

Die Rechnung Bilfingers ist soweit nicht unrichtig, daß dort, wo neben 
dem Wollfaden ein Baumwollfaden die Haut berührt, der Friktionsreiz der Wolle 
unterbleibt, womit auf der gesamten Hautfläche der Wollreiz also für die warme 
Jahreszeit erwünscht gemildert, bzw. auf die Hälfte des Reizes eines Jägerschen 
Kleidungsstückes reduziert wird und daß bei Feuchtwerden des Unterkleides oder 
in der kalten Jahreszeit der Wollfaden auf den von ihm berührten Hautstellen 
wünschenswert weiter reizt. Aber auch in diesem Fall ist der Reiz der Wolle, wo 
er in voller Stärke erwünscht wäre, gemildert, und damit schießt die Universal¬ 
unterkleidung in ihrem Namen über das Ziel ihrer Leistungsfähigkeit hinaus. Sie 
versagt in den Fällen, wo die größte Kühle und die größte Wärme erwünscht ist, 
mit ihren in dem Namen gegebenen Versprechungen. Es kommt aber hinzu, daß 
bei der dicksten Bilfingerschen Qualität, derjenigen, bei welcher der Wollreiz 
am meisten erwünscht erscheinen müßte, derselbe durch die zu dichte und feste 
Webart aufgehoben oder doch so sehr zurückgedrängt wird, daß er bei mir praktisch 
nicht mehr konstatiert werden kann. Man fühlt bei geeigneter Temperatur nur 
die Kühle der Baumwolle. Daß das wirklich so ist, zeigt sich an dem wesentlich 
dünneren dicksten v. Langsdorffschen Hemd, das die lockere Webart der Jäger¬ 
schen hat. Es ist kühler als Jäger, aber deutlich wärmer trotz des stärkeren 
Wärmeleitungsvermögens seines Leinenfadens als das dickste Thomallas, bei dem 
die Haut nur von Baumwolle berührt wird, das aber dicker und zugleich dichter 
und fester als das v. Langsdorffsche ist. Mit diesem Thomallaschen stimmt 
das dickste Bilfingersche in seiner warmhaltenden Eigenschaft überein, ob¬ 
wohl das letztere, weil es die Hälfte der Hautfläche mit dem Wollfaden be¬ 
rührt, hiernach wärmer sein müßte. Wenn es in einem Gewebe an Luft fehlt, 
verliert die Wolle an wärmender Eigenschaft, was noch deutlicher fühlbar ist, 
wenn man ein festgewebtes Wollflanellhemd mit dem lockeren Trikotwollhemd 
vergleicht, durch welche Erscheinungen diejenigen sich haben in ihrer Meinung 
bestätigt geglaubt, welche den Stoff für gleichgültig und nur die Webart für 
entscheidend halten. 

Zeits» hr. f. physik. n. diät. Thcrnpic TLI. XXI. lieft 4. 


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114 Franz Schacht, Hygienische Unterkleidung. 

Für die Übergangsjahreszeiten ist das v. Langsdorffsche Gewebe nicht 
übel. Das za dichte und feste Gewebe ist der Fehler, der also auch den Wert 
der dicken Thomallaschen Qualitäten so sehr herabsetzt. Wenn die Wahl eines 
lockereren Gewebes auf Kosten der Haltbarkeit geschieht, so läßt sich das nicht 
ändern. Es ist ja wertlos, wenn durch zu dichtes und festes Gewebe der Zweck 
der dicken Qualitäten fast ganz vereitelt wird. 

Disque hat mit seiner Rückenverdoppelung für die meisten Menschen, 
die auf hygienische Unterkleidung Wert legen, jedenfalls einen glücklicheren Griff 
getan, als er in der Doppelbrust gegeben ist. Wenn trotzdem der Doppelrücken 
nur von Jacobi nachgeahmt worden ist, so liegt das zweifellos daran, daß das 
Disquösche System zu wenig bekannt geworden ist. Der Disquösche Gedanke 
ist jedenfalls richtig, weil empfindliche Leute immer im Rücken am leichtesten 
frösteln, niemals auf der Brust. Daß der Disqu6sehe Doppelrücken eine weiter¬ 
gehende Beachtung verdient, ergibt sich aus der Meinung eines Arztes, der den 
Disquöschen Doppelrücken höchstwahrscheinlich nicht kannte, das Jägersche 
System schroff verwarf, aber in das Lahm annsehe Hemd einen Rückenstreifen 
aus Wolle hineinwünschte, ein Gedanke mit einer Absicht, welche der Disque- 
schen entspricht. Disqnö hätte nur seinem Doppelrücken eine etwas andere 
Form geben sollen. Die Form ist genau der Jägerschen Doppelbrust ent¬ 
nommen. Der Doppelrücken bedeckt daher die Schulterpartie in ihrer ganzen 
Breite, hört aber oberhalb des Kreuzes auf, also gerade dort, wo die Gegend 
anfängt, in welcher das frostige Gefühl hauptsächlich seinen Sitz hat. Die 
Rückenverdoppelung ist oben breit und verläuft verjüngt nach unten. Die um¬ 
gekehrte Gestalt würde zweckentsprechender sein. 

Außerdem ist es nicht richtig, eine Verdoppelung von demselben 
zweischichtigen Material zu nehmen, wie es auch Jacobi getan hatte. Es 
ist nicht einzusehen, wozu eine Nichtwollschicht zwischen zwei Wollschichten 
dienen soll. Das Gleiche gilt auch von den Brustverdoppelungen bei Thomalla 
und aus gemischtem Material, wie wir sie bei Bilfinger und Rasurei finden. 
Alle Verdoppelungen bei Systemen, die Wolle enthalten, dürfen nur 
aus reiner Wolle sein. 

Weil die Rückenverdopplung etwas aufträgt, ist es zu empfehlen, die Disque- 
schen Unterzeuge auch ohne eine solche zu liefern. 

Bei der dicksten Qualität Rasureis ist zu bemängeln, daß die Öffnung auf 
der Brust nicht mit dünnerem Besatzstoff gefaßt ist, sondern daß der dicke Stoft 
einfach umgebogen und so der Saum hergestellt wurde, in dem auch die Knopf¬ 
löcher angebracht sind. Dazu ist dieser Stoff viel zu dick, und auch jedes dünnere 
Trikotgewebe nicht geeignet, hat hierzu auch bei keinem anderen System Ver¬ 
wendung gefunden. 

Ich habe nun noch auf eine Unterkleidung hinzuweisen, die als System noch 
nicht existiert, deren Gewebe aber seit 25 Jahren von einer Firma hergestellt 
wird, die damals einer ironischen Bemerkung Jägers gefolgt zu sein scheint. 
Es betrifft ein Gewebe, das oben aus Wolle und unten aus Seide besteht. 
Weil die Seide in der schlechten Wärmeleitungsfähigkeit der Wolle am nächsten 
steht — beide sind quarternäre Verbindungen — ist ersichtlich, daß ich ein 
Kleidungsstück im Sinn habe für wärmebedürftige Leute, die gleichzeitig aber 


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Berichte über Kongresse und Vereine. IJ5 

die Wolle ihres Reizes wegen von der Berührung mit der Haut ferngehalten 
wissen möchten. Die Seideschicht auf der Haut ist wärmer als Baumwolle und 
Leinen wie bei Thomalla und Disque. Das ist selbst bei dem Priesnitzschen 
Umschlag noch erkennbar, in dem man das Leinen durch Seide ersetzt hat; die 
Vorzüge eines Wollseidesystems sind also ganz klar. Ich würde dasselbe für 
mich als Sommerunterkleidung wählen. Ein neues System hat schon darin seinen 
Wert, daß es die Aufmerksamkeit auf hygienische Kleidung belebt, auch wenn 
es nicht besser wäre als bestehende Systeme. Die Seide fehlt in den bestehenden 
Systemen ganz, ist aber seit Dauer des Krieges vermehrt für Unterkleidung in 
Aufnahme gekommen, und die Seidenzucht wird neuerdings wieder sehr propagiert, 
so daß einem Wollseidesystem, wenn es im übrigen richtig gemacht und gehand- 
liabt wird, eine günstige Zukunft in Aussicht gestellt werden könnte. 


Berichte über Kongresse und Vereine. 


1. Öffentliche Versammlung der ärztlichen Gesellschaft für Mechano- 
therapie. Oberhof i. Th., den 28.-29. Dezember 1916. 

Berichterstatter: Dr. A. Laqueur (Berlin). 


Die vor kurzem neu gegründete Gesellschaft, deren Zweck die Pflege und Förderung der 
wissenschaftlichen, daneben auch der wirtschaftlichen Interessen der sich mit Mechanotherapie 
befassenden Ärzte ist, hielt unter dem Vorsitz von Geheimen Sanitätsrat Prof. Dr. Schütz in 
Oberhof ihre erste Versammlung ab. Ihr befriedigender Verlauf und die wachsende Zahl der 
Mitglieder verspricht dieser Gesellschaft eine günstige Prognose für die Zukunft und läßt dem 
Gebiete der Mechanotherapie, das, soweit es nicht rein orthopädisch-chirurgischer Art ist, bisher 
bei uns etwas stiefmütterlich behandelt worden ist, manche wichtige neue Anregung und För¬ 
derung erhoffen. 

Nach Erledigung des geschäftlichen Teiles, sprach zunächst Herr Hirsch (Bad Salzschlirf) 
über: Zandergymnastik und Elektrokardiogramm. Es wurde die Einwirkung der ver¬ 
schiedenen, genau nach Zanders Vorschriften an einzelnen Zanderapparaten ausgeführten Übungen 
auf das Elektrokardiogramm untersucht. Die noch nicht abgeschlossenen Versuche ergaben 
im allgemeinen bei suffizientem Herzen zunächst eine leichte Ermüdung, der aber bald die 
Rückkehr des Elektrokardiogramms zur Norm folgte. Jedenfalls ergibt sich aus den bisherigen 
Versuchen, daß das Herz durch die vorschriftsmäßig ausgeführte Zandergymnastik in günstiger 
Weise beeinflußt wird. 

Herr Hasebroek (Hamburg)’: Der Pes tensus dolorosus, eine Reflexneurose. 
Vortragender versteht unter diesem Namen eine funktionelle Störung des Fußes, welche sich 
vorwiegend bei Frauen findet, und bei der häufig ein Zusammenhang mit der Menstruation besteht. 
Auch mit der Menopause hängen die Beschwerden manchmal zusammen. Sie werden wohl 
durch Überanstrengung ausgelöst, namentlich durch das Geben auf dem Pflaster. Bei der Unter¬ 
suchung findet sich Muskelspannung und Drnckempfindlichkeit am Fuße, vor allen Dingen aber 
eine charakteristische Stellung. Es steht nämlich der Hackenteil des Fußes in Varusstellung, 
während der Vorderfuß sich in Valgusstellung befindet. Die Diagnose läßt sich oft schon 
an der charakteristischen Abnutzung des Absatzes und der Fußsohle am Stiefel erkennen. Die 
Behandlung besteht in Anfertigung einer besonders konstruierten Stiefeleinlage, welche die 

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110 Berichte über Kongresse und Vereine. 


erwähnte fehlerhafte Fußstellung korrigiert. Massage und Gymnastik allein sind unwirksam. 
Das Leiden läßt sich in gewisser Weise mit dem an der oberen Extremität auftretenden Schreib¬ 
krampf vergleichen. Vortragender hält es für atavistischer Natur, als Neigung zur Rückkehr 
zum alten Kletterstützgang. 

Herr Haßlauer (Frankfurt a. Main): Amputationsstümpfe und Prothesenbau mo¬ 
derner Richtung (Mit Vorführung). In seinem durch zahlreiche Demonstrationen illustrierten 
Vortrage setzt Haß lau er die von ihm bei der Behandlung von Beinstümpfen befolgten Grund¬ 
sätze auseinander. Der Stumpf soll möglichst muskulös sein. Was die Prothese betrifft, so 
besteht das neue Prinzip vor allem darin, daß das Kunstboin nicht aus doppelten Außenschienen 
und den dazu gehörigen Feststellvorrichtungen angefertigt ist, sondern aus einem Röhren System 
besteht. Die Röhre aus Fahrrad- oder Mannesmannstahlrohr von 2 mm Wanddicke und 2,3 cm 
lichter Weite ist nicht nur der Träger des Ganzen, sondern enthält auch in ihrem Innern eine 
lose Spirale für die Federung bei der Gelenkbewegung. Das Gelenk selbst ist niemals ein 
Schlottergelenk, sondern stellt sich, vermöge besonderer Vorrichtungen, je nach der Inanspruch¬ 
nahme automatisch ein und steht immer unter einer der natürlichen Muskelspannung vergleich¬ 
baren Spannung. Besonders bemerkenswert ist auch die Angabe von Kunstbeinen, die bei noch 
sezernierendem Stumpf bereits getragen werden können. Es ist bei diesen unterhalb des Stumpfes 
ein sogenannter Stumpfteller angebracht, der mit Verbandstoffen zur Aufnahme des Sekrets 
ausgefüllt ist. Einer der Hauptvorzüge der Haßlauerschen Stahlprothese ist auch ihr geringes 
Gewicht (2—2V a kg). 

Herr Markus (Posen): Die orthopädischen Werkstätten. Der Bericht beschäftigt 
sich mit der Organisation und Einrichtung der Werkstättenbehandlung von Kriegsverletzten. 
Über dieser darf aber die medikomechanische Behandlung nicht vernachlässigt werden, und es 
ist vor einseitiger Überschätzung der Arbeitstherapie bei aller Anerkennung ihres großen Wertes 
zu warnen. 

Herr Schütz (Berlin): Die mechanische Nachbehandlung von Kriegsverwun- 
deten. Die große Rolle, welche die medikomechanische Behandlung bei unseren Kriegsver¬ 
wundeten spielt, hat im Allgemeinen Würdigung und Anerkennung gefunden. Daneben sind 
aber einzelne zweifelnde Stimmen laut geworden, gegen die sich Vortragender wendet, ins¬ 
besondere gegen den künstlich konstruierten Gegensatz zwischen manueller und maschineller 
Mechanotherapie. Bei dem großen Bedürfnis nach medikomechanischer Behandlung konnte es 
nicht ausbleiben, daß sich auch Uukundige und Unberufene damit beschäftigten. Die improvi¬ 
sierten billigen Surrogatapparate können doch häufig nicht die nach den bewährten Systemen 
von Zander, Herz, Krukenberg u. a. konstruierten ersetzen, und es besteht die Gefahr für 
die Verletzten, daß damit viel kostbare Zeit verloren wird. 

In einer zweiten Mitteilung spricht Derselbe über Vorrichtungen, welche zur Ab¬ 
dämpfung von störenden Geräuschen in medikomechanischen Instituten dienen. 
Dieselben betreffen insbesondere die Transmissionen an den passiven Apparaten, sowie die 
Erschütterungsapparate. 

Herr A. Laqueur (Berlin): Mobilisierung versteifter Hand- und Fingorgelenke. 
Vortragender demonstriert die zu obigem Zwecke dienenden tragbaren Redressionsapparate, 
die in Bd. 20, H. 5 dieser Zeitschrift beschrieben sind, sowie gurtförmige Ansatzstücke für 
Amputationsstümpfe, welche sich ihm bei der medikomechanischen Mobilisierung der 
Stümpfe gut bewährt haben. Zu diesem Zwecke eigenen sich am besten einfache über Rollen 
gehende Gewichtszugapparate. 

Herr Hölzl (Bad Polzin): Über Ischiasbehandlung. Von mechanischen Methoden 
spielt im Anfänge der Behandlung die Hauptrolle die Dehnung des Nerven, sei es, daß dieselbe 
allmählich erfolgt, vorbereitet durch die endoneurale Injektion von 80—100 ccm. Va° o *S er 
Eukainlösung, oder auch in Form der gewaltsamen, eventuell auch in Narkose ausgeführten 
Nervendehnung. Unter 100 auf die letzte Art behandelten Fällen hatte Verfasser 50 mal Erfolge. 
Es eignet sich diese Methode insbesondere für veraltete Fälle mit Zwangshaltung. Vortragender 
geht weiter auf die verschiedenen physikalischen Behandlungsmethoden der Ischias ein, unter 
diesen setzt er die Briegersehen Bewegungsbäder und die Moorbäder mit aktiven, passiven 
und Widerstandsbewegungen im Bade an erster Stelle. Die Übungen in diesen Bäderarten 
müssen möglichst frühzeitig ausgeführt werden, in einem späteren Stadium schließen sich dann 


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Referate über Bücher und Aufsätze. 


117 


Heilgymnastik und Massage an, denen auch eine große Bedeutung zur Verhütung von Zwangs¬ 
haltung beikommt Von den modernen Methoden haben dem Vortragenden die Diathermie und 
zuweilen auch die Bestrahlung mit der künstlichen Höhensonne sich erfolgreich gezeigt. 

Herr Rimbach (Wiesbaden, Bad Nauheim): Mechanische Zirkulationstherapie. 
Vortragender nennt die von ihm ausgearbeitete Methode der Massage und mechanischen Be¬ 
handlung bei Herz-Gefäßstörungen, statt Herzmassage Zirkulationsmassage und schlägt vor, 
in gleicher Weise von Zirkulationstherapie statt von Herztherapie zu sprechen. Denn daB Herz 
ist funktionell nicht als ein Faktor für sich, sondern nur als ein Teil des Gefäßschlauchs an¬ 
zusehen, der auch noch von seiner Umgebung, der Thorax- und Abdominalhöhle, abhängig ist. 
Die Massagemethode besteht neben Massage der Herzgegend selbst hauptsächlich in Bearbeitung 
<les Abdomens und insbesondere auch der Lebergegend, also in Berücksichtigung der großen 
Blutreservoire im Leib. Indirekt hat deren manuelle Beeinflussung eine erhebliche Wirkung auf 
das rechte Herz. Diese Ausführungen werden illustriert durch Demonstration zahlreicher 
rüntgenographisch aufgenommener flerzurarisse, welche eine Verkleinerung der Herzfigur, vor 
allem nach rechts hin, unter dem Einflüsse der Zirkulationsmassage bei Herzdilatation ver¬ 
schiedener Ätiologie ergeben. Eine günstige Beeinflussung der Funktion des Zirkulations- 
scblauchs ließ sich in gleicher Weise durch Sphygmogramme, sowie im Elektrokardiogramm 
zeigen, wo unter anderem Rückkehr der völlig verschwundenen F-Zacke bis zu ihrem normalen 
Verhältnis zur I-Zacke festgestellt werden konnte. Ähnliche Resultate ergab die Aufnahme von 
plethysmographischen Arbeitskurven. 

Die nächste Tagung der Gesellschaft findet Ende Dezember 1917 wieder in Oberhof statt. 


Referate über Bücher und Aufsätze. 


A. Diätetisches (Ernährungstherapie). 

Rudolf Schmidt (Prag), Klinik der Magen- 
und Dannerkrankungen einschließlich 
Röntgendiagnostik. Mit 15 Textabbildungen j 
und 16 Tafeln. 269 Seiten. Verlag von I 
Urban & Schwarzenberg. Preis geb. M 14. 1 
Ein eigenartiges Buch, das von den bisher 
gebräuchlichen Lehr- und Handbüchern und 
Monographien sich dadurch unterscheidet, daß 
der Autor eine Form der Darstellung des Stoffes 
gewählt hat, die es ermöglicht, „in möglichster 
Konzentration unter Hinweglassung von Selbst¬ 
verständlichkeiten persönliches ärztliches Er¬ 
leben in Klinik und Praxis und daraus sich ab¬ 
leitende Abstraktionen mitzuteilen“. Die Form 
von Merksätzen, Aphorismen und kurzen kasuisti¬ 
schen Skizzen wurde gewählt, und sie verleihen 
dem Buche seine Eigenartigkeit. Für den Stu¬ 
denten und Anfänger ist dieses Buch freilich 
keine Lektüre, der mit dem Stoffe jedoch Ver¬ 
traute wird durch das Studium des Buches 
in reichem Maße belohnt werden. Denn er 
wird häufig Gelegenheit finden, Lücken in ; 


seinem diagnostischen Können und seinen thera¬ 
peutischen Maßnahmen füllen zu können. Darf 
doch der Autor nach zwanzigjähriger ersprie߬ 
licher akademischer Tätigkeit das Recht für 
sich in Anspruch nehmen, die dargebotene 
Materie zu beherrschen, und daß dieses in des 
Wortes vollster Bedeutung der Fall ist, beweist 
eben die mustergültige Darstellung. Noch zwei 
Punkte aber machen das Buch bemerkenswert: 
1. Die Vermeidung allzu scharfer spezialistischer 
Abgrenzung und Einengung und die stetige Mah¬ 
nung des innigen Zusammenhanges mit den übri¬ 
gen Zweigen der Medizin; 2. Die Anerkennung 
der Röntgenuntersuchung als eine den übrigen 
klinischen Untersuchungsmethoden vollkommen 
gleichwertige Methode. Auch auf diesem Ge¬ 
biete zeigt sich der Autor als Meister. Die Ab¬ 
schnitte im „allgemeinen Teil“ und die kurzen 
radiologischen Bemerkungen, die sich am 
Schlüsse der einzelnen Abschnitte finden (die 
röntgenologischen Merkmale der Ueo-cockal- 
tuberkulose vermißt Ref.), genügen vollkommen, 
um dem Praktiker einen Einblick in den Gang 
dieser Untersuchungen zu gewähren und ihn iu 


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118 


Referate über Bücher und Aufsätze. 


die Lage zu versetzen, dem Röntgenspezialisten 
bestimmte und präzise Detailfragen zu stellen 
und Antworten zu erhalten, deren selbständige 
diagnostische Verwertung im differential¬ 
diagnostischen Gesamtkalkul stets anstrebens¬ 
wert ist. Die beigegebenen 16 röntgenologischen 
Tafeln sind zweckentsprechend und erleichtern 
das Verständnis der einzelnen Krankheitsbilder. 
Was die einzelnen Abschnitte betrifft, so sei 
besonders auf die Ulzerationen in Magen und 
Duodenum, ferner auf die Darstellung des 
Magen-und Darmkrebses und der konstitutionell- 
neurogenen Gastropathien einsch. Crises ga- 
striques hingewiesen, sie sind mit besonderer 
Liebe ausgearbeitet, mit zahlreichen Merksätzen 
versehen und mit vielen lehrreichen Kranken¬ 
geschichten belegt. 

Es ist wohl kaum zu zweifeln, daß das 
Buch bald seinen Platz erobern und einen 
großen Leserkreis finden wird. 

L. Katz (Berlin-Wilmersdorf). 

Rostoski (Dresden), Zur Behandlung der 
Ruhr. B. kl. W. 1916. Nr. 46. 

Rostoski beginnt die Behandlung des 
Anfangsstadiums der Ruhr und jeder akuten 
Verschlimmerung mit einer völligen Nahrungs¬ 
enthaltung von 1—3 Tagen, in denen man sich 
nur bemüht, den Flüssigkeitsverlust des Körpers 
durch Mineralwasser, Tee, Rotwein oder Reis¬ 
wasser, schluckweise gereicht, zu ersetzen. 
Dadurch erreicht man, daß eine kalorienreiche 
Ernährung viel früher und andauernder einsetzen 
kann, als es sonst der Fall ist. Reine Milch 
wird gewöhnlich erst später ertragen. Kohle¬ 
hydratreiche Nahrungsmittel, außer Schleim¬ 
suppen, läßt man bei Gärungsstühlen praktisch 
längere Zeit fort. Abführmittel, Rizinusöl oder 
Kalomel sind anfangs angezeigt. Ruhrserum 
bewährte sich bei Fällen mit stärkeren In¬ 
toxikationserscheinungen. Nur muß es früh 
und in nicht zu kleiner Dosis, nicht unter 
60 ccm auf einmal, gegeben werden. 

Roemheld (Hornegg a. N.). 

A. Hasterlik, Wirtschaftliches und Wissen« 
schaftliches von Ölen und Fetten. Ztschr. 
f. Fleisch- u. Milchhyg. 1917. S. 113. 

Verfasser bringt eine kurze Übersicht der 
w irtschaftlichen und physiologischen Bedeutung 
der tierischen und pflanzlichen ule und Fette. 

Auf einen Irrtum, der sich leider immer 
häufiger in der Literatur findet, muß Referent 
auch hier wieder aufmerksam machen: leicht 
schmelzbare Fette sind nicht stets auch leicht 
verdaulich, Margarine und Kunstspeisefett sind 


durchaus nicht der Butter und dem Schweine¬ 
schmalz gleichwertig. Es wäre zu wünschen, 
daß auch die begeistertsten Fürsprecher der 
Margarine diesen Tatsachen Rechnung trügen. 
Der Verbreitung dieses Produktes, die aus 
volkswirtschaftlichen Gründen nur erwünscht 
w\äre, w ürden sie damit sicher bessere Dienste 
leisten. Freilich müßten die Herren Margarine 
fabrikanten auch mit einem erheblich geringeren 
Verdienst fürlieb nehmen, als bisher. (Vgl. 
dazu die Ausführungen des Ref. auf S. 2-'>0 
des vorigen Jahrgangs dieser Zeitschrift). 

Walter Brieger (Berlin). 

J. Bauer, Über PferdefleischnachweU in 
gekochten Fleisch- und Wurstwaren nach 
Sachs-Georg!. Zschr. f. Fleisch- u. Milchhyg. 
1917. S. 97. 

Zum Nachweis von Pferdefleisch in Wurst- 
undFleischwaren muß die Sachs-Georgische 
Methode (Ztschr. f. Immunitätsforsch. Bd. XXL 
S. 342) herangezogen w erden, da sie die einzige 
ist, welche bei gekochtem Material verläßlichen 
Aufschluß gibt. Walter Brieger (Berlin). 

H. Lüthje (Kiel) f, Über Magenchemismus, 
Pylorusstenose und nervöse Dyspepsie. 

Ther. d. Gegenwart 1917. H. 2. 

Die positive Milchsäurereaktion spricht 
immer noch, wie schon lange bekannt, ab¬ 
gesehen von ganz bestimmten Verhältnissen, 
für Magenkrebs, doch fehlte dieselbe in 54 0 
der Fälle bei sichergestelltem Krebs. Das 
Fehlen der Milchsäurereaktion ist also kein ge¬ 
wichtiges Symptom. Der Anazidität und 
Achylie darf bei einfacher Untersuchung durch 
Probefrühstück und Probemahlzeit nicht ein¬ 
mal im Sinne des einfachen Katarrhs großer 
Wert zugesprochen werden, da die Resultate 
ganz verschieden ausfallen, je nachdem man 
eine fast reine Kohlehydrat-, Eiweiß- oder 
Fettkost verabreicht. Erst die von Cursch- 
mann jr. eingeführte „Appetitmahlzeit“, die ja 
nach dem Landstrich und den Lebensgewohn¬ 
heiten verschieden su gestalten ist, gibt ein¬ 
deutige Resultate, was nach den durch die 
Pawlowsche Lehre uns geläufig gewordenen 
Erfahrungen über den Einfluß der Psyche auf 
die Sekrationsverhältnisse ohne weiteres klar 
ist. Für den Nachweis freier Salzsäure empfiehlt 
sich als ebenso angenehm wie sicher die Sahli- 
sche Desmoidreaktion, die in 94 % richtige Re¬ 
sultate gab Bezüglich der motorischen Prüfung 
des Magens macht Lüthje darauf aufmerksam, 
daß die ergebnislose Ausheberung des nüch¬ 
ternen Magens nicht sicher für seine motorische 


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Referate über Bücher und Aufsätze. 


119 


Suffizienz spricht, die Ausheberung 7 Stunden 
nach der Probemahlzeit ergibt sicherere Re¬ 
sultate. Er hält die rein atonische Insuffizienz 
des Magens für außerordentlich selten, es liegt 
gewöhnlich doch eine Pylorusstenose irgend¬ 
welcher Art vor, die durch Spasmen auf 
digestiver Basis erhöht wird. Mit Beseitigung 
der letzteren durch Spülung wird oft, wenn 
auch nur vorübergehend, Besserung erzielt. 

Die Arbeit von G. Dreifuß über nervöse 
Dyspepsie hat dieses noch viel umstrittene 
Gebiet in neue Beleuchtung gerückt. Er hat 
zum ersten Mal den Versuch gemacht, den 
Sammelbegriff „nervöse Dyspepsie“ nach 
klinisch-psychiatrischen Gesichtspunkten zu 
analysieren und so die in jedem Fall vor¬ 
liegende primäre psychische Störung zu er¬ 
kennen. Das führte zu einer Einteilung in 
1. die nervöse Dyspepsie auf der Basis der 
konstitutionellen Neurasthenie; 2. die eigent¬ 
liche psychogene Dyspepsie; 3. die hysterische; 
4. die zyklothyme Dyspepsie und 5. die Dys¬ 
pepsie auf der Basis der erworbenen Neur¬ 
asthenie. Diese Einteilung hat sich als sehr 
fruchtbar erwiesen, da es nunmehr möglich 
ist, die Behandlung gegen das Grundleiden zu 
richten. Gegenüber dem bisher schematisch 
verordneten Diätzettel tritt nunmehr die kau¬ 
sale Behandlung nach psychiatrischen Prin¬ 
zipien in ihre Rechte, nachdem der Fall auf 
psychoanalytischem Wege klargestellt ist. Die 
Resultate sind hervorragend; es wird sich 
also jeder Magenarzt mit den entsprechenden 
psychiatrischen Methoden vertraut machen 
müssen. W. Alexander (Berlin). 

B, Hydro-, Balneo- u. Klimatotherapie. 

A.Kionka (Jena), Über die Diurese durch 

Mineralwässer« Ztschr. f. Balneo]. 1916. 

Nr. 17/18. 

Schilderung exakter Versuche über die 
Diurese durch Mineralwässer, speziell durch 
Kalksalze. Es ergab sich, daß man durch 
Steigerung der täglichen Trinkwassermenge 
allein eine weit stärkere Durchspülung der 
Nieren erzielen kann, als durch Darreichung von 
Kalksalzen. Letztere können aber bei mäßiger 
Wasserzufuhr diese diuretische Wirkung er¬ 
höhen, jedoch nicht bei allen Menschen gleich¬ 
mäßig. Zu vermeiden ist, wenn man eine starke 
Nierendurchspülung erzielen will, eine gleich¬ 
zeitige Steigerung der Darmtätigkeit. Deshalb 
erhält man mit Bitterwässern nie eine starke 
Diurese. 


Die durch kalkhaltige Wässer hervor¬ 
gerufene Diurese ist eine „Wasserdiurese“, 
bezw. Glomerulodiurese. Diese Diurese geht 
im Gegensatz zur „Salzdiurese“ ohne Einwirkung 
auf die sezernierende Tätigkeit der Epithelien 
der Tubuli contorti vor sich, also unter Schonung 
der gerade bei interstitieller Nephritis besonders 
gereizten Nierenelemente. Deshalb sind kalk¬ 
haltige Wässer bei Nierenentzündungen an- 
I gezeigt. Es empfiehlt sich aber nicht, über 1 1 
; täglich trinken zu lassen. 

Roemheld (Hornegg a. N.). 

| Arvo Ylppö (Charlottenburg), Über die 
I Fieberbehandlung der Vulvovaginitis go¬ 
norrhoica bei kleinen Mädchen. Therap. 
Monatsh. 1916. Dezember, 
i Von der Beobachtung ausgehend, daß die 
Gonorrhoe bisweilen im Anschluß an akute, 
hoch fieberhafte Erkrankungen mit Tempe- 
I raturen von 40—41° plötzlich zur Ausheilung 
kommt, hat zuerst Weiß durch heiße Bäder 
von 41,0—42,6° die Körpertemperatur zu er- 
I höhen gesucht und will damit gute Resultate 
! in der Gonorrhoebehandlung erzielt haben, 
i Verfasser hat die Angaben nachgeprüft, aller- 
| dings nur an einem Fall. Es handelte sich um 
, ein 4 Jahre 7 Monate altes Mädchen, das an 
Vulvovaginitis und Proctitis gonorrhoica litt. 
Die Badewanne wurde mit 38—39° warmem 
Wasser halb gefüllt, das Kind bineingesetzt, 
dann heißes Wasser langsam zugeführt, bis 
die Temperatur 41—42° war. Das Bad muß 
1 Stunde dauern, das Kind bis zur Mamilla im 
Wasser sitzen. Die Körpertemperatur erreicht 
dann annähernd die Temperatur des Bades. 
Am 6. Tage war die Sekretion geringer, am 
8. Tage geschwunden, Gonokokken waren nicht 
mehr nachzuweisen. Die Bäder wurden 15 Tage 
lang fortgesetzt. Das Kind wurde 1 Monat nach 
Beginn der Behandlung entlassen und war bis 
dahin gonokokkenfrei. Japha (Berlin). 

P. Ujlaki, Beobachtungen bei Gasverglf- 
teten. M. m. W. 1917. Nr. 1. 

Die Gift- oder Reizgase wirken reflekto¬ 
risch auf die Medulla oblongata durch in der 
Bronchialschleimhaut verlaufende autonome 
Nerven. Vielleicht wird auch das motorische 
Zentrum gereizt. Man kann ein Schockstadium 
(blasse, nur wenig zyanotische Haut, harter, 
noch regelmäßiger Puls, Herzklopfen, ziemlich 
intaktes Sensorium, Dyspnoe, enge Pupillen, 
Unruhe) und ein Kollapsstadium, in dem das 
Herz bereits erschöpft ist (Stauung, Zyanose, 
starke Dyspnoe, getrübtes Sensorium, Lungen- 


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120 


Referate über Bücher und Aufsiitze. 


ödem) unterscheiden. Im ersteren empfiehlt 
sich Atropin, 0,0()1 subkutan, dagegen kein 
Morphium, und Herzstimulantien, aber kein 
Koffein oder Adrenalin, welche die Gefäße ver¬ 
engern, im Kollapsstadium aber Koffein 0,2— 
0,3, Kampferäther, Adrenalin, warme Packungen, 
künstliche Atmung, eventuell Hautreize, Herz¬ 
massage, warme Getränke. Mit dem Abtransport 
der Vergifteten soll man warten, bis das Herz 
sich erholt hat. Roemheld (Hornegg a. N.). 

Litzner, Wer gehört — vorn ärztlichen und 
sozialen Standpunkt betrachtet — in die 
Lungenheilstätte? Ztschr. f. Tuberkulose 
Bd. 26. H. 5. 

Verfasser beantwortet diese Frage folgender¬ 
maßen: 

1. Vom ärztlichen Standpunkt aus be¬ 
trachtet gehören weder die abgelaufenen noch 
die nicht tuberkulösen Spitzenerkrankungen 
noch die auf probatorische Impfung nur mit 
Allgemeinreaktion reagierenden Fälle ohne kli¬ 
nisch festgestellte aktive Tuberkulose dahin. 

2. Vom sozialen Standpunkt ist es nicht 
richtig, für die sub. I erwähnten Fälle den 
teuren Heilstättenapparat in Bewegung zu 
setzen. Die dadurch frei werdenden Betten 
sollten in Rücksicht auf die Familieninfektion 
für Fälle im II. und III Stadium reserviert 
bleiben. Für die probatorische Injektion 
kommt für den Autor nur das Koch sehe 
Alttuberkulin in Betracht. Die albuminfreien 
Tuberkuline seien unzuverlässig. Nach Ansicht 
des Referenten wird schließlich immer der kli- j 
nische Befund maßgebend sein müssen sowohl 
für die Diagnose als auch für die Therapie. ■ 

Blitstein (Berlin-Schöneberg). j 

Eugen Doernberger (München), Zar Ver¬ 
hütung and Behandlung des Keuchhustens. 

M. m. W. 1916. Nr. 48. 

Der Ruf des Verfassers nach Schaffung 
von abschließbaren Heimen, Spiel- und Wald¬ 
plätzen für Keuchhustenkranke sollte endlich 
Gehör bei den betreffenden Instanzen finden. 

J. Ru he mann (Berlin-Wilmersdorf). 

C. Gymnastik, Massage, Orthopädie- 
und Apparatbehandlong. 

L. Licht witz (Göttingen), Über Marsch¬ 
hämoglobinurie. B. kl. W. 1916. Nr. 46. 

An der Hand eines Falles von Marsch- 
hämoglobinuric wird die DifTerentialdiagnosc 
gegenüber der Kältehämoglobinurie besprochen: 
bri dieser meist Fieber. Leber-, Milzschw ellung, 


leichter Ikterus, Ursache fast stets Lues, 
Dispositionszeit meist 4—8 Jahre lang; bei 
jener gewöhnlich gar keine Beschwerden; die 
Neigung zur Marschhämoglobinurie, die fast 
stets junge Leute befällt, dauert nur wenige 
Tage oder Monate lang. Beiden Formen ge¬ 
meinsam sind larvierte Anfälle, bei denen 
statt Hämoglobinurie leichte Albuminurie ein- 
tritt, ferner Leukozytose und Lymphozyten- 
stürz in Anfall. Bei Kältehämoglobinurie 
kommt es auch noch zum Verschwinden der 
Eosinophilen. Lordose soll bei der Marsch¬ 
hämoglobinurie eine Rolle spielen. Vaso¬ 
motorische Erregbarkeit ist die Basis beider 
Formen. Borges und Strisower nehmen 
einen vasomotorischen Reflex in der Milz an 
und erklären die Marschhämoglobinurie mit 
abnormer Milzdurcbblutung. Das Fehlen von 
Fieber und Allgemeinerscheinungen, die durch 
die Blutkörperchenstromata bedingt werden, 
ist ja auch mit der Annahme einer Organ- 
bämolyse gut vereinbar. Andere wie Rosin, 
glauben, daß die Nieren bei den hämoglobin- 
urischen Anfällen wesentlichen Anteil haben. 

Therapeutisch kommt bei der Marsch¬ 
hämoglobinurie Ruhe, Arsenkur und subkutane 
Seruminjektion (Pferde- oder eigenes Serum) 
in Betracht. Die Prognose ist günstig, wes¬ 
halb die militärische Dienstfähigkeit durch die 
Marschbämoglobinurie keinesfalls auf die Dauer 
aufgehoben wird. 

Roemheld (Hornegg a. N.). 

Elmendorf, Über Wiederinfusion nach 

Punktion eines frischen Uämatothorax. 

M. m. W. 1917. Nr. 1. 

Lungensehiisse gehen entweder sofort durch 
Blutung aus einem größeren Gefäßstamm zu¬ 
grunde oder aber sie bessern sieh bald und 
heilen aus. Eine dritte seltene Verlaufsart ist 
der Tod einige Stunden nach der Verwundung 
unter dem ausgesprochenen Bild des Sauerstoff¬ 
mangels, bedingt einmal durch Ausschaltung 
eines größeren Lungenabschnittes, sodann aber 
durch den Ausfall einer großen Blutmengc in¬ 
folge intrapleuraler Blutung. Bei einem so 
verlaufenden Fall punktierte der Verfasser 
eine Stunde nach der Verletzung die Pleura¬ 
höhle und infudierte 200 ccm so gewonnenes 
Blut in die Armvene des Patienten. Günstiger 
weiterer Verlauf, den Verfasser seinem Ein¬ 
greifen zuschrcibt. Das Wesentliche scheint 
bei dem Verfahren nicht die Beseitigung des 
Uämatothorax, sondern die Gewinnung einer, 
wenn auch kleinen Menge Eigenblut zum 



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121 


Referate über Bücher und Aufsätze. 


Zweck der Infusion zu sein. Der möglicher- t 
weise lebensrettende Eingriff kann auch von 
dem nicht speziell chirurgisch vorgebildeten 
Arzt unter den einfachsten äußeren Bedin¬ 
gungen vorgenommen werden. 

Roemheld (Hornegg a. N.). 

Georg Magnus (Marburg), Über Wund¬ 
behandlung mit Zocker. Therap. Monatsh. 

1916. Dezember. 

Drei Momente kommen nach Verfasser für 
die günstige Wirkung des Zuckers auf Wunden 
in Betracht: 1. die Verwandlung der alkali- | 
sehen Fäulnis in eine saure Gärung; 2. die 
keimwidrige Wirkung gegenüber pathogenen 
Keimen; 3. die Anregung eines Flüssigkeits- | 
Stromes durch die wasseranziehende Kraft des 
Zuckers. Unter der Wirkung dieser Faktoren 
schwindet der üble Geruch schnell. Die Wunden 
reinigen sich auffallend rasch. Gewöhnlicher j 
Rübenzucker kann in Substanz ohne jede Vor- j 
bereitung zur Wundbehandlung verwandt wer- j 
den. Ist Reinigung der Wunde erreicht, so j 
wird die Zuckerbehandlung durch Salben- j 
behandlung ersetzt. Japha (Berlin). 

Otto Porges (Wien), Uber eine Behand¬ 
lungsmethode der Lungentuberkulose. 

W. kl. W. 1917. Nr. 3. 

Mobilisierung und Ruhigstelluug der Lunge 
spielen bei der mechanischen Behandlung tuber¬ 
kulöser Lungenprozesse eine wichtige Rolle. 
Während Freund und Hart Vorschlägen, 
die mangelhafte Beweglichkeit der oberen 
Thoraxapertur durch eine Durchschneidung 
des ersten Rippenknorpels zu beseitigen, wird 
nach Forlanini und Breuer der einseitige 
Pneumothorax angelegt, um die erkrankte 
Lunge vollständig außer Funktion zu setzen. 
Der Widerspruch löst sich nach Porges, 
wenn man die bessere Durchlüftung der 
Lungenspitzen beim Habitus-phthisicus zur 
Verhütung der Tuberkuloseerkrankung an¬ 
wendet, die Ruhigstellung aber, um bereits er¬ 
krankte Lungen therapeutisch günstig zu beein¬ 
flussen. Bloch, Goldscheider und Cornet 
und meines Wissens nach auch Schreiber 
-Königsberg), hatten schon früher Gipskorsetts, 
Hartgummipanzer und den Heftpflasterverband 
angegeben, um die Lungenexkursionen einzu- 
schränkon. Die Methoden haben sich aber nicht 
eingebürgert. Porges gibt nun zu diesem 
Zweck eine Binde an, die aus vier bis fünf 
parallel genähten Gürteln besteht, die um den 
Thorax geschnallt w erden und mit hosenträger¬ 


artigen Bändern versehen sind. Vorher schon 
hat Patient durch Auflegen von Sandsäcken 
auf den Thorax gelernt, abdominell zu atmen. 
Nach längerem Tragen der Binde wird letztere 
Atmungsart dem Kranken so zur Natur, daß 
er auch ohne Binde nur Baucbatmung macht 
und der Thorax sich sehr wenig bewegt. Es 
ist leicht einzusehen, daß nur die Erkrankung 
der Oberlappen für diese Methode geeignet ist. 
Sie hat sich dem Autor, wie aus den Kranken¬ 
geschichten hervorgeht, ausgezeichnet bewährt 
und verdient daher Nachahmung. Die Kranken, 
die sonst unter den absolut gleichen Verhält¬ 
nissen lebten, wie vor der Anlegung der Binde 
und welche trotz Anwendung der üblichen 
physikalisch-diätetischen Therapie keine Besse¬ 
rung gezeigt hatten, verloren das Fieber, in 
einzelnen Fällen auch die Hämoptoe, in 11 von 
17 Fällen verschwenden auch die Bazillen aus 
dem Sputum und eine Anzahl Kranker zeigten 
eine namhafte Gewichtszunahme, die w r ohl 
noch stärker gewesen w T äre, w r enn es in den 
letzten Monaten nicht an Fett in der Nahrung 
gefehlt hätte. Ob die günstige Wirkung allein 
auf die geringere Arbeit der oberen Lungen¬ 
partien bei der Atmung zurückzuführen ist, 
lasse ich dahingestellt. Es sei auf die Ar¬ 
beit Gutsteins hingewiesen, über welche 
in dieser Zeitschrift gleichfalls referiert wird, 
welcher zeigte, daß in den Fällen von Kom¬ 
pression durch künstlichen Pneumothorax mit 
günstigem Verlauf das Blut der Kranken eine 
bedeutende Vermehrung der Erythrozythen 
eine Hyperlymphozythose und Eosinophilie 
aufw'eist. Es scheint also, daß der Organismus, 
wenn seine Atmung beschränkt wird, mit einer 
kompensatorischen, erhöhten Leistung der blut¬ 
bildenden Organe reagiert, welche auf den 
Heilungsprozeß günstig wirkt. Da die Kranken 
die Binde auch gerne tragen, wird sie w r ohl 
sicher in das Rüstzeug der Tuberkulose¬ 
behandlung aufgenommen werden. 

Blitstein (Berlin-Schöneberg). 

J.Overgaard, Sangglockenbehandlung zur 
Narbenlösung. M. m. W. 1917. Nr. 6. Feld¬ 
ärztliche Beilage. 

Verfasser hat an der Spitzyschen Klinik 
I mit der Saugbehandlung von Narben gute Re¬ 
sultate erzielt. Die Saugglocken müssen sich 
jeder Narbe in Form und Größe anpassen (Ab¬ 
bildungen), aus dickem Glas hcrgestellt sein. 
Um hohe Saugwirkung zu erreichen, muß eine 
Metallpumpe, nicht der Gummiballon verwendet 
i werden. 



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122 


Referate über Bücher und Aufsätze. 


Die Behandlung geschieht derart, daß man 
nach Einfettung des Randes der Glocke diese 
leicht an die Haut anpreßt und den Pumpen¬ 
stempel anzieht. Dabei verwendet man anfangs 
nur mäßige Kraft, stets die Haut beobachtend, 
um Blutungen in der dünnen Narbenhaut zu 
vermeiden. Es ist nämlich eine Grundbedingung 
bei dieser Behandlung, daß Blutungen in und 
um die Narbe unbedingt vermieden werden, 
da solche Blutextravasate sich sehr schnell 
organisieren und Anlaß zu verstärkter Binde¬ 
gewebsbildung geben. (Vergl. Anämisierung 
nach Lange.) Es ist bei strahlenförmigen, 
tiefgefurchten Narben mitunter nicht möglich, 
Glasglocken zu bekommen, welche sich der 
Körperform anpassen lassen; in diesem Falle 
ist es ratsam, einen Filzstreifen mit Schweine¬ 
fett oder feinstem Valesin zu durchtränken und 
als Zwischenlage zu verwenden. 

Die Saugwirkung wird zuerst nur 3—f> Mi¬ 
nuten ausgeübt, im Laufe von ca. 8 — 10 Tagen 
steigert man je nach der Beschaffenheit der 
Haut und der Narbe bis zu 20—30 Minuten. 
Nach Entfernung der Saugglocke wird sofort 
unter sorgfältiger Einfettung der Haut mit in¬ 
differentem Fettstoff massiert. Puder, Seifen¬ 
wasser usw. dürfen absolut nicht verwendet 
werden, weil die ohnehin schlecht ernährte 
Haut über der Narbe durch die Saugglocken¬ 
behandlung noch empfindlicher gegen mecha¬ 
nische sowie chemische Reize wird. Die 
Massage besteht in leichten, vom Zentrum der 
Narbe ausgehenden Streichungen mit dem 
Daumen oder dem Handballen. Sie dauert 
bis zur völligen Abflachung der vorgewölbten 
Narbe und wird dann mit einer gewöhnlichen 
zentripetalen Streichmassage beendet. 

W. Alexander (Berlin). 


D, Elektro-, Licht- und Röntgen¬ 
therapie. 

A.Bacmeister (St. Blasien), Erfahrungen 
über die Strahlenbehandlung der mensch¬ 
lichen Taberkniose. Festschr. f. J. Orth 
z. 70. Geburtstage. Ztschr. f. Tuberkulose. 
1917. H. 1-4. 

An der Hand eines Materials von 123 ab¬ 
geschlossenen Fällen und einer größeren An¬ 
zahl noch in der Behandlung befindlichen, in¬ 
des hier noch nicht berücksichtigten Lungen¬ 
tuberkulosen erörtert Verfasser den tatsäch¬ 
lichen Wert, die Wirkungsweise und die Grenzen 
der nicht indifferenten, sondern bei falscher und 
kritikloser Anwendung zweifellos schädlichen 


Methode der kombinierten Bestrahlung mit 
i Röntgen- und dem Quarzlicht. Die besten R* 
sultate zeigen sich bei der stationären und 
bereits zur Latenz neigenden Phthise, günstig * 
Einwirkungen lassen sich bei der offenen, 
stationären und langsam progredienten Tuber 
knlose erweisen. Letztere Formen sind für 
den Heilwert der Methode beweisend, während 
bei einer dritten Gruppe von fieberhaften, mit 
sehr ausgedehnt kavernösen-progressen Er 
krankungen diese Aktinotherapie ziemlich 
machtlos, ja schädlich sein kann. Die Auf- 
i gäbe der Röntgenbestrahlungen ist es, Narben 
aus proliferierendem Gewebe hervorzurufen. 
AlsDurchschnittsdosis bei derFelderbestrahlung 
hat sich die Oberflächenenergiemenge von 
10—15 X bei harter Röhre und 3 mm Filterung 
Aluminium bewährt. Reaktionspausen von 3 bis 
8 Tagen sind ohne schematische Beschränkung 
einzuhalten. 

J. Ruhemann (Berlin-Wilmersdorfj. 

G. Klein (München), Über gynäkologische 
Aktinotherapie. M. m. W. 1916. Nr. 52. 

Der Strahlenbehandlung kann man eine 
mehrjährige Heilung der inoperablen Uterus¬ 
karzinome und die sekundäre Rezidivfreiheit 
zuschreiben, Begriffe, welche in der ausschließlich 
operativen Ära kaum bekannt waren. Bei 
Myomen strebt Verfasser wegen der sonst 
entstehenden nervösen Beschwerden nicht 
Amenorrhoe, sondern Oligomenorrhoe an. 

J. Ruhemann (Berlin-Wilmersdorf . 

B. Heile (Wiesbaden), Zar Strahlenbehand¬ 
lung der chirurgischen Taberkniose. Fest¬ 
schrift für J. Orth z. 70. Geburtstage. Ztschr. 
f. Tuberkulose 1917. H. 1—4. 

Kasuistische Mitteilungen über günstige Be¬ 
einflussung der Knochen-, Gelenk- und Drtisen- 
tuberkulo8e durch alternierende Behandlung von 
Röntgenbestrahlung und Höhensonne (auch 
künstliche). Die noch sehr verbesserungs- 
fähige Aktinotherapie leistet bei der Behandlung 
vieler chirurgischen Tuberkuloseherde Besseres 
als die rein operative Behandlung. 

J. Ruhemann (Berlin-Wilmersdorf;. 

Steiger (Bern), Neueste Probleme der 
Krebsbebandlung mittelst Röntgenstrahlen. 

Korrespondenzblatt f. Schweizer Ärzte 1916. 
Nr. 50. 

Kurze Besprechung des gegenwärtigen Stan¬ 
des und der zukünftigen Entwicklungsmöglich¬ 
keiten in der Röntgentechnik für die Zwecke 
der Behandlung tiefgelegener Karzinome. Die 


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Referate über Bücher und Aufsätze. 123 


Forderung muß beißen: möglichst leistungs¬ 
fähige Apparate und möglichst belastungsfähige 
Röhren, die uns eine möglichst harte Strahlung 
liefern. Zurzeit ist das Leichtfilter aus Alu¬ 
minium von 3—4 mm Dicke durch ein Schwer¬ 
filter aus Zink von 0,5 mm Dicke zu ersetzen. 

H. E. Schmidt (Berlin). 

Artur Stein (New York), Die X-Strahlen- 
bebandlung des Uterusmyoms. Eine War¬ 
nung auf Grund von Literaturstudien. 

Medical Record 1916. 3. Juni. 

An der Hand von zahlreichen Zitaten 
werden eine Reihe von Schädigungen, welche 
die Röntgenbehandlung des Myoms mit sich 
bringt, aufgezählt. Das Hauptargument gegen 
diese Therapie sieht der Verfasser in der rela¬ 
tiven Häufigkeit der sarkomatösen Entartung 
der Myome (etwa 7 % aller Fälle), deren Vor¬ 
handensein sich klinisch sehr selten feststellen 
läßt Auch die nicht seltene Verstärkung der 
Blutung nach Beginn der Behandlung bildet 
eine Gefahr. — Die Indikation der Röntgen¬ 
therapie sollte sich auf solche Patientinnen 
beschränken, welche das Klimakterium erreicht 
haben und bei denen infolge von bestehendem 
Diabetes, Fettsucht, vorgeschrittener Arterio¬ 
sklerose oder Hämophilie ein chirurgischer Ein¬ 
griff Lebensgefahr mit sich bringen würde. 

A. Laqueur (Berlin). 

Arnold (Leipzig), Über Blutveränderungen 
bei der Tiefenbestrahlung maligner Tu¬ 
moren. M. m. W. 1917. Nr. 5. 

Auf die Röntgen-Tiefenbestrahlung reagiert 
der Organismus zunächst mit einer Hyper¬ 
leukozytose, welche von einem Lymphozyten- 
schwund und Vermehrung der neutrophilen 
Leukozyten, sowie auch gelegentlich von ge¬ 
häuftem Auftreten von Knochenmarkszellen 
begleitet ist. Wiederholte Bestrahlungen zeigen 
im allgemeinen die gleiche Alteration des Blut¬ 
bildes, nur in abgeschwächterem Maße. Im 
Anschluß an relativ rasch aufeinanderfolgende 
Bestrahlungen sieht man dann häufig ein all¬ 
mähliches Sinken der Gesamtleukozyten¬ 
zahl unter die Norm, als Ausdruck einer ge¬ 
wissen Erschöpfung der Blutbildungsstätten. 
Deshalb ergibt sich für die praktische An¬ 
wendung der Tiefentherapie, daß bei der 
wiederholten Anwendung der Intensivbestrah¬ 
lungen fortlaufend die Anzahl der Leukozyten 
bestimmt werden muß, zum mindesten vor und 
nach jeder Bestrahlung. Auch ist das Blut¬ 
bild sowohl vor der ersten Bestrahlung wie 
auch späterhin in gewissen Abständen auf 


pathologische Veränderungen hin zu unter¬ 
suchen. Findet man subnormale Werte der 
Gesamtleukozytenzahl (unter 4000) oder ein 
gehäuftes Auftreten von pathologischen Be¬ 
standteilen (Knochenmarkszellen), so ist es 
zweckmäßig, mit den Bestrahlungen auszu¬ 
setzen, bis das Blut wieder annähernd normale 
Beschaffenheit zeigt. Damit dürfte man am 
sichersten das Auftreten von Spätschädigungen 
durch Röntgenstrahlen verhindern können. 

A. Laqueur (Berlin). 

G. Loose (Bremen), Der Sieg der Köntgen- 
strahlen über den Brustkrebs. M. m. W. 
1917. Nr. 6 und 11. 

Seitdem in dem Krankenhause des Ver¬ 
fassers (Herbst 1914) alle operierten Brust¬ 
krebse bestrahlt werden, sind sämtliche Pa¬ 
tientinnen mit einer Ausnahme rezidivfrei 
geblieben. Dabei waren allerschwerste Fälle, 
bei denen bis auf die knöcherne Brustwand 
operiert werden mußte. Bedingung ist aber, 
daß nur der die Bestrahlung ausführt, der die 
Technik beherrscht. Verfasser beginnt mit 
der Bestrahlung durchschnittlich 10 Tage nach 
der Operation: 1 Volldosis für die Brust, 
1 Volldosis für die Achselhöhle, je in einer 
Sitzung zwei Tage nacheinander. Wieder¬ 
holung desselben Verfahrens nach 4 Wochen 
und nach abermals 4 Wochen. Weiter prophy¬ 
laktische Dosen alle drei Monate bis zu zwei 
Jahren. Rezidivfreie Patientinnen hält Ver¬ 
fasser nun für dauernd gesund, sie bleiben 
j aber unter scharfer Aufsicht. Während früher 
j bei allen Chirurgen die Resultate des operierten 
| Brustkrebses ohne Nachbestrahlung wenig er- 
| freulich waren, hat Verfasser überhaupt keine 
Rezidivoperation mehr nötig gehabt. Auch 
die Gefahr der Reizdosis ist völlig überwunden; 
damit sollte endlich auch der ärztliche Wieder¬ 
stand gegen die Bestrahlung fallen gelassen 
werden. Es folgen technische Angaben. Ver¬ 
fasser glaubt Jetzt schon von einem Siege 
der Röntgenstrahlen über den Brustkrebs 
sprechen zu dürfen“. 

So erfreulich auch die Resultate zu sein 
scheinen, so erscheint der Schlußsatz der Ar¬ 
beit jedenfalls verfrüht und nicht ungefährlich: 
„AVic lange noch, bis eines Tages auch die 
Operation des Brustkrebses, vielleicht die des 
Krebses überhaupt, als überwundener Stand¬ 
punkt gilt, und die Ausrottung dieses bisher 
fast unangreifbaren Feindes allein dem Lichte 
überlassen bleibtV u 

W. A1 e xa n der (Berlin . 


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124 


Referate über Bücher und Aufsätze. 


Bernhard Schweitzer (Leipzig), Ter- i 
• Änderungen am Blute nach Mesothorium- 
bestrahlnngen. M. m. W. 1916. Nr. 10. | 

Während die Mesothoriumbestrahlung ma- ■ 
ligner Tumoren weiblicher Genitalien am Bilde | 
der roten Blutkörperchen und am Hämo¬ 
globingehalt nur indirekte Wirkungen mit sich 
bringt, welche der Besserung der sekundären 
Anämie infolge der Bestrahlung in günstig j 
verlaufenden Fällen entsprechen, besteht eine 
viel intensivere und direkte Wirkung auf die 
weißen Blutkörperchen. Während und 
kurz nach der ersten Bestrahlung tritt in der 
Regel eine mäßige Leukozytose auf. Dieser 
folgt dann ein Leukozytenabfall, der recht 
erheblich ist, und im Laufe der ersten Bestrah¬ 
lungsserie von 3—4 Wochen 3—6000 beträgt. 
Auch nach Beendigung der ersten Bestrahlungs¬ 
serie hält diese Veränderung längere Zeit an, 
erst 8 Wochen nach der letzten Bestrahlung 
beginnt in den meisten Fällen ein allmähliches 
Wiederansteigen bis zur Norm. An der Anfangs¬ 
leukozytose sind allein die neutrophilen Leu¬ 
kozyten beteiligt; an der sich dann anschließen¬ 
den Leukopenie beteiligen sich zunächst neben 
den Lymphozyten auch die Neutrophilen, in 
der zweiten Woche tritt aber ein typischer 
Wechsel in der Zusammensetzung ein, indem 
eine deutliche prozentuale und bisweilen abso¬ 
lute Zunahme der Lymphozyten bei gleich¬ 
zeitiger starker Verminderung der Neu¬ 
trophilen einsetzt. Auch diese qualitative 
Veränderung des Blutbildes ist eine lang an¬ 
haltende, immerhin aber keine dauernde, vor¬ 
ausgesetzt, daß eine normale Reaktionsfähig¬ 
keit des Individuums besteht. Da es sich in 
den mitgeteilten Fällen stets um örtliche Be¬ 
strahlung an Stellen, die von den blutbildenden 
Organen weit entfernt sind, handelte, so muß 
angenommen werden, daß die Strahlung auch j 
auf indirektem Wege eine Schädigung der j 
blutbildenden Organe, insbesondere des Knochen¬ 
marks, ausüben kann. A. Laqueur (Berlin). 

W. Kan f mann, Beitrag zur Lupusbehandlung 
mit künstlicher Höhensonne. Ztsclir. f. Tu¬ 
berkulose. Bd. 26. H. 5. 

Es handelt sich um einen Fall von Lupus, 
der beide Wangenflächen bedeckte, und der 
40 Wochen hindurch mit der künstlichen Höhen¬ 
sonne behandelt wurde. Eine restlose Heilung 
wurde nicht erzielt, weil die Kurzeit in der An¬ 
stalt für den Kranken abgelaufen war, und daher 
die Behandlung nicht weiter fortgesetzt werden 
konnte. Die wenigen Knötchen, die noch auf 


der linken Wange sistierten, wären dann auch 
sicher beseitigt worden. Auch aus Erfahrung 
des Referenten kann diese Behandlung empfohlen 
werden. Leider dauert sie so lange und ver¬ 
langt von seiten des Kranken so viele Opfer 
an Zeit und Geld, daß man sehr selten das 
Glück hat, einen Fall bis zur restlosen Heilung 
zu behandeln. 

Blitstein (Berlin-Schöneberg). 

Asbeck (Konstantinopel), Uber Sonnenlicht- 
behandlung. M. ra. W. 1917. Nr. 2. 

Der Verfasser, an die deutsche Abteilung 
des Reserve-Lazarettes Harbin in Konstan¬ 
tinopel kommandiert, berichtet über die dort 
erzielten sehr günstigen Erfolge der Sonnen¬ 
lichtbehandlung bei Wunden aller Art, bei 
Knochenfisteln im Anschluß an Osteomyelitiden 
nach Knochenschußverletzungen und beim 
Skorbut, der heilte, sowie reichliche Besonnung 
möglich war, trotzdem die Nahrung nicht ge¬ 
ändert wurde. H. E. Schmidt (Berlin). 

£• r. Nesnera und E. Rablorzkj (Laibach), 
Zur Therapie der traumatischen Neurose 
I und der Kriegshysterie. W. kl. W. 1916. 
Nr. 51. 

Die Autoren empfehlen zur Behandlung 
der traumatischen Neurose und der Kriegs¬ 
hysterie eine neue Methode der Überrumpelung 
mittelst Fulguration durch eine hochgespannte 
Induktionsfunkenserie, von der sie behaupten, 
daß sie unglaublich rasch wirke, bequem sei 
und dadurch den Patienten und seinen Arzt 
gleichmäßig schone. Nach entsprechender psy¬ 
chischer Vorbehandlung wird der Patient in 
das verfinsterte Röntgenzimmer gebracht, ent¬ 
kleidet und auf einem mit einem Leintuch be¬ 
deckten Holztisch mit nach oben gestreckten 
Armen durch Lederriemen an den Handgelenken 
und Knöcheln fixiert. Der Strom wird durch 
den Apparat des Röntgenlaboratoriums geliefert. 
Unter das Gesäß des Patienten kommen 2 feuchte 
Kalikobinden, deren eine durch einen Draht 
mit der Erde (Gas-, Wasserleitungsrohr), deren 
andere mit dem positiven Pol des sekundären 
Stromes verbunden ist. Mit dem negativen Pol 
ist die in der Hand des Arztes befindliche be¬ 
wegliche Elektrode verbunden, die einen langen, 
aus isolierendem Material bereiteten Stil besitzt. 
Mit der mobilen Elektrode wird, während der 
Strom sich unter Funkenbildung ausgleicht, der 
Körper des Patienten unter entsprechender 
Verbalsuggestion so lange bestrichen, bis er 
selbst das Gefühl der vollständigen Genesung 
hat und dies durch lauten Ruf meldet. Erts 


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125 


Heferate über Bücher und Aufsätze. 


dann wird er aus seiner fixierten Lage befreit. 
Behandlung von 250 Fällen ergab durchweg 
gute Resultate. Roemheld (Hornegg a. N.). 


R. Paschen, Zur Behandlung funktioneller 

motorischer Störungen nach Kaufmann. 

M. m. W. 1917. Nr. 6. 

Die Kaufmann sehe Methode ist nicht 
neu; neu ist nur darin die Auffassung, daß mit 
der Behandlung nicht anfgehört werden darf, 
bis der Erfolg da ist. Fast alle Autoren, die 
die Methode selbst angewandt haben, haben 
sich anerkennend geäußert. Auf der Nonnc- 
schen Abteilung, der diese Arbeit entstammt, 
wurden die einfachen Zitterer, die pseudo¬ 
spastische Parese, hysterische Stummheit, Taub¬ 
heit nnd Erbrechen nur mit Hypnose behandelt; 
mit der Kaufmann sehen Methode die schlaffen 
Lähmungen, Paresen und Dysbasien. Eine Iso¬ 
lierung wurde absichtlich vermieden; die ge¬ 
heilten Fälle blieben auf dem Pavillon, damit 
die neu ankommenden schon in eine suggestive 
Atmosphäre kommen. Aus demselben Grunde 
wurden die Fälle, bei denen ein Nichterfolg 
eingetreten war, sofort nach der Behandlung 
verlegt. Die Dauer jeder Sitzung betrug l / 4 — 
3 Stunden. Es wurde erstrebt, eine möglichst 
vollständige Beseitigung der hysterischen 
Symptome zu erzielen. Eine intensive Nach¬ 
behandlung unter der Kontrolle des behandeln¬ 
den Arztes ist unbedingt erforderlich. Im 
Gegensatz zu Jendrassik ist Verfasser der 
Ansicht, daß die differente Elektrode in loco 
dolenti angesetzt werden soll, weil es die 
Suggestivkraft nur erhöhen kann, wenn der 
gelähmte Arm plötzlich bewegt wird. Von 45 
behandelten Fällen trat bei 9 gar kein Erfolg 
ein. 8 von diesen w\aren auch gegen Hypnose 
durch Nonne refrektär gewesen. Von den 
35 Fällen wurden 25 völlig symptomfrei, 4 ge¬ 
bessert, 6 stehen noch in Nachbehandlung. Die 
neuropathische Belastung seheint bei der Ent¬ 
stehung hysterischer Erscheinungen bei Kriegs¬ 
teilnehmern keine große Rolle zu spielen; es 
waren früher völlig gesunde Menschen, nur bei 
12 Fällen konnte eine irgendwie nennenswerte 
neuropathische Belastung nachgwiesen werden. 
Von den 35 erfolgreichen Fällen trat nur bei 
Dreien ein Rezidiv auf. Nachteile hat Verfasser 
von der Kau f mann sehen Methode nicht ge¬ 
sehen: allerdings hält er sie bei erschöpften 
Individuen für kontraindiziert, da sie an die 
körperliche Widerstandsfähigkeit Anforderungen 
stellt. Auch die Anwendung dieser Suggestiv- 
methöde bleibt eine Kunst, darum werden die 


j Resultate in verschiedenen Händen verschieden 
| sein. W. Alexander (Berlin). 

Rob. Levy (Bergzabern), Über die Resultate 
| der Kau f mannschen Behandlung. M. m.W. 

I 1917. Nr. 6. 

Die Erfolge der Kaufmann sehen Be¬ 
handlung sind zunächst verblüffend. Doch 
macht sich bei den Geheilten eine erhebliche 
j Rezidivneigung geltend. Verfasser teilt 10 
! wahllos ausgesuchte Fälle mit, die alle geheilt 
i aus dem Lazarett entlassen waren und beim 
! Eintreffen in der Genesungskompagnie ihre 
j früheren Zustände in gleichem, zuweilen in 
I verstärktem, selten in abgeschwächtem Maße 
| zeigten. Als Ursache des Rückfalles fand sich 
I eine Aufregung irgend welcher Art. In Wirk- 
! lichkeit ist es der Seelenzustand des Kranken, 

1 der die Rückfälligkeit bedingt. Die Psyche 
I des Hysterikers lauert auf den Anlaß zum 
I Rückfall. Es erscheint demnach die Wieder- 
I Verwendung eines solchen im Feld- oder Gar¬ 
nisondienst untunlich. Verfasser schlägt eine 
Änderung des Entlassungsverfahrens vor. Die 
• Vorstellung von der Rückkehr zur Truppe über- 
I windet alle vorher angewandten Suggestionen. 
Entließe man aber die Kranken nach erfolgter 
Beseitigung der Störungen unmittelbar nach 
Haus, so bliebe zu erwarten, daß das Heil¬ 
resultat ein dauerndes bleibt. Das wäre so zu 
erreichen: Vollkommene Erledigung des Renten- 
j und Entlassungsverfahrens bei der Truppe, erst 
1 dann Einweisung in ein geeignetes Lazarett; 

hier nach Abschluß der Behandlung Erstellung 
I eines Zusatzzeugnisses bezüglich der erreichten 
Besserung, Entlassung nach Haus. Die Er- 
1 sparung an Renten wäre eine beträchtliche, da 
die Erwerbsbeschränkung beim Festhalten der 
| im Lazarett erreichten Heilung meist unter 
! 10%, später aber fast immer bedeutend höher 
einzuschätzen wäre. Die Leute müßten auch 
für längere Zeit von allen Musterungen und 
Nachuntersuchungen befreit sein, da nur dann 
Aussicht auf dauernden Erfolg besteht. 

W. Alexander (Berlin). 

! - 

Strobel (Sandhausen - Heidelberg), Das 
i Kohlenbogenlicht'in der Wundbehandlung. 

I M. m. W. 1917. N. 2. 

Der Verfasser konnte bei oberflächlichen 
Schußwunden rasche Heilung durch Bestrahlung 
mit dem alten, zu unrecht etwas in Vergessen- 
I heit geratenen Kohlenbogenlichtscheinwerfer 
i erzielen. Das erscheint ohne weiteres plausibel, 
, da ja das Kohlenbogenlicht dem Sonnenlicht 
I sehr ähnlich ist. H. E. Schmidt (Berlin). 


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120 Referate über Bücher und Aufsätze. 


E. Sernm- und Organotherapie* 

M. Katzenstein (Berlin), Beitrag zur Tu- 
berkulinbehandlung der sog. chirurgischen 
Tuberkulosen. Festschr. f. J. Orth z. 70. Ge¬ 
burtstage. Ztschr. f. Tuberkulose 1917. 
II. 1-4. 

Die Lungentuberkulose dürfte aus mechani¬ 
schen Gründen häufigen Anlaß zu operativen 
Eingriffen zwecks Ausheilung der Kavernen 
geben, während die Knochentuberkulose in den 
meisten Fällen durch spezifische Therapie (mit 
Alttuberkulin) oder auch durch entsprechende 
Allgemeinbehandlung zur Ausheilung kommt. 
In therapeutischer Beziehung war bei chirur¬ 
gischer Tuberkulose der Soldaten wiegen der 
guten Reaktionsfähigkeit des Organismus wesent- 
• lieh rascher ein Erfolg zu erzielen, als bei den 
lang erkrankten, geschwächten Personen, wie 
sie die Friedenszeit dem Arzte zuftihrt. 

J. Ruhemann (Berlin-Wilmersdorf). 

Charlotte Krause, Über Serumtherapie 
bei Scharlach. Arch. f. Kinderheilkunde 
1916. H. 1 und 2. 

28 Fälle von Scharlach wurden mit Scharlach¬ 
rekonvaleszentenserum eingespritzt. Das Blut 
wurde den Spendern zwischen dem 20. und 30« 
Krankheitstag entnommen, je nach Alter und 
Kräftezustand 200—300 ccm. Die genauere 
Technik muß im Original nachgelesen werden. 
Die Einspritzung wurde mit der Spritze intra¬ 
venös ausgeführt und zwar in Mengen von 
10—100 ccm. Von den 28 Fällen waren 6 Fälle 
sog. Scarlatina gravissima, 11 Fälle Scarlatina 
gravis, 12 Fälle mit hohem Fieber. Es starben 
4 Fälle, alle Scarlatina gravissima. Von den 
28 Fällen wurde bei 24, d. h. in 85 °/ 0 der Fälle, 
kritischer Temperaturabfall erzielt. In 25 % 
der Fälle traten Nebenwirkungen, bestehend 
in Kollaps und Schüttelfrost auf, z. T. wohl 
auf die vorangegangenen scrotherapeutischen 
Behandlung der Spender zurückzuführen; diese 
ist also zu vermeiden. Außer der Temperatur 
besserte sich das Allgemeinbefinden. Exanthem 
und Schuppung verhielt sich nicht anders als 
in unbehandelten Fällen. Inwieweit das Re¬ 
konvaleszentenserum spezifisch wirkt, ist nicht 
sicher, da auch dem Normalserum von einigen 
Autoren eine Einwirkung zugesprochen wird. 

Jap ha (Berlin). 

Margan Franke (Lemberg), Untersuchungen 
über das Verhalten des vegetativen Nerven¬ 
systems während der Menstruation nebst 
Bemerkungen über den Zusammenhang der 


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| „inneren Sekretion“ und Menstruation. 

| Ztschr. f. klin. Med Bd. 84. H. 1 und 2. 

Gestützt auf klinische und experimentelle 
Beobachtungen betr. der Reaktion der Frauen 
auf vago- und sympathikotonische Gifte, bei 
Berücksichtigung der Sekretionstätigkeit des 
Magens, besonders aber noch auf Grund der 
speziellen Analyse des klinischen Bildes der 
während der Menstruation auftretenden Stö¬ 
rungen behauptet Franke, daß die Ursache 
derselben in einer gesteigerten Reizbarkeit des 
N. vagus während dieser Periode gelegen ist. 
Man kann sagen, daß während der Menses ein 
vagotonischer Zustand eintritt, der entweder ganz 
schwindet oder wenigstens zurücktritt, wenn 
die Menstruationsperiode abgelaufen ist. Die 
Steigerung der Reizbarkeit des N. vagus hätten 
wir demnach als einen Zyklus zu betrachten, 
welcher parallel mit den periodischen Schwan¬ 
kungen der Menses läuft. Man kann jetzt leicht 
das oft so komplizierte Bild der Störungen 
verstehen, welche während der Menses bei 
vielen Frauen auftraten. Die Ursache dieser 
Störungen können wir nicht mit Bestimmtheit 
angeben; doch ist die Vermutung gerechtfertigt, 
daß die Ursache der menstruellen Störungen 
und der damit verbundenen Vagotonie wahr¬ 
scheinlich in Veränderungen der Drüsen mit 
sogenannter innerer Sekretion während der 
Menses liegt. Es spricht manches dafür, daß 
hauptsächlich die Funktion der Thyrioidea und 
der Thymus gesteigert, dagegen die Funktion 
der Nebennieren geschwächt ist. 

Freyhan (Berlin). 


A. von Wassermann, Zur Frage der Zu» 
| verlässigkelt der Wassermannschen Re¬ 
aktion. B. W. W. 1917. Nr. 5. 

Nachdem Heller, Freudenberg, und 
| Saalfeld behauptet hatten, daß die Wasser¬ 
mann sehe Reaktion unzuverlässige Resultate 
gibt, indem man häufig von zwei verschiedenen 
Untersuchem über dasselbe Serum entgegen¬ 
gesetzte Diagnosen bekommt, hat Wasser¬ 
mann noch einmal unter schärfsten Bedin¬ 
gungen die Kontrollversuchc wiederholt. Sern, 
die von unparteiischer Seite geteilt wurden, 
wurden an zwei Institute geschickt, die aller- 
| dings die Reaktion genau nach der Wasser¬ 
mann sehen Originalmethodik anstellen. Das 
Resultat ist als geradezu glänzend zu be- 
zeichnen. Die Diagnose war bei 50 Seren in 
48 Fällen gleichlautend nur in 2 Fällen wurde 
! zweifelhaft statt -f- oder — diagnostiziert. 

! Demnach kommt Wassermann zu folgen- 


Qriginal fro-m 

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Referate über Bücher und Aufsätze. 127 


dem Schluß, dem man nun endgültig die Be¬ 
rechtigung nicht mehr wird versagen dürfen: 

„In der vorliegenden Arbeit wird an der 
Hand von Untersuchungen, welche in der 
Kaiser-Wilhelm-Akademie für das militärärzt¬ 
liche Bildungswesen und im Kaiser-Wilhelm- 
Institut für experimentelle Therapie angestellt 
wurden, gezeigt, daß die Wassermann sehe 
Reaktion bei gleichmäßiger Durchführung völlig 
übeinstimmende Resultate erzielt. Alle Ergeb¬ 
nisse, welche bei ein und demselben Serum 
ein verschiedenes Resultat liefern, sind dem¬ 
nach auf ungleichmäßiges Arbeiten oder auf 
Verwendung ungleichmäßig eingestellter Rea¬ 
genzien bei Anstellung der Wassermannschen 
Reaktion zurückzuführen.“ 

W. Alexander (Berlin). 


F. Verschiedenes. 

t. Stejskal (Wien), Uber Intravenöse Chinin- 
Injektionen bei Malaria. W. kl. W. 1916. 
Nr. 37. 

Der Verfasser hat mit gutem Erfolge die 
von Baccelli empfohlene intravenöse Chinin¬ 
einspritzung bei Malaria angewandt. Es waren 
zumeist schwere Tertianaformen, die schon 
vielfach intern mit Chinin vorbehandelt waren 
und trotzdem immer wieder schwere Attacken 
bekamen. Nach 4 bis 5 Injektionen blieben 
gewöhnlich die Anfälle aus. Sehr wichtig ist 
cs, die Einspritzung beim Anstieg des Fiebers 
vorzunehmen; am besten hat sich Chinin, 
hydrochl. 10: 40 bewährt. Er beginnt mit 2 bis 
3 ccm und steigt auf 4 bis 5 ccm; irgendwelche 
Entzündungserscheinungen und nennenswerte 
Reaktionen hat er nicht beobachtet. Eine 
Chininresistenz in dem Sinne, daß gar keine 
Beeinflussung der Anfälle in ihrer Stärke und 
Häufigkeit auftrat, war nie zu konstatieren. 

Freyhan (Berlin). 


Friedrich Hercher (Ihlen I. W.), Die Be¬ 
handlung der Gefäßatonle mit hypertoni¬ 
scher physiologischer Salzlösung. M. m. W. 
1916. Nr. 49. 

Intravenöse Injektion von 9%iger Koch¬ 
salzlösung oder einer Solution, die außer 8,5 % 
Kochsalz je 0,25 % KCl und CaCl 3 (Thies’sche 
Lösung) enthält, erzielt eine schnell einsetzende 
und starke Tonisierung der Gefäßmuskulatur 
unter subjektiver und objektiver Besserung 
des Allgemeinbefindens. Die Wirkung beruht 
auf der Reizung der Gefäßmuskulatur und der 
durch das hypertonisch gewordene Blut auf¬ 


tretenden Ansaugung von 'Wasser aus den 
Geweben. 

J. Ruhemann (Berlin-Wilmersdorf). 


E. Schloß (Berlin), Uber Rachitis. Y. Stoff¬ 
wechselheilung und klinische Heilung. 

B. kl. W. 1916. Nr. 52. 

Die Lebertranwirkung kann als besterforscht 
als Paradigma für den Einfluß der Behandlung 
gelten. Nach Verfasser kennzeichnet sie sich 
folgendermaßen: Der N-Stoffwechsel wird 
wenig beeinflußt. Die Fettausscheidung ist 
nicht erhöht, ein Zeichen für die gute Re¬ 
sorption des Lebertrans, dagegen ist das Ver¬ 
hältnis des Neutralfettes zu den Säuren und 
Seifen im Sinne einer Vermehrung des Neu¬ 
tralfettes, einer Verminderung der Säuren und 
Seifen verändert. Der Kalkgehalt des Stuhles 
wird stark vermindert, in der Änderung 
des Urinkalks fehlt die Gesetzmäßigkeit; je 
niedriger der Urinkalk, um so erfolgreicher ist 
nach Verfasser die Therapie. Die Phosphor¬ 
säurebilanz wird erheblich verbessert durch Ver¬ 
minderung der P-Ausfuhr im Stuhl, die P-Aus- 
fuhr im Urin bleibt unverändert. Die Magnesia- 
Ausscheidung sowohl im Urin wie im Stuhl war 
in den angestellten Versuchen vermehrt. 

Verfasser sieht nun einen Unterschied der 
Lebertranwirkung und der Spontanheilung 
darin, daß der Lebertran hauptsächlich eine 
bessere Ausnützung der Nahrung, eine Re¬ 
sorptionsverbesserung bewirke, die sich haupt¬ 
sächlich bei der Kalk- und Phosphorsäure- 
bilanz bemerkbar macht, während bei der 
Spontanheilung die Ausfuhr durch den Urin 
eingeschränkt wäre. 

Was nun die Nachhaltigkeit der therapeu¬ 
tischen Beeinflussung anbetrifft, so meint der 
Verfasser, daß anscheinend in der überwie¬ 
genden Mehrzahl der Fälle tatsächlich die 
Besserung der CaO- und P 2 0 6 -Bilanz auch 
nach Aussetzen der Lebertranmedikation an¬ 
dauert, wofern nur die Darreichung genügend 
lange Zeit fortgesetzt worden war. Die kli¬ 
nische Besserung der rachitischen Erscheinungen 
kann nicht so schnell zutage treten wie die 
Besserung der Stoffwechselbilanz, denn nach 
den vorliegenden Versuchsreihen müssen so 
außerordentlich hohe Mengen von Ca 0 ange¬ 
setzt werden, um eine Heilung zu erzielen, 
daß der Körper dies nur in einer langen Zeit¬ 
spanne leisten kann. Bei schneller Heilung 
von Atrophien kann die Rachitis besonders 
schnell und schwer auftreten, wegen der Dis¬ 
soziation von Knochen- und Weichteilansatz. 


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128 


Referate über Bücher lind Aufsätze. 


Das beste klinische Zeichen der Heilung der 
Krankheit ist der Rückgang der Kraniotabes. 
Die Rezidivneigung ist bei der Krankheit sehr 
groß. Es soll deshalb nicht zu früh mit der 
Behandlung aufgehört werden, und sie soll 
mit kurzen Pausen lange fortgesetzt werden, 
dauernd namentlich in den ersten 2 oder 3 Win¬ 
tern. Erst nach Vollendung des dritten Lebens¬ 
jahres könne man vor erneuter Exazerbation 
ziemlich sicher sein. Jap ha (Berlin). 

H. Machwitz und M. Rosenberg (Char- 
lottcnbnrg-Westend), Klinische nnd funk¬ 
tionelle Studien Uber Nephritis. M. m. W. 

1916. Nr. 50, 51 und 52. 

Ausgehend von dem Grundsatz, daß bei 
der Therapie der Nierenentzündung weniger 
die Schädigung des anatomischen Substrates, 
als die der funktionellen Tätigkeit und deren 
Reparatur in Betracht kommt, fassen die Au¬ 
toren die Behandlungsmaximen in folgenden 
Sätzen zusammen: 

1. Nephrose: Bei den ödematösen Fällen 
sind die Entziehung des Kochsalzes in der 
Nahrung und die Beschränkung der Flüssigkeits¬ 
zufuhr die wichtigsten therapeutischen Ma߬ 
nahmen. Sonstige Nahrungsmittel, insbesondere 
auch salzarmes Fleisch jeder Art, können un¬ 
bedenklich gegeben werden. In den akuten 
Fällen und solange Ödeme bestehen, ist Bett¬ 
ruhe wünschenswert. 

2. Akute diffuse Glomerulonephritis** 
Die Therapie muß, wenn irgend möglich, die 
völlige Heilung der akuten Erkrankung zu er¬ 
streben suchen, weil es anderenfalls regelmäßig 
zur sekundären Schrumpfniere kommt. Das 
Hauptmittel zur Heilung besteht in strikter 
Bettruhe, die möglichst so lange cingchalten 
werden soll, als die Hämaturie dauert. Beim 
Bestehen einer Azotämie ist die Beschränkung 
der Eiweißzufuhr in der Nahrung erforderlich, 
während die Gesamtflüssigkeit etwa l , / a —2 1 
pro Tag betragen soll. In welcher Form das 
Eiweiß zugeführt wird (Milch, Fleisch usw.), 
ist gleichgültig. Die Kochsalzzufuhr ist in 
solchen Fällen auch mäßig zu beschränken. 
Auf die oft bis w-eit in die Rekonvaleszenz 
hinein bestehende Störung des Konzentrations¬ 
vermögens ist in der Diät Rücksicht zu nehmen. 

3. Misch form: Die Diät ist, je nachdem 
die Azotämie oder die Ödeme vorherrschen, i 
mehr den für die schwere akute Glomerulo¬ 
nephritis oder für die schwere Nephrose auf- 
gestellten Grundsätzen anzupassen. Bei der 
eklamptisclien Urämie ist der wuchtigste thera¬ 


peutische Eingriff nicht der Aderlaß, sondern 
die Lumbalpunktion. 

4. Herdförmige Glomerulonephritis: 
Die Therapie beschränkt sich auf Bettruhe, so¬ 
lange Hämaturie besteht. 

5. Chronische Glomerulonephritis II: 
Eine besondere Therapie oder Diätetik ist über¬ 
flüssig. Wichtig ist die Verhütung von Rezi¬ 
diven. 

6. Chronische Glomerulonephritis im 
Insuffizienz Stadium: Um die terminale 
Urämie nach Möglichkeit hinauszuschieben, ist 
es erforderlich, den Nahmngsstickstoff auf 3 bis 
5 g pro die zu beschränken und die Gesamt¬ 
flüssigkeit auf 2Va—3 Liter zu erhöhen. Auch 
der Kochsalzgehalt der Nahrung ist knapp zu 
bemessen. 

7. Maligne Sklerose: Die diätetischen 
Forderungen sind die gleichen wie bei der chro¬ 
nischen insuffizienten Glomerulonephritis. Es 
ist jedoch häufig erforderlich, wenn die kardiale 

i Insuffizienz mehr in den Vordergrund tritt, die 
Flüssigkeitszufuhr zu verringern. 

Bei allen Formen der Azotämie wirkt der 
i Aderlaß subjektiv günstig; der Erfolg oder 
Mißerfolg der therapeutischen Maßnahmen muß 
durch wiederholte Untersuchungen des Blutes 
auf seinen Gehalt an Retentionsstoffen kon¬ 
trolliert werden. 

8. Benigne Sklerose: Bei den kardialen 
und zerebralen Störungen zeitigt die Trocken- 
diät oft überraschende Erfolge. Die sonstige 
Therapie fällt zusammen mit der der allgemeinen 
Arteriosklerose und der Herzinsuffizienz. Die 
Behandlung des insuffizienten Herzmuskels ist 
im Gegensatz zu den Fällen von maligner Skle¬ 
rose meist eine äußerst dankbare Aufgabe. 

J. Ruhe mann (Berlin-Wilmersdorf}. 

M. Kirchner, Die Tuberkulose im Kindes» 
alter. Alis Festschr. für J. 0 rth z. 70. Geburts¬ 
tage. Ztschr. f. Tuberkulose 1917. H. 1. 

Den kontagionistischen Standpunkt bezüg¬ 
lich der Entstehung der Tuberkulose im Kindes¬ 
alter scharf hervorhebend, sicht Verfasser die 
wirksame Bekämpfung im Zusammenwirken 
von Elternhaus, Schule und Allgemeinheit. 
Indem er die hier einzuschlagenden Richtlinien 
in großen Zügen zeichnet, wünscht er vor allem 
die mit allen Mitteln anzustrebende Vermehrung 
der Heilstätten für lungenkranke Kinder, der 
Waldschulen und Walderholungsstätten und 
einen lückenloseren Ausbau der Atiskunfts- und 
Fürsorgestellc für Lungenkranke. 

J. Ruhe mann (Berlin-Wilmersdorf i. 


liitrlin, l)ru:k von W. Bllxon.stein. 


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UNIVERSETY OF MICHIGAN 



























Original-Arbeiten. 


i. 

Emil v. Behring *f\ 


Am 31 . März d. J. schied Emil v. Behring aus der Zahl der Lebenden, der 
Begründer einer neuen Epoche der Therapie. Er hat durch die Serumtherapie nicht 
bloß einen neuen therapeutischen Weg gebahnt, sondern dem Gedankengang der Me¬ 
dizin überhaupt eine neue Richtung gegeben. Dies war ohne starke Kämpfe gegen 
die herrschenden Anschauungen nicht möglich. Die glänzenden Erfahrungen, welche 
ira gegenwärtigen Kriege bezüglich der prophylaktischen Wirkung des Tetanus¬ 
heilserums gemacht worden sind, bedeuten einen endgültigen Sieg Behrings. 
Daß er ihn erleben durfte, erfüllt die ihm dankbare medizinische Welt und in 
Sonderheit seine engeren Freunde, mit inniger Genugtuung. Behring war der 
Mann, seine Ideen und sich selbst durchzusetzen. Er kämpfte für sie wie ein 
Held, gegen die Dinge wie gegen die Menschen, und zwar nicht bloß mit der 
Feder, sondern unter Einsetzung seiner ganzen Persönlichkeit, seines ganzen 
Daseins. So trug er als junger Forscher, auf sein Stabsarzt-Gehalt angewiesen, 
kein Bedenken, sich für seine Tierversuche in eine Schuldenlast zu stürzen, welche 
ihn beim Mißlingen erdrücken mußte. Aber mit genialer Intuition sah er sein 
hohes Ziel scharf und klar voraus, und äußere Schwierigkeiten schienen für ihn 
nur geschaffen, seinen Willen zu stählen. Wenn es dies allein gewesen wäre! 
Aber dem Heldentum fehlte auch die Tragik nicht. Ein chronisches körperliches 
Leiden trat hemmend in den Weg, schon in der Zeit, als es galt, alle Kräfte 
zum Ausbau der Methode und zu ihrer praktischen Durchführung zusamtnenzu- 
fassen. Mit bewunderungswürdiger Energie erhob er sich über seine Beschwerden, 
keiner sentimentalen Regung zugänglich; der Geist bändigte die Materie. Es ist 
eines der unvergänglichen Verdienste, welches sich der kongeniale Althoff um 
die Medizin und die Menschheit erworben hat, daß er Behring in der schweren 
Kampfzeit in richtiger Erkenntnis seines Genies die Schwierigkeiten überwinden 
half und den Weg ebnete. Behring hing mit tiefer Dankbarkeit zeitlebens an 
Althoff. 

Auch das versöhnende Moment wurde dem Kämpfer zuteil: ein überaus 
glückliches Familienleben. Der durch die eiserne Notwendigkeit wie durch kühle 
Lebensklugheit zurückgehaltene Strom innigen Gemüts quoll über; der auf der 
Höhe seiner Erfolge Stehende wertete das ihm beschiedene Familienglück als 
Lebensinhalt so hoch, wie die ihm Ferneren es wohl kaum von ihm vermutet haben. 

Zeitachr. f. phyaik. u. diät. Therapie Bd. XXI. Hift j. 9 


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Original ffom 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



130 


Emil v. Behring f. 

Schon als junger Arzt faszinierte Behring seine Freunde durch die Gro߬ 
zügigkeit seiner Ideen und seiner Lebensauffassung. In seinem Junggesellenheim, 
wo er gern gastlich einen Freundeskreis um sich sah, gab es manche scharfe 
Diskussion. Denjenigen, welche ihn mit dem Rüstzeuge der Schulweisheit an- 
griffen, erschienen seine Entgegnungen nicht selten sprunghaft; er schien beim 
Ausschreiten den festen Boden zu verlieren. Aber die Zeit hat ihm Recht gegeben! 

Welche besonderen Beziehungen bestehen nun zwischen Behring und den 
Tendenzen dieser Zeitschrift? Nun mit einem Wort: Behring ist ein echter 
Hippokratiker. Die Serumtherapie ist in Wahrheit eine natürliche, eine der 
Natur abgelauschte Heilmethode. In der Vorrede, mit welcher v. Leyden und 
ich den 1. Band unserer Zeitschrift eröffueten, stellten wir die hygienisch-diätetische 
Behandlungsmethode, welche der Allgemeinbehandlung, der Erhaltung und Stärkung 
der Widerstandskraft des kranken Menschen dienen sollte, der spezifischen Be¬ 
handlung gegenüber; die Behringsche Heilserumtherapie mit ihren glänzenden 
Erfolgen wurde als Beispiel der spezifischen Therapie hervorgehoben. Diese 
Anschauung läßt sich in der damaligen Abgrenzung jetzt nicht mehr festhalten. 
Auch die physikalisch-diätetische Therapie löst spezifische Wirkungen aus, wie 
sich an zahlreichen Beispielen zeigen läßt. Schon längst hat die Zeitschrift 
in das ihr zufallende Gebiet die Serumtherapie einbezogen. Der natürliche Heil¬ 
prozeß, welcher durch den Krankheitsaffekt ausgelöst wird, hat den Charakter 
einer spezifischen Abwehrreaktion. Die hygienisch-diätetisch-physikalische (natür¬ 
liche) Heilmethode sucht den Heilprozeß zu unterstützen, indem sie Regulie¬ 
rungen auslöst, welche im Sinne der Abwehrreaktion wirken; sie beschränkt 
sich keineswegs auf die bloße allgemeine Kräftigung des Gesamtorganismus. 
Ja vielfach haben sich ganz spezifische Methoden herausgebildet; man denke 
an die Röntgentherapie, an die spezifischen Diätformen bei Gicht usw., bei Ne¬ 
phritis, die Karelische Kur u. a. m. Es bestehen in der Tat prinzipiell enge 
Berührungen mit der Serumtherapie, welche den natürlichen Heilprozeß bei den 
Infektionen nachahmt. Ich habe bei mehreren Gelegenheiten darauf hingewiesen, 
daß die Serumtherapie das Muster einer „Naturheilmethode“ ist und daß einer 
der Typen der naturgemäßen Therapie gerade in der Anwendung gewisser spezi¬ 
fischer Heilmittel besteht. Behring sah in der Serumtherapie vorzugsweise eine 
ätiologische Therapie. Aber der Naturheilprozeß ist in seiner Art durch die 
Krankheitsursache bestimmt und daher selbst als ein ätiologischer Heilvorgaug zu 
charakterisieren. Es ist kein Zweifel, daß das Ideal der Therapie die ätiologische ist. 

Und so dürfen wir v. Behring auch als den unsrigen betrachten. 

Goldscheider. 


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Fritz Schanz, Das Licht als Heilmittel. 


131 


n. 

Das Licht als Heilmittel. 

Von 

San.-Rat Dr. Fritz Schanz 

in Dresden. 

Die Grundbedingung alles irdischen Lebens ist die Energie, die uns die 
Sonne zustrahlt. Sie ist ein Gemisch von Strahlen verschiedenster Wellenlänge, 
deren Wirkung auf unseren Oiganismus wir ganz verschiedenartig empfinden. 
Einen Teil vermag unsere Haut als Wärme wahrzunehmen, ein Teil vermag als 
Licht unserer Netzhaut zu erregen, ein dritter Teil vermag weder in der Haut, 
noch in dem Auge Empfindungen auszulösen, und doch ist er für den Organismus 
nicht gleichgültig. Es sind dies die Strahlen, die wir, weil sie im Spektrum 
jenseits violett liegen, als ultraviolette bezeichnen. Sie sind chemisch besonders 
wirksam, und ich konnte zeigen, daß sie auch auf die Eiweißkörper intensiv 
einwirken 1 ). Aus leichtlöslichen Eiweißstoffen werden unter Lichteinwirkung 
schwerer lösliche, und in der Natur gibt es zahlreiche Stoffe, die nach Art der 
Katalysatoren diesen Prozeß positiv und negativ beeinflussen. Vor allem die 
ultravioletten Strahlen wirken auf das Protoplasma als Reiz. Wir wissen jetzt, 
wie das Licht als Motor eingreift in das Triebwerk alles irdischen Lebens. 

Von Anbeginn des Lebens wird man das Licht als Lebensfaktor und Behüter 
der Gesundheit erkannt haben, denn schon aus dem grauen Altertum stammt uns 
die Kunde, daß Licht in bewußter Weise als Heilmittel verwandt wurde. So 
verschiedentlich es auch gebraucht wurde, es fehlte die scharfe Indikationsstellung, 
die erst ermöglicht wird, wenn man genaueren Einblick in seine Wirkungen auf 
den Organismus erlangt hat. Nils Finsen hat zuerst erkannt, daß den ultra¬ 
violetten Strahlen besondere Heilwirkungen zukommen. Er hat den Lupus der Haut 
geheilt dadurch, daß er Licht, das besonders reich an ultravioletten Strahlen war, 
auf diese Krankheitsherde konzentrierte. Diese Behandlung hat zu glänzenden 
Resultaten geführt und allenthalben Anerkennung gefunden. Die Erfolge bei 
dieser Krankheit gaben Veranlassung, auch bei innerer Tuberkulose die Licht¬ 
behandlung zu erproben. Sonnenbäder wurden wieder üblich. Ohne scharfe 
Indikationen wurden sie von der sogen. Naturheilmethode empfohlen. Männer der 
Wissenschaft suchten schärfere Indikationen dafür zu finden. So war es vor 
allem Dr. Bernhardt in St. Moritz, der zeigen konnte, daß Wunden aller Art 

■) F. Schanz, Die Wirkungen des Lichtes auf die lebende Substanz, Pflügers Arch. f. Physio¬ 
logie, Bd. 161; Die Lichtreaktion der Eiweißkörper, Pflügers Arch. f. Physiologie, Bd. 164; Die 
Wirkungen des Lichtes auf die lebende Zelle. M. m. W. 1915. Nr. 19. 

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132 Fritz Schanz 


unter der Einwirkung des Sonnenlichtes auffallend rasch heilen. Dasselbe fand 
er bei tuberkulösen Wundhöhlen, bei geschlossener Tuberkulose der Knochen, 
Sehnenscheiden, Drüsen, des Bauchfells, des Rippenfels und des Harnapparates. 

Während Bernhardt noch vorwiegend den Krankheitsherd und seine nächste Um¬ 
gebung belichtete, konnte Rollier in Leysin zeigen, daß man die beste Wirkung 
bei Bestrahlung des ganzen Körpers erreicht. Die Ergebnisse dieser Behandlung 
sind vielfach nachgeprüft und bestätigt worden. Wir sind um ein neues Heil¬ 
verfahren reicher, wir kennen jetzt eine Allgemeinbehandlung innerer Leiden mit 
Licht. Mit Begeisterung wird sie geübt, und doch gilt es noch, die Grundlagen 
dieser Therapie genauer zu studieren. Das allererste muß da sein das Studium 
des Lichtes. Welche Strahlen dabei die Hauptrolle spielen, habe ich oben schon 
erwähnt, wie sie auf das Protoplasma in den Zellen und damit auf den Organismus 
einwirken, habe ich auch anderwärts schon angeführt. Mit welchem Licht er¬ 
reichen wir praktisch die besten Erfolge? Bernhardt hat seine Erfolge in St. Moritz. 
Rollier in Leysin mit direkter Sonnenbestrahlung erzielt. Es sind dies Orte in 
Höhenlagen von 12—1500 m. Die Höhensonne ist sichtlich dabei wirksamer als 
in Sonne in der Ebene. Das Spektrum des Sonnenlichtes reicht günstigstenfalls 
bis zu einer Wellenlänge von 200 ////. Auf dem Monte Rosa, bei Ballonhochfahrten 
bis 8000 m hat man fast dieselbe Ausdehnung des Spektrums gefunden. Auch in 
der Ebene, so in Potsdam, Kairo, Assuan hat man bei günstigen Luftverhältnissen 
noch Strahlen bis zu dieser Wellenlänge feststellen können. Wenn auch die Aus¬ 
dehnung des Sonnenspektrums in den verschiedenen Höhen nicht allzu ver¬ 
schieden ist, so erleidet doch das Strahlengemisch bei dem Durchgang durch die 
Atmosphäre erhebliche Veränderungen dadurch, daß die Strahlen je nach ihrer Wellen¬ 
länge verschieden stark beeinflußt werden. Je kurzwelliger sie sind, desto 
stärker werden sie absorbiert, reflektiert uud diffundiert.' Die Wolken, Nebel, Ver¬ 
unreinigungen der Luft verändern somit die Zusammensetzung des Lichtes, aber 
schon die Moleküle der Luft allein wirken in diesem Sinne. Sie zersplittern den 
Lichtstrahl, diese Absplitterung des Lichtes an den kleinsten Teilen, die man als 
Diffusion bezeichnet, ist bedeutend stärker für blauviolette und ultraviolette als 
für rote Strahlen. Auf dieser erhöhten Absplitterung des kurzwelligen Lichtes 
beruht die gelbe Farbe der Sonne und die blaue Farbe des Himmels. Wenn unsere 
Erde ohne Atmosphäre wäre, müßte der Himmel schwarz aussehen. Dadurch, daß 
das direkte Sonnenlicht bei dem Durchgang durch die Luft blauviolette Strahlen 
in erhöhtem Maße verliert, erscheint die Sonne unserem Auge gelb. Bei Sonnen¬ 
aufgang und Untergang erscheint sie rot, ihr Licht hat eine größere und dichtere 
Luftschicht zu passieren und verliert in erhöhtem Maße die blauvioletten Strahlen. 
Die blauvioletten Strahlen, die von dem direkten Sonnenlicht abgesplittert werden, 
bedingen die blaue Farbe des Himmels. Je mehr das direkte Sonnenlicht in der 
Atmosphäre vordringt, desto mehr wird es an solchen Strahlen verlieren, und diese 
kommen dabei immer mehr dem diffusen Himmelslicht zugute. Diese eigentümliche 
Verteilung des Lichtes ist die Ursache, daß die Schatten im Hochgebirge schwärzer 
erscheinen als in der Ebene. Der Kontrast zwischen der direkten Sonnenstrahlung 
und dem diffusen Tageslicht ist. dort größer als hier. 

In dem verschiedenen Gehalt des Lichtes an kurzwelligen Strahlen liegt die 
Erklärung der Heilerfolge bei den Versuchen von Bernhard und Rollier, und 


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Das Ljcf#t a)* fleilt»inet 


dem ungenügenden Ergebnissen bei der; ;ibri!ici>erf Tefsucheii, die in der • Ebene, 
ausq/fuhrt Wörden sind. Dort inr Höftegebirve «>j clea die Kranken selbst zw; 
'Winterszeit der direkten Bestrahlung durch die Sonne: aufgesetzt. Gerade zu 
dieser -Jahreszeit hat man die glänzendste!! Ki folge, ins Sommer sind die für die 
Tinrräpte iii Frage könunenden Strahle»; wahrscheinlich zu intensiv. Zu dieser 
Jafir^szelt sehen uiir, wie. das Lieht dort heftig», Entzündungen an der Haßt und 
den Augen auszajfrsen vermag. 0iets?}fii|^rand, Seiiiteöhliitdlbfk' sind dam} allgemein 
bekannte Wirkungen des Lichtes, 'K«liier hat verstanden, solche Eotaliodungeft 
bei seiner Behandlung m vermeiden, dadurch »laß e-v.seine Uatienteii erst allmählich 


nof: Sonneniieictes 
AuffM'o.jmrur'n 
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2Ö, März 1916 
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des Liciifes 
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Bögeni;nbpe.. 


an dieses Licht gewöhnt.. lai Winter sind diese entziintlungserregendeu Strahlen 
stark vejmindert, Man sieht dies daran, daß dann, nicht eltühal bei höchsten 
Skitouren, fDetscherbrand anttritt. Km im Frühjahr bei bereit» gesteigerter 
Sonnenhöhe ■•.beginnen die Haut- und Augeiientzuudurigtn. die im Sommer lhfotge 
Hautverbrennungen auch die abgehärtetste» -Naturen gefährden. Wenn das Tages¬ 
licht dort, soviel au Ultraviolett verloren. daß es nicht mehr entzündvingserregend 
auf die Haut ein wirkt, haben wir das beste Licht für die Allgemeinbehandlung. 

Diese Erkenntnis zwingt uns, Versuche anzüshdten* ob nicht auch mit 
künstlichen Lichtquellen ähnliche Heihvirkuiigea zu erreichen sind, ln der 
Therapie haben w ir schon ef»eLichtquelle, die als Ersatz des. Lichtes im Rach¬ 
gebirge empfohlen wird 


Fs ist dies die Quarzlampe, die man mit einem Kranz 


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134 


Fritz Schanz, Das Licht als Heilmittel. 


von Glühlampen und einen Reflektor versehen hat. Wer nur einigermaßen die 
Zusammensetzung des Lichtes kennt, weiß, daß kein Licht, das für Beleuchtung 
gebraucht wird, mehr von dem Licht der Sonne abweicht, als das Licht der 
Quarzlampe, das man jetzt als „künstliche Höhensonne“ empfiehlt. 

Abb. 20 sind Spektren 1 ) des Sonnenlichtes, die mittelst Quarzspektrographen 
vom 20. März 1914 mittags l 30 in Dresden aufgenommen worden sind. Abb. 21 
sind unter gleichen Bedingungen aufgenommene Spektren der Quarzlampe. Das 
Spektrum des Quarzlichtes ist diskontinuierlich, ein sog. Bandenspektrum. 
Einzelne getrennte Lichtarten erreichen eine sehr hohe Intensität, während 
dazwischen ganze Lichtarten fehlen. Auf der langwelligen Seite des Spektrums 
fehlt das ganze rote Licht, auf der kurzwelligen Seite haben wir einen großen 
Überschuß von Strahlen, die im Sonnenlicht gar nicht enthalten sind. Dieser 
Überschuß an Strahlen ist der Hauptfehler der „künstlichen Höhensonne“. Diese 
Strahlen sind es, die vor allem die Entzündungserscheinungen an der Haut 
veranlassen. Die Wirkung dieser Strahlen muß man bei der Allgemeinbehandlung 
mit Licht vermeiden, um die heilenden Wirkungen der Strahlen, die im Sonnen¬ 
licht wirksam sind, zur Geltung gelangen zu lassen. Glas entzieht dem Licht 
einen großen Teil ultravioletter Strahlen, die meisten Gläser zu viel. Es gibt 
auch Gläser, die, so weit man das Sonnenspektrum im Hochgebirge reicht, für 
diese Strahlen durchlässig sind. Mit solchen Gläsern könnte man das Quarzlicht 
filtrieren und für die Therapie geeigneter machen. Besser noch dürfte sich die 
offene Bogenlampe dazu eignen. Abb. 22 zeigt solche Spektren. Wenn man deren 
Licht durch ein Glas filtriert, das bei einer Wellenlänge von 300 fi/i das Spektrum 
abschneidet, so erhält man ein Licht, das die im Sonnenlicht wirksamen Strahlen 
reichlich enthält. 

Wie ließe sich damit ein Lichtbad einrichten, das dem Sonnenbad im Hoch¬ 
gebirge zur Winterzeit einigermaßen entspricht? Da müssen wir uns zunächst 
klar machen, um welche Lichtintensitäten es sich dort handelt. Die Helligkeits¬ 
strahlung der Sonne schätzt man dort auf 90 bis 150 Tausend Hefnerkerzen, für 
die ultraviolette Strahlung fehlt uns jedes Maß. Wir können aber das, was wir 
in der Therapie durch die Intensität des Lichtes nicht in gleicher Weise erreichen, 
vielleicht durch verlängerte Exposition erzielen, und wir müßten die Helligkeit 
des Tageslichtes neben den künstlichen Lichtquellen verwenden. Das ließe sich 
erreichen, wenn wir für Lichtbäder Räume verwenden, die gegen die Atmosphäre 
leicht abschließbar und gut zu heizen sind, in die wie bei photographischen 
Ateliers das Tageslicht ausgiebig durch für Ultraviolett gut durchlässige Gläser 
eindringen kann. Sobald es die Außentemparatur gestattet, müßten die Patienten 
der direkten Sonnenwirkung ausgesetzt werden. Mittelst künstlicher Lichtquellen 
müßte dabei das Tageslicht mit kurzwelligen Strahlen bis etwa 300 /ifi Wellen¬ 
länge angereichert werden. 

In den Mittelgebirgen, in der Ebene, an der See haben wir im Sommer 
meist lange Zeit gleichmäßigen Sonnenschein, der therapeutisch besser auszunützen 
wäre, als dies jetzt geschieht. Man sieht, daß zu dieser Jahreszeit auch hier 
das Licht ausreicht, um an den sonst dem Licht wenig ausgesetzten Körperstellen 

*) Die Spektren sind entnommen meiner Arbeit „Höhensonne“, die in der Lichttherapie 
erscheinen wird. 


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Bartels, Über Arbeitsbehandlung, ihre Indikationen und ihre Anwendung usw. 135 


Hautentzündung zu erzeugen, und daß der Körper auch hier unter der Einwirkung 
des Sonnenlichtes intensiv bräunt. Wenn diese Wirkungen des Tageslichtes 
nachlassen, müßte man mittelst künstlicher Lichtquellen es mit kurzwelligen 
Strahlen anreichern. In den Mittelgebirgen, in der Ebene, an der See haben 
wir noch Faktoren, die das Hochgebirge nicht aufweist und die mit aller Wahr¬ 
scheinlichkeit die Lichtwirkung auf den Organismus noch zu steigern vermögen. 
Ich habe schon andernorts 1 ) darauf aufmerksam gemacht, daß wir mit den Mineral¬ 
wässern bei Trinkkuren Stoffe in den Organismus einführen, die nach Art der 
Katalysatoren die Lichtwirkung auf den Organismus steigern. In den Mineral¬ 
bädern, in den Seebädern wird unsere Haut mit Stoffen getränkt, die in gleicher 
Weise die Lichtwirkungen erhöhen. Trink- und Badekuren sind, bei Lichte 
besehen, eine Lichttherapie. 

Erst wenn wir diese Verhältnisse genauer geklärt, werden wir lernen, das 
Licht als Heilmittel richtig auszunützen. 

*) Die Wirkung des Lichtes auf die lebenden Organismen. Biochem. Ztschr. Bd. 71. 


in. 

Ober Arbeitsbehandlung, ihre Indikationen und ihre 
Anwendung im Heilverfahren der Landes¬ 
versicherungsanstalten. 

Von 

Sanitätsrat Dr. Bartels, 

Chefarzt der Heilstätte Gottleuba i. Sachsen. 

(Schluß.) 

Nachdem wir nunmehr die Vorbedingungen, die eine methodische und er¬ 
folgreiche Arbeitsbehandlung fordert, ansführlich besprochen haben, erhebt sich 
die Frage, ob und in welchem Umfange das Krankenmaterial der 
Genesungsheime, Sanatorien und Heilstätten der Landesversicherungs¬ 
anstalten den Indikationen für eine Behandlung mit planmäßiger Arbeit 
entspricht, und ob weiterhin diese Anstalten in ihrer Betriebsführung 
und in ihren Einrichtungen für eine sachgemäße und erfolgreiche Durch¬ 
führung der Arbeitsbehandlung geeignet erscheinen. 

Zu einer umfassenden und allgemeinen Beantwortung dieser Fragen fehlen 
brauchbare und ausreichende Unterlagen. Aus den statistischen Zusammenstellungen 
nach Krankheitsgruppen, wie sie die Jahresberichte bringen, lassen sich die In¬ 
dikationen für die Arbeitsbehandlung nicht herauslesen, und ebensowenig sind 
die ausführlichsten Beschreibungen der Anstalten und ihrer Einrichtungen bei der 
großen Verschiedenheit, wie sie sich aus der Zusammensetzung ihrer Insassen 
nach Alter, Geschlecht, Krankheit, Beruf, Lebensstellung und Volkscharakter, sowie 
nach der Größe der Belegungsziffer und nach der örtlichen Lage ergeben, für die 


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13(! 


Bartels 


Praxis der Arbeitsbehandlung verwertbar. Wir sind daher, um in der Erledigung 
dieser Fragen zu einem objektiven Ergebnis zu gelangen, vorläufig auf die eigenen 
Beobachtungen und Erfahrungen angewiesen und wollen deshalb unseren 
weiteren Betrachtungen über die Arbeitsbehandlung und ihre Durchführbarkeit im 
Heilverfahren für Versicherte die Verhältnisse der Heilstätte der Landes¬ 
versicherungsanstalt Königreich Sachsen in Gottleuba, wie sie sich im 
Jahre 1914 gestaltet haben, zugrunde legen. 

Die Heilstätte verfügt über 550 Betten, die zu zwei Drittel für männliche, 
zu einem Drittel für weibliche Kranke bestimmt sind. 

Aufnahme und Behandlung finden nur Kranke, die gegen Invalidität ver¬ 
sichert sind, und bei denen den Bestimmungen der K. V. 0. (§§ 1269fg, 1305, 
1518 fg) gemäß vom ärztlichen Standpunkte aus nach dem ganzen Krankheits¬ 
bilde, dem Allgemeinbefinden und den sonstigen Verhältnissen des Erkrankten 
durch die Anwendung eines geeigneten, von der Krankenversicherung nicht zu 
gewährenden Heilverfahrens nicht nur ein vorübergehender, sondern ein Jahre 
anhaltender günstiger Erfolg — Abwendung der Invalidität im Sinne von §§ 1255. 
1258 R. V. 0. — zu erwarten stellt. 

Ausgeschlossen von der Aufnahme sind jedoch Geistesgestörte und die¬ 
jenigen Kranken, die in eine Lungen- oder Trinkerheilstätte gehören, oder die 
einer chirurgischen, orthopädischen, äugen- und olirenärztlichen Fachbehandlung 
bedürfen. 

Im Jahre 191+ sind in der Heilstätte insgesamt 2911 (1813 männliche. 
1098 weibliche) Versicherte behandelt worden. Von diesen litten 1335 (822 Männer 
und 513 Frauen) an Krankheiten des Nervensystems, und zwar waren unter 
diesen nur 27 (22 männliche und 5 weibliche) Fälle organisch nervenkrank, die 
übrigen, nämlich 800 Männer und 508 Frauen, zusammen 1308, gehörten zu den 
funktionell Nervenkranken. Die funktionellen Krankheiten des Nerven¬ 
systems standen also mit fast 46 °/ J aller Behandlungsfälle an erster Stelle. 

Der nächste Platz gehörte den Erkrankungen an Gelenk- und Muskel¬ 
rheumatismus, die mit 4s3 männlichen und 15S weiblichen, zusammen mit 
581 Kranken, das sind rund 20 °/ 0 der Gesamtheit, vertreten waren. Diesen 
folgten Bleichsucht und Blutarmut mit 15 %, und in schnellem Abfall die 
Krankheiten der Kreislauforgane mit etwa 5 °/ 0 und die der Verdauungs¬ 
organe mit fast 4 °/ 0 . Die restlichen drei Prozent entfielen auf Stoffwechsel¬ 
störungen, Nieren- und Frauenkrankheiten. Mechanische Verletzungen, die 
eine Nachbehandlung im Sinne der Übung verlangten, waren überhaupt nicht 
dabei. 

Die durchschnittliche Behandlungsdauer betrug, auf die Gesamtheit be¬ 
rechnet, 36 Tage; sie war bei Männern und Frauen annähernd die gleiche und 
blieb auch bei den Nervenkranken in denselben Grenzen. 

Wenn man nun die im Jahre 1914 behandelten Krankheitsfälle mit Rück¬ 
sicht auf die etwaige Anwendung einer spezifischen Arbeitsbehandlung 
und unter Hinweis auf die Ausführungen über die Indikationen der¬ 
selben durchmustert, so scheiden ohne weiteres alle diejenigen aus, deren Be¬ 
handlung eine fortlaufende ärztliche Aufsicht erfordert und deren Wiederherstellung 
besondere und andere Heilmethoden und Kurmaßnahmen nötig macht. Es sind das 


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Ober Arbeitsbehandlung, ihre Indikationen u. ihre Anwendung im Heilverfahren usw. 137 


die Erkrankungen an Gelenk- und Muskelrheumatismus, an Blutarmut und Bleich¬ 
sucht, die Krankheiten des Kreislaufs, der Atmungs- und Verdauungsorgane, sowie 
die Störungen des Stoffwechsels, chronische Vergiftungen, Nieren- und Frauen¬ 
krankheiten. 

Aber auch unter den 1308 funktionell Nervenkranken des Jahres 1914 
konnten wir nur ganz vereinzelte Fälle herausfinden, die sich möglicherweise 
unter Fortfall einer anderen Kur für die Durchführung einer systematischen 
Arbeitsbehandlung geeignet hätten. 

Es kann das bei einiger Überlegung nicht wundernehmen, denn mit der 
Übernahme des Heilverfahrens seitens der Landesversicherungsanstalt sind die der 
Heilstätte überwiesenen Nervenkranken, den gesetzlichen Vorschriften entsprechend, 
bereits nach ihrer Besserungsfähigkeit und Heilbarkeit gesichtet und nach der 
Wahrscheinlichkeit ihrer wirtschaftlichen Herstellung im Sinne der Invaliden¬ 
versicherung ausgewählt. So kommt es, daß die in der Heilstätte behandelten 
Nervenkranken fast sämtlich an den prognostisch günstigen erworbenen Er¬ 
schöpfungszuständen des Nervensystems leiden, die erfahrungsgemäß zu den 
dankbarsten Fällen der Anstaltsbehandlung gehören. 

Ihre Häufigkeit, die beinahe die Hälfte aller Behandlungsfälle ausmacht, er¬ 
klärt sich aus den schweren und besonderen Schädigungen, denen die größtenteils 
in der Industrie beschäftigten Arbeiter und Arbeiterinnen Sachsens ausgesetzt sind. 
Unsere Nervenkranken sind durch Überanstrengung und Überarbeitung, durch ein¬ 
seitige, Tag für Tag wiederkehrende Beschäftigung, durch jahrelange Herstellung 
derselben Gegenstände oder der gleichen Stückteile, durch vielfach starke In¬ 
anspruchnahme der einzelnen Sinne, durch oft große Verantwortlichkeit und stets 
vorhandene Gefährdungen, durch laute Arbeitsgeräusche und Erschütterungen in 
den Arbeitsräumen und durch viele andere Schädigungen im Daseinskämpfe zu¬ 
sammengebrochen. 

In vielen Fällen haben Aufregungen und Gemütsbewegungen, Kummer und 
Sorgen, unregelmäßige Lebensweise und verkehrte Ernährung, ungesunde Wohnungs¬ 
verhältnisse und körperliche Krankheiten und mancherlei andere Einflüsse ein 
übriges getan und den Zusammenbruch des Nervensystems befördert. 

Wenn aber Schädigungen solcher Art die nervösen Erschöpfungszustände 
veranlaßt haben, wenn eine übermäßige Beanspruchung der körperlichen und 
geistigen Kräfte unsere Kranken nervenschwach gemacht hat, so muß ihre Heil¬ 
stättenbehandlung je nach dem Grade der Erschöpfung zunächst und vor 
allem eine beruhigende und schonende sein. 

In manchen Fällen leichter Art ist schon das Aussetzen der Arbeit und der 
Eintritt in die Heilstätte von günstiger Wirkung, in anderen treten nach wenigen 
Tagen, in 1 oder 2 Wochen, die Erscheinungen der Erschöpfung zurück, und bei 
den schweren Formen beherrscht das Ruhe- und Schonungsbedürfnis lange Zeit 
die Behandlung. In jedem Falle aber darf die Schonung nur so lange währen, 
als dies unbedingt erforderlich ist. Nach dem Ausruhen heißt es, die Spannkraft 
der Nerven und Muskeln zu üben, das Gesundheitsgefühl und das Bewußtsein der 
wiederkehrenden Leistungsfähigkeit zu stärken und das verlorene Selbstvertrauen 
neu zu erwecken: die Übungsbehandlung muß rechtzeitig die Schonungs¬ 
behandlung ersetzen. 


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Bartels 


Zur Übungskur unserer Nervenkranken ist aber wegen ihrer Viel¬ 
fältigkeit und Anpassungsmöglichkeit nichts geeigneter, als die sogenannten physi¬ 
kalischen Heilmittel, die als Wasserbehandlung jeglicher Art, als Massage, 
Gymnastik und Elektrizität, in Form der Freiluft- und Lichtbehandlung, als Turn¬ 
übungen und Geländekuren und auch in der Gestalt von Sport und Spielen im 
Freien, reichlich ärztlich verordnet und erfolgreich angewendet werden. 

Durch eine auf diese Weise durchgeführte, im Durchschnitt nur 36 Tage 
dauernde Anstaltsbehandlung brauchten im Jahre 1914 von 823 männlichen nicht 
mehr als 15 und von 213 weiblichen Nervenkranken nur 24 als invalide entlassen 
zu werden. Diese Tatsache beweist in Übereinstimmung mit allen ärztlichen Er¬ 
fahrungen am schlagendsten, daß wir mit der Behandlung unserer Nervösen auf 
dem richtigen Wege sind und daß bei Kranken solcher Art eine spezifische 
Arbeitsbehandlung nicht in Frage kommen kann. 

Es waren, wie bereits oben gesagt wurde, unter der großen Zahl der be¬ 
handelten Nervenkrauken nur ganz vereinzelte Fälle — und diese gehören zu 
den als invalide Entlassenen —, für die ein Versuch mit systematischer Arbeits¬ 
behandlung vielleicht noch eine gewisse Berechtigung gehabt hätte. Ihr Krank¬ 
heitszustand war jedoch nicht erst als Folge der Arbeits- und Lebensschädigungen 
entstanden, sie litten nicht an einer erworbenen nervösen Erschöpfung? 
sondern sie hatten entweder die nervöse Veranlagung mit in die Welt gebracht oder 
waren nervenkrank von Jugend an. Es waren typische Beispiele der sogenannten 
konstitutionellen Neurasthenie, deren Krankheitsbild weniger durch Zustände 
der Erschöpfung, als vielmehr durch Äußerungen eines krankhaften Seelenlebens 
gekennzeichnet wird (Psychoneurosen). Sie hatten bei zum Teil voller körper¬ 
licher Rüstigkeit durch Willensschwäche, Unentschlossenheit, Zerfahrenheit um! 
Unzuverlässigkeit beeinflußt, durch stets wechselnde Stimmungen, durch un¬ 
angenehme körperliche Empfindungen und hypochondrische Verwertung derselben 
im Denken und Handeln gehemmt, ihre Arbeitsfähigkeit eingebüßt und diese auch 
durch die Heilstättenbehandlung nicht wieder erlangt. 

Es sind das Fälle, deren Vorhersage bezüglich der Wiedererlangung der Er¬ 
werbsfähigkeit so unsicher ist, daß die Übernahme eines Heilverfahrens und die 
Aufnahme in die Heilstätte zur Durchführung eines solchen von vornherein und 
grundsätzlich abgelehnt werden sollte. 

Freilich, in der Praxis ist diese Forderung nicht in vollem Umfange 
erfüllbar, weil oft erst die Anstaltsbeobachtung den Zustand richtig zu er¬ 
kennen und prognostisch einzuschätzen vermag. So werden sich unter der 
großen Zahl der nervös Erschöpften immer und alljährlich einige konstitutionelle 
Neurastheniker finden. 

Nun ist für alle Fälle dieser Art — wir kommen später darauf nochmals zurück 
— die spezifische Arbeitsbehandlung, wenn überhaupt noch etwas zu erreichen ist, 
die einzige Möglichkeit, die verlorene Arbeitsfähigkeit wiederzuerlangen oder die 
noch vorhandene zu erhalten. 

Aber soll eine methodische Arbeitsbehandlung für eine so geringe 
Anzahl geeigneter Fälle in einer Heilstätte wie der unsrigen durch¬ 
geführt werden und sind in derselben die früher besprochenen Voraus¬ 
setzungen und Bedingungen vorhanden, um einen dauernden Heilerfolg 


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Über Arbeitsbehandlung, ihre Indikationen u. ihre Anwendung im Heilverfahren usw. 139 

durch regelmäßige ärztlich verordnete und beaufsichtigte Arbeit zu 
ermöglichen? 

Diese Fragen können nur mit einem glatten „Nein“ beantwortet werden. 

Auch wenn die Versicherungsanstalt trotz der Unsicherheit eines Dauer¬ 
erfolges zur Durchführung einer Arbeitsbehandlung eine zeitlich unbeschränkte, 
mindestens Monate dauernde Kur bewilligen würde, so erscheint es doch schon 
aus rein finanziellen Gründen undenkbar, daß für nur zufällig vorhandene ver¬ 
einzelte Fälle, die sich noch dazu auf das ganze Jahr verteilen, ein so umständlicher 
und kostspieliger Apparat, wie ihn eine sachgemäße Arbeitsbehandlung verlangt, 
in Bewegung gesetzt wird, daß die verschiedensten Arbeitseinrichtungen mit 
Werkzeug und Material geschaffen werden und daß außer einem auf dem Gebiet 
besonders erfahrenen Arzt auch ein geeignetes Lehr- und Aufsichtspersonal zur 
Verfügung steht. 

Manche freilich, Ärzte und Nichtärzte, denen die eigene Erfahrung abgeht, 
halten die Arbeitsbehandlung und ihre Durchführung für das einfachste Ding von 
der Welt: „Die Arbeit ist für nervöse Menschen gesund und zuträglich. Garten¬ 
anlagen und Werkstätten, Gärtner und Handwerker sind in der Anstalt vor¬ 
handen. Was steht also im Wege, Arbeit zu verordnen und die Kranken 
arbeiten zu lassen?“ 

Wer so spricht, hat weder den Sinn noch den Zweck der Arbeitsbehandlung 
verstanden, und wer etwa auf diese Weise „mit Arbeit behandeln“ will, wird keine 
Erfolge erzielen und in der Praxis glänzend Fiasko machen. 

Auch mit der einfachen Verfügung, geeignete Kranke arbeiten zu lassen, 
ist es nicht getan. Es genügt nicht, ihnen einen Spaten, einen Rechen und eine 
Hacke in die Hand zu geben und ein Gartenstück zur Bearbeitung zu überweisen 
oder sie an die Hobelbank oder an den Schraubstock zu stellen mit dem Aufträge, 
eine Küchenbank anzufertigen oder ein Türschloß zu reparieren. Es genügt auch 
nicht, den Tischler und den Schlosser der Heilstätte mit der Anleitung und Auf¬ 
sicht der Kranken zu betrauen. Sie können alle drei in ihrem Handwerk hervor¬ 
ragend tüchtig sein und sind doch nicht imstande, den neurasthenischen Arbeiter 
wieder arbeitswillig und arbeitsfähig zu machen. 

Um einen solchen Erfolg durch die Arbeitsbehandlung zu erreichen, ist eben, 
wie oben ausgeführt wurde, ein besonders veranlagtes und eigens ausgebildetes 
Hilfspersonal unentbehrlich, ein Hilfspersonal, das den Kranken in der Heilarbeit 
nicht allein anleiten und ausbilden, sondern ihn auch durch persönliche Einwirkung 
erzieherisch und seelisch in günstigem Sinne beeinflussen soll. Das gleiche gilt 
auch für den ärztlichen Leiter der Arbeitsbehandlung; es ist immer wieder und 
vor allem der menschliche und persönliche Einfluß auf den Kranken, der iti der 
Arbeitsbehandlung zu Erfolgen führt. 

Aber es gibt noch andere Schwierigkeiten, die sich der Durchführung 
der Arbeitsbehandlung in der Heilstätte entgegenstellen. 

Diese Schwierigkeiten liegen erst einmal bei unseren Nervenkranken 
selbst. Der kranke Arbeiter bringt der Arbeitsbebandlung ein starkes Mißtrauen 
entgegen und ist von dem Heilwert körperlicher Arbeit selten zu überzeugen. 
Fehlt aber gerade dem Nervenkranken dieser Glaube, geht er widerwillig und 
nicht zwanglos und freudig an die Kurarbeit, so wird die beabsichtigte psychische 


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Bartels 


Einwirkung derselben nicht nur ausbleiben, es wird vielmehr das Gegenteil, eine 
Verschlimmerung des nervösen Zustandes, eintreten. 

Wir befinden uns mit dieser Auffassung in voller Übereinstimmung mit 
M. Lähr 2 ), dem eifrigsten Fürsprecher der Arbeitsbehandlung, wenn er die die¬ 
jenigen Nervenkranken von der Arbeitsbehandlung ausscheidet die eine „unüber¬ 
windliche Abneigung gegen die Arbeit“ haben, und wenn er ausführt, „daß die 
Arbeitsbehandlung von vornherein keinen Erfolg verspricht, wenn die Kranken 
gemütlich und intellektuell unfähig sind, irgendeine Wertung der Arbeit za ge¬ 
winnen und ihr deshalb dauernd gleichgültig und feindlich gegenüberstehen.“ 

Eine andere Schwierigkeit bereiten der Arbeitsbehandlung in der Heil¬ 
stätte die nicht arbeitenden Kranken derselben. Sie bespötteln und ver¬ 
höhnen die Arbeitswilligen, werfen ihnen vor, daß sie den gesunden Arbeitern 
der Umgebung „das Brot wegnehmen“, sie sticheln, hetzen und quälen ihre 
nervenkranken Leidensgefährten so lange, bis diese den Mut verlieren, und um 
nur Ruhe zu haben, das Werkzeug niederlegen. Und dieser Feindschaft steht 
der Arzt so gut wie machtlos gegenüber, weil sie nicht offen, sondern heim¬ 
lich betrieben wird, und weil auch durch Entlassungen die Stellung der Ar¬ 
beiter zur Arbeitskur in der Heilstätte, die doch kein „Arbeitshaus“ sei, sich 
nicht ändern wird. 

Durch diese Ausführungen dürfte w r ohl bewiesen sein, daß die Arbeits¬ 
behandlung als ein spezifisches Heilverfahren für die Heilstätte Gott¬ 
leuba nicht in Frage kommen kann. Die Anforderungen und der Aufwand, 
die Einrichtungen und die Dauer einer solchen Kur würden, ganz abgesehen von 
den zuletzt erwähnten Schwierigkeiten seitens der Kranken selbst, in gar keinem 
vernünftigen Verhältnis zu der geringen Anzahl und der unsicheren Vorhersage 
der vorhandenen Krankheitsfälle stehen. 

Daß die Erfahrungen anderer Anstalten mit vergleichbarem Kranken¬ 
material — mögen sie Sanatorien, Heilstätten, Genesungsheime, Volksheilstätteu 
für Nervenkranke oder sonst wie sie heißen — ähnliche sind, erhellt aus der Tat¬ 
sache, daß sich die systematische Arbeitsbehandlung trotz ihres anerkannten 
Heilwertes in keiner Krankenanstalt neben den übrigen Kurmitteln dauernd 
gehalten hat. 

Die Gründe für diese Erscheinung sind — es mag das wiederholt werden —, 
soweit die Genesungsheime und Heilstätten der Landesversicherungsanstalten in 
Frage kommen, in der geringen Anzahl an geeigneten Kranken, in der zeitlich 
beschränkten Kurdauer und ganz besonders in der Schwierigkeit, ja in der 
Unmöglichkeit der technischen Durchführung einer rationellen Arbeitsbehandlung 
zu suchen. 

- Dennoch darf den Invalidenversicherten ein bei richtiger Indi¬ 
kation und sachgemäße Anwendung wirksames Heilverfahren, wie es 
die Arbeitsbehandlung ohne Zweifel darstellt, nicht verloren gehen, es 
müssen vielmehr Mittel und Wege gefunden werden, um der Arbeits¬ 
behandlung auch in der Heilfürsorge der Landesversicherungsanstalten 
den Platz zu schaffen, der ihr zukommt. 

Theoretisch ergibt sich aus unseren Untersuchungen und Betrachtungen 
von selbst und im allgemeinen die Beantwortung dieser Fragen: eine so komplizierte 


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Ober Arbeitsbehandlung, ihre Indikationen u. ihre Anwendung im Heilverfahren usw. 141 


Heilmethode mit ihren besonderen Ansprüchen an die leitenden und ausübenden 
Kräfte und mit ihren speziellen Anforderungen an umfangreiche und vielseitige Ein¬ 
richtungen kann nur in Sonderanstalten, die lediglich für die Arbeitsbehandlung 
bestimmt sind, sachgemäß ausgeübt und erfolgreich durchgeführt werden. 

In der Praxis finden wir die Arbeitsbehandlung als wesentliches Heil¬ 
mittel und Behandlungsmittel schon seit vielen Jahren in Krankenanstalten 
anderer Art vertreten. Wir denken an die Krüppelheime und Blinden¬ 
anstalten, an ihre Unterrichts- und Arbeitseinrichtungen und besonders an ihre 
Ziele, die Verkrüppelten und Erblindeten durch passende Arbeit und Ausbildung 
in handwerksmäßigen Berufen zu arbeits- und erwerbsfähigen Menschen zu machen. 
Wir erinnern uns an die therapeutische Anwendung geeigneter körper¬ 
licher Arbeit bei gewissen Geisteskranken, Epileptikern und Schwach¬ 
sinnigen, die seit den ersten Versuchen von Köppe (1876) und seit der weiteren 
Ausgestaltung durch Paetz (1890) in Altscherbitz in der heutigen Irrenbehandlung 
an erster Stelle steht, und wir wissen weiter, daß die regelmäßige körperliche 
Arbeit und die Erziehung zur Arbeit in den Trinkerheilstätten bei den 
Entziehungskuren der Alkoholiker eine bedeutsame Rolle spielt. 

Daß die Arbeitsbehandlung in diesen Anstalten mit Erfolg durchgeführt und 
je länger je mehr ausgebaut und ausgestattet werden konnte, findet in dem Vorhanden¬ 
sein zahlreicher, gleichartiger oder doch ähnlicher geeigneter Krankheitsfälle und 
in dem langdauernden, meist viele Jahre währenden Aufenthaltsort seine Erklärung 
und Begründung. Beides — die große Krankenzahl und die lange Behandlungs¬ 
dauer in diesen Heilanstalten — fordern und rechtfertigen die Beschaffung aller 
Einrichtungen, wie sie zur Durchführung der Arbeitsbehandlung in ihren mannig¬ 
faltigen Formen und für ihre verschiedenen Aufgaben notwendig sind. Dazu kommt 
als ein weiteres günstiges Moment, daß die arbeitenden Kranken dieser Anstalten, 
teils infolge ihres jugendlichen Alters leichter erziehbar und anpassungsfähig sind, 
teils infolge ihres krankhaften Zustandes ärztlich energisch angefaßt werden können 
und daß sie, abgesondert und gemeinsam arbeitend, den nachteiligen Einflüssen 
von Mitkranken anderer Art nicht zugänglich sind. 

So große Erfolge die praktische Anwendung der Arbeitsbehandlung in den 
Krüppel-, Blindeu-, Trinker- und Irrenanstalten erzielte, in der Behandlung 
funktionell Nervenkranker, die für unsere Betrachtungen besonders Interesse 
hat und für die zuerst P. J. Moebius in seiner 1896 erschienenen Abhand¬ 
lung „Über die Behandlung von Nervenkranken und die Einrichtung 
von Nervenheilstätten“ die methodische Arbeitsbehandlung empfohlen hat, 
sind bis zum heutigen Tage praktische Ergebnisse von einiger Bedeutung nicht 
erreicht worden. Moebius forderte zur Durchführung der Arbeitsbehandlung 
nicht „Krankenhäuser für Nervenkranke“, sondern „Arbeitsheilstätten“; er 
ging von der richtigen Erkenntnis aus, daß eine spezifische Arbeitsbehandlung 
sich nicht in den Rahmen und Betrieb der bestehenden Heilanstalten und Sanatorien 
einfügen ließ, sondern eigens organisierter Anstalten bedurfte. Aber gerade diese 
wichtige Forderung, die Vorbedingung des Erfolges, wurde merkwürdigerweise in 
der Folgezeit völlig außer acht gelassen. Dagegen wurde die „Arbeitstherapie 
nach Moebius“ zum Allheilmittel für Nervöse gestempelt, und in den „Sanatorien 
für Nerven- und Stoffwechselkranke“ war dieselbe mit einem Schlage Mode- un 1 


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142 Bartels 


— Reklamesache. Man wetteiferte in der Einrichtung von Werkstätten aller Art, 
man bot Arbeit in Haus und Hof, man stellte Lehr- und Unterrichtspersonal zur 
Verfügung, scheute weder Kosten noch Mühe, — aber nach kurzer Zeit war der 
Arbeitseifer der Patienten verflogen, und die unbequeme neue Kur hatte ihren Reiz 
verloren. Die Nervösen zogen es vor, sechs Wochen auszurnhen, sich wie bisher 
durch „natürliche Heilmittel“ kurieren und durch allerhand Vergnügungen und 
Unterhaltungen zerstreuen zu lassen. 

Ein Teil des Mißerfolges ist sicher auf die Nichtbeachtung der Moebius- 
schen Forderung zurückzuführen, die besondere Arbeitsheilstätten zur Durchführung 
der Arbeitsbehandlung zur Bedingung machte. 

Aber auch die Erfahrungen in den eigens für die Arbeitsbehandlung 
errichteten Anstalten — es waren das nur die Heilstätte „Haus Schoenow“ 
bei Berlin (1899) und das „Beschäftigungsinstitut“ des Ingenieurs Groh- 
mann 11 ) in Zürich (1899) — erfüllten in der Praxis die gehegten Erwartungen 
nicht. Das Grohmannsche Institut ging schon nach wenigen Jahren wieder ein, 
weil demselben anscheinend ein ungeeignetes Krankenmaterial von Psychopathen 
und Schwachsinnigen überwiesen wurde, und die Heilstätte „Haus Schoenow“ 
wäre vielleicht demselben Schicksal verfallen, wenn sie an den starren und ein¬ 
seitigen Moebiusschen Grundsätzen festgehalten und ihr verdienstvoller Leiter, 
M. Lähr 2 ), nicht rechtzeitig erkannt hätte, daß sich in Wirklichkeit die Mehrzahl 
der funktionell Nervenkranken, nämlich die nervös Erschöpften und mit erworbener 
Neurasthenie Behafteten, für die Arbeitsbehandlung nicht eignete, und daß dieselbe 
nur für die verhältnismäßig kleine Gruppe der konstitutionellen Neurastheniker, 
der psychisch Nervösen, ihre Bedeutung und Berechtigung behielt. 

So haben uns die Erfahrungen aus den Privatsanatorien, die Beobachtungen 
in der Heilstätte „Haus Schoenow“ und die Mißerfolge Grohmanns in Zürich 
gelehrt, daß Moebius mit seiner Ansicht, daß die spezifische Arbeitsbehandlung 
in den bestehenden Anstalten mit einem gemischten Krankenmaterial bei gleich¬ 
zeitiger Anwendung anderer Kurmittel und bei beschränkter Kurdauer praktisch 
nicht durchführbar sei, recht behielt, daß aber auch die von ihm vorgeschlagenen 
Sonderanstalten ihre Aufgaben nicht zu erfüllen vermochten, weil seine Behandlungs¬ 
grundsätze und seine Indikationen in ihrer umfassenden Verallgemeinerung, die 
alle funktionell Nervenkranke durch methodische Arbeitskuren heilen wollte, 
als irrig erkannt worden waren. 

An dieser Sachlage ändert sich nichts Wesentliches, auch nachdem die 
Anstaltsfürsorge der Versicherungsträger in die Erscheinung getreten 
war und in den letzten Jahrzehnten mehr und mehr an Umfang zugenommen hatte. 

In der Theorie blieb zwar auch für die Anstaltsbehandlung der arbei¬ 
tenden versicherten Bevölkerung der Heilwert ärztlich verordneter 
und angepaßter Arbeit unangetastet bestehen, ja, es wurde der Arbeits¬ 
behandlung und ihrer Aufgabe, den erkrankten Arbeiter nicht nur gesundheitlich, 
sondern auch wirtschaftlich wiederherzustellen, in der Versicherungsmedizin eher 
noch eine größere Bedeutung zuerkannt, aber das alles änderte nichts an der 
Tatsache, daß die Methode in der Praxis versagte und sich auch in den Heil¬ 
anstalten für Versicherte aus den genugsam erörterten Gründen als undurch¬ 
führbar erwies. 


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Über Arbeitsbebandlung, ihre Indikationen u. ihre Anwendung im Heilverfahren usw. 143 


Und was in diesen Anstalten, ebenso wie in den Privatsanatorien, da und 
dort unter der Bezeichnung der Arbeitsbehandlung, Beschäftigungskur 
und dergleichen, in Berichten und Veröffentlichungen erscheint, ist tatsächlich 
keine solche, sondern eine unterhaltende, ablenkende und belehrende Be¬ 
schäftigung, die als Hilfsmittel in der Krankenbehaudlung hoch zu be¬ 
werten ist, und die Beachtung der Ärzte und der Versicherungsbehörden in vollem 
Maße verdient, aber nicht mit der spezifischen Arbeitsbehandlung als 
einem Heilverfahren verwechselt werden darf. 

Nach den Fehlschlägen, die praktische Arbeit als Heilmittel in den 
allgemeinen Heilstätten zur Geltung zu bringen, fehlte es auch bis in die 
letzte Zeit hinein nicht an Versuchen, Sonderanstalten für die Arbeits¬ 
behandlung „Arbeitsheilstätten“ zu errichten, gaben doch hierzu die sozialen 
Fürsorgegesetze stets neue Anregungen und immer von neuem Anlaß. 

So hat die bereits früher genannte Heilstätte „Haus Schoenow“ bei Berlin 
im Jahre 1905 eine Arbeitsheilstätte „Birkenhof“ gegründet, die Landes¬ 
versicherungsanstalt Oldenburg besitzt in dem „Genesungsheim“ SannHm 
seit 1906 eine Arbeitsheilstätte für nicht mehr kurbedürftige Lungenkranke 
und die Sektion I der Nordöstlichen Eisen- und Stahlberufsgenossen¬ 
schaft hat vor wenigen Jahren das 350 Morgen große Gut Luisenhof 5 ) 
bei Oranienburg erworben, um daselbst Unfallverletzte und Unfallnerven¬ 
kranke durch geregelte und angepaßte Körperarbeit gesundheitlich 
zu fördern. 

Da im „Birkenhof“ Nervenleidende und im wesentlichen Privatkranke mit 
ärztlich verordneter Arbeit behandelt werden, können seine Erfahrungen nicht 
ohne weiteres für die Arbeitstherapie Versicherter verwertet werden. Dagegen 
dürfen die günstigen Heilerfolge von Sannum bei versicherten und nicht mehr 
behandlungsbedürftigten Lungen- und anderen Kranken besonders für die Ver¬ 
sicherungsanstalten nicht unbeachtet bleiben. Ein sorgfältiges und persönliches 
Studium der dortigen Verhältnisse, der Einrichtungen und Erfahrungen würde zu 
empfehlen sein, denn aus den Jahresberichten der Landesversicherungsanstalt 
Oldenburg ist nicht ersichtlich, auf welchem Wege und durch welche Mittel 
Erfolge erzielt werden, die andere Anstalten nicht aufzuweisen haben. Denn 
daß das System und die Organisation allein nicht zum Erfolge führen, beweist, 
wie ich das bereits an anderer Stelle ausgeführt habe 0 ), die Geschichte des „Ge¬ 
nesungsheims“ Stübbeckhorn der Landesversicherungsanstalt Hannover, welches 
nach denselben Grundsätzen errichtet und geführt wurde und trotzdem schon nach 
2jährigem Bestehen als Arbeitsheilstätte wieder einging. 

Über das oben erwähnte „Gut der Unfallrentner“ konnte ich Näheres nicht 
in Erfahrung bringen. 

Dasselbe gilt von dem kurz vor Kriegsbeginn begründeten „Land he im 
Eberstadt“ 7 ), in dem besonders Unfallverletzte und Unfallnervenkranke an¬ 
scheinend ebenfalls und wesentlich mit angepaßter körperlicher Arbeit behandelt 
werden. 

Ganz im Gegensatz zu den unbedeutenden Erfolgen langer Friedensjahre 
hat die Praxis der Arbeitsbehandlung während des Krieges ganz außer¬ 
ordentliche Fortschritte anfzuweisen. 


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144 


Bartels 


Den Militärbehörden ist es gelungen, die systematische Arbeit bei den 
Kriegsbeschädigten in großem Umfange und in den verschiedensten Formen als 
ein wirksames Heil- und Behandlungsmittel zur Anwendung zu bringen. Was 
jahrzehntelang vergeblich erstrebt wurde, ist in 2 Kriegsjahren in fast vollendeter 
Weise erreicht worden. 

Die Gründe hierfür sind leicht zu finden: gerade die wesentlichsten Schwierig¬ 
keiten, die sich im Frieden der Durchführung einer planmäßigen Arbeitsbehandlung 
entgegenstellten, kommen bei den Kriegsverletzten und Kriegskranken in Fortfall. 

Da bei weitem der größte Teil der Kriegsbeschädigten an äußerlichen Ver¬ 
letzungen und ihren Folgen zu leiden hat, so ist ein zahlreiches und, wie wir 
aus den Erfahrungen der Friedens-Krüppelfürsorge wissen, gerade für die Arbeits¬ 
behandlung besonders geeignetes Krankenmaterial vorhanden. Der Widerstand 
der Kranken .gegen die Behandlung mit Arbeit, der in Friedenszeiten so schwer 
zu überwinden ist, kommt unter dem Druck der straffen militärischen Zucht nicht 
auf, und die sonst so hinderlichen Begehrungsvorstellungen, die bei Unfallkranken 
die Regel, aber auch bei Invalidenversicherten viel häufiger sind, als gemeinhin 
angenommen wird, finden bei halbwegs geschickter Aufklärung und Beeinflussung 
wenig Nahrung, weil die Rentenbezüge nicht von der Höhe des Arbeitsverdienstes 
abhängig sind, sondern lediglich nach der vorhandenen Gesundheitsschädigung 
bemessen werden, und weil ferner die Verstümmelungs- und Kriegszulagen unter 
allen Umständen lebenslang und ungekürzt bestehen bleiben. 

Es kommt hinzu, daß die Behandlung der Kriegsbeschädigten nicht wie bei 
dem Heilverfahren der Versicherten mehr oder weniger zeitlich beschränkt ist, 
sondern vielmehr in jedem Falle unter Benutzung aller durch Wissenschaft und 
Praxis bewährter Mittel so lange dauern soll, bis der bestmögliche Erfolg und 
der denkbar höchste Grad der Arbeits- und Erwerbsfähigkeit erzielt ist. 

Und was im Frieden als eine ärztlich notwendige, aber praktisch fast un¬ 
durchführbare Forderung angesehen wurde, nämlich jedem Kranken nach seinem 
Zustande, nach seiner früheren Berufs- und Erwerbstätigkeit und nach seiner per¬ 
sönlichen Eigenart und Befähigung die richtige Heilarbeit zu bieten, das ist im 
Verlaufe des Krieges durch das Zusammenwirken der militärischen und bürgerlichen 
Kriegsbeschädigtenfürsorge in weitblickender Weise mit unermüdlichem Eifer er¬ 
strebt und heute fast restlos erfüllt worden. 

Ausführlicher auf die Arbeitsbehandlung der Kriegsbeschädigten und auf ihre 
Durchführung in und außerhalb der Lazarette einzugehen, ist im Rahmen unserer 
Betrachtungen unmöglich, wohl aber drängt sich für uns die Frage auf, in welcher 
Weise und in welchem Grade die Lehren, Erfahrungen und Erfolge der 
militärischen Arbeitsbehandlungdie Arbeitsbehandlung der Versicherten 
beeinflussen werden. 

Es liegt auf der Hand, daß die umfangreiche und vielgestaltige Arbeits¬ 
behandlung der Kriegszeit keinen dauernden Bestand haben kann, sondern mi t 
dem Eintritt des Friedens oder richtiger mit dem Ausscheiden der Kriegs¬ 
beschädigten aus der militärischen Heilfürsorge wenigstens zum größten Teile 
ebenfalls ihr Ende erreichen muß. 

Immerhin aber wird sich das allgemeine, nicht nur das ärztliche Interesse für 
die Aufgaben und Ziele der Arbeitsbehandlung und die Erkenntnis ihrer gesund- 


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Über Arbeitsbehandlung, ihre Indikationen «, ihre Anwendung inj Heilverfahren usw. 145 


heil liehen und volkswirtschaftlichen Bedeutung erhalten, die augensichtlichen Erfolge 
werden auch in Arbeiterkreisen Gegner bekehren und Freunde gewinnen, und 
manche Neuerungen, Arbeitseinrichtungen, Lehr- und Heil Werkstätten werden vor- 
anssichtlich nach dem Kriege in der Krankenfiirsorge der Versicherungsträger 
Verwendung finden. 

Von manchen Seiten, so z. B. von Lohmar-Cöln R ), Boy widt-Berlin 9 ) und 
Pickenbach-Berlin 10 ), ist mit Recht darauf hingewiesen, daß die Erfahrungen 
mit der Arbeitsbehandlung der Kriegsbeschädigten für die Behandlung Unfall¬ 
verletzter und Unfallkranker von großem Werte sind. Es dürfte daher vor 
allem den Berufsgenossenschaften daran gelegen sein, daß ein Teil der 
Heil- und Lehrwerkstätten erhalten bliebe, um in denselben, am besten unter 
der Anleitung kriegsbeschädigter Lehr- und Werkmeister, die Arbeitsbehand¬ 
lung der Unfallkranken in größerem Umfange und erfolgreicher als bisher 
durchzuführen. 

Dagegen wird für die Versicherungsanstalten und für deren Genesungs¬ 
heime und Heilstätten, soweit sich das heute beurteilen läßt, ein nennens¬ 
werter Gewinn aus den Kriegserfahrnngen nicht erwachsen, denn die Heil¬ 
fürsorge bleibt nach wie vor durch die gesetzlichen Bestimmungen über das 
Heilverfahren eingeschränkt, die Schwierigkeiten der Durchführung der Arbeits- 
behandlung bleiben unverändert bestehen und das Krankenmaterial ist vorläufig, 
ebenso wie in den Friedenzeiten, nur in vereinzelten Fällen für die Behandlung 
mit methodischer Arbeit geeignet. 

Wir sind nach diesem Überblick über die Arbeitsbehandlung, über ihre Erfolge 
und über ihre Durchführung in den Friedensjahren und während des Krieges nun¬ 
mehr wieder bei der Frage angelangt, wie die Arbeitsbehandlung für die 
Invalidenversicherten nutzbar zu machen ist und auf welche Weise sie 
in der Heilfürsorge der Versicherungsanstalten mit Erfolg zur An¬ 
wendung kommen kann. 

Da es den Versicherungsanstalten, wie wir gesehen haben, fast ganz an 
Vorbildern fehlt — nur die Landesversicherungsanstalt Oldenburg verfügt in 
dem „Genesungsheim“ Sannum über eine Arbeitsheilstätte in unserem Sinne —, 
so bleibt nichts übrig, als unsererseits selbst den Versuch zu wagen und 
der Landesversicherungsanstalt Königreich Sachsen die Einrichtung 
eines besonderen Arbeitsheimes im Anschluß an die Heilstätte Gott¬ 
leuba in Vorschlag zu bringen. Bei dem anerkannten Heil wert der 
systematischen Arbeitskur ist ein solcher Versuch geboten und gerechtfertigt; 
er ist aber auch nicht aussichtslos, nachdem wir den Begriff der Arbeits¬ 
behandlung scharf umgrenzt, ihre Indikationen klargestellt und die notwendigen 
Voraussetzungen und Bedingungen für ihre praktische Durchführung kennen ge¬ 
lernt haben. 

Bei der Errichtung des geplanten Arbeitsheims, in dem also die Be¬ 
handlung mit passender Arbeit das alleinige oder doch das haupt¬ 
sächlichste Heilverfahren darstellt, würde in Befolgung unseren früheren 
Ausführungen nach folgenden Grundsätzen zu verfahren sein: 

Nach Abschluß der eigentlichen Heistättenbehandlung oder nach ausreichender 
Beobachtung in der Heilstätte werden diejenigen Pfleglinge ausgewählt, die nach 

Zeittchr. f. pbyelk. n. dl&t. Therapie Bd. XXI. Heft 5. 10 


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140 Bartels 


ihrem Gesundheitszustände und nach ihrer ganzen Persönlichkeit unter Berück¬ 
sichtigung vorhandener Interessen und der früheren Tätigkeit und Ausbildung die 
gebotenen und verordneten Arbeiten zu leisten imstande sind, und bei denen 
von der Durchführung einer geregelten Arbeitsbehandlnng ein günstiger Erfolg 
von Dauer, eine wirtschaftliche Wiederherstellung auf Jahre hinaus, erwartet 
werden kann. 

Sie würden aus der Heilstätte entlassen und zur „Nachkur“ in einem Wohu- 
gebäude des landwirtschaftlichen Betriebes, dem „Landheim der Heilstätte“, 
untergebracht, wo vielleicht auch einige alleinstehende Rentenempfänger, 
die noch über einen gewissen Grad von Arbeitsfähigkeit verfügen und weder 
pflege- noch behandlungsbedürftig sind, gleichfalls Aufnahme und Betätigung finden 
könnten. 

Hier würden die Insassen, abseits von der Heilstätte und doch unter deren 
Verwaltung und Aufsicht, nach ärztlicher Vorschrift mit landwirtschaftlichen und 
gärtnerischen Arbeiten und, wenn möglich, auch handwerksmäßig zu beschäftigen 
sein. Der Aufenthalt würde — natürlich von den Invaliden abgesehen — als 
ein Heilverfahren im Sinne der R. V. 0. anzusehen sein mit allen gesetzlichen 
Bestimmungen, die für dasselbe Geltung haben, und die Dauer der Arbeitskur 
müßte dem ärztlichen Ermessen überlassen bleiben. 

Ein weiteres Eingehen auf Einzelheiten dieses Vorschlages und eine Er¬ 
örterung über Einrichtung und Organisation des geplanten Arbeitsheims mag 
an dieser Stelle unterbleiben. Wir würden dadurch nur den bereits vorhandenen 
Abhandlungen, wie sie Moebius 1 ), Lähr 2 ), Grohmann 11 ), Schwarz 12 ), Eschle 3 ), 
Determann 13 ), Wildermuth 14 ), Beyer 4 ), Goetze 15 ), S onnenberger 16 ) und 
noch andere veröffentlicht haben, eine weitere hinzufügen. Richtiger ist es jeden¬ 
falls, unter Berücksichtigung der besonderen Verhältnisse unserer Heilstätte, der 
vorhandenen Arbeitsgelegenheiten und Einrichtungen und des Krankenmaterials, 
erst einmal in kleinem Umfange praktisch Versuche anzustellen, bei befrie¬ 
digenden Ergebnissen das Heim weiter auszubauen und dann auf Grund aus¬ 
reichender Erfahrung über Erfolge und Mißerfolge zu berichten. Ob der Versuch 
gelingt und ob sich das geplante Arbeitsheim lebens- und entwicklungsfähig et- 
weist, läßt sich im voraus nicht sagen. 

Erschwerend und hemmend wird es auch bei unserem Versuche bleiben, daß 
nicht die ärztliche Indikation für Arbeitsbehandlung allein, auch nicht der 
Charakter, der gute Wille und das Verständnis des Kranken den Erfolg bestimmt, 
sondern daß dieser vor allem und nicht zuletzt auch davon abhängt, ob für jeden 
Einzelfall eine passende Arbeit vorhanden ist und ob diese in richtiger und wirk¬ 
samer Weise zur Anwendung kommen kanu. Wenn von mancher Seite behauptet 
wird, daß der Zweck der Arheitsbehandlung lediglich eine Wiedergewöhnung des 
Körpers an die Arbeit und eine Kräftigung der Muskulatur sei, und daß dieser 
Zweck durch Land- und Gartenarbeit in ausreichender und vollkommener 
Weise zu erzielen sei, so ist das sicher nicht oder doch nur teilweise zutreffend. 
Es kann wohl zugestanden werden, daß für bereits Genesene, für Blutarme und 
Eiholungsbediirftige. kurz für alle, die durch körperliche Arbeit in der freien 
Luft körpeilich bekräftigt werden sollen, landwirtschaftliche und gärtnerische 
Ai beiten zweckentsprechend sind, nicht nur weil sie sich infolge ihrer Mannig- 


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Über Arbt itsbcli.-mdlinifi. ihre Indikationen 11. ihre Anwendung im Heilverfahren usw. 147 

faltigkeit und Dosierbarkeit dem Zustand jedes Einzelnen anpassen lassen, sondern 
auch, weil sie, wenigstens auf dem Lunde, am ehesten zur Hand oder am leichtesten 
zu beschaffen sind. Aber für eine große. Anzahl von Fällen, für die eine Arbeitskur 
gerade von ganz besonderer Bedeutung i>t, nämlich für die psychisch Nervösen, 
muß die Wirkung d.-r vemrdneten Arbeit weit mehr eine psychische als eine 
physische sein, und für diese Fälle wird die Land- und Gartenarbeit nur dantt 
geeignet und erfolgreich sein, wenn sie gleichzeitig einen günstigen seelischen 
Einfluß auszuüben vermag. Das wird ja auch für manche psychisch Nervöse zu¬ 
treffen, für viele aber, und zwar für einen großen Teil der städtischen gelernten 
Aibeiter und Handwerker, die vielleicht zeitlebens keinen Spaten in der Hand 
gehabt haben, und jeglichen Interesses für landwirtschaftliche und gärtnerische 
Arbeiten bar sind, werden dise Arbeiten nicht die richtigen, nicht solche sein, 
die sie wieder nervengesund, willensstark und arbeitsfroh machen. 

Für letztere würden demnach Land-und Gartenarbeiten nicht ausreichen 
und erfolglos bleiben, und Kranke dieser Art könnten für solche Heime, in denen 
nur landwirtschaftliche und gärtnerische Beschäftigung zur Verfügung steht, nicht 
in Frage kommen. 

In dem unsererseits geplanten Arbeitsheime wird vorläufig auch nur in 
dem landwirtschaftlichen und Gärtnereibetriebe der Heilstätte Arbeitsgelegenheit 
vorhanden sein, und demgemäß dürften sich erst einmal solche Versicherte zur 
Aufnahme eignen, die allein durch körperliche Arbeit im Freien kräftiger und 
widerstandsfähiger werden sollen, und dann solche Nervöse, für die von der 
Beschäftigung in Feld und Garten unter steter und gleichzeitiger psychischer 
ärztlicher Beeinflussung eine heilsame Einwirkung auf Seele und Leib erwartet 
werden kann. Alle übrigen, für welche die vorhandenen Arbeitsgelegenheiten 
nicht genügen, würden folgerichtig von der Aufnahme in das Heim aus¬ 
zuscheiden sein. 

Ob später auch in Werkstätten handwerksmäßige Beschäftigung, wie etwa 
Tischler-, Schlosser-, Klempner-, Korbmacher- und Buchbinderarbeit geboten und 
ob mit der Vermehrung passender Arbeitsgelegenheiten die Arbeitsbehandlung auf 
weitere Kreise Nervöser ausgedehnt und auch für Kranke anderer Art in Betracht 
kommen kann, das wird das vorhandene Krankenmaterial, das sich vielleicht 
aus den Rentenempfängern und später durch die Behandlung Kriegsbe¬ 
schädigter vergrößern dürfte, sowie die Erfahrung und die weitere Entwicklung 
unseres Vorhabens ergeben. 

Daß wir dabei mit mancherlei Enttäuschungen zu rechnen haben und unsere 
Erwartungen nicht allzu hoffnungsvoll sein dürfen, wissen wir zur Genüge. 

Aber das darf uns nicht hindern, die Errichtung des geplanten Arbeitsheinis 
mit Ernst und Eifer zu betreiben und die Versicherungsanstalt zu überzeugen, 
daß das Risiko, besonders in der Verbindung von Arbeits- und Invaliden¬ 
heim, gering ist, im Vergleich zu dem Gewinn, den die Wiederherstellung der 
Gesundheit und der Erwerbsfähigkeit schon von wenigen Kranken für die Volks¬ 
wohlfahrt bedeutet. 

Mit der Verwirklichung nnseies Planes hoffen wir eine Anregung und ein 
Beispiel geben zu können, das zur Nachahmung ermutigt, und an unserem Teile 
dazu heitragen, daß ein ärztlich längst anerkanntes, vielfach erfolgreiches und 

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148 Bartels* Über Arbeitsbehandlung, ihre Indikationen und ihre Anwendung usw. 


in der Kriegsbeschädigtenfürsorge glänzend bewährtes Heilverfahren, wie es die 
Arbeitsbehandlung ist, auch in der Krankenfürsorge der Landesversicherungs¬ 
anstalten zur allgemeinen Anerkennung und zur praktischen Durchführung gelangt. 

Literatur: 

>) P. J. Moebius, Über die Behandlung von Nervenkranken und die Einrichtung von 
Nervenheilstätten. 1896. 

а ) M. Lähr, Beschäftigungstherapie für Nervenkranke. W. kl. W. 1906. Nr. 52. 

з ) F. Eschle, Krankenbeschäftigung. Zeitschrift „Die Krankenpflege“. 1. Jahrg. Nr. 10 
und 12. — F. Eschle, Das Arbeitssanatorium. 1902. 

. 4 ) E. Beyer, Mehr Nervenheilstätten! Psych. neurolog. Wochenschrift. 10. Jahrg. Nr. 4V 

5 ) Zeitschrift „Die Berufsgenossenschaft“. 29. Jahrg. 1914. Nr. 7. 

б ) Bartels, Über Arbeitsbehandlung im Heilverfahren für Versicherte, mit besonderer 
Berücksichtigung der Heilstätte der Landesversicherungsanstalt Königreich Sachsen in Gottleuba. 
Ärztl. Sachverst.-Ztg. 1916. Nr. 21. 

7 ) 0. Rigler, Über die Versorgung Unfallverletzter und das „Landheim Eberstadt“. 
Zeitschrift für Vers.-Medizin 1914. H. 11/12. 

8 ) P. Lohmar, Werkstätten für Erwerbsbeschränkte. Ärztl. Sachverst.-Ztg. 1916. Nr. 9. 
,J ) H. Boywidt, Der Krieg und seine Weisungen an die Berufsgenossenschaften. Verlag 

der Nordöstl. Eisen- und Stahl-Ber.-Gen. Sekt. I. — Berlin 1916. 

,0 ) Pickenbach, Der gegenwärtige Krieg und die Unfallheilkunde. Ärztl. Sachveret.-Ztg. 
1916. Nr. 11. 

,l ) A. Grohmann, Technisches und Psychologisches in der Beschäftigung von Nerven¬ 
kranken. 1899. 

ia ) G. Ch. Schwarz, Die Sanatorien für Nervenleidende und die Arbeitstherapie. Psych.- 
neurolog. Wochenschrift 1907. S. 379. — G. Ch. Schwarz, Über Nervenheilstätten und die Ge¬ 
staltung der Arbeit als Hauptheilmittel. 1903. 

I3 ) H. Determann, Volksheilstätten für Nervenkranke. Ihre Notwendigkeit, Einrichtung 
und Ausführung. 1903. 

и ) Wildermutb, Sonderkrankenanstalten und Fürsorge für Nervenkranke, Epileptische 
und Idioten. (Hdb. der Krankenversorgung und Krankenpflege von Liebe, Jacobsohn, Meyer. 
Bd. I. S. 434.) 

15 ) R. Goetze, Über Nervenkranke und Nervenheilstätten. Halle, 1907. 

16 ) Sonnenberger, Die Nervenheilstätte und die Behandlung Nervenkranker durch l>r- 
schäftigung als dringende sozial-hygienische Forderung der Gegenwart. Med. Klinik 1916. Nr. 16, 
17, 18. 


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Referate «her Bücher und Aufsätze. 


149 


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Referate über Bücher und Aufsätze. 


A. Diätetisches (Ernährungstherapie). 

Wilhelm Schlesinger (Wien), Vorlesungen 
ttber Diftt und Küche. Ein Lehrbuch für 
Ärzte und Studierende. Urban & Schwarzen¬ 
berg. Berlin-Wien. 164 S. 

ln einer ersten, einleitenden Vorlesung 
iiber diätetische Aufgaben der Küche sieht 
Schlesinger die Wichtigkeit der Ernährungs- 
therapie darin, daß „kaum eine akute oder chro¬ 
nische Krankheit, bei der der Arzt nicht in die 
Lage kommen würde, bestimmte ernährungs¬ 
therapeutische Maßnahmen zu treffen; bei 
vielen Zuständen bilden sie sogar die einzige 
Basis einer rationellen Therapie“. Bespricht 
danach die „quantitative Indikation“ als 
an erster Stelle stehend; womit nicht nur der 
Gesamtwert der Kost gemeint, sondern auch 
dro Bestimmung des Verhältnisses unter den 
Nährstoffen [was letzteres eher „quanti-quali- 
tative“ Indikation wäre. Ref.]. Diese Indika¬ 
tion sei zu befriedigen durch verschiedene 
Zusammenstellung von Menüs aus Speisen, die 
für sich ohne Abweichung von allgemeindiäte¬ 
tischen küchentechnischen Regeln zu bereiten 
wären, woneben Zulagen. Bei willkürlichen 
Zusammenstellungen der Speisen würde die 
Küche (besonders die der größeren Betriebe) 
zu sehr überlastet. 

Nicht minder wichtige Aufgabe der Er¬ 
nährungstherapie: die Rücksicht auf die 
Verdauungsorgane, so wichtig, daß sie für 
viele Ärzte das A und il aller Diätetik be¬ 
deute. Die Krankenspeise solle „leicht ver¬ 
daulich“ sein, ein wissenschaftlich schwer 
definierbarer Begriff, während für die B e k ö m m - 
lichkeit (nach Penzoldt) die Verweildauer 
im Magen maßgebend [?]. An Hilfsmitteln, „um 
die Verdaulichkeit oder Bekömmlichkeit einer 
Speise für den Magen zu erhöhen“, wird be¬ 
sprochen: die rechte Auswahl des Ma¬ 
terials und eine Reihe vorbereitender 
Prozeduren (Abhängen, Klopfen, Reinmachen 
U8w.) und vor allem die Einwirkung der 


Hitze, in zwei Hauptformen, einer feuchten: 
Sieden (Dämpfen) und einer trockenen: Backen, 
Braten, Rösten, während Schmoren, Dünsten 
ein Mittelding. 

Eine der wichtigsten Aufgaben der diäte¬ 
tischen Küche wäre: die Speisen in fein- 
verteilten Zustand zu bringen; gerade 
Krankenspeisen würden häufig in feinst, ver¬ 
teiltem Zustand gegeben, mit Auflockerung 
durch Luft (geschlagenem Eiweiß, Alkohol). 
Wichtig auch der richtige Zusatz von Fett 
zu den Speisen: bei Zurückhaltung stärker 
durchfetteter Speisen (nach Jürgensen); und 
bei richtiger Auswahl (Fette, deren Schmelz¬ 
punkt über Körperwärme liege, aus der Küche 
von vornherein auszuschalten). Beobachtung 
der Darmverdaulichkeit fast unübersteig- 
bar schwierig; wobei zu berücksichtigen teils 
Störungen der Motilität, teils Gärungen und 
Fäulnisprozesse. 

Aufgabe der Küche ferner: die Hebung 
des Appetits, bei vorzüglicher Berück¬ 
sichtigung einer Entwickelung der den Roh¬ 
stoffen eigenen Würzstoffe (durch einfache Hitze 
usw.). Besonders zu beachten das „Binden der 
Speisen“: Überführung aus flüssig und halb- 
breiiger in feste Form; und Erzielen möglichst 
gleichmäßiger Mischungen flüssiger und halb- 
flüssiger Speisen. 

Dritte Aufgabe der Ernährungstherapie die 
Rücksicht auf entfernte Organe; wobei 
sich an „Nebenwirkungen“ (Bildung von Immun¬ 
körpern: an Ehrlich anknüpfend) denken ließe. 
Bisher in der Ernährungstherapie — anstatt 
funktioneller Kräftigung — nicht leicht über 
Schonung hinauszukommen. 

In bezug auf „direkt pharmakologische 
Aufgabe der Küche“ wäre bei Laien, wie bei 
Ärzten, viel Unrichtiges oder Unwesentliches 
geltend; so über stopfende Wirkung der Milch¬ 
speisen, des Kakaos, gewisser Fleischsorten. 

Um einen Plan für die Küchenkenntnis zu 
gewinnen, könnte man von den einzelnen 
Krankheitszuständen der Organe ausgehen; 


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Referate über Bücher und Aufsätze. 


wobei Wiederholung schwer zu vermeiden; 
eher zu wählen: der Ktichenstandpunkt, 
wo wir die Hauptgruppen der Nahrungsmittel 
und Zubereitungen kennen lernen und einzeln 
die diätetische Wertigkeit besprechen; wobei 
wir uns (nach Jürgensen) bemühen müßten, 
ein dementsprechendes System der Küche auf¬ 
zustellen. 

In folgenden Vorlesungen (2—11) hat 
Schlesinger die verschiedenen Nahrungs¬ 
mittelgruppen (Milch, Ei, Fleisch, Gemüse, 
Zerealien, Obst, Genußmittel), mit reichem 
Detail besprochen, was in Kürze nicht re¬ 
ferierbar. 

In letzter (12.) Vorlesung über „diäteti¬ 
sche Kostformen und Ernährungskuren“ 
führt Schlesinger wesentlich dasselbe vor, 
was er bereits früher (Med. Klinik 1910. Nr. 47) 
gegeben, in Richtung auf eine aus nur vier 
Hauptformen zusammengesetzte Diätformen¬ 
reihe; eine solche müßte nicht zahlreich sein 
usw. Schlesinger hat in der Weise des 
näheren (wesentlich ohne rein quantitative Be¬ 
stimmung) besprochen: „flüssige Kost“, „brei¬ 
artige Schonungsdiät“, Jeichtvcrdauliche ex¬ 
traktivarme Kost“ und „Eiweißfettdiät“ — eine 
für allgemeine Verwendung gewiß ganz unzu¬ 
längliche Reihe [vgl. meinen Aufsatz: Diät- 
modifikation — Diätform usw. Med. Klinik 
1912. Beiheft 7] — und außerdem nicht kon¬ 
gruent vom allgemein diätetischen Gesichts¬ 
punkte. 

Die mitgegebene Reihe von Kochrezepten 
— im ganzen nur 44 Nummern, von denen 
wenigstens 15 für Diabetesdiät — enthält gute 
Einzelheiten; ist aber doch wohl zu kurz 

Alles in allem ist die Arbeit als eine für 
die diätetische Praxis 6ehr zu berücksichtigende 
zu bezeichnen. 

Chr. Jürgensen (Kjöbenhavn). 


1). Gerhardt (Wttrzburg), Die Heilbarkeit 
des Magengeschwürs. Therapie der Gegen¬ 
wart 1917. H. 1. 

Durch die Ausbildungdes Röntgenverfahrens 
ist die Erkennung des Magengeschwürs sehr er¬ 
leichtert worden. Wir bekommen nicht nur 
über den Sitz, sondern auch über Größe und 
Alter des Geschwürs Auskunft. Es gibt zu¬ 
nächst eine kleine Gruppe von Fällen, in denen 
bei klinisch sicherer Diagnose (Blutbrecben etc.) 
der Röntgenbefund negativ ist. Es handelt .«»ich 
da offenbar um ganz oberflächliche Geschwüre, 
die aber trotzdem zu sehr abundanten, ja tüt¬ 
liehen Blutungen führen können. Gewöhnlich 


bieten aber diese Fälle naturgemäß gute Aus¬ 
sichten ftfr die wirkliche Überhäutung und 
Narbenbildung. — Eine zweite Gruppe mit 
deutlicher „Nische“ (Haudeckschein Diver¬ 
tikel) wird durch die Röntgenstrablen jetzt 
häufiger erkannt als früher. Verfasser sah 
unter 2500 Zugängen im letzten Jahr 70 Fälle 
mit sicherer Nische, 7 Pylornsgeschwüre und 
25 Fälle mit Geschwürs verdacht, aber negativem 
Röntgenbefund. Das Nischensymptom, das regel¬ 
mäßig auf ein perforierendes, also altes Ge¬ 
schwür hinweist, fand sich auch bei Fällen, 
deren Beschwerden erst seit ein paar 
Wochen bestanden. Bei der Mehrzahl dieser 
Patienten waren die Beschwerden so typisch, 
daß man die Diagnose auch ohne Röntgen 
gestellt hätte. Es zeigte sich also, daß den 
typischen Klagen, die ja hauptsächlich Hyper¬ 
aziditätsbeschwerden sind, gewöhnlich wirk¬ 
lich ein altes Geschwür zugrunde liegt. 
Dem umschriebenen Druckpunkt links 
(beziehungsweise bei Pylorus- und Duodenal¬ 
geschwüren rechts) von der Mittellinie 
scheint größere Bedeutung für die Geschwürs¬ 
diagnose zuzukommen als dem epigastrischen. 

Bei Geächwürsrezidivcn findet man 
fast regelmäßig die Nische. Viel spricht da¬ 
für, daß sich nach der ersten klinischen Heilung 
nicht ein neues gebildet hat, sondern daß das 
alte nur latent geworden ist. Man findet 
nämlich nach Abklingen der Beschwerden das 
Nischensymptom oft weiterbestehen. Man kann 
also bei positivem Befund kaum auf wirkliche 
Heilung rechnen Trotzdem braucht man sieb 
deshalb nicht zur Operation zu entschließen, 
ebensowenig, wie man jeden Gallenstein ope¬ 
riert, sondern sich auch hiermit klinischer La¬ 
tenz begnügt. Mit der üblichen Ruhe- und 
Schönungsbehandlung läßt sich dieser Zustand 
auch beim kallösen Geschwür meist in einigen 
Wochen herbeifuhren. Es empfiehlt sich nicht, 
wie bisher vielfach üblich, etwa nach einer 
4 wöchigen strengen Kur zur gewöhnlichen 
Lebensweise zurückzukehren Sondern weil 
eben das Geschwür weiterbesteht, muß weiter 
eine Kost befolgt werden, die jeden che¬ 
mischen, thermischen und mechanischen Reiz 
fernhält. So wird am ehesten Rezidiven vor- 
gebeugt. Wenn sich solche trotzdem einstellen, 
wird die Indikation zur Operation gegeben 
sein. Der Nutzen^ der üblichen Medikamente 
wird noch verschieden beurteilt, doch zweifelt 
Verfasser nicht daran, daß sie zur Bekämpfung 
der Ulkusbesehwerden Gutes leisten. Die Be¬ 
strebungen, die Hypersekretion direkt zn be- 


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151 


einflussen, sind bisher noch wenig aussichts¬ 
voll und versagen gewöhnlich. Den alkalischen 
Quellen ist in dieser Richtung noch am meisten 
zuzutrauen. W. Alexander (Berlin). 


C. t. Noorden und Frl. J. Fischer (Frauk- 
fort a. M.), Über Getreidekeimlinge als 
Yolksnafarnngsmittel und Nährpräparat. 

Therap. Monatsh. 1917. Januar. 

Das Gesamtresultat der Yersuche ist, daß 
die Resorption der organischen Getreidesub- 
stanz der des resorptionsfähigsten tierischen 
und pflanzlichen Materials gleichkommt. Für 
ärztliche Zwecke soll man das kalorienreichere 
und auch etwas besser resorbierbare unentfettete 
Präparat, die Materna, vorziehen. Was das 
entölte Material betrifft, so sind die entölten 
Keime einstweilen nur als Bereicherung der 
Volksnahrungsmittel, insbesondere als Eiwei߬ 
zulage wertzuschätzen und kommen für diäte¬ 
tisch-therapeutische Zwecke trotz ihres geringen 
Preises noch nicht in Betracht. Das entölte 
Keimlingspulver wird voraussichtlich bald als 
reines Pulver, das man Suppen beimengen kann, 
und in Form verschiedener Mischungen in den 
Handel kommen und vom Kriegsausschuß für 
Fette und öle möglichst billig abgegeben werden. 
Als zweckmäßigste Tagesmenge ist 40 bis 50 g 
zu nennen. Die Materna soll bei Kindern wie 
Erwachsenen, 50 g am Tage, auf dreimal ver¬ 
teilt, gegeben werden, und zwar entweder ein- 
gerührt in heißes Wasser oder in Kakao oder 
in eine Abkochung von sog. Bouillonwürfeln 
oder eingerührt in dicke Suppen (Kartoffeln, 
Gerste, Hafer, Grünkern), in Breie (Kartoffeln, 
Gemüse, Apfelmus). Die Indikation ist sehr 
breit; man kann es überall anwenden, wo der 
Ernährungszustand der Nachhilfe bedarf, be¬ 
sonders bei schwächlichen Kindern, Anämischen, 
bei beginnender Tuberkulose, bei Schwangeren 
und bei stillenden Frauen. 

E. Tobias (Berlin). 

B. Hydro-, Balneo- und Hlioiato- 
therapie. 

Wilhelm Winternitz +, Wasserkur und 
natürliche Immunität. 70 S. mit 5 Textabb. 
M. 2.—. Leipzig 1917. Georg Thieme. 

Fußendauf der Erfahrung, daß alle Patienten, 
welche seine hydriatischen Ratschläge befolgten, 
trotz großer Infektionsgefahr bei verschiedenen 
Epidemien immun blieben, während renitente 
Klienten erkrankten, erläutert Winternitz die 
Gründe für die Resistenzsteigerung des Orga¬ 


nismus durch die methodische Anwendung 
hydriatischer Prozeduren. Kaltes Wasser richtig 
angewendet, ruft eine Hyperleukozytose und 
eine Erhöhung der Blutalkaleszenz hervor. 
Die Hyperleukozytose und der Alkaleszenz- 
index verhalten sich aber parallel dem Schutze 
gegen Infektionen und Intoxikationen, indem 
der Alkaleszenzgrad des Blutes zu der Resistenz 
gegen Infektionen in geradem Verhältnisse 
steht. Diese erst später auf experimentellem 
Wege gewonnene Erkenntnis erklärt die großen 
praktischen Erfolge, welche bei Typhus, Tuber¬ 
kulose und Cholera durch Bäder und andere 
hydriatische Prozeduren schon in älterer Zeit 
erzielt wurden und noch heute erzielt werden 
können. Es ist ein besonderes Verdienst des 
Verfassers, in der Zeit der Heilsera an den 
Wert der Hydrotherapie in der Behandlung 
der Infektionskrankheiten erinnert zu haben, 
denn wer die kriegsärztlichen Berichte über 
die Behandlung der Infektionskrankheiten ver- 
i folgt, wird häufig mit Bedauern feststellen 
können, daß die jüngere Generation trotz ihrer 
fortschreitenden Kenntnisse oder vielleicht 
gerade durch dieselben manches vergessen hat, 
was wir Alten wußten. Hierher gehören in 
erster Linie die großartigen Erfolge der Bäder¬ 
behandlung des Typhus * abdominalis, wie sie 
Winternitz auf reicher Erfahrung fußend 
schildert. Auch die Behandlung der Cholera¬ 
diarrhöe mit Abreibung, Sitzbad und erregendem 
Leibumschlag, wie sic von dem Verfasser mit 
so großem Erfolg durchgeführt wurde und 
neuerdings an der Hand lehrreicher Kranken¬ 
geschichten empfohlen wird, ist nach Winter- 
nitz’ Ansicht durch Schutzimpfungen nicht zu 
ersetzen, da sie bei dem schon ausgebrochenen 
Leiden zu spät kommen. 

Besonders wertvoll sind die in dem Ka¬ 
pitel „Tuberkulose“ gegebenen, ebenfalls auf 
reicher Erfahrung beruhenden Fingerzeige über 
die prophylaktische und heilende Wirkung der 
VTasseranWendung in der Phthisiotherapie. Die 
I Methoden, die zu diesem Behufe zur Verfügung 
stehen, sind nach Winternitz: 1. Kräftigung 
der Herzaktion. 2. Erhöhung des Gefäß- und 
Gewebstonus und Hervorrufung einer kolla- 
teralen oder aktiven Hyperämie in den er¬ 
krankten Organen. 3. Herstellung lokaler Treib¬ 
hausverhältnisse in und über den erkrankten 
Organen. 4. Kräftigung des ganzen Organismus 
und Beeinflussung der Blutbeschaffenheit. Einer 
besonderen Besprechung unterzieht Winter¬ 
nitz eine neue Form der Kreuzbinden, deren 
Anwendung ebenso wie jene des Duschapparates 


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152 


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„Ombrophor“ durch beigegebene Bilder er¬ 
läutert wird. 

Das Schlußkapitel befaßt sich mit den 
Blutveränderungen unter thermischen Ein¬ 
flüssen. Ein chronologisches Verzeichnis der 
Publikationen des Verfassers, welches dem 
Werkchen beigefügt ist, gibt ein Bild des 
arbeitsreichen Lebens des berühmten Hydria- 
tikers. Die Ausstattung des Buches ist, ent¬ 
sprechend dem Rufe der Verlagshandlung, eine 
sehr gefällige. Glax (Abbazia). 

Jezierski (Posen), Beiträge zum Begriff 
der Erkältung. Deutsch. Arch. f. klin. Med. 
1917. H. 4-6. 

Durch einfache Abkühlung einer feuchten, 
nackten Thoraxpartie des Kaninchens oder der 
Ziege ließ sich stets eine Veränderung in den 
Lungen, vom Stadium der Blutanschoppung 
bis zum Stadium der Infiltratbildung, sowie 
Störungen des Allgemeinbefindens erzielen. 
Abkühlung durch bewegte Luft wirkte inten¬ 
siver als durch ruhende. Eine Vorerwärmung 
der Tiere schien nicht durchaus notwendig. 
Eine passive Infizierung der Tiere rief schwerere 
Krankheitserscheinungen hervor. 

Wenn auch die Verhältnisse beim Tiere 
andere sind als die beim Menschen, und Tier¬ 
versuche im allgemeinen auf Menschen nicht 
übertragen werden dürfen, so wäre in prakti¬ 
scher Hinsicht dies eine zu berücksichtigen, 
daß eine Abkühlung bei trockener Haut geringe 
Nachteile zur Folge haben, daß aber eine 
Durchfeuchtung der Haut z. B. durch Schwitzen 
und dann eine rasche Abkühlung durch bewegte 
Luft die schwersten Veränderungen nach sich 
ziehen kann. W. Alexander (Berlin). 

Karl Kramer, Wundbehandlung mit Argcnt. 
nltric. und Heißluft. W. kl. W. 1917. Nr. 5. 

Autor teilt hier eine von ihm ersonnene 
Wundbehandlung mit, die ihm in der Privat- 
und Militärpraxis ausgezeichnete Erfolge ge¬ 
zeitigt hat und die er zusammenfassend wie 
folgt definiert: 

1. Lapisbehandlung (10%ige Lösung), 
also Cred6-Verfahren, direkt den Entzündungs¬ 
herd mit den Erregern beeinflussend und damit 
immunisierend. 

2. Verband mit phys. Kochsalzlösung, 
also Bad in einem dem Normalserum nahe¬ 
stehenden Medium und Ausschaltung der durch 
spätere Metaplasie narbenbildenden Granu¬ 
lationen. 

3. Heißluft, also Bi ersehe oder gesteigerte 
natürliche Hyperämie von 7a Stunde Dauer. 


| Große seröse Höhlen wurden mit l°/o^ er 
I Argent. nitric.-Lösung gespült, Otitis ext., 
Furunkulose sehr erfolgreich mit Lapissalbe 
behandelt. Bei Gelenkschüssen, Phlegmonen 
usw. Instillation von 10°/ o iger Lapislösung 
| durch einige wenige Stichöffnungen, 
j Jan so n (Berlin). 

C. Gymnastik, Massage, Orthopädie- 
und Apparatbekandlung. 

9. Frosteil, Kriegsmechanolherapie. An¬ 
hang: Arbeitstherapie und Invaliden¬ 
schulen von H. Spitzy. Mit 96 Abb. 
Berlin u. Wien 1917. Urban & Schwarzenberg. 

Das kleine, 176 Seiten starke Buch kommt 

j 

| zur rechten Zeit. Nicht nur, daß eine alle 
| Spezialitäten der Mechanotherapie zusammen¬ 
fassende Anleitung gerade zur Behandlung von 
| Kriegsverletzten erwünscht war; es fehlte be 
I sonders auch eine einfach und klar geschriebene 
Anleitung, die sich zur Ausbildung des jetzt 
so zahlreich benötigten Hilfspersonals eignet. 
Dem Verfasser ist es gelungen, in dieser Be¬ 
ziehung das Richtige zu treffen; eine Reihe 
leichtfaßlicher Abbildungen erleichtert auch 
dem Laien das Verständnis. Auf das freie 
Turnen wird mit Recht großer Wert ge¬ 
legt. Die Frenkelsche (nicht Fränkel S. 47 
und Franke S. 159) Übungsbehandlung ist zu 
kurz skizziert; nach dieser Anleitung kann sie 
keiner ausüben. Gegenüber der ausführlich 
behandelten Massage scheinen mir andere 
wichtige physikalische Prozeduren (Hydro¬ 
therapie, Heißluft usw.) zu kurz gekommen zu 
sein. Der vorzügliche Anhang von Spitzy 
zeigt, was zielbewußte und kräftig durch- 
■ geführte Organisation leisten kann; wie bei 
richtiger Auswahl und Anleitung dem Invaliden 
ein Lebenszweck und dem Staat Arbeitskräfte 
geschaffen werden können, 
j W. Alexander (Berlin). 

i - 

i J. G werder, Über Entspannangspneamo- 
tborax auf Grand symptomatischer Indi¬ 
kation. Ztschr. f. Tuberkulose. Bd. 27. H. «5. 

An Hand von 5 klinischen Fällen erörtert 
Autor Indikationen und Technik des von 
ihm seit bald 3 Jahren im Sanatorium Arosa 
mit großem Erfolge angewandten „symptomati¬ 
schen Pneumothorax“, wobei er das Wort „sym- 
| ptomatisch“ im Sinne von „nicht kausal“, d. h. 
nicht im landläufigen Sinne gebraucht. „Es 
handelt sich meistens um Kranke, bei welchen 
keine sog. gesunde Lunge mehr vorhanden ist. 
sondern auch diese weit über das übliche Maß 


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153 


hinausgebende Veränderungen aufweißt und nur 
als der bessere Teil existiert.“ Der symptoma¬ 
tische Pneumothorax soll in erster Linie ent¬ 
giftend wirken, so daß für seine Anlegung 
die „notwendigen auszuschaltenden 
Symptome“ die Richtschnur abgeben, wobei 
natürlich eine ideale elektive Lokalisierung und 
Dosierung Haupterfordernis bleibt (also Aus¬ 
schaltung von pneumonischen Herden, Kavernen 
oder sonstiger Schubherde). Er kommt aber 
auch bei fieberfreien Fällen mit gefahrdrohenden 
Blutungen in Frage, wo er also nach Art 
einer Plastik gefährliche Symptome beseitigt; 
ferner bei jahrelangem eigenartigen starken 
Keizhusten; bei Blutungen; als präventiver 
Entspannungspneumothorax bei prognostisch 
zweifelhaften Fällen zur Erhaltung normaler 
intrapleuraler Verhältnisse usw. Die Zahl kon¬ 
sekutiver Exsudate betrug bei Autors Fällen 
nur 10% (gegenüber einer sonst normalen 
Prozentziffer von 50). — Beigefügte Röntgen¬ 
bilder erläutern den Text in entsprechender 
Weise. Janson (Berlin). 

Lothar Dreyer, Das Druckdifferenzver- 
fafaren in der Kriegschirurgie. B. kl. W. 
1917. Nr. 4. 

Das aus dem Sauerbruchschen Unter¬ 
druckverfahren hervorgegangene Brauer- 
sche Überdruckverfahren hat jetzt ganz 
allgemein das erstere verdrängt, zumal die so¬ 
genannten kleinen Überdruckapparate (Henle- 
Tiegel scher Sauerstoffapparat), im Gegensätze 
zum Überdruckverfahren, so außerordentlich 
einfach sind, daß ihre Verwendung im Felde 
durchaus möglich erscheint. Seitdem ist die 
Behandlung von Brustschüssen aus dem kon¬ 
servativen in ein aktiveres Stadium eingetreten. 
An Hand eines von ihm mit bestem Erfolge 
operierten Falles einer durch Granatsplitter 
verursachten Abszeßböhle der rechten Lunge 
bei einem Serganten illustriert Autor die Vor¬ 
züge des besagten Verfahrens. 

Janson (Berlin). 


U. Gatstein (Berlin), Die Wirkung des 
künstlichen Pneumothorax auf das Blut 
der Tuberkulösen. Ztschr. f. Tuberkulose. 
Bd. 20. H. 5. 

Gutstein hat nach Anlegung des Pneu¬ 
mothorax und jedesmal nach der Nachfüllung 
das Blutbild der Kranken mit dem Zustand 
vor der Operation systematisch verglichen und 
kommt zu folgenden Resultaten, wobei er 
zwischen totalem und partiellem Pneumothorax 


(in Folge von Adhäsionen) unterscheidet. 
1. Beim vollständigen unkomplizierten Pneu¬ 
mothorax der Lungentuberkulösen tritt eine 
rasche und bedeutende Vermehrung der Ery- 
throzythen, eine langsamere des Hämoglobins 
ein. Bei Gesamtverminderung der Leukozythen 
tritt im Blutbilde Hyperlymphozytose und 
Eosinophilie ein. 2. Beim vollständigen aber 
komplizierten Pneumothorax und ebenso beim 
partiellen mit ungünstigem Verlauf sind die 
Blutveränderungen nur vorübergehend und oft 
sogar entgegengesetzt. 3. Das Auftreten der 
typischen Blutveränderung beim Pneumothorax 
stellt ein prognostisch günstiges Zeichen dar. 
Beim Fehlen dieser Veränderungen ist die 
Prognose sehr vorsichtig zu stellen. Die 
fleißige Arbeit wird durch eine Reihe von 
Tabellen des Blntbefundes erläutert. Sie ist 
sowohl vom pathologischen wie therapeutischen 
Standpunkte sehr interessant und daher ist die 
Lektüre des Originals dringend zu empfehlen. 

Blitstein (Berlin-Schöneberg). 


| D. Elektro-, Licht- und Röntgen¬ 
therapie. 

Friedrich Dessauer (Frankfurt a. M.) und 
B. Wiesner (Aschaffenburg), Leitfaden des 
Röntgenverfahrens. Fünfte umgearbeitete 
und vermehrte Auflage. 450 Seiten mit 
| 168 Abbildungen und 5 Tafeln. Leipzig 1916. 

Verlag von Otto Nemnich. 

Der Dessauer-Wiesnersehe „Leitfaden 
des Röntgenverfahrens“ liegt bereits in fünfter, 
und wie wir gleich hinzufügen wollen, stark 
vermehrter und vielfach neu bearbeiteter Auf¬ 
lage vor — gewiß der beste Beweis für die 
Güte und die Gediegenheit des hinlänglich be¬ 
kannten Buches. Denn ein Werk, das innerhalb 
13 Jahre 5 Auflagen erlebt, hat sicherlich die 
Feuerprobe längst überstanden und sich einen 
festen Leserkreis gesichert, und dieses gilt für 
den vorliegenden Leitfaden in ganz besonderem 
Maße. Die Mitarbeiter für die verschiedenen 
Kapitel sind die gleichen geblieben wie in den 
; voraufgegangenen Auflagen. Der Elektronen- 
I theorie und der Vorgänge in der Röntgen¬ 
röhre sowie der Tiefentherapie sind genaue 
Darstellungen gewidmet worden. Die Gltth- 
■ kathoden - Röhre (Coolidge, Lilienfeld, 
Fürstenau) und die Instrumentarien zu ihrem 
Betriebe erforderten einen neuen Abschnitt. 

! Aber auch der medizinische Teil wurde der 
neuesten Errungenschaften der Wissenschaft 
entsprechend erweitert. So kann auch der 


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Referate über Bücher und Aufsätze. 


neuen Auflagen des Dessauer-Wiesnerschen 
Leitfadens nur die beste Prognose gestellt 
werden. L. Katz (Berlin-Wilmersdorf). 

M. Liebers, Zar Behandlung der Ziffer- 
nenrosen nach Granatschock. Neurol. 
Zentralbl. 1916. Nr. 21. j 

Bei der Auswahl der verschiedenen Sug¬ 
gestivverfahren muß man individualisierend vor- ' 
gehen. Dann kann man auch fast alle Fälle ; 
heilen oder erheblich bessern. Die besten 1 
Chancen bieten frische Tremorfälle, bei denen 
nur eine Extremität befallen ist und die 
noch nicht andererweitig vorbehandelt waren. 
Einige Tage bis zwei Wochen Bettruhe, vorbe- i 
reitende Verbalsuggestion, dann einige kräftige 
faradische Induktionsströme mit Unterbrecher- j 
elektrode bis zum Tetanus, in dem der Tremor I 
natürlich verschwindet. Dazwischen Freiübungen I 
nach Kommando, alles vom Arzt selbst vorge- j 
nommen. So wurde meist Heilung erzielt. 
War das in der ersten Sitzung nicht der Fall, 
so erwies sich auch weiteres Faradisieren in 
der Folgezeit gewöhnlich als nutzlos. In 
solchen Fällen wurde Hypnose versucht, die 
jedoch nur in 30 bis 50 % der Fälle möglich 
war. Das Zittern schwand nie in einer 
Sitzung, in mehreren Fällen aber in der dritten 
Sitzung vollständig. In den übrigbleibenden 
Fällen w andte Verfasser die Kaufmann sehe 
Methode der stark schmerzhaften sinusoidalen 
Wechselströme an, aber nur mit vollem Ein¬ 
verständnis des Kranken. Der Erfolg trat im 
Gegensatz zu Kaufmanns Angaben nach 
wenigen Sekunden ein. Unter Berücksichtigung 
der bekannten Kontraindikationen treten nie¬ 
mals Störungen auf. Von der medikomentösen 
Behandlung, einschließlich das Hyoscinschlafes, 
wurden keine großen Erfolge gesehen. Es 
wurde Brom gereicht, feuchtwarme Ganz¬ 
packungen, 2 mal täglich 2 Stunden, prota- 
hierte Bäder zur Herabsetzung der erhöhten 
Reflexerregbarkeit. W. Alexander (Berlin). 

K. Goldstein, Uber die Behandlung der 
monosymptomatiseben Hysterie bei Sol¬ 
daten. Neurol. Zentralbl. 1916. Nr. 20. 

Gewisse Fälle von hysterischer Erkrankung 
bei Soldaten zeigen sich gegen die übliche 
Behandlung refraktär, besonders die Zitterer, 
isolierte Lähmungen, hysterische Stummheiten 
und Taubheiten. Die Kaufmannsche Me¬ 
thode der brüsken Faradisation hat zweifel¬ 
lose Erfolge aufzuweisen. Aber sie ist bei 
reizbaren Patienten nicht anwendbar, darf nur 
vom geschulten Neurologen ausgeübt werden 


und ist unsympathisch. Aus diesen Gründen 
ist sie nur in relativ wenigen Fällen anwendbar. 
Suggestion kann man durch Gewalt oder durch 
Güte ausüben, die Erfolge der letzteren sind 
sicherer und dauerhafter. Gerade als Gold¬ 
steinseine ersten Versuche mit derKaufmann- 
schen Methode machen wollte, lernte er eine 
andere, von Rothmann (Königsberg) empfohlene 
Suggestivmethode kennen, bestehend in einer 
Injektion im Ätherrausch. Diese Methode ist 
absolut gefahrlos. Die Injektion von Kochsalz¬ 
lösung soll dicht an dem gelähmten Körperteil 
vorgenommen werden, bei Stummheit am Hals, 
bei Taubheit hinter dem Ohr. Psychische Vor¬ 
bereitung durch Arzt und Personal. Nach der 
Einspritzung großer Verband. Versprechen der 
Heilung sofort oder in den nächsten Stunden. 
Vorher wird dem Kranken gesagt, daß er trotz 
Heilung nicht wieder ins Feld kommt, was 
übrigens auch sachlich begründet ist. Weitere 
Vorzüge dieser Methode gegenüber der Kauf¬ 
mann sehen sind die, daß sie den Arzt weit 
weniger anstrengt und zeitig belastet, und daß 
sie auch bei schwächlichen und erregbaren 
Kranken anwendbar ist. Nach der Heilung 
Urlaub, dann Arbeit unter ärztlicher Aufsicht, 
Entlassung als a. v. im Benif oder als g. v. 

Die Methode gestattet auch, funktionelle 
von organischen Störungen zu trennen. Mit¬ 
teilung geheilter Fälle. 

W. Alexander (Berlin). 

H. Weber (Thon), Über die Behandlung von 
Herzkrankheiten und Arteriosklerose mi( 
Kondensatorslrömen. Korrespondenzblatt f. 
Schweizer Ärzte 1917. Nr. 3. 

Weber berichtet über 19 mit Kondensator¬ 
strömen behandelte Fälle. Zunächst wird die 
Methodik genau beschrieben. Der direkte 
Effekt ist vor allem Muskelreizung. Der ar¬ 
beitende Muskel nimmt mehr Blut auf als der 
ruhende; dadurch wird das Herz entlastet, und 
die peripheren Widerstände werden herabgesetzt. 
Schädliche Stoff Wechselprodukte w r erden durch 
Anregung der Diurese aus dem Körper elimi¬ 
niert. Der Blutdruck sinkt und das Herz wird 
verkleinert. Mit Eintritt der Wirkung werden 
Medikamente besser ausgenutzt. In einem Falle 
trat eine Erhöhung des Hämoglobingehaltes 
des Blutes ein. Allgemein zeigte sich subjektive 
Besserung im Befinden der Kranken; Schwindel, 
Kopfdruck, Ohrensausen ließen nach, Schlaf 
und Psyche des Patienten wurden günstig be¬ 
einflußt. Die peripheren Zirkulationsstörungen 
wie kalte Hände und Füße schwanden, ebenso 


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Referate über Bücher und Aufsätze. 


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Herzdruck und Herzklopfen. Objektiv sieht 
man Verlangsamungder regelmäßiger werdenden 
Herztätigkeit. Als Indikationen gibt Weber 
an: 1. alle organischen Herzkrankheiten ohne 
schwere Kompensationsstörungen, 2. Herz¬ 
neurosen bei nicht allzu erektilem Nervensystem, 
3. Kombinationen beider, 4. Arteriosklerose aller 
Grade mit Einschluß von Koronarsklerose (wo¬ 
bei Verbindung mit Diathermie zu empfehlen 
ist) — ausgeschlossen ist nur die Arteriosklerose 
mit Schruropfniere. 

Zum Schluß schildert Weber den Gang 
seiner Herzuntersuchungen und gibt einzelne 
Krankengeschichten. E. Tobias (Berlin). 

L. Balassa (Budapest), Über eiuen Fall von 

Jacksonscher Epilepsie mit Röntgenbefund. 

Neurol. Zentralbl. 1917. Nr. 2. 

Bei einem sonst gesunden Mädchen, das 
im 2. Lebensjahr Masern durchgemacht hat, 
kamen im 15. Lebensjahr auf die rechte Ge¬ 
sichtshälfte lokalisierte Kiäuipfe ohne Bewußt¬ 
seinsverlust vor, später auch einige epileptische 
Anfälle. Auf dem Röntgenbild sieht man im 
Bereich der linken motorischen Zone einen 
kleinen Verkalkungsherd. 

Die systematische Dnrchforschung der 
Gehirne von Epileptikern mit Röntgenstrahlen 
wird viele wertvolle Aufklärungen über die 
Ätiolog e und manche Ratschläge für die The¬ 
rapie liefern. W. Alexander (Berlin). 

K. Mendel (Berlin), Kriegsbeobachtongen. 

Die Kaufmannsche Methode. Neurol. 

Zentralbl. 1917. Nr. 5. 

Über die Kaufmannsche Methode der 
Behandlung psychogener Bewegungs¬ 
störungen bei Soldaten liegt nun schon 
eine umfangreiche Literatur vor. Die meisten 
Autoren äußerten sich zustimmend, viele je¬ 
doch halten die Methode für zu rigoros und 
besonders bei im Dienst erkrankten Soldaten 
nicht für berechtigt. Auch Mendel hatte 
die Methode nach ihrer ersten Schilderung 
einer scharfen Kritik unterzogen, spricht aber 
in vorliegendem Bericht auf Grund einer größeren 
eigenen Erfahrung sein „pater peccavi“ aus. 
Neben einer großen Reihe zum Teil in einer 
Sitzung geheilter Fälle von Kontrakturen, 
Kopfwackeln, Stottern usw. teilt er auch 
5 Versager mit und kommt zu dem Schluß, 
daß sich nicht für die Methode eignen ältere, 
verbrauchte, sowie renitente, explosive Pa¬ 
tienten, bei denen übrigens auch durch andere 
Methoden (Hypnose usw.) nichts zu erreichen 
ist, weil sie eben nicht gesund werden wollen. 


Geeignet sind jüngere, beeinflußbare Individuen 
mit psychogenen Störungen, besonders wenn 
sie noch nicht zu lange in Lazarettbehandlung 
gestanden haben. Völlige Heilung gelingt ge¬ 
wöhnlich in 3—4 Sitzungen, doch hält Mendel 
die so von den Symptomen befreiten nie für 
kriegsverwendungsfähig, meist nur für a. v. 
Die Technik der Anwendung ist im Original 
nachzulesen. Es wird nur der faradische ev. 
galvanische Strom benutzt. Großen Wert legt 
Mendel auf die psychische Vorbereitung: Zu¬ 
sammenlegen der neu Eingelieferten mit bereits 
Geheilten, feste Versicherung, daß Heilung so¬ 
fort eintritt, Fortsetzung der Sitzung unerbitt¬ 
lich über 3—4 Stunden. Die Methode darf 
nur in der Hand fachkundiger Ärzte verwandt 
werden. W. Alexander (Berlin). 

E. Serum- und Organotherapie. 

Inada, Ido, Hoki, Ito und Wan! (Fukuoka, 
Japan), Zur Serumbehandlung der Weti¬ 
schen Krankheit (Spirochaetosls ictero- 
haemorrhagica Inada). Korrespondenzblatt 
f. Schweizer Ärzte 1917. Nr. 3. 

Inada und Ido fanden im Blutserum der 
Rekonvaleszenten von Weil scher Krankheit 
einen die Spirochäten im Blute und in der 
Leber des experimentell erkrankten Meer¬ 
schweinchens auflösenden nnd tötenden Immun¬ 
körper. Die Behandlung des experimentell er¬ 
krankten Meerschweinchens mit dem Serum 
von Rekonvaleszenten und von aktiv immuni¬ 
sierten Ziegen hatte Erfolg; bei Injektion vor 
Auftreten des Ikterus gelang es, die Krankheit 
in allen Fällen zu kupieren. Zur Serum¬ 
behandlung verwandt wurde anfangs das 
Serum von Rekonvaleszenten, später das von 
aktiv immunisierten Pferden. Die Pferde 
wurden mit der Spirochaeta icterohaemor- 
rhagica immunisiert. Die Ziege ist zu klein, 
um eine große Menge Heilserum herzugeben. 
Das Serum ist sehr kräftig. 

0,01 ccm des Heilserums, mit der Rein¬ 
kultur zugleich in die Peritonealhöhle injiziert, 
schützt ein Meerschweinchen von 200 g Körper¬ 
gewicht vor der Infektion durch 1,0 ccm Rein¬ 
kultur. Bei der Krankenbehandlung wurde ein 
viel schwächeres Serum angewandt, von dem 
0,5 ccm zur Erzielung des gleichen Schutzes 
nötig waren. Dem Pferdeheilserum wurde 
Karbolsäure im Verhältnis von 0,5 °/ 0 zugesetzt. 
Das Serum wurde dann noch einen Monat in 
der Eiskammer anfbewahrt, auf die Abwesenheit 
von Tetanustoxin und auf den Karbolgehalt, 


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weiter durch die Kultur auf die Sterilität ge¬ 
prüft, dann kam es erst zur Anwendung. 

Zur Behandlung kamen 35 Fälle. 6 wurden 
mit Rekonvaleszentenserum, zwei mit Pferde- 
und Rekonvaleszentenserum, 27 mit dem Pferde¬ 
immunserum behandelt. Anfangs wurden täg¬ 
lich 10 ccm drei Tage lang injiziert. In dieser 
Dosis war das Serum nicht wirksam. Deshalb 
wurden 60 ccm innerhalb 24 Stunden auf drei¬ 
mal verteilt in Intervallen von 5—6 Stunden 
injiziert. Auch intravenöse Injektionen wurden | 
mit gutem Erfolg vorgenommen. Es handelte 
sich um 17 schwere, 17 mittelschwere und 
1 leichten Fall. Zur Beurteilung des Erfolges 
dienten das Verhalten der Mortalität, der Ein¬ 
fluß des Heilserums auf die Spirochäten im 
zirkulierenden Blute, eine eventuelle frühere 
Entwickelung des Immunkörpers durch das 
Heilserum, der Spirochätenbefund in den Or¬ 
ganen der Kranken, die mit Heilserum behan¬ 
delt wurden, aber starben, endlich der Einfluß 
auf die Symptome und den Krankheitsverlauf. 

Von den 35 Fällen starben 7, zwei an 
Komplikationen (eitrige Meningitis bzw. ein 
Eiterungsprozeß). Ein weiterer der 7 Fälle 
wurde moribund eingeliefert. Die Mortalität 
ist durch die Serumbehandlung von 30,6 % 
auf 11,4% heruntergegangen. 

Weiterhin ergaben die Beobachtungen, daß 
das Pferdeimmunserum in geeigneter Dosis 
die Spirochäten iin Blute nach einer gewissen 
Zeit völlig vernichten kann. Es war dies 
nach der Injektion von 40—60 ccm Heilserum 
nach 5—6—24 Stunden der Fall. 10—20 ccm 
Serum waren zur Vernichtung der Spirochäten 
ungenügend. In den mit Serum behandelten 
Fällen tritt, verglichen mit den Fällen ohne 
Serumbehandlung, der Immunkörper früher im 
Blute auf, besonders auch nach einer großen 
Serumdosis. 

Der Spirochätenbefund ist bei den nach 
der Serumbehandlung verstorbenen Fällen im 
Vergleich zu den ohne Serumbehandlung nach 
gleicher Krankheitsdauer verstorbenen viel spär¬ 
licher, die Spirochäten zeigen im Gewebe hoch¬ 
gradigere Degeneration. Dieser Befund ist in 
den Nieren und Herzmuskeln deutlich zu kon¬ 
statieren. 

Ein bedeutender Einfluß auf Fieber, Ikterus 
und hämorrhagische Diathese war nicht zu kon¬ 
statieren, nur die Blutungen scheinen bei Serum¬ 
behandlung weniger häufig vorzukommen. Bei 
der Serumbehandlung ist Nachfieber häufiger. 

Nebenwirkungen wurden fast nie gesehen. 
Es trat kein Fieber nach der Seruminjektion 


auf. In je einem Falle wurden vorübergehend 
Kopfschmerzen, Ohrensausen und ein Exanthem 
an der Injektionsstelle beobachtet. 

Zum Schluß wird ein Fall beschrieben, bei 
dem die spirochätozide und -lytische Wirkung 
des Heilserums ganz analog wie beim experi¬ 
mentell erkrankten Meerschweinchen nachge¬ 
wiesen werden konnte. E. Tobias (Berlin). 

K. Hudovernig (Budapest), Uber den Wert 
der neueren Behandlungsarten der pro¬ 
gressiven Paralyse. Neurol. Zentralbl. 1917. 
Nr. 2. 

Da es sich bei der Paralyse um verlorene 
Menschen handelt, kommt für die Heilwerte 
als ausschlaggebend in Betracht, bei welcher 
Behandlungsart die meisten tatsächlichen Er¬ 
folge erzielt werden, erst als zweites Moment 
aber, welche Methode am wenigsten schaden 
kann. Nach Verfassers Erfahrung haben nicht 
mit Quecksilber kombinierte Tuberkulin- und 
Nukleinkuren nur minimalen Heilwert Die 
besten Erfolge gibt die ausschließlich anti- 
luetische Behandlung, nämlich in 10 % Arbeits¬ 
fähigkeit und 20 % bedeutende Besserung, zu¬ 
sammen 36%. Die mit Hg kombinierte Tuber¬ 
kulinkur hatte nur in 15 % günstige Erfolge. 
Die mit Hg kombinierte Nukleinkur ergab nur 
4 % Arbeitsfähigkeit, aber 36 % erhebliche 
Besserungen, also 40 % Gesamterfolge.. Diese 
Erfahrungen bestätigen den Standpunkt, daß 
bei jeder auf Hyperpyrese aufgebauten Paralyse¬ 
behandlung das Wichtigste und einzig Aus¬ 
schlaggebende die gleichzeitige antiluetische 
Behandlung darstellt, und daß in der Ätiologie 
der progessiven Paralyse der Lues die größte 
Rolle zukommt. W. Alexander (Berlin). 

F. Verschiedenes. 

H. Yoigt (Wiesbaden), Handbach der The¬ 
rapie der Nervenkrankheiten. 2 Bände. 

Jena 1916. Verlag von G. Fisoher. 

Im Verein mit einer Anzahl hervorragender 
Fachgenossen hat Voigt ein umfangreiches 
Handbuch (1240 Seiten) der Therapie der 
Nervenkrankheiten herausgegeben, welches dem 
Bedürfnis des tätigen Praktikers entsprechend, 
die täglich an ihn herantretenden Fragestellungen 
bezüglich der Behandlung Nervenkranker beant¬ 
worten soll. Alle die zahlreichen Methoden, die 
vielfach allzu spezialistisch unter Ausschluß 
anderer Therapeutika vom einzelnen betrieben 
werden, so daß es innerhalb der Spezialität 
I wieder zahlreiche Spezialisten gibt, sind, von 


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guten Kennern dargestellt, so bearbeitet, daß 
sie von jedem Praktiker unmittelbar zur An¬ 
wendung gebracht werden können. Dem über¬ 
aus reichhaltigen Inhalt des Werkes kann ein 
Referat nicht gerecht werden. Wie umfassend 
der Stoff behandelt wurde, ersieht man schon 
aus der Aufzählung einiger Kapitel, die natur¬ 
gemäß auch in den größten Handbüchern der 
Neurologie nur summarisch erwähnt werden 
können. „Hygiene der Erziehung“ und „Hy¬ 
giene des Lebens“ hat Voigt selbst als Ein¬ 
leitung geschrieben. Nach einem ausführlichen 
medikamentösen Teil von R. Bing hat 
H. Schultz die Organo- und Serotherapie be¬ 
arbeitet. Die Therapie der Lues wird von 
Herxheimer und Hoehne geschildert; die 
Psychotherapie als Hypnotherapie, Wach- 
snggestion usw. und Psychoanalyse von Voigt 
und H. Schnitz. Die Arbeitstherapie von 
Quaet-Faslem. Die kompensatorische 
Übungstherapie hat in 0. Förster, die 
Mechanotherapie in Hasebroek hervorragende 
Bearbeiter gefunden. Es folgen Kapitel über 
Turnen und Sport von Quaet-Faslem, über 
chirurgische Therapie von Eichelberg, 
Elektrotherapie von F. Kramer, Hydrotherapie 
und Aerotherapie von Determann, Balneo¬ 
therapie und Krankenpflege von Apelt, Stoff- 
wecbseltherapie von Bornstein und Goud- 
berg. 

Der zweite, spezielle Band bringt ein¬ 
gehende Kapitel über die Therapie der Organ- 
neurosen und schließlich die Behandlung der 
Krankheitsbilder. Die Nervenkrankheiten der 
Kinder sind von P. Grosser und Voigt be¬ 
sonders bearbeitet. Auch dein Asthma bron¬ 
chiale, der Seekrankheit und schließlich den 
Kriegsnervenkrankheiten sind besondere Kapitel 
gewidmet 

Das ganze Werk, in hervorragender Aus¬ 
stattung mit 227 größtenteils guten Abbildungen, 
spiegelt das Können der neurologischen Thera* 
peutik wieder, aufgebaut auf dem heutigen 
Stand der wissenschaftlichen Erkenntnis und j 
großer persönlicher Erfahrung der Autoren. 

W. Alexander (Berlin). 

F. Kraus und Th. Brugsch, Spezielle 
Pathologie und Therapie innerer Krank¬ 
heiten. Lieferung76—78. Urban & Schwarzen¬ 
berg. Berlin und Wien 1916. 

Das trotz des Krieges rüstig fortschreitende 
Werk bringt in dem vorliegenden Band die Er¬ 
krankungen der endrokrinen Drüsen: Myxödem 
von W. Scholz; Morbus Addisonii von Rahel 


= / 

Hirsch; Tetanie von H. Eppinger; Akrome¬ 
galie, Gigantismus und Infantilismus von 
G. Peritz. — Auch dieser Teil des Hand¬ 
buches fügt sich nach der Art der Darstellung 
und der glänzenden Ausstattung gut in den 
Rahmen des bisher Gebotenen ein. Es er¬ 
übrigt sich, darauf hinzuweisen, daß die Be¬ 
arbeitung durch die bewährten Autoren ebenso 
umfassend wie kritisch ist und einen getreuen 
Überblick der derzeitigen Kenntnisse auf diesen 
stellenweise noch recht schwankenden Gebieten 
gibt. Wie immer erläutern eine große Zahl 
vorzüglicher Abbildungen den Text. 

W. Alexander (Berlin). 

Kantor (Warnsdorf), Geburtenrückgang und 
Kurpfuscherei. Therap. Monatsh. 1916. 
November und Dezember. 

Kantor bespricht den Einfluß des Kur¬ 
pfuschertums auf den Geburtenrückgang. Er 
beginnt mit der Stellungnahme der Behörden 
und Volksvertreter sowie mit der ärztlichen 
Stellungnahme, erörtert sodann die Stellung¬ 
nahme der Gerichte, die Lockungsmittel, die 
Hebammenpfuscherei und die Apparate zur Ab¬ 
treibung. Eingehend werden dann die Mittel 
zur Bekämpfung diskutiert. Von Interesse ist 
eine Tabelle der „Blutstockungsmittel“ und der 
„Anticoncipientia“, von welch letzteren Kantor 
sowohl die Apparate wie die Präparate aufzäblt. 

E. Tobias (Berlin). 

E. Weber (Berlin), Über die Beeinflussung 
der Herzfunktion, nachgewiesen durch die 
plethysmographische Arbeitskurre. Tbr. 
d. Geg. 1917. H. 1. 

Die Methode, die Verfasser seit 10 Jahren 
benutzt, besteht in Registrierung des Arm¬ 
volumens mit gleichzeitiger Aufnahme der 
Atmungskurve während der Ausführung einer 
kräftigen, aber völlig lokalisierten Muskelarbeit, 
der abwechselnden Plantar- und Dorsalflexion 
des frei hängenden Fußes. Beim Normalen 
zeigt sich bei dieser Arbeit eine Zunahme der 
arteriellen Blutfülle aller muskulären Körper¬ 
teile (außer dem Kopf), die sofort wieder zur 
Norm absinkt; dieser Vorgang ist kenntlich an 
dem Steigen und Abfallen der Volumkurve des 
Arms. Störungen der beteiligten Organe ver¬ 
ändern die Kurve in charakteristischer Weise. 
Bei Stauungen im venösen Teil des großen 
Kreislaufes z. B. ist der Rückfluß des Blutes 
gestört, die Kurve zeigt einen verzögerten 
Abfall. Bei Hypertrophie des linken Ventrikels 
dauert der Anstieg der Kurve weit Über das 
Ende der Muskelarbeit hinaus. Da durch nor 


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vöse Einflüsse die Kurve in keiner Weise ver¬ 
ändert wird, kann man mit der Methode in 
objektiver Weise nervöse von organischen 
Herzkrankheiten unterscheiden. Man kann 
ferner das Maß von Anstrengung feststellen, 
das ein Herzkranker ohne Schädigung seines 
Herzens noch leisten kann. Die Methode bietet 
aber auch eine neue objektive Kontrolle über 
die Wirkung der verschiedenen therapeutischen 
Maßnahmen bei Herzkranken, über die Ver¬ 
fasser im folgenden berichtet. 

Unter der Wirkung von Sauerstoff¬ 
atmungen wurden negative Kurven wieder 
positiv, aber nur ganz vorübergehend. Die 
Lilien stein sehe „Phlebostase“ hatte in 
9 unter 10 Fällen keinen Einfluß auf die Kurve, 
und zwar bei Fällen, die durch andere thera¬ 
peutische Maßnahmen gut beeinflußt wurden. 
Von der Herzdiathermie glaubt Verfasser 
in einem Falle eine günstige Wirkung ge¬ 
sehen zu haben. Besonders guten Einfluß 
zeigte die manuelle und die Kirchbergsche 
Saugdruckmassage des Bauches. Eine Ver¬ 
kleinerung des erweiterten Herzens konnte 
auch röntgenologisch nachgewiesen werden. 
Auf Klopfmassage des Herzens reagierten die 
Fälle mit venöser Stauung am besten, bei 
Hypertrophie des linken Ventrikels ist Vorsicht 
geboten. Auch nach Kohlensäurebädern 
wurde im allgemeinen Besserung beobachtet. — 
Man kann also mit dem Verfahren objektiv 
feststellen, welches Therapeutikum sich im 
Einzelfalle am meisten empfiehlt und wann 
die Behandlung als beendet anzusehen ist. ! 
Die Technik der Methode ist schwierig und 
erfordert unbedingt monatelange Übung unter 
sachverständiger Kontrolle. Es müssen .dafür 
besonders eingerichtete Untersuchungsstellen 
eingerichtet werden, denen die Kranken zu 
überweisen sind. W. Alexander (Berlin). 


Geige! (Würzburg), Nervöses Herz und 
Herzneurose« M. m. W. 1917. Nr. 1 
Kurze den erfahrenen Praktiker kenn¬ 
zeichnende Arbeit. Das Wesen des Cor ner- 
vosum besteht darin, daß alles, was sich 
auch beim Gesunden auf physiologische Reize 
abspielt, wenn sie nur stark genug sind, in 
verstärktem Maß bei geringerer Reizgröße in 
Erscheinung tritt. Das nervöse Herz ist meist 
Teilerscheinung allgemeiner Nervosität. Bei 
Herzneurosen, die auch bei sonst ganz 
Nervengesunden sich einstellen, beherrschen 
die Herzerscheinungen das ganze Krankheits- 
bild viel mehr, als dies beim Cor nervosum der 


Fall ist. Hierher gehört die nicht auf Coronar- 
sklerose beruhende Angina pectoris, die 
paroxysmale Tachycardie, ferner die Angio- 
spasmen. Bei Herzneurosen ist oft das plötz¬ 
liche Entstehen und das ebenso rasche Ab¬ 
klingen des Anfalls das Hauptmerkmal gegen¬ 
über Herzmuskelerkrankungen. Ein Anfall 
weckt mitten in der Nacht den vorher an¬ 
scheinend Gesunden, während beim Cor ner- 
versum die Schlaflosigkeit Folge der all¬ 
gemeinen Nervosität ist. Verminderte Lei¬ 
stungsfähigkeit, welche die organischen Herz¬ 
leiden charakterisiert, kommt bei Herzneurose 
selten und nur sekundär vor, wenn sich als 
Folge der langdauernden Herz- und Gefä߬ 
neurose Dilatation und Schwäche des Herzens 
einstellt. Allgemein spielen bei Herzneurosen 
chronische Vergiftungen, Nikotin, Blei, Gicht 
eine Rolle [die wichtigen Beziehungen der 
sexuellen Sphäre zur Ätiologie der Herzneu¬ 
rosen übergeht der Verfasser. Ref.]. Die beste 
Prognose, auch bezüglich der Kriegsverwend¬ 
barkeit, gibt das Cor nervosum; dann folgt 
die im allgemeinen ebenfalls nicht ungünstige 
Herzneurose, von der das am ernstesten zu 
beurteilende anatomisch kranke Herz oft nur 
schwer zu unterscheiden ist. Herzgifte, auch 
Nitroglyzerin und Amylnitrit, helfen beim Cor 
nervosum gar nichts, sind aber, ebenso wie 
die physikalischen Heilmittel bei Herzneurosen 
oft von ausgezeichneter Wirkung. 

Roemheld (Hornegg a. N.). 


Schlayer (München), IHe Versorgung der 
funktionellen Kriegsneurosen« Erwiderung 
zu der Bemerkung von Geh. Rat Prof. Ho che 
in Nr. 50 der M m. W. S. 1782. M m. W. 1917. 
Nr. 1. 

Polemik gegenüber Ho che, der Schlayers 
I beachtenswerten Vorschlag zur Versorgung der 
1 funktionellen Neurosen (M. m. W. 1916. Nr. 4G. 
! Feldärztliche Beilage), welcher dahin ging, sich 
nicht prinzipiell mit der Kapitalabfindung zu¬ 
frieden zu geben, sondern durch aktive sug¬ 
gestive Momente (Prämien für rasche Wieder- 
I erlangung der Arbeitsfähigkeit usw.) in der Art 
| der Versorgung die genesungshemmenden Vor- 
i Stellungen überzukompensieren, bekämpft und 
die Befürchtung ausgesprochen hatte, daß ab¬ 
weichende Einzelvota der von fast allen Neuro¬ 
logen und Psychiatern für notwendig gehaltenen 
| Kapitalabfindung in den Augen des Laien- 
j Publikums schaden könnten. Die Kapital- 
| abfindung der funktionellen Kriegsneurosen 
zwangsweise einzuführen, wurde von dem maß- 


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159 


gebenden Reichsausschuß abgelehnt. Dieser 
Umstand und der Wunsch, ihre nicht wegzu¬ 
leugnenden Fehler zu umgehen, veranlaßte 
Schlayer, seine Vorschläge zu machen, die 
nur als Anregung gedacht sind, ausgehend von 
dem Leitgedanken, aktive genesungsförderndc 
Einflüsse in die Art der Versorgung zu legen. 

Roemheld (Hornegg a. N.). 


J. Bartel (Wien), Das Konstitutionsproblem 
In der Tuberkulosefrage. Aus Festschr. 
für J. Orth z. 70. Geburtstage. Ztschr. f. 
Tuberkulose 1917. H. 1. 

Die Infektionslehre befriedigt für die Be¬ 
urteilung der Pathogenese .der Tuberkulose 
nicht, sondern die noch immer ungeklärte 
Dispositionsfragc in Zusammenhang mit der 
Konstitution spielt eine große Rolle, wofür 
Verfasser Material im antagonistischen Sinne 
beibringt, z. B. an die tuberkulöse Immunität 
erinnernd, welche bei Gliomen, die fast regel¬ 
mäßig mit dem Status tbymicolyraphaticus ge¬ 
paart sind, bei Frauen, die durch Geburts¬ 
eklampsie fortgerafft wurden, bei Ulcus rotun- 
dtim, perniziöser Anämie, bei gewissen Ent¬ 
wicklungshemmungen usw. besteht. 

J. Ruhe mann (Berlin-Wilmersdorf). 

H. Weicker (Gttrbersdorf), Über die Beschäf¬ 
tigung und Beaufsichtigung der lungen¬ 
kranken Mannschaften in der Lungenheil¬ 
stätte. Ztschr. f. Tuberkulose. Bd. 27 II. 5. 

In vorliegender Aibeit legt ein allbekannter 
Anstaltsleiter seine aus reichster Erfahrung 
geschöpften Gedanken zum Thema nieder, die 
einer streng geregelten und beaufsichtigten 
Arbeitstherapie das Wort reden. Autor ver¬ 
steht es ausgezeichnet, Arbeitsgebiete nuszn- 
wählen, welche den Gärtnern, Förstern, Hand¬ 
werkern und Inspektoren der Heilstätten¬ 
betriebe möglichst wenig zur Last fallen. 
Seine Einordnung der Mannschaften in vier 
Gruppen mit einer durchschnittlichen Behand¬ 
lung und Beschäftigungstherapie von je 3 Wochen 
bringt Liegekur und Arbeitskur in ein, allen 
ärztlichen Gesichtspunkten gerecht werdendes 
Verhältnis, das zudem jede Schabionisierung | 
ausschaltet. Über dem ganzen Programme 
schwebt als Leitgedanke das Hauptziel, den | 
Kranken gleichzeitig seiner Genesung und der 
Wiedererlangung seiner Militärdienstfähigkeit I 
oder doch wenigstens des alten oder eines 
anderen Zivilberufes entgegenzuführen. In j 
jeder Beziehung sei dabei strengste Aufsicht , 
durch Ärzte und besonders auch durch die ! 


Gruppen- resp. Kolonnenführer unerläßlich, um 
den einzelnen Kranken vor Selbstschädigung 
zu bewahren. Janson (Berlin). 

R. Weldert und B. Bürger, Beiträge zur 
Anwendung des Chlors bei der Desinfektion 
von Wasser und Abwässern. Hyg. Rund¬ 
schau 1917. H. 1, 2, 3. 

Die Verfasser besprechen an Hand eigener 
Versuche ausführlich die Trink- und Abwasser¬ 
desinfektion mit freiem Chlor, Chlorkalk und 
Hypochlorit. Aus den Ergebnissen sei Folgen¬ 
des hervorgehoben: 

Gegenüber dem für Wasserdesinfektion am 
meisten gebrauchten Chlorpräparat, dem Chlor¬ 
kalk, weisen die Hypochloritlaugen eine Reihe 
von Vorzügen auf. Namentlich erfordert ihre 
Anwendung eine weit einfachere Apparatur, da 
sie klare Lösungen geben. Ihre keimtötende 
Wirkung ist der des Chlorkalks völlig gleich. 
Diese Vorzüge kommen freilich nur im Großen, 
also im praktischen Betriebe, zur Geltung. Für 
militärische Zwecke sind die fertig hergestellten 
Hypochloritlaugen wegen ihres relativ niedrigen 
Chlorgehaltes und ihrer geringen Beständigkeit 
nicht geeignet; dieses Gebiet bleibt dem Chlor¬ 
kalk Vorbehalten. Walter Brieger (Berlin). 

Walter Krause (Elberfeld), Einfluß der 
hereditären Belastung auf Form und Ver¬ 
lauf der Tuberkulose. Arch. f. Kinder¬ 
heilkunde 1916. H. 1 und 2. 

Verfasser hat statistisch aus dem Material 
einer Klinik die Frage des Einflusses der here¬ 
ditären Belastung bei tuberkulösen Kindern zu 
klären gesucht. Von 46 Fällen von Meningitis 
tuberculosa war bei 37 Fällen, also bei 80%, 
keine Heredität von seiten der Eltern nach¬ 
zuweisen, von 17 Fällen von Miliartuberkulose 
waren 9 ohne Belastung, also 53%. Bei 
Peritonitis tuberculosa hatten 83 % der Kinder 
nichttuberkulöse Eltern, bei Tuberculosis pul¬ 
monum hatten 44 % der Fälle nichttuberkulöse 
Eltern. Verfasser schließt daraus, daß die 
schweren Formen der Tuberkulose gerade bei 
Nichtbelasteten Vorkommen. Das Material ist 
viel zu klein und hat außerdem zu viel Fehler¬ 
quellen. Eine Nachprüfung an größerem Mate¬ 
rial würde klärend wirken. Jap ha (Berlin). 

Lydia Rabinowitsch (Berlin), Über die 
Bedeutung der Rinderbazillen Tür den 
Menschen. B. kl. W. 1917. Nr. 4. 

Auf Grund eingehender Untersuchung von 
20 Tuberkulosefällen aus dem Pathologischen 
Institut der Universität Berlin und je eines 


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Referate über Bücher und Aufsätze. 


Falles der Herren Ben da und Hart fand 
Autor 10mal = 50% Rinderbazillen; der Pro¬ 
zentsatz erhöht sich bei Berechnung der Fälle 
kindlicher Abdominaltuberkulose auf 70 %. 
Orths Verdienst ist es, der Anerkennung 
boviner Tuberkulose beim Menschen zum 
Siege verholfen zu haben. Janson (Berlin). 

W. Ceelen, Zar itlologie der Herzhyper- 
trophie bei Nierenerkranknngen. B. kl. W. 

1917. Nr. 4. 

Die Trias: Nierenerkrankung — Blutdruck¬ 
steigerung — Herzhypertrophie ist uns allen 
geläufig; nur über das Abhängigkeitsverhältnis 
dieser einzelnen Faktoren voneinander resp. 
von ev. neuen Faktoren herrscht noch keine 
Einigkeit. Unter den verschiedenen Theorien 
zur Erklärung der Störungen des Zirkulations¬ 
apparates (Blutdrucksteigerung) bei chronischer 
Nephritis haben die mechanischen (Traube, 
Cohnheim, M. B. Schmidt, Volhard, Bier) 
immer mehr Anhänger verloren, während die 
chemischen solche gewonnen haben, ganz 
besonders die Annahme einer toxisch bedingten 
chronischen Steigerung des Gefäßtonus. Nach 
dem allgemein-pathologischen Gesetze, daß die 
hoch differenzierten Organe resp. Zellen immer 
zuerst und am stärksten geschädigt werden, 
ist die Annahme berechtigt, daß durch gene¬ 
ralisierte Toxine gerade die hochdifferenzierte 
Medulla obl. zuerst angegriffen wird. 

Unter diesem Gesichtswinkel angestellte 
Untersuchungen von 5 Fällen „chronischer Ne¬ 
phritis“ mit Herzhypertrophie, in denen die 
Nephritis als das Primäre wahrscheinlich war, 
ergaben dem Autor durchgehend ausgesprochene 
Zellveränderungen in allen Stadien der Degene¬ 
ration bis zur völligen Nekrose in der Gegend 
des allerdings noch hypothetischen Vaso¬ 
motorenzentrums der Oblongata, wodurch 
wohl die Blutdrucksteigerung eine genügende 
Erklärung gefunden hätte; allerdings stellt Autor 
seinen Erklärungsversuch vorläufig noch zur 
weiteren Diskussion. Janson (Berlin). 

J. Wohlgemuth (Berlin), Über die Bildungs¬ 
stätte des Fibrinogens. B. kl. W. 1917. Nr. 4. 

Zur Entscheidung der Frage, ob bei der 
Fibrinogenbildung außer dem Knochenmarkauch 
die Leber beteiligt ist, mußte Autor zunächst 
ein experimentelles Verfahren ersinnen, durch 
welches er die Leber zwingen konnte, ihren 
etwaigen Fibrinogenvorrat möglichst auf ein¬ 
mal auszuschütten, was ihm schließlich durch 
UnterbindungderPankreasgänge gelang. Bereits 
24 Stunden nach der Unterbindung war der 

Berlin, Druck v< 


Fibrinogengehalt des Blutes doppelt, am 3. Tage 
sogar 8 mal so groß wie vor der Operation, 
wobei ein deutlicher Parallelismus zwischen 
Fibrinogen- und Diastasemengen im Blute, dessen 
Fibrinfermentgehalt übrigens unbeeinflußt 
blieb, in Erscheinung trat. Weitere Unter¬ 
suchungen, insbesondere des Reststickstoff- 
gehaltes im Blutserum der Versuchstiere, 
führten zu der Erkenntnis, daß diese gewaltige 
Steigerung des Fibrinogengehaltes des Blutes 
lediglich auf Konto der Leber zu setzen ist. 
„Wir sehen also, daß unter dem Einfluß des 
Pankreassekretes die Leber nicht bloß in ihrem 
Kohlehydrat-, sondern auch in ihrem Eiwei߬ 
stoffwechsel und «in ihrem Eiweißbestand eine 
Umwälzung erfährt. Als eine Folge dieses 
veränderten Zustandes darf wohl auch die 
Fibrinogenabgabe an das Blut aufzufassen sein.- 

Janson (Berlin). 

H. Rosiu (Berlin), Uber den ArlhrhiMuas 

des Klimakteriums und seine Behandlang. 

Ther. d. Gegenwart 1917. H. 3. 

Es gibt Gelenkerkrankungen, die nur bei 
Frauen zur Zeit der Menopause Vorkommen, 
mit der Gicht nichts zu tun haben, vielmehr als 
atrophisch-dystrophische Ernährungsstörungen 
in den schlechter ernährten Teilen des Be¬ 
wegungsapparates aufzufassen sind. Die Be¬ 
schwerden bestehen vorzugsweise in den 
Händen und Fingern, zeigen sich in geringen 
Anschwellungen, die fast nie zu gröberen Ge¬ 
lenkveränderungen führen. Sie sind mit Zir¬ 
kulationsstörungen in den Fingerspitzen (Nägel, 
Haut) vergesellschaftet. Die Beschwerden zei¬ 
gen sich besonders nach längerer Ruhe und 
bei feineren Arbeiten; sie können ausheilen, 
aber auch jahrzehntelang bestehen. Jede anti¬ 
gichtische Behandlung (purinarme Diät, Ato- 
phan, Kolchikum usw.) ist nutzlos; im Gegen¬ 
teil ist eine kräftigende Diät angezeigt. Anti¬ 
rheumatika stiften vorübergehenden Nutzen, 
auch Arsen- und Jodkuren geben keine we¬ 
sentlichen Erfolge. Dasselbe gilt von Ovarin¬ 
tabletten. Am meisten ist von der physikali¬ 
schen Therapie, insbesondere von Hitzeproze¬ 
duren zu erwarten. Heißluft, heiße Salzbäder, 
Glühlichtbäder wirken oft besonders im Verein 
mit Massage und Mechanotherapie äußerst 
günstig. Feuchte Verbände, auch mit Ichthyol, 
nachts angelegt, bewähren sich. Allgemeine 
Sol- und Schwefelbäder können von Nutzen 
sein, wenn von seiten des Herzens keine 
Kontraindikation vorliegt. 

W. Alexander (Berlin). 

W. Blixenstein. 


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. UNIVERSITY OF MICHIGAN 

















Original-Arbeiten. 

1. 

Ober den Einfluß natürlicher C0 2 - Bäder auf den 

Blutzuckerspiegel. 

Aus dem Sanatorium Groedel, Bad Nauheim. 

Von 

Dr. Franz V. Groedel und Dr. Robert Mez. 

ln einer kurzen Mitteilung aber das Verhalten des Blutzuckers bei CO^-Bädern 1 ) 
teilt Walter Arnoldi mit, daß ein C0 2 -Gasbad von einer Temperatur unterhalb 
34° C schon nach 10 Minuten langer Einwirkung eine Steigerung des Blutzucker* 
wertes bewirke. Dagegen soll der prozentuale Zuckergehalt des Blutes durch un¬ 
genügende Stärke des Bades and durch Temperataren oberhalb 34° C verringert 
werden. „Immerhin, sagt er selbst, genügten nicht ohne weiteres die Bestimmungen 
der Blntznckerwerte zur Annahme einer tatsächlich vorhandenen Hyperglykämie, 
denn anch eine einfache Änderung des Wassergehaltes könnte die Verschiedenheit 
der Analysenergebnisse erklären.“ 

Arnoldi glaubt aber trotzdem nicht, daß letzteres — eine einfache Ver¬ 
schiebung des Wassergehaltes des Serums — die Änderung des Blutzuckerspiegels 
im 33—34° C warmen C0 2 -Bade erklären kann. Auch hält er wegen der Schnellig¬ 
keit der Reaktion eine Hemmnng der Glykolyse für unwahrscheinlich. Vielmehr 
nimmt er als Ursache an: die Mobilisierung des Znckers in erster Linie ans dem 
Hanptznckerdepot, der Leber. 

Hervorgerufen wird die Hyperglykämie nach Arnoldi' durch die „durch die 
Haut wie durch Einatmung“ ins Blut aufgenommene C0 2 . 

Am Schlüsse der zitierten Arbeit lesen wir dann noch, daß auch 
kalte hydriatische Maßnahmen den Blutzuckerspiegel erhöhen, warme dagegen 
erniedrigen. 

Die von Arnoldi angeschnittene Frage mußte unser größtes Interesse er¬ 
wecken and regte uns zu einer Überprüfung an Kranken und mittels verschiedener 
für die Behandlung Herzkranker verwandter Bäder an. Das Ergebnis dieser Nach¬ 
prüfung glaubten wir schon wegen der von Arnoldi gezogenen therapeutischen 
Schlußfolgerungen mitteilen zu müssen, wenngleich die angekündigte ausführ¬ 
lichere Publikation Arnoldis noch nicht vorliegt. 

Die Notwendigkeit, bei ein und demselben Patienten mehrere Analysen 
in kurzen Intervallen — vor und nach dem einzelnen Bad und beim Übergang 

•) B. kl. W. 1916. Nr. 23. 

ZeiUchr. t pbyaik. n. dilt. Therapie Bd. XXI. Heft 6 . 11 



Original fro-m 

UNIVERSITf OF MICHIGAN 


162 


Franz M. Groedel und Robert Mez 


von einer Bäderart zur anderen — vorzunehmen, verbot von selbst, das Blnt in 
größerer Menge aus der Kubitalvene zu entnehmen. Wir wählten daher die von 
Iwar Bang angegebene Mikromethode für die Blutzuckerbestimmung, die auch 
Arnoldi benutzt hat. 

Die Iwar Bangsche Methode erfordert die Wägung kleiner, mit dem zu 
untersuchenden Blute getränkter Fließpapierstöckchen. Dies direkt im Anschluß 
an die Blutentnahme vorzunehmen, ist bei Versuchen wie den unsrigen undurch- 
führbar. Beim Transport vom Baderaum zum Laboratorium würden die mit Blut 
beschickten Fließpapierstückchen allen möglichen ungünstigen Einflüssen aus¬ 
gesetzt sein und das Resultat der Messung durch Verdunstung usw. wesentlich 
beeinflußt werden. 

Um diesen Schwierigkeiten zu begegnen, wählten wir auf Vorschlag unseres 
Chemikers, des Herrn Dr. W. Graf in Bad Nauheim, der die Blutzucker¬ 
bestimmungen bei unseren Versuchen mit größter Sorgfalt ausführte, folgende 
Modifikation. 

Mittels einer geeichten Kapillarbürette werden, analog der Blutentnahme zu der 
Blutkörperchenzählung, aus der Fingerkuppe des Patienten nach Einstich mit dem 
* Schnepper genau 0,2 ccm Blut abgesaugt und in ein 50-ccm-Kölbchen ausgeblasen. 
Da das zum Ausspülen der Bürette notwendige Wasser ebenfalls in das Kölbchen 
ausgeblasen wird, erhält man ohne Gewichtsverlust genau 0,2 ccm Blut zur Unter¬ 
suchung. Die Blutentnahme erfolgt nüchtern, kurz vor und gleich nach dem Bade. 
Die gut verkorkten Kölbchen werden gesammelt, und kann die Blutzuckerbestimmung 
zu beliebiger Zeit vorgenommen werden, zu welchem Zwecke das Blut mit 7 ccm 
einer heißen Lösung von Kaliumchlorat (20 °/ 0 Kaliumchlorat + 3 Tropfen Essig¬ 
säure) versetzt wird und 1 / 2 Stunde stehen bleiben muß. 

Wir erhalten sonach den Blutzuckergehalt nicht nach Gewichtsprozenten, 
sondern nach Volumprozenten, und unsere Zahlen beziehen sich nicht auf 100 gr, 
sondern auf 100 ccm Blut. 

Wir sind uns wohl bewußt, daß unsere Untersuchungsmethodik einige Mängel 
aufweist. Immerhin glauben wir, soweit als möglich alle groben Fehlerquellen 
vermieden zu haben .und unseren Zahlen eine für Vergleichende Betrachtungen 
genügende Beweiskraft zusprechen zu dürfen. Daß speziell die Kombination 
der volumetrischen Blutentnahme mit einer gewichtsanalytischen Untersuchung 
als inkorrekt zu bezeichnen ist, wissen wir. Wir konnten uns aber hierüber 
hinwegsetzen, da es uns nicht auf die Gewinnung absoluter Zahlen ankam, 
sondern uns lediglich die Relation der einzelnen Zahlen eines Versuches unter¬ 
einander interessierte, d. h. die Schwankungen des Blutzuckerspiegels. Da jede 
Einzelanalyse denselben Versuchsfehler hatte, behielt der aus zwei zusammen¬ 
gehörigen Zahlen gewonnene Quotient einen für unsere Zwecke durchaus brauch¬ 
baren Wert. 

Wir stellten uns, wie schon gesagt, die Aufgabe, den Einfluß verschiedener 
Bäder auf den Blutzuckerspiegel der Patienten festzustellen, wozu unsere Nauheimer 
Bäder ja besonders geeignet sind. Bei den meisten Patienten wurden daher mehrere 
Untersuchungen vorgenommen und zwar möglichst vor und nach verschiedenen 
Bäderformen. In einigen wenigen Fällen wurde auch ein Versuch mit Süßwasser¬ 
bad vorausgeschickt. 


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UNIVERSITY OF MICH! 



IHier den Eföjhjß unitirliete' ÜÜ ; ,-f.iäder auf den Blutzuckerspk'g’el. 165» 

Dis(fön die BäbaMdlnng ui Nauheim zurBenutzung kommenden Bäderarte« siiid : 

i, Thermalbäder; i l ] 2 ;~51’/s % Salzgehalt, kleine Menge?! freie?-und halb* 
gebundenet Kohlensäure, Naturwürme. 

Brnnnenbüder: geringer Salzgehalt, reichlich freie Kohlensäure, künstliche 
Erwärmung mf 0 a &. ' ■ ' ' Ä 

53. Therourispradelbäder: Salzgehalt, ■■reichlich halbgebundeue 

ziemliche Mengen freier Kohlensäure, natürliche Wärme ca. $i" Ci 

4. Sprndelbäder; 3—AVä'Vo Salzgehalt« stark Ff),,-haltig, natürliche Tem¬ 
peratur ea. OO-TO/T'< 

5. Sprudelsfr o tubäder. wie SpendeIhäder. 

i'm den von Arnold! behaupteten kerttmmi Eftekfc 4er über 34° warmen 
Bäder a»*z«$ehalte«, wardxFj'.di<»e : .Temperätin- nie iibersehriUen. Die Thermal¬ 
bäder wardep. 4ftrßp!i^ipl^ät.ä4'f ! wärm verordnet, die Briitthetibader $&0.tV die >, 
Tberraalsprudelbädev 355° Spnsdelbfider F, die Spruddsirömbädet- f; 

und die Komrollsüßwässerbäder 34° V warnt; die Duner der Bäder betrug 10—12 
Minuten, 

Felroer wurden die Bäder stets nüchtern gegeben, uo? den Einfluß der Verdauung 
iiut den Biatzuckerrehalt auszuschahen. Wir glaubten dies hauptsächlich wegen 
des üttgleichmäüjgen Eindnshcs der Nahrungsaufnahme auf den Blutzuckerspiegel 
ton zu müsse«,- Die meisten Autoren (Frank, Baudonio, Reicher und Stein. 
Schumi« und Regier) finden eine HUmentäre Hyperglykämie; iu seltenen Fallen 
wurde aber aacii (Franh, Schümm und Begier) einige Stunden «ach der Nahnmgs- 
aufnahKie ein Sinken der Blutzuckerwerte festgestellt — Auch wir fanden in einem 
Falle, daß zwei Bäder, eine Stunde nach dem Frühstück gegeben, den Blutzucker¬ 
spiegel um <i,08 und Ö s 04t»7 % erhöhten* drei nüchtern -verordnet« Bäder ihn um 
0,01, 0,05370 «ml 0,0014■ enuedrigten. Im allgemeinen war aber der Unterschied, 
wenn «achtem «hier versuchsweise nach dem Frühstück gebadet wurde, nicht sehr 
groß ‘und nicht eindeutig, 

Das öesamtresnltät unserer Messungen vor und nach verschiedenen Bäder¬ 
tormen war folgendes: 

Tabetje I- 


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(t . • . v : = 1 



[ - U‘Uw2 ' j 

• . : 5 



Die Tabelle zeigt öbs, daß b« sämtlichen Bäderformen der Blutzuckerspiegel 
bald erhöht« bald erniedrigt wird. Bei den kohlensÄßrearißeis stark salzhaltige« 
Thermalbädern .-Sudan wir ebensooft ein Steige» wie ein Fallen des Prozeiit- 
gehaltes, im Gfesamtdarchschnitt eine ganz unwesentliche Erhöhung, 





164 FraptM. und liobert M«z 

Ganz das gleiche Bild sehen wir bei den stark köbieris&urefcaltigen Sprudei- 
.bädern. ßei den, «was schwäcber €C%haltigen Themalsprudejbäderii tibenviegeB 
zwar die Fälle. mit Emedrigting, aber, auch hier ist ein' einheitlicher Einfluß des 
G0 2 -GehaHes nicht nachweisbar, - , . • . . • 

Weiter, ist za bemerken, daß nicht etwa in einem Falle mir ein Steigen des 
Blutzuckerspiegels, im anderen nur ein.'Fallen desselben zu konstatireu wäre, einerlei 
welche Badefenn wir geben. Im Gegenteil ist ein vollkommen unregelmäßiges 
Verhalten, bei den einzelnen Patienten zu erkennen. In Tabelle IT Atud mehrere 
F|Ue «usammengesteUt. 


Tabelle II. 


Fall Nr. 

Thermalbad 

sify' . \’T ’ . \\ 

1 Therroatepmdei j 

' 

Sprudel 

1 

-ö,t>250 

4-o.ot ii 

+ 0,0113 

2 

—• i>M7ä 

4*0,0601 

+ 0,0136 

3 

+ o,üiT« 

- W»4r. 

+ 0,0068 

4 

-4-0,0400 ' 

-^-0.0)3^ 

,-:0 t 0Q»7 

5 

^jF#ß%. ■ % 

4-0,0282 

';4 0,0582 


-t),öO-M 

+ O.OS14 

+•0,0001 

7 

- t),Ö02ä ;• 

—0,0240 -j 

+ 0,0067 

8 


••• ; ^ö,ost? 

- 0,0245 

\i 

+0,0182 . 

- 9,0092 

+ 0,0250 

10 

. -O.OÜl + 

4-0,01 S5 

— 0,0036 

11 

— o.oDot 

+ 0,Qti.H 

+ 0,0002 

’*ü t? 

-imW . 

— 0.001 

- 0,0092 

IX . ; . 

-f o,o3hs 

- - 0.0025 

4- 0,0108 


Auch bei der gleiche« Badeform finden wir .dicht selten an verschiedenen 
Tagen beim gleiche» Patienten nad nntsv gleichen Bedingiiugen verschiedene 
Bltttzuekersebwahkungew ko g. B. bei einem Patienten nach einem Sprudelbad 
-+0,0275 %, '.achtTag*- später nach .'dem. gleichen Bad —0,0091 %. Anderer¬ 
seits kommt gelegentlich «ach bei einem Patienten eine ganz gleichsinnige 
Keaktltm zw Beobachtung. .Sn fanden wir in einem Palte von Hslbrhytbmus nach 
dem Sprudelstrombaü — 0.01.00 %, resp. —0,<>:++%, resp. ' — 0.011%. 

Auch «he Hohe des Salzgehaltes scheint nicht eindeutig ent den Blutzücker- 
spiegel zu wirken. 'Es zeigte sich hei ejnev Patientin: 

»] nach einem Süßwasserbad i . . . . . . . . —0,0022%,, 

bj nach einem schwach salzhaltigen Brupnänbad . . —0.0008 

c) nach einem stark salzhaltigen, Sprudel bah . , , —0,0004 

Die gleiche Schlußfolgerung ergibt sich bei der tlutersuehuiiig nach- yer- 
schieden stark salzhaltigeir Theramlbädern, Znm Beispiel: 

a) nach einem Thermalbad der Naahemter Quelle VIT. — 0,0058 %v 

b) ., *i „ „ , , XIV. -0,0230%, 

c) ,, A „ „ + XIL - 0 , 0105 %. 

Endlich wäre zu entscheiden, welchen Einfluß die Badetemperatur anf den 

Blntzuckergchalt ausübt.. Den« bekanntlich spielt die Badetemperatur bei der 
Beurteilung des objektiven und subjektiven Effektes jeglichen Bades eine sehr 
große Hölle, 





Über den Einfluß natürlicher CO a -Bäder anf den Blutzuckerspiegel. 


165 


Ganz allgemein dürfen wir anf Grund der Erörterungen und Untersuchungen 
von Rolly und Oppermann 1 ) erwarten, daß jede Wärmestauung den Blutzucker¬ 
spiegel in die Höhe treibt und umgekehrt, was auch schon aus den Mitteilungen 
von Noorden und Hollinger hervorgeht. Und ferner läßt sich auf Grund der 
Ausführungen dieser Autoren und gemäß den Beobachtungen von Luethje, 
Emden und Liefmann über den Einfluß der Außentemperatur auf den Blut¬ 
zuckergehalt erwarten, daß jeder thermische Reiz im gleichen Sinne wirkt, d. h. 
daß Wärmereize den Blutzuckerspiegel erhöhen, Kältereize ihn erniedrigen. 

Hiernach müßten also warme Bäder und ganz besonders warme (über 34° C) 
C0 2 -Bäder, die, abgesehen von dem thermischen (warmen) Reiz der C0 2 , auch 
wärmestauend wirken, den Prozentgehalt des Blutzuckers erhöhen. Hiermit stehen 
die Befunde Arnoldis im Widerspruch. Diesen Widerspruch wird er, wenn seine 
Theorie Anklang finden soll, anfklären müssen. Ebenso macht die Mitteilung von 
Rolly und Oppermann, daß jede Kohlensäureanreicherung des Blutes eine 
Hyperglykämie bewirkt, es unverständlich, warum dieser Vorgang (nach Arnoldis 
Ansicht) nur iifi kalten (unter 34° C) COO-Bad stattfinden soll. 

Unsere Tabelle I würde — wenn wir nur die Durchschnittszahlen berück¬ 
sichtigen — zu dem Schlüsse berechtigen, daß das im allgemeinen etwas wärmer 
gegebene (34° C) Thermalbad eine Steigerung des Blutzuckers, das etwas kühler 
(33° C) gegebene Brunnenbad eine Verminderung bewirkt, daß also der Temperatur¬ 
unterschied wirklich für die Blutzuckerschwankungen maßgebend ist und durch 
den im gleichen Sinne wie Wärmereize wirksamen Salzgehalt gleichsinnig beein¬ 
flußt wird. Die Tatsache, daß die Thermalsprudelbäder im Durchschnitt den Blut¬ 
zuckergehalt erniedrigen, die durchschnittlich etwas kühler gegebenen, aber gleich 
salzhaltigen Sprudelbäder ihn erhöhen, ließe sich durch die wärmestauende Wirkung 
des bedeutend höheren C0 2 -Gehaltes der letzteren erklären. Wenn wir uns dann 
aber an Hand der Tabelle vergegenwärtigen, daß bei jeder Badeform fast ebenso¬ 
oft der Blutzuckerspiegel herauf- wie heruntergedrückt wird, müssen wir sagen, 
daß die Badetemperatur ebensowenig wie die sonstigen Reizeffekte der Bäder 
einen eindeutigen Einfluß auf den prozentualen Blutzuckergehalt ausübt. 

Wir beschränken uns auf die Mitteilung dieser wenigen wichtigsten Tat¬ 
sachen. Da wir, wie schon gesagt, nur relative resp. Vergleichs werte für die 
Beurteilung der uns interessierenden Fragen benötigen, dürften unsere Unter- 
suchungsmethodik^ als hinreichend exakt und unsere Ergebnisse als beachtens¬ 
wert zu bezeichnen sein. 

Unsere Schlußfolgerung lautet: 

Bäder haben selbst beim gleichen Individuum sehr wechselnden und meisl 
nur geringen Einfluß auf den Blutzuckerspiegel. Der C0 2 -Gehalt und der Salz¬ 
gehalt der Bäder ist ohne eindeutige Wirkung auf den Blutzuckerspiegel. Be¬ 
züglich der Beeinflussung des Blutzuckergehaltes durch die Badetemperatur sind 
dagegen unsere Beobachtungen wegen der Verschiebung der Temperaturempfindung 
und des Wärmehaushaltes durch den gleichzeitigen Salz- und C0 2 -Gehalt der 
Nauheimer Bäder nicht ausschlaggebend. 

*) Das Verhalten des Blutzuckers bei Gesunden und Kranken. Biochem. Ztschr. Bd. 48. 


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166 


Grunow 


n. 

Ober den Einfluß der Wildbader Thermalbadekur auf die 

Änderung des Blutbildes. 

Von 

Dr. Grunow, 

Wildbad. 

In folgendem möge das Resultat einer Anzahl von Blutuntersuchungen, die 
ich seit einer Reihe von Jahren teils an hier sich aufhaltenden Kurgästen, teils an 
einheimischen Wildbadem im Verlauf der Wildbader Thermalbadekur vorgenommen 
habe, niedergelegt werden. Dabei schicke ich zur Orientierung über die Technik vor¬ 
aus, daß die Entnahme des Blutes zum Zwecke der Zählung der korpuskularen Ele¬ 
mente mit Pappenheim sehen Präzisionspipetten, die Mischung des Blutes mit physio¬ 
logischer Kochsalzlösung bzw. 0,5 °/ 0 Essigsäurelösung, die Zählung in Neubauer- 
schen Kämmern erfolgte (Zählung von mindestens zwei Kammern zur Feststellung 
der Zahl der roten, von drei Kammern zu der der weißen). Die Bestimmung des 
Hämoglobins erfolgte anfangs mittels des Gowerschen Hämoglobinometers, später 
mit dem Königsbergerschen Kolorimeter (bei letzterem Ablesung 15 Minuten nach 
erfolgter Entnahme). Die Färbung der Ausstrichpräparate erfolgte durch Doppel¬ 
färbung „May-Grünwald-Giemsa“. Die Entnahme des Blutes wurde am Morgen 
in nüchternem Zustande vorgenommen. (Reinigung der Fingerbeere mit Äther.) 

Zahl der roten. 

Bei einer Bäderzahl von 15 bis 25 Bädern ergab sich am Schluß der Kur 
bei der Untersuchung von 25 Personen bei 15 Personen eine Zunahme der roten, 
bei 10 Personen eine Abnahme der Zahl der roten Blutzellen. Dabei ergab sich 
ein regulierender Einfluß der Thermalbäder auf die Zahl der Erythrozyten insofern, 
als in denjenigen Fällen, welche verhältnismäßig wenig Erythrozyten aufwiesen, 
vorzugsweise eine Steigerung einsetzte; umgekehrt zeigten relativ hohe Zahlen 
größere Tendenz zum Absinken. Setze ich die Zahl fünf Millionen als Grenzpfeiler, 
so wiesen unter den 15 Fällen erfolgter Zunahme 8 anfängliche Werte über 
fünf Millionen auf. Trotzdem also ein gewisser Ausgleich zwischen Zu- und Ab¬ 
nahme stattzufinden scheint, überwiegt doch zweifellos die Tendenz zur Zunahme. 
Das erkennt man z. B., wenn man während der ganzen Badedauer in regelmäßigen 
Abständen Untersuchungen vornimmt, man findet dann auch bei einer Anzahl 
derjenigen Badenden, welche am Schluß der Kur ein Defizit aufwiesen, während 
der ersten Dauer der Kurzeit, etwa bis zum 10.—15. Bade, eine Zunahme, die 
erst bei längerer Kurdauer in Abnahme übergeht. Bei 5 Fällen späterer Ab¬ 
nahmen, die öfter untersucht wurden, zeigte sich in allen 5 Fällen dieses Ver- 


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Über den Einfluß der Wildbader Thermalbadekur auf die Änderung des Blutbildes. 167 


hältnis. Für die weitere Beurteilung muß man nun auch Auswärtige, bei denen 
der Klimawechsel einen Einfluß aufs Blutbild ausübt, von den einheimischen 
Badenden trennen. Unter den 19 Fällen Einheimischer zeigte sich das Verhältnis 
von Zu- und Abnahme wie 12: 7, bei den 6 Kurgästen wie 3:3. Die Tendenz 
der Zunahme war also bei den Einheimischen fast doppelt so groß. Wie verhält 
sich nun die Erythrozytenkurve nach Ablauf der Badeperiode? 


1. P. H., 27 Jahre. 
Entzündungsprozeß mit Fistel. 

Durch Länge und Zahl dfer Ther¬ 
malbäder sowie eintretende reaktive 
Eiterung bedingte Schwächung des 
roten Blutbildes. 4 Wochen nach Ab¬ 
schluß der Badekur noch bestehender 
Erythrozytensturz; nach 10 Wochen 
Hebung der Erythrozytenkurve unter 
Überkompensation; dagegen deutliches 
absolutes Sinken des Hämoglobin¬ 
spiegels. 


I. Erythrozytenkurven. 

Diagnose: Tuberkulöser gonitischer und perigonitischer 


Ery- H*mo- 
throzyt. glnbiu 


Vor 

Kur 


Kurdauer Nach Kur 

5 B. JO B 15 B. 26 B. 4 W. 10W^ 



~ BÖ%~ 

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Fttrbo-Indcx -0,87 - 0.81 -0,. —0,63 - 0,59 —0,82 —0,G1 
- Erythrozyten. --Hämoglobin. 


2. Kr., 52 Jahre. Diagnose: 
Tibiafraktur. 

Zunächst in der Nachkurperiode 
erfolgender Erythrozytensturz, dem 
aber schnelle Erholung folgt. Hebung 
des absoluten Hämoglobinspiegels. 


.... Vor Kurdauer Nach Kur 

Erv- Hamo- , / 

throzyt. globin 0 B. 12 B. 20 B. 8 T. 14 T. 3 W. 


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Farbe-Index —0,83 —0,84 - 0,71 —0,9 —1,5 — 0,86 —0,84 

Erythrozyten.-Hämoglobin. 


3. Frau P., 40 Jahre. Diagnose: Mvo- 
matosis Uteri. Vagotonie. 

Allmählicher Rückgang der Erythrozyten¬ 
werte in der Nachknrperiode — ohne Erythro¬ 
zytensturz. Blutdruck und Erythrozytenzahlen 
während der Kurdauer diametral entgegengesetzt, 
nach der Kur teilweiser Parallelismus. 


... Vor 
Ery- Blut- Kur 
throzyt. druck 


Kur Nach Kur 

16 B. 8 T. 14 T. 3"\V? 



-Erythrozyten.-Blutdruck. 


4. Frl. K., 19 Jahre. Diagnose: 
(Innere Sekretionsstörungen.) 

In diesem Falle bestand keine nennens¬ 
werte Neigung zu produktiver Erythrozyten- 
vermehrung; infolgedessen tritt der Einfluß 
des Blutdrucks auf die Konzentration des 
Blutes viel deutlicher in die Erscheinung 
{Parallelismus zwischen Erythrozytenkurve 
und Blutdruck während der Kur und in der 
Nachkurperiode). Vagotonische Einwirkung 
<ier Badekur. 


Dysmenorrhoe, Fluor albus, Svmpathikotonie. 


Ery¬ 

throzyt 

Blut- 

Vor 

Kurdauer 

NachKur 

druck 

Kur 

6 B. 

12 B. 

20 H. 

14 T. 

4 W. 









£*Wi* 

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Erythrozyten.-Blutdruck. 


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168 


Grunow 


„ Vor Kurdauer Nachkur 

Ery- Blut- Kur , - - v -s ,-"- 

throzyt. druck G B. 12 B. 20 B. 8 T. 14 T. 3 W. 


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— 


-Erythrozyten. •-Blutdruck. 


5. K., 52 Jahre. (Dieselbe Ver¬ 
suchsperson wie bei Nr. 2, nnr statt 
Hämoglobin die begleitenden Blutdrnck- 
werte.) 

Keine nachweisbare Kongruenz 
zwischen Erythrozyten und Blutdruck- 
werten, auch nicht nach der Kur. Ery¬ 
throzyten stürz hier unbeeinflußt vom 
Blutdruck. 


Es erfolgte zum größeren Teil während der Nachkurperiode zunächst wieder 
eine Abnahme der Zahl der roten, im allgemeinen in auffälligerer Weise bei den¬ 
jenigen Fällen, die vorher besonders hohe Werte aufwiesen; doch zum Teil auch 
bei Fällen mit erfolgter Abnahme der Zahl der roten. In manchen Fällen findet 
sogar innerhalb der ersten 8 Tage nach erfolgtem Abschluß der Badekur ein ganz 
erheblicher Erythrozytensturz (Kurve Nr. 1 u. 2) statt, der bis auf die Hälfte der 
Werte nach Abschluß der Kur sich belaufen kann; dieser Tiefstand bleibt aber 
nicht, sondern die Kurve erhebt sich bald wieder annähernd zur ursprünglichen 
Höhe oder darüber. In anderen Fällen ist der Sturz nicht so plötzlich, sondern 
es erfolgt eine allmählichere Abnahme (cf. Kurve Nr. 3). 

Hämoglobin. 

In 23 Fällen ergab sich 13mal eine Zunahme, lOmal eine Abnahme des 
Hämoglobins. Führe ich wieder die Trennung zwischen Einheimischen und Kur¬ 
gästen durch, so ergibt sich unter 17 Einheimischen ein Verhältnis von Zunahme 
zu Abnahme wie 9 : 8, bei den Kurgästen unter 6 Fällen ein Verhältnis von 4 : 2. 
Während also bezüglich der Zahl der roten Blutkörperchen die häufigere Zunahme 
bei den Einheimischen erfolgte, zeigen bezüglich des Hämoglobins die häufigere 
Zunahme die Auswärtigen. Aus dem Vergleich von Erythrozytenkurve und 

Hämoglobin ersieht man, daß bei den Einheimischen sich der Hämoglobingehalt 
nicht so häufig hebt wie die Zahl der Erythrozyten. Man sieht nicht selten 
während der Kur, daß die Zunahme der Zahl der roten gar keinen ent¬ 

sprechenden Einfluß auf die Höhe des Hämoglobinspiegels hat; dieser hebt sich trotz 
Zunahme der Erythrozyten nicht oder doch nicht in entsprechendem Grade 
(cf. Kurve Nr. 1). Nach Abschluß der Kur ist das Verhältnis gerade umgekehrt. 

Die Zahl der roten fällt stärker als der entsprechende Hämoglobingehalt. Mit 

andern Worten: Während der Kurdauer sinkt der Färbe-Index, nach Abschluß der 
Kur steigt er wieder in weiterem Verlauf. Sehen wir uns wieder die Kurve Nr. 1 
an; hier sinkt der Färbe-Index allmählich von 0,87 auf 0,59; nach der Kur hebt 
er sich wieder auf 0,92 und 0,61; bei diesem Fall entnahm ich aus dem späteren 
Verlauf eine Blutverschlechterung, zumal es sich um eine anstrengende Kur bei 
einem tuberkulösen Knieleiden mit fistulöser Eiterung der umgebenden Weichteile 
handelte. Aber auch in Fällen, wo ich eine Hämoglobinanreicherung annahm, 
war dieses Verhalten des Färbe-Index nachweisbar. Im Fall Kurve Nr. 2 sank 
der Färbe-Index von 0,84 auf 0,74, stieg dann gegen Schluß der Kur wieder mit 
dem beginnenden Rückgang der Erythrozytenzahlen auf 0,9 und mit dem gewaltigen 
Erythrozytensturz nach Abschluß der Kur sogar auf 1,5 infolge der nur gering¬ 
fügigen Senkung des Hämoglobinspiegels. 


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Über den Einfluß der Wildbader Thermalbadekur auf die Änderung des Blutbildes. 169 


.'Wie ist nun die Tendenz znr Vermehrung der roten Blutkörperchen zu 
erklären? 

Bei der Beeinflussung der Erythrozytenzahlen können folgende Faktoren in 
Betracht kommen: 

1. Eindickung resp. Verwässerung des Blutes. 

2. Veränderung der Konzentration durch Tonusschwankungen der Gefäße. 

3. Vermehrung resp. Verminderung der roten Blutzellen durch vermehrte resp. 
verminderte produktive Tätigkeit des Knochenmarks. 

Nr. 1 u. 2 kann man zweckmäßig zusammenfassen als Ursachen einer 
Konzentrationsverschiebung, also einer relativen Veränderung der Zahl der roten 
Blutkörperchen. Wir wissen nach den schönen Versuchen von Veiel, daß gesetz¬ 
mäßige Schwankungen der Blutkonzentration Vorkommen, die durch Wechsel von 
Ruhe und Bewegung eintreten und besonders bei vasomotorisch leicht erregbaren 
Individuen in stärkerer Weise hervortreten. Eine Auspressung bezw. Aufnahme 
von Serum hält Veiel 1 ) für möglich, aber im allgemeinen für weniger wahrscheinlich; 
doch lassen sich gelegentlich auch zweifellos Zeichen einer echten Hydrämie, aber 
nur in Ausnahmefällen feststellen; so z. B. bei der diuretischen Wirkung eines Heil¬ 
mittels bei bestehender Wassersucht. 

Wenn wir zunächst auf die bei weitem häufigere Einwirkung der Bäder im 
Sinne einer Vermehrung der roten Blutzellen eingehen, so wäre zunächst die Frage 
zu entscheiden, ob hier tatsächlich eine Eindickung des Blutes durch Wasser¬ 
verarmung eintritt. Um die Frage mit größerer Sicherheit zu entscheiden, hätte man 
nebenher noch refraktometrische Messungen des Serums machen können; aber Veiel 
gibt selbst zu, daß die Konzentration des Serums nicht immer richtige Werte für 
die Beurteilung dieser Frage gibt, da auch Eiweiß aus der Blutbahn ein- und ausgehen 
kann ohne entsprechende Änderung des Wassergehalts. Die Zahl der roten Blut¬ 
zellen bzw. des Hämoglobinspiegels, die ein integrierender Betandteil des Bldtes 
sind, hält er dagegen für wichtiger. Immerhin hätten derartige Untersuchungen 
gewisse Resultate ergeben können. Aber auch ohne diese glaube ich, diese Frage 
verneinen zu müssen. Dagegen spricht zunächst der Umstand, daß in einzelnen Fällen 
die Vermehrung zwar langsam zurückgeht, aber in gewissen Grenzen noch einige 
Wochen später nachweisbar ist, während umgekehrt in denjenigen Fällen, die nach 
Abschluß der Bäder bald eintretende Hypoglobulie zeigen, ebenfalls der Ausgleich 
nach der anderen Seite hin wieder den Zeitraum einiger Wochen in Anspruch nehmen 
kann. Darin sind sich aber sämtliche Autoren einig, daß echte Flüssigkeitsänderungen 
der Gefäße, wie sie durch Schweißprozeduren, Wasserverdunstung im Hochgebirge etc. 
eintreten, sehr bald nach Fortfall der Ursache durch die regulatorischen Funktionen 
des Körpers wieder ausgeglichen werden. Als ein zweiter Grund gegen diese Annahme 
ist die unter Umständen sehr bedeutende Diskrepanz zwischen Zahl der roten Blut¬ 
zellen und Höhe des Hämoglobinspiegels anzusehen. Auf diese Frage komme ich 
später noch einmal zurück. 

Es wäre nun die Frage zu erwägen, in welchem Grade vasomotorische 
Schwankungen für die Änderungen der Zahl der roten während des Verlaufs der 
Badekur verantwortlich zu machen sind. 

*) Über die klinische Bedeutung der Blutkonzehtrationsbestimmung D. A. F. Kl. M. 112. Band. 


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Grunow 


Da wissen wir ja, daß Schwankungen der Gefäß weite und Blutfüllung einenpicht 
unbeträchtlichen Einfluß auf die Zahl der roten Blutkörperchen ausüben. Vorher wies 
ich schon auf die von Veiel beobachteten Schwankungen der Konzentration bei Ruhe 
und Bewegung hin, die er als vasomotorisch bedingte auffaßte. Außer den Muskel¬ 
bewegungen, psychischen Einflüssen etc. übt aber besonders der Einfluß thermischer 
Beize auf die Hautoberfläche einen stark modifizierenden Einfluß auf die Blut¬ 
konzentration des von dem thermischen Reize getroffenen Kapillargebietes aus. 

Man kann sich da leicht durch eigene Versuche überzeugen. Kühlt man nur 
die für die Blutentnahme bestimmte Fingerkuppe durch kaltes Wasser oder Äther 
ab, erwärmt sie dann r später und macht in beiden Fällen Blutproben, so bekommt 
man Konzentrationsunterschiede, die bereits über 1 Million hinausgehen können; 
und zwar wird naturgemäß in der Mehrzahl der Fälle die Verminderung mit ein¬ 
tretender Erwärmung eintreten. Die entsprechenden Zahlen lauten: 

1. Versuchsperson. Bei Abkühlung 6 221 500. Bei Erwärmung 5 475 200. 

2. „ „ „ 5 840 000. „ „ 4 616 000. 

3. „ „ „ 5 258 000. „ „ 6 500 000. 

Man sieht also erhebliche Konzentrationsverschiebungen meist im Sinne der 
Verminderung. 

Wenn nun schon eine ganz partielle Wärmeeinwirkung derartige Unterschiede 
hervorruft, wieviel mehr muß eine Badeanwendung verändernd wirken, deren 
thermischer und sensibler Reiz die ganze Körperoberfläche trifft. Um nun den 
Einfluß des Bades auf vasomotorische Schwankungen, periphere Blutverteilung und 
entsprechende Änderung des roten Blutbildes zu studieren, ist naturgemäß das 
Studium der unmittelbaren Badereaktion, auf das ich stets erheblichen Wert 
gelegt habe, von besonderer Wichtigkeit. Man kann nun, wie ich in meiner Arbeit 
„über die Beeinflussung des maximalen Blutdruckes beim Menschen durch die 
WHdbader Thermalbadekur“ 1 ) dargelegt habe, ohne Anwendung eines Plethysmo¬ 
graphen einen ungefähren Einblick in die Blutverteilung des peripheren Kapillar¬ 
gebietes der Fingerbeere, deren Blutkonzentration wir ja feststellen wollen, gewinnen, 
wenn man vergleichende Blutdruckmessungen mit dem Kecklinghausenschen und 
Gärtnersehen Tonometer vor und nach dem Bade vornimmt. 

Man sieht dann in der Regel, daß der mit Recklinghausen gemessene zentrale 
Blutdruck nach dem Bade abnimmt, der mit Gärtner gemessene Blutdruck steigt. 
Da die Werte des letzteren aber, abgesehen von der direkten Beeinflussung durch 
den zentralen Blutdruck, in bedeutendem Grade durch die im Kapillargebiet der 
Fingerbeere vor sich gehenden vasomotorischen Schwankungen beeinflußt wird, 
gewinnt man bei der Berücksichtigung beider Werte einen direkten Einblick in die 
von den vasomotorischen Schwankungen abhängigen Änderungen des peripheren 
Blutgehalts. Und zwar wird — gleiche oder verminderte Werte des zentralen 
Blutdrucks vorausgesetzt — eine Steigerung der Gärtnerschen Werte auf 
periphere Vasodilatation und entsprechende Zunahme der Hyperämie der Hautober¬ 
fläche schließen lassen. Bei derartigen häufigen Messungen habe ich nun heraus¬ 
gefunden, daß der höchste Gärtnersche Tonometerwert in der Regel 30 bis 

') Grunow, Der Einfluß der Thermalbäder Wildbads auf den maximalen Blutdruck des 
Menschen. Zeitschrift fiir Bakteriologie, Klimatologie usw. 1914—15. 


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Über den Einfluß der Wildbader Tbermalbadekur auf die Änderung des Blutbildes. 171 


40 Minuten nach Abschluß des Thermalbades festzustellen ist; dann sinkt er all¬ 
mählich wieder. Dieser Punkt entspricht aber dem Gipfelpunkt der unmittel¬ 
baren Badereaktion. # Untersucht man nun die Konzentration des Kapillarblutes 
der Fingerbeere vor dem Bade und während der Reaktionsphase, so sieht man auch 
liier bei letzterem Terrain fallende Werte der Blutkonzentration gegenüber dem 
Befand vor dem Bade; allerdings sind diese Änderungen nicht so hochgradig wie 
bei den früher erwähnten Versuchen lokalisierter Anwendung von Wärme¬ 
prozeduren. Als Beispiel möge folgender Fall dienen: 

K. B., 37 Jahre. 

Vor Bad: Zentraler Blutdruck (nach Recklinghausen) 145 mm anf H 2 0 
Peripherer Blutdruck (nach Gärtner) . . 55 „ „Hg 


Blutkonzentration. 5 037 600 Erythrozyten 

Thermalbad 35® C 20 Min. 

Nach Bad: 10 Min. (nach Recklinghausen) . . . . 140 mm 

10 „ (nach Gärtner).65 „ 

30 „ (nach Recklinghausen) .... 132 „ 

30 „ (nach Gärtner).105 ,, 

Blutkonzentration. 4 745 000 Erythrozyten 


In einem zweiten Fall ergab sich eine Differenz von 350000. Das Blutbild 
der unmittelbaren Badefolge wäre damit erklärt. Für die Beurteilung aber der 
im Verlauf der Badekur eintretenden Veränderungen des roten Blutbildes können 
wir leider nur den zentralen Blutdruck berücksichtigen, da der periphere ja von 
vielen anderen unberechenbaren Einflüssen, beispielsweise den Temperaturver- 
hältnissen der äußeren Wetterlage beeinflußt wird. Während der Badekur wird 
der zentrale Blutdruck ja in der überragenden Zahl der Fälle erniedrigt; wenn 
auch während der Kur die Differenzen meist nicht groß und auch schwankend 
sind, so überwiegt doch im allgemeinen der hypotonisierende Einfluß der Bäder 
auch außerhalb der unmittelbaren Badereaktion. Es ist daher wahrscheinlich, 
daß bei denjenigen Fällen der Badenden, die anfänglich infolge einer Hypertonie 
durch stärkere vasomotorische Erregbarkeit erhöhte Konzentrationswerte, am 
Ende der Kur dagegen sinkende Werte anfweisen, die regulierende Wirkung der 
Bäder auf den Vagotonus zugleich zu einer regulierenden Wirkung auf die Zahl 
der roten Vejpnlassung gibt. 

Nun zeigt aber das Blutbild in der überwiegenden Zahl der Fälle steigende 
Zahlenwerte der roten Blutkörperchen während der Badekur. Die naturgemäß 
vorhandenen Einflüsse des Blutdruckes auf die Blutkonzentration kommen also 
meist nicht zur sichtbaren Geltung. Es muß daher per exclusionem mit Wahr¬ 
scheinlichkeit angenommen werden, daß es sich bei der Zunahme der Zahl der 
Erythrozyten in der Regel wohl um echte Vermehrung handelt. Für diese An¬ 
nahme spricht auch ein zweiter, ein positiver Grund, nämlich die schon erwähnte, 
unter Umständen sehr bedeutende Differenz zwischen der Zunahme der roten und 
der Beeinflussung des Hämoglobinspiegels (Sinken des Färbe-Index bei erfolgter 
Zunahme, Steigen bei erfolgter Abnahme der Zahl der roten Blutkörperchen). 
Als Ursache für die erwähnte Vermehrung der Erythrozyten kommen im speziellen 
nun folgende Gründe hierfür in Anbetracht. Zunächst könnte man an einen 
schädigenden Einfluß der Bäder auf die roten Blutzellen denken, an ähnliche 
Vorgänge mit Schrumpfung und Hämoglobin verlast, wie sie an der Nordsee 


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Grunow 


beschrieben worden sind; man würde hierbei vor allem jene Fälle im Auge 
behalten müssen, die eine vorübergehende oder dauernde Senkung des Hämoglobin¬ 
spiegels trotz Erythrozyteu-Zunahme zeigen. Als Ursache .dieser gelegentlichen 
Schädigung kommen wohl in erster Linie die an die Widerstandsfähigkeit der 
Erythrozyten gewisse Anforderungen stellenden vasomotorischen Schwankungen 
in Betracht, während der auf Grund meiner Messungen festgestellte Wärmeverlust 
eines Thermalbades von 20 bis 30 Minuten Dauer nur 0,1 bis 0,2° C beträgt und 
daher wohl weniger in Frage kommt. Tatsächlich sieht man ja auch gelegentlich, 
namentlich im Anfang der Badekur, leichte Veränderungen der roten Blutzellen, 
die man in diesem Sinne deuten könnte. Nun fand ich aber gerade zu denjenigen 
Zeiträumen, wo eine besonders starke Vermehrung der Zellen nachweisbar war, viele 
auffallend kleine Zellen, die aber durchaus glatt und rund waren, daher nicht die 
Eigenschaft der Schrumpfung aufwiesen, vielmehr den Eindruck noch junger, 
unausgereifter Zellen machten; manchmal findet man diese unreifen Zellen schon 
nach wenigen Bädern, parallelgehend mit einer gerade im Anfang bedeutenderen 
Zunahme der roten Blutzellen; man hat hier den Eindruck, daß durch den Anreiz 
der Bäder in relativ kurzer Zeit die Knochenmarksreserven entleert werden und 
sich der Zirkulation mitteilen; in anderen Fällen sieht man die größte Anzahl kleiner 
Blutzellen erst im weiteren Verlauf der Badekur zugleich mit dem später erst 
einsetzenden Gipfelpunkt der eintretenden Polyglobulie. Es handelt sich hier also 
offenbar um eine produktive Tätigkeit des Knochenmarkes, die man auf Grund 
obiger Auseinandersetzung als Folge einer vorausgehenden Schädigung der roten 
Blutzellen im Sinne eines kompensatorischen Vorganges ansehen kann, teilweise 
aber auch als direkte Reizwirkung der Bäder auf das Knochenmark deuten muß, 
wobei als ursächliche Kräfte dieser Wirkung die a-Strahlen der radioaktiven Kräfte 
des Wassers wohl in erster Linie in Betracht kommen. 

Das weitere Verhalten des roten Blutbildes nach Abschluß der Badekur spricht 
nicht gegen diese Annahme, obwohl auch entgegenstehende Gründe für eine relative 
Verschiebung sprechen. Da ist unter letzteren vor allem die nach Abschluß der 
Bäder deutlicher in die Erscheinung tretende Hypotonie zu erwähnen, die einen 
gewissen Parallelismus zu dem erneut eintretenden Rückgang der Zahl der 
Erythrozyten aufweisen kann. Die Hypotonie ist in einigen Fällei^in der ersten 
Woche nach der Badekur am stärksten und geht dann in der dritten bis vierten Woche 
wieder zurück (cf. Kurve Nr. 3); in anderen Fällen aber tritt sie erst nach Ablauf 
einiger Wochen in die Erscheinung (cf. Kurve Nr. 4 und 5). Die Hypotonie ist einmal 
bedingt durch das Eintreten einer gewissen Erschöpfung, die sich subjektiv in dem 
Gefühl eingetretener Müdigkeit und Erschlaffung äußern und bei schwächlichen 
Personen unter Umständen einen bedeutenderen Grad bis zum Gefühl des Eintritts 
eines völligen körperlichen Zusammenbruchs erreichen kann. Sie tritt sofort 
nach Abschluß der Badekur in die Erscheinung und kann schon gegen Schluß 
einer anstrengenden Badekur gewisse Vorboten in dem Gefühl verminderter 
Leistungsfähigkeit an den badefreien Tagen zeigen, während die Badetage selbst 
diese Erscheinung noch nicht aufzuweisen brauchen. Eine unmittelbar nach Abschluß 
der Badekur in die Erscheinung tretende Hypotonie dürfte also mehr oder weniger 
ein gewisses Erschöpfungssymptom darstellen. Andererseits aber kommt auch die 
nicht selten noch im weiteren Verlauf zu beobachtende Beruhigung des Nerven- 


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Über den Einfluß der Wildbader Tbermalbadeknr auf die Änderung des Blutbildes. 173 


Systems als ursächliches Moment in Betracht und dürfte dann mehr für jene Fälle 
Geltung haben, deren Blutdruck allmählich, zugleich mit dem Rückgang nervöser 
Erregung, zurückgeht (Kurve Nr. 4 u. 5). Zweifellos sieht man auch gar nicht selten 
eine gewisse Analogie zwischen der Blutdruckkurve und der Zahl der roten nach 
der Badekur (s. Blut und Blutdruckbefund bei Nr. 3 [acht Tage nach Abschluß der 
Kur] oder Kurve Nr. 4 [vier Wochen nach Abschluß der Kur], so daß gegenseitige 
Beeinflussung ohne Zweifel in die Erscheinung tritt. Aber es wäre ein zu weit 
gehender Schluß, wenn wir die Verminderung der roten Blutzelleu in der Nachkur¬ 
periode der Hypotonie allein zur Last legen wollten. Dagegen spricht zunächst, 
daß dieser Parallelismus durchaus nicht immer vorhanden ist. So kann es Vor¬ 
kommen, daß nach Abschluß der Badekur eine erhebliche Verminderung der roten Blut¬ 
zellen einsetzt, ohne daß der Blutdruck entsprechend zurückgeht (cf. Kurve Nr. 5) 
Ferner spricht gegen die Annahme einer reinen Konzentrationsverschiebung wieder 
das Verhältnis von Zahl der roten und Höhe des Farbstoffgehalts. Wir sehen ja 
in der Nachkurperiode mit dem Sinken , der Erytbrozytenzahl eine relative Ver¬ 
schiebung des Hämoglobinspiegels nach oben, also eine Steigerung des Färbe-Index, 
mithin ein gerade umgekehrt in die Erscheinung tretendes Resultat wie während 
des Verlaufs der Badekur. Beispielsweise ist der Färbe-Index im Falle Kurve Nr. 2 
von 0,83 vor Beginn der Kur auf 1,5 zur Zeit des nach Ablauf von acht Tagen nach 
Abschluß der Kur beobachteten Erythrozytensturzes gestiegen, eine so gewaltige 
Differenz, die wohl kaum die Annahme zulassen kann, daß es sich hier nur um 
einfache Dichtigkeitsschwankungen handelt. Wir müssen daher zu dem Schluß 
kommen, daß während äer Nachkurperiode ein umgekehrter Prozeß bezüglich der 
Blutregeneration einsetzt wie während der Badeperiode, daß mit anderen Worten 
die Knochenmarksreserven, das sind im wesentlichen die kleinen hämoglobinarmen 
Erythrozyten, wieder aus dem zirkulierenden Blut zurückgezogen werden. Tat¬ 
sächlich entspricht dieser' Auffassung auch das rote Blutbild. Ich konnte zu 
meinem lebhaften Erstaunen bei den Untersuchungen frischer Blutlösungen nach 
Abschluß der Kur beobachten, wie die einzelnen Erythrozyten im Durchschnitt viel 
größer und vollkräftiger erschienen als bei entsprechenden Untersuchungen im Verlauf 
der Badekur; ich konnte häufig bereits aus der bloßen morphologischen Beurteilung 
auf eine entsprechende Steigerung resp. Reduzierung des Färbe-Index schließen. Wir 
haben also für die nach der Kur einsetzende Hypoglobulie zyrei Momente, die 
sich in ihrer Auswirkung auf die Höhe der Erythrozytenkurve summieren können, 
nämlich einmal die eintretende Hypotonie und in zweiter Linie eine absolute Ver¬ 
minderung der roten Blutkörperchen durch Zurückziehung der Knochenmarksreserven. 

Wie erklärt sicn nun das Ausscheiden der Knochenmarksreserven? Man 
gewinnt den Eindruck, daß mit dem Aufhören der an die Regenerationskraft des 
Blutes gesetzten Anforderungen auch die Gründe fortfallen, die die Anwesenheit 
einer größeren Menge roter Blutzellen in der Raumeinheit verlangen; dazu kommt 
dann noch vielleicht eine gewisse Erschöpfung durch den Fortfall direkter Knochen¬ 
marksreize, die man in der radioaktiven Beschaffenheit der Bäder sehen muß. 
Diese haben wie eine Peitsche aufs Knochenmark gewirkt und es zu einer 
ungewöhnlich erhöhten Kraftanstrengung veranlaßt; mit dem plötzlich eintretenden 
Ausfall dieser Reizwirkung tritt mit der zugleich einsetzenden allgemeinen Er¬ 
schlaffung auch eine Erschlaffung des Knochenmarks ein. 


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Es tritt nun nach dieser theoretischen Auseinandersetzung die praktische 
Frage an uns heran, ob diese außerordentliche Kraftentfaltung denn nun ganz nutz¬ 
los verbraucht wird. Mit anderen Worten, ob kein Gewinn für die Beschaffenheit 
des Blutes erzielt wird. Im allgemeinen dürfte es nach dem geschilderten wechsel¬ 
vollen Verhalten des roten Blutbildes nicht leicht zu beurteilen sein, in welchem 
Sinne sich das Blutbild nach einer Badekur geändert hat. Die Beobachtung un¬ 
mittelbar im Anschluß an die Kur könnte wegen der ja nur transitorischen Hyper- 
globulie gewöhnlich einer zu optimistischen Auffassung Raum geben; umgekehrt 
müßte eine gerade zur Zeit des Erythrozytensturzes erfolgte Untersuchung zu einer 
pessimistischen Auffassung Veranlassung geben. Will man daher eine einigermaßen 
richtige Vorstellung gewinnen, so muß man ab warten, bis das körperliche Gleich¬ 
gewicht sich wieder eingestellt hat, was in der Regel nach Ablauf von drei bis vier 
Wochen der Fall ist. Es scheint nun, daß während im Verlauf der Kur die An¬ 
forderungen an die blutbildenden Organe durch Einstellung von Erythrozytenreserven 
erfüllt werden, nach der Kur das Bestreben des Organismus ist, durch Qualitäts¬ 
verbesserung der einzelnen roten Blutzelleu zu wirken. Im wesentlichen hat mir daher 
die Höhe des Hämoglobinspiegels, gemessen bei ungefähr gleicher Zahl der roten und 
gleichem Blutdruck gegenüber dem Anfangsbefund einen entsprechenden Fingerzeig 
gegeben. Dabei hat sich nun durchaus kein gleichmäßiges Resultat ergeben. Im 
allgemeinen habe ich den Eindruck gewonnen, daß primäre Schwächezustände des Blutes, 
erhebliche Hypotonien mit gleichzeitiger starker relativer Lymphozytose und Anämie 
einer gleichzeitigen Unterstützung der Badekur durch Eisen und Arsen bedürfen, 
wenn nicht eventuell eine Schwächung des Blutbildes resultieren soll. Günstigere 
Chancen dagegen bieten Fälle sekundärer Anämie, namentlich solche infolge voraus¬ 
gegangener infektiöser Einflüsse, verhältnismäßig gut vertragen auch Chlorosen die 
Bäder, ebenso wie leichtere innere Sekretionsstörungeiy namentlich bei letzteren 
sah ich gelegentlich deutliche Zunahme des Hämoglobins; es ist selbstverständlich, 
daß Kurgäste auf die Bäder mit häufigerer Hebung des Hämoglobinspiegels als die 
Einheimischen reagierten (siehe statistische Erhebungen zu Beginn der Arbeit). Die 
bei den Gästen konstatierte relativ geringere Zunahme der roten Blutzellen während 
des Verlaufs der Badekur mag vielleicht dadurch erklärt werden, daß wohl infolge 
der Einwirkung des Klimawechsels, der Höhenlage unseres Kurortes mit geringen 
Ausnahmen bereits höhere Erythrozyten-Zahlenwerte vor Beginn der Badekur vor¬ 
handen waren. Von wesentlicher Bedeutung für die Bekömmlichkeit der Kur sowohl 
im allgemeinen als auch im speziellen für die Schonung oder günstige Beeinflussung 
des roten Blutbildes ist naturgemäß eine zweckentsprechende Dosierung der Bäder 
bezüglich Zahl, Dauer und Temperaturhöhe, damit die durch die Einflüsse der Badekur 
herbeigeführte Dissimilation (Winternitz, Strasser) in Assimilation übergeführt wird. 

Infolge meiner Erfahrungen bei diesen Blutuntersuchungen möchte ich im 
allgemeinen die Annahme zurückweisen, als wenn die Thermalbäder ein besonders 
kräftiges Blutregenerationsmittel seien; da sind Fe und As im allgemeinen viel 
wirksamer und auch bequemer. Dagegen eignen sie sich als Unterstützungsmittel 
dort, wo zugleich der Stoffwechsel darniederliegt (allgemeine bradytrophische 
Zustände mit Anämie, Chlorose), wo leichtere innere Sekretionsstörungen vorliegen 
und wo insbesondere die Aufgabe besteht, anämieerzeugende Gifte, namentlich 
infektiös-toxische Momente zu eliminieren und dadurch auch indirekt die Blut- 


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Über den Einfluß der Wildbader Thermalbadekur auf die Änderung des Blutbildes. 175 


bildung zu heben; dieser letztere indirekt ansetzende Faktor ist hierbei wahr¬ 
scheinlich noch^wirksamer als der direkte Reiz aufs Knochenmark. 

Aus unseren Untersuchungen ergibt sich als praktische Folgerung für die 
zweckmäßige Anordnung einer Badekur außer der sachgemäßen graduellen Dosierung 
der Badereize die Unterstützung der Kur durch Beigabe von Fe und As in Fällen 
zarter Konstitution und stärkerer anämischer Beschaffenheit, sodann die Not¬ 
wendigkeit einer auf mindestens eine Stunde anzusetzenden Ruhedauer nach dem 
Bad, da die Reaktion ihren Höhepunkt erst bei SO bis 40 Minuten erreicht und 
meist noch in die zweite Stunde hinein sich erstreckt, schließlich die Notwendigkeit 
einer mehrwöchigen Ausspannung nach Schluß der ganzen Badekur, da in diesem 
Zeitraum eine allgemeine Erschlaffung und im speziellen auch eine gewisse 
Hypotonie der Blutbereitungsstätten einsetzt. 

Ich komme nnn znr Besprechung der Einwirkung der Bäder auf das weiße 
Blutbild. Da möchte ich mir zunächst einige Vorbemerkungen erlauben. Bei 
Angaben über die Beeinflussung des weißen Blutbildes durch Badeprozeduren ver¬ 
misse ich gewöhnlich entsprechende Hinweise auf diejenigen Momente physikalischer 
Art, die doch auch einen Einfluß auf die Änderung des weißen Blutbildes auszu¬ 
üben pflegen, nämlich die schon bei der Beeinflussung des roten Blutbildes in 
Betracht kommenden Einwirkungen auf das Vasomotorensystem. Es ist doch von 
vornherein klar, daß in ähnlicher Weise wie das rote auch das weiße Blutbild 
durch Änderungen des Vasotonus und der Blutfülle modifiziert werden mnß. So 
ergaben parallele Versuche lokaler Abkühlung bzw. Erwärmung der Fingerbeere 
in drei Fällen regelmäßige Verminderung der Zahl der weißen bei erfolgter 
Erwärmung; dabei schwankte die Differenz der beiden Zählungen zwischen 140 
bis 1500. Die betreffenden Werte waren: 

1. Versuchsperson: 4800 : 4680 (Erythrozyten 6 521 600 : 541 500) 

2. „ 7040 : 6613 ( „ 5 840 000:4 616 000) 

3. „ 7610 : 6080 

Halte ich dagegen die parallelen Einwirkungen auf die Zahl der roten, die ich 
nebenher vermerkt habe, so sah ich bei den beiden Versuchspersonen, die sinkende 
Erythrozytenwerte in einem beträchtlichen Grade aufwiesen, gleichlaufende, aber 
graduell geringere Ausschläge bei den Leukozyten. In Folgendem habe ich nun 
in Analogie mit den Untersuchungen des roten Blutbildes entsprechende ver¬ 
gleichende Zahlen der Leukozytenwerte vor Beginn der Badekur und während der 
Reaktionsphase der einzelnen Bäder vorgenommen; die in beiden Fällen zugleich 
aufgenommenen*Erythrozytenwerte sind in Klammern nebenher aufgezeichnet. 

Die beiden Versuche ergaben folgende Werte: 

1. Versuchsperson. Vor Bad: Blutdruck (R) 140 mm 

„ (G) 80 „ 

Leukozyten 5700 (Erythrozyten 5 640000) 

Thermalbad von 20 Min. Dauer: 

25 Min. nach Bad: Blutdruck (R) 125 mm 
30 ,, „ ,, „ (G) 90 ,, 

Leukozyten 4840 (Erythrozyten 5 296 000) 

2. Versuchsperson. Vor Bad: Blutdruck (R) 145 mm 

„ (G) 60 „ 

Leukozyten 5627 (Erythrozyten 5 240 600) 


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Thermalbad von 20 Hin. Dauer: 

25 Min. nach Bad: Blutdruck (R) 132 mm 

i) tt >> . ii (G) • 75 „ 

Leukozyten 4810 (Erythrozyten 4 890 000) 

Die Verminderung der Leukozyten beläuft sich demnach in diesen beiden 
Fällen auf den siebenten Teil der ursprünglichen Zahlen, eine relative Differenz, 
die ganz bedeutend höher ist als bei der Beeinflussung der Zahl der roten. 
Während also bei lokalen thermischen Einwirkungen die Eonzentrationsverschiebnng 
bei den Erythrozyten viel größer als bei den Leukozyten ist, ist umgekehrt die 
durch das Bad bedingte Verminderung der Leukozyten größer als die der roten 
Blutkörperchen. 

Ich komme nun zu den Ergebnissen der Leukozytenzählungen am Schluß 
der ganzen Badekur. Bei der Untersuchung von 30 Fällen wurde nach dem 
Abschluß der Badekur 10 mal Zunahme, 20 mal Abnahme gezählt. Es überwiegt 
also die Tendenz zur Verminderung im Verhältnis 2:1. Das Verhältnis verschiebt 
sich noch mehr zugunsten der Abnahme, wenn wir den Klimawechsel ausschalten. 
Während bei 12 Kurgästen sich Zu- und Abnahme wie 5:7 verhielten, ergab 
sich bei 18 Einheimischen ein Verhältnis wie 5:13, eine Zusammenstellung, die 
auf eine Abnahme der Leukozyten bei den Einheimischen im Umfange von fast 
zwei Drittel aller Fälle hinausläuft. Wenn wir nun aber den Badenden wieder 
in regelmäßigen Abständen während der ganzen Kurdauer untersnchen, so finden 
wir bei den Ausgängen von Hypoleukozytose im Anfang der Kur, z. B. nach den 
ersten 3 bis 6 Bädern, zunächst erst eine eintretende Hyperleukozytose, die 
dann erst nach dem 7. bis 10. Bade in eine Hypoleukozytose übergeht; letztere 
bleibt dann gewöhnlich bis zum Ende bestehen, nimmt aber meist nicht weiter zu, 
sondern in der Regel nehmen vielmehr die Leukozyten gegen Schluß der Kurdauer 
sogar wieder etwas zu (cf. Kurve Nr. 1). 


II. Leukozytenkurven. 



I. 2. 3. 


1. FrL M. H., 20 Jahre. Diagnose: Primäre 
Anämie. 

Ausgang der Badekur in Hypoleukozytose. 


1. Anfängliche Hyperleukozytgse. 

2. Leukozytensturz. 

3. Erneute Steigung. 


Leuko- 

Vor 

Kurdauer 

zyten 

Kur rr 

8 B. 

12 B. 16 B. 

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1. t. 3. 


2. Frau P. (s. Nr. 3: Erythrozytenkurven). 
Diagnose: Myomatosis Uteri. Vagotonie. 

Ausgang der Badekur in Hyperleukozytose. 


1. Anfangs-Hyperleukozytose. 

2. Leukozytensturz. 

3. Erneute Steigung. 


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Über den Einfluß der Wildbader Thermalbadekur auf die Änderung des Blutbildes. 177 


3. Frl. K. H., 25 Jahre. Diagnose: Innere 
Sekretionsstörungen. Anteflexio Uteri. 

Ansgang in Hyperleukozytose. 


1. Initiale Hyperleukozytose. 

2. Relativer Leukozytensturz. 

3. Erneute Leukozytensteigung. 


„ , Vor Kurdauer 

Leuko- ir ur , 

zyten G B. 10 B. 15 B. 20 B. 



1 . 2 . 3 . 


4. Frl. K., 19 Jahre. (Dieselbe Versuchsperson wie Nr. 4 bei den Erythrozytenkurven.) 
Diagnose: Innere Sekretionsstörungen; Sympatliikotonie; Dysmenorrhoe, Fluor albus. 
Sichtbarer Parallelisraus der 


eintretenden hypotonischen und 
Hypoleukozytenwerte in der Nach¬ 
kurperiode; bei Rückkehr des ur¬ 
sprünglichen Blutdruckes aber noch 
fortbestehende Hypoleukozytose. 

1. Leukozytensturz. 

2. Stärkerer Leukozytenanstieg 
infolge Menses. 

3. Ausgang in Hypoleukozytose. 

4. Zunahme der Hypoleukozytose 
in der Nachkurperiode. 


Leuko¬ 

zyten 

Blut¬ 

druck 

Vor 

Kur 

Kurdauer 


Nach 

Kur 


G B. 

12 B. 

20 B. 

14 T. 

3 W. 

4 W. 

G W. 

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3000 

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1. 2. 3. 4. 

-Leukozyten.-Blutdruck. 


5. P. H., 27 Jahre. (Dieselbe Versuchsperson wie Nr. 1 bei den Erythrozyten- 
kurven.) Diagnose: Gonitis et Perigonitisr tuberculosa. 


1. Initiale Hyperleukozytose. 

2. Leukozytensturz. Reaktion. 

3. Stärkerer Leukozyten an stieg durch 
Suppuration der Reaktionsstelle. 

4. Ausgang in Hypoleukozytose. 

5. In der Nachkurperiode erneute Stei¬ 
gung. 



6. Frau Gr., 32 Jahre. Diagnose: Retroflexh 
Perimetritis et Oophoritis. Tuberculosis pulmonum. 


1. Reaktion und Leukozytensturz. 

2. Reaktion flaut ab. 

3. Ausgang der Kur in Hypoleukozytose. 



Bemerkenswert aber ist, daß auch bei denjenigen Fällen, die am Schluß 
der Badekur erhöhte Leukozytenwerte zeigen, gar nicht selten sich. Schwan¬ 
kungen in der Höhe der Leukozytenkurve einstellen, die den Schwankungen der 
Kurve Nr. 1 entsprechen; der alleinige Unterschied gegenüber diesem Schema 
besteht nur darin, daß die der Hyperleukozytose folgenden Ausschläge nach 
unten überhaupt nicht (cf. Kurve Nr. 3) oder nur zum Teil (cf. Kurve Nr. 2) 

Zeit* ehr. f. physfk. u. diät Therapie ßd XXi. Heft 6. 12 


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178 ön»nw 

unter den Anfangebefcnd JiertjntergfiHe», so daß das ScbJußreso.ltat am Ende 
der Kar in diesen beiden Fälkh. des Leukozyten stürze? eine Hyperteuko- 

zytose aufweist. Das VerbaUeo der Leukozyienktirye nach Abschluß der Bade¬ 
kur ist zunächst..-'ähnlich wie-das der Brytbrazyfenkurve, Es findet in der Segel 
zunächst ein Rückgang- • der • 2ähl. Aveißeb • «tatt; dabei ist es gleichgültig, 
ob eine JlyperJeuitozytose oder eine Bypoteukozytost? am. Schluß der Badekur 
besteht; die Bypöle?ikozytüse gebt also noch weiter adröck- ini Weiteren Verlauf 
kann sielt dann die Kurve wieder erholen und. nach später höhere Werte zeigen, 
in anderen Eällen aber sinkt sie beständig weiter im ferneren Verla af (Kurve Nr. 4). 
Hier sehen wir nun einen Gegensatz gegenüber der Eryibrozytenkurve, die 
in den Fällen zun ächzt eintretenden Erythrozytenstmäeseich entschieden schneller 
erholt als die Leokozytenkurve; das Gleichgewicht • der ErytSirozyteiika?we wird 
also eher erreicht als das der Leukozyteokurve. Im allgemeinen scheint die 
Tendenz zu länger dauernden. Hypolenkozytoaewerten in der Nachkutperiode 
größer za sein bei den Fällen von Hypolenkozy tose arn Schluß der Badekur, die 
Tendenz zura ementea Steigen über den Anfangswert Mhaiis größer bei Fällen 
von Hyperleukozytßsß am .Schluß der Badekur. 

Bei der Beurteilung der soeben beschriebenen Ergebnisse drängt sich nun 
wieder die alte Streitfrage auf/ ob es sich tun absolute oder nur uni relative 
Verschiebungen der Leukozytemverte handelt, Lachmann nitüiöt bei den aller¬ 
dings stark radioaktiven La «deck scheu Thermalbädern,' bei denen er im .Verlauf 
der Knr ebenfalls zorn Teil Vernviodomig, zum Teil Vermehrung der Leukozyten 
beobachtete, absolute Werte an, geht aber nicht weiter auf die tiefere Begründung 
dieser Anschauung ein. lfm in diese Frage näher esuzudringen, müssen die Gründe, 
die für die Annahme äbsolater Werfe sprechen, denjenigen Gründen gegenüber 
gestellt werden, die für relative Verschiebungen in die Wagschale za werten 
•sind, Vor Alten» wäre die interessanteste Frage die, ob die am häufigsten in die 
Erscheinung tretende Hypoteukozyfese als eine absolute oder relative aiifznfassen ist. 

Ehe wir üüd weiter auf diese Frage elngehen, wäre der Begriff der absoluten 
und relativen Hypf'teukozytose zu umschreiben. Unter absoluter.Hypolenkozytose 
versteht man bekanntlich eint Verminderung der JGthl der >mßen Leukozyten im 
Geramtblut; unter relativer Hypoteakozytose kann man sich teilweise eine einfache 
KunzeDfrationsverschifthnng, teilweise, aber auch Vorgänge, denken, die. zu Ver¬ 
schiebungen im GgsämtblüE m. .Anhäufungen an .gewtesoa K(?rper»tell«ii .und zw 
entsprechenden 'Verminderung im peripheren K&pill&rbiüt führen. 

V. Wenn wir ztinSicbst auf die Gründe eiugehen, ftje zu Veränderungen der 
Leukozyten werte Veranlassung gcbem : .kÖn»eih i 6o- ; wären. wiederum vor, allem die 
thijrmfschen Einwirkungen sowie die Änderungen des. zentralen Blutdrucks za 
beruckviohfigen. Aus fiüsfcfen früheren'Ausführungen geht hervor, daß insbesondere 
die -Ärtdenmgen des zentralen .Blutdrucks, wie sie besonders in der Eeäktiongphäse 
des einzelnen Thennalbades zur Geltung kommen, von Yemiuderndter Einwirkung 
auf die Kniilder Weißen sind. Nun stellen wir jo gewöhnlich nicht die mmiiftelbateü 
Badefolge«, sondern die Ergebnisse außerhalb der ■ ResktiojiHpha.se ; des einzelne« 
Bades fest: aber das Ergebnis der Einwirkung des einzelnen Bades kann doch 
für die Gesämtwirkung in • Betracht köinnriCKj - jedenfalls. zeigt sie uns, wie stärk 
die Einwirkung, auf das VasomotoreHsystem mit dem Eintritt von Blutdruck- 








Über den Einfluß der Wildbader Thermalbadekur auf die Änderung des Blutbildes. 179 


Verschiebungen anch modifizierend anf die Höhe der Lenkozytenwerte einzuwirken 
imstande ist. Wenn wir nnn aber die Bewegung der Lenkozytenkurve während 
des Verlaufs der Badekur mit den gleichzeitig aufgenommenen Werten des 
zentralen Blutdrucks vergleichen, so sehen wir im allgemeinen keinen deutlichen 
Parallelismus zwischen der Blutdruck- und Leukozytenkurve; letztere hat meist, 
wie wir gesehen haben, eine ganz bestimmte Form, die natürlich in manchen 
Fällen auch leichte Beeinflussungen, durch die Blutdruckveränderungen zeigen 
kann, im großen und ganzen aber ihre scheinbare Unabhängigkeit von dieser zu 
behaupten pflegt. So ist die anfängliche Hyperleukozytose, sodann der folgende 
Leukozytensturz und die dann später wieder einsetzende leichte Steigerung der 
Leukozytenzahlen im allgemeinen ohne beiderseitige Kongruenz miteinander. Die 
Leukozytenkurve behält also ihre spezifische Eigenart genau so wie die Erythro¬ 
zytenkurve sich scheinbar unabhängig von den Änderungen des zentralen Blutdrucks 
entwickelt. Sichtbarer ist nun der Einfluß der Blutdruckkurve auf die Leukozyten¬ 
kurve in der Nachkurperiode. Ihre einsetzende Hypotonie macht sich gelegentlich 
sehr deutlich in der Bewegung der Leukozytenzahlen bemerkbar (cf. Kurve 
Nr. 4). Es handelt sich hier um ähnliche Erfahrungen, wie wir sie in der Nach¬ 
kurperiode bei den Einflüssen des Blutdrucks auf die Erythrozytenkurve beobachten 
konnten. Es scheint sogar dieser Einfluß auf die weißen noch größer zu sein als 
auf die roten, da bei den letzteren das Gleichgewicht viel eher erreicht zu werden 
pflegt, wie bereits oben ausgefiihrt wurde. Dies findet in gewissem Grade auch 
eine plausible Erklärung, wenn wir uns an die gewichtigeren Einflüsse der Bäder 
in der Reaktionsphase auf die Zahl der weißen Blutkörperchen erinnern, wie auch 
an die Möglichkeit einer zerstörenden Wirkung der Bäder auf die weißen Blut¬ 
körperchen und ihre Produktionsstätten denken. Wir müssen ferner bedenken, daß 
meist ja schon vor dem Abschluß der Badekur und z. Zeit desselben eine Hypoleuko¬ 
zytose bestand, im Gegensatz zu der Hyperglobulie der roten, und daß, wenn nicht 
innere Gründe wieder zu einer erneuten Steigerung der weißen nach der Badekur 
Veranlassung geben — gleichviel ob diese Hypoleukozytose nun eine absolute 
oder relative war —, der Einflnß des Blutdrucks auf die weißen sich stärker 
bemerkbar machen muß als bei den roten, bei denen trotz des vorübergehenden 
Erythrozytensturzes doch wieder stärkere reparatorische und kompensatorische 
Kräfte am Werke zu sein scheinen, die die erwarteten Hypoglobuliewerte dann 
in der weiteren Folge der Nachkurperiode wieder kompensieren. Will man nun 
wieder einen Einblick in die Leukozytenbewegung der Nachkurperiode mit Aus¬ 
schluß der Einflüsse des Blutdruckes gewinnen, so muß man wieder so lange warten, 
bis der zentrale Blutdruck wieder die alte Höhe erreicht hat, was in der Regel 
zwar nach Ablauf einiger Wochen der Fall ist, unter Umständen aber auch längere 
Zeit auf sich warten lassen kann. Man kann dann ersehen, ob in der Nachkur¬ 
periode die Hypoleukozytose tatsächlich noch andauert. So fand ich nun in dem 
Falle Kurve Nr. 4 nach vorhergehenden beständigen hypotonischen Werten in der 
Nachkurperiode erst sechs Wochen später wieder den ursprünglichen Blutdruck 
von 145 mm erreicht; die vergleichende Prüfung der Leukozytenzahlen ergab aber 
auch unter diesen Umständen bei diesem Fall noch deutliche Verminderung der 
weißen gegenüber dem Anfaugsbefund, was darauf hinzudeuten scheint, daß die 
durch das Bad gesetzten Einflüsse im Sinne einer Verminderung der weißen noch 

12 * 


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180 


Grunow 


längere Zeit nach Abschluß der Kur anzuhalten scheinen. Daß bei den Fällen 
mit erfolgter Hyperleukozytose diese Resultate vielfach umgekehrt sind, deutete 
ich schon oben an. 

Aus diesen Darlegungen geht hervor, daß die Bäder-Hypoleukozytose nur 
bedingt sein kann entweder durch Verringerung der Leukozyten im peripheren 
Kapillarblut infolge von Anhäufung relativ großer Mengen an anderen Teilen des 
Körpers, den inneren Organen etc., oder auch durch Verringerung der Leukozyten 
im Gesamtblut, wobei sie wieder entweder durch verminderte produktive Tätigkeit 
der Blutbereitungsstätten, oder auch bei gleichbleibender vermehrter produktiver 
Tätigkeit durch verstärkte Abgaben der weißen Blutkörperchen in die Gewebs- 
spalten hervorgerufen wird. Es ist ersichtlich, daß diese letztere Möglichkeit 
sich mit der Zurückhaltung der Leukozyten im Blut innerer Organe kombinieren 
kann, so daß die Verminderung im peripheren Kapillarblut sowohl durch Zurück¬ 
haltung wie Diapedesis der Leukozyten bedingt sein kann. Wir wissen ja, daß die 
Leukozyten kein integrierender Bestandteil des Blutes wie die roten Blutzellen sind, 
daß ihnen vielmehr im Gegensatz zu den Erythrozyten, die keine deutliche Eigen- 
bewegung haben und den mechanisch-physikalischen Gesetzen der zirkulatorischen 
Faktoren in größerem Maßstab unterworfen sind, eigene Bewegungs- und Ver¬ 
änderungszustände eigen sind, die ihnen eine gewisse Selbständigkeit physiologischer 
Funktionen, Bewegung, Durchwanderung der Gefäßwände, phagozytäre Eigen¬ 
schaften gewähren. So könnte man dann auch vermuten, daß die in den meisten 
Fällen im Verlauf der Badekur eintretende Hypoleukozytose durch Entziehung der 
Leukozyten aus dem peripheren Kapillargebiet infolge Anhäufung an anderen 
Teilen des Körpers und vielleicht auch erfolgende Diapedesis in die Lymphspalten 
bedingt ist. Für diese Annahme könnten . nun folgende Argumente angeführt 
werden. Zunächst erinnere ich wieder au die starke Verminderung der weißen 
Blutzellen in der Reaktionsphase des einzelnen Bades, eine Verminderung, die 
relativ viel größer als die der Erythrozyten ist und daher über den einfachen 
Grad der Konzentrationsverschiebung hinauszugehen scheint. Man kann wohl 
vermuten, daß bereits in dieser Reaktionspha.se Zurückhaltung der Leukozyten an 
anderen Teilen des Körpers zuungunsten des peripheren Kapillarblutes stattfindet. 
Man könnte sich denken, daß durch die Verlangsamung des Blutstroms, wie sie bei 
sinkendem Blutdruck auch in der Reaktionsphase der Bäder eintritt, den Leukozyten 
die Möglichkeit größerer selbständiger Eigenbewegung, randständiger Anlagerung 
an Gefäßwände, partieller Durchwanderung gegeben wird. Wenn wir die eben 
dargelegte Vermutung auch auf die Resultate der außerhalb der Reaktionsphase 
beobachteten Leukozytenwerte ausdehnen, so müssen wir uns zunächst die Frage 
vorlegen, ob denn überhaupt bei unseren Thermalbädern anzunehmen ist, daß eine 
solche andersartige Verteilung und eventuelle Durchwanderung der weißen Blut¬ 
körperchen für den Heilungsprozeß ein günstiges oder bedingendes Moment ist. 
Das ist wohl zweifellos zu bejahen, jedenfalls in einem gewissen Umfange; dafür 
sprechen unsere klinischen Erfahrungen und speziell die reaktiven Vorgänge. 
Vorzüglich denke ich mir diesen reaktiven Vorgang in einer eintretenden Hyperämie 
und randständigen Leukozytenanhäufung; dafür sprechen die lokalen, reaktiven, 
mit vermehrtem Schmerz, Spannungsgefühl und Hitze verbundenen Vorgänge, 
Symptome, die man doch wohl nicht anders als leichte, entzündliche Erscheinungen 


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Über den Einfluß der Wildbader Thermalbadekur auf die Änderung des Blutbildes. 181 

auffassen muß. Durch diese Auffassung sind aber auch zugleich die Grenzen und 
Kontraindikationen unserer Bäder gekennzeichnet. Es muß das Bestreben des 
Arztes sein, die Reaktion nicht zu stark werden zu lassen; es darf nicht zu einer 
zu starken Durchwandernng weißer Blutzellen in die Erkrankungsherde kommen, 
weil unter Umständen dann der Prozeß schlimmer statt besser werden kann. 
Das, was man als Arzt verhindern soll, ist demnach eine Exsudation oder sogar 
eine Eiterung an Stellen, wo sie Gefahren bringt. 

Habe ich einen Fremdkörper unter der Haut oder eine torpide periphere 
Fistel, so ist eine eintretende Suppuration ein günstiger Vorgang. Der Fremd¬ 
körper wird mit der erfolgenden Suppuration ausgestoßen, die torpide Fistel 
reaktiviert. Tatsächlich finden unter dem Einfluß unserer Thermalbäder erstaunlich 
schnelle Eliminierungen von Fremdkörpern unter bedeutender Mitbeteiligung der 
Leukozyten statt. Das Gegenstück dazu aber sind die unerwünscht eintretenden 
eitrigen Lokalprozesse an inneren Organen und Teilen des Körpers, die einer 
Kontrolle und spontanen günstigen Entleerung nicht zugänglich sind. So ist die 
Verschlimmerung latenter perityphlitischer Entzündungen mit deletärem Durch¬ 
bruch des Abzesses, falls noch keine genügende Abkapselung des Herdes vorhanden 
war, eine unter Umständen recht traurige Folge der Badekur. Ich eiinnere mich 
ferner eines sehr betrübenden Falles, wo ein junger Mann mit unbestimmten 
Hirnsymptomen nach Wildbad zur Badekur geschickt wurde; es entwickelte sich 
in ganz kurzer Zeit eine eitrige diffuse Meningitis, die unaufhaltsam zum Exitus 
letalis führte. Die unbestimmten Hirnsymptome waren der Ausdruck eines bereits 
vorhanden gewesenen, wahrscheinlich, wie die spätere Anamnese vermuten ließ, 
bereits in der Jugend akquirierten, aber zum Teil ausgeheilten tuberkulösen Hirn¬ 
prozesses. Der Vorgang, der bei einer Badekur gewöhnlich als günstig für 
den beabsichtigten Heilprozeß angesehen zu werden pflegt, die Reaktion, kann 
also zum Unheil ausschlagen, wenn der Lokalprozeß noch von virulenten Bakterien 
durchsetzt und nur geringe Neigung zur Abkapselung vorhanden ist. Ähnliche 
Erfahrungen machen wir auch bei anderen Infektionskrankheiten, so insbesondere 
dem akuten Gelenkrheumatismus. Besteht als Ausdruck der Akuität und Virulenz 
des Prozesses noch Fieber, so ist eine Thermalbadekur in Wildbad kontraindiziert, 
weil mit Sicherheit das Fieber vermehrt und die Gefahr von Rezidiven herauf¬ 
beschworen wird. Diese Fälle von Kontraindikation der Badekur sind aber 
instruktiv für die Wirksamkeit der Bäder überhaupt; sie weisen uns mehr als 
andere Umstände auf die Indikationen der Badekur hin; aus ihnen geht hervor, 
daß die Heilung des Lokalprozesses durch eine, einem leichtentzündlichen Zustand 
vergleichbare Auflockerung der Gewebe vor sich geht, bei der das Blut und 
insbesondere der Leukozytenapparat in ganz besonderem Maße beteiligt sind. 

Nun muß man ja wohl wegen der besonderen Affinität von Krankheitsherden 
zu dem Leukozytenapparat annehmen, daß in ihm Stoffe entstehen, die auf die 
Leukozyten chemotaktisch anziehend ein wirken; da die Thermalbäder in Wildbad 
offenbar anf die Attraktion der Leukozyten in verstärktem Grade anregend 
einwirken, nehme ich an, daß durch gewisse Eigenschaften der Bäder, die wir vor 
allem wohl in deren radioaktiven Beschaffenheit zu vermuten haben, die Krankheits¬ 
herde sensibilisiert werden. Wenn nun durch die Bäder eine stärkere Bindung 
der Leukozyten an die erkrankten Herde stattfindet, so müßte in solchen Fällen, 


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182 


Referate über Bü eher und Aufsätze. 


in denen ausgebreitete Krankheitsherde vorhanden sind, eine stärkere Entziehung 
der Leukozyten aus dem peripheren Kapillarblut herbeigeführt werden. Man 
würde also erwarten können, daß bei einer statistischen Zusammenstellung 
derjenigen Fälle, die reaktionsfähige Lokalherde aufweisen, einerseits und solcher 
Fälle andererseits, die frei von reaktiven Herden und etwa nur konstitutionell 
krank sind, die erstgenannten in größerem Umfange Werte von Hypoleukozytose 
aufweisen als letztere. 

Tatsächlich ergibt nun eine derartige Zusammenstellung folgendes Resultat: 

A. Einheimische. 

1. Reaktive Lokalleiden: 2. Konstitutionelle Leiden: 

Hyperleukozytose 1 Hyperleukozytose 3 

Hypoleukozytose 6 Hypoleukozytose 5 

B. Kurgäste. 

1. Reaktive Lokalleiden: 2. Konstitutionelle Leiden: 

Hyperleukozytose 0 Hyperleukozytose 4 

Hypoleukozytose 4 Hypoleukozytose 2 

Man sieht also tatsächlich ein Überwiegen der Hypoleukozytosewerte bei 
den Fällen reaktiver Lokalleiden. (Fortsetzung folgt.) 


Referate über Bücher und Aufsätze. 


A. Diätetisches (Ernährungstherapie). 

Schäle (Freiburg i. B.), Magenpathologische 

Fragen. Therapie der Gegenwart 1917. 

April. 

Im Anschluß an die Arbeit von Lüthje 
(Referat Heft 4 dieser Zeitschrift S. 118) 
nimmt auch Schüle zu einigen alten und 
neueren Fragen der Magenpathologie Stellung. 
Die früher so „exakt“ betriebene Bestimmung 
der Azidität hat nicht zu einem Fortschritt 
geführt. Hingegen ist dem Befund von Milch¬ 
säurebazillen in reichlicher Menge große Be¬ 
deutung für die Krebsdiagnose beizumessen, 
da sie in den Buchten des karzinomatösen 
Geschwürs in salzsäurefreicm Mageninhalt 
optimale Wachstumsmöglichkeiten linden. Daß 
die Wahl des Probeessens auf die Sekretion 
von großem Einfluß ist, ist Lüthje zuzugeben; 
es dürfte eben zu den Ausnahmen gehören, 
daß man mit dem „appetitreizenden“ Probe¬ 
frühstück erheblich andere Resultate bekommt, 
als mit der alten Methode. Es liegt deshalb 
kein Grund vor. von dem bewährtem Probe¬ 


frühstück abzugehen. Die Frage nach der 
Azidität steht überhaupt nicht mehr so im 
Vordergründe, besonders ihre Verringerung, 
da wir in den Milchsäurebazillen, den okkulten 
Blutungen und im Röntgenbild wertvollere 
diagnostische Merkmale haben. Das „Zuviel“ 
an HCl interessiert weit mehr zur Unter¬ 
scheidung der nervösen Dyspepsie von der 
Dyspepsie infolge Anazidität oder Hyper- 
chlorhydric. Wenn ein Magenkranker nur auf 
besondere Reizmittel normale HCl hat, dann 
steht er an der Grenze der Sekretions¬ 
insuffizienz. „Eine Potenz, die besondere 
Reize nötig hat, ist nicht weit von der Im¬ 
potenz entfernt.“ — Die Sahli sehe Methode 
gibt zwar gute Resultate, doch sind in der 
Praxis die Fälle sehr selten, in denen eine 
Kontraindikation gegen den Magenschlauch 
besteht. Zur Beurteilung der Motilität bevor¬ 
zugt Schüle das Probeabendessen mit morgend¬ 
licher Spülung, Nudeln mit gekochten Pflaumen 
sind sehr geeignet. Ist der Magen nach zwölf 
Stunden nicht genügend entleert, ist der Ver¬ 
dacht auf eine organische Pylorusstenose ge- 


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Referate über Bücher und Aufsätze. 


183 


rechtfertigt. — Die okkulten Blutungen sind 
ein wertvolles Symptom; sein dauerndes Fehlen, 
welches Magen- und Darmkrebs fast sicher 
ausschließt, ist eigentlich wichtiger als der 
positive Befund, der gelegentlich auch bei 
Leber-, Pankreaskrebs, Cholelitiasis usw. Vor¬ 
kommen kann. W. Alexander (Berlin). 

H. Euler und O* Svanberg, Über den 
Phosphatumsatz bei Diabetikern. Ztschr. 
f. physiolog. Chem. 1917. S. 265. 

Für zwei Fälle von Diabetes mellitus wurde 
die Phosphorbilanz festgestellt. Es zeigte sich 
dabei, daß auch Fälle von Diabetes mellitus 
Vorkommen (bei zeitweiser Retention von 
Phosphat, oder in Perioden, wo kein Gesamt¬ 
verlust von Phosphat eintritt), in welchen die 
P0 4 -Ausgabe durch den Ham einen geringeren 
Wert annimmt als der Ausgabe durch den 
normalen, zuckerfreien Harn entspricht. Orga¬ 
nische Phosphate" enthielten die untersuchten 
Harne nur in Spuren. 

Walter Brieger (Berlin). 

H. Töpfer, Zur Behandlung der Ruhr oder 
ruhrähnücher Darmerkrankungen. M.m.W. 

1917. Nr. 7. 

Günstige Wirkung von kombinierter An¬ 
wendung des Wismuts mit Joghurt bei Ruhr. 

J. Ruhemann (Berlin-Wilmersdorf). 

L. Langstein (Berlin• Charlottenburg), 
Frauenmilch bei Erkrankungen jenseits 
des Säuglingsalters. Therap. Monatsh. 1917. 
März. 

Langstein bespricht die Bedeutung, die 
abgezogene Frauenmilch nicht nur bei schwer 
gestörten Kindern, die am Ende des ersten 
Lebensjahres stehen, hat, sondern auch bei 
Kindern jenseits des ersten Lebensjahres, ja 
sogar nach dem 2. und 3. Lebensjahr. Lang¬ 
st ein denkt dabei besonders an Fälle von in¬ 
testinalem Infantilismus und an langwierige 
dysenterische Affektionen, namentlich wenn das 
Urogenitalsystem in Mitleidenschaft gezogen 
ist, endlich an septische Zustände mit hoch¬ 
gradigem Marasmus. Diese Kinder sollen die 
abgezogene Frauenmilch in Mengen von durch¬ 
schnittlich 500—800 g nur wenige Wochen er¬ 
halten. Der Vorteil liegt auch darin, daß 
man den Kindern gerade im Medium der Frauen¬ 
milch lebenswichtige Stoffe zuführen kann, 
deren sie für Rekonstruktion und Neuaufbau 
von Gewebe bedürfen, fein pürrierte Gemüse, 
kleine Fleischmengen, Quark, Kohlehydrate. 
Die Entwöhnung von der Frauenmilch muß 


später vorsichtig geschehen. Man beginne 
mit der vorsichtigen Zugabe von einigen 
Kubikzentimetern Kuhmilch. 

E. Tobias (Berlin). 


B. Hydro-, Balneo- und Klim&to- 
therapie. 

A. Hill er (Schlachtensee), Hltzschlag und 
Sonnenstich. Leipzig 1917. Verlag von 
Georg Thieme. 107 Seiten. M. 3.—. 

Der durch zahlreiche Arbeiten auf diesem 
Gebiete bekannte Verfasser hat seine Erfah¬ 
rungen über Hitzschlag und Sonnenstich zu 
einer gründlichen Monographie zusammen¬ 
gefaßt, in der er unter wohl restloser Heran¬ 
ziehung der in- und ausländischen Literatur 
die Ätiologie, Pathogenese, Klinik, Therapie 
und Prophylaxe der beiden wichtigen Krank- 
keitsbilder bearbeitet. Bei seiner Schilderung 
der Pathogenese hat er sich nicht nur auf 
militärische Verhältnisse beschränkt, welche 
naturgemäß am Hitzschlag vorzugsweise be¬ 
teiligt sind, sondern hat auch Hitzschlag und 
Sonnenstich in der Zivilbevölkerung, in den 
Tropen und auf Dampfschiffen in den Kreis 
seiner Betrachtungen gezogen. Die Darstellung 
ist außerordentlich klar, überall die patholo¬ 
gischen Tatsachen von den physiologischen 
I aus deduzierend. 

Der Leser wird in dem empfehlenswerten 
Buch auf jede theoretische und praktische 
Frage bezüglich dieser beiden Krankheiten 
eine maßgebliche Antwort finden. 

W. Alexander (Berlin). 

Hans Pransnitz, Eine leicht transportable, 
zerlegbare Holzbadewanne. M. m. W. 1917. 
Nr. 5. 

Beschreibung einer zerlegbaren, aus Lärchen¬ 
holz hergestellten Holztrogbadewanne, die wie 
ein Sarg ohne Deckel gestaltet ist. 

J. Ruhemann (Berlin-Wilmersdorf). 

Josef Höhn (Radein), Zar Balneotherapie 
der Nierenerkranknngen. Wien. klin. Rund¬ 
schau 1917. Nr. 7/10. 

Höhn bespricht zunächst die Bedeutung 
der verschiedenen Badeformen bei Nierenleiden. 
Heiße Bäder sind entbehrlich und auch nicht 
unbedenklich, besser wirken protrahierte warme 
Bäder, besonders das laue Bad. Kalte Bäder 
sind im allgemeinen schädlich, besonders bei 
Blutdruckerhöhungen. Die Bäder sollen nicht 
zu häufig gegeben werden, danach ist längere 
Ruhe notwendig. Die protrahierten warmen 


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184 


Referate über Bücher und Aufsätze. 


Bäder sind auch bei „latenter Hydropsie“ 
angezeigt, wo sie nachdrücklicher auf die 
Wasserausscheidung und zugleich auf die 
Fortschaffung der gelösten Harnbestandteile 
wirken, als es das heiße Bad zu tun vermag. 
Diaphorese ist besser mit trockenen Proze¬ 
duren zu erzielen. Bei allen Prozeduren ist 
die thermische Wirkung die Hauptsache, aber 
die im Wasser der natürlichen Mineralquellen 
enthaltenen festen und flüchtigen Bestandteile 
sind doch nicht ganz ohne Bedeutung. Für 
das Natrium ist z. B. der fördernde Einfluß 
auf die Abschuppung der Oberhautschuppen 
und Beseitigung des etwa angehäuften Haut¬ 
talges erwiesen. Auch der Wert der Kohlen¬ 
säure ist anerkannt. 

Im zweiten Teil seiner Ausführungen er¬ 
örtert Höhn den inneren Gebrauch von Mineral¬ 
wässern. Das planlose Durchspülen von großen 
Mengen von Flüssigkeiten ist — den einzigen 
Fall von Pyelitis calculosa ausgenommen — zu 
verwerfen. Höhn wendet sich dabei gegen 
Ausführungen des Göttinger Klinikers Carl 
Hirsch: „Zu verwerfen ist das planlose Durch¬ 
spülen der kranken Nieren mit sogenannten 
Nierenheilwässern.“ (Daß „die Autorität des 
Klinikers nicht vermögen wird, die Meinung 
in . . .- und in Laienkreisen allgemein zu 
machen“, dürfte für die ganze Frage kaum 
von Bedeutung sein. D. Ref.) Sowohl die 
Karbonate als auch die Chloride wirken 
zweifelsohne auf die Nieren sekretions¬ 
befördernd. Das Natriumkarbonat ist auch 
von Bedeutung für die Erhaltung der Alkal- 
eszenz. Nicht geeignet für die Kuren bei 
Nierenkranken sind die kochsalzreichen Quellen. 
Soli ein alkalisch-muriatisches Wasser vorüber¬ 
gehend bei Nierenkranken angewendet werden, 
so muß die ganze andere Diät auf den höheren 
Salzgehalt der Quelle Rücksicht nehmen, und 
der Genuß größerer Mengen von Milch ist 
dann nicht angezeigt. Überhaupt ist es nicht 
zu empfehlen, mit Brunnenkuren gleichzeitig das 
Trinken größerer Milchmengen zu verbinden. 
Den kurzen resümierenden Ausführungen folgt 
zum Schluß ein kurzer „Schriftennachweis“. 

E. Tobias (Berlin). 


Bagnar Berg (Dresden), Untersnchnngen 
über den Mineralstoffwechsel III. II. Unter¬ 
suchungen bei Hämophilie. Ztschr. f. 
klin. Med. 1917. H. 3, 4. 

In früheren Versuchen mit einem Hämo¬ 
philen hatte der Verfasser gefunden, daß die 
Extravasate von einer Harnretention begleitet 


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waren. Neuere Untersuchungen ergaben im 
einzelnen folgendes: Harnstoff wird im Anfall 
retiniert, ohne daß in den Pausen eine ent 
sprechende Mehrausfuhr stattflndet. Die Ham 
Btoffretention ist darauf zurückzuführen, daß im 
Anfall die Oxydation des N nicht bis zum Harn¬ 
stoff vorgeschritten ist. Es erfolgt im Anfall 
eine Mehrbildung und Mehrausscheidung von 
Reststickstoff entsprechend der verminderten 
Bildung von Harnstoff. Harnsäure, Gesamt¬ 
phosphorsäure und präformierte Schwefelsäure 
werden im Anfall retiniert, in der Pause aus¬ 
geschwemmt. Neutralschwefel zeigt Neigung 
zur Retention im Anfall. Chlor- und Kalium- 
Stoffwechsel werden durch die Extravasatbilduni: 
nicht beeinflußt, Natrium scheint sowohl im An¬ 
fall, als auch in der Pause zur Retention zu 
neigen, für welche Erscheinung Verfasser keine 
Erklärung weiß. Ammoniak zeigt die größte 
Neigung zur Retention im Anfall, ebenso zeigt 
Kalzium, weit weniger Magnesium, Retention 
im Anfall und wie die Säuren Mehrausscheidung 
in der Pause. Da die Retention und damit die 
Herabsetzung des Oxydationsvermögens des 
Organismus schon einen oder zwei Tage vor 
dem Auftreten der Extravasatbildung nachzu- 
weisen ist, scheint diese Herabsetzung zum 
mindesten keine Folge, sondern eher Ursache 
der Extravasatbildung zu sein. 

Roemheld (Hornegg). 


C. Gymnastik, Massage, Orthopädie- 
nnd Apparatbehandlung. 

II. Starsberg, Technik der wichtigsten 
Eingriffe in der Behandlung innerer Krank¬ 
heiten. Mit 45 Abbildungen im Text Bonn 
1917. Verlag von A. Marcus & E. Weber. 

Verfasser schildert auf 164 Seiten die 
Eingriffe, die der praktische Arzt selber 
machen und können sollte. Die subkutane, 
intramuskulöse und intravenöse Injektion, die 
Venenpunktion und der Aderlaß, die Punk¬ 
tionen der Leibeshöhlen, schließlich die Lumbal¬ 
punktion und Injektion, die epidurale und die 
intraneurale Injektion werden kurz, aber durch¬ 
aus anschaulich geschildert Es folgen Kapitel 
über die Sondierung der Speiseröhre und die 
Ausheberung des Magens, Danneingießungen. 
Katheterismus, Blasenspülung und Blasenstich. 
Zur Erläuterung dienen fast durchweg instruk¬ 
tive Abbildungen. Bei jedem einzelnen Kapitel 
sind die Zwischenfälle und Gefahren, das In¬ 
strumentarium, Indikationen und Kontraindika¬ 
tionen besprochen. — Wem die bekannten aus- 


Qriqinal from 

UMVERSITYOFMICH. 





Referate über Bücher und Aufsätze. 


185 


gezeichneten Werke von Gumprecbt und das 
größere von Schwalbe zu umfangreich sind, 
wird in dem Stursbergschen Büchlein das 
Notwendige finden und sich für die Praxis 
schnell und zuverlässig orientieren können. 

W. Alexander (Berlin). 

N a s s a u (Berlin), Die Albuminurie des Ste¬ 
hens« Ztschr. f. klin. Med. Bd. 84. H. 1 u. 2. 

Mehr als ein Viertel der von Nassau unter¬ 
suchten, felddienstfähigen Soldaten sämtlicher 
Truppengattungen schied beim längeren Stehen 
Eiweiß aus. Die Eiweißausscheidung trat 
schnell und regelmäßig ein. Sowohl die Se¬ 
dimentsbefunde — Hämaturie und Zylindrurie — 
als auch die Wasserausscheidungskurve und 
der Effekt von Bewegungen sprachen für das 
Vorliegen einer Nierenstauung als Ursache der 
Eiwoißausscheidung. Die Stauung ist mecha¬ 
nischer Natur; der lordotische Bau der Wirbel¬ 
säule, die aethenische Konstitution und andere 
noch nicht genauer bekannte Faktoren führen 
bei längere Zeit eingehaltener aufrechter Körper¬ 
haltung zur Kompression der abführenden 
Nierengefäße. Die stete Wiederholung der 
Stauung, der besonders der Infanterist beim 
häufigen Postenstehen ausgesetzt ist, kann für 
die Nieren eines disponierten Individuums nicht 
gleichgültig sein. Nicht nur bei der Entstehung, 
sondern auch im Verlauf der chronischen Ne¬ 
phritis ist das mechanische Moment von großer 
Bedeutung. Durch Stehen, selbst nur von 10 Mi¬ 
nuten Dauer, konnte bei manchen abheilenden 
Nephritiden eine vorübergehende Vermehrung 
der Eiweißausscheidung erzeugt werden. Erst 
der negative Ausfall des Stehversuches bewies 
die völlige Ausheilung. Bei schweren Fällen 
läßt sich dieser Beweis auch nach Monaten 
nicht erbringen. Freyhan (Berlin). 

F. Adolph (Frankfurt a. M.), Zur ortho- 
statigehen (lordotischen) Albuminurie bei 
Soldaten. M. m. W. 1917. Nr. 7. 

Die so häufig bei Kindern beobachtete 
orthostatische (lordotische) Albuminurie kommt 
auch entsprechend dem Jehl eschen Typus 
im 3. und 4. Lebensdezennium vor. 

Bei der vielfachen Gelegenheit zu stark 
lordotischer Haltung, wie sic der militärische 
Dienst bietet, wird man bei Soldaten besonders 
häufig Orthostatiker antreffeh. 

Da eine Anzahl Soldaten schon vor ihrem 
Diensteintritt bei aufrechtem Stehen sich als 
Albuminuriker erweisen, später diejenigen, 
welche Eiweiß • abscheiden, bei genauerer 
Prüfung immer häufiger als Orthostatiker er¬ 


kannt werden und wahrscheinlich insgesamt 
Orthostatiker (Lordotiker) sind, so ist es frag¬ 
lich, ob überhaupt eine physiologische Albumin¬ 
urie als Folge von Muskelanstrengungen im 
Rahmen der üblichen militärischen Dienst¬ 
leistungen vorkommt. Jedenfalls findet sich 
unter den Kriegsteilnehmern, welche wochen- 
und monatelang während Lazarettbehandlung 
und Urlaub keine Muskelanstrengungen hatten, 
sehr häufig der Essigsäurekörper allein, seltener 
mit Albumin zusammen, vielleicht nicht weniger 
häufig als bei Rekruten in der Ausbildungszeit, 
wenn man Gruppen aus demselben Jahr ver¬ 
gleichen würde. 

Bei dem Zustandekommen der Albuminurie 
ist wahrscheinlich nur das mechanische Moment 
einer Lordose der Wirbelsäure wirksam; es 
bedarf nicht mehr der Annahme einer ver¬ 
schiedenen Dichtigkeit des Nierenfilters, Än¬ 
derungen der allgemeinen Blutzirkulation, Ver¬ 
mittlung des Nervensystems usw. 

In vielen Fällen ist eine Alkalimedikation 
imstande, die Eiweißmenge bei einem Lordose¬ 
versuch herabzudrücken oder ganz verschwinden 
zu lassen. 

Die Kenntnis der orthostatischen Albumin¬ 
urie ist für die militärische Begutachtung, 
Lebensversicherung usw. von Bedeutung. 

Das Schwinden der orthostatischen Albu¬ 
minurie während der Militärzeit ist fraglich, aber 
ohne Einfluß auf Wohlbefinden und Dienstfähig¬ 
keit. J. Ruhe mann (Berlin-Wilmersdorf). 

Linnartz, Ein sicheres Verfahren zur Ver¬ 
meidung des Spitzfußes. M. m. W. 1917. 
Nr. 5. 

Durch Spiralfederzug wirkende Apparatur 
zur Vermeidung und Beseitigung des Pes equi- 
nus, der aus Nachlaß des Dorsalflexorentonus 
und Überwiegen des Achillessehnenzuges ent¬ 
steht. J. Ruhemann (Berlin-Wilmersdorf). 

Kurt Kässner, Ein nach physiologischen 
Grundsätzen gebauter Kunstfaß. Zentralbl. 
f. Chir. u. Mech. Orthop. 1917. Februar. 

Die bisher gebräuchlichen künstlichen Füße 
lassen ein etwas eckiges Abrollen des Fußes 
erkennen. Während die bisherigen Prothesen 
für nach Pirogoff oder Chopart Amputierte 
im allgemeinen genügen, läßt ihr Mechanismus 
bei kurzem Unterschenkel- und noch mehr bei 
Oberschenkelstumpf sehr viel zu wünschen 
übrig. An Hand von 4 Abbildungen erläutert 
Autor den von ihm konstruierten künstlichen 
Fuß, der sich in seinem Aufbau den anatomi¬ 
schen Verhältnissen anpaßt und bei jeder Lage 


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Referate über Bücher und Aufsätze. 


186 


des Fußes diejenige Bewegung und Einstellung 
zuläßt, die auch der natürliche Fuß ausführt. 
Er besteht im wesentlichen aus 9—12, je nach 
Schwere des Patienten 2—3 mm dicken Stahl- | 
drahtfedem, die sich leider (Dr. Lewy) etwas 
schnell abnützen. Verbesserungen sind bereits 
in Bearbeitung. Janson (Berlin). 

P. Sträter (Klagen i. W. ), Eine Extensions¬ 
bandage bei Knochenbrüchen. D. m. W. 
1917. Nr. 11. 

Für Fälle von Unterschenkelfraktur, 
wo wegen besonderer Wundverhältnisse die 
gewöhnliche Extension, die Nagelextension 
oder die Distraktionsklammer nicht anwendbar 
sind, wird eine Bandage angegeben, bestehend 
aus einer oberen Manschette, welche im oberen 
Teil des Unterschenkels angelegt wird, und 
einer damit durch 2 Gurtenzüge verbundenen 
zweiten Manschette, die oberhalb der Knöchel 
und des Kalkaneus das Bein umfaßt; an dieser 
sind die Metallringe zur Extension angebracht. 
Dje Bandage ist allerdings nicht anwendbar bei 
Frakturen, die nahe den Knöcheln ihren Sitz 
haben, dagegen hat sie sich auch bei Ober¬ 
schenkelbrüchen, bei denen keine Ver¬ 
kürzung vorhanden ist, in Verbindung mit der 
schiefen Ebene oder dem Zuppingerschen | 
Apparat gut bewährt. A. Laqueur (Berlin). | 
__ I 

D, Elektro-, Licht- und Röntgen¬ 
therapie. 

M.Fanlhaber f (Würzburg), Die Röntgen¬ 
diagnostik der Speiseröhrenerkrankungen. 

Sammlung zwangloser Abhandlungen aus dem 
Gebiete der Verdauuhgs- und Stoffwechsel¬ 
krankheiten. V. Bd. H. 8. Preis M. 1,40. 
Halle a. S. 1916. Carl Marhold, Verlags¬ 
buchhandlung. 

In knapper, präziser Weise werden die 
wichtigsten Ergebnisse, die das Röntgen- 
verfahren auf dem Gebiete der Erkrankungen 
der Speiseröhre gezeitigt, von dem (leider im 
besten Mannesalter gestorbenen) Autor in zehn 
Abschnitten besprochen. Professer Albu hat 
die Ausführungen des Autors, die schon ein 
Jahr vor Kriegsausbruch niedergeschrieben 
waren, in unverändeter Weise zum Abdruck 
gebracht. Das Büchlein dürfte sich wie die 
früheren Abhandlungen des Verfassers (Röntgen¬ 
diagnostik der Magenerkrankungen, Röntgen¬ 
diagnostik der Darmkrankheiten) die unein¬ 
geschränkte Anerkennung der Fachkollegen in 
kurzer Zeit erwerben. 

L. Katz (Berlin-Wilmersdorf). 


Sommer (Zürich), Röntgen-Taschenbuch. 

VII. Band. Leipzig 1915. Verlag von Otto 
Nemnich. 

Auch der VII. Band, der erste „Kriegs¬ 
band“ des Röntgen-Taschenbuches, reiht sich 
seinen Vorgängern würdig an. Er bringt eine 
Fülle von Abhandlungen verschiedener Autoren 
aus dem Gebiet der Diagnostik, der Therapie 
und der Technik. Der gleichen freundlichen 
Aufnahme, wie sie die früheren Bände ge¬ 
funden haben, darf der „Kriegsband“ sicher 
sein. H. E. Schmidt (Berlin). 

Deutsch (Wien), Tiefenbestrahlung der Milz 
bei Malaria. W. kl. W. 1917. Nr. 7. 

Bericht über 27 Fälle. Im ganzen ent¬ 
sprechen die Resultate nicht den theoretischen 
Voraussetzungen. Immerhin können durch 
Milzbestrahlung chronische Malariakranke ge¬ 
heilt werden. Auch bei den akuten Fällen 
j scheint ein Versuch mit Röntgenbestrahlung 
I indiziert. H. E. Schmidt (Berlin). 

I Albers-Schönberg, Die gasfreien Röhren 
in der röntgenologischen Praxis. Fortschr. 
d. Röntgenstr. 1917. H. 5. 

Aus der Arbeit geht hervor, daß die Ein¬ 
führung der gasfreien Röhren in der Dia¬ 
gnostik sowohl wie in der Röntgentherapie 
von größter Bedeutung geworden ist, und zwar 
bezieht sich diese Tatsache in gleicher Weise 
auf die Lilienfeld- wie auf die Coolidge- 
und auf die Siemens - Gltihkathodenröhre. 
Der Fortschritt, welchen die gasfreien Röhren 
gebracht haben, liegt auf dem Gebiete der 
Mechanisierung der Technik, daß jedoch 
letzere nicht mit Schematismus einhergehen 
darf, ist selbstverständlich. Die Indikations¬ 
stellung unter genauer Berücksichtigung der 
biologischen, physiologischen und pathologisch¬ 
anatomischen Gesichtspunkte bleibt also wie 
die stets individualisierend vorgeheride Do¬ 
sierung eine äffctliche Kunst. Um diese zur 
I vollen Entwicklung zu bringen, ist es erforder¬ 
lich, dem Arzt ein stets zuverlässig arbeitendes, 
von Zufälligkeiten und Unvollkommenheiten be¬ 
freites Rüstzeug zu schaffen. 

L. Katz (Berlin-Wilmersdorf). 

Karl Welssenberg (Wien), Uber die Be¬ 
deutung des Einfallwinkels der Röntgen- 
Strahlen. Fortschr. d. Röntgenstr. 1917. H. 5. 

1. Die Flächenenergie kann aufgefaßt 
| werden als die Anzahl der Röntgenstrahlen, 
| die durch ein Flächenelement (Flächeneinheit) 
! gehen; ihre Größe in jedem Punkt des durch- 


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187 


strahlten Raumes ist gegeben durch den Aus¬ 
druck Eo sin er; wobei E 0 die Flächenenergie 
auf einem Punkt der Kugelschale bezeichnet, 
welche um den Fokus durch den gegebenen 
Punkt gelegt wurde, und a den Winkel zwischen 
Fläche und Röntgenstrahl bezeichnet. 2. Die 
Dosis (richtiger die mittlere Oberflächendosis) 
kann aufgefaßt werden als die Anzahl der 
Röntgenstrahlen, die in einem an der Ober¬ 
fläche des Körpers gelegenen Volumeleraent 
{Volumeinheit) absorbiert worden sind. Ihre 
Größe ist unabhängig von dem Einfallswinkel 
der Röntgenstrahlen, bestimmt durch den Aus¬ 
druck — log nat 2 (wobei a die H. W. S. der 
a 

Strahlung in dem betreffenden Körper be¬ 
zeichnet). 3. Ein Instrument (Radiometer) 
mißt Flächenenergie oder Dosis, je nachdem 
seine Angaben bei jeder Härte sich proportional 
dem Sinus des Einfallswinkels ändern oder von 
ihm gänzlich unabhängig sind. 4. Die Haut 
verhält sich ähnlich einem Dosimeter, d. h. die 
Hautreaktion ist unabhängig vom Einfalls¬ 
winkel allein durch die Größe des Ausdrucks 

— log nat 2 gegeben. 5. Das Radiometer darf 
a 

nicht immer auf die Haut aufgelegt werden, 
sondern es muß auf der dem Fokus nächsten 
Hautstelle senkrecht in den Strahlengang ge¬ 
stellt werden. 6. Bei überkreuzten Feldern 
muß man darauf Rücksicht nehmen, daß die 
benachbarten Fußpunkte nicht zu nahe an- 
einanderrücken, da die durch Überkreuzung 
doppelt getroffene Hautstelle bei einer Be¬ 
strahlung nur durch die große Fokusdistanz, 
nicht aber auch (wie man bisher vermutet hat) 
durch das schräge Auffallen der Röntgen¬ 
strahlen eine geringere Dosis bekommt. 

L. Katz (Berlin-Wilmersdorf). 

H. Eymer (Heidelberg), Die Entwicklung 
der gynäkologischen Strahlentherapie, 

Therapie der Gegenwart 1917. April. 

Historischer, zum Teil kritischer Überblick 
über die Entwicklung und bisherigen Leistungen 
der Behandlung gynäkologischer Affektionen 
mit Röntgenstrahlen, Radium und Mesothorium. 

W. Alexander (Berlin). 

Richard Granu (Wien), Über Messung von 
Böntgenstrahlenenergie auf Grund der in 
der Röhre verbrauchten elektrischen Lei¬ 
stung. Fortschr. d. Röntgenstr. 1917. H. 5. 

Die sogenannte indirekte Messung der 
Intensität von Röntgenstrahlen auf Grund von 
Strom- und Spannungsmessungen, bzw. Lei¬ 


stungsmessungen an der Röhre unter Annahme 
eines konstanten Wirkungsgrades für die Er¬ 
zeugung strahlender Energie, ist nicht geeignet, 
richtige Resultate zu ergeben, 1. wegen der 
Schwierigkeiten, die derzeit noch wichtigen 
Spannungs- und besonders Leistungsmessungen 
an Röntgenröhren entgegengstehen, 2. wegen 
Unhaltbarkeit der Annahme des konstanten 
Wirkungsgrades. Diese Gründe lassen über¬ 
haupt Methoden der direkten Messung empfeh¬ 
lenswert erscheinen. Es wurde also in der 
letzten Zeit von dieser Richtung mit Recht 
abgesehen. L. Katz (Berlin-Wilmersdorf). 

Robert Fürstenau (Berlin), Die Messung 
der Strahlenhärte mit dem Intensimeter. 

Fortschr. d. Röntgenstr. 1917. H. 6. 

Mit Hilfe des Intensimeters läßt sich neben 
der therapeutischen Strahlendosierung auch die 
zahlenmäßige Größe der Strahlenhärte durch 
Messung der Absorption in 1 mm Aluminium 
bestimmen und zwar mit Hilfe einer einfachen 
Zusatzvorrichtung, welche den Härtegrad der 
Strahlen objektiv an Zeiger und Skala ablesbar, 
an strahlengeschützter Stelle je nach Wunsch 
in Walter-, Wehnelt-, Benoist- oder Absorptions¬ 
einheiten anzeigt. 

L. Katz (Berlin-Wilmersdorf). ^ 

| Fritz Goos (Hamburg), Über die Härte- 
! analyse der Röntgenstrahlen und die 
j Wirkung verschiedener Titer. Fortschr. d. 
Röntgenstr. 1917. H. 5. 

Die Härteanalyse wurde mittelst eines 
Fürstenau sehen Selenintensimeters vorge¬ 
nommen für Röntgenstrahlen, die ein Apex- 
Apparat mitGasquecksilberunterbrecher lieferte. 
Als Filtermaterial wurde Aluminium, Kupfer 
und Zink angewandt. Es ergab sich, daß 3 mm 
Al die harte Strahlung ebenso stark absorbiert 
wie 0,125 mm Cu und 0,135 mm Zn, dagegen 
wurden die mittelharten und weichen Strahlen 
sowohl von Kupfer wie von Zink stärker ab¬ 
sorbiert, so daß diese Metalle als Filter vorzu¬ 
ziehen sind. L. Katz (Berlin-Wilmersdorf). 

J. A. Amann (München), Zur Strahlen¬ 
behandlung des Uteruskarzinoms. M. m. W. 

1917. Nr. 5. 

Für die wissenschaftlichen Untersuchungen 
erscheint es geboten, mit Röntgenbestrahlung 
allein unter Kontrolle der elektroskopischen 
Messung die inoperablen Kollumkarzinome zu 
behandeln; denn nur so wird man einen Ein¬ 
blick in die Wirkungsweise der Röntgenstrahlen 
bekommen. In praktischer Beziehung wird 


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Referate über Bücher und Aufsätze. 


man aber zweckmäßig die Kombination der 
Röntgenbehandlung mit der Radiumbehandlung 
vorläufig noch durchführen. 

J. Ruhemann (Berlin-Wilmersdorf). 

Engen Kodon, Chronisch meningitisebe 
Erkrankungen und deren Behandlung mit 
Röntgenstrahlen. M. m. W. 1917. Nr. 5. 

Ergibt sich bei der Schädelphotographie 
ein sichtbarer Herd im Schädel, so wird jener 
von allen Seiten bestrahlt. In anderen Fällen 
wird der ganze Schädel bestrahlt in der Weise, 
daß je eine Bestrahlungsfläche auf beide Stirn¬ 
höcker, zwei auf die Parietal-, eine auf die 
Okzipitalgegend und je eine auf die beiden 
Temporalgegenden einschließlich der Ohrpartie 
kommen. Die Kasuistik von 6 Fällen illustriert 
eine bemerkenswert günstige Beeinflussung von 
Krampfanfällen, die aber vorwiegend epilepti¬ 
scher Natur sind, durch die Röntgenbestrahlung 
des Schädels. 

J. Ruhemann (Berlin-Wilmersdorf). 

Leon Lilienfeld (Wien), Beitrag zur Me¬ 
thodik der Röntgenaufnahmen. Die seit¬ 
liche Kreuzbeinaufnahme. M. m. W. 1917. 
Nr. 7. 

Durch entsprechende Abweichung von der 
rein queren Richtung um einen ganz kleinen 
Winkel (bei Skapula und Dannbeinschaufel), 
beim Sternum und Sakrum sogar in der rein 
queren Richtung erhält man schon nach wenigen 
Proben prachtvolle Bilder dieser Skeletteile in I 
seitlicher Ansicht Knochensplitter und Fremd- I 
körper lassen unmittelbar ihre Lage vor oder j 
hinter den Knochentafeln erkennen, Knochen- i 
brüche und pathologische Veränderungen sind 
sehr deutlich sichtbar. Es ist häufiger, daß 
eine Knochenveränderung der Skapula, des 
Kreuzbeins, des Sternum, der Darmbeinschaufel 
der alten sagittalen als der neuen frontalen 
Aufnahme entgeht. Einige instruktive Beispiele 
werden angeführt. 

J. Ruhemann (Berlin-Wilmersdorf). 

L innert (Halle a. S.), Erfahrungen mit der 
kombinierten Strahlenbehandlung des Kar¬ 
zinoms. M. m. W. 1917. Nr. 10. 

Empfehlung des Enzytols neben der 
Radiotherapie in allen Fällen von ausgedehntem 
Karzinom, von Rezidiven und Metastasen. 

H. E. Schmidt (Berlin). 

Kautz (Hamburg-Eppendorf), Erfahrungen 
mit der Siederöhre. M. m. W. 1917. Nr. 10. 

Warme Empfehlung derMüllerschenSiede¬ 
röhre, die sich auch neben den neuen gasfreien 


Röhren von Coolidge und Lilienfeld ins¬ 
besondere für die Zwecke der Tiefentherapie 
ausgezeichnet bewährt hat. 

H. E. Schmidt (Berlin). 

y. Eiseisberg, Über Geschoßlokalisierung 
und Entfernung unter Röntgenlicht. W.kl.W. 
1917. Nr. 11. 

Bei der Herausnahme von Geschossen hat 
Autor mit der von Holzknecht ausgearbei¬ 
teten Röntgenmethode, bei welcher unterm 
Operationstisch eine Lilienfeld-Röhre angebracht 
ist und der Röntgeniseur während der Operation 
jedesmal nach Bedarf den Röntgenapparat ein¬ 
schaltet und mit einer Steinsonde dem Ope¬ 
rateur genau die Stelle bezeichnet, an welcher 
sich der Projektilschatten auf der Haut proji¬ 
ziert, die denkbar besten Erfahrungen — in 
mehr als 200 Fällen mit keinem einzigen Ver¬ 
sager — gemacht. Er ist mit Schmidt gleicher 
Meinung, daß mindestens diejenigen Fälle von 
Steckschußpatienten in ein eigenes Steckschuß- 
Spital kommen sollten, bei welchen anderw ärts 
bereits ohne Erfolg operativ gesucht 'wurde. 

Janson {Berlin). 

Haslebacher (Ragaz - Locarno - Orzelina), 
Die Behandlung des Kropfes mit der Quarz¬ 
lampe. Korrespondenzblatt für Schweizer 
Ärzte 1917. Nr. 8. 

Bericht über 20 Fälle von Kropf, die mit 
gutem Erfolg der Quarzlampenbestrahlung 
unterzogen wurden. Ob nur die Gegend des 
Kropfes oder der ganze Körger bestrahlt 
wurde, ist leider nicht angegeben. Da der 
Kropf nach 4—10maliger Bestrahlung ver¬ 
schwinden soll, wäre das ja eine ganz wunder¬ 
bare Behandlung, die einer Nachprüfung drin¬ 
gend bedarf. H. E. Schmidt (Berlin). 

Deus (Wien), Die künstliche Höhensonne 
bei der Nachbehandlung Kriegsverletzter. 

M. m. W. 1917. Nr. 10. 

Empfehlung der Quarzlampenbestrahlung 
zur Anregung der Epithelisierung von Wunden, 
zur Beeinflussung der Demarkation bei partieller 
Nekrose transplantierter Hautlappen, bei chro¬ 
nischen Entzündungen und Atrophie der Haut 
an Amputationsstümpfen und bei Weichteil¬ 
fisteln. H. E. Schmidt (Berlin). 

Müller (Hongkong, z. Z. Res.-Laz. Merse¬ 
burg a. S.), Die Behandlung des Erjslpels 
mit Rotlichtbestrahlung. M. m. W. 1917. 
Nr. 10. 

Der Verfasser konnte sehr günstige Er¬ 
folge beim Erysipel dadurch erzielen, daß er 


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Referate über Bücher und Aufsätze. 


189 


die Kranken möglichst frühzeitig in ein „rotes 
Zimmer“ brachte, d. h. in einen Raum, dessen 
Fenster tagsüber mit roten Vorhängen ver¬ 
sehen sind und dessen Beleuchtung durch 
eine elektrische Glühbirne aus rotem Glase 
besorgt wird, ein Verfahren, das also dem 
Finsensehen Vorschlag für die Behandlung 
der Pockenkranken entspricht. 

H. E. Schmidt (Berlin). 

E. Serum- and Organotherapie. 

Ton Starck (Kiel), Zar Behandlung des 
anaphylaktischen Anfalls. M. m. W. 1917. 

Xr. 5. 

Bei einem Falle von schwerem anaphylak¬ 
tischen Anfall kupierte diesen die Äther¬ 
narkose. Ist nach Beobachtung einer Serum¬ 
krankheit wieder eine Injektion von Serum 
notwendig, so wäre einmal am Tage vor der 
Reinjektion eine kleine Dosis (lccrn) Pferdeserum 
intravenös zu injizieren und vom Tage der 
Einspritzung an Chlorkalzium, 3—4 g pro die, 
zu geben. 

J. Ruhemann (Berlin-Wilmersdorf). 

L. Ju stltz, Paravakzine, eine besondere Er¬ 
scheinung bei der Blatternschatzimpfang. 

M. m. W. 1917. Nr. 5. 

Die wie ein papulöses Keloid aussehende, 
nach 10—20 Tagen maximale Ausdehnung er¬ 
reichende Paravakzine kommt vorwiegend bei 
geimpften Variolarekönvaleszenten vor; das 
Vorkommen der Paravakzine bedeutet keine 
Immunität, und man muß in solchem Falle un¬ 
bedingt noch einmal impfen. Ein Impfstoff, 
nach dessen Verwendung bei gewöhnlichen 
Impfungen Paravakzine gehäuft auftritt, ist 
als minderwertig zu bezeichnen, da er vakzine¬ 
keimarm ist. 

J. Ruhe mann (Berlin-Wilmersdorf). 

Wilhelm Müller, Partialantigene and Tu¬ 
berkuline. W. kl. W. 1917. Nr. 5. 

Irt der spezifischen Tuberkuloseforschung 
sind vor allem streng zu unterscheiden: 1. re¬ 
aktive ungiftige Substanzen; 2. reaktive 
giftige Substanzen. Erstere, die Partial- 
a n t i g e n e M. Tb. A, M. Tb. F. und M. Tb. N.,. über 
deren Anwesenheit und Konstellation in den 
Tuberkulinen noch nichts Sicheres bekannt ist, 
„sind weniger spezifisch, als die giftigen Sub¬ 
stanzen und richten sich in einem allgemeineren 
Sinne gegen das Wesen der Erkrankung. Sie 
beeinflussen mehr die Abwehrkraft des Orga¬ 
nismus als das Virus“ und kommen für die the¬ 


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rapeutische Beeinflussung der Tbe. allein in 
Frage, wobei allerdings zuzugeben ist, daß dem 
albumosefreien Tb. ein erschöpfender immun¬ 
therapeutischer Wert fehlt (gerade wegen des 
Fehlens der Albumose) und ihm auch gewisse 
Gifte beiwohnen (durch geteilte Tb.-Injektion 
experimentell nachweisbar). 

Die giftigen reaktiven Tb.-Stoffe, im wesent¬ 
lichen Bestandteile des bei der Darstellung der 
Partialantigene gewonnenen Filtrates, hinsicht¬ 
lich ihrer Anzahl usw. noch nicht genau erforscht, 
sind im Alt-Tb. in weit größerem Maße vor¬ 
handen als im albumosefreien Tb., so daß also 
letzteres therapeutisch wertvoller ist. 

Janson (Berlin). 

Ernst Frankel, Vorschläge zor subdnralen 
intrakraniellen Hellserumtherapie bei Te¬ 
tanus. M. m. W. 1917. Nr. 7. 

Bei schweren Fällen von Tetanus empfiehlt 
Verfasser Injektion des Antitoxins (20 ccm) in 
den Subduralraum nach Trepanation, zugleich 
mit intralumbaler Einführung gleicher Mengen 
des Wundstarrkrampfserums. 

J. Ruhe mann (Berlin-Wilmersdorf). 

Franz Seubert, Über das Auftreten von 
blutigem Urin nach Einspritzen von Wund¬ 
starrkrampfserum. M. m. W. 1917. Nr. 7. 

Hämaturie nach prophylaktischer Antitoxin- 
injektion in 2 Fällen; bei dem einen Fall 
wurde dieser Befund zweimal konstatiert. 

J. Ruhemann (Berlin-Wilmersdorf). 

Ernst Herzberg, Ein Beitrag zur Impf¬ 
behandlung der Faranknlose mit poly¬ 
valenter Staphylokokkenvakzine (Opsogen). 
M. m. W. 1917. Nr 7. 

Eigenbeobachtung der günstigen Wirkung 
des Opsogen (Chem. Fabrik Güstrow i. Meckl.) 
bei sehr hartnäckiger Furunkulose. Das Prä¬ 
parat ist nur in Ampullen zu 100 oder 500 
Millionen Staphylokokken vorrätig. Es fehlen 
Zwischenstufen. 

J. Ruhemann (Berlin-Wilmersdorf). 

E. Friedberger (Greifswald), Ein Beitrag 
znr Frage der Unschädlichkeit der Typhns- 
Schutzimpfung. M. m. W. 1917. Nr. 7. 

Bei der Behandlung junger Kaninchen mit 
Typhusimpfstoff, selbst in 10fach größeren 
Dosen, als sie der Mensch erhält, und selbst bei 
intravenöser Einspritzung, macht sich ein nach¬ 
teiliger Einfluß weder auf die gesamte Ge¬ 
wichtskurve noch auf die durchschnittlich täg¬ 
liche Gewichtszunahme bemerkbar. 

J. Ruhemann (Berlin-Wilmersdorf). 


Original fro-rn 

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190 


Referate über Bücher und Aufsätze. 


0. Steiger (Zürich), Fünf Fälle Ton Akro¬ 
megalie in ihrer Beziehung znr Hpyo- 
physe und zn anderen endokrinen Drüsen, 

Ztschr. f. kl. Med. 1917. H. 3, 4. 

Zwei reine Fälle von Akromegalie mit Hypo- 
physiserkrankung, während bei den drei anderen 
Kombination mit Erkrankungen anderer Blut¬ 
drüsen (Pankreas, Nebenniere, Schilddrüse, 
Keimdrüsen) vorlag. Die Stoffwechselbefunde 
ergaben Retention von Kalk, P, CI, N, vermehrte 
Harnsäureausscheidung, vermehrten Cholesterin¬ 
gehalt des Harnes. Bei den Kombinations¬ 
formen mit echtem Diabetes Vermehrung des 
Harnzuckers, des Azetons, der Azetessigsäure, 
^-Oxybuttersäure, Erhöhung des Blutzucker- 
und des Lipoidgehaltes des Blutes. Blutbefunde 
bei Akromegalie: relative und absolute Eosino¬ 
philie und Mononukleose. Hypophysen- und 
Schilddrüsenmedikation war in allen Fällen 
ergebnislos, ebenso Röntgenbestrahlung des 
Türkensattels im „Kreuzfeuer“. Chirurgisch 
wurde in keinem der Fälle vorgegangen. 

Roemheld (Hornegg). 


F. Verschiedenes. 

Bendix (Berlin), Lehrbuch der Kinderheil¬ 
kunde für Ärzte und Studierende. 7. Aufl. 
664 S. Mit 89 Abb. u. 4 färb. Tafeln. Ver¬ 
lag v. Urban & Schwarzenberg. Berlin-Wien 
1917. 

Ein eklektisches Buch! Frei von der 
Impulsiwität und auch der Einseitigkeit der 
„Schule“, läßt der Verfasser das Bild der 
Kinderkrankheiten vor dem Auge des Lesers 
entstehen. Was er darstellt, ist die Frucht 
vielfacher ärztlicher Erfahrung, eingehender 
Kenntnis der einschlägigen Literatur und 
selbständiger Forschung. Mit gereiftem Ur¬ 
teil hat er gesondert. Die Darstellung ist 
klar. Auch der Neuling empfängt eine in den 
meisten Fällen erschöpfende Aufklärung über 
die in Betracht kommenden Zustände, und wer 
weiter schürfen will, erhält durch die bei¬ 
gefügte Literatur Gelegenheit, sich ein eige¬ 
nes Urteil zu bilden. Von Auflage zu Auf¬ 
lage bemerkt man die Wirkung der unermüd¬ 
lichen Arbeit des Verfassers, auch das schwie¬ 
rige Gebiet der Ernährungskrankheiten des 
Säuglings befriedigt in der jetzigen Darstellung 
durchaus. Die Ausstattung des Buches mit 
Abbildungen hat sich außerordentlich gebessert. 
So kann das Buch durchaus empfohlen werden, 
man wird es nicht ohne Belehrung auB der 
Hand legen. Jap ha (Berlin). 


W. Hanauer (Frankfurt a. M.), Euthanasie, 

Therap. Monatsh. 1917. März. 

Hanauer befaßt sich in seinen Ausfüh¬ 
rungen mit den vorhandenen spärlichen juristi¬ 
schen und medizinischen Ausführungen über 
Euthanasie — über Sterbehilfe, vor allem mit 
den Studien von Mendelssohn, Kaßler und 
Elster. Nach Kaßler ist die Einwilligung 
des Sterbenden nicht imstande, die Rechts¬ 
widrigkeit der Tötung auszuschließen, denn 
das allgemeine menschliche soziale und staat¬ 
liche Gebot der Achtung und Erhaltung des 
Lebens der Mitmenschen ist ungleich wichtiger 
und wertvoller als die private Rücksicht auf 
das erloschene Lebensinteresse des Einzelnen. 
Jede Tötung auf Verlangen ist als rechts¬ 
widrig anzusehen. Für die Ablehnung der 
Euthanasie sind lediglich juristische Gründe 
maßgebend, wie der Jurist Kaßler betont. 
Ganz anderer Art sind die Ausführungen von 
Elster, der sich unter dem Einfluß der Kriegs¬ 
erfahrungen für Sterbehilfe ausspricht, wenn 
ausreichende Sicherungsmittel getroffen werden. 
Nach Elster sind erforderlich, um einem 
Kranken die Gnade der Euthanasie zu er¬ 
weisen: 1. der Ausspruch eines dreigliedrigen 
Ärztekollegiums, für dessen Zusammensetzung 
noch bestimmte Vorschriften notwendig sind; 
2. die Einwilligungserklärung von Verwandten 
und ausdrücklicher, unerzwungener Wunsch des 
Kranken; 3. Genehmigung durch eine richter¬ 
liche und eine Verwaltungsbehörde; 4. Tragung 
nicht unerheblicher Gebühren seitens der Hinter¬ 
bliebenen. Alle Sicherungen gehören zusammen. 
Fehlt eine, so darf nichts geschehen. Das 
alles sei möglich, weil unsere ethische An¬ 
schauung hoch genug stehe und keinen höheren 
Bruch als bei jedem anderen Rechtssatz be¬ 
fürchten lasse; weil die medizinische Wissen¬ 
schaft weit genug fortgeschritten sei; weil es 
Mittel genug gäbe, Habgier oder Bequem¬ 
lichkeit bei Angehörigen nicht dabei zur Gel¬ 
tung kommen zu lassen; weil die Gebühren 
gerecht seien mit Rücksicht auf die wirtschaft¬ 
liche Erleichterung der Angehörigen, wenn die 
Siechenzeit der unheilbar und schwer Leidenden 
verkürzt wird. Die veränderten Verhältnisse 
verlangen Gesundung und Stärkung, nicht die 
Erhaltung wertlos gewordener Leben, sondern 
sogar die Beseitigung lebender Ansteckungs¬ 
herde. Hanauer setzt den Ausführungen 
Eisters mit Nachdruck den abweichenden 
ärztlichen Standpunkt entgegen. Er erwähnt 
mit Recht die unrichtige Auffassung der 
„Euthanasie“ durch Elster, der nicht den 


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Referate über Bücher und Aufsätze. 


191 


Kranken, sondern den Angehörigen und der 
Allgemeinheit nützen will. Elster stellt die 
Euthanasie in den Dienst der Rassenhygiene. 
Er denkt nicht so an Sterbende wie an unheil¬ 
bar Kranke. Auch die Berufung auf den 
Krieg ist nach Hanauer verfehlt. Die un¬ 
geheuren Verluste des Krieges zwingen uns 
geradezu, jedes einzelne Leben zu erhalten. 
Die Ärzte lehnen die Euthanasiefrage nicht 
nur aus juristischen Gründen ab, sondern auch 
aus ethischen, humanitären und medizinischen 
Gründen. Die Sicherungsvorschläge Elsters 
sind recht zweifelhafter Natur, was man Ärzten 
gegenüber nicht besonders auszuftihren braucht. 
Der Staat ist durch den Krieg gar nicht in der 
Lage, qualitative Rassenhygiene zu treiben, 
da es sich für ihn in absehbarer Zeit nur um 
Erhöhung der Quantität handeln kann. 

E. Tobias (Berlin). 

Chariot Strass er (Zürich), Über Unfall- 
ond Militärneurosen. Korrespondenzblatt 
f. Schweizer Ärzte 1917. Nr. 9. 

Die interessanten Ausführungen eignen 
sich nicht zu kürzerem Referat. Die im Kriege, 
im Militärdienst vorgekommenen Neurosen¬ 
formen (ausgeschlossen diejenigen, bei denen 
nachweisbare körperliche, vornehmlich Gehirn¬ 
traumen als bleibende Grundursache vorliegen) 
sind nur insofern als Folgen des Krieges und 
der Militärpflicht zu betrachten, als die Umwelts¬ 
verhältnisse der Imaginationstätigkeit den for¬ 
mierenden Stoff für die Symptome bieten. Ab¬ 
gesehen davon aber ist jeder Fall individuell 
konstelliert und nur von dieser Auffassung aus 
verfolgt und durchdacht verständlich. Die 
therapeutischen Schwierigkeiten liegen in den 
erschwerten Lebensbedingungen und den sich 
widerstreitenden Fiktionen altruistischer und 
egoistischer Tendenzen, in den Konflikten, 
die zwischen Staatspflicht und Individualität 
erwachsen. Der Arzt muß allen diesen Er¬ 
wägungen Rechnung tragen und befähigt sein, 
Kompromisse praktischer Geltung zwischen 
den außerordentlich hohen und von den Staats¬ 
gewalten getragenen Ansprüchen an die Per¬ 
sönlichkeit und den Bedürfnissen des nicht 
anpassungsfähigen Einzelnen zu handhaben. 

E. Tobias (Berlin). 

Hang Curschmann (Rostock), Zur Kriegs- 
neurose bei Offizieren. D. m. W.1917. Nr. 10. 

Sowohl aus der eigenen Erfahrung des Ver¬ 
fassers, wie aus einer von ihm angestellten 
Rundfrage bei anderen Lazarettärzten geht 
hervor, daß grobe Motilitätsneurosen nach 


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Kriegstraumen, wie sie bei Mannschaften so 
häufig sich finden, bei Offizieren viel 
seltener sind, dabei hier nur bei nervös stark 
Disponierten auftreten und auch da eine viel 
bessere Heilungstendenz zeigen als die 
entsprechenden Erkrankungen bei der Durch¬ 
schnittsmannschaft Die zahlreichen sonstigen 
nervösen Offizierspatienten weisen durchweg 
andere, mehr rein neurasthenisebe Symptome 
auf, wie Übererregbarkeit, besonders des Herz- 
Gefäßsystems, Kopfschmerzen, Schlaflosigkeit, 
Magen-Darmstörungen usw. Die relative Selten¬ 
heit grober hyperkinetischer und akinetischer 
Neurosefc nach Kriegstraumen bei Offizieren 
und ihre viel günstigere Prognose spricht gegen 
körperliche mikroorganische Veränderungen bei 
solchen Störungen und für ihre rein psychogene 
Entstehung. Es entspricht dies ähnlichen Be¬ 
obachtungen in Friedenszeiten bei Sportsleuten, 
beruflichen wie Amateuren, wo ja auch Unfalls¬ 
neurosen recht selten sind. 

A. Laqueur (Berlin). 


Dub (Oberstein), Heilung funktioneller psy¬ 
chogener und motorischer Leiden. D. m. W. 

1917. Nr. 10. 

Mehr als Hypnose, Suggestion und die 
Kaufmannsche Methode hat sich dem Verfasser 
das folgende Verfahren bewährt: Die Patienten 
werden in ein dunkles Zimmer gebracht und 
mit verbundenen Augen auf einem Unter¬ 
suchungstisch festgeschnallt. Hierauf wird 
ihnen gesagt, daß sie beim Erwachen ihr Leiden 
los seien. Es folgt dann ein Ätherrausch, im 
im Schlafe wird der Patient dann abgeschnallt 
und auf den Fußboden gelegt. Sobald er dann 
wach ist, wird ihm nochmals gesagt, daß sein 
Zittern geschwunden sei, oder daß er jetzt 
gehen könne. Ist dann noch keine Heilung 
eingetreten, so wird der Rausch noch 1—2 mal 
wiederholt. In ganz hartnäckigen Fällen, zu 
denen besonders Spasmen und Kontrakturen 
gehören, muß die ganze Sitzung nach 3—10 
Tagen nochmals vorgenommen werden, eventuell 
unterstützt durch eine suggestiv wirkende 
Röntgendurchleuchtung. Am leichtesten läßt 
sich mit dieser Behandlung der Tremor be¬ 
seitigen; hier kommen allerdings auch am 
ehesten Rückfälle vor. Bei Tremor infolge 
von Kriegsneurose erfolgt _ die Entlassung 
zur früheren Zivilbeschäftigung, bei Paralysen, 
Kontrakturen und Spasmen wird der Patient 
nach Heilung in der Regel garnisonverwendungs¬ 
fähig oder kriegsverwendungsfähig geschrieben. 
Die angegebene Methode wurde bislang in 


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192 


Referate über Bücher und Aufsätze. 


88 Fällen erfolgreich durchgeführt, wovon 22, ! l%igen Lösung von Coffein natr.-benzoic. ver- 
untereinander nach außen bin abweichende 1 setzt. Eine nahe dem Herzen oberflächlich 
Krankheitsbilder in vorliegender Arbeit kurz i verlaufende Arterie von geeigneter Größe (am 
angeführt werden. A. Laqueur (Berlin). besten vielleicht eine Schilddrüsenarterie) wird 

rasch freigelegt und in der Richtung nach dem 
F. Ölecker (Hamburg), Okzipltalneuralgien Herzen zu eine Kanüle von 1—2mm Lichtweite 
als Spätfolge von Verletzungen und ihre eingeführt. Die Einspüluug erfolgt am ein- 
Behandlung (Exstirpation des 2, Spinal- fachsten unter demDruck einer Sauerstoffbombe, 
gangllons). D. m. W. 1917. Nr. 11. der durch ein vorgeschaltetes Überdruckventil 

In Fällen von Hinterhauptschußver- au f etwa 100 mm Hg erhalten wird, oder durch 
letzungen, wo sich als Spätfolge hartnäckige Einfließenlasseü der Lösung aus einer Höhe von 
Kopfschmerzen, beruhend auf einer Neuralgie ca# Während der ganzen Zeit muß un- 

des Nervus occipitalis major einstellten, wurde aufhörlich künstliche Atmung angestellt werden, 
mit gutem Erfolg die technisch allerdings nicht am besten durch eine Maske mittels des über¬ 
leichte Exstirpation des 2. zervikalen Ganglion druckverfahrens, bis die spontane Atmung 
ausgeführt. Auch bei sonstiger sehr hart- eine fQ r die Bedürfnisse des Organismus aus- 
näckiger Okzipitalneuralgie hat sich das Ver- reichende Intensität und Frequenz erlangt hat 
fahren zur Dauerheilung sehr gut bewährt j Ruhemann (Berlin-Wilmersdorf). 

A. Laqueur (Berlin). - 

- Eugen Weiß (Tübingen), Die Tonsillektomie- 

Hans Winter st ein (Rostock), Über Wieder- frage und ihre Bedeutung für die Wehr- 

belebung bei Herzstillstand. M. m. W. 1917. fähigkelt. Ztschr. f. klin. Med. 1917. H. 3,4. 

Nr. 5. Zusammenfassende Erörterung der ganzen 

Aus Tierversuchen ergibt sich, daß es in Frage an der Hand der neueren Literatur und 

vielen Fällen gelingt, bei Tieren, die durch einer eigenen Kasuistik von 41 Fällen. Die 

Erfrierung (bei 19 Kaninchen und Meer- Tonsillen und überhaupt der lymphatische 

schweinchen 17 mal), Narkose, Erstickung, Rachenring können Einganspforte sein bei 

Kohlenoxydvergiftung, Gehirnerschütterung „ge- Sepsis, Nephritis, Polyarthritis, Endokarditis, 

tötet“ wurden, durch herzwärts gerichtete intra- Neuritis, Muskelrheumatismus, Skarlatina, Menin- 

arterielle Infusion von adrenalinhaltiger Ringer- gitis cerebrospinalis, vielleicht auch bei Apcn- 

lösung die Herztätigkeit wieder in Gang zu dizitis. Bei diesen Krankheiten werden, vor 

bringen und so eine unter Umständen voll- allem von der Tonsillektomie, weniger von der 

kommene Wiederbelebung des Gesamtorganis- | Tonsillenschlitzung, gute Resultate gesehen 
mus zu erzielen. Diese Ergebnisse lassen das ; besonders bei Zivilpatienten, in geringerem Maß 
Verfahren auch beim Menschen erfolgreich er- j bei Lazarettinsassen, was mit der starken Quote 
scheinen z. B. für plötzlichen Herztod in Nar- von Aggravanten und Neurotikern bei letzteren 

koso, dann aber auch für Unglücksfälle mit Zusammenhängen dürfte. Eine Einwirkung der 

Schocklähmung (Absturz, Verschüttung u. dgl.), Operation auf neurasthenische und neurotische 

schließlich Tod durch Erfrierung. Zustände konnte nicht konstatiert werden. Für 

4 Liter steriler, auf 38° C Ringerlösung | die Frage der Wehrkraft gewinnt die Tonsil- 
(9 g Na CI, ca. 0,4 g Ka CI, ca. 0,25 g wasser- ! lektomie Bedeutung in prophylaktischer wie 
freies Ca C 3 auf 1000 Aqu. dest.), die am besten therapeutischer Beziehung. Der Eingriff soll 

unter reinem Sauerstoff aufbewahrt oder we- möglichst ohne Allgemeinnarkose und nicht 

nigstens gut mit Luft gesättigt wurde, werden ambulant vorgenommen werden. Die Gefahren 

unmittelbar vor dem Gebrauch mit 4 ccm der Operation liegen in der Nachblutung und in 

Höchster Suprareninlösung (1:1000) und zweck- sekundärer Infektionsmöglichkeit, letztere beson- 

rnäßig vielleicht noch mit 20—40 ccm einer ders bei Schlitzung. Roemheld (Hornegg). 

Im Anzeigenteil veröffentlicht das Reichsbank-Direktorium eine Bekanntmachung be¬ 
treffend den Umtausch der Zwischenscheine für die 5 % Schuldverschreibungen und 47* % 
Schatzanweisungen der V. Kriegsanleihe in die endgültigen Stücke mit Zinsscheinen. Ferner 
werden die Inhaber der I., III. und IV. Kriegsanleihe, die die Zwischenscheine immer noch 
nicht in die endgültigen Stücke mit den bereits seit 1. April 1915, 1. Oktober 1916 und 
2. Januar 1917 fällig gewesenen Zinsscheinen umgetauscht haben, in ihrem eigenen Interesse 
aufgefordert, diese Zwischenscheine möglichst bald bei der „Umtauschstelle für die Kriegs¬ 
anleihen“, Berlin W 8, Behrenstraße 22, zum Umtausch einzureichen. 

Berlin, Druck von W. Büxenstein. 


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Original-Arbeiten. 


i. 

Ober die militärische Verwendung verdauungsschwacher 
Heeresangehöriger auf der Grundlage des 
Differenzierungsprinzips. 

Aus dem Kgl. Reservelazarett Hornegg. 

(Chefarzt: Oberstabsarzt d. L. Hofrat Dr. Roemheld.) 

Fachärztlicher Beirat für innere Medizin im XIII. (K. W.) A. C. 

Von 

Ludwig Roemheld. 

Nachdem, insbesondere nach Gaupps 1 ).Festlegung prinzipieller Grundlinien 
zur militärischen Beurteilung der Psychopathen allgemein der Grundsatz anerkannt 
worden war, daß man bestrebt sein müsse, den einzelnen Mann möglichst auf 
einen seiner körperlichen Beschaffenheit und seiner geistigen Fähigkeit entsprechenden 
Posten zu stellen, entstand als Ergänzung der Kategorie der Feld- und Garnison¬ 
verwendungsfähigkeit der Begriff der militärischen Arbeitsverwendungsfähigkeit, 
der natürlich selbst wieder unendlich viele Abstufungen aufweist. Wollte man 
dieses Differenzierungsprinzip, das sich auf anderen Gebieten, z. B. im 
Schulwesen 2 ) und in der Industrie glänzend bewährt hatte, noch weiter ausdehnen, 
um immer mehr Kräfte für den Heeresdienst heranzuziehen, so erschien es nötig, 
daß man nicht nur die dienstliche Tätigkeit, wie es durch Einführung des Begriffs 
der militärischen Arbeitsverwendungsfähigkeit geschehen war, sondern auch die 
äußeren Existenzbedingungen nach Möglichkeit den speziellen Gesundheitsverhältnissen 
des einzelnen anpaßte, wenn anders man militärischen Nutzen auch aus denjenigen 
ziehen wollte, die wegen geringer körperlicher Gebrechen in Friedenszeiten nicht 
eingestellt worden wären. 

Solche Erwägungen leiteten mich*), als ich im Herbst 1915 als erster in 
Deutschland die Frage nach der Dienstbrauchbarkeit und der zweckmäßigsten 
Verwendung chronisch Verdauungskranker und Verdauungsschwacher zur 
Diskussion stellte. Daß diese Frage auch rein militärisch ein größeres Interesse 
beanspruchen darf, leuchtet ein, wenn man sich vergegenwärtigt, wie viele solcher 


*) R. Gaupp, Hysterie und Kriegsdienst. M. M W. 1915. Nr. 11. 

3 ) A. S ick in ge r, Der Differenzierungsgedanke in seiner Anwendung auf die Gonesenden- 
komp&gnie. Leipzig, 1917. 

*) L. Roemheld, Zur militärärztlichen Beurteilung und Behandlung der Magendarmkrank¬ 
heiten im Krieg Vortrag auf dem kriegsärztlichen Abend in Stuttgart am 7. Oktober 1915. — 
Deutsche med. W. 1915. Nr. 47. 

Zeitocbr. I pbysik. u. diät. Therapie Bd. XXI. Heft 7. 1 3 



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Original from 

UNIVERSETY OF MICHIGAN 



194 Ludwig Roemheld 

Verdauungsschwacher, wie ich sie zusammenfassend bezeichnen will, tatsächlich 
Vorkommen. Sehen wir ganz von den gewiß häufigen Dyspepsien psychoneurotischer 
Natur, auf die ich später noch zu sprechen komme, ab, so wird man doch die 
Zahl der hierher gehörigen Leute, welche bei geeigneter Kost in der einen 
oder anderen Weise militärisch verwendbar sind, bei unzweckmäßiger 
Ernährung aber für den militärischen Dienst völlig verloren gehen — 
Strauß 1 ) nannte sie deshalb in einer nach meiner Veröffentlichung erschienenen 
Arbeit bedingte Dyspeptiker —, auf mindestens 2—3°/ 0 unserer männlichen 
dienstpflichtigen Bevölkerung schätzen dürfen. Gewiß wäre es aber sehr zu 
bedauern, wenn nur das Moment einer für diese Leute fehlerhaften Existenz¬ 
bedingung, das heißt in unserem Falle einer unzweckmäßigen Verpflegung 
Ursache der Nichteinstellung oder der Entlassung im übrigen brauchbarer 
Mannschaften würde. 

Sich bei einer kurzen militärärztlichen Untersuchung ein Urteil über 
Verdauungskranke zu bilden, ist immer schwierig, denn meistens sind wir nur 
auf die subjektiven Angaben des Patienten angewiesen. Ein Blick auf Gebiß 
und Zunge, eine kurze Befühlung des Leibes, ein Vergleich der Aussagen des 
Mannes mit seinem Ernährungszustand und unser Urteil muß fertig sein. So 
waren natürlich Irrtümer unvermeidlich: mancher psychogene Dyspeptiker mit 
dick belegter Zunge imponierte als organisch krank, während anderseits ernstere 
Leiden der Verdauungsorgane bei flüchtiger Untersuchung unerkannt blieben. 

Infolgedessen ergab sich bald die Notwendigkeit, daß man, wenn man 
überhaupt die große Zahl der chronischen Dyspeptiker mit Vorteil für die 
Allgemeinheit und ohne Schaden für die Gesundheit des einzelnen zum Kriegsdienst 
heranziehen wollte, zunächst eine gewisse Differenzierung im allgemeinen 
d. h. eine Abtrennung von den übrigen magen-darmgesunden Mannschaften vor¬ 
nehmen mußte. So entstanden die Beobachtungsstationen für Verdauungs¬ 
kranke und die Speziallazarette zur Behandlung derselben. Ungelöst blieb 
aber noch die wichtige Frage der Diätanpassung auch bei der Truppe. 
Ich hatte nach dieser Richtung 1915 3 Vorschläge gemacht; um bei Magen- 
Darmkranken einerseits die Dauer der Lazarettbehandlung abzukürzen und Rück¬ 
fällen beim Truppenteil sowie Rentenansprüchen möglichst vorzubeugen, andererseits 
die Leute aber dabei doch dienstfähig zu erhalten. Es sollten entweder 1. in Garnison¬ 
städten im Anschluß an ein Lazarett Diättische mit Schonungskost für Magen- 
Darmrekonvaleszenten eingerichtet werden, die von den hier charakterisierten 
Leuten Mittags und Abends besucht werden müßten, oder es sollte 2. in den 
Truppenküchen derGenesendenkompagnien der Ersatztruppenteile für die Verdauungs¬ 
rekonvaleszenten besonders gekocht werden. Ein 3. Ausweg erschien die Selbst¬ 
beköstigung gegen Entschädigung zu sein, der mir jedoch damals, da hierbei jede 
Kontrolle fehlt, weniger praktisch vorkam. 

Kurz nach meiner Veröffentlichung erschien aus der österreichisch-ungarischen 
Armee von Zweig 2 ) eine dasselbe Problem behandelnde Arbeit mit ähnlichen Vor- 

') H. Strauß, Krieg und Yerdauungskrankheiten. Zeitschrift für ärztliche Fortbildung 
1916. Nr. 11. 

2 ) \V. Zweig, Die militärärztliche Konstatierung von Magen-Darmkrankheiten. W. kl. \V. 
1915. Nr. 50. 


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Original from 

UMIVERSITY OF MIC 



Über die militärische Verwendung verdauungsschwacher Heeresangehöriger ubw. 195 

Schlägen. Ihr folgten auf deutscher Seite die Mitteilungen von Strauß 1 ) (Berlin) 
und von Heinsheimer 2 ) (Baden-Baden). 

Einrichtung von Beobachtungsstationen für Magen-Darmkranke, 
Gründung von Speziallazaretten und diätetische Fürsorge bei der 
Truppe waren so die natürlichen Folgen, die sich zunächst aus der An¬ 
wendung des Differenzierungsprinzips auf verdauungskranke Heeres¬ 
angehörige ergeben mußten. Weitere Differenzierung konnte dann 
unter Heranziehung der in den Lazaretten und bei der Truppe gemachten 
Erfahrungen hinsichtlich der Verköstigung dazu führen, gewisse Normen 
aufzustellen für die militärische Verwendbarkeit der verschiedenen 
Kategorien der Magen-Darmkranken (vergleiche Tabelle 2), und schließlich 
durfte man hoffen, so zu einer weitgehenden Berücksichtigung des einzelnen 
Mannes, wie bei den Psychopathen, so auch auf dem Gebiet der Verdauungs¬ 
krankheiten zu kommen, so daß er wirklich unter den für ihn günstigsten 
Bedingungen am richtigen Platz dem Vaterland den größtmöglichsten Nutzen 
bringen konnte. 

In Württemberg sind schon frühzeitig 6 Beobachtungsstationen für 
Magen-Darmkranke eingerichtet worden. Den Beobachtungsstationen, die 
medizinisch und technisch, namentlich auch was die Frage der Diätregelung anlangt, 
durchaus als Spezialabteilungen für Magen-Darmkranke zu bewerten sind, sollen 
von den Lazaretten des ganzen Landes und von den Truppenärzten alle diagnostisch 
unklaren sowie auch alle therapeutisch in den ’ allgemeinen Lazaretten nicht zu 
behandelnde Fälle von Magen-Darmkrankheiten zugewiesen werden. Ihre Aufgabe 
besteht darin, unter Anwendung sämtlicher moderner Untersuchungsmethoden 
zu einer klinisch exakten Diagnose des Einzelfalles zu kommen, den 
Befund in einem Krankenblatt, das für die spätere Beurteilung beim Verdauungs¬ 
kranken ebenso wichtig ist wie beim Phthisiker oder beim Verwundeten, nieder¬ 
zulegen, die Frage der Dienstbeschädigung klar zu stellen und sich über die 
weitere Zukunft des Kranken, ob Behandlung nötig ist oder nicht, sowie vor 
allem über den Grad der D'ienstfähigkeit zu äußern. Aufgabe der Truppen¬ 
ärzte ist es dann, darüber zu wachen, daß man sich bei der Truppe namentlich 
bezüglich der Kost, der eventuellen Beschaffung eines Gebisses und der Art der 
Verwendung der Kranken auch wirklich an die Entscheidung der 
Beobachtungsstation hält. 

Die hier angefügten schematischen Beispiele erläutern praktisch am besten 
die Tätigkeit der Beobachtungsstationen (vergleiche bezüglich des Wertes der 
Beobachtungsstationen für innere Krankheiten überhaupt auch die kürzlich er¬ 
schienene Arbeit von Wilmanns. M. m. W. 1917. Nr. 12. Feldärztliche Beilage), 
sie zeigen, wie dem Staat genützt wird, wenn Beobachtungsstation und Truppe 
Zusammenarbeiten (Fall A—D), wie aber andererseits Nichtberücksichtigung der 
Entscheidung der Beobachtungsstation den Staat mit unnötigen Ausgaben be¬ 
lastet (Fall E, F).' 


*) Siehe Anm. 1 auf S. 194. 

a ) Heinsheimer, Zur kriegsärztlichen Beurteilung der Magen- und Darmkranklieiten. 
Med. Klinik 1916. Nr. 19. 

18 * 


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Ludwig Rocmheld 


196 


A. 

Gesund eingestellt, 

Ruhr im Feld 
Feldlazarett 
Kriegslazarett 
Allgem. Heimatlax. 

Beob. f. Magendarmkrankheiten: 
Diagnose: Dickdarmkatarrh nach Ruhr 
Entlassung m. 6 Wochen Schonnngs- 
kost als zunächst g., später k . 

B. 

Frisch eingestellt m. altem Magenleiden 
Beob.-Station: 

Diagnose:* Anazidität 
als g. für Gefang.-Bewachung geeignet 
entlassen. 

C. 

Frisch eingestellt m. altem Magenleiden 
Beob.-Station: 

Diagnose: Achyliem. gastrog. Durchfällen 
als d. u. o. V. entl. 

D. 

Frisch eingestellt ni. allem Magcnhiden 
Allgem. Lazarett 

Beob.-Station: 

Diagnose: Nerv. Dyspepsie 
!:. entlassen. 


E. 

Eingestellt mit altem Magenleiden 

Allgem. Lazarett 

Genesungsheim 

Truppe: Verschlimmerung 

Kommission 

Beob.-Station: 

Diagnose: rezid. Udcus 
Speziallazarett: bei innerer Behandlung 
nicht ausgeheilt, Operation verweigert 
d. u. m. V. entl. 

F. 

Eingestellt mit altem Magenleiden 
Truppe 

Allgem. Lazarett 

Beob.-Station: 

Diagnose: Allgem. Körpersclw., Chrom 
Gastritis 

Zur Truppe entlassen: g. m. Schonungsk. 

statt dessen als k. ins Leid geschickt 
Feldlazarett 
Kriegslazarett 
Allgem, Lax. in Heimat 
Lax. im Koipsbe ; irk 

Beob.-Station: 

Diagnose: Chron. Gastritis m. unstill¬ 
baren Diarrhöen 

Entlassung d. u. m. V. 


Die württembergischen Beobachtungsstationen für Magen-Darm- 
kranke sind sämtlich zugleich als Speziallazarette eingerichtet and 
können somit außer den diagnostischen auch therapeutischen Zwecken dienen. 
Im wesentlichen handelt es sich ja hierbei um die richtige Organisation der Küche 
und um Lösung des Ernährungsproblems, wie es kürzlich erst Strauß 1 ) auf Grund 
seiner Erfahrungen ausgeführt hat. In unseren Speziallazaretten werden im 
allgemeinen nur diejenigen Fälle behandelt, welche einer täglichen spezialistischen 
Aufsicht bedürfen (Ulcuskuren, hartnäckigere Darmkatarrhe usw.). Leichtere Fälle 
werden nach Abschluß der Beobachtung entweder zur Truppe entlassen, häufig 
unter Befürwortung einer besonderen Schonungskost für eine gewisse Zeitdauer, 
oder einem speziellen kleineren in der Nähe gelegenen Vereinslazarett, in welchem 
ein besonderer Diättisch eingerichtet ist, für einige Wochen überwiesen. Diese 
Angliederung je eines mit besonders guter Kost ausgestatteten Ge¬ 
nesungsheimes an jede Beobachtungs^tation hat sich außerordentlich 
bewährt, z. B. bei Ulcus- und Ruhrrekonvaleszenten. Nach Abschluß der Kur im 
Genesungsheim, welches dem Chefarzt des Beobachtungslazarettes ebenfalls unter¬ 
stellt ist, werden dann die Patienten nochmals für einige Tage in die Beobachtungs¬ 
station zurückverlegt, wo die endgültige Entscheidung über sie gefällt wird. 

J ) II. Strauß, Diätprobleine im Lazarettbetrieb. Deutsche med. W. 1917. 


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UNIVERSITY OF MICHI 




Tber die militärische Verwendung verdauungsschwacher Heeresangehöriger usw. 197 


Wir haben bis jetzt in unserem Lazarett 548 Fälle von chronischen 
Verdauungsstörungen aufgenommen. Bei 106 weiteren Patienten, die direkt 
vom Felde kamen, handelte es sich um akute Gastroenteritis. Sie scheiden bei 
unserer Zusammenstellung aus. 

Eine Statistik über chronische Verdauungskranke (Tabelle 1) hat 
natürlich immer nur bedingten Wert' und trägt stets ein subjektives 
Gepräge. Handelt es sich doch sehr häufig um Kombinationen verschiedener 
Krankheitszustände im Magen und Darm. Auch findet man ungemein oft psycho¬ 
gene und funktionelle Störungen aufgepfropft auf organische Veränderungen. 

Unter den Magenaffektionen überwogen bei unseren Soldaten bei weitem 
die Sekretionsstörungen nervöser oder katarrhalischer Natur, weniger häufig waren 
Lageveränderungen und Motilitätsstörungen leichteren Grades. Sie fanden sich 
vorwiegend bei den älteren Jahrgängen. Vergleiche mit den Zahlen von Zweig 
und Heinsheim er zeigen, soweit diese Autoren prozentuale Verhältnisse mit- 
teilen, gute Übereinstimmung mit unseren Angaben. 


Tabelle 1. 




’ Zweig 

Heinsheimer 

Roemheld 

Diagnose 

Anzahl 

1 1611 Fälle 

| 

175 Fälle 

548 Fälle 



% 

% 

% 

1. Speiseröhren-Erkrankung. 

1 


1 

0,18 

Pankreaskarzinom.1] 


1 

1 


2. Leberkarzinom.1 

4 

1 

i 

0,72 

Magenkarzinom. 2) 


i 

i 


3. Ulkus, benigne Stenose. 

37 

6,3 


6,75 

4. Gastritis mit und ohne Darmkatarrh 

84 



15,33 

^ Achylie. 

Anazidität. 

3 i 

57 

25 

30 

10,95 

35,40 

6. Dauernd Sub- und Anazide, ohne 




eigentlichen Katarrh. 

134 




7. Icterus catarrhalis, Cholezystitis, 
Cirrhose, Cholelithiasis .... 

16 

1 


2,91 

8. Typhlitis. 

23 



4,19 

9. Colitis. 

0J 

i 


11,13 

10. Nervöse Dyspeptiker, Psychopathen 
usw. mit wechselnden Säure¬ 


i 



werten . 

54 




11. Nervöse Dyspeptiker, Psychopathen 
usw., mit dauernder Superazidi¬ 


l 



tät, Vagotonie, spastischer Obsti¬ 
pation . 

74 

1 14 

10 

13,5 


548 

i 


! 

Akute Gastro-Enteritis. 

106 

i 




654 


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UNIVERSITY OF MICHIGAN 




























198 


Ludwig Roemheld 


Klinische Einzelheiten können im folgenden nur kurz gestreift werden. 
Besonders verwiesen sei auf die zweite Tabelle, auf welcher sich unsere Erfahrungen, 
über die Dienstbrauchbarkeit der einzelnen Kategorien von Verdauungskranken 
und -schwachen wiedergegeben finden. 


Tabelle 2. Dienstfähigkeit der Verdauungskranken. 


1. Ulkus. 

Rur, dann g. mit Schonungskost, später eventuell k. 
einzelne (Stenose, rezid. Ulkus) d. u. 

2. Gastritis. 

Nicht zu alte Fälle k., ältere g. mit Schonungskost. 

3. An- und Subazidität 

1. mit guter Darmfunktion und 

a) gutem Ernährungszustand: im allgemeinen k. 

b) Beblechtem Ernährungszustand: Genesungsheim, dann g., 
später event. k., einzelne a. 

2. mit gastrogenen Durchfällen: Kur, einzelne g. mit Schonungs¬ 
kost, sonst a. oder d. u. 

4. Dünndarmkatarrh . . . 

g. mit Schonungskost, oder a. oder d. u. 

5. Dickdarmkatarrh . . . 

1. Nervöse anhämorrhag. Form: k. 

2. Postdysenter Form: Kur, dann g. mit Schonungskost oder a. 

6. Obstipation. 

1. Atonisehe Form: k. 

2. Spastische Form: Falls nervöses Grundleiden, erlaubt k., sonst g. 

7. Nervöse Dyspepsie . . 

Neurolog.-psychiatr. beurteilen, sonst k. 

Ausnahmen: Dauerndes Erbrechen, Magensaftfluß. 


UIcn8 wurde ebenso wie von Zweig und Heinsheimer von uns nur auf 
Grund manifester oder wiederholt nachgewiesener okkulter Blutungen im Magen¬ 
inhalt diagnostiziert. So erklärt sich der relativ kleine Prozentsatz. Therapeutisch 
haben wir aber bei manchen Fällen von bloßem Ulcusverdacht, bei Vagotonie 
mit Superazidität, die ja nach Bergmanns Theorie sehr oft der Vorläufer des 
Ulcus ist, richtige Geschwürskuren, meist nach dem bewährten Leube'schen 
Schema, oder mit der recht zweckmäßigen Modifikation von Lüthje durchgeführt, 
oft auch zu differenzialdiagnostischer Unterscheidung von funktioneller Erkrankung: 
Der rein nervöse Dyspeptiker wird durch eine Ulcuskur nicht gebessert. Daß 
Ulcus speziell in Süddeutschland häufig mit An- und Subazidität einhergeht, eine 
Tatsache, die schon früher von Friedrich Müller betont worden ist, konnten 
wir nur bestätigen. 

Ulcusrekonvaleszenten können im allgemeinen als „g“ mit 
Schonungskost entlassen oder auch für längere Zeit in die Heimat 
beurlaubt werden, viele von ihnen w'erden später wieder „k“, einzelne 
indessen, Fälle von rezidivierendem Geschwür oder von gutartiger 
Pförtnerverengerung, welche die Operation ablehnen, werden am 
besten als d. u. entlassen. 

Chronische Gastritis mit oder ohne Darinkatarrh fanden wir in 15,5 % 
unserer Fälle. Für die bekanntlich nicht immer leichte Diagnose war uns besonders 
wichtig die innige Vermischung der Ingesta mit Schleim. Meistens handelte es 
sich um Leute aus der Landbevölkerung und um ältere Jahrgänge. Mangelnde 


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UMIVERSITY OF MICHIG/ 














Ober die militärische Verwendung verdannngsscbwacher Heeresangehöriger nsw. 199 


Zahnpflege, lang fortgesetzte einseitige Ernährung, Alkohol- und Tabakmißbrauch 
waren die wichtigsten Ursachen. Viele der Leute waren im Feld gewesen und 
hatten es bei der Feldkost länger oder kürzer draußen ausgehalten. Mit 
Schonungskost fühlten sich die Patienten meistens relativ wohl, 
gewöhnliche Kost machte ihnen große Beschwerden. Kombination mit 
Darmkatarrhen und mit nervösen Störungen war häufig. Es überwog im ganzen 
die Gastritis subacida. 

Fälle von nicht zu alter Gastritis entließen wir als „k“ möglichst 
nach Herrichtung des Gebisses. Ältere Gastritiden wurden als „g“ 
mit Schonungskost zum Truppenteil geschickt. 

Acbylie, Anazidität and dauernd snb- bis anazide Zastände ohne direkte 
katarrhalische Erscheinungen beobachteten wir in 35% unserer Fälle, dauernde 
Anazidität nur bei 10,95 %. Zweig fand 1 / 4 , Heinsheimer Vs seiner Patienten 
anazid. Da wir indessen stets 3—4 Magensaftuntersuchungen Vornahmen und 
zwar nach Probefrühstück und Probemahlzeit, haben wir häufig bei einem Kranken, 
der zunächst anazid schien, später geringe Mengen freier Salzsäure konstatieren 
können, so daß wir nicht von völliger Anazidität sprechen dürfen. Wir wissen ja 

seit Pawlows grundlegenden tierexperimentellen Untersuchungen-ich darf hier 

vielleicht auch meine 1 ) Untersuchungen über die Wirkung der Zitronensäure auf 

die Magensaftsekretion und Curschmanns Appetitmahlzeit anführen-wie sehr 

die Säurebildung im Magen von äußeren chemischen und auch psychischen Reizen 
abhängt. An- und Subazidität, die teils als Residuen überstandener Gastritis 
(Kund-Faber 2 ), G. Lange usw.), teils als Stigma einer gewissen Minderwertigkeit 
gedeutet werden dürfen, findet sich ja bei den verschiedensten Zuständen, bei 
Psychopathen, Asthenikern, Phthisikern, Thyreotoxikose, Gicht usw. Militärärztlich 
muß man daran festhalten, daß unkomplizierter Säuremangel im Magen 
jedenfalls keine Indikation für Lazarettbehandlung abgeben darf. Ver¬ 
hehlen wollen wir uns aber doch nicht, daß der Verdauungsapparat dieser Leute, 
mag der Säuremangel nun organisch oder funktionell bedingt sein, sich immer in 
einem gewissen labilen Gleichgewicht befindet, so daß sie infolge der meist 
vorhandenen Hypermotilität des Organs mehr zu Darminfektionen (Cholera: siehe 
Zweig, Ruhr: siehe Strauß) und sekundären gastrogenen Darmkatarrhen neigen 
als solche, bei denen der Magen tatsächlich der große Desinfektor ist. 

Hierhergehörige Leute mit guter Darmfunktion und gutem Ernäh¬ 
rungszustand bezeichneten wir, falls nicht die Grundkrankheit dagegen 
sprach unbedenklich als „k“. War der Ernährungszustand schlecht, 
so suchten wir sie bei nicht zu strenger Kost zunächst einmal in dem 
unserem Lazarett angegliederten Genesungsheim herauszufüttern und 
entschieden dann über ihre Dienstfähigkeit. Patienten mit gastrogenen 
Durchfällen und Dünndarmkatarrh werden höchstens „g“ mit Schonungs¬ 
kost. Am besten werden sie als Facharbeiter beschäftigt oder vor¬ 
übergehend als d. u. nach Hause geschickt. Einzelne Offiziere höherer 
Chargen, die sich auch im Feld diätetisch halten konnten, entließen 

*) L. Roemheld, Behandlung subazider Zustände mit mechanisch reizender Kost und 
mit Citronensäure. Therap. d. Gegenwart 1910. H. 6. 

*) Ztschr. f. klin. Med. 1916. Nr. 66. 


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Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 




200 


Ludwig Iioemheld 

wir trotz der Neigung zu gastrogenen Diarrhoen, auf ihren Wunsch 
und auf ihr Risiko als ,.k“. 

Erkrankungen der Leber und der Gallenwege spielen, wenn man von der 
Weil sehen Krankheit und der Cholecystitis, die sicherlich häufig mit nicht mani- 
festgewordener Typhusinfektion in Zusammenhang steht, absieht, militärärztlich 
keine große Rolle. Sie werden in unserem Korpsbereich vor allem in dem 
Speziallazarett in Mergentheim behandelt. 

Schonungskost ist bei allen derartigen Patienten längere Zeit 
angezeigt. 

Den Narbenbeschwerden blinddarmoperierter Soldaten soll man im 
allgemeinen skeptisch gegenüberstehen; das Gros derselben ist sicherlich „k“. 
Auch solche, die in der Hoffnung, dadurch zu Hause bleiben zu können, eine vom 
Arzt für notwendig erachtete Operation verweigern, sollte man an die Front schicken, 
da sie mit der Ablehnung des chirurgischen Eingriffs stillschweigend das Risiko 
auf sich nehmen, eventuell im Felde lebensgefährlich zu erkranken. 

Dfinndarmkatarrhe und G'ärungsdyspepsie spielten bei unserem Material, 
wenn man von gastrogenen Durchfällen der An- und Subaciden absieht, keine 
große Rolle hinsichtlich der Zahl der Fälle. Zieht man dagegen die Hartnäckigkeit 
und die zur Behandlung nötige lange Zeitdauer in Betracht, so darf ihre militär¬ 
ärztliche Bedeutung doch nicht unterschätzt werden. 

Auffallend groß war demgegenüber die Zahl unserer Colitisfalle (11 Proz». 
Sie sind sicher ganz verschieden zu bewerten, ätiologisch, klinisch und.damit auch 
railitärärztlich und prognostisch. Eine große Anzahl muß den nervösen Verdauungs¬ 
krankheiten zugerechnet werden (nervöse anhämorrhagische Formen). Vagotouie 
und spastische Obstipation spielt hier sehr oft eine Rolle. Die Fälle konnten 
meistens als „k“ bezeichnet werden. Ernster und hartnäckiger sind die sehr 
zahlreichen postdysenterischen Formen, bei denen Durchfall mit Vei-stopfung 
wechselt, und bei denen man regelmäßig Blut im Stuhl findet. Hier kommen, wie 
die nie zu unterlassende rektoskopische Untersuchung ergibt, alle Übergänge von 
den leichtesten Formen bis zu den schwersten ulceiösen Prozessen vor, auch ohne 
daß noch Ruhrbazillen nachzuweisen wären. Bald stehen schmerzhafte Kolikanfälle 
im Vordergrund, bald immer wiederkehrende Temperatursteigerungen, die besonders 
auch nach geringster Abweichung von strenger Diät, vor allem nach Fleischgenuß 
auftreten. Kombination mit Gastritis, An- und Subazidität ist ungemein häufig. 

Die postdysenterischen Formen von Colitis bedürfen größtenteils 
einer langdauernden diätetischen Spezialbehandlung und sollten später 
auch beim Truppenteil, will anders man schwere Rückfälle vermeiden, 
noch monatelang Schonungskost, insbesondere fein zerkleinertes 
Fleisch, erhalten. 

Über die nervöse Dyspepsie bei unseren Soldaten kann ich mich kurz 
fassen: mit Dreyfus 1 ) bezeichnen wir ja heute als nervöse Dyspepsie einen 
Symptomenkomplex, bei welchen die meist sehr veränderlichen psychischen Symptome 
das Primäre sind, während der Magen, in welchem die Mißempfindungen zum 
Ausdruck kommen, gesund ist. Nervöse Dyspeptiker sind demnach in der Regel 


’) G. Dreyfus, I ber nervöse Dyspepsie. Jena l'JOS. 


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Original ffom 
UNIVERSETY OF Ml. 





Über die militärische Verwendung verdauungsscbwacher LIeeresangehöriger usw. 201 

Psychopathen, Cyklothyme, konstitutionelle Neurastheniker oder Hysteriker. Die 
Diagnose muß einmal durch Ausschließung organischer Magen- oder auch anderer 
Krankheiten (Cave: Hirntumor bei angeblich hysterischem Erbrechen!) sodann 
durch Psychoanalyse gestellt werden, indem man dem primär abnorm veränderten 
Bewußtseinsinhalt des Patienten nachgeht. Statistische Angaben über die Häufigkeit 
der nervösen Dyspepsie werden immer eine sehr subjektiv gefärbte persönliche 
Note tragen. Der Internist wird geneigt sein mehr organische, der Psychiater 
mehr psychisch nervöse Dyspepsien zu diagnostizieren. Rechne ich nur die beiden 
letzten Rubriken unserer Tabelle hierher, so hätten wir 23,35°/ 0 nervöse Dyspeptiker 
bei unserem Krankenmaterial anzunehmen. Das erscheint mir im Hinblick auf 
den nervösen Einschlag mancher Fälle von Colitis oder Säuremangel im Magen, 
für welche ich keine Zahl angeben kann, etwas wenig, so daß ich glaube, die Zahl 
der psychoneurotischen Dyspeptiker unter meinen Kranken immerhin auf 33% 
angeben zu dürfen. Eine zu große Bewertung der Magensymptome nervöser 
Dyspeptiker muß unter allen Umständen vermieden werden. Das Gleiche gilt 
von längerem Lazarettaufenthalt, der auch schon allein wegen der Gefahr psychischer 
Infektion zu vermeiden ist. Auch mit der Verordnung , einer besonderen Diät sei 
man zurückhaltend. Man erlebt es jetzt doch recht häufig, daß solche Kranke 
unter dem Eindruck unsarer großen Zeit im Feld ihre Beschwerden gänzlich 
verlieren und statt ihrer Jahre lang genommenen Angstdiät die gewöhnliche Kost 
anstandslos vertragen lernen. Die Frage der Diensttauglichkeit der 
nervösen Dyspeptiker ist in erster Linie vom neurologisch-psychi¬ 
atrischen Gesichtspunkt zu entscheiden. Vom Standpunkt des 
Internisten und Magenspezialisten sind diese Leute im allgemeinen 
„k“. Ausnehmen möchte ich nur die Fälle von Gastrosuccorrhoe und 
von dauerndem hysterischem Erbrechen mit starkem Rückgang der 
Ernährung. 

Wir sahen, wie infolge der notwendig gewordenen Differenzierung im 
Lazarettwesen Beobachtungsstationen für Magen-Darmkranke und Speziallazarette 
entstanden sind, und was sie zu leisten haben für Feststellung und Erlangung 
der Dienstbrauchbarkeit sowohl ganzer Kategorien Verdauungsschwacher als 
auch einzelner. Die Differenzierung der Verpflegung ist in unseren Spezial¬ 
lazaretten, das dürfen wir dankbar anerkennen, trotz aller jetzt herrschenden Schwierig¬ 
keiten der Ernährung gut durchgeführt. Wie steht es aber mit der Verpflegung dienst¬ 
fähiger Dyspeptiker, d. h. mit dem eingangs erwähnten Prinzip der Diätanpassung 
bei der Truppe? Schon aus der Tatsache, daß alle Autoren, die sich mit dieser 
Frage beschäftigt haben, mehr oder weniger gleichlautende Vorschläge gemacht 
haben, welche sich mit den von mir zuerst 1915 veröffentlichten Grundsätzen 
decken, leuchtet die Wichtigkeit des hier aufgeworfenen Problems ein. 

Maßgebend für die Verpflegung des einzelnen Verdauungs¬ 
schwachen sollte nach meiner Ansicht das Urteil der Beobachtungs¬ 
station sein: Wer die gewöhnliche Kost vertragen kann, muß sie 
essen, mag er daran gewöhnt sein oder nicht. Wir werden das sicherlich durch 
Kräftigung des Willens und Hebung der Energie bei manchem verwöhnten und 
verzärtelten Dyspeptiker erreichen können. Nichts soll uns ferner liegen, als 
unangebrachte Milde und Nachgiebigkeit in diesem Punkt. 


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Original fro-m 

UNIVERSSTY OF MICH1GA 




202 


Ludwig Roemheld 


Wer dagegen nach Ansicht der Beobachtungsstation zur Kategorie 
der wirklich Verdauungsschwachen (Ulcus-Ruhrrekonvaleszenten, Leute mit 
chronischen Magen-Darmkatarrhen usw.) gehört und die gewöhnliche Soldatenkost 
ohne Nachteil für seine Gesundheit, sei es dauernd oder vorübergehend, nicht 
verträgt, trotzdem aber in der einen oder anderen Weise zum militärischen Dienst 
herangezogen werden soll, den er seinem übrigen Kräftezustand nach gut versehen 
könnte, der sollte auch bei der Truppe eine rationelle Verpflegung 
finden. In die Lazarette gehören diese Leute nicht, bei den Ersatz¬ 
truppenteilen wurden sie aber seither meistens in kurzer Zeit infolge unzweckmäßiger 
Kost rückfällig, erneut Lazarettinsassen und schließlich Rentenempfänger. 

Von meinen eingangs erwähnten 3 Vorschlägen aus dem Jahre 1915 ist, 
wie Nachfragen ergeben haben, in unserem Korpsbereich der erste und dritte, 
dank der Bereitwilligkeit des Sanitätsamtes in allen größeren Garnisonen zur 
Durchführung gelangt. Auch hierbei hat sich eine weitere Differenzierung 
als möglich erwiesen: Wer auf eine individuelle Kost angewiesen ist, 
erhält am besten die Erlaubnis zur Selbstbeköstigung. Bei Facharbeitern, 
aber auch bei Garnisonverwendungsfähigen in der Heimat sowohl wie in der 
Etappe hat sich dieser Modus, obwohl hinreichende Kontrolle fehlt, durchaus 
bewährt. So wurde mir erst kürzlich aus einer größeren Garnisonstadt mitgeteilt, 
daß seit Auszahlung des Beköstigungsgeldes an verdauungsschwache Soldaten die Zahl 
der Krankmeldungen wegen Magen-Darmstörungen wesentlich zurückgegangen sei. 

Diättische mit sogenannter Schonungskost im Anschluß an ein 
Lazarett sind in unserem Land beispielsweise in Ulm und Heilbronn eingerichtet 
worden und werden von verdauungsschwachen Soldaten mittags und abends stark 
besucht: die Erfahrungen sind durchweg gute. Natürlich ist die Kost an diesen 
Diättischen schon weniger individuell, sondern bis zu einem gewissen Grad 
schematisch. Nach meinen Erfahrungen braucht aber Schonungskost für die hier 
in Betracht kommenden Leute auch gar keine zu strenge Kost sein. Wichtig ist 
nur, daß alles, was schwer vom Magensaft durchtränkt wird, also besonders harte, 
ferner mechanisch und chemisch reizende, ferner blähende Speisen, wie sie die 
gewöhnliche Kasernenkost nicht vermeiden kann, in Wegfall kommt. Das Fleisch 
sei zerkleinert, die übrigen Speisen seien so zubereitet, daß sie leicht mit der 
Gabel zerdrückt werden können. Frisches Brot werde vermieden. Auf weitere 
Feinheiten der Diät kommt es im übrigen dabei weniger an, als darauf, daß die 
Leute in den Beobachtungsstationen gelernt haben, langsam zu essen und gut zu 
kauen, kalte Getränke und Ausdehnung des Magens durch zu voluminöse Mahlzeiten 
zu vermeiden. 

Mein zweiter Vorschlag, in den. Truppenküchen der Genesenden¬ 
kompagnien für die Magen-Darmrekonvaleszenten der Kompagnien be¬ 
sonders zu kochen, scheint am wenigsten Anklang gefunden zu haben, weil er 
technisch und rechnerisch auf große Schwierigkeiten stößt, da tatsächlich eine 
doppelte Küche geführt werden muß. 

Wäre es dagegen möglich, alle bedingten Dyspeptiker aus 
einem ganzen Korpsbereich (oder auch aus dem Bereich mehrerer Armee¬ 
korps) zusammenzuziehen, sie zu besonderen Truppenkörpern zu ver¬ 
einigen, wie es z. B. die Österreicher mit Trachomkranken getan haben, so 


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über die militärische Verwendung verdauungsschwacher Heeresangehöriger nsw. 203 

würde eine einheitliche Verpflegung mit Schonungskost viel leichter 
durchzufnhren sein. So würde in jedem Korpsbereich eine Genesenden¬ 
kompagnie von Magen-Darmrekonvaleszenten entstehen, die für manche 
aus den Beobachtungsstationen Entlassene nur ein Durchgangsstadium darstellen 
würde. Sehr vorteilhaft wäre es, wenn aufch die Offiziere, speziell der Verpflegungs¬ 
offizier, aus der Zahl der Verdauungskranken genommen würden, damit sie ein 
besseres Verständnis für die Gesundheitsbedürfnisse ihrer Leute hätten, und wenn 
der Truppenarzt, der Küche und Leute genau zu überwachen hätte, in der 
Magen-Darmpathologie besonders bewandert wäre. 

Ich stelle mir vor, daß solche ausschließlich oder größtenteils 
aus bedingten Dyspeptikern bestehende Truppenteile nicht nur in der 
Heimat, sondern auch in größeren Etappenplätzen, bei Gefangenen-, 
Küsten-und Grenzbewachung und selbst als Arbeiterkompagnien hinter 
der Front verwandt werden könnten. Hörte ich doch wiederholt von Offizieren, 
daß man vorübergehend bei stärkerem Auftreten akuter Magen-Darmstörungen im 
Felde sogar an der Front für einzelne Truppenteile wochenlang besondere Magen¬ 
kost gekocht habe. 

Wenn dieses Differenzierungsprinzip, das in seiner Anwendung auf 
verdauungskranke und -schwache Heeresangehörige im württembergischen Korps¬ 
bereich und in einigen anderen Korpsbezirken schon weitgehende Berücksichtigung 
im Lazarett und bei der Truppe gefunden und sich offenbar gut bewährt hat, 
weitere Verbreitung fände und dazu führen würde, daß die Diät¬ 
anpassung auch bei der Truppe in der einen oder anderen vor¬ 
geschlagenen Weise noch mehr als seither ermöglicht würde, so 
könnte man viele Tausende, die sonst für den Kriegsdienst unweigerlich 
verloren gehen, dem Vaterland in irgendeiner Form militärisch brauchbar 
erhalten, das kostbare Gut der nationalen Gesundheit damit fördern und dem 
Staat ungeheure Ausgaben für Lazarettaufentbalt und Rentenauszahlung sparen, 
wahrlich ein Ziel, das zumal in heutiger Zeit, wo kein Mann dem Heeresdienst 
verloren gehen soll, die anfängliche Unbequemlichkeit und Mühe der Einrichtung 
reichlich aufwiegen dürfte, 


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204 


Tliedering 


II. 

Quarzsonne als Antipyretikum. - 

Untersuchungen über die Beeinflussung normaler und fieberhafter Temperatur 

durch Quarzlichtbäder. 

Von 

Dr. Thedering 

in Oldenburg. 

Einer meiner Kranken, welcher wegen eines chronischen Gelenkrheumatismus 
und veralteter rechtsseitiger Spitzen- und Brustfelltuberkulose mit Quarzsonne 
behandelt wurde, machte die interessante Feststellung, daß durch ein in der Fieber¬ 
stunde am Abend genommenes Lichtbad seine Temperatur von 40° C auf 39° C 
sank. Da wiederholte Nachprüfung bei ihm und anderen mit Quarzlichtbädern 
Behandelten immer einen Rückgang der^ Temperatur ergab, so mußte zunächst 
ermittelt werden, ob dieser Temperaturabfall nach dem Lichtbad nicht eine Folge 
der Abkühlung ist, da doch der Körper 7 +— 1 /. 2 Stunde lang nackt der Luft des 
Besonnungsraumes ausgesetzt ist. Wir maßen daher bei mehreren Personen die 
Temperatur vor und nach einem einfachen Luftbad. 




Nr. 

Datum 

Temperatur 
vor nach 

dem Luftbad 

Dauer 

des 

Luftbades 

Differenz 

1. 

Kind, 

6 Jahre . . 

12. 1. 17 

36,3 

36,3 

Vs Stunde 

± 0 

2. 

Kind, 

4 Jahre . . 

12. 1. 17 

36,4 

36,3 

V 

-0,1 

3. 

Kind, 

3 Jahre . . 

12. 1. 17 

36,1 

36,5 

T) 

+ 0,4 

4. 

Kind, 

10 Jahre . . 

10. 1. 17 

36,4 

36,9 

v 4 Stunde 

+ 0,5 

5. 

Mann, 

30 Jahre . . 

13. 1. 17 

36,6 

i 36,6 

20 Minuten 

+ 0 

6. 

Mann, 

20 Jahre. . 

13. 1. 17 

36,7 

i 36,75 

1 

r 

+ 0.05 


Aus diesen Versuchen darf man wohl den Schluß ziehen, daß ein ein¬ 
faches Luftbad in warmer Zimmertemperatur (20—23° C) einen merklichen ab¬ 
kühlenden Einfluß auf die Körperwärme nicht ausübt. Eher gewinnt man den 
Eindruck, daß der Organismus die mit dem Luftbad verbundene Wärme¬ 
abgabe zunächst durch eine gesteigerte Wärmeproduktion aaszugleichen sucht 
(Versuch 3, 4, ß). 


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Original from 

UNIVERSITY OF MICHIGAN"“““ - 







205 


Quarzsonnc als Antipyretikum. 


Wie reagierte die normale Temperatur auf Quarzlichtbäder? 


Nr. 

Datum 

Quarzlicht 

blau weiß 

Temperatur 
vor | nach 
dem Lichtbad 

Dauer 

des 

Lichtbades 

Differenz 

1. Knabe, 3 Jahre 

10. 1. 17 

1 | 

36,5 

36,4 

7a Stunde 

-0,1 


12. 1. 17 

i i 

36,5 

36,3 

Stunde 

— 0,2 

2. Mädchen, 4 J. 

10. 1. 17 

i i 

36,6 

36,3 

7a Stunde 

— 0,3 


12. 1. 17 

i i 

36,3 

36,25 

7 4 Stunde 

— 0,05 

3. Mädchen, 6 J. 

10. 1. 17 

i i 

36,4 

36,1 

7a Stunde 

-0,3 


12. 1. 17 

1 

36,3 

36,1 

7 4 Stunde 

-0,2 

4. Mädchen, 10 J. 

10. 1. 17 

1 

36,9 

36,S 

7 4 Stunde 

— 0,6 

5. Mann, 30 Jahre 

10. 1. 17 

, i 

36,3 

36,1 

7a Stunde 

— 0,2 


13. 1. 17 

1 

36,6 

36,5 

V 

-0,1 


15. 1. 17 

1 

36,4 

36,3 

n 

-0,1 

6. Mann, 25 Jahre 

10. 1. 17 

1 

36,8 

36,2 

7a Stunde 

— 0,6 

_ 

15. 1. 17 

1 

36,7 

36,3 

r> 

-0,4 

7. Mann, 23 Jahre 

12. 1. 17 

1 

36,00 

35,7 

7a Stunde 

-0,3 


13. 1. 17 

1 1 

36,75 

36,4 

„ 

— 0,35 


15. 1. 17 

1 

36,2 

36,2 


±0 

8. Mann. 30 Jahre 

1Ö. 1. 17 

1 

36,4 

36,0 

7a Stunde 

-0,4 


12. 1. 17 

1 

36,6 

36,2 

n 

-0,4 


15. 1. 17 

1 

36,4 

36,1 

V 

' —0,3 

9. Mann, 30 Jahre 

12. 1. 17 

1 

36,3 

36,00 

7a Stunde 

-0,3 


15. 1. 17 

1 

37,2 

36,00 

r> 

-1,2 

10. Mann .... 

11. 1. 17 

1 

36,00 

36,00 

7a Stunde 

+ 0 


13. 1. 17 

1 1 

36,00 

36,00 

r> 

+ 0 


Ergebnis: Die normale, nicht fieberhafte Temperatur wird durch 
ein Quarzlichtbad von ^ständiger Dauer im Mittel um 0,3° C herab¬ 
gesetzt. Der Temperaturabfall ist im allgemeinen um so größer, je höher der 
Temperaturstand vor dem Lichtbad. Subnormale Werte (36,00) werden durch¬ 
weg nicht herabgesetzt. Das durch Uviolfilm filtrierte Blaulicht der Quarz¬ 
sonne wirkt in gleicher Weise erniedrigend auf die Temperatur wie Quarz¬ 
weißlicht. Deutlich tritt dieser Einfluß jedoch erst bei Lichtbädern von V 2 Stunde 
Dauer hervor. 


Wirkung des Quarzlichtes auf fieberhaft gesteigerte Temperaturen. 

Fall 1: Fieberhafte Kehlkopftnberkulose. 


Nr. 

Datum 


Temperatur 
vor | nach 

Dauer 

des 

Differenz 




der Bestrahlung 

Lichtbades 


1* jung. Mann, 22 J. 

10. 1. 17 

! i 

39,1 

38,5 

7a Stunde 

-0,6 


12. 1. 17 

1 

38,8 

38,5 

* 

- 0,3 


Digitized by 


Gck igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 





















206 


Thedering 


Fall 2: Fieberhafter Gelenkrheumatismus + fieberhafter Spitzenkatarrh + Pleuritis. 




Quarzlicht 

Temperatur 

Dauer 


Nr. 

Datum 

vor | nach 

des 

Differenz 



blau | weiß 

der Bestrahlung 

Lichtbades 



Li 

chtbad abend 

ls (5-6 Chr): 



3. 1. 17 


•i 

40,0 

39,0 

1 Stunde 

-1,0 

8. 1. 17 


1 

39,0 

38,4 


- 0,6 

9. 1. 17 


1 

39,0 

38,4 


— 0,6 

10. 1. 17 


1 

39,1 

38,4 


-0,7 

11. 1. 17 


1 

38,9 

38,4 

V 

— 0,5 

12. 1. 17 


1 

39,0 

38,2 

ff 

— 0,7 


Lichtbad morgens: 




5. 1. 17 


1 

38,0 

37,5 

7a Stunde 

— 0,5 

6. 1. 17 


1 

38,0 

37,5 

ff 

— 0,5 

7. 1. 17 


1 

37,8 

37,5 

n 

— 0,3 

8. 1. 17 


1 

37,7 

37,4 

» 

— 0,3 

9. 1. 17 

1 

37,6 

37,4 

n 

-0,2 

10. 1. 17 

1 

37,8 

87,4 

» 

— 04 

11. 1. 17 

1 

37,6 

37,3 

n 

— 0,3 

12. 1. 17 

1 

37,7 

37,3 

ff 

— 0,4 


Temperaturverlauf nach dem Quarzlichtbad. 

Lichtbad. 



Stunden nach dem Lichtbad. 


Nr. 

Datum 

Temperatur 
vor ! nach 
dem Lichtbad 

Dauer 

des 

Lichtbades 

Differenz 

1. Kind, 10 Jahre . . 

18. 1. 17 

37,7 

37,4 

7a Stunde 

— 0,3 


19. 1. 17 

37,5 

37,3 

ff 

-0,2 


20. 1. 17 

37,8 

37,2 

r 

— 0,6 


22. 1. 17 

37,4 

37,3 

r 

— 0,1 . 

2. Kind, 8 Jahre . . 

18. 1. 17 

37,7 

37,7 

7a Stunde 

4- 0 


19. 1. 17 

37,5 

37,6 

ff 

+ 0,1 


20. 1. 17 

37,0 

37,2 

„ 

+ 0,2 


22. 1. 17 

36,8 

36,8 

ff 

+ 0 

3. Kind, 12 Jahre . . 

18. 1. 17 

37,5 

37,3 

7 a Stunde 

— 0.2 


19. 1. 17 

37,8 

37,6 

» 

— 0,2 


20. 1. 17 

37,6 

37,5 

r 

— 0,1 


22. 1. 17 

37,1 

37,1 

ff 

± 0 

4. Kind, 2 Jahre . . 

18. 1. 17 

36,4 

36,4 

7a Stunde 

_T 0 


19. 1. 17 

37,0 

| 36,7 


— 0,3 


20. 1. 17 

36,3 

36,1 

n 

-0,2 


22. 1. 17 

36,6 

36,3 

ff 

— 0.3 


□ igitized by 


■V Google 


Original fro-m 

UNIVERSITY OP MW 

















Quarzsonne als Antipyretikum. 207 


Nr. 

Datum 

Temperatur 
vor nach 

dem Lichtbad 

Dauer 

des 

Lichtbades 

Differenz 

5. 

Kind, 8 Jahre . . 

18. 1. 17 

36,8 

37,2 

7a Stunde 

+ 0,4 



19. 1. 17 

37,1 

36,6 

t? 

— 0,5 



20. 1. 17 

36,6 

37,1 

n 

+ 0,5 



22. 1. 17 

37,2 

37,1 

rt 

-0,1 

6. 

Kind, 14 Jahre . . 

18. 1. 17 

38,1 

; 37,8 

7a Stunde 

-0,3 



19. 1. 17 

37,8 

1 37,7 

n 

-0,1 



20. 1. 17 

37,4 

37,4 

» 

■+ 0 



22. 1. 17 

37,6 

37,5 

77 

-0,1 

7. 

Kind, 9 Jahre . . 

18. 1. 17 

37,7 

37,3 

7 a Stunde 

-0,4 



19. 1. 17 

37,7 

37,3 

r 

-0,4 



20. 1. 17 

37,4 

37,1 

n 

-0,3 



22. 1. 17 

37,1 

1 37,1 

W 

_+ 0 

8. 

Kind, 8 Jahre . . 

18. 1. 17 

37,5 

37,2 

7a Stunde 

-0,3 



19. 1. 17 

37,5 

37,4 

r> 

-0,1 



20. 1. 17 

37,8 

37,2 

n 

— 0,6 



22. 1. 17 

36,6 . 

1- 36,4 

77 

-0,2 

9. 

Kind, 3 Vj Jahre 

18. 1. 17 

36,4 

36,3 

7a Stunde 

-0,1 



19. 1. 17 

36,3 

36,0 

77 

-0,3 



20. 1. 17 

36,1 

36,0 

77 

-0,1 



22. 1. 17 

36,0 

36,0 

T» 

+ 0 

10. 

Kind, 7 Jahre . . 

18. 1. 17 

37,1 

37,0 

7a Stunde 

-0,1 



19. 1. 17 

36,8 

36,8 

7* 

+ 0 



20. 1. 17 

37,0 

37,2 

77 

+ 0,2 



22. 1. 17 

36,2 

! 36,1 

77 

-0,1 

11. 

Kind, 15 Monate . 

18. 1. 17 

36,7 

j 36,4 

7a Stunde 

— 0,3 



19. 1. 17 

36,5 

36,2 

77 

— 0,3 



20. 1. 17 

36,4 

! 36,0 

7» 

-0,4 



22. 1. 17 

38,8 

j 38,1 

77 

-0,7 

12. 

Kind, 15 Monate . 

18. 1. 17 

37,1 

36,7 

7a Stunde 

— 0,4 



19. 1. 17 

37,0 

36,9 

77 

-0,1 



20. 1. 17 

37,1 

37,0 

77 

-0,1 



22. 1. 17 

36,9 

36,4 

77 

— 0,5 


Gesamtergebnis: 

1. Aus vorstehenden Versuchen erhellt einwandfrei, daß durch Quarzlichtbäder 
die normale wie fieberhafte Temperatur herabgesetzt wird. Jedoch bewirken erst 
länger ausgedehnte Lichtbäder, mindestens etwa VoStündige, diese Erniedrigung der 
Körperwärme. Sonnenbäder von J /* Stunde Dauer rufen nur ausnahmsweise diesen 
Einfluß hervor. Jedoch wirkt, wie Versuche ergeben haben, auch bereits Teil- 
bestrahlnng, etwa nur einer Körperfläche, temperaturherabsetzend. Das Quarz¬ 
licht bewirkt sowohl in unfiltrierter wie durch Uviolfilm bei 280 pp be¬ 
schnittener Form wärmereduzierend. Der Belichtungsabstand ist von Bedeutung, 
indem bei Bestrahlung aus größerer (als 1 m) Entfernung die Temperatur weniger 
beeinflußt wird. 


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Go igle 


Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 











208 


Thedering, Quarzsonne als Antipyretikum 


2. Der Betrag, um welchen die Temperatur durch Quarzlicht herabgesetzt 
wird, steht im geraden Verhältnis zur Höhe der Temperatur vor dem Lichtbad. 
Je höher der primäre Temperaturstand, desto stärker die Wärmereduktion. Im 
Hochfieberzustande ist daher die absolute Größe des Temperaturabfalls am be¬ 
deutendsten. 

3. Diese Erniedrigung der Körperwärme ist, wie die geschilderten Versuche 
ergeben, keine Folge des einfachen Wärmeverlustes im Luftbad. Sie kann auch 
nicht auf Änderungen im Stoffwechsel beruhen, da feststeht, daß Quarzlicht die 
Verbrennungsvorgänge im Körper steigert, so daß man eher das Gegenteil erwarten 
sollte. Die Erscheinung dürfte Hand in Hand gehen mit der von Bach 
festgestellten Herabsetzung des Blutdrucks und der gleichen Quelle 
entspringen, nämlich der durch Quarzlicht hervorgerufenen Kapillar¬ 
erweiterung der Haut mit entsprechend gesteigertem Wärmeverlust. 

4. Irgendeine schädliche Nebenwirkung (Kollaps) ist bei Behandlung fiebernder 
Kranker mit Quarzsonnenbädern nicht bemerkt worden; im Gegenteil wirkte der 
durch trockene Ausstrahlung erzeugte Temperaturabfall kräftigend, beruhigend, 
wohltuend auf den Kranken ein, namentlich auch auf den Schlaf. 

5. Da aus Tabelle 4 hervorgeht, daß die Temperatur nach dem Lichtbad 
nur langsam, im Verlaufe mehrerer Stunden auf den ursprünglichen Stand zurück¬ 
kehrt und der absolute Betrag der Wärmeherabsetzung keineswegs gering ist 
(1° C und mehr), so ist die praktische Bedeutung dieser Wirkung der Quarz¬ 
sonne durchaus nicht unerheblich. Man hat um so eher allen Grund, die 
Quarzsonne in die Gruppe der Antipyretika einzureihen, als es sich 
augenscheinlich für den Kranken um ein sehr nützliches Fiebermittel 
handelt. Wie nämlich Krüger schon mitgeteilt hat und Verfasser bestätigen 
kann, besteht der Gesamterfolg dieser einzelneu Temperaturreduktionen 
in einem langsamen staffelförmigen Sinken der ganzen Temperatur¬ 
kurve. Naturgemäß werden wir kein Bedenken tragen, das tägliche Quarz¬ 
lichtbad in die Hauptfieberzeit am Abend zu verlegen. 

6. Verfassers Erfahrungen beziehen sich bislang nur auf chronische Fieber¬ 
zustände (Tuberkulose, Rheumatismus). Die Wirkung auf akute Fieberfälle harrt 
noch der Erprobung. 


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Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN^ 



Grunow, Eber d. Einfluß der WildbaderTliernialbadekur auf d.Änderung d. Blutbildes. 209 


III. 

Über den Einflufi der Wildbader Thermalbadekur auf die 

Änderung des Blutbildes. 

Von 

Dr. Grunow, 

Wildbad. 

* (Fortsetzung.) 

Es ist nun interessant und könnte für unsere Annahme sprechen, daß die Lokal¬ 
reaktion in demjenigen Augenblick einsetzt, wo auch der Leukozytensturz zuerst 
bemerkbar wird (cf. Kurve Nr. 5: Reaktion und Leukozytensturz nach 10 Bädern 
und Kurve Nr. 6: Reaktion und Leukozytensttfrz nach 5 Bädern). 

Dies Zusammentreffen von Reaktion und Leukozytensturz könnte nun, wenn 
die vorgetragenen Anschauungen über die Verteilung der Leukozyten richtig 
wären, zq der Vermutung führen, daß nur die Reaktion krankhafter Herde zu 
einer Attraktion der Leukozyten und sekundären Hypoleukozytose des peripheren 
Kapillarblutes führe. In diesem Umfang ist diese Annahme aber nicht richtig, da, 
wie wir ja oben gesehen haben, auch in Fällen, wo keine reaktionsfähigen Herde 
vorliegen, ein Leukozytensturz einsetzen kann. Richtig; ist nur, wie wir an Hand 
der statistischen Zusammenstellung gesehen haben, daß sich als Endausgang der 
Badekur bei den Fällen reaktionsfähiger Lokalherde häufiger eine Hypoleukozytose 
einzustellen pflegt, wie bei den Allgemeinleiden. Ein vermindernder Einfluß 
der reaktiven Lokalherde auf die Zahl der Leukozyten im peripheren Kapillarblut 
ist also wahrscheinlich, in dem ganzen Umfang der eintretenden Abnahme der 
Leukozyten aber durchaus nicht nachweisbar. Man muß daher umgekehrt an¬ 
nehmen, daß entweder die eintretende Hypoleukozytose an' sich oder jedenfalls 
biologische Vorgänge, deren Begleiterscheinung die eingetretende Hypoleukozytose 
ist, günstige Chancen für das Eintreten einer lokalen Reaktion herbeischaffen, 
wobei dann die fortwirkende Bindung von Leukozyten an die Erkrankungsherde 
zu einem weiteren Rückgang der Leukozytenzahlen beitragen mag. Wenn nun 
aber eine Hypoleukozytose auch bei gesunden und Allgemeinleiden eintreten kann, 
so ist zunächst damit doch noch nicht bewiesen, daß diese Verminderung nun durch 
verminderte Produktion der Blutbereitungsstätten verursacht wird; denn man könnte 
sich wohl auch eine Zurückhaltung von Leukozyten in solchen Fällen denken, wo 
lokale Krankheitsherde keine Rolle spielen. Es ist ja wohl möglich, daß durch 
die Eigenart der Leukozyten infolge der Bäder selbständige Bewegungsvorgänge 
ausgelöst werden, und daß durch gewisse Eigenschaften der Bäder auch nicht 
krankhaft veränderte Zellgruppen innerer Organe ähnlich wie pathologische Gewebe 

Zeils. hr. f. pbvsik. n. diiit. Therapie Bd XXI. Heft 7. 14 


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Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



210 


Grunow 


im Sinne chemotaktischer Attraktion der Leukozyten sensibilisiert werden. Der 
Unterschied gegenüber pathologischen Geweben läge dann nur darin, daß die 
Sensibilisierung "krankhafter Herde zumeist als reaktiver Vorgang in die Er¬ 
scheinung tritt. Wenn wir nun im speziellen auf die Frage näher eingehen, ob 
eine Verminderung der leukozytären Produktion aus anderen Gründen anzunehmen 
oder abzuweisen ist, so müssen wir zunächst auf jene Eigenschaft der Thermalbäder 
eingehen, die man als die Ursache der leukozytären Abnahme gemeinhin anzusehen 
pflegt, nämlich die Radioaktivität, von der man annimmt, daß sie neben einer 
Anregung der leukozytären Produktion auch einen zerstörenden und lähmenden 
Einfluß auf dieselbe ausübt. Eine infolge der Radioaktivität der Bäder verursachte 
Hypoleukozytose wird also von vielen als absolute Hypoleukozytose und zwar in 
dem Sinne verminderter Tätigkeit der spezifischen Produktionsstätten angesehen. 
Gehen wir nunmehr auf diese Seite der Frage näher ein. Unsere Thermalbäder 
haben einen Radioaktivitätsgehalt von 8—10 M. E. pro Liter; in einem Einzelbad 
von 500 Litern wären also 4000—5000 M. E. enthalten. Die Radioaktivität wirkt 
in erster Linie als Radium-Emanation; als solche wird sie im Bade teilweise 
von der Lunge durch Atmung, teilweise durch Resorption von der Hautoberfläche 
aufgenommen. Welcher Aufnahmemodus überwiegt, darüber ist völlige Einigkeit 
wohl noch nicht erzielt. Kernen (Kreuznach) weist der Aufnahme durch die Haut 
größere Bedeutung zu, der ich mich auf Grund langjähriger klinisch-baltieologischer 
Erfahrungen sowie zum Teil auch eigener Versuche anschließen möchte. Freilicli 
kann nur ein minimaler Bruchteil der Emanationsmenge seine Aufnahme durcli 
die Haut finden. Der Hauptteil der von der Radium-Emanation ausgehenden 
strahlenden Energiemengen beruht auf der Aussendung von «-Strahlen. Der Anteil 
an durchdringenden ß- und y-Stralilen tritt dahinter zurück; letztere werden erst 
von den Zerfallsprodukten der Radium-Emanation, dem radioaktiven Niederschlag 
ausgesandt; dieselben wirken also sowohl als Zerfallsprodukt der resorbierten 
Radium-Emanation als auch des auf der Haut nach dem Bade zurückbleibenden 
radioaktiven Niederschlages. Nun wissen wir, daß die «-Strahlen in erster Linie 
anregend auf die Knochenmarkstätigkeit wirken und zu einer Vermehrung der 
Leukozyten führen; nach dem Anstieg der Leukozytenzahlen wird aber häufig 
die Zahl der Leukozyten wieder verringert; es findet dabei ein stärkerer Zerfall 
der polynukleären Elemente des weißen Blutbildes statt, wodurch eine relative 
Vermehrung der mononukleären Elemente eintritt; die Leukopenie tritt aber meist 
erst nach Anwendung "höherer Emanationsmengen ein, wie sie in stark gesättigten 
Emanationskammern 1 ) oder durch Einspritzung radioaktiver Salze gegeben sind. 
Stärker zerstörend wirken schon die durchdringenden ß - und y-Strahlen, die eine 
besondere Affinität zu den lymphogenen Blutelementen haben und wie die Röntgen¬ 
strahlen zu einem vorzugsweisen Zerfall der Lymphozyten führen. Wenn wir nun 
bei unserer Bäder-Hypoleukozytose an einen derartigen Zerfall weißer Blutelemente 
durch die Radioaktivität der Bäder denken wollten, so müßten wir vor allem an 
die Wirkung der «-Strahlen denken, da die Prüfung der später zu besprechenden 
Leukozytenformel ein relatives Hervortreten der einkernigen weißen Blutzellen 
erkennen läßt; wenn es sich also um eine Zerstörung oder Lähmung der produktiven 

*) von Noorden und Falta, Klinische Beobachtungen über die physiologische und 
therapeutische Wirkung großer Dosen von Radium-Emanation. Med. Kl. 1911. Nr. 39. 


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Original from 

UNIVERSITY OF MICHIGAN- 



T 


Über den Einfluß der Wildbader Thermalbadekur auf die Änderung des Blutbildes. 211 

Kräfte handelte, dann müßte unter der Voraussetzung dieser Annahme ein stärkeres 
Zugrundegehen der polymorphkernigen Elemente des Blutes infolge der Wirkung 
der a-Strahlen angenommen werden. Es käme also die Wirkung der a-Strahlen 
der Radium-Emanation in größerem Umfange als die der ß - und /-Strahlen der 
radioaktiven Zerfallsprodukte in Betracht. Welche Momente könnten nun für die 
Annahme einer auf diesem Wege entstandenen absoluten Hypoleukozytose sprechen? 
Vor allem außer der nachgewiesenen Radioaktivität der Thermalbäder der Befund 
der anfänglichen Hyperleukozytose und des dann folgenden Leukozytensturzes, 
ferner die Parallelwirkung der Thermalbäder auf klinische Krankheitsbilder im 
Vergleich zu den Einwirkungen radioaktiver Kräfte, die mit diesen gemeinsame 
zweifellose Anregung fermentativer Kräfte, die beiden gemeinsame Ausbildung 
einer lokalen Reaktion, Erfahrungen über Einflüsse der Badekuren in Wildbad 
auf Änderung der Funktion innerer Drüsen (Ovarien, Thyreoidea), inbesondere 
der von mir in einer ausführlichen Monographie 1 ) beschriebene rückbildende Einfluß 
der Thermalwasser-Trinkkur in Wildbad auf Kröpfe und basedowoide Erscheinungen, 
der gewisse Analogien zu den Wirkungen der Röntgenstrahlen aufweist, schließlich 
die im Verlauf der Trinkkur häufig eintretende Hypoleukozytose. Dagegen sprechen 
aber nun wieder eine Reihe anderer Gründe. Zunächst ist die Hypoleukozytose 
der Trinkkur meist in erster Linie eine Hypolymphozytose; die Lymphozyten 
werden also in stärkerem Grade durch die Trinkkur verringert wie die 
polymorphkernigen Elemente; bei innerlichem Gebrauch des Wassers müßte also 
dann mehr eine Wirkung von ß - und /-Strahlen in die Erscheinung treten, als bei 
äußerer Badeanwendung. Auch erscheint der oben hervorgehobene Emanations- 
Gehalt eines Bades, das 4000—5000 M. E. enthält, doch immerhin im Vergleich zu 
den von Noordtn angewandten Emanationsdosen etwas gering für die supponierte 
leukozytenverheerende Eigenschaft des radioaktiven Anteils der Bäder; müssen 
wir doch bedenken, daß bei der Anwendung eines radioaktiven Bades immer 
nur geringe Bruchteile der vorhandenen Emanation durch Lunge und Haut 
aufgenommen werden; dazu kommt noch die Kürze des Bades (15—30 Minuten) 
und der verhältnismäßig schnelle Umschlag der Hyperleukozytose in den Leukozyten¬ 
sturz nach bereits 5—10 Bädern. Aber möglich ist ja, daß die natürlich gebundene 
Emanation unserer Thermalbäder graduell stärker wirkt als künstliche Emanation 
und daß vielleicht auch infolge stärkerer Bindung dieser natürlichen Emanation 
die Messung der Radioaktivitätsgröße bei den üblichen Meßmethoden hinter dem 
wirklichen Werte zurückbleibt. Gegen die Aufnahme sehr hoher Emanationsdosen 
spricht aber bei sonstigem vielseitigem Parallelismus der klinischen Wirkung der 
Thermalbäder mit derjenigen künstlicher radioaktiver Kräfte doch die gelegentliche 
Ausbildung suppurativer Vorgänge im Verlauf der Badekur, auf die ich bereits oben 
hingewiesen habe; höhere Dosen von Radium-Emanation bewirken aber eine 
Verhinderung der Diapedesis weißer Blutkörperchen; dies häufigere Eintreten Von 
Eiterung spricht deswegen gegen die Einwirkung höherer Emanationsdosen. Es 
sind gtber.noch andere Gründe, die teilweise in der Form der Leukozytenkurve, 
teilweise in der Beeinflussung durch andere Momente liegen, welche sich nicht völlig 

') Grunow, Über rUckbildenden Einfluß der Thermalwasser Reaktion in Wildbad auf 
Kröpfe und basedowoide Erscheinungen unter gleichzeitiger Berücksichtigung des Blutbildes, 
Fischers med. Buchhandl. Berlin 1917. 

14 * 


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Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



212 


Grunow 


mit der Annahme einer durch Zerstörung der Leukozyten zustande gekommenen 
Hypoleukozytose vereinigen lassen. Wenn es sich um eine solche handelte, dann 
müßte naturgemäß doch mit der Fortdauer der Bäder und ihrer begleitenden radio¬ 
aktiven Fortwirkung eine Schritt für Schritt zunehmende Verringerung der 
Leukozyten nach dem anfänglichen Leukozytensturz nachweisbar sein. Diese Er¬ 
fahrung habe ich aber nicht gemacht; im Gegenteil, die Zahl der Leukozyten 
nimmt nach dem Leukzoytensturz im weiteren Verlauf der Bäder wieder zu; dieses 
Resultat fand ich unter 12 Fällen, deren Blutbefunde ich schrittweise während 
des Verlaufs der Badekur kontrollieren konnte, zehnmal bestätigt, während 
nur lmal eine weitere Verringerung stattfand, und bei dem zwölften Fall der 
Schlußbefund annähernd die gleiche Höhe aufwies, wie der Befund zur Zeit des 
Leukozytensturzes. Diese erneute Steigerung ist aber nicht etwa durch eine ent¬ 
sprechende Änderung des Blutdrucks bedingt, sondern offenbar im wesentlichen 
unabhängig von demselben. Mit diesem Befunde aber harmoniert die Erfahrung, 
daß andere leukozytenanregende Mittel während der Badekur eine Steigerung der 
Leukozytenzahlen hervorzurufen pflegen. So zeigte ein Fall, bei dem ich in An¬ 
betracht ausgedehnter reaktiver Lokalherde eine Hypoleukozytose am Schluß der 
Thermal-Badekur erwartete, anscheinend infolge einer Kombination der Badekur 
mit Sitzungen in einem Radium-Emanatorium eine Zunahme der Zahl der weißen Blut¬ 
körperchen am Schluß der Badekur. Freilich ist dieser Schluß nicht bindend, da eine 
getrennte Vergleichsuntersuchung ohne Anwendung der Emanationskammer nicht 
stattfand. Aber auch im Verlauf der Kur selbst kann man ähnliche Erfahrungen machen; 
so trat bei Fall Kurve Nr. 4 nach 12 Bädern infolge der Menses ein erneuter 
Leukozytenanstieg auf, während im Falle Kurve Nr. 5 nach 20 Bädern infolge 
einer eingetretenen Suppuration eine über den Anfangsbefund hinausgehende 
Leukozytose einsetzte. Auf die eigenartige Analogie der Leukozytenkurve in 
solchen Fällen, die als Schlußergebnis eine Hyperleukozytose aufweisen, mit der 
Leukozytenkurve derjenigen Fälle, die in Hypoleukozytose ausgehen, habe ich 
bereits hingewiesen (Kurve Nr. 2 und Kurve Nr. 3); in beiden Fällen zeigt sich 
im Verlauf von 8 bzw. 10 Bädern ein Leukozytensturz, der in ersterem Falle 
unter den Anfangsbefund herunterging, im zweiten Falle aber über dem Anfangs¬ 
befund blieb. Dieser Befund ist in mehrfacher Beziehung interessant, er zeigt 
uns einmal eine gewisse Spezifizität der Leukozytenkurve, die für die meisten 
Fälle gültig ist; sie zeigt uns aber auch, daß der Leukozytensturz nicht durch 
eine Lähmung der Rroduktionsstätten der weißen Blutkörperchen hervorgerufen 
sein kann, da der erneute Anstieg ja die Weiterproduktion der Leukozyten an¬ 
zeigt. Der Umstand aber, ob die mit dem Leukozytensturz eintretende Ver¬ 
minderung der Leukozyten unter den Anfangsbefund heruntergeht, oder oberhalb 
desselben bleibt, ist ebenso wie das Schlußergebnis im positiven oder negativen 
Sinne einmal von der Höhe des anfänglichen Hyperleukozytoseanstiegs, in zweiter 
Linie von dem Grade der besonders für die lokalen Heilungsvorgänge in Betracht 
kommenden Zurückhaltung weißer Blutkörperchen abhängig. Ist die anfängliche Hyper¬ 
leukozytose eine hohe, wie im Falle Kurve Nr. 3, so wird sich weder gelegentlich 
des Leukozytensturzes, noch viel weniger später eine Hypoleukozytose ausbilden, 
während bei den Fällen geringen oder gar keinen Anstieges die Hypoleukozytose 
sehr wahrscheinlich wird. Bei dem Leukozytensturz könnte man ja eventuell auch 


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Über den Einfluß der Wildbader Thermalbadekur auf die Änderung des Blutbildes. 213 


an eine Zerstörung nur eines Teils der im Blut zirkulierenden weißen Blutkörperchen, 
weniger an die Lähmung der Blutbildungsstätten bilden; aber das würde höchstens 
einen Leukozytensturz, der über dem Anfangsbefund bleibt, erklären können; 
auch die spätere Steigerung .widerspricht dieser Annahme. Außerdem sind sich 
die Kenner radioaktiver Vorgänge darüber einig, daß in erster Linie, die Blut¬ 
bereitungsstätten selbst der Zerstörungswirkung der radioaktiven Strahlen unter¬ 
liegen. Die nach dem Abschluß der Badekur beobachtete weitere Verminderung 
der Leukozytenzahlen ist ja, wie wir gesehen haben, zum großen Teil von der 
begleitenden Hypotonie abhängig; man gewinnt hier, wie ja bereits erörtert wurde, 
einen Eindruck von der Höhe der Leukozytenzahlen erst zu einem Zeitpunkt, an 
dem die ursprüngliche Blutdruckhöhe wieder erreicht worden ist. Es zeigte sich 
aber auch dann noch im Falle Kurve Nr. 4 ein noch bestehender Hypoleukozytose¬ 
wert gegenüber dem Anfangsbefund. Spricht dies nun für oder gegen eine Zer¬ 
störungshypoleukozytose? Meines Erachtens ist dies der bisher wichtigste Grund, 
der für eine Erschöpfung des Knochenmarks sprechen könnte; die Frage ist nur 
die, ob diese Erschöpfung schon während der Kur vorhanden war, oder ob sie 
erst analog der Erschöpfung des Erythrozytensystems nach der Badekur einzu¬ 
setzen pflegt. Es liegt kein zwingender Grund vor gegen die letztere Annahme; 
nur müssen wir hervorheben, daß die Erschöpfung gegenüber der Produktion weißer 
Blutzellen entschieden längere Zeit anzuhalten pflegt, wie die der Erythrozyten; 
ein Resultat, das auch in der stärkeren Inanspruchnahme des Leukozytenapparats 
durch die Heilungsvorgänge begründet sein kann, aber auch unabhängig davon 
vorhanden sein, und dann im allgemeinen für eine stärkere Erschöpfbarkeit der 
leukozytären Produktionsstätten zu sprechen scheint. Jedenfalls möchte ich mit 
Rücksicht auf diesen Befund eine auch schon während des Verlaufs der Bade¬ 
kur erfolgte Knochenmarkserschöpfung nicht völlig ausschließen. Wir sehen also, 
daß viele Gründe für eine relative Hypoleukozytose sprechen, daß aber die An¬ 
nahme einer teilweisen Zerstörung der Blutelemente innerhalb der Produktions¬ 
stätten auch nicht völlig abzuweisen ist, sofern man nur den Begriff der völligen 
Lähmung der blutbereitenden Stätten fallen läßt und nur mit einer partiellen, 
eventuell durch andere Mittel ausgleichbaren Verminderung des Produktions¬ 
ersatzes rechnet. 

Bei der von mir bereits hervorgehobenen Wichtigkeit, welche wir Badeärzte 
der Körperoberfläche und 'der Funktion des Hautorgans sowohl im allgemeinen bei 
der Wirkung jeglicher Art Bäder, als auch im besonderen bei der Wirkung radio¬ 
aktiver Bäder zuweisen, suchte ich der Frage näher zu treten, in welchem Umfang 
der nach Abschluß des Bades auf der Körperoberfläche zurückbleibende Niederschlag 
des Bades für die Heilerfolge des Bades in Betracht kommt. Anfänglich durch zu¬ 
fällige, aus anderen Gründen angeordnete Abwaschungen nach den einzelnen Thermal¬ 
bädern auf die hierbei zutage tretende geringere und verspätete Reaktionsfähigkeit 
des Organismus, sowie auch offenbar auf schwächere Heilerfolge aufmerksam gemacht, 
nahm ich einige methodische Abwaschversuche vor und fand nun tatsächlich, daß 
in der Regel nach solchen Abwaschungen die Reaktion viel später einsetzte als 
unter normalen Badebedingungen; wurden dann die Abwaschungen fortgelassen, so 
trat bei denjenigen Fällen, die noch nicht oder sehr unbedeutend reagiert hatten, 
in kurzer Zeit eine typische Reaktion auf. Aus dieser Erfahrung heraus unternahm 


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Grunow 


214 


ich nun auch Abwaschversuche bei 2 Personen, um die Einwirkung der normalen 
und veränderten Badeanwendung auf das weiße Blutbild zu studieren. Ich sagte 
mir, daß, wenn die Abwaschung des Badeniederschlages einen dämpfenden und 
verzögernden Einfluß auf die Reaktion auszuüben imstande ist, wahrscheinlich sich 
auch entsprechende parallele Veränderungen des weißen Blutbildes ergeben würden. 
Die Versuche wurden nun derartig angestellt, daß bei jeder Versuchsperson zunächst 
nach jedem Bade noch unmittelbar in der Zelle selbst eine Abwaschung mit reinem 
Wasser von derselben Temperatur wie der des Badewassers vorgenommen wurde; 
nach Ablauf von 10 Bädern in dem einen Falle, von 16 Bädern in dem anderen Falle, 
wurde dann in der Morgenstunde des folgenden Tages, wie üblich, im nüchternem 
Zustande der weiße Blutbefund aufgenommen; außerdem erfolgte bei dem zweiten 
Falle noch eine während des Verlaufs der Badekur vorgenommene häufigere Unter¬ 
suchung in regelmäßigen Abständen von je 4 zu 4 Bädern; nach Abschluß dieser 
mit Abwaschungen verbundenen Badekur wurde einige Monate gewartet und ein 
Zeitpunkt für den Beginn des zweiten normalen Badezyklus gewählt, an welchem 
der Blutbefund die ungefähre Höhe des Anfangsbefundes bei der ersten Badeserie 
erreichte, was in beiden Fällen ohne Schwierigkeiten glückte. Die sonstigen Begleit¬ 
umstände der Badekur wurden natürlich in minutiösester Weise nacbgeahmt. Nach 
Abschluß der Kur sowie bei der zweiten Versuchsperson auch wieder in regel¬ 
mäßigen Abständen von je 4 zu 4 Bädern während des Verlaufs der Badekur, wurde 
bei beiden Versuchspersonen der Blutbefund erneut aufgenommen. Die Resultate 
waren nun folgende: 

1. Versuchsperson. 

Abwaschbäder. Bäder ohne Abwaschung. 

Vor Badekur: Leukozyten 5970 Vor Badekur: Leukozyten 5780 
nach 10 Bädern: „ 6190 nach 10 Bädern: ,, 8630 

2. Versuchsperson. 

Abwaschbäder. Bäder ohne Abwaschung. 

Vor Badeknr: Leukozyten 7060 Vor Badekur: Leukozyten 7020 
nach 4 Bädern: „ 7010 nach 4 Bädern: ,, 7970 

„ 8 „ „ 7310 „ 8 „ „ 4640 .(Reaktion) 

„ 16 „ „ 7501 „ 12 „ „ 6960 

„ 16 „ „ 7295 

Aus diesen beiden Versuchen ergibt sich eine ganz auffallende Differenz der 
Blutergebnisse bei normaler und durch erfolgte Abwaschungen modifizierter Bade¬ 
anwendung. Während bei der ersten Versuchsperson nach 10 Abwaschbädern eine 
kaum nennenswerte Steigerung der Leukozytenzahlen bemerkbar ist, zeigt sich bei 
normaler Versuchsanordnung eine Leukozytenvermehrung von annähernd 3000. Noch 
interessanter ist die Gegenüberstellung der beiden Untersuchungsresultate bei der 
zweiten Versuchsperson. Während sich bei dem Abwaschversuch eine leichte all¬ 
mählich zunehmende Steigerung der Leukozyten bemerkbar macht, zeigt sich bei 
der zweiten normalen Versuchsanordnung bereits nach Ablauf von 4 Bädern eine 
Leukozytenvermehrung, die doppelt so hoch ist, wie die am Schluß der ganzen 
Kur von 16 Bädern bei der Abwaschbadekur erzielte Leukozytose; was aber bei 
dieser zweiten Versuchsanordnung besonders interessant und instruktiv ist, das 
ist der Umstand, daß bei normaler Versuchsanordnung nach der anfänglichen 


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Über den Einfluß der Wildbader Tbermalbadekur auf die Änderung des Blutbildes. 215 

Hyperleukozytose nach Ablauf von 8 Bädern der bekannte Leukozytensturz 
«insetzt, dem dann wieder die abermalige Hebung der Leukozytenkurve folgt. 
Bei normaler Badeanwendung bildete sich also die früher geschilderte charakte¬ 
ristische Leukozytenkurve aus, während bei dem Abwaschversuch nur eine ge¬ 
ringe gleichmäßige Zunahme der Leukozyten erfolgte. Dem differenten Blutbefund 
entsprach auch, daß bei der zweiten etwas rheumatisch veranlagten Versuchs¬ 
person nur bei normaler Badeanwendung zur Zeit des Leukozytensturzes eine 
Reaktion eintrat. 

Aus diesen Versuchen geht nun hervor, daß — bei vorsichtiger Ausdrucks¬ 
weise — für eine stärkere Anregung der Leukozytose sowie in weiterer Folge für 
die Ausbildung des Leukozytensturzes und der damit im Zusammenhang stehenden 
Reaktion und schließlich auch wohl des klinisch-balneologischen Kurerfolges die 
möglichste Intaktheit der aus der Anwendung des Thermal-Wasserbades hervor¬ 
gegangenen Hautoberfläche erforderlich ist. Wir können aber wohl mit einiger 
Wahrscheinlichkeit annehmen, daß wohl die größte Bedeutung bei dieser Einwirkung 
der Thermal-Bäder auf das weiße Blutbild dem radioaktiven Niederschlag auf der 
Haut beizumessen ist, dessen Einfluß dann entschieden stärker zu bewerten sein 
dürfte, als die während des Bades' durch Einatmung und Diffusion durch die Haut 
resorbierte Emanationsmenge. Wir ersehen aber auch aus den Parallelversuchen, 
daß der Umschlag aus der Hyperleukozytose in den Leukozytensturz anscheinend 
erst bei einer gewissen Anreicherung des Blutes mit neu in die Blutbahn geworfenen 
Leukozyten vor sich zu gehen pflegt, und -daß demnach wohl erst eine gewisse Größe 
der radioaktiven Einwirkung für den Eintritt des Leukozytensturzes nötig zu sein 
scheint. Auffallend ist nur die Tatsache, daß wir es bei diesem radioaktiven 
Niederschlag doch in der Hauptsache mit den durchdringenden ß - und /-Strahlen 
zu tun haben, von denen wir wissen, daß sie wohl vorübergehend anregend auf 
die Produktion der polymorphkernigen Leukozyten wirken, daß aber der folgende 
zellschädigende Einfluß doch in stärkerem Grade die Lymphozyten wie die mehr¬ 
kernigen Leukozyten trifft. Der Befund einer zunehmenden relativen Lymphozytose 
bei der erfolgenden Abnahme der Leukozyten deckt sich also nicht mit der Annahme 
einer Zerstörungshypoleukozytose durch die Wirkung der ß- und /-Strahlen des 
radioaktiven Niederschlags; nur wenn mit dem radioaktiven Niederschlag auch 
gelöste radioaktive Salze auf der Hautoberfläche Zurückbleiben, die schon in ganz 
geringen Spuren wirksam sein können, bisher aber im Wildbader Thermalwasser 
noch nipht nachgewiesen worden sind, könnte die Leukozytenformel folgerichtig 
unter dieser Annahme erklärt werden, da diese Salze ja wieder zu dauernder 
a-Strahlung Veranlassung geben. Handelt es sich aber nicht um radioaktive Salze, 
so kann die infolge des radioaktiven Niederschlages eintretende Hypoleukozytose 
also kaum als eine reine Zerstörungs-Hypoleukozytose gedeutet werden, da ja dann 
in erster Linie ein Lymphozytensturz eintreten müßte. Man könnte sich aber 
denken, daß durch die längerdauernde Wirkung dieser kleinsten strahlenden 
Energiemengen, wie sie bei bleibender Intaktheit der Körperoberfläche nach dem 
Bade gewährleistet wird, eine dauernde Reizwirkung auf das Vasomotorensystem 
und die sensiblen Endorgane ausgeübt wird, wodurch ein viel stärkerer und 
wahrscheinlich auch längerdauernder Einfluß auf das Vasomotorensystem und in 
weiterer Folge auch auf den Leukozytenapparat ausgeübt wird. Wie ich bereits in 


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216 Grunow, ('Wer d. Einduli der Wildbader Thermalbadekur auf dieÄnderung d. Blutbildes. 

meiner Blutdruck-Arbeit 1 ) hervorgehoben habe, ist die nach dem einzelnen Thermal¬ 
bade hervortretende periphere Badereaktion subjektiv wie objektiv ja so groß, daß 
sie kaum durch .die nur geringen mineralischen Bestandteile nnd Gase ebensowenig 
wie durch die Kleinheit der thermischen Reize — handelt es sich doch um indifferente 
Temperaturgrade von 34—36 Grad Celsius — erklärt werden kann. Ich habe 
daher schon in dieser Arbeit die Vermutung ausgesprochen, daß die auf der 
Hautoberfläche angesammelte Menge strahlender Energien wahrscheinlich vou 
größtem Einfluß auf die Ausbildung dieser starken peripheren Badereaktion ist. 
deren Einwirkung auf leukozytäre Zellverschiebungen ich bereits mehrfach hervor¬ 
gehoben habe. Man könnte sich dann denken, daß vondieser stärkeren Badereaktion 
aus auch wieder bedeutendere Einwirkungen auf innere Organe und Zellgruppen 
ausgehen,’ wobei die bereits erwähnte Sensibilisierung und chemotaktische Attraktion 
der Leukozyten wiederum durch die Radioaktivität des Badeniederschlages im 
besonderen Grade begünstigt werden mag. Der Leukozytensturz würde daun dem 
stärksten Grade der durch Sensibilisierung und vitale Zelltätigkeit der Leukozyten 
hervorgerufenen Zurückhaltung der Leukozyten entsprechen. Der spätere erneute 
Leukozytenanstieg könnte dann durch das wieder stärkere Abfluten der Leukozyten 
nach der Peripherie nach erschöpfter Sensibilisierung und gesättigter Bindung der 
Leukozyten erklärt werden. So hätten wir dann neben einer direkten und wahr¬ 
scheinlich auch reflektorisch ausgeübten Reizwirkung auf die Produktionsstätten 
der Leukozyten auch Einwirkungen von dieser stärkeren vasomotorischen Reaktion 
aus im Sinne stärkerer relativer Leukozytenverschiebungen. Wäre diese Auffassung 
die richtige, so würde zwar die Radioaktivität der Thermal-Bäder in Form des 
radioaktiven Niederschlags als eine wesentliche Ursache für den eintretenden 
Leuközytensturz anzusehen sein; derselbe fände aber trotzdem dann eine andere 
Erklärung als der durch radioaktive Kräfte sonst hervorgerufene Leukozytensturz, 
bei dem es sich um eine absolute Zerstörungshypoleukozytose zu handeln scheint. 
Möglich ist es freilich auch, daß sich bei dem Leukozytensturz der Thermalbäder 
beide Momente Zerstörung und relative Zellverschiebung kombinieren, was vielleicht 
der Wahrheit am nächsten kommen dürfte. Aus allen diesen Erwägungen für und 
wider eine absolute Zerstörungsverringerung der Leukozyten möchte ich schließlich 
mein Urteil in dieser Frage dahin zusammenfassen, daß bei der Einwirkung auf 
das weiße Blutbild sowie auf die klinischen Erscheinungen die Radioaktivität 
unserer Thermalbäder jedenfalls eine bedeutsame Rolle spielt, daß aber dem auf 
der Haut zurückbleibenden radioaktiven Niederschlag eine größere Bedeutung in 
dieser Beziehung zuzuweisen ist wie der Aufnahme der Emanation während des 
Bades durch Lunge und Haut. Die Einwirkung der Radioaktivität auf das weiße 
Blutbild äußert sich vor allem zunächst meist in einer Zunahme der weißen Blut¬ 
elemente, die man wohl als Ausdruck einer Anregung der Blutbereitungsstätten 
anzusehen hat, wobei in Analogie der Erythrozytenvermehrung eine Anregung des 
Knochenmarks in erster Linie in Betracht kommt. Der Leukozytensturz könnte 
durch folgende Zellschädigung der leukozytären Produktionsstätten verursacht sein; 
doch kann es sich um eine vollkommene Lähmung derselben nicht handeln, da ja 
wieder erneute Vermehrungen einzutreten pflegen, und auch andere leukozyten- 


Grunow, 1. c. 


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Referate über Bücher und Aufsätze. 


217 


anregende Mittel die Leukozytenkurve wieder in die Höhe schnellen lassen; 
wahrscheinlich ist, daß bei der Ausbildung der Leukozytenkurve namentlich des 
Leukozytensturzes, wenn nicht allein, so doch zumindest unter wesentlicher Mit¬ 
beteiligung auch relative Verschiebungen der Leukozyten eine Rolle spielen, wobei 
ich zum Teil an die Änderung des Blutdrucks, zum Teil an die mit den reaktiven 
Vorgängen zusammenhängenden Zellverschiebungen, besonders aber an die durch 
Sensibilisierung herbeigeführte chemische Attraktion und partielle Diapedesis der 
Leukozyten denke. Eine Hauptwirkung des radioaktiven Niederschlags scheint 
mir in der starken vasomotorischen Beeinflußbarkeit und der Ausbildung stärkerer 
peripherischer Badereaktion zu liegen. 

Die aber aus diesen Darlegungen für die praktische Balneologie sich ergebenden 
Forderungen müssen dahin gehen, auf eine möglichst intakte Hautoberfläche im 
Anschluß an das Thermal-Bad Wert zu legen. Alle Prozeduren also, die diese 
Intaktheit stören könnten, wie Abwaschungen, Duschen, intensives Frottement usw. 
sind nach Möglichkeit fortzulassen. Im Bade selbst soll der Körper im allgemeinen 
ruhen, was nicht ausschließt, daß leichte vorsichtige Bewegungen angewandt 
werden können, die die Radioaktivität auch anderer Teile des Wassers an die 
Körperoberfläche heranführen; aber gröbere Körperbewegungen würden nur den 
Ansatz stören, der bei der großen Diffusionsfähigkeit der radioaktiven Elemente 
ja leicht von statten gehen kann. Extreme Tiefatmungen, wie sie von Fanatikern 
der Inhalationstheorie empfohlen werden, halte ich mindestens für überflüssig, in 
manchen Fällen sogar direkt für schädlich. (Schluß folgt.) 


Referate über Bücher und Aufsätze. 


A. Diätetisches (Ernähruugstherapie). 

Dienemann (Dresden), Über die Ernährung 
der Kranken im Kriege und deren Grund¬ 
lagen. D. m. W. 1917. Nr. 13. 

Die Erfahrungen des Verfassers, der als 
Stadtarzt in Dresden mit der Organisierung 
der Krankenernährung betraut ist, bieten viele 
interessante Anregungen. Der Massenansturm von 
Nabrungsmittelattesten (in Dresden bis zu 
600 täglich) ließe sich wesentlich einschränken, 
wenn die Initiative zu einem solchen Anträge 
lediglich vom Arzte auszugehen hätte. Bei der 
Beurteilung der Bewilligung müssen in erster 
Linie solche Krankheiten berücksichtigt werden, 
bei denen die Erhaltung oder Wiedergewinnung 
der Arbeitsfähigkeit zu erwarten ist. Krank¬ 
heiten, die zu einem Verluste der Arbeitsfähig¬ 
keit nicht führen können, werden ebenso wie 
solche, bei denen Wiedererlangung der Arbeits¬ 


fähigkeit ausgeschlossen ist, nur unter be¬ 
sonderen Bedingungen mit Zulagen bedacht. 
Besonders berücksichtigt wird auch die soziale 
Stellung des Kranken. 

In der Ernährungsgesetzgebung spukt bei 
uns noch zu sehr die Anschauung, daß für eine 
kräftige Ernährung Eier, Fleisch und Milch 
stets das Wichtigste sind, während sich mit 
anderen Zulagen (Brot, Grieß, Haferpräparate, 
eventuell Fett) mindestens das Gleiche erreichen 
läßt. Besondere Schwierigkeiten bildet die 
Krankenernährung in den Fällen (Diabetes, 
Nephritis, gewisse Magen-Darmkrankheiten), 
wo sich die Anträge nicht auf Zulagen, sondern 
auf einen Ersatz der normalen Ernährung be¬ 
ziehen. Hier ließe sich Abhilfe beschaffen, 
wenn für die bewilligten Nahrungsmittel die 
entsprechenden Kalorienwerte der nicht zu¬ 
träglichen Stoffe zurückgegeben würden. 

Recht lehrreich ist eine vergleichende Kurve, 


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Referate über Bücher und Aufsätze. 


218 


welche einerseits den normalen Kalorien- 
bedarf in den verschiedenen Lebensaltern, 
andrerseits die zur Zeit für diese Lebensalter 
zur Verfügung stehenden Kalorienmengen 
wiedergibt. Es ergibt sich daraus, daß die ersten 
4 Lebensjahre an sichergestellten Nahrungs¬ 
mitteln bedeutend mehr erhalten als sie brauchen. 
Ähnlich liegen die Verhältnisse im Greisenalter. — 
_J)aß die Dresdener Krankenanstalten in der 
Nahrungsmittelversorgung hinreichend bedacht 
sind, wird an ausführlichen Tabellen dargestellt. 
Im ganzen stellt sich die Sterblichkeit in 
Dresden während des Krieges im jährlichen 
Durchschnitt (12,4 auf 1000 Einwohner) eher 
etwas günstiger als im Frieden (13,2). 

A. Laqueur (Berlin). 


sie herab. Das gilt auch für Diabetiker, ln 
diesem Sinne bewirkt strenge Kost, wenn sic 
sehr eiweißreich ist, eine Erhotung des Ruhe¬ 
nüchternumsatzes, die durch Steigerung der 
Eiweißzers0tzung zustande kommt. 

EUner (Berlin). 

Theodor Frankl, Über die im Felde vor- 
kommenden Magenerkrankmigen, Ihre Be¬ 
handlung und militärärztliche Begut¬ 
achtung. W. kl. W. 1916. Nr. 48. 

Verfasser konnte feststellen, daß die wich¬ 
tigste Erscheinungsform der Magenerkrankungen 
im Feld die Gastritis ist. Dieselbe tritt ge¬ 
wöhnlich in relativ gutartiger Form auf nnd 
gelangt fast durchweg zur Ausheilung. Ver¬ 
fasser hält die Errichtung von Beratungsstellen 
für Magenkranke im Felde für dringend er¬ 
forderlich. EUner (Berlin). 

Josef Novotny, Das Immnnilätspriazip im 
Dienste der Behandlnng von infektiösen 
Darmerkranknngen. W. kl. W. 1917. Nr. 9. 

Verfasser versuchte, durch aktive Immuni¬ 
sierung bei Typhus, Paratyphus und Dysen¬ 
terie in Form der Autovakzinebehandlung den 
Krankheitsverlauf günstig zu beeinflussen. Zu 
diesem Zweck wurde der aus dem Unter¬ 
suchungsmaterial der Kranken (Galle, Stuhl. 
Harn usw.) rein gezüchtigte Krankheitserreger 
nach dem Vorgang von Vincent zur Vakzine¬ 
bereitung verwendet. Die sog. Autovakzine ent¬ 
hielt in 1 ccm durchschnittlich 200 Millionen 
Keime. — Die Vakzine wurde an zwei bis drei 
aufeinanderfolgenden Tagen unter die Brast- 
haut steril injiziert. — Die Erfolge, die erzielt 
wurden, sind äußerst günstig. Rasche Herab¬ 
setzung der Temperatur, Nachlassen der Durch¬ 
fälle, rasche und anhaltende Rekonvaleszenz. 
Auch die perorale bzw. rektale Einverleibung 
der Vakzine wurde erprobt und als vorteilhaft 
gefunden. Elsner (Berlin). 

H. Strauß, Über Gastrohydrorrhoe. 

B. kl. W. 1917. Nr. 7. 

Verfasser hat die „Hydrorrhoea gastrica*, 
abnorm starke Abscheidung einer von Salz¬ 
säure und Fermenten freien Flüssigkeit, in 
zahlreichen Fällen von Anazidität des Magen¬ 
inhalts gefunden. Auch auf dem Röntgenbihl 
lassen sich diese Falle erkennen in Gestalt 
einer sehr ausgeprägten Flüssigkeitsschicht, 
die sonst in Fällen von Anazidität äußerst 
gering ist und viel langsamer eintritt als beim 
normal sezernierenden Magen. 

Elsner (Berlin). 


E. Küster u. II. Wolff, Weitere Erfahrungen 
über die Qehandlung von Diabetikern mit 
Trockenkartoffeltagen. B.kl. W. 1917. Nr. 9. 

Verfasser haben bei Diabetikern von einer 
neuen Kartoffelnahrung, der „Trockenkartoffel“, 
sehr günstige Wirkung gesehen. Sie kombinieren 
die „Trockenkartoffeltage“ mit „Gemüsetagen“. 
Glykosurie und Azidosis werden günstig beein¬ 
flußt, die Toleranz für Kohlehydrate steigt. 
Bezüglich der Theorie der Trockenkartoffelkur 
weisen sie auf die physiologische Wirkung der 
Darmflora als die Ursache einer besseren und 
größeren Ausnutzung hin. Elsner (Berlin). 

S. Bernstein n. W. Falta, Über den Ein¬ 
fluß der Ernährungsweise auf den Ruhe¬ 
nüchternumsatz bei normalen nnd dia¬ 
betischen Individuen. Deutsch. Arch. f. klin. 
Med. Bd. 121. S. 95. 

Verfasser haben in ausgedehnten Stoff¬ 
wechselversuchen die Frage des Ruhenüchtern¬ 
umsatzes und seine Beeinflussung durch die 
Ernährungsweise studiert. Unter „Ruhentichtern- 
umsatz“ versteht man die Wärmebildung des 
ruhenden Organismus bei möglichster Ent¬ 
spannung aller Muskeln und im nüchternen 
Zustand. Als Maß der Wärmebildung sind die 
Sauerstoffwerte nicht zu verwenden; vielmehr 
muß die Wärmebildung in jedem einzelnen 
Falle unter Berücksichtigung des respiratori¬ 
schen Quotienten berechnet werden. — Das 
wichtigste Ergebnis dieser Versuche ist, daß 
die Ruhenüchternwerte durch die verschiedenen 
Kostformen erheblich beeinflußt werden. Als 
Grundumsatz können daher für den einzelnen 
nur diejenigen Ruhenüchternwerte bezeichnet 
werden, die bei einer bestimmten Standardkost 
gewonnen werden. Im allgemeinen steigert 
Eiweißkost die Werte, Amylaceenfettkost setzt 


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Referate über Bücher und Aufsätze. 


219 


Bonne, Gerste statt Fleisch. B. kl. W. 1917. 
Nr. 11. 

Verfasser weist auf die Bedeutung der 
Gerste als Volksnahrungsmittel hin. Der 
reiche Phosphorgehalt der Gerste macht sie zu 
einem gutem Fleischersatz, namentlich in 
Form von Gerstengrütze, der sog. „groben 
Graupen“. Neben ihrem hohem Eiweiß- und 
und Phosphorgehalt entwickelt sie aber auch 
Zuckerstoffe in reichen Mengen. Die Gerste 
ist daher als ein ideales Volksnahrungsmittel 
zu bezeichnen und sollte für die Dauer des 
Krieges der Brauindustrie völlig entzogen 
werden. Elsner (Berlin). 

R. E. May, Das Schwein als Konkurrent der 
menschlichen Ernährung. B. kl. W. 1917. 
Nr. 12. 

Verfasser hat den Umfang der Schweine¬ 
zucht während eines Schlachtjahres für das 
Deutsche Reich festgestellt, und daraus das 
Schlachtgewicht berechnet. Sehr eingehend 
behandelt er die Frage, wie sich der Nährwert 
dieses Schlachtgewichtes zu den Nahrungs¬ 
mengen verhält, die zu seiner Erzeugung er¬ 
forderlich sirtd. Diese Gegenüberstellung führt 
zu dem Resultat, daß auf dem Wege der 
Schweinezucht 80,1 °/o ^ es au ^ 8 * e verwandten 
Eiweißes und 80,5 % ^ er auf 8 * e verwandten 
Kalorien verloren gehen. Mit diesen durch die 
Schweinezucht verloren gehenden Nährwerten 
könnte der größte Teil des Volksbedarfes an 
Eiweiß, wie an Kalorien überhaupt, gedeckt 
werden. — Verfasser berechnet, daß das 
Schwein an Kalorien 67 %, an Eiweiß 87 % 
des deutschen Volksnahrungsumfanges fort¬ 
gefressen hat. Sein Verschwinden wurde an 
Kalorien für 36, an Eiweiß für 46 Millionen 
Menschen neue Nahrung liefern. — Verfasser 
geht auf die volkswirtschaftliche Bedeutung 
dieser Frage ein und stellt bestimmte For¬ 
derungen auf. die im wesentlichen auf eine 
Beschränkung der Schweinezucht und des 
Schweinebestandes hinauslaufen. 

Elsner (Berlin). 

B. Hydro-, Balneo- u. Klimatotherapie. 

W. ÜMTerrtcht (Davos-Berlin), Der Einfluß 
meteorologischer Faktoren anf das Zu¬ 
standekommen von Lungenblutungen. Aus 

dem Waldsanatorium Davos (Professor Dr. 
F. Jessen). Ztschr. f. Tuberkulose. Bd. 27. 
H. 5. 

Aus einer großen Reihe sorgfältiger Beob¬ 
achtungen kommt Autor zu dem Ergebnis, daß j 


die meisten Hämoptysen bei fallendem Luft¬ 
druck, bei Föhn und bei Südwind als Bergwind 
aufgetreten Beien, und daß dabei als meteoro¬ 
logischer Faktor die fallende Tendenz des 
Luftdrucks, wie sie gewöhnlich vor und bei 
Föhn aufzutreten pflegt, die primäre Ursache 
der physiologischen Wirkung abgebe; wobei ihm 
die grundlegenden Beobachtungen Trab er ts, 
der „physiologisch gute“ und „physiologisch 
schlechte Tage“ bei steigendem resp. fallendem 
Barometerstände nachweisen konnte, noch als 
Stütze dienen. Und zwar seien die mit dem 
v. Fickerschen Variographen nachgewiesenen 
kleinen, zahlreichen, rasch aufeinanderfolgenden 
Druckschwankungen („Stoßluft“) vor Durchbruch 
des Föhns, im Verein mit gleichzeitig dabei 
einhergehenden luftelektrischen Faktoren, das 
physiologische primäre Agens. Die Haupt¬ 
ursache der Hämoptysen bleiben aber natürlich 
in dem Grade der Erkrankung und der indivi¬ 
duellen Konstitution des Kranken zu suchen. 

Janson (Berlin). 

G. Gymnastik, Massage, Orthopadie- 
nnd Apparatbehandlung. 

Leu, Badfke und Joachim!, Vorschrift 
für die Leibesübungen in Lazaretten, Ge- 
nesungsheimenund Genesendenkompagnien. 

Berlin 1916. Verlag von Urban und Schwarzen¬ 
berg. 100 S. 1,60 M. 

Neben der eigentlichen medikomechanischen 
Behandlung hat sich bei der Nachbehandlung von 
Verwundeten die Vornahme lokaler und allge¬ 
meiner Freiübungen immer mehr als notwendig 
erwiesen, und zwar sowohl zur Förderung und 
Wiederherstellung der geschädigten örtlichen 
Funktionen, wie auch zur allgemeinen Körper¬ 
kräftigung. Die vorliegenden Vorschriften, in 
denen an der Hand von Abbildungen 70 Frei¬ 
übungen mit genauer Angabe der Ausführung 
und des speziellen Zweckes beschrieben sind, 
dürften daher jedem Lazarettarzte, der mit 
der Nachbehandlung Kriegsverletzter zu tun 
hat, sehr willkommen sein; sie eignen sich 
auch für Hilfspersonen, die mit Überwachung 
der Übungen betraut werden. Eingeleitet wird 
das Buch mit einem Kapitel über Wesen und 
Bedeutung der Leibesübungen für den Orga¬ 
nismus, sowie mit einem allgemeinverständ¬ 
lichen kurzen Abriß über die Physiologie der 
Körperbewegung. Am Schlüsse sind dann 
noch einige zur Ergänzung der Leibesübungen 
geeignete gemeinsame Spiele beschrieben. 

A. Laqueur (Berlin). 


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220 Referate über Bücher und Aufsätze. 


R. Freund (Berlin) und R. Cayet (l)ieden- 
hofen), Der Wert der Spirometrie für die 
Beurteilung der Lungenschttsse. D. m. W. 
1917. Nr. 13. 

Für die Beurteilung der funktionellen 
Leistungsfähigkeit von Lungenverletzten 
hat sich die spirome tri sehe Feststellung der 
Vitalkapazität der Lunge als zuverlässiger Ma߬ 
stab erwiesen. Nur sie gibt einen direkten 
Ausdruck der tatsächlichen Lungenarbeit, 
während durch Perkussion und durch Röntgen¬ 
durchleuchtung nachweisbare Verwachsungen 
niit dem Pleuraraum oder dem Zwerchfell für 
den vorhandenen Grad der Lungenarbeit kein 
zuverlässiges Kriterium abgeben. Die wieder¬ 
holten spirometriseben Prüfungen bilden eine 
ausgezeichnete Kontrolle des Krankheit¬ 
verlaufs. Als Normalzahl wird eine Vital¬ 
kapazität in der Breite von 8000—3700 ccm 
angenommen. Die Messungen wurden mittels 
einer gewöhnlichen Gasuhr vorgenommen, 
welche dem Hutchinsonseben Spirometer gleich¬ 
wertig ist. 

Unter 86 im Hamburger Marinelazarett 
behandelten Patienten mit Lungenschüssen 
konnten 68, also 86 °/ 0 , noch vor Ablauf 
eines halben Jahres wieder als dienstfähig 
entlassen werden, die übrigen 18 wurden in 
andere Lazarette verlegt. Zu diesem günsti¬ 
gen Resultat trug wesentlich die früh¬ 
zeitig eingeleitete und systematisch 
durchgeftihrte Lungengymnastik bei, bei 
welcher zur Mobilisierung etwaiger Zwerch¬ 
felladhäsionen besonders auf eine intensive 
Bauchatmung geachtet wurde. 

A. Laqueur (Berlin). 


A. Schanz (Dresden), Zur Pathologie und 
Therapie der Schüttler. M. m. W. 1917. 
Nr. 12. 

Autor faßt das Schüttelzittern als eine 
von Insufficientia vertebrae bedingte Reflex¬ 
neurose auf, welche letzere ausnahmlos unter 
Behandlung der Wirbelsäurenaffektion geheilt 
wurde. Indem er die Symptomatologie der 
Insuffizienz der Wirbelsäule schildert, be¬ 
schreibt er die als Therapie fungierende Ent¬ 
lastung der W’irbelsäure durch den Gipsverband 
und das Stützkorsett. Die in dem Kriegs¬ 
material außerordentlich häufige Verstauchung 
der Wirbelsäure ;sieht Verfasser als das ur¬ 
sächliche Moment zur Entstehung der Insuffi- 
cienta vertebrae an. 

J. Ruhemann (Berlin-Wilmersdorf). 


ü. Elektro-, Licht- und Röntgen¬ 
therapie. 

Hans L. Heusner (Gießen), Behandlung 
der Gonorrhoe und ihrer Nebenerkran¬ 
kungen mit Wärme. D. m. W. 1917. Nr. 11. 

Verfasser wandte zur Behandlung von 
Gonorrhoe und vor allem der gonorrhoischen 
E p i d i d y m i t i s mit gutem Erfolge die strahlende 
Wärme an, die von einer hochherzigen Glüh¬ 
lampe, der sogenannten Sol lux-Ergänzungs¬ 
lampe (Hanauer Quarzlampengesellschaft), aus¬ 
geht. Die Lampe w ird in 2 Typen konstruiert, die 
eine, in Scheinwerferform, enthält eine Leucht¬ 
röhre von mehreren tausend Kerzen Stärke, 
die andere, mit einer Glühröhre von 600 Kerzen 
Stärke, ist mit einem abnehmbaren Kegelansatz 
versehen und dient zur Bestrahlung von um¬ 
schriebenen Herden. Als Hilfsapparat wird 
weiter ein Vorhangstativ benutzt zum Schutze 
der nicht zu bestrahlenden Teile des Körpers. 
Es kann damit auch eine Art Lichtbad impro¬ 
visiert w r erden, in dem es aber nie zu Wärme¬ 
stauung kommt; auch ist eine eigentliche 
Schwitzwirkung bei der Behandlung nicht be¬ 
absichtigt. Die .Bestrahlung erfolgt in eiuem 
Abstande von etwa 60 cm, die Dauer jeder 
Sitzung beträgt mindestens l / 9 Stunde und 
kann bis zu einer Stunde verlängert wrerden. 
Bei der Nebenhodenentzündung äußert sich 
die Wirkung in alsbaldigem Nachlassen der 
Schmerzen, zunächst Verdünnung und Ver¬ 
stärkung, dann Rückgang des Ausflusses, in 
den folgenden Tagen auch allmähliches Ab¬ 
schwellen der Nebenhoden. Als Unterstützungs¬ 
mittel dieser Gonorrboebehandlung hat sich 
dem Verfasser das . reichliche Trinkenlasseo 
von roher Ziegenmilch, sowie Injektion von 
Choleval, beginnend in Lösungen von 2—3%, 
dann mit der Konzentration steigend, gut 
bewährt. A. Laqueur (Berlin). 

S. Auerbach (Frankfurt a. M«), Eine prak¬ 
tische Untersuchnngs- und Behandlnngs- 
elektrode. Neurol. Zentralbl. 1917. Nr. 5. 

Beschreibung und Abbildung einer Elek¬ 
trode, die bereits ira Jahre 1913 in der pZeit* 
schrift für physikalische und diätetische The¬ 
rapie“ publiziert wurde. Da Verfasser meint, 
daß die Elektrode nicht nach Verdienst be¬ 
kannt geworden ist, weist er hier noch einmal 
auf dieselbe hin. Für. bestimmte Zwecke ist 
inzwischen noch eine kleine Modifikation an¬ 
gebracht worden, indem die Elektrodenplatte 
gegen den Griff in einem Kugelgelenk be¬ 
weglich ist, in welchem sie in der gewünschten 


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bequemsten Lage durch Schraube festgestellt 
werden kann. — Die neuen Elektroden sind zu 
empfehlen. W. Alexander (Berlin). 

C. Bruegel (München), Die Beeinflussung des 
Magenchemi8mns durch Röntgenstrahlen. 

M. m. W. 1917. Nr. 12. 

Die Röntgenstrahlen sind in geeigneter, 
vom Verfasser gekenzeichneter Anwendung und 
Dosierung imstande, den Magenchemismus zu 
beeinflussen. Diese Einwirkung erfolgt mei¬ 
stens im Sinne einer Sekretionsbeschrän¬ 
kung, so daß die Säurewerte eine Verminderung 
erfahren. 

Die Reaktion tritt in den Fällen einer 
funktionellen Erkrankung des Magens meist 
sehr rasch ein, zunächst ohne konstant zu blei¬ 
ben. Vorhandene Spasmen bessern sich meist 
schon nach der 1. Bestrahlungsserie. In Fällen 
chronischer Ulzera nimmt die Säureherab¬ 
setzung längere Zeit in Anspruch; die Wirkung 
ist jedoch, wenn eingetreten, von erheblicher 
Dauer. Ulzera mit stärkerer Entleerungsver¬ 
zögerung erscheinen ungeeignet zur Strahlen¬ 
therapie. 

Sub- und Anazidität lassen sich in der 
Regel nicht beheben, es sei denn, daß die Säure¬ 
verminderung durch Kolonmeteorismus hervor¬ 
gerufen war. In solchen Fällen hat sich hier 
die längere Zeit hindurch fortgeführte Dia¬ 
thermiebehandlung bewährt. 

Spastische Zustände im Magendarmkanal 
erfahren durch Bestrahlung weitgehende Besse¬ 
rung, rezividieren jedoch häufig. Die als Begleit¬ 
erscheinung der Hyperchlorhydrie vorhandene 
Obstipation bessert sich bei Beseitigung jener. 

J. Ruhemann (Berlin-Wilmersdorf) 

J. Schütze (Berlin), Idiosynkrasie der Haut 
gegen Röntgenstrahlen. D.m.W.1917. Nr. 13. 

Die Feststellung der individuellen Scbä- 
digungsgrenze für die Haut durch Röntgen¬ 
strahlen läßt sich am einfachsten und sichersten 
mittels des Fürstenauschen Intensimeters 
durchführen. Im übrigen empfiehlt es sich, zur 
Vermeidung von Schädigungen, namentlich bei 
Durchleuchtungen mit dem Hochspannungs¬ 
gleichrichter, regelmäßig einen Filter, sei er 
nur aus entsprechendem Holz, zu verwenden. 

A. Laqueur (Berlin). 

Douglas C. Moriarta (Saratoga Springs), 
Radium und Blutdruckerhöhung. Medical 
Record. 1916. 13. Mai. 

Die Beobachtung, daß bei Trinkkuren mit 
dem radioaktiven Mineralwasser von Saratoga 


! bei Patienten, die einen erhöhten Blutdruck 
| anfwiesen, fast regelmäßig eine Senkung des 
I Blutdruckes um 20—60 mm Quecksilber ein- 
| trat, führte den Verfasser dazu, bei derartigen 
! Zuständen die Emanation und Radium in 
i stärkeren Dosen anzuwenden. Die Kur bestand 
| in Trinken von künstlich aktiviertem Wasser 
I von 25 000—100 000 M.-E. täglich, kombiniert 
mit Benutzung eines Emanatoriums, das 
250 M.-E. im Liter Luft enthielt; bei einigen 
Patienten wurden außerdem einzelne intra¬ 
venöse Injektionen von 10—15 Mikrogramm 
Radiumchlorid angewandt. Auch hierbei zeigte 
I sich, wenn das Grundleiden nicht zu weit vor¬ 
geschritten war, durchweg eine erhebliche 
Senkung des Blutdrucks im Laufe der Kur, 
verbunden mit Erleichterung, bzw. Beseitigung 
der subjektiven Beschwerden. Als Nebenbefund 
| konnte ferner regelmäßig eine Erhöhung der 
| Zahl der roten Blutkörperchen konstatiert 
I werden. A. Laqueur (Berlin). 

1 Falta (Wien), Über die Dosierung bei der 
radioaktiven Behandlung innerer Krank- 
I helfen. W. kl. W. 1917. Nr. 15. 

Der Verfasser führt die Mißerfolge der 
| Emanationstherapie und der Einverleibung fester 
j radioaktiver Substanzen auf die viel zu niedrige 
j Dosierung zurück. Darin dürfte er wohl recht 
| haben. Im übrigen leistet nach Ansicht des 
Referenten in allen Fällen, die für die radio- 
i aktive Behandlung in Frage kommen, die 
Röntgenbestrahlung sehr viel mehr. 

| H. E. Schmidt (Berlin) 

i Riehl (Wien), Zur Radium-Emanations- 
I therapie. W. kl. W. 1917. Nr. 15. 

Der Verfasser schließt sich den Aus¬ 
führungen Falters an. Als eine ungefährliche 
und wirksame Methode empfiehlt er besonders 
die Anwendung feuchter Umschläge, die mit 
| Emanationslösung begossen werden (bei rheu¬ 
matischen Gelenkschwellungen, Ischias, Pru- 
i ritus usw). Auch hier gilt nach Ansicht des 
Referenten das zu den Ausführungen Faltas 
Bemerkte: die Röntgenbehandlung ist ein¬ 
facher und sehr viel wirksamer. 

| H. E. Schmidt (Berlin). 

! - 

l HansL. Heußner (Gießen), Sonne und Klima 

im Kampfe gegen die Tuberkulose. Therap. 
Monatsh. 1917. April. 

Heußner gibt einen allgemeinen und spe¬ 
ziellen Überblick über die Sonnenbehandlung 
der Tuberkulose, er empfiehlt „Sonnenkliniken“ 
besonders angegliedert an Lungenheilstätten: 


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222 


Referate über Bücher und Aufsätze. 


Dachgärten, freigelegene Sportplätze, vielleicht 
auch Bauplätze und die Ufer der Flüsse sollen 
zur Herrichtung von „Lichtbädern“ benutzt 
werden, um den von vornherein für Tuberkulose 
veränlagt erscheinenden, besonders aber den 
schwächlichen und „skrofulösen“ Jugendlichen | 
die heilende und kräftigende Wirkung des 
Sonnenlichtes zugänglich zu machen. Die Licht¬ 
behandlung ist auch die sparsamsteBehandlungs- 
methode der Tuberkulose. 

E. Tobias (Berlin). 

Arthur Fenwick Holding (New York), 
Die nicht-chirurgische Behandlung tuber¬ 
kulöser Drüsen. Medical Record. 1916. 
11. März. 

Mit Röntgenbestrahlung wurden gute 
Erfolge erzielt, sowohl bei dem hyper- 
plastischen wie beim käsigen und eitrigen 
Typ, sowie auch bei ulzerierten und fistelnden j 
tuberkulösen Drüsen. Verwandt wurde die 
Coolidge-Röhre, Kreuzfeuerbestrahlung und ! 
Filtration der Strahlen. Die Bestrahlungsdosis | 
für jeden Hautbezirk überschritt nicht 15 x j 
Kienboeck. In Fällen, die nicht prompt rea¬ 
gierten, wurde die Bestrahlung mit Bierscher 
Stauung oder der noch wirksameren Dia¬ 
thermie, verbunden mit Hochfrequenzent¬ 
ladungen, aus einer Vakuum-Elektrode kom¬ 
biniert. A. Laqueur (Berlin). 

H. Braun (Solingen), Die Diathermie im 
Kriege. Therapie der Gegenwart 1917. 
April. 

Nach einleitenden Bemerkungen über die 
Physik und Physiologie der Diathermie, von 
der besonders die Möglichkeit, das Innere ein¬ 
zelner Körperteile auf 45—48° zu erwärmen, 
von Interesse ist, gibt Verfasser eine kurze 
Beschreibung der Apparatur, die wegen ihrer 
Einfachheit auch im Felde leicht Verwendung 
finden kann, besonders wenn schon eine 
Röntgeneinrichtung vorhanden ist. Zur Dia¬ 
thermiebehandlung eignen sich alle Erkran¬ 
kungen, bei denen erfahrungsgemäß Wärme¬ 
applikation nützlich ist. Bei Gelenkerkran- 
kungcn soll man erst das Fieber abkilblen 
lassen, frische Entzündungen, Eiterungen und 
Tuberkulose sind von der Behandlung auszu¬ 
schließen. Gichtanfälle und subakute Arthri¬ 
tiden werden meist in 2—3 Sitzungen kupiert. 
Bei der gonorrhoischen Arthritis ist das 
schnelle Nachlassen der Schmerzen besonders 
eklatant. Muskelrheumatismus und Lumbago 
können nach wenigen Sitzungen verschwinden.— 
Bei Neuralgien waren die Erfolge wechselnd: 


bei Ischias bisweilen glänzende Erfolge, bis¬ 
weilen vollkommenes Versagen, ebenso bei 
Bronchialneuralgien. Wenn nach 7—8 
Sitzungen keine Besserung auftritt, ist die Be¬ 
handlung abzubrechen. Dasselbe gilt von der 
! Trigeminusneuralgie. Die Behandlung der 
Ischias mit Diathermie ist Pflicht, die der 
Trigeminusneuralgie eines Versuches wert. 
Tabische Schmerzen lassen sich „fast immer 1 * 
für längere Zeit beseitigen. Bei Erkrankungen 
der Bronchien wurde der Hustenreiz geringer, 
die Expektoration leichter, Exsudate wurden 
schnell resorbiert, die Schmerzen bei Pleuritis 
sicca hören oft schon nach einer Sitzung auf. 
Sehr gut wurden auch stenokardische Anfälle 
beeinflußt. — Kontraindikationen sind Zu¬ 
stände, die mit Neigung zu Blutungen einher 
gehen, frische Eiterungen und Entzündungen. 
I W. Alexander (Berlin). 

I __ 

, M. Raether (Botin), Neurosen*Heilung nach 
j der Kaufmann-Methode. D. m.W.1917. Nr. 11. 

Mit der Kau f mann sehen Methode wurden 
bei Kriegsneurosen, sowohl bei paretiseben. 
wie auch bei mit Tremor, Tick, -Schüttel¬ 
lähmung und dergleichen verbundenen Formen 
sehr gute Erfolge erzielt, und zwar in der 
Regel in einer Sitzung. Das ursprüngliche 
KaufmannBche Verfahren w*urde nur inso¬ 
fern modifiziert, daß erstens ausschließlich 
faradische Ströme mit dem Duboisscher. 
Schlittenapparate zur Anwendung kamen, und 
zweitens nur mäßig starke Ströme in der 
Regel verwandt wurden. Der eigentlichen Heil¬ 
sitzung geht eine psycho therapeutische Vor¬ 
bereitung voraus, bei welcher es sich unter 
anderem als zweckmäßig erwiesen hat, die 
neuaufgenommenen Patienten unter schon ge¬ 
heilte Kranke zu legen. Die Heilsitzung 
_ zerfällt in eine erste, 5 Minuten dauernde 
Elektrisierung, bei welcher mit starken 
! Strömen angefangen wird, die dann allmählich 
! abgeschwächt werden. Darauf folgen Übungen 
| unter Leitung des Arztes, unterstützt von ent¬ 
sprechender psychischer Beeinflussung, aber 
ohne besondere Hervorkehrung des militäri¬ 
schen Vorgesetztenverhältnisses. Nur in Aus- 
nahmefällcn, wenn die Störungen noch nicht 
beseitigt sind, wird eine nochmalige, wieder 
5 Minuten dauernde elektrische Sitzung vorge¬ 
nommen, abermals von entsprechenden Übungen 
gefolgt Regelmäßig erfolgt hingegen eine nur 
eine Minute dauernde Schlußelektrisierung 
| mit leichten faradischen Strömen am ganzen 
Körper. Die ganze Heilsitzung wird nach 


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V*—2 Stunden mit der Erklärung: 
geheilt“ beendet 

Die Nachbehandlung besteht zunächst 
in 248tündiger Bettruhe, bei welcher Tinctura 
Valeriana, Veronal, eventuell auch Pyramidon 
verabfolgt werden. Dann erfolgt die Ein¬ 
reihung in eine Turnriege mit täglichen 
Übungen, im Durchschnitt ca. 4 Wochen lang. 
Die meisten Patienten werden dann als zeitig 
untauglich oder arbeitsverwendungsfähig im 
Beruf entlassen. A. Laqueur (Berlin). 


E. Serum- und Organotherapie. I 

Jürgens, Epidemiologische Beobachtungen j 
über Pocken. B. kl. W. 1917. Nr. *14. | 

Jürgens hatte Gelegenheit, eine kleine ! 
Pockenepidemie unterdeutschenBückwanderern I 
aus Wolhynien zu beobachten. Der Volksstamm 
hat noch immer mit der Pockenkrankheit zu ! 
tun, obwohl er die Schutzimpfung in den Kinder- | 
jahren durchgefürt hat. Die Epidemie, von der i 
zunächst erstaunlich ist, daß sie überhaupt 
möglich war, verlief leicht. Die Mortalität be¬ 
trug etwa 7%. Auch diejenigen blieben von 
der Erkrankung nicht verschont, die erst kürz¬ 
lich oder vor wenigen Jahren mit Erfolg geimpft 
waren. Abgesehen von einigen sehr schweren 
Fällen handelte es sich meist um leichte Er¬ 
krankungen. Die Todesfälle betrafen nur un- 
geimpfte Kinder. Die Wiederimpfung fehlte 
bei den Wolhyniern. Im ganzen sah man 93 
Pockenerkrankungen unter den 3000 Rück¬ 
wanderern. Erstaunlich ist auch, daß die bei 
Vakzinierten aufgetretenen Erkrankungen so¬ 
wohl in ihrer Schwere wie in ihrem Auftreten 
in keiner gesetzmäßigen Abhängigkeit von der 
Dauer des Impfschutzes standen. 

In seinen ausführlicheren Betrachtungen 
bespricht Jürgens dann zunächst die Frage 
der Dauer des Impfschutzes. Epidemien lehren, 
daß der theoretisch begründete Impfschutz tat¬ 
sächlich oft gar nicht besteht. „Erfolglose“ 
Wiederimpfung kann verschieden ausgelegt 
werden. Es kann Immunität noch bestehen 
oder auch die Impfung schlecht ausgeführt sein. 
Es gibt Leute, die bei jeder, auch in kurzen 
Zwischenräumen wiederholten Impfung deut¬ 
lich reagieren, während andere kaum oder gar 
nicht auf eine Wiederimpfung antworten. Die 
Reaktion hat bei der Wiederimpfung eine ganz 
andere Bedeutung als bei der Erstimpfung. Die 
Reaktionen nach Wiederimpfungen nennt 
v. Pirquet allergisch. Die Eigentümlichkeit, 
daß gerade die kleinsten Kinder erkranken, 


223 


liegt in der Art der Übertragung, indem die¬ 
selben bei ihrer Lebensart viel mehr miteinander 
in Berührung kommen wie die größeren Kinder. 
Eine absolute Immunität wird auch bei frisch 
Geimpften vermißt. 

Jürgens faßt seine Beobachtungen dahin 
zusammen, daß man neben der bei Ungeimpften 
auftretenden oft schwer verlaufenden Variola 
vera eine milde auftretende besondere Pocken¬ 
form beobachtet, für die der übliche Name 
Variolois nicht zweckmäßig erscheint, wenn es 
sich nicht um Fälle handelt, wo trotz der Schutz¬ 
impfung Pocken auftreten. Jürgens bespricht 
besonders 3 Fragen: 

1. Wird durch die Schutzimpfung die Va¬ 
riola in eine neue Krankheitsform umgewandelt? 

Diese Frage muß im positivem Sinne be¬ 
antwortet werden. 

2. Werden Geimpfte von der Variolois ohne 
Rücksicht auf die Dauer des Impfschutzes 
befallen? 

Die Wirkung der Impfung besteht darin, 
daß die Variola nach der Impfung wahrscheinlich 
unter veränderten Infektionsmöglicbkeiten in 
einer unverkennbar milderen Form auftritt. 

3. Wie ist die Pockenimmunität zu erklären? 

Auf die sehr eingehenden diesbezüglichen 

Ausführungen sei zum Schluß besonders hin¬ 
gewiesen. E. Tobias (Berlin). 

Kaznelson, Vakzinebehandlung, Het ero- 
vakzine- und Proteinkörpertherapie. 

B. kl. W. 1917. Nr. 17. 

Sammelbericht, nicht für Referat geeignet. 

R. Friedlaender (Wiesbaden). 

Hans Rahm, Zur Frage der Opsonogen- 
behandlung. M. m. W. 1917. Nr. 16. Feld¬ 
ärztliche Beilage. 

Günstige Erfahrungen mit Opsonogen- 
behandlung (Ubem. Fabrik Güstrow) bei Fu¬ 
runkulose und Acne vulgaris. Es wurden 
100—500 Millionen Staphylokokken subkutan 
zwischen die Schulterblätter injiziert. 

R. Friedlaender (Wiesbaden). 

Benno Stein, Malariaparasiten und Neo- 
salvarsan. W. kl. W. 1917. Nr. 14. 

Nach den Untersuchungen des Verfassers 
entspricht die in der Literatur vielfach auf¬ 
gestellte Behauptung, daß das Tropenfieber 
und dessen Parasit durch das Neosalvarsan 
unbeeinflußbar sei nicht den Tatsachen. Be¬ 
sonders unterliegen die Jugendfonnen der 
Tropikaparasitcn, die kleinen Tropikaringe, so¬ 
wie deren unmittelbare Vorstufen den Salvarsan. 


Referate über Bücher und Aufsätze 


Sie sind 


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224 


Referate über Bücher und Aufsätze. 


Dagegen vermag das Salvarsan gegen die er¬ 
wachsenen geschlechtlichen und ungeschlecht¬ 
lichen Tropikaparasiten nichts auszurichten. Die 
Tertianaparasiten werden in allen Entwick- 
lungsstadien! durch das Salvarsan zum Zerfall 
gebracht, R. Friedlaender (Wiesbaden). 

Schiinert, Eigenserum bei [Malaria tropica. 
Beiträge zum Wesen und der Behandlung 
des Tropenfiebers. W. kl. W. 1917. Nr. 14. 

Verfasser berichtet über 70 Eigenserum¬ 
behandlungen bei schwerer Malaria. Eine Ver¬ 
änderung des mikroskopischen Blutbildes konnte 
nicht festgestellt werden. Dagegen trat nahe¬ 
zu ausnahmlos eine erhebliche Besserung des 
Allgemeinbefindens und der Ödeme im An¬ 
schluß an die Serum-Reinjektion ein. Eine 
Beeinflussung der Heftigkeit und des Charakters 
der Fieberparoxysmen war nicht mit Sicherheit 
zu konstatieren. Hauptsächlich scheint die 
Eigenserumbehandlung zur Beseitigung der 
Folgezustände schwerer Malaria geeignet. 

R. Friedlaender (Wiesbaden). 

F. Verschiedenes. 

F. Lenz (Puchheim), Beobachtungen Uber 
Malaria ln malariafreler Gegend. M. m. W 

1917. Nr. 12. 

Die Kurve der Malariarezidive folgt genau 
wie die der Neuinfektionen der Soramer- 
temperatur und Sonnenscheindauer. 

Die Auslösbarkeit der Rezidive durch 
erhöhte Außentemperatur stellt eine selektio- 
nistisch erklärbare Anpassung der Malaria¬ 
erreger an die Flugzeit der Anopheles dar. 

Die Malariarezidive haben dieselbe In¬ 
kubationszeit wie Neuinfektionen, und diese 
läßt sich aus der Art der Vermehrung der 
Plasmodien und der Zahl der Erythrozyten 
berechnen. Sie betragt 1(>— 18 Tage. 


I Wirkung herabsetzt. Beschreibung eines ty- 
| pischen, schweren Falles, in dessen Familie 
I schon in drei Generationen das Leiden vor- 
I gekommen war und bei dem Kranken in 
| monatlichen, zuletzt wöchentlichen Anfällen 
| auftrat. Nach einer sich über drei Monate 
erstreckenden Behandlung mit Kalziumchlorid 
j völliges Ausbleiben jeder Erscheinung 
von Lähmung oder Muskel schwäche seit 
! 2V a Jahren. Täglich 4 —6 g Calcium chloratum 
in reichlich kohlensäurehaltigem Wasser. Al¬ 
kohol erlaubt, Nikotin verboten. 

W. Alexander (Berlin). 

- 

A. Edelmann, Über abortive Behandlung 
des akuten Gelenkrheumatismus. Vorläufige 
! Mitteilung. W. kl. W. 1917. Nr. 10. 

Nachdem S a x 1 die pyrogenen Eigenschaften 
der parenteral dargereichten Milch festgestellt 
und R. Müller sie bei Bubonen und L. Müller 
bei akutem entzündlichen Augenerkrankungen 
mit Erfolg angewandt hatten, hat Verfasser 
bei akuten Gelenkrheumatismus Milehinjek- 
tionen mit gleichzeitigerDarreichung von Saiizyl 
: in großen Dosen versucht. 10 ccm gekochter 
Milch wurden in die ExtenBoren des Ober- 
; Schenkels eingespritzt. Nach 4—5 Stunden 
Schüttelfrost und Temperatursteigerung, die 
rasch vorübergehen. Nach dem Schüttelfrost 
Salizyldarreichung. Die Temperatur ging am 
nächsten Tage zur Norm zurück, nach etwa 
12 Stunden gehen Schmerzen, Schwellung und 
Rötung der Gelenke zurück. In 3 Tagen 
wurde völlige Heilung erzielt. Keine Endo¬ 
karditis, obwohl es sich um schwere Fälle 
handelte. Saiizyl wurde noch 2 Wochen lang 
weiter gegeben. — 

Man darf auf die versprochenen Kranken¬ 
geschichten gespannt sein. 

VV. Alexander (Berlin). 


J Ruhemann (Berlin-Wilmersdorf). 

Albert Schmidt, Günstiger Einfluß des 
Kalziumchlorids ruf die Disposition zur 
paroxysmalen Lähmung (Myoplegia paroxys- 
malls congenita). Ncurol.Zentralbl 1917. Nr 3. 

Die Anschauung, daß die Lähmungsanfälle 
hei dieser rätselhaften Erkrankung durch 
paroxysmale Verengerung der betreffenden 
Muskelgefäße und dadurch bedingte Ischämie 
hervorgerufen werden, ließen Versuche mit 
Kalziumchlorid gerechtfertigt erscheinen, wel¬ 
ches die Vasomotorenerregbarkeit gegenüber 
konstringierenden Einflüssen z. 1>. der Adronalin- 

Borlin, Dru'k von 


E. Lesser (Berlin), Der Kampf gegen die 
Geschlechtskrankheiten. R. kl. W. 1917. 

Nr. 13. 

Das Wichtigste ist die Herabsetzung der 
Gefährlichkeit der Prostitution in ethischer und 
gesundheitlicher Beziehung; dann muß die best¬ 
mögliche Behandlung der Geschlechtskrank¬ 
heiten angestreht werden. Gegen die Beratungs¬ 
stellen für Geschlechtskranke, die allgemeine 
Meldepflicht und den Behandlungszwang er¬ 
heben sich gewisse Bedenken, welche die an 
sich scheinbar zweckmäßigen Maßnahmen illu¬ 
sorisch machen köunen. 

J. Ruhemann (Berlin-Wilmersdorf). 

W. Bfixcnstein. 


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Original-Arbeiten. 


i. 

Diathermie im Pendelapparat zur Mobilisation versteifter 
Celenke und Weichteile» Diathermie und Überdruckatmung 
in der pneumatischen Kammer zur Mobilisation pleuri- 
tischer Verklebungen und Verwachsungen. 

Aus der I. Med. Klinik (Poliklinik) der Kgl. Charite. 

(Direktor: Geheimrat Professor Dr. His.) 

Von 

Dr. H. Adam, 

Leiter der Abteilang für physikalische Therapie an der 1. Med. Poliklinik. 

Groß ist die Zahl der Kriegsverletzten und Erkrankten, bei denen es nach 
Heilung ihrer Wunden oder nach Ablauf ihrer Erkrankung gilt, die beschränkte 
Beweglichkeit der Extremitäten so rasch als möglich auf* einen hohen funktionellen 
Grad zu heben. Alle hierfür in Frage kommenden Heilmethoden gehören der phy¬ 
sikalischen Therapie an, die dadurch eine große Bedeutung in der jetzigen Zeit 
.gewonnen hat. Niemals aber vermag eine ihrer Methoden allein das Optimum der 
Leistung in der kürzesten Zeit zu erzielen, erst die zweckmäßige Verbindung 
■erreicht dies. Wie eine periphere Nervenlähmung nur durch kombinierte An¬ 
wendung der elektrischen Reizung vom Nerven und Muskel aus, durch Massage der 
Muskulatur und durch systematische Übung möglichst rasch zur Arbeitsfähigkeit ge¬ 
hoben wird, so leistet dies auch erst die kombinierte Anwendung bei den Bewegungs¬ 
beschränkungen der Extremitäten, mögen sie bedingt sein durch Versteifungen der 
Gelenke selbst infolge von Verwundungen oder Erkrankungen oder durch Narben¬ 
kontrakturen in den die Bewegung leistenden Muskelgruppen, oder nur beruhen 
.auf einer Atrophie dieser nach Gelenk- oder Weichteilentzündung im Anschluß 
in Erkrankungen oder Verwundungen. Bei der Nachbehandlung dieser Gruppen 
haben die Heißluftapparate die weiteste Verbreitung gefunden und verdienen es 
Auch, schon wegen der Möglichkeit sie überall zu verwenden. Im Stellungskampf 
finden sie sich bereits im Feldlazarett. Als Heizquelle dienen Spiritus, Gas und 
Elektrizität. In den Kriegslazaretten finden wir Moor-, Dampf- und Sandbade- 
«inrichtungen für denselben Zweck und daneben Gelegenheit zur Massage von 
geübter Hand. Lange 1 ) hat eine mustergültige diesbezügliche Anlage von der 
Westfront jüngst in dieser Zeitschrift beschrieben. In einzelnen Kriegslazaretten, 
vor allem aber in der Heimat, ist die Diathermie, die innere Durchwärmung 

ZeiUchr. f. phyilk. u. di St. Therapie Bd. XXX. Heft 8. 15 


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II. Adam 


mittelst hu'dtfreqßeater • ^echäseMröWfty -zu demselben Zweck in Anwendung und 
zahlreich sind die Veröffentlichungen über die. günstigen jieHopgsresultate, u. a. 
vftß' Kageischmidr-). 8t,ein"i. B.ttcky'l, MannD und Aber diese 

günstigen lutsukftte werden doch noch bei der Behandlung der ob^geuannten 
Erkrankungen in den Schatten gesteift, durch die Anwendung der. Diathermie 
ün. Päodelapparat, d. h. die sofortigb Ausmästung' der mobilisierenden Wirkung 
der inneren Erwärmung für die Beweguögsübiing. . Im Heißluft' oder Datnpt- 
kästen, im Moor- oder Sandbade wirkt, die Wärme zunächst' auf die Haut des 
behandelten Gliedes und bringt diese «tiu Schwitzen und die .Erwärmung' des- 
inneren erfolgt erst sekundär. Während der Behandlung liegt das Glied io 
dem Schwitzkasten, im Sand- oder Moorbad fest, eine Bewegung und Übungskur 
■• 1 . ••-■■-fe"-• _ . kann ich erst m einem darauf- 

Miihe, weil es nur uraßueft tmig- 
licti ist, An Apparaten kann 
es erst uaeh Abtrocknung und 
Abkühlung erfolgen. Wie ganz 
aurfers bei der Ölnthrmie: 
Sie erwärmt die Haut nicht 
wesentlich stärker als das 
Innere, Vermltfefet der «ach 
Kow r Arschik') fixierten Blei¬ 
elektrode n, die sicli z. 8. einem 
Kni«gÜeöifc.':;l^t. anschmiegeu, 
kann ich diesem im Pendel- 
apparat (s. Abb.ik'l) die elek¬ 
trische Wärme während der 
aktiven oder passiven Ütottiig 
zafähren. J&K Bleielektroden 
eignen sieh für die Verwendtrag 
tm Pehdeiapparat besser als 
die .Stanhdelektroden nach Bucky. ÜbeiTaschetid ist ouost schon 'bei der eisten 
Sitzung die Wirkung. Unter der .inneren Erwärmung mindert skh die Schmerz¬ 
haftigkeit, nach wenigen Miauten, es schwinden die willkürliche« Spannungen \u 
deu'Atüägönjsten, und die Bewegung ist sogieich dnü Pin gutes Stück Weiler 
möglich, Der Kranke taiit Vertmucn zu der Methode und übt fleitiig' 'allbiin 
im Pendelapparut outer 'andauernder Erwärmung- weiter. Dieser . Fortsoll? in 
hat zunächst keinen Bestand* unmittelbar nach der Abkühlung wird Be¬ 
weglichkeit wieder schlechter, eine Erfahrung., die gerade die Notwendigkeit 
beweist;, schon während der Erwärmung mit der Übung- zu beginne«. Erst eine 
tägliche, uih'.w yniständeu zweimal am Tage, vorgenorntnent 'Wiederholung er- 
reicht dartet-nfe Besserung. . Gering sind bei den Eriegsve.rlet?,teii und Erkratilcf<*a 
die GegemridikaüV.nen, die Haut verträgt fast stets .auch Säuger dauernde 
Behandlungen gut im Gegensatz zu der. ati-ophisrhen SSättt der defbrroiemuieh 
Arthritiker- und-der exsudativen - Diatbesc-n. Gebraucht haben wir die .Dfathermie- 


tV.älnr.end .’h.-r Betiandluüg. 

Abt». ää. (;rapaiä|iiinervfri:-t. 2 ijt>g des linken Knie;ze|<'<>k«:s 



IMatk.erm'ie im Pendidappiu-ai zur Mobilisation. versteiTte.*Beteakß u, VVoiefttciie «sw.. 


aj>parete von Siemens & Haiske mit de« 
neften VerteilerwieiieTstäTiden, störte Mhtirtio» 
pendeläjjparate. rois Dr. P$n>. in : Häaaöf.«*,.. 
die sich besonders für die koiattiBierte -An- 
wendttng eignen. Der Verteiierwniersfäiid' 
gestaltet:, dem mü der Jlethode bereits ver- 
■rauten Patienten sieb neu Strom selbst zu 
regulieren, so daß die Anwesenheit einer 
Schwester im Saale fiic viele Pätienteit ge. 
nftgt,' nachdem die Osten Sitzungen unter 
.Anleitung des Arztes stattfandeu. ^ 

Folgende Krankengeschichten und Ab- 
bildmigeu sollen das iigsagie erläutern. 





Ym der Tiehandlung auv 1»« Jan» 1917. 
Ähfa. : ä4. I« ra musp)ir ter verlet zun g des 
linken) Kniegelenkes. 


Beispiel, 1: iv, tl.SVkif&rv Wi Jahre. Graaat3plitterverrletzu«|r■ des linken Knie- 
^elehkrs. Vei'wnjidnng am 2 Nov, UBt» ä« der Somme.. Am 3. 'No?,. Mi. ehum fVMdlazmortt 
in Narftoäie ujmivn MA murtti Lafcftrtttxtige? «.vc-h • Berlin. trawpör-tfr n■' ‘ßl* 20. Jan. 
£|ö M^teiiheun hehantJetf. ^ ^sei^ und 

ton da zur Nacbludi&u.dlnug der }»Wsikaliseli iUerap«utwpheii AbTeilung der TiredizimsclieU 
Poliklinik der K^L cJliarire Überwiesen. Im Splitter m iüi medialen Kondyltfs der 
Tibia im BdiU^efibilde sichtbar, hie Oelenktepitd ist; mb der Penosr und Hum narbe 
verwacbseu, Es. • besteht rin m;U%er Erholt im GVteftk« Der hm rang- des linken Über* 

. xtimtkzh . im ;l m jmmgr? &h der dejs redMe% dir Differenz der Wademfiuskiüalur 
bctriUrt 1 c«n XHe Beo^Mog' des Knie-eieiHies ist stark behindert (s„ Abb. 24.)) infolge 
der Kapscdspamiufip: und großer ScJimei’Ähaftiöfkeit daheb Durch Dnithermjs im. Kendel- 
.*i|iparat. (si norftuiäls Abb. 2^), Haaaa#?. der des UtUcr^cheokdw, so wie durch tHg? 

liehe Hjektn^clie Peixung der Muskulatur wird Ah passive, wie aktive l>Higung im Kpje* 
gelenk in., der hurten Zeir von o Wochen: • winderher^estel1t . wie Abb. S5 zeigt* Bs 
erfuhrt Kööa45|iö^: V: ^im. ’Ers»ti-Trn‘pxmTiteU., PVr Vjitemhied; . im.. ÜmfänfC' dies Ober- pTui 
Pntersrhenieia •• vv?>r. Mi mi .picht mehr meßbare, .'.fTifTerenzeii xftriiekgoga/tgeiK 'E* bestand - 
mir noch ; ein Hej<isdeuz*.(.attXTS(*.li)ed. and links. An dieser Wirkung an? 

die Ahisk^aXrouMev; dk bekanntlich uicld bloß eine InnktivitiUratropluo ist, suiub m äut 
• tibphiscbeft ' Siiirüu^eu. • vam ß$!m&i an*:-. feevblti, ikt tlh? 

LMatiiermie zpexMbch beoeihaj. Ate . wirkt hier : bessev^B 
wit: Moor-, .Sanu- und SrblaiumbHdv.r -durch <)ib Hvimramie, 

<h> setrJ* >Bin gilit sh? in dobgi- 

tjüijöaJer Kichiabg durch Anlegfeh der Elekt iSMen ■ täyprps, t- 
male» und AiÄtzhu Ende dev benmffeudeii Mu^el^ruppv. 



, BbtivpiV 1 ä- • K!rv, MaSßShjrusjC^ö^ör, $i Jahre 5 
vorwruutet nm 13. Juni mi r. vor Verdun, Ov^natspliHor- 
Verletzung der rochton SdinUer. Nach dem or^on' Ver- 
bandwecösel im Eehll^urett mit L/vsarett^b^ muh BünaU* 
tr^nspoitiert Auf, Oeaunh .ft^ch BerlUb fernem Wojötiitaf, 
ffWr wnfite ihm im Uesrrve 1 azore1 1 „Nene WfJt" 

^im -'4%i ÄU)pist der : SpHttbi' bperhtiy entternt.. l)fe 
Wunde heilte midi. Endo Sopteuiber zur Sammolsidlo 
entlassen, 4öÄüdV.Nvawen ßtidem. Masshlge und Übuii^en 
im medlkontcodUiid^dimi justitu?. behandelt.. An? (Mv^^S^PPjR 
roher von dort dor phy^ikaiisth rhor>rpeotisoiio.n Ab- Am Sohlub der Kdumdlung den 
töMurig der medi/Jiiisrheu Poliklinik . de-r Kgl. i Tantö 2 *h< Pebr* lt>!7* 

dberwu'Äen: Damaliger JMiwd:' •O.numisplitt.erverletzuug Abi«. 2A <?rauatspli i t.errerieUun^ 
der reciter* äOuiHer, Einbrlnißnarbe am lateralen KÄüäfc des Unken Kniegelenkes. 

15??. 


HM11! 



*My- 

■M i ■. 


mmm : 

- ;•-•••'£ 




AeJ :Acti)ug iler Behandlung: den 

•£% tVttr. Itin. 





H. Adam 




Wir derLKdian lliing au» Okl» Nach der..Behan'dlnng aiu W* Nor. 1910* 

Abi) “26. Uraü.Ht«plittervorlc*tzung’ der rechten Schulte/, Abb. 27, 


%Uf> »ntraöpuiatns. medial davon .Opera!iOiiStAtfce* Knirschen Im SetHü'tergefcnk^ 

in dem die. Hcvve^tHi«fan 7 besonders aber da« Heben stark hesehtftnki. *fjid ($. Abk ■?£). 
Diatiiermie bi gieM^eitige passive AVir äfctfre Bewegung nhd Ma&suge bessern di« Be* 
\vegopgsiHldskeit in teieidicb 3 Wochen so, daß am *:>, Nnv/ die Emlamng ab arbetts 
vervvendimgstälVig für MDoirlonshareUdtuag vrtVilgcü kann. EDtla^Jin^betand s.'AUb-^?* 
Oie Besserung machte m*:h xrneh der EniJassnng weitere Fortschritt*;« Am 27/ Dezember 
wurde er bei einer Keüiiitj^ionöainersucimüg ö. v geschrieben, aber für die Mö&iüeas* 
Jierstelhui^ i'zp&pkxt uhd M dort ummtei brochcm bis jetzt .Mitte MaF tüugv 

Beiepiei 3 ; (h [)., I .umiwiri, Jöger-Rataillou 4 t 21 Jahre, Obevarm^ehuß. ra/Attteric- 
^eseboß. Verwundung am :*().. Kept. 1216 , Axt der Vördepfkid'te des Oberarms beiintfei 
sieh in dessen ,!Uitte eine IC* cm lange Narbe, die von oben lateral nach unten medial 
*\»er über den OberaOn ’ m? int pm Penpit adliftrent die Strec knn% des VtfHfer- 

arm'B ist im Ellenbogen imr bis znm rechten Winkel möglich, beim Versuch w^Umr 
.Slreeknög heftlgrer Schmerz unter Anap/innflnfe der Karbe ($* *4bb« 2#J< MeW^öcbeajäieite 

Oüft*£ftei\ 


Ifaispiol 4 : AV 

sj|j|| Kaufmann, 22 Jahre, Ap.it i 

fefl 19115 an Otitis Medte 

im Anschluß daran \V.arzeßfomai-t- 
eiterung und Radikötepcmfifin t\W 
|p; 6. Mai 1916, Ende ifai eitnmfet^ 

er« während das Öhr poch eiterte, 
an einer entzii nd 1 id\ee Heb well 4 r »xr 
nwf dem linken ■;&#& 
an einer Entzündung de* mlften 


tor der lVd»:u)dl»n : & nm 7» Uez:* U*10* 

Abb. 2*. Wehrbteilnäihe öl hl linken .fiherarni infolge 
1 ufaxilvrio^efiefKtft^sV. f 












Diathermie im Per»iloiftppftf ?U ?Ato b i lfe?liio h\ er 3 ieitccr iieienke m. WeiVhtmIt 4 msw* 


"vicb 3er UfkiHuUniu: ;uu fO, Jaiu HH 
fSte > «Vv‘(:hloiiu:irlM' um litilPw'Ol»er:irir 


Während der Behandlung am 1„ Febtr* IÄI7* Wahrend der Behandlung am t, Üfan !J>U 

Ahb. 31. Versteifung de» rechten Llltiögeftgcienfcrs mich septischer; Arthritis... Ahfc. 32. 











H- Adatn 


Kranken« die vorher wochenlang 4i 
liaudeU worden wären ohne Resultat. 

Die mobilisierende Wirkung der Diathermie, wie' icli sie an den Extremitäten 
im eheti beschriebene» SitUhj zäblmci. beobachtet habe, veranlaßte mich, sie auch 
für die Mobilisierung, von }>lenfitiswben Verklebungen und Verwachsunge« 
jH verwerten. »Sorgsam -lauö man bei der Auswahl der Kranken die Ätiologie der 
Pleuritis prüfen. Hei Kranken, bei denen begründeter Verdacht auf Towrkbfese 
besteht, wird man diese Behandlung gar nndtf erst versuchen. Aber auch bei Kranken, 
bei w*lcju>n mit er jteiidichster Abwägung aller äüologisclittii und klitsisehnB; Faktoreü 
kein Anhalt für den tubcrkjj|ß^ä der Erkrankung bestahl, oittÖ Immer 

noch mit dieser Mhglichkei! gerechnet werden und die Aufmerksamkeit während 
der Behandlung' darauf: -gerichtet sein, fm ganzen kann irma aber wohl sage». 
Mall unter den Kriegs verletzten and Erkrankte« die Tuberkdtosf als ätiologischer 


ziveckeotsprechetider Weise be 


Re^uUUräm SciiliiB dei Bebandhing aov 5, AprÜ lUlT. 

V«Essti>if*t>*gr fies rk^titim IdthogbhgulkhkflS senthebrr Arthritis 


Faktor für die Pleuritis nidu die Rolle spMü wie im Friedo«, denn andere 
Infektionserreger, '»kititithg und tieleukrbeu-ii'iatismus Awwje die Polvserositis 
bedroheii ddii^ Kriegsteilnehmer in gestgigäfbiiy:'. 'Mdtie- a» einer Pleuritis im 
erkraiikc«, wie Eiialirbugttö aas einem der große» Kriegslazarette ; dos 

Westens mirjt lehrten. Seit Jahren habe, ich mit den Übungen der schwedischen 
iiianneilen' Heilgrmuästtk sehrumfifeoije Pleuritiden nachb-eliaiidelt und darin trat 
so vollständigere Heilerfolge erzielt, je Milte» die rhiir.g emseutw konnte. Dein 
stand ult zweierlei im Wege. eimnaV oiö M kde^insetze» von Fieber, das jede 
Behandlung, auch die Piarnermk za »»t erbrechen .zwingt., zwelteüs der lebhafte 
Schmerz bei den Übungen inunge des mechnniscbeti Dehnens, Auf letzteres 
wirkt. lUiü die Diathermie quer 'durch die Brust hindurch ebenso sehmerziimienid 
wie. . bei dm t ielenkverkiebuage?« und - verwkc1isa»gf?i*. Auch hier niuü ich 
»»mittelbar' nach der Erwärmung (während derselben ist es nicht inöglichVdie 
( bi.vngcu, welche eine - Erweiterung des Brustkorbes’bezwecken, •einleite«, was ««» 
geringere» Beschwerden seitens des Kranke» möglich wird. Im Inner» des P-ntst- 




Diathermie im Pendelapparat zur Mobilisation versteifter Gelenke u. Weichteile usw. 231 


korbs hat die einmal gewonnene Durchwärmung längeren Bestand als an den 
Extremitäten, so daß es genügt, wenn ich unmittelbar nach Schluß der Diathermie¬ 
behandlung mit der Übung beginne. Immer ist bei diesen Patienten die Regulation 
zwischen Atmung und Kreislauf eine labile. Schon geringe Mehransprüche führen 
zu lebhaften Pulssteigerungen und Atemnot. Deshalb vertragen solche Patienten 
in diesen Anfängen der Rekonvaleszenz die Atmungsstühle nicht, wie zahlreiche 
Erfahrungen mich lehrten. Es bedarf vielmehr einer sehr vorsichtigen Dosierung 
auch in der Verwendung der Massage und der manuellen gymnastischen Übungen, 
die deshalb von einem hierfür geschulten Arzt selbst eingeleitet werden müssen. 
Ein noch schonenderes Verfahren schien mir im Anfang der Behandlung seit langem 
erwünscht. Ich fand es in der Einatmung von komprimierter Luft in der 
pneumatischen Kammer, eine solche steht mir jetzt zur Verfügung. Die günstige 
Wirkung für die Nachbehandlung der Pleuritis ist seit langem bekannt und wird 
allgemein anerkannt. Die komprimierte Luft führt nach Staehelin 8 ) zu einer 
Abblassung und Abschwellung der Schleimhäute der Luftwege. Dadurch wird der 
Weg für die Atmungsluft in die mehr oder weniger atelektatischen Randabschnitte 
der Lunge frei. Verschieden sind die Meinungen, ob diese komprimierte Luft 
wirksamer in der Form der pneumatischen Apparate oder der pneumatischen 
Kammer ist. Eine zusammenhängende Darstellung hierüber gibt v. Liebig im 
3. Kapitel von Teil I, Band I des Handbuches der Physikalischen Therapie von 
Goldscheider und Jakob. Die Verfechter der ersten Methode geben ihr den Vorzug 
weil sie es möglich machen, in verdünnte Luft auszuatmen, wodurch die Wirkung 
verstärkt werden soll. Waldenburg 9 ) ist der bekannteste Autor unter diesen, 
der bereits 1880 die Methode anwandte und empfahl. Noch früher 1875 tat es 
Cube 10 ), etwas später Schreiber und in den letzten Jahren Stemmler. Die 
pneumatische Kammer wird von anderen als das schonendere Verfahren hingestellt, 
weil der Kranke nicht an den Inhalationsapparat gebunden ist, sondern bequem 
und behaglich in der Kammer die ganze Zeit über sitzen kann, wobei die 
komprimierte Luft auf den Körper im ganzen und nicht bloß auf den Bronchial¬ 
baum wirkt, was bei dem labilen Gleichgewicht zwischen Atmung und Kreislauf 
in dem diese Rekonvaleszenten sich, wie schon gesagt, befinden, von Bedeutung 
ist. Aron 11 ) war der erste, der gestützt auf die Erfahrungen mit der pneu¬ 
matischen Kammer des jüdischen Krankenhauses hier die Überdruckatmung in der 
Kammer für die Nachbehandlung der Pleuritis warm empfahl. Ihm schließt sich 
A. Fraenkel in seiner Bearbeitung der Pleuritis im Handbuch der physikalischen 
Therapie an, in dem er schreibt: „Den Vorzug vor den pneumatischen therapeutischen 
Apparaten verdient aber der Aufenthalt in der pneumatischen Kammer, weil sich 
die Einwirkung der komprimierten Luft hier in mildester Form vollzieht und aufs 
genaueste graduiert werden kann.“ Meine eigenen Erfahrungen, die sich sowohl 
auf die Anwendung der Apparate wie der Kammer erstrecken, lassen mich eben¬ 
falls die Kammer als das mildere und wirksamere Verfahren bewerten. Deshalb 
beginne ich die Nachbehandlung der Pleuritis jetzt mit ihr, indem ich als günstige, 
den gewünschten Erfolg beschleunigende Methode, die Durchwärmung des Brust¬ 
korbs mittels Diathermie unmittelbar vorausschicke, weil sie die Verklebungen und 
Verwachsungen der Pleura hyperämisiert, so daß sie leichter nachgeben, wenn bei 
der Überdruckatmung die Luft die atelaktatischen Randabschnitte der Lunge bläht. 


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232 


H. Adam 


Zu der Frage, wann mit dieser kombinierten Nachbehandlung am 
richtigsten begonnen werden soll, möchte ich sagen, etwa 14 Tage nach 
dem Aufstehen, wie dies auch A. Fraenkel in der schon genannten Abhandlung 
für den Beginn der methodischen Atemgymnastik empfiehlt. Ein früherer Beginn 
hat sich mir nicht bewährt, versuchen konnte ich es, weil die Kranken auf der 
Räderbahre mittels Fahrstuhls schon zur Behandlung gebracht werden können, 
während sie noch bettlägerig krank sind. Einen Nutzen habe ich auch von der 
Diathermie allein in diesem Stadium nicht gesehen, hier sind die klinischen 
Behandlungsmethoden das wirksamere, vor allem die frühe Abnahme des Exsudates, 
die Karelische Milchkur, wie sie Hiß empfahl u. a. Bei diesen Frühversuchen sah 
ich neuerliche Fiebersteigerung auftreten. Erst für die Nachbehandlung der 
Fibrinmassen und die Verhinderung der Schwartenbildung aus diesen, 
ist die Diathermie die allen anderen überlegene Heilmethode. Aber 
auch noch für die Mobilisierung vorhandener Schwarten leistet die 
kombinierte Diathermie und Überdruckatmung sehr viel, und diese 
günstige Einwirkung erfolgt in viel kürzerer Zeit, als ich das früher 
kannte. Zuerst wird das Atmungsgeräusch deutlicher, dann hellt sich der 
Schall von oben beginnend auf, vor allem aber wird der Kranke leistungsfähiger, 
die Puls- und Atemfrequenz sinkt und bleibt auch bei Mehransprüchen, wie Treppen¬ 
steigen und ähnlichem niedriger. -In günstigen Fällen verschwindet jede Veränderung 
so vollständig, daß auch der geübte Untersucher zwischen den beiden Brusthälften 
eine Differenz mit den klinischen Untersuchungs-Methoden nicht mehr feststellen 
kann. Die Röntgen-Platte zeigt meist auch noch in diesen Fällen mehr oder weniger 
deutliche Schatten, aber auch sie können verschwinden. 

Ich lasse jetzt Kranke, die keine sichtbare Deformität einer Brust¬ 
hälfte zeigen, nur mit Diathermie und Überdruckatmung in der Pneu¬ 
matischen Kammer behandeln, während ich bei denen mit Deformität 
noch Massage mit Atmungsübungen nach einiger Zeit hinzufüge, die 
ich dann selbst einleite. 

Von jeder Gruppe soll ein Beispiel angeführt werden. 

K., Stabsarzt der Res. Früher stets gesund und besonders kräftig. Im November 
1914 in Flandern an einer rechtsseitigen Brustfellentzündung erkrankt und 4 Wochen in 
einem Kriegslazarett behandelt, zur Nachkur 3 Wochen in St. Blasien. Darauf in einem 
Kriegslazarett des Westens bis Herbst 1915 Dienst getan. Dann Meldung zur Front. 
Im Dezember 1915 während eines Gaskursus in Cöln fieberhaft erkrankt, aber nach 
wenigen Tagen Bettruhe zur Front zuriickgekehrt. Monatelang Mattigkeitsgefuhl, hier 
und da Fieber. Seit November 1916 nach ejner leichten Gasvergiftung tritt Atemnot 
sowie trockener Husten auf. Die Mattigkeit nimmt zu. Ende Januar 1916 wird ein 
frischer Herd links hinten unten mit weichem Reiben festgestellt. Eine Röütgenplatte 
vom 20. März 1917 zeigt folgendes: Ventrodorsale Durchleuchtung. Vom oberen Rand 
der 10. Rippe erstrekt sich ein intensiver Schatten mit welliger und zackiger oberer 
Grenzlinie nach lateral bis zur Mitte der 9. Rippe. Eine Röntgenplatte vom 22. März 
zeigt den 9. Interkostalraum in der medialen Hälfte heller, lateral hat sich der Schatten 
vom unteren Rand der 9. Rippe zurückgezogen und ist bis und noch über der 10. Rippe 
weniger dicht. Vom 10. Febr. bis 30. März 1917 hat eine kombinierte Behandlung mit 
Diathermie und pneumatischer Kammer stattgefnnden. Die Atemnot und das Reiben ver¬ 
schwinden während der Behandlung. Bei der Entlassung ist nirgends mehr Reiben zu 
hören, die untere Lungengrenze ist respiratorisch frei verschieblich. Rückkehr znr Front 
als Truppenarzt und dort bisher Dienst getan. 


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Diathermie im Pendelapparat zur Mobilisation versteifter Gelenke u. Weichteile usw. 233 


W. Gr., 41 Jahre, Maurer, Gefr. der Landwt. Batl. L., pleuritisches Exsudat. 
Früher gesund und aus gesunder Familie stammend. Im November 1915 in Polen er¬ 
krankt mit Stechen in der linken Brust beim Atemholen, Mattigkeit und Fieber. Am 
6. Dez. 1915 Aufnahme in einem Lazarett in Polen. Am 21. Dez. 1915 daselbst Ab¬ 
nahme von 800 cbmm einer serösen Flüssigkeit. Am 14. Jan. 1916 Überführung in ein 
Reservelazarett, dort nur einmal am 3. Jan. 1916 eine Probepunktion, die ein seröses 
Exsudat ergab. Am 22. März 1916 in die 1. medizinische Klinik der Kgl. Charitö aufge¬ 
nommen. Links hinten unten intensive Dämpfung bis 3 Querfinger breit oberhalb der 
Skapularspitze vorn bis zur 3. Rippe nach oben reichend. Auf dem Röntgenschirm intensive 
Beschattung nach oben bogenförmig begrenzt. Am 24. März wird durch Punktion 1 Liter 
seröse Flüssigkeit entleert. Am 31. März und 9. Mai Wiederholung der Punktion. Darauf 
bleibt die obere Dämpfungs- und Schattengrenze zwar dieselbe, jedoch hellt sich die Dämpfung 
sowie die Intensität des Schattens etwas auf. Ende Juni Beginn mit aktiven Atemübungen, 
erst im Oktober 1916 nach Eröffnung der therapeutischen Abteilung der neuen Poliklinik 
konnte mit Diathermie Behandlung begonnen werden. Von 30. November ab außerdem 
pneumatische Kammer mit Überdruck von 0,5 Atmosphären. Die Kammer wird gut ver¬ 
tragen, nach 14 Tagen wird weiterhin mit passiven Atemübungen auf der hohen schwe¬ 
dischen Bank begonnen, da eine bedeutende Deformität der ganzen linken Brust besteht. 
Die unteren und seitlichen Abschnitte bleiben bei der Atmung zurück. Unter der Be¬ 
handlung hebt sich langsam die allgemeine körperliche Leistungsfähigkeit. Nach leichten 
Anstrengungen, wie Treppensteigen wird Patient nicht mehr dyspnoisch, die Pulsfrequenz 
bleibt ruhiger. Die Behandlung wird in dieser Weise bis zum 17. März 1917 fortgesetzt. 
Das Nachschleppen der linken Seite bei der Atmung ist nicht völlig zurückgegangen, hat 
sich jedoch wesentlich gebessert. Die Dämpfung hat sich bei lauter Perkussion aufgehellt, 
bei leiser Perkussion besteht sie fort. Die untere Lungengrenze ist respiratorisch ver¬ 
schieblich geworden, das Atmungsgeräusch ist deutlicher geworden und rein vesikulär, der 
Schatten auf der Röntgenplatte hat sich etwas aufgehellt, der Lungenraum ist nicht größer 
geworden. Patient erhält einen Urlaub, in die Heimat aufs Land. Von dort kommt er sehr 
gut erholt zurück. Am 9. ilai 1917 kann er arbeitsverwendungsfähig entlassen werden. 

Die vorliegende Krankengeschichte habe ich als ein Beispiel dafür gebracht, 
was man funktionell noch mit der kombinierten Methode erreichen kann bei einem 
Kranken mit starker Deformität nach sehr lange bestandenem Exsudat, der vor¬ 
her mehrere Monate ohne Fortschritte dabei zu machen, behandelt worden war. 

Für die Überweisung dieser Verwundeten und Kranken danke ich auch an 
dieser Stelle den Herren Professor Brugsch, Dr. Gehrke, Kaminer und Köhler. 

Literatur. 

I ) Lange, Das Kriegslazarett als Rheumatikerbad. Ztschr. f. physik. u. diät Ther. 1917. H. 1. 

*) Nagelachmidt, Lehrbuch der Diathermie. Über Diathermie, M. m. W. 1909. H. 50. — 

Klinische Anwendung der Diathermie. Deutsch, med. W. 1911. H. 1. 

3 ) Stein, Die Diathermie bei der Behandlung der Knochen und Gelenkerkrankungen 
B. kl. W. 1911. H. 23. — Die Verwendung der Diathermie bei chirurgischen Erkrankungen. 
Ztschr. f. ärztl. Fortbildung. 1913. Nr. 16. — Die Anwendung der Diathermie bei der Behand¬ 
lung der Kriegsverletzungen und Kriegskrankheiten. B. kl. W. 1915. Nr. 16. 

4 ) Bucky, Die Diathermie in den Lazaretten. Deutsch, med. W. 1915. Nr. 16. 

5 ) Mann, Über Diathermie. B. kl. W. 1914. H. 17. 

ft ) Braun, Die Diathermie im Kriege. Die Therapie der Gegenwart. 

7 ) Kowarschik, Die Diathermie. IT. Aufl. Berlin 1914. Verlag v. Springer. 

8 ) Staehelin, Mohr-Stachelin, Handbuch der Inneren Medizin. Berlin. Verlag v. Springer. 
(Abschnitt über Lungen- und Pleuraerkrankungen.) 

®) Waldenburg, Die pneumatische Behandlung. Berlin 1880. 

,0 ) Cube, Die pneumatische Behandlung. B. kl. W. 1875. 

II ) Aron, Über die Nachbehandlung der Pleuritis. Therap. Monatsh. 1896. S. 473. 


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234 


L. Ratz 


H. 

Röntgenologie und Krieg. 

Von 

Dr. L. Katz 

in Berlin-Wilmersdorf. 

Seit der epochemachenden Entdeckung Röntgens im Jahre 1895 sind die 
Röntgenstrahlen bereits in sieben Feldzügen erprobt und praktisch verwertet 
worden. Aber erst dem jetzigen Weltkriege bleibt es Vorbehalten, eine ganz 
außerordentliche Kraftprobe an die Leistungsfähigkeit des Röntgenverfahrens zu 
stellen. Nicht nur im Heimats- und im Etappengebiete, in den Kriegs- und in den 
Feldlazaretten finden wir stabile, den höchsten Anforderungen moderner Röntgen¬ 
technik entsprechende Apparate, sondern auch leicht bewegliche, vollkommen 
leistungsfähige Feldröntgenwagen, die durchaus nicht, wie man noch zu Kriegs¬ 
beginn annahm, eine starke Belastung des Trains darstellen und die, wie 
Matthey auf Grund seiner Erfahrungen aus dem Balkankriege noch sagen konnte, 
den Strapazen eines Feldzuges nicht gewachsen wären. Dank der hervorragenden 
Verbesserungen (v. Gergö, Grashey usw.), welche das Feldröntgenwesen erfahren 
hat, und der Vereinfachungen gewisser Methoden wie des Geschoßlokalisations¬ 
verfahrens dürfte es nicht mehr angängig sein, die Verwendung der Röntgen¬ 
automobile als eine bessere Spielerei aufzufassen. Der Nutzen, den die möglichst 
sofortige Anwendung der Röntgenstrahlen den Verwundeten, insbesondere bei 
Schädel- und Steckschüssen, bringen kann, dürfte doch bei weitem mehr in die 
Wagschale fallen, als die hier und da vorkommenden Versager. Hängen doch 
die günstigen Resultate, die Erhaltung des Lebens und der Funktion lebens¬ 
wichtiger Organe oft sehr häufig von einer systematisch ausgeführten Operation 
ab, die lediglich oft nur auf Grund des Röntgenbefundes vorgenommen werden kann. 

So gewaltig auch die Umwälzungen auf dem Gebiete des Feldröntgenwesens 
sind und so hervorragend die Vervollkommnungen der gesamten Apparatur — 
erwähnt sei die Vorrichtung von Loewe und von Haenisch und Brauer, die 
auch Untersuchungen auf dem Trochoskop bei inneren Krankheiten gestattet, — 
und notwendigerweise die dadurch erzielten günstigen Resultate sind, so dürfte 
der Schwerpunkt der Leistungen der Röntgenologie nicht in den vorderen Sanitäts¬ 
formationen zu suchen sein. Es ist nun nicht die gegenwärtige Aufgabe, ein 
Referat über die Indikationen für die Anwendung der Röntgenstrahlen im Kriege 
zu geben — sie decken sich ja zum größten Teile mit denjenigen, welche die 
Friedensarbeit diktiert —, sondern wir wollen zu schildern versuchen, wie sich Krieg 


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Röntgenologie und Krieg. 


235 


und Röntgenologie wechselseitig beeinflußt haben und welche Ergebnisse bisher 
zutage gefördert wurden. 

Soweit sich bisher übersehen läßt, hat die Röntgentherapie bei den 
Kriegskrankheiten nur wenig neue Indikationen erfahren. M. Fränkel regt an, 
komplizierte schwere Frakturen durch große Dosen Röntgenstrahlen zu behandeln, 
und berichtet über vierzig Fälle, die er der „Reizdosentherapie“ unter¬ 
worfen und günstig beeinflußt hat. Auch bei großen Hautdefekten und Fisteln 
konnte er nach Analogie der tuberkulösen Fisteln durch Bestrahlung prompte 
Heilung erzielen. Auch auf die schmerzstillende Wirkung der Röntgenstrahlen 
macht er aufmerksam, die er in frappanter Weise bei einer Gallenblasenentzündung 
und bei heftiger Ischias bestätigt finden konnte; zwei bis drei Sitzungen genügten 
für gewöhnlich zur Herbeiführung des gewünschten Resultats. Kromayeir gibt 
folgende Anzeigen für die Röntgenbehandlung bei den Kriegskrankheiten an: Das 
Stadium der Gewebskallusbildung ist es, in dem die Röntgenbehandlung erfolgreich 
eingreifen kann, indem das nutzlos granulierende und entzündlich infiltrierte Gewebe 
durch Röntgenbehandlung zur Resorption und Umwandlung in wenig umfangreiches, 
atrophisches Narbengewebe überführt wird. Bei oberflächlich gelegenen Wunden 
wird eine kleine Erythemdose, in drei Teile fraktioniert, etwa an drei aufeinander¬ 
folgenden Tagen appliziert. Bei tief gelegenen Wunden wird nach den Prinzipien 
der Tiefenbestrahlungen (harte Röhre, Filter, Kreuzfeuer) verfahren, jedoch keine 
massiven Dosen verabfolgt. 

Was die Narbenbehandlung bei Kriegsverletzten betrifft, so scheint das 
Radium der Röntgenstrahlung überlegen zu sein. Kaminer konnte an 81 Ver¬ 
wundeten die äußerst günstige Wirkung auf Härte, Verschieblichkeit und Schmerz¬ 
haftigkeit der Narben nach Radiumbestrahlung konstatieren; auch kosmetisch gute 
Resultate dürften sich möglicherweise erzielen lassen. In ähnlich günstigem 
Sinne äußert sich Laborde, die an zwei sehr eklatanten Fällen dartun konnte, 
„wie durch Radium infolge seiner narbenlösenden Wirkung fibröse Verwachsungen 
und Adhäsionen der Sehnen und Nerven gelöst und die Funktionsstörungen 
gehoben werden“. Außer bemerkenswerten Resultaten bei Narben und Keloid- 
beschwerden, Narbenkompressionen und Adhäsionen gelang es ihr auch bei 
108. Fällen von Nervenlähmungen und schmerzhaften Neuritiden durch Radium¬ 
bestrahlung namhafte Erfolge zu erzielen. Von 34 peripheren Lähmungen waren 
9 geheilt, 18 blieben unbeeinflußt; bei monatelang bestehenden Lähmungen mit 
Entartungsreaktion erfolgte oft Heilung in wenigen Wochen. 

Selbstverständlich bestehen auch im Kriege all die Indikationen zu Recht, 
die während der Friedensarbeit bei den mannigfachsten Erkrankungen aufgestellt 
wurden. Freilich wird den viel beschäftigten Röntgenologen in den vorderen 
Sanitätsformationen nur wenig Zeit bleiben, sich der Röntgentherapie bei Kriegs¬ 
verletzten zu widmen; dagegen dürfte in vielen Heimats- und Etappenlazaretten 
wohl recht ausgiebiger Gebrauch von der heilenden Wirkung der Röntgenstrahlen 
gemacht werden. So hatte ich Gelegenheit, bei zwei Kranken Lymphosarkome 
zu bestrahlen. 

Als erster Fortschritt auf diagnostischem Gebiete wäre der röntgenologische 
Nachweis der Gasphlegmone zu erwähnen. Gottwald Schwarz war der erste, 
der darauf aufmerksam machte, „daß bei Vorhandensein von Gasphlegmonen nach 


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‘236 L. Käi* 3 

Verletzungen innerhalb .»kr Weichieibe: größere und kleinere imrvgelraäßig'e ■ Ftesfem 
auf dmo RbntgenbiM« zu sehen sind, dk* gut ■knnöiikreb und im Positiv iur.beüs 
AuFspambgeu hervof treteu '* 'Diese'" Befunde kunnten in der Folgezeit, von Viehs» 
Beobachter« bestätigt werde»/ -34**rtfers-, Kausch, Löhner. Davis, l,edoux> 
Lehard, Bnrehai <1 »sw. Manche Autoren, wie Finekir, Grotb a. *w haken 
die Röntge« platte l'Ur derartig charakteristisch,• daß sie ..ein wichtiges, unter 
• Umstünden $«sschIaggebendes HilfsniittelV dameilt. Sie weisen ferner auf dir 
Wichtigkeit.-iks:Rö.iitgenbildw* fttr'dteFruhdiaarnose derGasiihlegniouehm. Nän»et.t<M> 
bei den langsam steh ent wjekelmien, mlldKrepdrisd lüjmeheiubsu'en Formeri: bej-denr?*, . 
wie JCnnsch richtig bemerkt., die cbarakleristische Ifaut.verfät bttng fehlt und die- 
klinisch noch keine pathologische Gasansatunilüng ft kennet; lasset* t. Burch;':|i 


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die Röntgenaufnalinm wosehtJjCh 


gefördert wird, er glaubt, vielmehr,'daß es meist vorgeschrittene. Fälle sind, iwi 
denen die t Vasa ns* inm huis: im Röntgeubilde. zu sehen ist. Aber nicht stets sind 
ies vtmtliirhfc Tinft.blasen, die im Aktinogramm wührgenorumetl weiden. bisweilen 
lindeti sielt „zahlreiche streibiitiortuige Schatten, nie sieh zwischen und in den 
Muskeln verbreifepd' Diese shrni%e. Aufheitong seil ein eindeutigem, klirusch m- 
wertbares Bild iiher die Ausdehnung ?truS Abgrenzung der'öaspljlfegwtihe abgehen. 
Doch auch diaguo.-rische frHiimer können unterlaufen. Lufträume im Verband 
können eine Gasjdilegmooft; vortsiiscbe«, besonders wetüt man Ortizonpulver oder 
-stähebeu verwendet fDülme-r), und Bitreliard fügt tnnzu, daß .man Sieh vor 
Verwechslungen mit Gas anderer Provenienz hfjtMj irmll. das irgendwie iti diu 
Verletzung gekounuea ist. Its übrige» sei auf eine Notiz von Schwarz auf¬ 
merksam gemacht,.: dalV durchaus «khi. umiöigäftgliuh: die Blatteuäufriahnie züib 
röntgenologischen Nachweis, erforderlich ist, aotident daß eine richtig durchgeführt*' 
Durchleuchtung zur IStqguosei^telffth^v.-^g^ttgflv.wißi' besonders bei dem Masserr- 
betriehe m den Feldiazarettenj von Wjehtigke.it iaf. 

Von gericlitsärztHcheni Interesse, .ist eine Mittetliug -von Martens: Ein .ix? 
die Hemmt entlasssener Soldat batte aiF Behauptung- aufgestellt, 4«ß: bei ihm eine 
Amputation zu Unrecht Keniacht .worden sei. Marlens konnte nur au .der Hand 
der Bößtgenplatte den Strikten Nachweis einer vorhandenen Gaspblegmonr **tv 
bringe«;. *o daß wohl die Amputation.-»ach der ganze» .Sachlage zu urteilen, das 
einzige Mittel war,. Albt« Menschen das Leiten »i erhalten. Von diesem >mtM- 
punku- ans i..etr»f;hfet,'diirff.»: der eben et wähnte Sch war zsclie V(«schlag eine 
' FinsehHiiikimg erfahre».' Der «-ruttdsau sollte lauten, Bei allen an öRsphlegmon«.' 
leidetnlen iSöldaten. hei denen eine verstümmelnde .Operation gepteut Ist, Böutgen- 
plstten miznlVitig.-». dm etwa, j-päterhln erfalgendeo Angriffen die Spitze nehmen, 
jederzeit, vor Gericht produziert - und vdfl den Sachverständige« richtig attsgehirt 
werden können. 

An zweiter Stelle wäre als. diagnostischer .Fortschritt der röntgenologische 
Nachweis der Dunidunigesdioßveiietzung zu nennen. Noch zu Kriegsbeginn 

gle 






Röntgenologie und Krieg. 


237 


konnte Kirschner schreiben: Der einzige eindeutige Beweis dafür, daß eine 
Wnnde durch ein Dumdumgeschoß, herbeigeführt wurde, ist die Auffindung des 
Projektils in einem so wenig deformierten Zustande, daß sich noch absolut sicher 
feststellen läßt: an seinem vorderen Ende war die Geschlossenheit des Stahl- 
mantels bereits vor dem Abfeuern der Patrone absichtlich unterbrochen. Und v. Bruns 
sagt: „Die Entscheidung, ob eine Dumdumgeschoßverletzung vorliegt oder nicht, 
ist aus dem klinischen Bilde auch mit Hilfe der Röntgenstrahlen in der Regel 
nicht möglich.“ Und doch bestehen beide Ansichten nicht mehr zu Rechte. 
Zahlreiche, einwandfreie Röntgenphotographien von Hänisch und anderen haben 
gelehrt, daß die Auffindung des Geschosses für die Diagnose „Dumdumverletzung“ 
durchaus nicht unbedingt erforderlich ist und daß ferner sehr wohl das Röntgen¬ 
bild den entsprechenden Nachweis bringen kann. „Charakteristisch im Röntgen¬ 
bilde ist oft die abgebrochene Geschoßspitze sowie die Unmenge von Bleispritzern, 
die stellenweise angehäuft oder weit zerstreut sind“ (Valentin). In ähnlichem 
Sinne äußern sich Stargardt und Thöle, welch letzterer bei seinen experimentellen 
Schießversuchen zu der Ansicht gelangte, daß für die Dumdumverletzung des zur 
Spinnenform deformierten Geschosses, Aussaat von Bleistückchen bei dicker 
Muskulatur und ein massenhaft dichter Bleischatten bei Epiphysen- und Diaphysen- 
schnß beweisend ist. Gegen diese einigermaßen charakteristischen Befunde könnte 
immerhin der Einwand geltend gemacht werden, daß eine Explosivgeschoß-(Granat- 
Schrapnell-)wirkung, Nahschuß, Mantelreißer, Querschläger usw. Vorgelegen und 
ein solches Röntgenbild verursacht habe. Daher mußte es mit Genugtuung 
begrüßt werden, als es Hänisch gelang, im Röntgenbilde die Zweiteilung des 
offiziellen englischen Infanteriegeschosses darzutun. Das englische Geschoß, das 
dem deutschen äußerlich sehr ähnlich ist, besitzt nach den Untersuchungen von 
Stargardt zwei Kerne, und zwar in der Spitze einen 11 mm langen, aus Aluminium 
bestehenden, für Röntgenstrahlen durchlässigen Kern und dahinter, durch eine 
schmale Trennungslinie getrennt, einen zweiten schweren, 20 mm langen, aus 
Blei bestehenden, die Röntgenstrahlen absorbierenden Kern. Auf der verschieden 
großen Dichtigkeit und auf dem Unterschiede im spezifischen Gewichte der beiden 
Metallarten baut sich nun die Röntgendiagnose auf. Im Radiogramme läßt sich 
deutlich die abgebrochene Aluminiumgeschoßspitze nachweiseo, die sich bisweilen 
noch im Zusammenhänge mit dem Geschoßmantel befindet. Die verschiedenartige 
Zusammensetzung - des Geschoßkernes ist es eben, die eine Dumdnmverletzung 
bewirkt. Die Aluminiumspitze bleibt an der Einschußstelle liegen, während der 
Bleikern beispielsweise durch den Arm hindurchgeht, in den Thorax eindringt 
und seinen Weg durch zahlreiche Bleispritzer kennzeichnet. Zum Schlüsse dieses 
Abschnitts sei die Ansicht Thöles in Parallele mit der Eingangs erwähnten 
Äußerungen Kirschners und v. Bruns rekapituliert. Auf Grund seiner 
experimentellen Untersuchungen kommt er zu der Ansicht, daß die „klinische 
Diagnose der Dumdumverletzung bei Knochenbrüchen ohne Röntgen unmöglich 
mit Röntgen meist möglich, bei Fleischschüssen mit Röntgen immer möglich, ohne 
Röntgen meist nicht möglich ist“. 

Als ein weiteres Ergebnis der gegenwärtigen Zeit muß die Tatsache erwähnt 
werden, daß das Röntgenverfahren als Kontrollmethode für die Diagnose sowohl 
wie für die Therapie sich endlich die gebührende Anerkennung verschafft hat. 


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Schon in Friedenszeiten in ausgiebigem Maße in Krankenhäusern und größeren 
Privatkliniken angewandt, wurde das Röntgenverfabren in dieser Beziehung jedoch 
von den Praktikern ziemlich stiefmütterlich behandelt. Man ließ wohl 
diesen oder jenen Fall röntgenologisch untersuchen, aber eine regelrechte Revision 
der gestellten klinischen Diagnose, geschweige denn des eingeschlagenen Heil¬ 
verfahrens oder des Heilungvorgangs auszuüben, hielt man im allgemeinen für 
überflüssig. Nun hat aber der Krieg in dieser Hinsicht Wandlung geschaffen und 
Tausende von Praktikern eines Besseren belehrt. In unzähligen Fällen haben 
sie sich persönlich davon überzeugen können, wie wichtig die Röntgenkontrolle 
ist: ein bis dahin als auf funktioneller oder neurotischer Basis beruhend angesehenes 
Leiden wird richtig erkannt und dementsprechend therapeutisch beeinflußt; bei 
einem Manne, der verschüttet war und der als Drückeberger angesehen wurde, 
ergab die Röntgenaufnahme eine Absprengung eines Querfortsatzes eines Lenden¬ 
wirbels; in Fällen von Rheumatismus des Fußes konnte ich mehrmals eine Fraktur 
der Metatarsalknochen (Marschfraktur) nachweisen; bei zwei anderen Leuten, die 
mit der Diagnose Ischias eingeliefert wurden, ergab das Röntgenogramm eine 
, typische Schenkelhalsfraktur, ohne daß etwa ein erheblicheres Trauma Vorgelegen 
hatte. Interessant ist der Fall eines Offiziers: er hatte einen Schädelschnß 
erhalten, der vorhandene Knochendefekt war osteoplastisch gedeckt worden; da 
aber andauernd Beschwerden, Kopfschmerzen und Schwindelanfälle bestanden, 
mußte eine Röntgenaufnahme gemacht werden, die das überraschende Resultat zu¬ 
tage förderte, daß noch eine Schrapnellkugel im Hinterhaupte saß. In einem 
weiteren Fall war der Geschoßmantel aus der Schädelwunde operativ entfernt 
worden, die Revision mittels Röntgenstrahlen ergab aber, daß der Geschoßkern 
noch unversehrt im Schädel lag und daselbst eine Reihe von Symptomen verursachte, 
die eine erneute Röntgenuntersuchung notwendig machten. In wiederum anderen 
Fällen waren Knochen- resp. Geschoßsplitter entfernt worden, die revidierende 
Röntgenaufnahme ergab aber, daß die Operation nur teilweise getan war und 
daß erneute therapeutische Maßnahmen erforderlich seien. Deshalb kann man 
den Chirurgen nur beipflichten, die vor „halben“ Operationen warnen und 
ein operatives Vorgehen nur dann gutheißen (dringende Fälle ausgeschlossen), 
wenn der Fall klinisch und röntgenologisch vollkommen aufgeklärt ist. 

Dieser Grundsatz sollte auch für die Amputierten vor Beschaffung der 
Prothese gelten; nicht eher das Ersatzglied, bis durch wiederholte Kontrollröntgen- 
aufnahmen die volle Intaktheit des Amputationsstumpfes sichergestellt ist. Wie 
oft werden Exostosen und periostale Auflagerungen festgestellt und zurückgelassene 
Knochen- und Geschoßsplitter entdeckt, die langwierige Eiterung unterhalten 
und häufig genug die Quelle von so großen Schmerzen sind, daß das Tragen der 
Prothese zur Unmöglichkeit wird. Durch Röntgenaufnahmen kann den Kranken 
viel Leid, dem Staat viel Geld erspart werden. 

Auch vor der Entlassung aus der Lazarettbehandlung sollte der Abgangsbefund 
womöglich röntgenologisch festgelegt resp. kontrolliert werden, um etwa später 
erhobenen Ansprüchen seitens der Erkrankten wirkungsvoll entgegentreten bzw. 
ihren Forderungen gerecht werden zu können. Namentlich^ bei Herz- und Lungen¬ 
affektionen dürfte dieses Vorgehen sehr ratsam sein. Ein Röntgenbild mit 
negativem Lungenbefund beweist, daß zur Zeit der Aufnahme grobe anatomische 


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Röntgenologie and Krieg. 


239 


Veränderungen im Lungengewebe nicht vorhanden waren, denn sonst müßte 
zweifelsohne die Platte dieselben auf weisen; ein Röntgenogramm mit positivem 
Lungenbefund beweist gewisse anatomische Läsionen. Bei Kontrollanfnahmen, die 
selbstverständlich unter den gleichen Aufnahmebedingungen (Plattenentfernung, 
Lagerung des Kranken, Härtegrad der Röhre usw.) ausgeführt werden müssen, 
lassen sich die früheren mit den neu gewonnenen Platten vergleichen, und man 
kann hinreichend Anhaltspunkte gewinnen, ob der Zustand sich wesentlich 
geändert hat oder nicht. Nur in den Fällen, in denen der Plattenbefund kein 
eindeutiger ist, dürfte es bisweilen schwerfallen, ein abschließendes Urteil zu 
fällen; hier kann nur die genaueste klinische Beobachtung zum Ziele führen. 

Als ein weiteres Ergebnis der Kriegszeit müssen wir der Fortschritte auf 
dem Gebiete der Fremdkörperlokalisation und der dadurch gewonnenen Sicher¬ 
heit in der Indikationsstellung der Entfernung der in dem Körper steckengebliebenen 
Projektile gedenken. Es würde eine Arbeit ganz gewaltigen Umfangs für sich 
darstellen, wollte man auch nur mit wenigen Worten all die Methoden und. 
Methödchen erwähnen, welche der Krieg gezeitigt hat und noch fortwährend 
hervorbringt. (Man hat in der deutschen Literatur annährend 300 verschiedene 
Verfahren gezählt.) „Fast jeder Tag gebiert ein „neues“ Verfahren, und bald hat 
nun wohl jeder Röntgenologe sein selbständiges Spezial verfahren.“ -(Engelbrecht.) 
Nicht etwa, daß all die angegebenen Verfahren das Epitheton „neu“ verdienen, 
nein, sie haben alle fast ausnahmslos in Friedenszeiten existiert oder doch 
wenigstens in ihren Grundzügen bestanden. Es lassen sich fünf Hauptgruppen 
der Fremdkörperlokalisation bzw. der Tiefenlagebestimmung abgrenzen. 1. „Die 
Durchleuchtungsmethode.“ Von Levy-Dorn in ihren Hauptmerkmalen bereits im 
Jahre 1897 in seiner „Viermarkenmethode“ genau gekennzeichnet, erfuhr sie im 
Laufe der Zeiten, namentlich aber durch Holzknecht und seine Schule, eine 
derartige Umgestaltung, daß sie heute als nahezu vollkommen angesehen werden 
kann. 2. Aufnahmemethoden. Aus dieser Gruppe ist wohl das Fürstenausche Ver¬ 
fahren das am meisten bekannte und am häufigsten angewandte; es wurde von 
Weski, Salow, Verfasser sowie vielen anderen in recht handlicher Weise aus¬ 
gebaut. 3. Die dritte Hauptgruppe umfaßt die Kombination beider voraufgegan¬ 
genen Methoden. 4. Das Stereoskopische Verfahren, wie es von Hasselwander 
in genialer Weise in seiner stereoröntgenogrammetrischen Ausmessungsmethode 
vervollkommnet wurde. 5. Die röntgenoskopische Operation; von Holzknecht und 
Grünfeld 1903 bereits ersonnen, wurde sie von Grashey stets gepflegt und 
immer weiter ausgebaut, so daß sie immer mehr und mehr Anhänger gewinnt. 
Und heute läßt sich sagen, daß die letztere Methode, namentlich nach vorauf¬ 
gegangener Lokalisation mit dem stereoskopischen Verfahren, in Zukunft die Methode 
der Wahl für die Entfernung des im Körper sitzenden Projektils werden dürfte. 
Nicht die Durchleuchtung, nicht Verschiebungsaufnahmen, nicht Fremdkörpertelephon, 
nicht die Geschoßharpunierung, nicht die Nadelkissenmethode, nicht die Tiefen¬ 
bestimmung mit absoluter mathematischer Genauigkeit und nachfolgender ana¬ 
tomischer Rekonstruktion der Geschoßlage sind das Erstrebenswerte — sie haben 
alle gewisse Nachteile, versagen an gewissen Körperstellen und lassen gerade dann 
im Stich, wenn wir es am wenigsten gebrauchen können. Aus der Fülle der 
Methoden haben sich die beiden letzteren als brauchbare Verfahren herauskrista- 


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lisiert, die für den Operateur in jedem Falle und an jeder Körperstelle anwendbar 
sind; namentlich die Kombination beider Methoden dürfte keine Versager in der 
Geschoßentfernung mehr im Gefolge haben. Da nun nicht alle Lazarette mit 
.dieser immerhin recht kostspieligen Apparatur ausgestattet sein können, hat 
Schmidt den beachtenswerten Vorschlag gemacht, und Holzknecht hat ihn in 
energischer Weise unterstützt, die Geschoßentfernung zu zentralisieren, d. h. im 
Bereiche eines jeden Korpsbezirkes Stationen zu errichten, die, in vollkommenster 
Weise ausgerüstet, von den besten Chirurgen und Röntgenologen beraten, die 
Lokalisation der Geschosse und deren Entfernung vornehmen. (In der k. k. Armefe 
bereits mit Erfolg eingeführt.) Auf diese Weise dürften die doch noch recht 
oft vorkommenden Mißerfolge am besten beseitigt werden. Auch könnten die 
Geschoßstationen gleichzeitig als Zentralprüfungsstellen für etwa neu auf tauchende 
Verfahren dienen. 

Auch auf den übrigen Gebieten der Medizin haben wir nur über günstige 
Erfahrungen mittels des Röntgenverfahrens zu berichten. Die Chirurgie, Orthopädie 
und Zahnheilkunde (Bruhn, Hauptmeyer, Kühl und Lindemann) hat in aus¬ 
giebigster Weise sich der Röntgenstrahlen zu vollkommenster Zufriedenheit bedient. 
Dieses beweisen die zahlreichen Arbeiten aus diesen Gebieten, auf die näher ein¬ 
zugehen uns der Raum mangelt. Nur über einige neue Beobachtungen sei kurz 
berichtet: Coenen beschreibt einen typischen Steckschuß des Rückenmarks, dessen 
Charakteristika sind: die Unkenntnis des Verwundeten von der Art der Schu߬ 
verletzung, der lange Schußkanal von der Schulter bis ins untere Brustmark, das 
schließliche Steckenbleiben des Geschosses im Rückgratkanal, der Symptomen- 
komplex und der schließliche Tod. Ferner fand er, daß bei Schnßverletzungen 
der Synchondrosis sacro-iliaca oder deren nächster Umgebung das Trendelenburgsche 
Sympton vorhanden ist. Eine typische Oberarm fr aktur durch Propellerschlag 
beschreibt Kothe: Oberhalb des Ellenbogens bricht der Oberarm (meist der linke) 
und führt zu einer suprakondylären Fraktur mit Dislokation der Bruchstücke. 

So einfach auch häufig die Röntgendiagnose eines Bruches ist, so schwer kann 
sie bisweilen — namentlich am Schädel — werden; deshalb muß die wohlbegründete 
Forderung von Schüller, Thiemann und Bauer aufs kräftigste unterstüzt werden, 
nur absolut gute, technisch vollendete Röntgenbilder für diagnostische Zwecke 
verwerten zu sollen; ein schlechtes, meist mit zu harter Röhre angefertigtes 
Bild ist für die Erkennung von Details (Fissuren, kleinen Splittern, Abszessen, 
Hämatomen usw.) nicht zu gebrauchen. Deshalb müssen die röntgenologischen 
,,Kallusstudien“ und die sich daraus ergebenden praktischen Folgerungen (Wachtel, 
Handeck, Zehbe, Sommer usw.) um so höher bewertet werden, da sie korrekt 
angefertigte, experimentell nachkontrollierte Radiogramme darstellen, die höchst 
wichtige Dokumente von bleibendem Werte repräsentieren. 

Die Brust- und Lungenschüsse waren das Objekt zahlreicher Untersucher. 
Wenn auch ein abschließendes Urteil zurzeit über die Heilung bei Schußverletzungen 
des Brustkorbs abzugeben verfrüht erscheint, so geht doch eine Tatsache aus den 
Beobachtungen hervor, daß wir die Lungenschüsse viel zu günstig beurteilt haben 
und daß wir unsere Prognosenstellung in dieser Hinsicht revidieren müssen. Ein¬ 
mal unterliegt doch eine relativ große Zahl der Verletzten auf dem Schlachtfelde 
der Verwundung, andererseits treten im weiteren Verlauf häufige Komplikationen 


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Röntgenologie und Krieg. 


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anf, die auch noch längere Zeit nach der Verwundung unter Umständen zum Tode 
führen, den Heilungsprozeß erschweren oder verzögern können. In erster Linie 
sind hier die Schwartenbilduügen zu erwähnen. Kaminer und Zondek haben 
darauf aufmerksam gemacht, daß Verwachsungen zwischen Pleura und Zwerchfell 
einerseits und Pleura und Perikard andererseits entstehen können, die einen 
Symptomenkomplex hervorrufen, der ganz dem Bilde der Herzneurose ähnelt, in 
der Tat aber in dieser Schwartenbildung seine natürliche Erklärung findet. Auch 
Stadek fand diese Schwartenbildung sehr häufig, je nach ihrer Ausdehnung führt 
sie zu einer Beeinträchtigung der Lungenzirkulation und hiermit zu einer Mehrbe¬ 
lastung der Herzarbeit. Wenn uns daher Brustverletzte subjektive Angaben über 
Stechen, Atemnot usw. machen, so sollten ihre Angaben radioskopisch geprüft 
und nach Schwartenbildung resp. nach Adhäsionen gesucht werden. Auch echte 
Perikarditis (Flörcken) und Seropneumothorax (Heinemann) wurde nach Schu߬ 
verletzungen des Thorax beobachtet.' 

Was die praktisch wichtige Frage „Lungenschuß und ^Lungentuberkulose“ 
betrifft, so scheint nach den Beobachtungen Frischbiers „das Auftreten einer 
echten primären Lungentuberkulose im Anschluß an einen Lungenschuß bei völlig 
gesunden Individuen nicht erwiesen zu sein, wohl aber kann dadurch eine bis 
dahin völlig latente Lungentuberkulose aktiv werden“. Außerdem tritt in der 
Hegel, wie Belot gefunden hat, bei latenter Tuberkulose eine Verzögerung der 
Heilung der Schußwunde ein, wobei auch der Heilungsverlauf vielfach durch 
Komplikation gestört wird. 

Recht zahlreich sind auch die Veröffentlichungen, die sich mit der Radiologie 
des Herzens und der Aorta befassen. Zunächst kann festgestellt werden, daß 
sich selbst bei jungen Soldaten, anfangs oder Mitte der Dreißiger, schon häufig ein 
verbreitertes Aortenband im Röntgenbild zeigt. Da Lues und zentrale Gefäßklerose in 
vielen Fällen auszuschließen sind, glaubt Müller eine individuelle bzw. embryonal¬ 
physiologische Anomalie oder eine auf dem Wege allmählicher Entwicklung 
unter andauernder körperlicher Anstrengung im jugendlichen Alter zustande 
gekommene Veränderung annehmen zu müssen. Auch ich habe diese Verbreiterung 
des Aortenschattens bei jugendlichen Individuen recht oft gesehen und, da die 
gewöhnlichen Ursachen, die für das Zustandekommen einer größeren Breiten¬ 
dimension der Aorta geltend gemacht werden, fehlten, im Sinne Müllers eine 
Ueberanstrengung von Herz und Aorta in frühester Jugend angenommen. Dabei 
fiel mir auf, daß wohl der Aortenschatten verbreitert ist, daß aber die für Aorten¬ 
sklerose charakteristische tiefdunkle Schattenbildung des Aortenknopfes fehlte; es 
kann demnach noch nicht zu einer stärkeren Kalkablagerung gekommen sein. 
Andererseits habe ich bei Luetikern, bei denen die syphilitische Infektion erst 
wenige Jahre zurücklag, erheblichere Aortenveränderungen nicht finden können. 
Aneurysma Aortae habe ich bei drei Soldaten beobachtet, bei denen die Infektion 
11—19 Jahre zurücklag. 

Im Gegensätze zu Müller glaubt Kaufmann, daß diese Aortenerkrankung 
im Felde entstanden ist, und stellt die Prognose äußerst vorsichtig; er konnte 
auch Fälle beobachten, „in welchen zum mindesten die orthodiagraphische Unter¬ 
suchung der besten Radiologen die Aortenschlinge nach kurzer Zeit beträchtlich 
schmaler auf weist, als sie unmittelbar nach der Rückkehr vom Felde gewesen war“. 

Zeltechr. f. physlk. u. diät Therapie B<i XXI. Heft 6. 16 


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■•'ITT 


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L. Katz 


Was die Herzklappenfehler betrifft, so lauten alle Berichte in einmütiger 
Weise dahin, daß organische Herzleiden häutig eine schwere Verschlimmerung 
erfahren; Kaufmann konnte nur in 4 Fällen unter 62, trotzdem ein ausgesprochener 
Klappenfehler vorlag, eine Verschlechterung des Zustandes durch die Kriegs¬ 
anstrengungen nicht feststellen. Wenn er sagt: „Es ist ein Fehler, wenn die 
Träger von Herzklappenfehlern ins Feld geschickt werden“, so kann man ihm 
nur beipflichten und hinzufügen: „oder auch zu irgend einem militärischen Arbeits¬ 
dienst verwandt werden.“ 

Auch darüber sind die Beobachter einig, daß die Kriegsan- resp. -Über¬ 
anstrengungen zu einer Dilatation der einzelnen Herzabschnitte führen können. 
Genaueste orthodiagraphische Herzgrößenmessungen haben zu dem Resultate 
geführt, „daß die Vergrößerungen zum Teil bestimmt nicht Hypertrophien, sondern 
wahre Dilatationen sind und daß diese Dilatationen nicht nur bei geschädigten, 
sondern bei — soweit die klinische Untersuchung reicht — gesunden Herzen 
infolge von körperlichen Anstrengungen auftreten können“. Maase und Zondek 
fanden eine Vergrößerung der Herzhöhlen, die etwa in gleichem Maße sich auf 
alle Teile des Herzens erstreckt, doch auch solche mit isolierter Erweiteruug 
des einen oder anderen Herzabschnittes wurden von ihnen gefunden; das 
gleichmäßig dilatierte Herz scheint die Regel zu sein; diesen Befund konnte auch 
Kaufmann erheben. Ich kann mich auf Grund meiner röntgenologischen 
Beobachtungen im wesentlichen diesen Ansichten anschließen, habe aber jedoch 
recht oft die rechte Herzhälfte verbreitert gefunden; von 110 untersuchten 
Fällen 38 mal. Ob diese Herzvergrößerungen der Frontsoldaten eine dauernde 
Kriegsschädigung darstellen, kann heute noch nicht entschieden werden. Jeden¬ 
falls liegen Beobachtungen vor, daß (auf orthodiagraphischem Wege) im Laufe 
der Behandlung eine*Verkleinerung des Herzens sicher konstatiert werden konnte. 

Zuverlässiger als die orthodiagraphische Herzgrößenbestimmung dürften wohl 
die Teleröntgenaufnahmen in den verschiedenen Projektionsebenen, und zwar 
unter Berücksichtigung der Körpergröße, des Gewichts,